Endlich kann man die Steinchen auch noch in einem „Kleister“ von schönem Grünspan, gebranntem Kupfer, Alaunlösung und starkem Essig sieben Tage lang „brennen“[203].
Die Kochung (ἕψησις) und Färbung (βαφή) des Karchedoniers (καρχηδονίου), d. i. des Rubins, erfolgt am besten[204], indem man auf einer Kerotakís [d. i. einem flachen Tongerät, gleichend der Palette der antiken Maler zum Anmischen der Farben, und zum Verschmelzen der Farben mit Wachs] die Steinchen nebst ῥητίνη τερεβινθίνη, d. i. Terpentinharz[205], und feingepulverter Anchusa, d. i. sog. Alkanna, erhitzt, bis das βάμμα (die Farbbrühe, die Schmelze) aufwallt (ἀναβῆ)[206], [also vom Stein aufgesaugt werden kann]. In ähnlicher Weise läßt man auch Steinchen, die „mit den Abfällen der Goldgießer“ erhitzt wurden, „so daß sie die Wärme in sich enthalten“, in einer Lösung von Schwefel in Cedernöl liegen, bis sie sich mit dieser vollgesaugt haben[207], oder man tränkt sie mit einer Schmelze aus echtem Balsam, dem Harz „Drachenblut“, dem Harz aus Palästina oder aus Tomi [am schwarzen Meer], dem πίσση genannten Pech, und dem αἶμα (Blut = blutroten Saft) der pontischen Alkanna[208].
Die „Färbung“ des Sarders (σαρδίου), d. i. des Granats[209], erfolgt, indem man Krystalle von Glimmer (διοπτερίτην λίθον) an Roßhaaren in ein φάρμακον (Mittel) einhängt, bestehend aus Alkanna in Öl gelöst, sinopischer Erde [einem Rötel, aber auch Zinnober, Roteisenstein, u. dgl.], „Blut einer Taube“ [d. i. Mennige] und soviel Essig, daß die rote Farbbrühe genügend flüssig bleibt[210]; das Gefäß wird ringsum gut verschmiert (περιφιμώσας)[211], und so zehn Tage lang ὑπὸ δρόσον gesetzt, was nicht wörtlich „unter den Tau“, bedeuten kann[212], sondern etwa (wie oben) „in ein Dampfbad“ oder dgl.[213].
Amethyst erhält man[214], indem man die Steinchen mehrmals mit heißer Alaunlösung behandelt, und dann mit κρημνός (Kremnós) nebst Essig kocht, Sapphir (σάππιρος, vermutlich Lasur)[215], wenn man sie zunächst mit Schildkrötengalle vorfärbt, und dann in die nämliche Brühe (ζωμόν) bringt[216]. — Kremnos oder Krimnos[217] scheint eine, dem antiken Purpur ähnlich, also rötlich, blaurot, bis stark blaustichig färbende Substanz gewesen zu sein, über die Näheres bisher nicht bekannt ist; die Bezeichnung könnte, das Äußere der Ware betreffend, mit κρίμνον (Krímnon, Krume, grobes Mehl) zusammenhängen, möglicherweise aber auch mit Κρημνοί (Kremnoi, Krimnoi), dem Namen einer größeren Handelsstadt an der Küste des asowischen Meeres (vielleicht noch in „Krim“ fortlebend?), die als Bezugsquelle anzunehmen wäre[218].
