a) Buch des Krates.

Seit HOFFMANN 1884 darauf hinwies⁠[3676], daß ohne Durchforschung der früh-syrischen und -arabischen Übersetzungen aus dem Griechischen, wie sie u. a. in den Bibliotheken von London und Cambridge in großer Zahl vorhanden sind, die ältere Geschichte der Chemie unmöglich aufgeklärt werden könne, ist in dieser Hinsicht nur verhältnismäßig Spärliches geschehen; einige wenige auf Veranlassung BERTHELOTS herausgegebene und übersetzte Bruchstücke, die den von HOFFMANN erkannten besonderen Wert jener Quellenschriften durchaus bestätigen, ermöglichen vorerst allein den (freilich noch äußerst beschränkten) Einblick in die Schöpfungen einer Litteratur, die vorher in völlig undurchdringlichem Dunkel lag.

Als einer ihrer ältesten Bestandteile, mindestens aber als eines ihrer frühesten Dokumente, ist das „Buch des KRATES“ anzusehen⁠[3677], offenbar, wie schon der Titel verrät, die Übersetzung eines griechischen Werkes, das uns im Original nicht mehr erhalten ist, sich jedoch bei PSEUDO-DEMOKRITOS (in den syrischen Manuskripten) zitiert findet⁠[3678]; die einen nennen den oben erwähnten ommajadischen Prinzen KHALID IBN JAZID als Herausgeber, die anderen berichten, er sei nur Besteller der Übersetzung gewesen, die zu jenen zählte, durch die er zuerst es unternahm, die griechische Alchemie im arabischen Schrifttume einzubürgern. Diesen Überlieferungen entspricht das „Buch des KRATES“ in jeder Hinsicht, denn es schließt sich inhaltlich durchaus an die Werke der griechischen Alchemisten an, enthält neben wenigen, dem Orient entstammenden Namen (wie Markasit)⁠[3679], viele unveränderte griechische, z. B. Androdamas, Elektron, Magnesia, Molybdochalkos⁠[3680], und gibt auch noch alchemistische Zeichen, sowie Zeichnungen von Figuren und Apparaten wieder, die bei den späteren Arabern fehlen, — angeblich aus Gründen der Orthodoxie. Auf alte Überlieferung aus ägyptischen und gnostischen Quellen deutet die Behauptung, das Buch sei nur infolge Verrates seitens einer von ihrem Verführer verlassenen Priestermagd des alexandrinischen [damals schon seit Jahrhunderten zerstörten!] SERAPIS-Tempels bekannt geworden⁠[3681], ferner die Erwähnung der Schlange UROBUROS[3682], die Schilderung abenteuerlicher Visionen der sieben Planeten mit ihren sieben Himmeln⁠[3683], die Berufung auf HERMES TRISMEGISTOS[3684], die Ausstattung der APHRODITE mit einer Vase, der ein Strom Quecksilber entfließt⁠[3685], u. dgl. mehr.

Als Grundlage sämtlicher Metalle wird das „schwarze Blei“ bezeichnet, das auf sie alle seine eigene Fähigkeit überträgt, in der Wärme zu schmelzen, beim Erkalten aber wieder fest und starr zu werden⁠[3686]; sein Übergang in eines der anderen Metalle und die hiermit verbundene Farbenveränderung werden durch entsprechende Zutaten hervorgerufen, ganz ebenso wie solche das Entstehen der gelben Bleiglätte, der roten Mennige und des leuchtenden Bleiweißes ermöglichen⁠[3687]. Dem Blei gleichwertig ist das Kupfer, das sich auch ganz analog verhält; daher pflegt man beim großen Werke von ihm auszugehen und ihm die richtige Färbung zu verleihen⁠[3688], wozu man zweckmäßigerweise etwas fertiges Gold mit einsät⁠[3689]. Bei der Wahl der Zutaten ist zu bedenken, daß Verbindungen zwei Bestandteile erfordern, die passend auszusuchen sind, d. h. so, daß sie sich gegenseitig anziehen und nötig haben, sich bei der Begegnung aneinander freuen, sich vereinigen und paaren wie Mann und Weib, und wie durch Vereinigung von Samen und Katamenien in der Matrix ein Kind zeugen, — denn das ist Inhalt und Vollziehung des großen Werkes, dem Grundsatze gemäß „Die Natur freut sich an der Natur“⁠[3690]. Die Vorgänge beim Entstehen einer solchen Verbindung, bei der sich das Passende vereinigt, das Nicht-Passende aber abgeschieden wird, gleichen jenen, die sich im menschlichen Körper abspielen, der die schädlichen und unbrauchbaren Stoffe, die z. B. das Fieber in ihm erzeugt, eben durch dessen Hitze auch wieder ausstößt, — ähnlich wie das verbrennende Holz die Asche absondert —, und so seine Lebenskraft bewahrt⁠[3691]; auch gleichen sie jenen beim Brennen des an sich kalten und trockenen Kalksteines, der, einmal im Feuer „zurechtgekocht“, ein inneres Leben empfängt und fortan den Geist des Feuers zeigt⁠[3692]. Die richtige Verbindung erhält man freilich nur dann, wenn man die Bestandteile so mischt, wie die Maler ihre schwarzen, weißen, gelben und roten Farben, oder wie die Ärzte ihre heißen, kalten, trockenen und feuchten Arzneimittel, nämlich entsprechend den bestimmten Gewichten, nach denen sich die wägbaren Stoffe verbinden, und die man deshalb genau kennen muß; in diesen rechten Gewichten liegt das Geheimnis, sie sind es, die den Kenner zum „Herrn des Werkes“ machen, und deshalb haben die alten Meister sie entweder gänzlich verschwiegen, oder nur flüchtig angedeutet⁠[3693]. Das eigentlich Wirksame bei der Verbindung sind jedoch keineswegs die körperlichen Stoffe selbst, da diese sich weder zu durchdringen noch ineinander auszubreiten vermögen, vielmehr ihre luft- und feuerartigen Geister, und daraus, daß diese das Wesentliche vorstellen, erklärt es sich auch, daß die „Färbung“ nicht mit Erhöhung des Gewichtes verbunden ist⁠[3694]; ferner erhellt eben daher die Möglichkeit, den „Schwefel“ benannten Teilen der „verbrannten, getöteten“ Körper ihre, auch „Quecksilber“ geheißenen Geister, neu zuzuführen⁠[3695] und so ihre „Wiederbelebung“ zu bewirken⁠[3696].