5. Herkunft alchemistischer Begriffe, Vorstellungen, Dogmen und Namen.

Für die Entwicklung der alchemistischen Theorien auf Grund der griechischen Philosophie waren, wie PRANTL schon 1856 in seinem mehrerwähnten Aufsatze „Keime der Alchemie bei den Alten“ darlegte⁠[3342], drei Quellen von größter Bedeutung; sie fließen aus den Schriften des PLATON, des ARISTOTELES sowie der stoïschen Philosophen und werden unter Aufnahme von allerlei Ägyptischem und Orientalischem durch die Alexandriner zu einem großen Ganzen vereinigt; nur von einem großen Ganzen kann man sprechen, nicht von einem einheitlichen, um so mehr, als neupythagoräische und neuplatonische Anschauungen in stets wachsendem Umfange die Oberhand gewinnen, verändernd und umgestaltend wirken. Maßgebend bleiben daher: was PLATON angeht die mystischen und schwärmerischen Lehren, was ARISTOTELES betrifft die spekulativen und deduktiven, und was die späteren Philosophen anbelangt jene eklektischen und synkretistischen, denen sich der alexandrinische Geist auf allen Gebieten mit ausnehmendem Behagen anpaßte, und die seinem Charakter ganz besonders angemessen erschienen⁠[3343].

In dem der griechischen Philosophie gewidmeten Abschnitte der vorliegenden Schrift sind die für die Vorgeschichte der Alchemie bedeutsamen Forscher genannt und ihre Systeme insoweit erörtert worden, daß es genügen dürfte, kurz auf sie zurück zu weisen, wenn nunmehr der Versuch gemacht werden soll, die Entwicklung einiger der wichtigsten einschlägigen Begriffe zusammenfassend in möglichster Kürze zu schildern⁠[3344].

Der φύσις (Phýsis) genannte Urstoff der jonischen Philosophen geht in die vier Elemente und weiterhin in die Einzelstoffe durch μεταβολή (Metabolé = Umänderung) über, deren qualitative Abart die ἀλλοἰωσις (Alloíosis = Artverwandlung) ist; die vier Elemente verwandeln sich wechselseitig entweder unmittelbar ineinander, wie bei den Eleaten und MELISSOS, oder auf dem Umwege über den form- und gestaltlosen Urstoff, wie bei PLATON. Bei ARISTOTELES entstehen aus der Ursubstanz (πρώτη ὕλη = erste Substanz) die vier Elemente und aus diesen die Einzeldinge, jedoch so, daß sie stets alle vier Elemente enthalten, wenn auch in den verschiedensten Verhältnissen; dabei sind zwar die Elemente wechselseitigen Überganges fähig, nicht aber die Einzeldinge, es kann also z. B. Essig wieder zu Wein nur so werden, wie ein Toter wieder zu einem Lebendigen, d. h. er muß zunächst in die gemeinsame πρώτη ὕλη oder Ursubstanz zurückverwandelt und aus dieser dann neu individualisiert werden. Die ὕλη (Hýle) ist bei PHILOLAOS und ANAXAGORAS = Holz, Bauholz, Materia⁠[3345], bei PLATON im nämlichen Sinne das allgemeine Baumaterial, Mutter und Schoß aller Wesen, bei ARISTOTELES als πρώτη ὕλη die bald rein potentiell, bald auch körperlich aufgefaßte Urmaterie, bei THEOPHRASTOS aber ein bestimmter Stoff. PLATON nennt einen solchen σῶμα (Sóma, Körper), bezeichnet aber mit diesem Worte gelegentlich auch die vier Elemente, während ihm οὐσία (Usía) die beharrende wahre Substanz der Dinge ist, ihr dauerndes Wesen; ARISTOTELES gebraucht σῶμα in gleicher Weise und sieht in der οὐσία (jedoch nicht stets folgerichtig) das Wesentliche und Seiende der Dinge. Die Stoïker nehmen οὐσία (die Urmaterie), sowie ὑποκείμενον (= das zugrunde liegende, den Grundstoff) für gleichbedeutend mit Hyle an und setzen der πρώτη ὕλη zuweilen noch eine πρωτίστη (allererste) zur Seite; die Einzeldinge bestehen für sie aus Usia + (körperlicher!) Qualität und verändern sich, indem die erstere Metabolé, oder die letztere Alloíosis erleidet. Bei den Neupythagoräern ist πρώτη ὕλη = οὐσία, bei SIMPLIKIOS ist sie = Urstoff im Gegensatze zu σῶμα, dem Einzelkörper, und bei PLOTINOS = Urmaterie im Zustande der Eigenschaftslosigkeit (στέρησις), die dunkle, chaotische, im Schatten und Finstern liegende, die Ursache allen Übels (πρῶτον κακόν).

Durch Alloíosis kann bei HERAKLIT das Feuer zu allem Sonstigen werden, bei den jonischen Philosophen und bei ZENON von ELEA jedes der Elemente zu einem der drei übrigen; bei ANAXAGORAS veranlaßt sie die Wandelbarkeit durch Vermehrung oder Verminderung der Samen, bei PLATON bewirkt sie alle Übergänge, und bei ARISTOTELES, der auch hierin nicht ganz folgerichtig verfährt, ist die Materie fähig der Umänderung, der Metabolé, insbesondere aber der qualitativen, also der Alloíosis, der Artverwandlung. Die Stoïker lassen beide Begriffe vielfach ineinander übergehen; bei den Neupythagoräern geschehen die Veränderungen der Elemente vorzugsweise durch μεταβάλλειν (durch Metabolé), bei den Neuplatonikern durch ἀλλοιοῦσθαι (durch Alloíosis).

Eine Reihenfolge, durch die Bestimmung ἄνω-κάτω (nach oben, nach unten), gibt zuerst HERAKLIT an; des nämlichen Ausdruckes bedienen sich PHILOLAOS, XENOPHANES und PARMENIDES; bei PLATON geschehen die Umwandlungen ἄνω-κάτω in endlosem Kreislaufe, bei ARISTOTELES derart, daß die Menge der einzelnen Elemente im ganzen stets die nämliche bleibt; die Stoïker versuchen zum Sprachgebrauche HERAKLITS zurückzukehren.