Dem Machen (ποίησις) und Färben (βαφή) von Beryll kommt es zugute, daß ihm der „Krystall“ schon von Natur aus gleichartig und nahe verwandt ist[219]; man hängt diesen an Eselshaaren drei Tage in Harn, oder auch an anderen Haaren in den Harn einer Eselin, und bringt das gedichtete Gefäß auf gelindes Feuer[220]; sodann läßt man den aufgelockerten (ἀραἰωσας) Krystall sorgfältig abkühlen[221] und behandelt ihn entweder mit Galle einer Schildkröte, Milch einer Wöchnerin[222], Kupfer und starkem Essig[223], oder mit einer Schmelze aus Harz (ῥητίνη) und μἐλαν ἰνδικόν, φάρμακον ἰνδικόν, d. i. Indigo[224]. Ist der Stein noch zu heiß, so wird hierbei die Hyacinthenfarbe zerstört (ἀποβαίνει = geht weg)[225]; bei guter Ausführung aber wird der Beryll vorzüglich (ἄριστον), so daß selbst die τεχνῖται (Technítai, Werkmeister) nichts an ihm bemerken[226]. [Unter Beryll scheint man hiernach nicht nur, wie jetzt, den bekannten grünlichen Stein verstanden zu haben, sondern auch einen bläulichen oder „hyacinth“-farbenen; der Name „Beryll“ spricht nicht hiergegen, denn er bezeichnet ursprünglich nur das nordindische Land oder Volk, aus dessen Gebiet die, vielleicht recht verschieden gefärbten Edelsteine kamen][227].
Chrysolith erhält man durch Eintauchen der Krystalle in Gemenge aus geschmolzenem Pech (πίσση) und Cedernöl (κεδρία) oder Schöllkrautsaft[228], Jaspis durch Behandeln der mit Alaun und Essig gebeizten Steinchen mit Grünspan und Kalbsgalle[229], Lychnis durch Tränken mit φῦκος (Orseille), ἄγχουσα (sog. Alkanna), und Essig[230], und Chrysopras durch Schmelzen mit Harz und der grünlichen (χλωρόν) Mischung von Schöllkrautsaft und Indigo[231]. Heliotrop[232] (Keraunios, Sonnenstein) endlich bereitet man, indem man die „trüben“ Kryställchen durch allmähliches Erwärmen mit Alaunlösung „auflockert“, sie noch warm mit der Zange in κεδρία (Cedernöl; Holzessig?) wirft[233], und nun entweder gemäß dem beim Rubin zuletzt angeführten Rezepte behandelt (jedoch ohne Zugabe von πίσση)[234], oder mit heißem geschmolzenem Pech und Alkanna, oder mit feingeriebenem Kermes (κόκκος) nebst Essig, oder mit armenischem Blau nebst Kalbsgalle, oder mit Maulbeersaft (Deckname?)[235], oder mit Schwefel, Kalbsgalle und Essig[236]; der Heliotrop wird hierbei δόκιμος (probehaltig) und πρωτ(ἐ)ῖον (Prima).
c) Farbstoffe und Färberei. Die zum Färben bestimmte rohe[237] Wolle (von anderen Rohstoffen ist kaum die Rede) muß zunächst vorgereinigt werden, was durch Waschen, Aufkochen, Spülen, Abkühlen, Nachwaschen und Trocknen geschieht[238]; als Zusätze dienen hierbei fein gepulverte Seifenwurzel (στρούθιον, Strúthion)[239], die „Skorpiuros“ benannte Art des Seifenkrautes[240], das Kraut Asphodill nebst Sodalösung[241], kimolische Tonerde nebst Essig[242], filtriertes Kalkwasser (ἀσβέστου ὔδωρ)[243], bereitet durch Löschen gebrannten Kalkes in Cisternenwasser und Abziehen der nach völligem Absitzen krystallklaren Lauge[244], sowie feine Tonerde nebst Aschenlauge[245]; diese wird gewonnen[246], indem man den durchlochten Boden eines Topfes mit Ätzkalkstücken belegt, die durch Auslaugen von Asche [nämlich Holzasche] mit Wasser erhaltene Lösung [von Alkalicarbonat] durchfließen läßt, und die [nunmehr kaustisch gewordene] Lauge über ein σεβέννιον (Sebénnion) klar filtriert, d. i. über ein „Blätterbüschel“, [oder ein an Stelle dieser sehr unvollkommenen Vorrichtung getretenes Ersatzmittel aus irgend einem passenden Material][247].
