Des Zusammenhanges wegen seien an dieser Stelle noch die Schicksale der Alchemie in einigen dem islamischen Kulturkreise zugehörigen Ländern berührt, jedoch nur in aller Kürze, da nirgendwo neue Gesichtspunkte auftauchen oder Ansätze zu weiterer Entwicklung hervortreten.
In Persien besaßen und besitzen die eigentlichen Parsen keinerlei Bücher, die der Magie und Zauberei oder deren Nebenzweigen gewidmet wären, da ihre Religion diese durchaus verbietet, und schon ZOROASTER als erbitterter Feind alles derartigen Wesens bezeichnet wird[4536]; zudem ist die Ausübung der Chemie noch besonders untersagt, weil sie eine Verunreinigung des geheiligten Feuers bedingt[4537]. Wenn also ZOSIMOS, SYNESIOS und andere griechische Autoren, und diesen folgend wieder die Verfasser der syrischen Manuskripte, den ZOROASTER teils allein, teils zusammen mit OSTANES, SOPHAR, OSRON usf. als alchemistische Autoritäten zitieren und außerdem allerlei „persische“ Schriften, Vorschriften und Präparate anführen, und wenn ALNADIM im Fihrist berichtet, daß einige den Ursprung der Alchemie nach Persien verlegen, so walten hierbei entweder bewußte, gewissen Zwecken dienliche Unterschiebungen ob; oder es werden (aus ähnlichen Gründen) alchemistische Verfahren zusammengeworfen mit metallurgischen, deren die Perser seit altersher manche ganz treffliche besaßen; oder endlich es handelt sich um die so häufige, aber irrtümliche Bezeichnung der Babylonier (Chaldäer) als „Perser“. Diese erklärt sich, wie bereits weiter oben erwähnt, aus den politischen Verhältnissen, bezüglich derer nochmals daran erinnert sei, daß die Perser im babylonischen Reiche, wie nach der ersten Eroberung durch CYRUS so auch späterhin, stets nur eine ganz dünne Oberschicht bildeten, und zwar die Herrschermacht in Händen hatten, auf Sitten und Gebräuche, Glauben und Aberglauben der großen Masse der Bevölkerung aber keinen maßgebenden Einfluß ausübten und umgekehrt einen solchen auch nur in beschränktem Umfange und sehr allmählich erfuhren. Anfänge alchemistischer Bestrebungen traten daher in Persien wohl erst durch syrische und nestorianische Vermittlung zutage, während alchemistische Schriften nicht vor der Zeit tiefgreifender Umwälzung durch die arabische Eroberung abgefaßt wurden, dann aber, soweit bekannt, ausschließlich seitens arabisch schreibender Perser oder Syrer, also nicht in persischer Sprache, sondern in arabischer.
Dafür aber, daß einige Jahrhunderte genügten, um auch den persischen Geist gänzlich mit alchemistischen und astrologischen Anschauungen zu durchdringen, zeugt das gegen 1000 vollendete persische Nationalepos, das „Königsbuch“ (Schâh-Nâmeh), dessen Verfasser, FIRDUSI (= der Paradiesische), übrigens für seine Person dem Aberglauben freien Geistes gegenübersteht. Schon weiter oben wurde angeführt, daß er die Chemie und ihr Elixir erwähnt und daß ihm ein Herz „voll Kîmijâ“ ein Herz „voll Falschheit“ ist; er kennt auch die vier Elemente und sagt von ihnen[4538]:
Von den Astrologen und ihren Auslegungen der Planeten-Tafeln und -Kreise, sowie des mit den Bildern der sieben Planeten geschmückten „Weltenbechers“, der Gegenwart und Zukunft anzeigt[4539], hat er jedoch keine günstige Meinung[4540]; es heißt über sie:
und über ihren Auftraggeber, den Schâh:
Bei den Dichtern der Folgezeit sind chemische, alchemistische und astrologische Anspielungen etwas Alltägliches und geradezu Unentbehrliches, daher offenbar auch dem Leserkreise durchaus Geläufiges; so sagt schon ʿOMAR ALKHAJJAM (um 1100, der berühmte Mathematiker)[4543]:
und bei SAʿDI (1184–1286) finden sich in einem „Alchemie“ überschriebenen Gedichte des „Bostan“ (Fruchtgartens) folgende Verse:
Ferner:
Bei dem tiefsinnigen Mystiker DSCHELALEDDIN RUMI (1204–1273) ist „Kîmijâ“ das Elixir, das, wie unedle Metalle in edle, so Unwissenheit, Unglauben und Empörung des Menschenherzens in Weisheit, Glauben und Gehorsam umsetzt und dem Frommen durch Gottes Gnade zu Teil wird:
Ein ungenannter Dichter der nämlichen Zeit schreibt:
Die Hofpoeten preisen den Schâh[4552], „der als Himmelsschreiber den Merkur bestellt hat“, der Blei in Gold zu verwandeln und den Stein der Weisen zu bereiten weiß, während IBN JAMIN (gest. 1344) diesen nicht durch das Tun des Fürsten verwirklicht sieht, sondern durch das des Ackerbauers[4553]:
HAFIS (gest. 1389) verkündigt:
auch verspricht er den Berufenen die Schätze der Sphären:
wobei Saturn „Neger“ heißt, weil er auch ein schwarzer böser Dämon ZUHAL ist und als solcher der Schutzherr aller Räuber, Betrüger, Schatzgräber und ähnlicher zweifelhafter Gestalten[4558]. Unter diesem Namen erwähnt ihn auch DSCHAMI (1414–1492) gelegentlich der Himmelfahrt MUHAMMEDS durch die sieben Sphären in „JUSUF und SULEIKHA“[4559], wo er auch sagt[4560]:
Daß DSCHAMI der 7, in den Farben der 7 Planeten prangenden, für je einen Tag der Woche bestimmten Paläste gedenkt[4561], ist schon weiter oben angeführt worden; oft spricht er auch von den 4 Elementen, deren Beinamen geradezu unzählige sind, z. B. die 4 Arten, Badeöfen, Drachen, Fußdecken, Geier, Genossen, Gewölbe, Kinder, Lastträger, Lehrer, Mütter, Nägel, Perlen, Pfeiler, Polster, Saiten, Säulen, Schnüre, Steuermänner, Wurzeln[4562].
Im eigentlichen Arabien blieb, wie die Angaben SNOUCK-HURGRONJES aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts zeigen[4563], die Alchemie während des ganzen Mittelalters bis in die neueste Zeit hinein lebendig, und zwar in ziemlich unveränderter Gestalt[4564]; das nämliche gilt für Ägypten, wo VANSLEB noch 1700 in Siut an 360 Derwische antraf, bemüht, durch Magie die Metalle zu transmutieren, besonders mittels Quecksilbers, das sie als „Substanz“ bei sich zu führen pflegten, und überzeugt, daß in den Pyramiden ungeheure Schätze verborgen seien[4565]. Auch in den Küstenländern Nord- und Nordwest-Afrikas (Maghrebs), unter denen Marokko seine Blüte zur Zeit der Almohaden (etwa 1150–1200) erlangte, und in die schon die Erzählungen „1001 Nacht“ die gefährlichsten Zauberer und mächtigsten Magier versetzen, erfreute sich die Alchemie fast seit Beginn der arabischen Eroberung unausgesetzter und eifriger Pflege. Der aus Tunis gebürtige IBN KHALDUN (1332–1406) eiferte zwar, wie weiter oben berichtet wurde, nach Kräften gegen die Schwindeleien und Betrügereien der Alchemisten, die er namentlich auch der Münzfälschung beschuldigte, aber seine Stimme verhallte ungehört, und noch anderthalb Jahrhunderte später erzählt der sog. LEO AFRICANUS (gest. 1526) in seiner „Beschreibung Afrikas“[4566]: „In der Stadt Fez gibt es eine Unmenge Alchemisten, die sich ganz ungeheuer um diese eitelste aller Künste bemühen; es sind das völlig verdummte Menschen, die sich mit Schwefel und anderen stinkenden Sachen zu tun machen; des Abends pflegen sie regelmäßig in einer Moschee auf einer Anhöhe zusammen zu kommen und über ihre unsinnigen Lehren zu disputieren.... Es gibt ihrer zwei Arten, die einen suchen nämlich nach dem Elixir, das Kupfer und Metalle tingieren soll, die anderen aber betreiben die ‚Vermehrung‘ (multiplicatio) der Metalle vermöge geeigneter Vermischungen. Gewöhnlich läuft alles auf Falschmünzerei hinaus, daher sieht man in Fez die meisten dieser Leute mit [zur Strafe] abgehauener Hand herumlaufen.“
Über das Treiben der Alchemisten in Fez und Tanger zu Beginn des 17. Jahrhunderts berichtet der englische Kapitän PARRY[4567], und ausgestorben ist die Alchemie in Nord- und Nordwest-Afrika auch während der seither vergangenen drei Jahrhunderte nicht; „noch heute, — so sagt DOUTTÉ mit Recht[4568] —, beherrscht der Zauberglaube der ausgehenden Antike die gesamte islamische Welt“.