Beim Arbeiten mit solchen Gefäßen, namentlich aber bei der Sublimation und Destillation, vollzieht sich die Trennung der Substanzen, ἄνω und κάτω, gemäß dem Spruche „Nach oben das Himmlische, nach unten das Irdische[3546]: das Schwere, Passive, Weibliche, zu Wasser und Erde Gehörige bleibt von vornherein in der Tiefe der Unterwelt[3547], oder sinkt wieder herab in den finsteren Abgrund, den Abyssos, den dunklen Hades[3548], das Leichte, Aktive, Männliche, zu Luft und Feuer Gehörige steigt hingegen als zarte Wolke empor (ἄρσις νεφέλης), schwebt nach oben (ἀναβιβάζων) und erhebt sich als ätherisches Pneuma (πνεῦμα αἰθερώδες) zur höheren Sphäre[3549]. Von ausgesprochen pneumatischer Natur sind vorzüglich die verschiedenen Schwefel, das gelbe und rote Arsen [Auripigment und Realgar], das weiße Arsen [Arsenigsäure], die beiden Quecksilber [Quecksilber und metallisches Arsen], sowie die aus allen diesen bereiteten θεῖα ὕδατα (göttlichen Wässer)[3550]; daher nehmen sie alle ihren Weg ἄνω [d. h. sie sublimieren und destillieren] und sind erfüllt von körperbelebender Kraft und Färbevermögen[3551]. Eine eigentümliche Rolle unter ihnen spielt jedoch das Quecksilber: bald ist es ein leichter Dunst, ein flüchtiger Hauch (πνεῦμα φεῦγον) männlicher Art, bald ein schwerer Körper (σῶμα), ein silbernes Wasser (ἀργύριον ὕδωρ) weiblichen Charakters[3552], das sich als weißes jungfräuliches Mineral (παρθένος γῆ) mit dem roten σπέρμα ἄρῥηνος vereinigt [dem „männlichen Sperma“, oder auch dem „Sperma des Arsens“, d. h. dem aus dem roten Realgar gewonnenen Schwefel] und hiernach den Zinnober (= Gold) gebiert (τίκτει)[3553]; demgemäß wird es mit Recht als ein Zwitter angesehen, als ein σῶμα ἀσώματον (unkörperlicher Körper), als etwas was „ein Metall und kein Metall“ ist[3554]. Manche nennen auch alles das, was beim Sublimieren oder Destillieren irgendwelcher Materien nach oben steigt, „ihr Quecksilber“[3555] und erblicken daraufhin im Quecksilber eine Grundsubstanz sämtlicher Stoffe, hauptsächlich aber der Metalle[3556]; nach der „Lehre der alten Ägypter“ ist hingegen die allgemeine Ursubstanz (Materia prima) das Blei, das sich leicht in weißes Bleiweiß, schwarzes Schwefelblei, gelbe Bleiglätte, rote Mennige und noch vieles andere verwandeln läßt (μετατρέπεται)[3557], ein Zubehör des OSIRIS, des Herrn ὑγρᾶς οὐσίας (des Flüssigen, Schmelzbaren) darstellt, daher auch als „etesisches Metall“ durch die „Nilschwelle“ neubelebt wird usf.[3558]. Unter der Nilschwelle und ihrer belebenden Flut sind die heiligen Wässer (göttlichen Wässer, θεῖα ὕδατα) zu verstehen, die „alles an allem vermögen“ (πᾶν ἐν πᾶσι), die „Wässer des Mazachens“ (ὕδατα μαζυγίου)[3559], die auf die „Maza unserer Magnesia“ einwirken wie die Hefe (ζύμη) auf die Masse des Brotteiges[3560], sie zum Aufschwellen und Zunehmen bringen und sie in eine Art Silber- und Gold-Gärung versetzen (χρυσοζυμία), namentlich wenn man als Samen (χρυσόσπερμα) noch einige Silber- oder Gold-Flitter beifügt[3561], die man z. B. zweckmäßigerweise am Ende des Rührstockes befestigt[3562].