Hierauf folgt die Beizung (στῦψις, Stýpsis), deren Hauptarten jeder beliebigen Färbung vorausgehen können, „mit Ausnahme der purpurnen“[248]. Die wichtigsten Materialien, die man zumeist als kochende Lösungen anwendet, sind: Alaun und Harn[249], auch nebst gebranntem „phrygischem Stein“ [d. i. ein poröses, vermutlich alaunhaltiges Mineral, von dessen „Brennen“ DIOSKURIDES und PLINIUS berichten], und Misy [d. i. ein Zersetzungs- und Oxydationsprodukt des in Cypern vorkommenden eisenhaltigen Schwefelkieses][250]; Alaun und scharfer Essig, auch nebst rohem Misy[251], wobei man zunächst kocht, bis einige zugesetzte Gerstenkörner erweicht sind, und hinterher auch noch Harn beigeben kann[252]; Alaun und Abkochung von βαλαύστιον (Balaústion), d. i. Granatblüte[253]; Saft unreifer Trauben[254]; Trestern (γείγαρτον) mit siedendem Essig[255]; Chálkanthon[256], d. i. unreiner Kupfervitriol. Zu den Beizen für Purpur nimmt man geriebenes Misy, Eisenrost, und ἄνθος βαλαυστείας, d. i. Granatblüte[257], oder Alaun, Essig, Misy und echten Schwefel[258]; [letzterer ist anscheinend bestimmt, eine Aufhellung zu bewirken[259], ähnlich wie an anderer Stelle[260] ein Kochen mit Schwefel und Kuhmilch ἄνεσις herbeiführen soll, d. i. „Entfärbung“][261]. Als Beizen für die besonderen Nüancen des „sardinischen“ und des „sizilischen“ Purpurs werden vorgeschrieben: eine stark eingekochte Lösung von Eisenrost nebst Essig oder saurem Granatäpfelsaft[262], und eine Lösung von Alaun, κηκῖδες (Galläpfeln), und χαλκοῦ ἄνθος (Kupfervitriol), mit der man aber nur 2–3mal aufwallen lassen darf, weil sonst die Färbung nachher zu hochrot (ἐρυθρά) ausfällt[263]. [Der Ausdruck χαλκοῦ ἄνθος kann hier nicht auf Kupferoxydul gehen [264], sondern nur, wie auch an einer anderen Stelle[265], auf Kupfervitriol, der dort ausdrücklich als „schön dunkelblau“ bezeichnet wird; der „schön lauchgrüne“ ist natürlich nicht Kupfer- sondern Eisenvitriol.]
Die Farbstoffe und Farbmaterialien unterwirft man vor Gebrauch einer Prüfung (δοκιμασεία φαρμάκων βαφικῶν)[266]. Der Waid, der aus dem im Schatten gesammelten Kraut durch Zerquetschen, Zerstoßen, und Trocknen an der Luft unter häufigem Umwenden dargestellt wird, und ισάτις (Isátis) oder auch ἄνθραξ (Anthrax) heißt, soll schwer und schön dunkelblau sein[267]. Syrischer Kermes (Scharlach) darf keine weißen oder schwarzen Flecken aufweisen, sondern muß locker und schön rot aussehen, und sich beim Verreiben[268] mit Soda (und Wasser) gut auflösen[269]. Auch φῦκος (Phýkos, Orseille) darf nicht weiß- oder schwarzfleckig und locker sein, sondern soll dasselbe Rot wie Purpur aus Purpurschnecken (ὄστρεον) zeigen, und sich fest anfühlen; man prüft sie durch Zerreiben[270], und behält nur die gut Befundene[271]. In gleicher Weise prüft man den Krapp (ῥίζα = Wurzel) und wählt nur den schönfarbigsten[272]. Das ἐλύδριον (Elydrion, Chelidonium, Schöllkraut) ist eine Wurzel, deren Saft schon in der Kälte schön goldgelb färbt, doch ersetzt man es, des hohen Preises wegen, oft durch die Wurzel der Granate, ῥοιά, die ganz ähnlich wirkt[273]. Eine gelbe Farbe enthält auch die γάλβινα (Galbina), d. i. ein Absud aus den getrockneten Blüten des κνῆκος (Safflors) oder des τιθύμαλλος (Wolfsmilch)[274]. Der Alaun (στυπτηρία, Styptería) muß schön weiß und gut löslich sein (ὑγρά)[275]; enthält er ἅλμη (Mutterlauge)[276], so ist er unbrauchbar. Vom Vitriol (χαλκοῦ ἄνθος) wählt man nur den schöngefärbten, schön dunkelblauen oder lauchgrünen[277] [die Verschiedenheit von Kupfer- und Eisenvitriol, die z. B. in Cypern vielfach gemeinsam vorkommen, wird also nicht erkannt, oder doch nicht berücksichtigt].