Die Gegensätze aktiv-passiv finden sich schon bei EMPEDOKLES angedeutet, indem Wärme und Trockenheit der Luft und dem Feuer anhaften sollen, Kälte und Feuchtigkeit aber dem Wasser und der Erde. ARISTOTELES bezeichnet Wärme und Kälte als aktiv, Trockenheit und Feuchte als passiv; den Peripatetikern, den Stoïkern, dem Verfasser der „Schrift von der Welt“ und den Neupythagoräern sind Feuer und Luft aktiv, Wasser und Erde passiv, und dem PHILO fallen die aktiven Elemente mit den feinen zusammen, die passiven mit den groben. Bestimmte Eigenschaften der Einzelstoffe können übrigens durch abweichende, ja ganz entgegengesetzte, äußerlich verdeckt werden, sie sind dann „verborgen“, lassen sich aber unter Umständen durch „Herauskehren“ zur Geltung bringen, und dieser bereits bei ANAXAGORAS auftauchende Gedanke wird, insbesondere durch die Peripatetiker und Stoïker, zu der umfassenden Lehre von der „Antiperístasis“ ausgebildet.

Vielfach schließt sich dem Gegensatze aktiv-passiv auch der männlich-weiblich (ἄρῥην καὶ θήλυ) an, der wieder in inniger Beziehung zum ἀρῥηνόθηλυ, dem Mannweiblichen (Zwitterwesen) steht, wie es bereits im PHANES der Orphiker (entlehnt dem persischen ZERVAN?) zutage tritt; vom Männlichen und Weiblichen redet schon HERAKLIT, die Vereinigung der Gegensätze (ἐναντία) gleicht nach PARMENIDES der geschlechtlichen Vermischung des Mannes und Weibes (μιγῆναι), PLATON spricht von einer wahren Vereinigung und Vermählung der Qualitäten, bei ARISTOTELES ist das Verhältnis der Form zur Materie das des Männlichen zum Weiblichen, bei den Neupythagoräern und bei PLOTINOS wird die weibliche Materie (οὐσία, ὕλη) vom männlichen Logos, oder den von Logos erfüllten Samen, den λόγοι σπερματικοί (Lógoi spermatikoí), befruchtet.

Frühzeitig gesellt sich den vier materiellen Elementen der Äther. Die Orphiker verstehen unter αἰθήρ anscheinend zumeist den Himmel (im Sinne des persischen atar = Feuer des Himmels), PHEREKYDES benennt ihn Zeus und läßt ihn einen der fünf Weltenräume erfüllen, auch PHILOLAOS gedenkt seiner, dem EMPEDOKLES gilt er zumeist als Luft und dem ANAXAGORAS als Feuer. Bei PLATON ist der Äther eine Luft von besonderer Reinheit und völliger Eigenart, daher unfähig in eines der vier Elemente überzugehen, desgleichen nennt ihn ARISTOTELES eine göttliche und himmlische Substanz, die den gemeinen und irdischen Stoffen gänzlich fernesteht und sich daher auch in keinen von ihnen zu verwandeln vermag; vergröbert zu einem eigentlichen fünften Element (πέμπτον σῶμα, πέμπτη οὐσία) findet sich der Äther erst bei den Neupythagoräern, in der „Schrift von der Welt“, bei PHILO, bei den Neuplatonikern, bei SIMPLIKIOS und anderen, die ihn auch häufig, hierin der Stoa folgend, dem Pneuma und dem Logos gleichsetzen.

Das Pneuma betrachten ANAXIMANDER und ANAXIMENES als Luft, Lufthauch, Wind und Atem, PHEREKYDES als Luft, PHILOLAOS als die unbegrenzte und das Weltall umgebende Luftmasse, PLATON (ja vielleicht schon XENOPHANES) als belebende Atemluft und seelisches Prinzip, HIPPOKRATES sowie DIOKLES von KARYSTOS als Vermittler des Lebens und der natürlichen Körperwärme, ARISTOTELES und ihm folgend auch THEOPHRASTOS und STRABON als den Träger der Seelensubstanz, der dem Äther nahesteht und daher an edler Natur den vier Elementen überlegen ist. Den Stoïkern und nach ihnen den Neupythagoräern, dem Verfasser der „Schrift von der Welt“ und dem PHILO ist Pneuma ein leichter materieller Hauch, dessen treibende Kraft und Spannkraft (τόνος, Tónos) das Wesen der Qualitäten bedingt, eine Vereinigung der oberen Elemente Feuer und Luft, eine göttliche und himmlische Substanz, identisch mit der Weltseele, der Seele, der Lebenskraft, dem Äther, dem Logos, dessen Lógoi spermatikói zugleich Pneumata sind, als solche die wirkenden Kräfte aller Samen vorstellen und daher auch, wie bereits ERASISTRATOS (um 258 v. Chr.) lehrte, durch Befruchtung der Hyle des weiblichen Menstrualblutes die Entstehung des Fötus veranlassen.

