6. Die Alchemie in Indien und Tibet.

Noch weniger weit als die Erforschung der naturwissenschaftlichen arabischen Litteratur ist die der indischen fortgeschritten, auch bestehen auf diesem Gebiete ganz eigenartige Schwierigkeiten allgemeiner und besonderer Natur, die bisher nur zum kleinsten Teile behoben werden konnten. Die erste ist der dem indischen Geiste eingeborene völlige Mangel an chronologischem Sinne, der u. a. auch in dem fast gänzlichen Fehlen einheimischer Geschichtschreiber oder Annalisten zutage tritt. Die zweite die eigentümliche Art der Abfassung indischer Werke, die, um einen der Botanik entlehnten Ausdruck zu gebrauchen, durch Intussuszeption wachsen, d. h. neue Materialien ohne weiteres und immer wieder mit in ihren alten Bestand aufnehmen oder einlagern, wodurch dann unübersichtliche und unentwirrbare Gebilde entstehen, wahre Ineinander-Schachtelungen der mannigfaltigsten, oft um ein halbes Jahrtausend und mehr an Alter verschiedenen Einzelheiten. Die dritte endlich die Neigung, das Alter der vorhandenen Schriften und ihres gesamten Inhaltes in eine möglichst entlegene Vergangenheit hinaufzurücken, — ein Bestreben, das bei den einheimischen Autoren begreiflich und verzeihlich sein mag⁠[4569], dem aber, selbst noch neuestens, auch europäische Gelehrte (z. B. G. OPPERT) stattgaben, namentlich auf dem ihnen häufig nicht genügend vertrauten naturwissenschaftlichen Gebiete. Infolge dieser Umstände bleibt es bei vielen Quellenschriften dahingestellt, ob sie überhaupt zur angenommenen Zeit verfaßt wurden, ob sie, wenn dies zutrifft, seither frei von weitgehenden Einschiebungen blieben, und ob, wenn auch dies der Fall ist, die vorausgesetzte Bedeutung der Fachworte als richtige und mit der ursprünglichen noch übereinstimmende angesehen werden darf. Diese Fragen vermag die Wissenschaft derzeit in vielen Fällen gar nicht, in anderen nur mit großer Zurückhaltung zu beantworten, und demgemäß ist auch der Wert der im nachstehenden gegebenen Darlegungen nach mehr als einer Richtung hin nur mit aller Vorsicht einzuschätzen.

Die früher weitverbreitete Ansicht, die nach dem Süden einwandernden Inder hätten schon zur Zeit der Entstehung ihrer heiligen Gesänge, der Veden (etwa zwischen 1600 und 1000 v. Chr.), die Planeten verehrt und ihre Siebenzahl mit der der Metalle in Verbindung gebracht, hat sich längst als vollkommen irrtümlich erwiesen. In den älteren Teilen der Veden werden zwar Sonne und Mond oft zusammen genannt, auch gemeinsam mit den Sternen als himmlische Feuer bezeichnet, besondere Erwähnungen der Planeten und einer Gesamtheit von 5 Wandelsternen oder 7 Planeten fehlen jedoch⁠[4570]; von Siebenheiten, z. B. der großen Götter, der Jungfrauen, der Töne, der Ströme, der Schritte usf. ist zwar zuweilen die Rede⁠[4571], doch haftet diesem Begriffe, der einem festen Rahmen gleich benützt und ausgefüllt wird, sichtlich etwas Fremdes an, so daß er wohl von außen übernommen wurde und vermutlich, ebenso wie gewisse Spuren im vedischen Kalender, auf babylonische Einflüsse hinweist⁠[4572]. Was die Metalle anbelangt, so gilt allein das Gold, — wie aus naheliegenden Gründen bei so vielen Völkern der ganzen Erde —, als Symbol der Sonne, ferner auch als wesensgleich mit dem Gotte des Feuers AGNI und als entstanden aus dessen Samen, der sich, in die Wässer ergossen, zu dem Golde umwandelte, das die Flüsse mit sich führen⁠[4573]. Erst in jüngeren Abteilungen der Veden, besonders im Atharva-Veda, lassen sich manche Stellen, wenngleich keineswegs mit Sicherheit, als Hinweise auf 5 oder 7 Planeten auffassen⁠[4574], und zu den unzähligen (zum Teil auf sehr alte Grundlagen zurückgehenden) abergläubischen Bemerkungen, die daselbst vorgetragen werden, zählen auch die, daß Gold ein kräftiges Amulett sei und das Leben verlängere, Blei aber vor der Macht der Zauberei schütze⁠[4575].