Zur Auflösung (λύσις, ἄνεσις)[278] von Orseille (φῦκος) bedient man sich einer wäßrigen Abkochung von Bohnenschrot (ὕδωρ ἐρεγμοῦ)[279], zu jener von Alkanna (ἄγχουσα) der Abkochungen von Linsen (φακός), von Wurzeln des Bilsenkrautes (ὑοσκύαμος), des Kappernstrauches (κάππαρις), des Maulbeerbaumes (συκάμεινος), und der Bertramwurz (πύρεθρον)[280], von Safflor (κνῆκος), und von Schachtelhalm (τῆλις)[281]; man kann aber die entrindete und zerkleinerte Alkanna auch mit frischem Gerstenmalz (βύνη, βύνι) feinreiben, einen Tag mit Essig stehen lassen, und dann erwärmen, bis der Essig die Farbe löst[282]; oder sie mit Kamelharn, mit Sodalösung, mit Öl und mit Nüssen (κάρυα) aufkochen, bis die Flüssigkeit [in der die Alkalien, das Öl und das Nußöl lösend wirken] blutrot aussieht[283]; oder endlich sie mit dem Inneren „königlicher, persischer Nüsse“ (βασιλεικῶν καρύων), also großer Walnüsse[284] feinstoßen und mit schiefrigem Alaun zu einer festen Masse (μάζα, Máza) formen, die man dann mit Wasser anreibt, so daß man die Güte der Farbe mit dem Finger zu prüfen vermag[285]. Ähnliche Mittel verwendet man auch, um κόμαρι (Kómari) in Lösung zu bringen, [d. i. der rote Farbstoff aus Wurzel und Kraut von Comarum palustre][286]; entweder kocht man mit φέκλη (Phékle, Weinstein, lat. faecula) auf[287], oder mit τραγακάνθη (Traganthgummi), Balsamöl und dem teuren καπνέλαιον (Öl des Kapnos)[288], oder mit Aschenlauge (κονία στακτή)[289], oder mit Harn eines kleinen Knaben, Schweinemist und der durch Löschen gebrannten Marmors in Wasser dargestellten Kalkmilch[290].
Die Herstellung (σκευή, Skeué) „echten“ Purpurs durch ψυχροβαφή (Kaltfärbung, Färben in der Kälte)[291] gelingt, indem man die mit filtriertem Kalkwasser oder mit Eisenrost in Essig [d. i. Eisenacetat] gebeizte Wolle mit Krimnos oder mit Orseille nebst Chalkanthon behandelt[292]; am besten verfährt man aber so, daß man den „Schaum der Isatis der Färber“ [d. i. indischen oder Waid-Indigo] nebst „ausländischer“ [importierter] Alkanna im Mörser feinreibt, der Lösung durch Zusatz von κόκκος (Kókkos, Kermes), oder falls dieser fehlt, von Krimnos, „wie sie die Färber besitzen“, ἄνθος (Anthos, Glanz) verleiht, und die aufgebeizte Wolle hineinbringt: sie erlangt herrliche, unbeschreiblich schöne, der echt purpurnen gleichende Farbe, daher muß man diesen Kunstgriff geheimhalten (ἀπόκρυφον πρᾶγμα)[293].