Den Logos erklärt HERAKLIT für die Weltvernunft, aber erst die Stoa, die ihn als materiellen pneumatischen Hauch ansieht, beginnt ihm auch eine gewisse Schöpferkraft zuzuschreiben, läßt ihn durch seinen τόνος (Tonus) die Qualitäten erzeugen und setzt ihn, je nachdem die geistige oder materielle Betrachtungsweise vorwiegt, bald mit dem HERMES PSYCHOPOMPOS, bald mit dem HERMES CHTHONIOS in Zusammenhang. Während nach den Orphikern der noch einheitliche PHANES die Samen aller Dinge in sich enthält, ANAXAGORAS von den Samen der unzähligen Urstoffe spricht und ARISTOTELES schon eine pneumatische Kraft (πνευματικὴ δύναμις) des Samens anerkennt, lassen die Stoïker den Logos, der den Inbegriff aller einzelnen Lógoi spermatikói darstellt, als Sperma in die Materie eingehen, sie mit Qualitäten erfüllen und ihr durch seinen Hauch (die aristotelische „aura seminalis“) Leben und Seele verleihen. Bei den Neupythagoräern erzeugen die Lógoi spermatikói durch Befruchtung der Usia die Einzeldinge, so daß sich der Logos selbst als Mittler zwischen dem reinen göttlichen Pneuma und der unreinen gemeinen Materie erweist; PHILO allegorisiert ihn als HERMES und betrachtet ihn in systematischer Weise als vernünftig wirkende, einheitliche, mit dem Äther und Pneuma identische Kraft; die Neuplatoniker endlich, sowie PLOTINOS, erklären den Logos für die oberste Einheit der Lógoi spermatikói, für den Demiurgen, Mittler, Seelenbeherrscher, Allgeist, HERMES. Als höchstes einheitliches Weltprinzip besitzt er einerseits enge Beziehungen zum Wesen des orphischen (ursprünglich iranischen) Welteneies, des Urquells alles Vorhandenen, andererseits zur unwandelbaren Ordnung der Gestirne, die in gleicher Weise dem ANAXIMANDER und PHILOLAOS, dem PLATON und ARISTOTELES, den Stoïkern und Neupythagoräern, dem PLOTINOS und SIMPLIKIOS „göttliche Wesen“ und „sichtbare Götter“ sind, und stellt schließlich auch das „Alles in Einem, Eines in Allem“ dar, das ἓν καὶ πᾶν des HERAKLIT, XENOPHANES und MELISSOS, das die Neuplatoniker und PLOTINOS mit den nämlichen Worten als Sinnbild der „eigentlichen obersten Weltordnung“ bezeichnen.

Daß zwischen der inneren Beschaffenheit der Dinge und ihrer äußeren Färbung (χρῶσις, Chrósis) nahe Zusammenhänge walten, lehrte bereits PHILOLAOS; bei der Entstehung des harten Erzes (der Bronze) aus weichem Kupfer und Zinn, die EMPEDOKLES mit der des „harten“ (= unfruchtbaren) Maultiersamens aus dem „weichen“ Pferde- und Eselsamen in Parallele setzt, verschwindet daher nach ARISTOTELES das Zinn spurlos und wird unter Auflösung seiner Form zu einer Qualität des Kupfers, dem es (neben der Härte usf.) vor allem „Farbe“ verleiht, nämlich die des Goldes, — und diese aristotelische Darlegung erlangt hohe geschichtliche Wichtigkeit, da die Stoïker, sowie ihre Nachfolger, und auch noch PLOTINOS sie als Schulbeispiel benützen. Ganz so, wie nach ARISTOTELES beim Reifen der Früchte und auch beim Backen des Brotes aus dem Teig (μάζα, Máza) die Veränderung der Qualitäten unter entsprechendem Farbenwechsel erfolgt, kann dies auch bei dem von ihm gelehrten allmählichen Wachsen und Reifen der Metalle angenommen werden; behauptet er doch, daß „feuerfarbige“ (Legierung) und Gold, Zinn und Silber, sowie andere nach Farbe und daher auch nach sonstigen Eigenschaften ähnliche Metalle leicht gegenseitig ineinander überzugehen vermögen.

Sichtlich schließen sich diese Anschauungen des ARISTOTELES jenen des PLATON an, betreff derer nur erinnert sei: an die Theorie von der Urmaterie als dem gemeinsamen Substrate der vier Elemente, an die Möglichkeit allgemeiner gegenseitiger Wandelbarkeit, an den ewigen Kreislauf der Elemente, der Verwandtes zusammen zu führen und nach Art einer eigentlichen „Vereinigung“ oder „Vermählung“ zu neuen Stoffen zu gestalten sucht, an die Verwandlung und Umbildung der Stoffe durch „Trennen und Vereinigen“, an das allmähliche Hervorgehen von Gold und Silber aus unedlen Metallen (und umgekehrt) in der Natur, an die obherrschende Stellung und symbolische Bedeutung des Goldes usf.

Diese Lehren des PLATON und die analogen des ARISTOTELES über das Zusammentreten und die Verwandlung der vier Elemente und ebenso die auf die vier „Säfte“ (Blut, Schleim, gelbe Galle, schwarze Galle) bezüglichen der Hippokratiker führen, wie schon PRANTL hervorhob, zum Schlusse, daß Grundlage jeder qualitativen Veränderung, chemischer wie medizinischer Art, ein Zufügen oder Wegnehmen sei. Nach ARISTOTELES gehen die Elemente aus der Urmaterie hervor, empfangen ihr spezifisches Wesen durch die in zwei Gegensatz-Paaren auftretenden vier Qualitäten, und bilden selbst wieder das Substrat der Einzeldinge, die sich aus ihnen unter dem Einflusse der höheren begrifflichen Form gestalten. Hiernach zeigt sich die qualitative Wandlung in letzter Linie abhängig von einem Zufügen oder Wegnehmen von Qualitäten, und da ihre erste Ursache (wie die aller Vorgänge, auch derer des Lebens und der seelischen) im weltbeherrschenden Kreislaufe des Himmels und der Gestirne liegt und vom göttlichen Äther ausgeht, ist auch sie keine materielle; je nach dem Überwiegen der aktiven oder passiven Kräfte (heiß und trocken; kalt und feucht) in den Elementen, sowie der aktiven oder passiven Elemente (Luft und Feuer; Erde und Wasser) in den Einzeldingen, gestaltet oder verändert sich also deren Beschaffenheit.