Im Laufe der Periode zwischen etwa 1000 und 500 v. Chr., jener der „Upanischaden“ (= „Verehrungen“, d. s. im wesentlichen Erläuterungen und Erklärungen der vedischen Texte)⁠[4576], werden anfänglich die 5 Planeten selbst des näheren bekannt, während betreff ihrer Bewegungen noch große Unsicherheit herrscht; weiterhin machen sich, soweit die noch höchst unzureichenden Untersuchungen ersehen lassen, astrologische Vorstellungen über ihre Einflüsse geltend und zwar ganz in Form der auch in Griechenland bekannten spätbabylonischen (chaldäischen)⁠[4577]; schließlich finden sich die Unregelmäßigkeiten der Bahnen gewissen „Formen der Zeit“ genannten, geistigen Wesen zugeschrieben, die die Planeten an Seilen aus Luft hinter sich herziehen⁠[4578]. Als Zahl der Planeten geben diese spätesten Texte 9 an, indem sie den 7 bekannten (u. a. ÇUKRA = VENUS, ’CANI = SATURN) noch RAHU und KETU beifügen, „Kopf und Schwanz des Drachen“, d. s. die (wohl wegen ihrer Rolle bei den Verfinsterungen) materiell gedachten sog. auf- und absteigenden Knoten der Mondbahn⁠[4579]. Von Metallen werden u. a. das rote (rohita) Kupfer und das schwarze (trishna) Eisen genannt, auch zusammen mit dem weißen (çukla) Ton in Gleichnissen aufgeführt⁠[4580]; aber nur vom Golde heißt es, daß sich im Innern der Sonne ein goldener Mann befinde⁠[4581], und daß Gold den Keim des Welteneies bilde, dem sich späterhin auch zwei Schalen aus Gold und Silber zugeschrieben finden⁠[4582]. Sonne und Mond bestehen im übrigen aus Feuer, Wasser und Erde⁠[4583], also aus dreien der fünf Elemente, die man gegen Ende dieser Periode schon ganz allgemein annimmt, und zwar in der Reihenfolge Äther, Wind (Luft), Feuer, Wasser, Erde⁠[4584]. Ein Zusammenhang zwischen der indischen, sehr ausführlichen Elementenlehre⁠[4585] und der griechischen erscheint, entgegen ehemaligen Voraussetzungen, weder nachweisbar noch wahrscheinlich, um so mehr als die griechische Theorie vermutlich bedeutend weiter zurückreicht und auch eine andere Reihenfolge der Elemente einhält, nämlich Äther, Feuer, Luft, Wasser, Erde⁠[4586]; die Frage, ob vielleicht beide Lehren von dritter Seite aus beeinflußt wurden, etwa von persischer⁠[4587], läßt sich derzeit nicht entscheiden. Als ursprüngliches und grundlegendes Element wird der in den Upanischaden oft erwähnte Äther (âkâça) angesehen⁠[4588], zugleich aber auch in vieler Hinsicht mit dem endlosen Raume identifiziert, der „allgegenwärtig“ und „von der feinsten Substanz des Äthers erfüllt ist“⁠[4589]: „Aus dem Âkâça (Äther, Raum) entspringt der Wind, aus ihm das Feuer, aus ihm das Wasser, aus ihm die Erde“⁠[4590]. Dies ist die „fünffache Wesensschar“⁠[4591], die Schar der fünf „grobstofflichen Elemente“ (Mahabhûta), so genannt, weil ihnen oft auch fünf „feinstoffliche“ (Tanmâtra) als Grundsubstanzen von Schall, Gefühl, Farbe, Geruch und Geschmack gegenübergestellt werden⁠[4592] [also eine Art Imponderabilien]; solche genaue Unterscheidungen sind keineswegs gleichgültig, denn nicht minder wie die Gestalt ist auch der Name jeglichen Dinges ein eigentliches und bedeutsames Stück seines Wesens, dessen Realität sich schon in der erfolgreichen Verwendung zu Zwecken der Zauberei sichtlich und ganz offenbar zu erkennen gibt⁠[4593].