Auf heißem Wege erhält man echten, prachtvollen Purpur, „so schön wie den [importierten] barbarischen“ (λίαν καλὴ βαρβαρική)[294], durch Kochen mit verschiedenen Farbstoffen und passenden Zusätzen. Orseille verwendet man zusammen mit Amaranth-Blüten oder Maulbeersaft, setzt nach Bedarf auch Eisenrost[295], δάφναι (Lorbeerfrüchte), und κανθαρίδες (Canthariden)[296], sowie Chálkanthon und Hämatit[297] hinzu, und gibt Glanz (ἐπανθίζει) mit Galläpfeln und ὑάκινθος (Hyacinthe)[298], oder mit Kalkwasser[299]; auch kann man mit Orseille und einigen Brocken[300] (Krystallen?, σφαῖρα) Alaun behandeln und, falls die Farbe dunkler gewünscht wird, die Behandlung verlängern, oder eine Kleinigkeit Chálkanthon und Soda beifügen[301]. Alkanna bringt man, in ein Körbchen gefüllt, mit Harn, rohem cyprischem Misy und natürlicher Soda (νίτρον ἄπυρον, Nitron) in einen [wegen der Gefahr des Überlaufens] recht großen Topf, kocht auf, entfernt den Schaum, preßt die (φάρμακα (Mittel) gut ab, stellt mit einem Strähn Wolle eine Vorprobe an und siedet dann die übrige fertig, bis sie den richtigen Glanz (ἀνθισμόν) hat[302]. Krapp (ῥίζα = Wurzel) löst man als gut getrocknetes, zerkleinertes und gesiebtes Pulver in kochendem Regenwasser, setzt Bohnenschrot und weiße Tonerde zu, wirft die mit Waid[303] bläulich angefärbte, mit Aschenwasser und Tonerde gereinigte, nachgespülte und gebeizte Wolle in die heiße Farbflotte, rührt bestens um, gibt „Glanz“ mit Alaun, spült rein, und trocknet im Schatten, fern von Rauch[304]. Rhamnusbeeren (σφαιρεῖα τοῦ ῥάμνου = Fruchtbüschel) und ähnliche Teile von Pflanzen (διὰ βοτανῶν) geben einen schönen (πρώτη = Prima) Purpur, wenn man sie in Abkochungen des ὑοσκύαμος (Bilsenkrautes) und θέρμος (der Feigbohne) löst, die angefärbte Wolle nachher in ὕδορ χαλκέως, d. i. in eisenhaltiges Wasser, bringt[305], sorgfältig nachspült und in der Sonne trocknet[306].
Zur Herstellung bestimmter Nüancen von Purpur bedient man sich besonders ausgearbeiteter Verfahren: Hochroten Purpur (βαφὴ ὀξεῖα) erhält man mittels größerer Mengen Orseille oder Krimnos nebst entsprechenden Beigaben von geriebenem Nitron, Chálkanthon, guter sinopischer Erde und Essig[307]. „Tyrischen Purpur“, prima und probehaltig, ergibt Orseille nebst gebranntem phrygischem Stein, oder Alkanna nebst Harn, gebranntem Kalk, und ἀρσενικόν [Arsenikón = gelbes Schwefelarsen, Auripigment][308]. „Phönizischen Purpur“ (φοινικοῦν) liefert Orseille, in Regenwasser gelöst, nebst „Ziegenblut“[309], oder Alkanna nebst Chalkanthon[310]; durch Zufügen [der Abkochungen] von Scammonia, Elaterium, Helleborus, und wilder Gurke gewinnt man eine hellere Schattierung (λεύκωσις) dieses Purpurs, der auch zum Färben von ὀθόνια (Leinwand) und von βυσσίνη) (Baumwolle?)[311] brauchbar ist[312]. Einen „unvergänglichen“ Purpur (ἀνεξάλειπτον) liefert die im oder am Meere wachsende [nicht näher bekannte] „Flechte“ κόσθος[313] (Kósthos, Kysthos), einen „niemals verschießenden“ (μὴ ἀνιοῦσαν) diese nämliche Flechte nebst Orseille und Essig, oder der rote Farbstoff παιδέρως (Paidéros)[314] in Essig gelöst[315], oder auch Alkanna nebst Orseille, Krapp und „Kalbsblut“[316].