Wie an fast allen von ARISTOTELES aus- oder vorgebildeten Lehren (z. B. jener von der Antiperístasis) nahmen auch an den vorstehenden schon die Peripatetiker gewisse Abänderungen vor, indem sie in stets wachsendem Umfange an die Stelle der dynamischen Erklärungen solche durch das Pneuma (spiritus) treten ließen, die namentlich unter dem Einflusse der als „Pneumatiker“ bekannten Ärzte und ihrer Schule in immer allgemeinere Aufnahme kamen. Weit tiefer greifende Umgestaltungen gingen jedoch von der Stoa aus: da ihr die Qualitäten körperlicher Natur waren, die Körper aber vollständiger Durchdringung und demnach die Qualitäten einfacher Summierung fähig erschienen, so konnte das Zubringen der zur Erzielung einer Umwandlung erforderlichen neuen Qualität durch Beifügung eines neuen Stoffes bewirkt werden, der mit dem alten völlig verschmilzt. Nun trägt aber nach stoïscher Anschauung alles Bestehende gleichzeitig materiellen und logischen Charakter: der stofflichen Seite, d. i. der Materie oder Hyle, gleichwertig erweist sich die logische, d. i. der Logos, der in allem Sein als vernünftiger Gedanke waltet, sich in der „Form“ der Dinge äußert (die zugleich ihr Zweck und Begriff ist), ihrem Wesen als „immanente Zweckmäßigkeit“ zugrunde liegt und identifiziert wird mit dem warmen, lebenzeugenden und -erhaltenden, alles durchdringenden und mit Spannung (τόνος, Tónos) erfüllenden Pneuma, sowie mit dem zum fünften Elemente herabgesetzten und gröblich materialisierten Äther. Feuer und Luft, die als leichte und feine Elemente von hoher Spannkraft das warme und aktive Prinzip (das Pneuma) darstellen, durchdringen hierbei Wasser und Erde, die als schwere und dichte Elemente von geringem Tonus dem kalten und passiven Prinzip (der Hyle) entsprechen, und erfüllen, gliedern und formen so alle Einzeldinge. Zwischen dem passiven und qualitätslosen Stoffe und dem mit der „treibenden Kraft“ des Zweckbegriffes gestaltenden Logos ist jedoch eine Vermittlung nötig; zugeteilt wurde sie in Anknüpfung an die Rolle, die der Samen (Sperma) bei ARISTOTELES spielt, den „Lógoi spermatikói“: diese gelten als die allgemeinsten, jeglichem Seienden zugrunde liegenden, vernunftgemäßen Keime der Entfaltung, als bildendes, individualisierendes, der Materie die (platonischen) Ideen einpflanzendes Prinzip, als eigentliches Wesen der Naturkräfte, das alle Dinge im Innersten zusammenhält, als ihre Quintessenz, ihr Lebensgeist, ihre Seele. In dem bei den Stoïkern üblichen Schulbeispiele für das Hervorgehen eines bestimmten neuen Stoffes, eines Individuums selbständiger Art, vermöge der Einwirkung des Logos auf die Materie, nämlich der Umwandlung des Kupfers in Bronze durch das Zinn nach ARISTOTELES, ist es also das Zinn, dessen Lógoi spermatikói jene neue Qualität hinzubringen, durch deren Aufnahme das Kupfer in Bronze übergeht: Kupfer (d. i. Urmaterie + n Qualitäten) + 1 neue Qualität = Urmaterie + (n + 1) Qualitäten = Bronze. Diese im Grunde aristotelische Anschauung birgt u. a. die Quelle der bis tief in die Neuzeit hinein festgehaltenen Theorie⁠[3346], daß jede besondere Eigenschaft eines Körpers auch einen besonderen Bestandteil als ihren Träger voraussetze.

Die Neupythagoräer nahmen ebenfalls die beiden Prinzipien der passiven Hyle und des aktiven Logos an und ließen die Logoi, als Qualitäten der Dinge, zusammenfallen mit den Formen des ARISTOTELES, den Ideen des PLATON und den Zahlen des PYTHAGORAS; bei PHILO ist der Logos zugleich auch Äther und πνεῦμα θεῖον (göttliches Pneuma), und der gestaltenden Kraft der Logoi fällt die Weltenbildung zu, wobei sie zunächst die Materie in grobe und feine, weiterhin aber erstere in Wasser und Erde, letztere in Luft und Feuer zu teilen haben, welche Paare aber auch wieder als Repräsentanten des eigentlichen kalten und passiven Stoffes, sowie des heißen und aktiven Pneumas gelten. Für die Neuplatoniker endlich bestanden die Körper aus der Hyle als Materia prima und dem Logos als Inbegriff der Qualitäten, die als Lógoi spermatikói individualisierend wirken und als „zeugende Formen“ oder „Samen“ von „mystisch-dämonischer Kraft“ allem Vorhandenen das Sein verleihen; der intellektuelle Logos, d. i. Vernunft und Sprache, die einst die Götter den Menschen durch ihren geflügelten Boten HERMES (MERKUR) vom Himmel herabsandten, weiterhin aber auch der allgemeine, sämtliche Dinge des Weltgebäudes hervorbringende und durchdringende, wird im Anschlusse an die Stoïker mit HERMES (MERKUR) identifiziert.