Die Theorien der jüngsten, nachvedischen Periode (etwa von 500 v. Chr. bis 1500 n. Chr.)⁠[4594] verbreiten sich ausführlich über die gegenseitigen Umwandlungen der Elemente, vom Äther bis zur Erde bei Bildung und Entstehung, von der Erde bis zum Äther bei Vernichtung und Auflösung der Welt⁠[4595], sowie über das Hervorgehen der Einzeldinge und Lebewesen aus den Elementen⁠[4596]. Aber auch andere, von den vedischen unabhängige Schulen, die in ihren Anfängen zum Teil bis in die vorhergehende Periode zurückreichen mögen und sich später gleichzeitig und nebeneinander weiterentwickeln, halten an der Lehre von den Elementen fest⁠[4597]. Die „rationelle“ Sâmkhya-Philosophie (Sâmkhya = Zahl), als deren angeblicher Begründer der völlig mythische KAPILA gilt⁠[4598], und die nach OLDENBERG, entgegen DEUSSEN[4599], schon vorbuddhistischen Ursprunges ist⁠[4600], setzt seit jeher die 5 Elemente Äther (âkâça), Feuer, Luft, Wasser und Erde voraus⁠[4601]. Den zahlreichen Kommentaren gemäß, deren letzte erst dem 16. Jahrhundert angehören⁠[4602], nimmt sie eine Urmaterie an, die zwar einheitlich und unteilbar ist, zugleich aber „so wie der einheitliche Wald aus Bäumen“ aus drei Komponenten besteht und sich so lange nicht verändert, als alle drei in ursprünglichem Gleichgewichte verharren; sobald dieses aber „durch magnetartige, Erschütterung bewirkende Triebe“ gestört wird, bilden sich in erster Linie die fünf „groben“ Elemente und sodann, indem diese sich nach verschiedenen Mengen und Arten mischen, die sämtlichen Einzelstoffe der Welt⁠[4603], ungefähr ebenso, wie aus dem gelben Farbstoffe der „gelben Wurzel“ [Kurkuma] durch Einwirkung von Kalk ein neuer roter hervorgeht⁠[4604]. — Bei den Buddhisten und schon bei BUDDHA selbst, der um 480 v. Chr. starb, ist von den 4 Elementen die Rede⁠[4605], zuweilen auch von 5, wobei der Äther, oder von 6, wobei das Bewußtsein mit eingeschlossen ist⁠[4606], niemals aber, wie man wohl behauptet hat, von 7, die angeblich in Zusammenhang mit den 7 Planeten und Metallen stehen sollten; die Siebenzahl als solche ist jedoch BUDDHA nicht unbekannt, wie z. B. die Gleichnisrede von den 7 Arten der Frauen bezeugt⁠[4607]. — Auch in den Systemen der Jainas⁠[4608], des GOTAMA[4609] und vieler anderer⁠[4610], spielen die Elemente eine wichtige Rolle, und zur einfachen Theorie der Elemente gesellt sich die der Atome und Atom-Aggregate, die der Sâmkhya-Philosophie noch fehlt⁠[4611], den jüngeren Buddhisten und Jainas bereits geläufig ist⁠[4612], ihre ausführliche Entwicklung aber erst im „Vaiçeshikam-System“ fand, dessen Urheber der im übrigen gänzlich unbekannte KANADA sein soll⁠[4613]. Der eingehenden Darstellung zufolge, die ANAMBHATTA zwar erst im 17. Jahrhundert, jedoch auf Grund der besten und ältesten Quellen gab⁠[4614], treten nach KANADA zwar nicht der alldurchdringende Äther, der durchaus einheitlich, unendlich, ewig und sinnlich unwahrnehmbar ist, wohl aber Luft, Feuer, Wasser, Erde (einzeln oder zueinander gesellt), in Form veränderlicher und vergänglicher Aggregate auf, — so z. B. ist das Gold nach einigen reines, nach anderen mit Erde vermischtes, festgewordenes Feuer⁠[4615] —, in letzter Linie bestehen sie aber aus ewigen und unvergänglichen Atomen (paramânu). Abweichend von jenen der griechischen Philosophie sind diese sämtlich kugelförmig, gleich groß, nämlich sechsmal kleiner als das kleinste wahrnehmbare Sonnenstäubchen, mit bestimmten Qualitäten behaftet, sowie mit der Fähigkeit ausgestattet, sich zu je zweien aneinander zu lagern und hierdurch kleine Aggregate zu bilden, die sich dann weiter zu größeren und ganz großen vereinigen können⁠[4616]. Diese Lehre von den doppelten, dreifachen, vierfachen Atomen usf. ist schon bei KANADA eine keineswegs leicht verständliche⁠[4617], wird aber in späterer Zeit und durch die jüngeren Schulen auf äußerst verwickelte Voraussetzungen hin noch weiter ausgebaut; sie schwankt dann oft in gänzlich unklarer Weise zwischen eigentlich atomistischen und mehr korpuskularen Anschauungen hin und her⁠[4618].