Rosenfarbe (ῥοδοβαφή) erzeugt man mittels einer Lösung getrockneten fein gepulverten Krapps (ῥίζα) in siedendem Regenwasser nebst weißem Essig und Bohnenschrot; man bringt die mit Aschenwasser und Tonerde vorgereinigte, mit Seifenwurzel abgekochte Wolle in die Farbflotte, rührt gut um, gibt ἄνθος (Glanz) mit Alaun, spült nach und trocknet schließlich im Schatten und fern vom Rauch[317]. Zur Erzielung von Scharlach- oder Kermes-Farbe (κοκκίνων βαφή) behandelt man die zunächst durch Waid bläulich angefärbte Wolle mit Kermes und Orseille[318], oder mit Krimnos und Alaun[319], oder, falls „galatischer Scharlach“ gewünscht wird, mit Alkanna, Orseille, „Schweineblut“[320], Chálkanthon und gebranntem ἀρσενικόν [= Arsenigsäure][321]. Eigentliche Orseillefarbe (φύκου βαφή) erhält die mit heißem Harn nebst Alaun gereinigte und gut nachgespülte Wolle durch Sieden mit einer Lösung von Orseille in Trinkwasser (ποτίμον), der man auch noch Chálkanthon beifügt[322]; besondere Dauerhaftigkeit und Festigung (κάτοχος) gewinnt Orseille- und auch Alkanna-Farbe durch Anwendung von Schafharn, von Saft der Zwiebel (βόλβος), und von Abkochungen aus Bilsenkraut, Blättern des Citronenbaumes (κίτρια), Gerste, oder τῆς κοτυληδόνος (vielleicht Malz?)[323].
Schön rotgelb, „wie die (rohe) Wolle aus Canuria“ [in Apulien], färbt man durch Kochen mit Akantha (einer Distelart?) und Krimnos im Bleikessel (μολυβδοῦν χαλκίον)[324], schön goldgelb (χρυσανθής) durch Einbringen in einen kalten Auszug aus den Blüten des Safflors (ἄνθος κνήκου) und aus Ochsenzunge (βούφθαλμον)[325]; nicht dauerhaft ist die dunkelgelbe (φαιός) bis hellgelbe, rahmgelbe oder milchweiße Kaltfärbung mit goldglänzender Bleiglätte[326] nebst Kalk und etwas Alkanna[327].
Um blau (γλαυκός) oder dunkelblau (ἀνθράκινος) zu färben, zerkocht man ἄνθραξ (Waid, Indigo) mit Harn in einer großen Kufe vorsichtig und unter stetem Rühren, stellt die allmählich abgekühlte Masse drei Tage lang in die Sonne und arbeitet sie dabei regelmäßig gut um; einen gehörigen Anteil läßt man weitere drei Tage mit Seifenwurzel brodeln, färbt dann die Wolle an, setzt hierauf noch Orseille zu, färbt fertig und wiederholt dies früh und abends, also täglich zweimal, so lange bis die Farbbrühe erschöpft ist[328].
Einige andere beliebte Farben erhält man noch wie folgt: „Phönizisches Hellrot“ mit Heliotrop [d. i. Croton tinctorius], Alkanna und Essig[329]; „Kirschrot“ (κεράσιον) mit Krimnos, dessen Ton man mit σμῆγμα [Seife oder dgl.] aufhöht (ὠξεισμένον)[330]; „κέδρινον“ [Kédrinon, wohl ein helles Gelbrot] mit Heliotrop und Essig[331].
Eine „Brühe“ (βάμμα) „für drei Farben“ besteht aus Krimnos und Alaun der Färber (βαφική)[332]; für sich färbt sie schön scharlachrot, auf Zusatz von mit Wasser angeriebenem Schwefel aber lauchgrün (πράσινα), und auf Zusatz in Wasser gelöster reiner Soda quittengelb (μήλινα).