Da man bei der Darstellung der Arzneien das Zumischen eines weiteren Bestandteiles als επιβάλλειν (projizieren) zu bezeichnen pflegte, so ist es sehr wahrscheinlich, daß dieser Ausdruck auch auf das Einwerfen oder Einstreuen der chemischen Zusätze Anwendung fand, z. B. des Zinnes zum Kupfer, und daß daher tatsächlich dem Worte für Streupulver, d. i. ξήριον (Xérion), der spätere arabische Name aliksîr, d. i. Elixir, entsprang; erst weiterhin wurde dieser vorzugsweise auf ein ganz bestimmtes Streupulver angewandt, und zwar auf jenes, dem die Eigenschaft zukommen sollte, unedle Metalle in edle zu verwandeln, also auf das Pulver jenes Präparates, dem man den mystischen Namen „philosophischer Stein“, „Stein der Philosophen“ oder „Stein der Weisen“ erteilte. Ist nämlich, wie schon PLATON lehrte, alles wandelbar, kann in stetigem Kreislaufe der Elemente und im endlosen Strömen „von unten nach oben und von oben nach unten“ Jegliches in ein Anderes übergehen, läßt die Natur das Gold aus Silber, Kupfer oder Eisen und diese wieder als Produkte eines stufenweisen Abbaues aus jenen „verwandten“, aber edleren Metallen entstehen, — warum sollte dann nicht auch der Mensch vermögen, Kupfer oder Silber in Gold überzuführen, sei es auf allmählichem Wege unter Nachahmung des langsamen Wachsens und Reifens, sei es auf raschem und praktisch allein in Betracht kommenden unter anfänglicher Rückführung in den Zustand der gemeinsamen Urmaterie (der Materia prima) und darauf folgender Umgestaltung? Auch hier zeigt sich wieder die hohe Bedeutung und entscheidende Rolle der „Schwärzung“, denn die form- und gestaltlose, chaotische, in Schatten und Finsternis liegende Urmaterie ist die unentbehrliche Durchgangsstufe und notwendige Vorbedingung der weiteren Verwandlung. Diese erfolgt durch βαφή (Färbung, Tinktion), wobei der innere Vorgang durch den Wechsel der Farben auch äußerlich sichtbar wird; demgemäß sind Tinktion und Tinktur von ganz außerordentlicher Wichtigkeit, da umgekehrt aus dem Eintritt der gewünschten äußeren Färbung auch wieder auf den der inneren Umwandlung zurückgeschlossen werden kann. Die neuen Qualitäten, die zwecks Stattfindens der Transmutation einzuführen sind, haften an dem zuzusetzenden Präparat, dem philosophischen Stein, der wie ein Samen und daher schon in äußerst geringer Menge wirkt und in seiner Vollendung, den „uralten“ Mysterien der Orphiker gemäß, gleich deren „ovum philosophicum“ (philosophisches Ei, Weltenei) die Keime aller Dinge in sich enthält; man gewinnt ihn aber in solcher Vollkommenheit durch Vermählung des weiblichen reinsten noch unberührten Stoffes (Materia prima, himmlische Hyle, Jungfernerde, Jungfernmilch, ...) mit dem aktivsten Prinzip des männlichen Logos, weshalb er auch selbst als Keim, Embryo, Homunculus, Hermaphrodit betrachtet wird. Die Gleichstellung seiner Lógoi spermatikói mit den Qualitäten, Samen und Seelen führt dann dazu, von den „Seelen“ und den „Samen“ des Goldes, Silbers, Schwefels, Quecksilbers zu sprechen, unter denen die Quintessenzen oder „Geister“ dieser Dinge zu verstehen sind⁠[3347], das „philosophische“ Gold und Silber, „unser“ Gold und Silber, im Gegensatze zu den gewöhnlichen, natürlich vorkommenden. Die Identifikation des Logos mit dem Äther, dem Pneuma, dem Luftgeist (spiritus), der Lebenskraft usf. gab weiterhin dazu Anlaß, den philosophischen Stein aus Äther, Luft, Sternschnuppen-Substanz u. dgl. bereiten zu wollen, aber auch, in Ansehung der Parallelität des Makro- und Mikrokosmos, aus den Produkten der Lebenskraft in der „kleinen Welt“, besonders aus den „heißen“ Exkreten⁠[3348]; des ferneren erklärt sie, und zwar auf Grund der nämlichen Anschauung, sowie der Symbolisierung des Goldes als reinsten, edelsten und himmlischen Elementes, daß dem philosophischen Stein auch psychische und religiöse Wirkung zugeschrieben wurde, sowie die Eigenschaft eines Allheilmittels gegenüber Krankheit, Alter und Tod, die ja nach PLATON sämtlich allein auf unrichtiger Verteilung oder Umsetzung der Elemente beruhen.

Die seit den Zeiten der jüngeren Stoïker unentwegt zunehmende Hinneigung der philosophischen Schulen zum morgenländischen Aberglauben in seinen verschiedenen Formen, namentlich zur Astrologie und Dämonologie, zu ekstatischen und eschatologischen Träumereien von Wiederbelebung und Auferstehung usf. macht auch den wachsenden Einfluß derartiger Anschauungen auf die entstehende und in Entwicklung befindliche Alchemie begreiflich, um so mehr, als sich z. B. die aristotelische Lehre über die Abhängigkeit aller materiellen Veränderungen vom Kreislaufe der Gestirne, oder die stoïsche über die Beziehungen des Logos zur „Ordnung am Sternenhimmel“ leicht in entsprechender Weise umdeuten ließen. Dieses Eindringen ägyptischen und orientalischen Gutes und sein Verschmelzen mit dem Inhalte der griechisch-philosophischen Überlieferung blieb den klareren Köpfen keineswegs verborgen und wird im allgemeinen von zahlreichen Schriftstellern zutreffend anerkannt und erörtert; zur richtigen Einsicht im einzelnen gelangten sie jedoch allerdings nicht, schon weil für die Griechen, wie bereits weiter oben erwähnt, babylonische, chaldäische, assyrische und persische Traditionen bereits in früher Zeit ununterscheidbar zusammenflossen, in späterer aber meist gleich von vornherein als identisch angesehen und behandelt wurden.

Den Griechen galten zwar die Sterne seit altersher als göttliche Wesen, aber erst verhältnismäßig spät empfingen sie aus dem Orient (nicht aus Ägypten) die Lehren von den babylonischen Sterngöttern und persischen Sterndämonen, von den männlichen, weiblichen und mannweiblichen Planeten-Gottheiten, — VENUS und MERKUR, die man ursprünglich als Morgen- und als Abend-Sterne beobachtete —, von der Beziehung zwischen den Planeten und den Göttern, deren Namen sie tragen, von der Emanation, durch die sie nach chaldäischer Anschauung ihre Naturen, Kräfte und Farben auf Tiere, Pflanzen, Mineralien, Metalle usf. übermitteln, und von dem Einflusse, den sie auf alle irdischen Vorgänge bis ins Kleinste hinein ausüben. Nur allmählich erfolgte ihre Annahme, und völliges Gemeingut der entsprechenden Kreise waren sie erst seit der Zeit der jüngeren Stoïker und Neupythagoräer. In Ägypten, — woselbst diese vorzugsweise wirkten, wo seit Beginn der synkretistischen Periode „persische“ Magier eine immer lebhaftere Tätigkeit entfalteten, wo hellenisierte Juden und Ägypter unter Benützung der gesamten anonymen Priesterlitteratur eine Flut apokrypher und pseudepigraphischer Schriften ans Licht förderten und sie dem bald mit HENOCH, bald mit THOT identifizierten HERMES unterschoben —, vollzog sich dann die Verquickung jener orientalischen Lehren mit geeigneten ägyptischen, freilich oft schon selbst arg entstellten; zu diesen zählte u. a. die vom Ei aus dem Urwasser NUN, das die Keime des Weiblichen und Männlichen in sich birgt, von der Sonne als dem Ei des Skarabäus, von der Bestattung der mit Binden umwickelten Leiche des OSIRIS, seiner durch das Wasser des Lebens bewirkten Wiederbelebung und Auferstehung usf. Als bezeichnendes Ergebnis der vollzogenen Verquickung anzusehen ist u. a. die Legende von der Statue des OSIRIS aus den sieben Metallen und vier edlen Gesteinen Ägyptens, in der auch wieder die Identifizierung dieses Gottes mit PAN zutage tritt, den schon die jüngere Stoa dem CHNUM gleichgesetzt hatte.