Wie zahlreichen Völkern der alten und neuen Welt, so schwebte auch den Indern als höchstes Gut ein langes Leben in Gesundheit und Wohlstand vor, und demgemäß fehlte es auch bei ihnen niemals an Leuten, die da versicherten, den rechten Weg zu diesem schönen Ziele weisen zu können und, — sei es vermöge Frömmigkeit oder Zauberei —, in Besitz der zu seiner Erreichung erforderlichen Mittel gelangt zu sein. Daß als solche eigentlich alchemistische und auch nach bekannten alchemistischen Methoden dargestellte Elixire in Frage kämen, und daß diese schon in den frühesten medizinischen Werken Indiens abgehandelt würden, hat sich indessen als eine vollkommen unhaltbare Behauptung erwiesen, deren Aufstellung nur infolge des Dunkels erklärlich scheint, das noch bis vor kurzem über den Anfängen der indischen Medizin und den Abfassungszeiten ihrer „klassischen“ Schriften lag, gegenwärtig aber, wenn nicht gänzlich behoben, so doch in ausreichender Weise aufgehellt ist⁠[4619].

Als ältestes Dokument indischer Medizin, das uns in zweifellos unverändertem Zustande vorliegt, hat man das sog. BOWER-Manuskript anzusehen, das eine Sammlung um etwa 350–375 n. Chr. auf Birkenbast geschriebener Texte enthält und in Chinesisch-Turkestan im Inneren eines buddhistischen Denkmals (sog. Stupa) aufgefunden wurde⁠[4620]; es erwähnt u. a. als Heilmittel natürliche Soda und Pflanzenasche, Kupfer- und Eisen-Vitriol, Blei- und Antimonglanz, Realgar, Kupferrost, ferner Gold, Silber, Kupfer, Eisen⁠[4621] und an einer Stelle auch das in den alten Schriften sehr selten vorkommende Quecksilber⁠[4622], kennt dagegen kein Calcinieren der Metalle⁠[4623], versteht auch unter „Râsa“ (= Saft) nicht ein Elixir, sondern den Chylus des menschlichen Körpers⁠[4624], und führt zwar einen wunderwirkenden Trank an, der „tausendjährige Lebensdauer“ verleiht⁠[4625], bringt ihn aber mit keinerlei alchemistischer Vorstellung in Verbindung. — Was die „große Dreiheit“ der Ärzte, SUSRUTA, CARAKA (CHARAKA) und VAGHBATA betrifft, so dürfte SUSRUTA der älteste (schon vorchristliche?), und sein Werk eine Hauptvorlage für CARAKA und VAGHBATA gewesen sein⁠[4626]; die Form aber, in der wir es gegenwärtig besitzen, ist das Ergebnis sehr zahlreicher, noch während des 7. bis 11. Jahrhunderts oft erneuerter, tiefgreifender Umarbeitungen und läßt bestimmte Schlüsse auf seine Urgestalt nur in recht beschränktem Maße zu⁠[4627]. CARAKA scheint seine (nicht ganz vollendete) Schrift auf Grund älterer Quellen im 2. Jahrhundert n. Chr. abgefaßt zu haben, doch kennen wir sie nur in gänzlich abgeänderter, erst aus dem 8. Jahrhundert herrührender Gestalt⁠[4628]; VAGHBATAS Kompendium endlich mag zuerst frühestens im 6. oder 7. Jahrhundert abgeschlossen worden sein⁠[4629]. Die Heilmittel aller drei Autoren sind in ihrer großen Mehrzahl vegetabilischer Herkunft⁠[4630], doch bereitet SUSRUTA u. a. auch reine natürliche Soda und Pflanzenasche durch wiederholte Auslaugung, macht