Wie sich aus allem im vorstehenden Dargelegten ergibt, streben die Rezepte des Leidener und Stockholmer Papyrus ganz offen die Nachahmung und Verfälschung der Edelmetalle, der Edelsteine und Perlen, sowie der Luxusfarbstoffe an[333]; sie benennen die erhaltenen Kunstprodukte ohne weiteres mit dem Namen der echten, — so z. B. heißt es einfach „du findest Smaragd“ oder „du erhältst Purpur“[334] —, und sie stellen ohne jedes Geheimtun und mit sichtlicher Befriedigung fest, zu wie erfreulichen Zielen ihre Vorschriften führen: die Erzeugnisse sind gut, schön, sehr schön, vortrefflich, herrlich, bewunderungswürdig[335], unbeschreiblich[336], wie echt, wie natürlich, schöner als natürlich[337], echt ägyptisch, schön wie die importierten (λίαν καλὴ βαρβαρική)[338], prima (πρώτη), probehaltig, usf., so daß sie selbst die τεχνῖται (Technítai, Werkmeister) täuschen, und diese nichts von der Nachahmung bemerken[339].
Schon diese wiederholte Versicherung läßt ersehen, daß ursprüngliche Ausüber der geschilderten „Künste“ nicht die getäuschten und nichts bemerkenden Arbeitsleute selbst waren, sondern ihnen übergeordnete Persönlichkeiten höheren Ranges, die zwar naturgemäß aus der Erfahrung der Techniker schöpften, aber weitergehende und auch eigentliche Geheim-Kenntnisse besaßen, die sie sogar ihren unmittelbaren Fachgenossen nicht ohne Rückhalt überlieferten[340]. Des Näheren wird auf diese Verhältnisse weiter unten zurückzukommen sein.
Zu den sehr spärlichen Autoren, die sich im Leidener und Stockholmer Papyrus als Verfasser benützter Quellenschriften angeführt finden, gehören neben dem im nachfolgenden noch ausführlich zu besprechenden sog. DEMOKRITOS (PSEUDO-DEMOKRITOS), der späteren Zeiten als „erster Alchemist“ und „Vater der Alchemie“ gilt, noch PHIMENAS, ANAXILAOS und APHRIKIANOS. Den Ägypter PHIMENAS aus Saïs, der nur im Leidener Papyrus vorkommt, hat BERTHELOT mit einem anderweitig als „Magier“ bekannten PAMMENES identifiziert, — ob mit Recht, bleibt aber durchaus fraglich[341]; der Römer AFRICIANUS (Ἀφρικιανός)[342], ist zweifellos als der Verfasser des, nur in sehr entstellter und interpolierter Gestalt auf uns gekommenen Sammelwerkes „Kesten“ anzusehen, d. i. als jener JULIUS SEXTUS AFRICANUS, der nachweislich zu Beginn des 3. Jahrhunderts lebte und literarisch tätig war[343]; der Grieche ANAXILAOS endlich, dessen Zeitalter LAGERCRANTZ für unbestimmbar ansah[344], ist, wie DIELS erinnert, sicherlich der nämliche aus dem berüchtigten Zauberlande Thessalien stammende „Pythagoräer“, von dessen magischen Kunststücken und dessen Ausweisung aus Italien im Jahre 28 v. Chr. PLINIUS berichtet[345]; dem Stockholmer Papyrus zufolge[346] empfahl er u. a. ein von DEMOKRITOS herrührendes Rezept, und DIELS vermutet, daß ein größerer Teil auch der übrigen Vorschriften durch ihn aus der [noch unveränderten, also noch nicht in alchemistischem Sinne entstellten] Urschrift des PSEUDO-DEMOKRITOS vermittelt ist; auf diesen scheint in einzelnen Punkten vielleicht auch die Sprache des Stockholmer Papyrus zurückzugehen, die sich im ganzen aber als eine äußerst gewöhnliche erweist.