Die nahe Verbindung, in der die Alchemie von Anfang an mit der Magie, Dämonologie und Astrologie steht⁠[3349], gibt Aufschluß über verschiedene auffällige Zusammenhänge. Da z. B. die Stellungen der Gestirne die richtigen Zeiten für Ehe, Konzeption und Entwicklung des Fötus anzeigen, sind sie auch äußerst wichtig zur Erkenntnis des „rechten“ Augenblickes für die „Vermählung“ der Bestandteile beim „großen Werke“; daher hat der Alchemist den Verlauf der Sternbewegungen und die Konstellationen der Sterne genauestens zu beobachten⁠[3350] und eifrig jene Betrachtung des gestirnten Himmels zu pflegen, die nach den Stoïkern, Gnostikern, Neuplatonikern und Ssabiern in so hohem Grade die Erlangung der rechten Erkenntnis (γνῶσις, Gnosis) fördert, zugleich aber auch die ihrer drei Hauptgaben: Reichtum, Gesundheit und Unsterblichkeit. „Heilige und göttliche Vorschriften“ sind es, wie ZOSIMOS bezeugt⁠[3351], die die Beziehungen der sieben Planeten zum großen Werke, zum philosophischen Steine sowie zu den sieben Metallen regeln, und nur dem Sternkundigen erschließen sie sich völlig, da doch „wie jedermann weiß“ die Astrologen es waren, die das Kupfer der APHRODITE zuschrieben und das aus Kupfer, Zinn, Silber oder anderen Metallen bestehende Elektron dem ZEUS[3352]; demgemäß müssen, wie es am ausführlichsten die Ssabier überliefern, die Planetengötter in Gestalt von Idolen aus den ihnen eigentümlichen Metallen und durch Opfergaben der ihnen zugehörigen Tiere und Pflanzen verehrt werden, denn wie die Sonne das Gold hervorbringt, so erfreut sie sich auch wieder vorzugsweise am Golde usf. Als Diener der Planeten und ihrer Gottheiten unterliegt daher, gleich dem Astrologen nach FIRMICUS, auch der Alchemist dem Gebote kultischer Reinheit, äußerer wie innerer; er muß sich der Einweihung unterziehen, den Eid der Mysten schwören, unbedingte Verschwiegenheit geloben und darf über die ihm offenbarten Geheimlehren und ihre „Verfeinerung und theoretische Begründung durch Anlehnung an die Philosophie“ entweder überhaupt nicht schreiben, oder (laut der von CLEMENS ALEXANDRINUS mitgeteilten Anweisung) bloß so, daß er das Wesentliche in Form von Rätseln, Gleichnissen, Allegorien und Metaphern im Dunkeln läßt und den Leser völlig in die Irre führt. Nur der kultisch Reine kann zum „Vollendeten“ (τέλειος, Téleios) werden, und wie dieser selbst „umgeschaffen“ ist durch Metabolé, durchdrungen von der Fähigkeit geistiger „Krasis und Mixis“, erfüllt von „totenerweckender Kraft“ (δύναμις τῆς μεταβολῆς der Gnostiker), so vermag er auch wieder zu wirken: er wird „umschaffen“, sich als Künstler der Krasis und Mixis an Metallen und Legierungen bewähren und die in den Abýssos (Abgrund), in die Unterwelt, in die große Finsternis eingegangenen „Toten“ wiederbeleben, oder, wie es in den sog. „ODEN SALOMONS“ heißt, die gleich Blei in das Chaos hinabgesunkenen Hylai auflösen, erneuern und erwecken, durch das heilige Wasser, den „Tau des Herrn“, sie dem Dasein zurückgeben und aus der Schwärze der Hölle geläutert emporführen, „bis alles oben (ἄνω) ist“. Als kultisch Reiner wird er es so vermögen, der widerwärtigen und schlechten Materie Herr zu werden, die körperlich-gemeine Hyle mit Hilfe der geistig-göttlichen Pneumata, denen er gebietet, zu erheben und zu veredlen, sowie den sich in den Schwanz beißenden Drachen zu besiegen, der das Symbol der Finsternis ist; seine Anrufungen und Beschwörungen werden die guten, wohlwollenden und dem großen Werke günstigen Geister heranziehen und fesseln, — z. B. den goldglänzenden „König HELIOS“ (= Sonnengottheit des PTOLEMAIOS) oder den bald (wie bei ZOSIMOS) silberstrahlenden, bald im scharlachroten Herrschermantel erscheinenden „König MITHRAS“ —, die bösen, neidischen und störenden aber bannen und fernhalten, z. B. den Drachen UROBOROS, den Schlangendämon OPHIUCHOS[3353], den hinderlichen und hämischen KARKINOS (κάρκινος, καρκινάς, καβούρι) = Krebs⁠[3354], sowie den stets verneinenden Verderber ANTIMIMOS (αντίμιμον πνεῦμα der „Pistis Sophia“). Solche Gebete fördern daher das Gelingen des großen Werkes — nicht anders als etwa, nach dem Berichte des THEOPHRASTOS, die der Köhler das Entstehen vielen und guten Pechs⁠[3355] —, und zugleich bilden sie den Maßstab für die Dauer der vorzunehmenden Operationen, ganz ebenso wie bis tief in die Neuzeit hinein z. B. die Länge des Vaterunsers oder Ave-Marias⁠[3356].

