Auch das „Buch des ALHABIB“[3697] ist entweder durch Übersetzung oder durch leichte Umarbeitung hellenistischer Vorbilder zustande gekommen: noch gibt es ausschließlich deren Gedankengänge wieder, fußt auf deren Dogmen und beruft sich auf deren Autoritäten, von PYTHAGORAS[3698], PLATON[3699] und ARISTOTELES[3700] an bis auf HERMES und CHIMES[3701], MARIA und ZOSIMOS, der auch ROSINOS, ROSINUS, RIMES, RUSEM usf. benannt wird[3702]. Immerhin finden sich arabische Termini schon häufiger vor als im „Buch des KRATES“, neben Markasit[3703] z. B. auch Kermes [= Würmchen, d. i. der später „Carmoisin“ geheißene rote Farbstoff aus den Schildläusen gewisser Eichenarten], Aludel [= al ʿutal], Borax[3704] usf.
Das große Werk, so berichtet ALHABIB, ist eine Erfindung der Ägypter, die schon in uralten Zeiten unendliche Mengen Goldes aus „Sand“ gewannen[3705]. Man führt es aus, indem man „das Schwarze“ einer Umwandlung unterwirft, wobei man ein wenig Gold aussät, um mehr Gold zu ernten, und das Produkt der Umwandlung in vollendetem Zustande und im richtigen Augenblicke fixiert[3706]; wie man aber hierbei im einzelnen verfahren soll, darüber hat kein einziger Philosoph die Wahrheit in klarer Form gesagt, vielmehr verheimlichten alle großen Meister gerade das Wichtigste, die Gewichts- und Zeitangaben[3707], nicht etwa aus Mißgunst, sondern weil sie fürchteten, den Neid der Dämonen zu erwecken, und sich scheuten, durch Ermöglichung unbegrenzten Reichtumes eine allgemeine Verderbnis der Menschheit zu verschulden[3708].
Sicher ist, daß es darauf ankommt, das heiße und trockene Männliche (ἀρῥενικόν, Arsen) mit dem kalten und feuchten Weiblichen zu vermählen, und zwar nach den Gewichten und Mengen, die den Eigenschaften und Temperaturen der Bestandteile entsprechen[3709]. Das Männliche ist aktiv, beharrend, Kraft, Wärme und die mit letzterer verbundene Bewegung spendend, das Weibliche hingegen passiv, veränderlich und das Gespendete empfangend[3710]; so gleichen sie dem Schwefel und dem Quecksilber, aber zu viel Schwefel würde verbrennend, und zu viel Quecksilber abkühlend wirken[3711], daher gilt es, die richtigen Verhältnisse einzuhalten. Wo solche herrschen, da freut sich das Blut der Katamenien, das Sperma aufzunehmen, denn da dieses sich aus den feinsten Bestandteilen des Blutes bildet und ursprünglich selbst Blut war, so ziehen sich die beiden verwandten Substanzen beim Zusammentreffen an, und vermischen sich[3712]; es entsteht ein Gebilde, das zehntausend Namen trägt, ein Keim, ein Ei, ein Neugeborenes, ein Fötus[3713]; und wie der wahre Fötus nach 40 Tagen Form besitzt, nach weiteren 80 Tagen Beweglichkeit erlangt und nach weiteren 150 Tagen [im ganzen also nach 270 Tagen = 9 Monaten] zur Welt kommt[3714], so verlangt auch der des großen Werkes, das der Zeugung ganz analog ist und wie diese Wärme und Zeit erfordert[3715], zu seiner Entwicklung 40, 80 und 150 Tage (= 270) nach den einen, dagegen 100, 180 und 365 Tage nach den anderen[3716].
Bei Anwendung von zu viel „Schwefel“ werden, wie erwähnt, die Substanzen „verbrannt“ und hinterlassen eine Asche, die auch „unverbrennlicher Schwefel“ heißt, während ihre Geister zum weitaus größten Teile entweichen und nur zu einem kleinen Betrage mit der Asche vereinigt zurückbleiben[3717]; gelingt es, letztere mit „Quecksilber“ zu verbinden, so kann man ihr die Geister wieder zuführen[3718], und in diesem Sinne bezeichnet vielleicht HERMES auch das Quecksilber aus dem Zinnober als „Schwefel“[3719].
Will man das Entweichen der Geister verhindern, so benützt man die Gefäße mit „hermetischem Verschluß“, die schon ZOSIMOS erwähnt[3720]. Die Dünste und Dämpfe schlagen sich an den kälteren Stellen nieder und werden dort fest [durch Sublimation], oder flüssig [durch Kondensation]; ganz analoge Vorgänge vollziehen sich nach den griechischen Autoren auch im Kopfe der Menschen[3721] [der, z. B. nach ARISTOTELES durch die Kälte des Gehirnes die bei der Verdauung entstehenden Dünste teilweise verflüssigt, worauf die brauchbaren und gesunden Bestandteile dem Blute zuströmen, die unbrauchbaren und ungesunden aber als Schleim abfließen, der in Rachen und Nase Flüsse und Katarrhe erzeugt].