die Lösung mit gebranntem Kalk ätzend und kocht sie in eisernen Kesseln ein⁠[4631]; ferner verwendet er „getötete“ und geröstete Metalle⁠[4632], führt aber als solche nur an einer Stelle Zinn, Blei, Kupfer, Silber, Gold, Eisen (loha)⁠[4633] und in sehr unbestimmter Weise auch Quecksilber an⁠[4634]. CARAKA erwähnt neben Gold auch Silber, Kupfer, Blei, Zinn und Eisen, nebst ihren „Unreinigkeiten“ (Kalken?); ferner Kupfer- und Eisen-Rost, mit Schwefel geröstetes Silber, Kupfer und Eisen; sodann natürlichen Kupfer- und Eisen-Vitriol, Pyrit, Antimonglanz, Schwefel, Auripigment und Realgar, Salz; endlich natürliche Soda, Pflanzenasche (auch durch Ausziehen mit Wasser gereinigte), Kalk, Lasur und allerlei Edelsteine⁠[4635]. Bei VAGHBATA wird außerdem Quecksilber genannt, z. B. als Bestandteil einer auch noch Blei, Schwefelblei und Kampher enthaltenden Augensalbe⁠[4636]. Weder bei diesen der „großen Dreiheit“ Zugehörigen, noch bei VAGHBATAS angeblichem Zeitgenossen VARAMIHIRA, — der u. a. von Glockenmetall, Bronze, Eisen als Tonikum, sowie Quecksilber als Aphrodisiakum spricht⁠[4637] —, noch bei sonstigen Ärzten des 6. (?) Jahrhunderts, die auf „festes“ (fixiertes?) Quecksilber anspielen sollen⁠[4638], werden jedoch die wunderbaren Wirkungen der Edel-Metalle und -Steine, des Quecksilbers usf., mit alchemistischen Vorstellungen in Verbindung gebracht. Da nun z. B. selbst bei SUSRUTA „rasa“ noch = „Saft“ ist, und nicht = Quecksilber⁠[4639], so bleibt es unberechtigt und irreführend, den Namen der Wissenschaft von den Säften, „Rasâyana“, mit „Alchemie“ zu übersetzen und daraufhin wieder die bei SUSRUTA, CARAKA und anderen vorkommenden Wundertränke, die Gesundheit, Heilung, langes Leben usw. bewirken sollen, ohne weiteres als Elixire, Panaceen und Essenzen im bekannten alchemistischen Sinne zu bezeichnen. Ein Lehrer dieser Rasâyana war u. a. schon in vorchristlicher Zeit, nach den einen im 2., nach den anderen im 4. Jahrhundert, PATAÑJALI[4640], dessen Werk zwar noch erhalten ist, aber nur in einer aus unbestimmbar später Periode stammenden Überarbeitung⁠[4641]; von ihr spricht auch ALBIRUNI, der, nach mehrjährigem Aufenthalte in Nordindien gelegentlich der Eroberungszüge des Sultans MAHMUD von GHAZNA, im Jahre 1031 sein so außerordentlich wichtiges Werk über Indien verfaßte. Wie er in diesem berichtet⁠[4642], beschäftigten sich [wenigstens in den von ihm besuchten Gegenden] die Inder noch zu seiner Zeit nicht, oder doch so wenig mit Alchemie, daß er Näheres hierüber und namentlich betreff der etwa benützten mineralischen Substanzen nicht in Erfahrung bringen konnte; dagegen besitzen sie eine sehr alte, ganz besondere, ihnen eigentümliche Wissenschaft „Rasâyana“⁠[4643], die bestimmte Methoden zur Darstellung merkwürdiger, aus allerlei Drogen und pflanzlichen Substanzen zusammengesetzter Arzneien und Tränke lehrt, die dem sie Genießenden Gesundheit, Jugend und langes Leben gewährleisten⁠[4644].