Die Wichtigkeit der Pneumata für Veredlung und Läuterung der gemeinen Metalle erklärt die entscheidende Rolle des HERMES, der als „Herr der Pneumata“ und „Gebieter der Lógoi spermatikói“ notwendigerweise auch Meister der „hermetischen“ Kunst sein muß, und desgleichen die des mit ihm identifizierten THOT, PAN und MITHRAS, deren jeder als Allgott und Inbegriff sämtlicher Elemente und Einzeldinge angesehen wird. Das Weltenei, sei es das in Gestalt eines Felsens gebildete der Iranier, das im Wasser der NUN schwimmende der Ägypter, oder das im Schoße des Alls geborgene der Gnostiker, trägt Himmel und Erde in sich, es ist ἓν καὶ πᾶν (Eines in Allem; Alles in Einem) und vermag daher alles hervorzubringen, wie das einheitliche und einfarbige Pfauenei der Gnostiker und des CLEMENS ROMANUS das tausendfältig bunte Gefieder des fertigen Vogels. Das nämliche gilt betreff des großen Werkes: wie das Ei und wie der Mutterschoß dem Weltganzen vergleichbar ein „Gefilde der Entstehung“ sind, wie sich in der Matrix die Vierzahl der im schwarzen Menstrualblute enthaltenen Elemente unter dem Einflusse des aus dem Samen stammenden Pneumas zum Embryo ordnet, wie dank der „rechten“ Wärme die Reifung erfolgt, und schließlich, falls keine „Fehlgeburt“ störend eingreift, das neu entstandene Wesen als Menschlein das Licht erblickt, genau ebenso wird die zur „schwarzen Brühe“ gelöste Tetrasomie der Rohmetalle durch das an den philosophischen Stein gebundene Pneuma umgelagert, das Gebilde durch „mäßiges“ Feuer zurechtgeformt und zuletzt, soferne kein Mißgriff das Ergebnis vernichtet, das neu Gezeugte als Silber oder Gold zutage gefördert, — zwar ein Kunstprodukt, aber doch das völlige Analogon des ἀνθρωπάριον (homunculus)⁠[3357].

Die nach PRANTL einer Verquickung aristotelischer und stoïscher Meinungen entsprungene Lehre, „daß man die Körper erst ‚körperlos‘ machen und sie dann durch das Pneuma in neuer Form erstehen lassen müsse“, ist daher eines der ältesten, schon der MARIA wohlbekannten alchemistischen Dogmen[3358]. Zu diesen zählen ferner: die bereits dem ARISTOTELES geläufigen Prinzipien, „daß Gleiches Gleiches erzeugt, z. B. der Mensch neue Menschen, der Weizen neuen Weizen“, daß der Samen „nach Art einer Hefe wirkt“, und daß „ein kleiner Zusatz Hefe eine große Menge Brotteig (μάζα, Máza) in Gärung versetzt“, — aus denen gefolgert wird, daß auch Gold neues Gold hervorbringt, daß die Entstehung des letzteren durch Beigabe von etwas fertigem Golde als „Samen“ gefördert wird, und daß schon eine Spur des philosophischen Steines genügt, um die Umwandlung bedeutender Massen der „Maza“ genannten Rohmetall-Mischung einzuleiten⁠[3359]; die Annahme, daß eine Substanz, die die unrichtig verteilten Elemente in die „richtige“ Ordnung bringt und das Unreine vom Reinen trennt, auch Gesundheit und langes Leben, ja Unsterblichkeit verleihe, gleich der „Athanasía“ der ISIS[3360] oder der bei PLINIUS erwähnten „Panacéa“⁠[3361] —, wie denn der philosophische Stein schon bei SYNESIOS selbst die „große Krankheit der Armut“ heilt und nach einer bis in das späte Mittelalter hinein gewahrten Überlieferung „die sechs Aussätzigen“ gesund macht⁠[3362]; der Satz: „Die Natur freut sich der Natur, besiegt die Natur, beherrscht die Natur“, den FIRMICUS einem medizinischen Werke des NECHEPSO, und der unbekannte Verfasser der Scholien zu LUCANUS der Schrift eines „antiquus poeta“ (nach USENER eines ποιητής = Alchemisten) entstammen läßt, der aber sicherlich der stoïschen Theorie von der Sympathie und Antipathie der Naturdinge zugehört und vermutlich durch PSEUDO-DEMOKRITOS vermittelt ist; die wesentlich stoïsche und neuplatonische Gleichsetzung des Vorganges beim großen Werke mit der Entwicklung des Embryos im Mutterschosse oder im Ei, dem „Ei der Philosophen“; die der hermetischen Anschauung von der All-Einheit entsprungene Bezeichnung der goldergebenden Verwandlungsmasse als „ἓν καὶ πᾶν“, wobei das Sinnbild, die sich in den Schwanz beißende Schlange, babylonischer Herkunft ist⁠[3363], der von ZOSIMOS angeführte Zusatz „Gefunden ist der große PAN!“ aber auf einen ägyptischen Geheimritus anspielt, usf.