Träger dieses Samens kann aber auch ein besonderes Präparat sein, „der Stein der kein Stein ist“[3563], der „philosophische Stein“, der „Stein der Weisen“, der „Stein der Philosophen“ (λίθος τῆς φιλοσοφίας, τῶν φιλοσόφων)[3564]; als Ergebnis der „heiligen und göttlichen Kunst der Philosophen“[3565] heißt er nach diesen ebenso, wie der „Kalk der Philosophen“ [= Bleioxyd], der „Kitt der Philosophen“, der „Dreifuß der Philosophen“ usf.[3566], wenngleich unter λίθος schlechthin nicht selten das metallische [das Kupfer weißende] Arsen verstanden wird[3567]. Auch mit dem Namen des trockenen Streupulvers der Ärzte, ξήριον (Xérion), wird dieser Stein bezeichnet[3568], und wie das medizinische Xerion krankes und bleiches Blut in gesundes und rotes verwandelt, so „rötet“ auch das philosophische „die Wangen der Kranken“[3569] und ergibt κινναβάρι τῶν φιλοσόφων (philosophischen Zinnober = Gold), das „Ende des Werkes“ und „Pléroma der Kunst“[3570]; da aber Gold selbst „allein frei ist von aller Krankheit“[3571], so verleiht auch das Gold-erzeugende Xerion zugleich Gesundheit und langes Leben, ist die Panacee für alle heilbaren und unheilbaren Krankheiten, — auch für die große und unheilbare Krankheit der Armut[3572] —, und bewährt sich so als der seit Äonen gesuchte und endlich gefundene große PAN[3573].
Daß schon Spuren des Xerions beim Einstreuen (ἐπιβάλλειν, projizieren) eine so mächtige, jener der Hefe vergleichbare Wirkung entfalten, erklärt sich aus der ungeheuren Kraft seiner pneumatischen Natur[3574], durch die der „hieratische schwarze Stein“ (ἱερατικὴ λίθος μέλαινα) alle zauberischen Kräuter (βοτάναι) und Mineralien, ja selbst den Ätzkalk (gebrannten Kalk) völlig in Schatten stellt[3575]. Allerdings muß aber das Xerion, um wahrhaft „unser Gold“ zu sein, d. h. wirklich MITHRAS (= Sonne, Gold) zu ergeben und das „große mithrische Mysterium“ mit durchschlagendem Erfolge ins Werk zu setzen, auch die „richtige Kraft“ (δύναμις, Dýnamis) und die „rechte, Wandlung schaffende Qualität“ in sich führen, die einige für eine rein geistige halten, andere aber zugleich für eine körperliche[3576]; wie auf der Kerotakis (Palette) des Malers auch ein nur geringer Zusatz richtiger Farbe der ganzen Mischung den gewünschten Ton verleiht, so bewirkt dies auf jener des Chemikers schon eine kleine Beigabe solchen echten Xerions[3577], das sich dadurch als ein Wunder der Kunst bewährt, „das da führt unendliche geoffenbarte und geheime Namen, das zugleich überall ist und nirgends, unauffindbar und allbekannt, billig und unerschwinglich, verborgenes Geheimnis und greifbares Präparat“[3578].
Das Xerion richtig herzustellen und anzuwenden, so daß es aus der Phiale das ανθρωπάριον (Menschlein) im „weißen“ glänzenden und im „roten“ königlichen Gewande aufsteigen macht, lernt man in den heiligen Kultstätten Ägyptens, doch auch Cyperns und Thraziens, sowie in den Bibliotheken der Ptolemäer und der heiligen Tempel, besonders des Serapeions; in diesen verkündigen die Bücher „zu Zehntausenden“ die große Weisheit, — verständlich freilich nur dem Eingeweihten, für alle übrigen aber dunkel, doppelsinnig, allegorisch und mystisch (μυστικῶς)[3579].