Einige wenige Siglen (z. B. für „Drachme“ und für „einhalb“) und Wortabkürzungen (z. B. πορφ’ für πόρφυρα = Purpur, und υστ mit Recht, bleibt aber durchaus und Leidener Papyrus gemeinsam[347]; allein im letzteren kommen die oben angeführten Zeichen der Sonne und des Mondes für Gold und Silber vor; in beiden, die zwar erst im 3. Jahrhundert niedergeschrieben, im ganzen aber, trotz so mancher Abänderungen, Einschiebungen und Zusätze, doch wesentlich orthodoxe und annähernd getreue Wiedergaben weitaus älterer Überlieferungen sind, fehlen (wie bereits erwähnt) noch gänzlich jene magischen und mystischen Ideen, unter deren Einfluß erst der Übergang derartiger Lehren in eigentlich alchemistische stattfand. Sehr bezeichnend für dieses Eindringen der Mystik, das schon in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten zu beginnen, seinen Höhepunkt aber etwa zwischen 300 und 400 zu erreichen scheint, wäre eine mit dem Stockholmer Papyrus vereinigte Beigabe, sofern sie wirklich zu ihm gehört und zusammen mit ihm aufgefunden wurde, was sich indessen bestenfalls als wahrscheinlich, keineswegs als bewiesen, hinstellen läßt[348]. Sie besteht aus einem Papyrusblatte, das in Zügen, die jenen des Hauptstückes zwar ähnlich, aber doch von ihnen verschieden sind, die Inschrift trägt: „Sonne, Berbeloch, Chthotho, Miach, Sandum, Echnin, Zaguel: bewahre mich, während ich die Mischungen vornehme (συνιστάμενον). Übliche Formeln (κοίνα). Dann salbe Dich, und Du wirst mit eigenen Augen die Ergebnisse sehen“[349]. Der Anrufung der Sonne folgen also eine Anzahl (als Beinamen aufzufassender?) magischer Worte, wie sie in gleicher Art sehr oft in den sog. Zauberpapyri der nämlichen Epoche vorkommen; sodann soll der Ausführende, wie ebenfalls häufig in diesen Zauberpapyri, die κοίνα aufsagen, d. s. die vorgeschriebenen geheimen Formeln (die als ihm geläufig vorausgesetzt werden), und schließlich eine Salbe gebrauchen, deren mystische Wirkung zum gewünschten Ziele führt. Nimmt man die Zusammengehörigkeit des Hauptpapyrus und des Beiblattes an, so drängt sich die verlockende Vermutung auf[350], daß die „vorzunehmenden Mischungen“ die in ersterem beschriebenen seien, daß also der ursprünglich mit völliger Offenheit Nachahmende und Fälschende hier bereits bewußte Täuschung ausübe, d. h. an der Hand eines mystischen Rituales als Magiker und zaubernder Alchemist auftrete. Hierzu wiederum würde vortrefflich die schon von BERTHELOT aufgestellte, von LAGERCRANTZ[351] und von DIELS[352] gebilligte Hypothese passen, der Besitzer der Leidener und Stockholmer Papyri sei ein der Magie und Alchemie ergebener höherer Priester gewesen; für deren Richtigkeit spricht es noch, daß in Ägypten seit altersher jedermann das, womit er sich im Leben beschäftigte, auch in das Grab mitgegeben erhielt, und daß ein hoher Priester leicht in der Lage war, sich derartige Prunkabschriften als Totenbeigaben zu beschaffen.
Nach WÜNSCH[353] ist indessen die von LAGERCRANTZ gegebene besondere Auslegung der Worte „ἔχε με συνιστάμενον“ unzulässig: sie können nicht heißen „bewahre mich, während ich die Mischungen vornehme“, sondern sind eine in den Zauberpapyri des Zeitalters häufige rituelle Anrufung und bedeuten „nimm mich an, der ich zu dir trete“. — Die magischen Worte hält LÖW für semitischen Ursprunges, wonach das letzte, „Zaguel“, vielleicht als der in sehr ähnlicher Form überlieferte Namen eines jüdischen Engels anzusehen wäre[354]. — Da ihrer aber sieben sind, stehen sie möglicherweise auch in Zusammenhang mit den sieben Planeten, und in „Berbeloch“ könnte etwa die, durch die religiöse Sekte der Barbelo-Gnostiker bekannte „Barbelos“ (= παρθένος, Jungfrau), als Göttin des Mondes verborgen sein; für die restlichen Worte müßten sich, falls die Voraussetzung zutreffen sollte, Beziehungen zu den übrigen fünf Planeten nachweisen lassen.