Aus der Verbindung der Alchemie mit den übrigen priesterlichen Geheimwissenschaften, zu denen, wenigstens bis zu gewissem Grade, Heilkunde und Heilmittellehre mit zählten, dürfte sich auch der bei den Alchemisten ganz allgemeine Gebrauch sog. Geheim- oder Decknamen erklären, die innerhalb der Medizin im letzten Grunde auf den Wunsch der Ärzte zurückgehen, ihren Mitbewerbern, aber auch den Kranken selbst, Natur und Zusammensetzung der von ihnen nicht nur verordneten, sondern meist auch zubereiteten und verkauften Arzneien zu verheimlichen. Derlei „hieratische“ Namen (ὀνόματα ἱερατικά)⁠[3364] enthält anscheinend schon der medizinische „Papyrus EBERS“, der gegen 1500 v. Chr. auf Grund mannigfacher, noch weit älterer Quellenschriften verfaßt ist; daß sie seither stets in Anwendung standen und blieben, beweist u. a. ein zuletzt im 2. Jahrhundert v. Chr. niedergeschriebener, 1885 von LEEMANS herausgegebener Papyrus, der eine ganze Sammlung solcher überlieferter Ausdrücke aufführt und erklärt, z. B. „Herz des Geiers“ = Absinthium, „Träne der ISIS“ = Verbena, „Auge des TYPHON“ = Scilla, „Blut des PTAH (HEPHAISTOS)“ = Artemisia⁠[3365], denen sich noch „HERZ des HERMES“ = Moly (Allium nigrum?), „Blut der ATHENE“ = roter Günsel, „Blut des HERAKLES“ = Crocus⁠[3366], sowie manche ähnliche, bei PLINIUS, DIOSKURIDES und anderen Autoren vorkommende anreihen ließen⁠[3367]. In den alchemistischen Schriften, besonders in den jüngeren, tauchen ihrer, wie schon weiter oben angeführt wurde, sehr mannnigfaltige auf, darunter viele nur schwierig oder gar nicht zu deutende; erinnert sei z. B. an „Milch der schwarzen Kuh“ = schwarzen (rohen) Zinnober; „Lorbeerblätter“ = roten (sublimierten) Zinnober; „Blut der Tauben“ und „Blut der Krähen“ = Mennige oder roten Zinnober; „gelben Schwefel“ und „Sonnenwasser“ = Goldlösung in Quecksilber; „Blut des SATURN“ = Mennige⁠[3368]; „Knochen des TYPHON“ = Eisen⁠[3369]; „Blut und Knochen des Drachens“, „Knochen der Perser“, „Knochen des Kupfers“ = verbrannte Metalle; „vier Füße des Drachens“ = Tetrasomie (Kupfer, Eisen, Blei, Zinn); „drei Ohren der Schlange“ = drei αἰθάλαι (Raucharten: des Schwefels, Arsens, Quecksilbers) usf.

Ähnlich wie viele Namen erfuhren im Zeitalter des Überganges der Chemie in die Alchemie auch zahlreiche, ursprünglich rein technische Bezeichnungen, Vorschriften und Anweisungen gewisse Veränderungen und Umdeutungen in mystischem und abergläubischem Sinne, die als außerordentlich charakteristisch für den ganzen Vorgang dieser Umlagerung anzusehen sind. So wurde z. B. das „große Werk“ aus einer magischen Zeremonie zur alchemistischen Zauberhandlung; die Spaltung des als eiförmiger Felsen gedachten iranischen Welteneies in Himmel und Erde zum „mithrischen Mysterium des Steines, der kein Stein ist“; der mit dem rechten Geschick (τεχνικῶς) arbeitende Technit zum Meister der „hieratischen Geheimkunst“; das ursprünglich zwecks Aufbesserung der Mischungen zugefügte echte Silber und Gold zum „Samen“, der neues Silber und Gold hervorbringen, oder zur „Hefe“, die den Teig (Maza) in eine Art Silber- oder Gold-Gärung versetzen soll⁠[3370]; die einstige bloße „Veränderung“⁠[3371] zur eigentlichen „Verwandlung“ (z. B. der unedlen Metalle in edle); die Herstellung einer Gold vortäuschenden, „Blende“ (ἀμαυρά, ἀμαύρωσις) genannten Legierung zu der eines zauberischen, auch unsichtbar machenden Präparates⁠[3372]; die Leinenstücke, in die eingebunden man z. B. die zu färbenden „Steinchen“ in die vorgeschriebenen Flüssigkeiten bringt⁠[3373], gehen in die Leinenbinden über, in die man den „Toten“, den „OSIRIS“, den „Leichnam des OSIRIS“ (d. i. das unedle Metall) gleich einer Mumie so einwickelt, daß nur das Haupt des Toten (das „caput mortuum“) sichtbar bleibt, und in die gehüllt man ihn der „Wiederbelebung“ (als Edelmetall) entgegenführt⁠[3374]; aus dem einfachen „Einwerfen“ (ἐπιβάλλειν) der Zutaten wird das magische „Projizieren“; aus dem einzuwerfenden Mittel (φάρμακον = medicina) oder „Streupulver“ (ξήριον, Xérion) der mystische Erreger der Transmutation, das „Xerion“ (aliksir der Araber = Elixir); aus dem „schwefligen Wasser“ (θεῖον ὕδωρ) das gleichnamige göttliche⁠[3375]; aus dem Gold lösenden Mineral Chrysokolla das ebenso benannte Gold hervorbringende Wundermittel⁠[3376]; aus dem ἀρῥένικον oder ἀρσενικόν, d. i. „Arsen“⁠[3377], das gleichlautende „männliche“ (scil. Prinzip); aus dem silber- oder goldglänzenden Stein „Androdámas“, den die Magier Zorn und Wut der Menschen besänftigen ließen⁠[3378], der giftige (aus stark arsenhaltigem Pyrit bestehende) „Androklástes“ = „Menschenvernichter“⁠[3379], „der bei den Ägyptern zugleich das so höchst gefährliche 63. Lebensjahr bezeichnet“⁠[3380], usf. In ganz analoger Weise betrachtet man die der Metallverwandlung dienenden Gefäße, Sublimations- und Destillations-Apparate als „Tempel der Metall-Götter“⁠[3381]; die „Toten“ (= die vier unedlen Metalle) sinken „wie Blei“ in ihre Tiefe, den „Hades“, den „Abýssos“, den „Abgrund des Chaos“; sie werden dort wiederbelebt durch das „göttliche Wasser“ = „Wasser des Lebens“; sie gelangen, von seinem Pneuma erfüllt und neubeseelt, zur „Auferstehung“; es vollendet sich die „Erhebung der Wolke“, κάτω-ἄνω, zum Oberteile des Kolbens, zur „Höhe des Firmamentes“, zum „Deckel des KNUPH“; die Elemente ordnen sich im „Gefilde der Entstehung“ zu einem neuen Wesen, und dem „Priester“, der die „Toten“ gewickelt, der Tarichéia unterworfen und der „hermetischen“ Kunst gemäß zur „rechten“ Zeit mit den „heiligen Wässern“ behandelt hat, wird endlich die Genugtuung, sie dem „Grabe“ in der „verklärten“ und verjüngten Gestalt „Neugeborener“, als „Vollendete“ (τέλειοι), entsteigen zu sehen und so mit Hilfe der „Gnade von oben“ das große Werk der Verwandlung glücklich vollendet zu haben, — natürlich allein des wissenschaftlichen Interesses wegen und ferne jeder eigennützigen Absicht.