ALBIRUNI zufolge lebte im 9. Jahrhundert der gelehrte NAGARJUNA, der die Darstellung des [anfangs] schwarzen Schwefel-Quecksilbers entdeckt haben soll⁠[4645], die indessen andere auch dem VRINDA (um 950) oder dem CHAKRAPANI (um 1050) zuschreiben⁠[4646]. RÂY versetzt jedoch den NAGARJUNA in die Mitte des 2. Jahrhunderts und preist ihn als großen Philosophen und als „wichtigste Gestalt der indischen Alchemie“, sowie als Erfinder der Sublimation und Destillation⁠[4647]; sein hoher Ruhm mache es begreiflich, daß seine Biographie schon bald nach 400 ins Chinesische übersetzt wurde, daß der chinesische Pilger HIUEN-THSANG (629–645 in Indien) ihn als „Sonne der Welt“ rühmt⁠[4648], und daß auch einheimische Schriften des 7. (?) Jahrhunderts ihn als einen Zauberer, Magier, Astrologen und Alchemisten kennen und von ihm zu erzählen wissen, daß er die große Kunst „von einem alten Heiligen auf einer Insel des indischen Ozeans erlernte“⁠[4649]. Den Bruchstücken seines Werkes „Rasaratnâkara“ ist zu entnehmen, daß der „Meister der Kunst“ seine alchemistischen Kenntnisse in Traumvisionen⁠[4650] empfing und zum Teil in Dialogform niederlegte, daß er u. a. durch Destillation des Zinnobers (darada) dessen Wesen oder Essenz, das Quecksilber, darzustellen, es mittels Salz und Salmiak zu fixieren und mit den „acht Metallen“ zu amalgamieren lehrte⁠[4651], daß er durch 1 Teil seines „Projektions-Pulvers“ 10 Millionen Teile gemeiner Metalle in Gold verwandelte⁠[4652], Gold ferner noch durch Rösten von Silber mit Schwefel oder Zinnober, sowie von Kupfer mit Galmei (rasaka) gewann⁠[4653], und aus diesem letzteren auch metallisches Zink abzuscheiden wußte⁠[4654]. Alle diese fast ausnahmslos wohlbekannten und keinerlei indisches Gepräge tragenden Züge und Kenntnisse sprechen entschieden gegen die Entstehung des Werkes im 2. oder überhaupt in einem frühmittelalterlichen Jahrhunderte⁠[4655], und der offenbare Irrtum RÂYS rührt nach SÊAL daher, daß er ohne zureichende Gründe den obigen NAGARJUNA mit dem gleichnamigen (buddhistischen) Begründer der Mâdhyamika-Philosophie identifiziert⁠[4656], dem Bearbeiter des SUSRUTA und Herausgeber von Schriften über Metallgewinnung und Alchemie, der aber einer um sieben oder mehr Jahrhunderte späteren Periode angehört, wie dies schon seine Vertrautheit mit dem Quecksilber und den Quecksilber-Präparaten beweist⁠[4657].

Obwohl nämlich das Quecksilber den Indern schon frühzeitig bekannt war, so wird es doch, wie bereits erwähnt, in den wirklich alten Schriften nur sehr selten genannt, und wenn man von solchen zweifelhafter Echtheit absieht, so finden sich genauere Angaben über das Metall selbst, und vollends über seine Derivate, erst in jenen, die dem Zeitalter der arabischen Eroberungszüge angehören, also dem Ende des ersten Jahrtausends. Der Lexikograph AMARASINHA z. B. (um 1000) kennt das Quecksilber (pârada, chapala, suta) schon unter dem Namen rasa = Saft, Flüssigkeit, aber auch Schweiß⁠[4658]; GOVINDA (etwa im 11. Jahrhundert)⁠[4659] weiß es durch Destillation von beigemengtem Blei oder Zinn zu befreien und durch Schwefelarsen oder andere Sulfide in einen Stoff „rot wie Lack der Cochenille“ [also Zinnober] überzuführen⁠[4660]; auch im Wörterbuche „Vaijayanti“ (11. Jahrhundert?) ist von verschiedenen Quecksilber-Amalgamen die Rede⁠[4661]. In den Werken aus der etwa um 1100 einsetzenden „Zeit der Tantras“ (= Traktate, Abhandlungen) beginnt das Quecksilber eine maßgebende Rolle zu spielen: in der sehr wichtigen „Rasârnara“ (= Quecksilber-See) z. B. heißt es pârada oder rasa (= Schweiß, weshalb es den Körper, aus dem es kommt, auch wieder schützt)⁠[4662]; es wird durch siebenmalige Destillation von dem zwecks Verfälschung zugesetzten Blei und Zinn befreit⁠[4663], mit Alaun, Salz und grünem Vitriol „getötet“ und in Sublimat oder Calomel übergeführt⁠[4664], und durch zahlreiche (18 und mehr) besondere Verfahren der Alchemie (Vasasiddha) fixiert und in verschiedene Präparate verwandelt, z. B. in Zinnober⁠[4665]. Mit Schwefel werden jedoch, so wie Quecksilber, auch die übrigen Metalle geröstet, d. s. Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Zinn, Blei⁠[4666], sowie jene „aktive Grundmaterie“ oder „Essenz“, die aus dem nämlichen Rasaka [Galmei], das mit Kupfer Gold [goldgelbes Messing] gibt⁠[4667], beim Erhitzen mit pflanzlichen [Kohle liefernden] Zutaten, mit Pflanzenasche, oder mit Borax [Alkali] hervorgeht und wie Zinn aussieht [metallisches Zink]⁠[4668]. Aber allein das Quecksilber verleiht Gesundheit und Unsterblichkeit; es besteht aus allen fünf Elementen, stellt eine Verkörperung des Gottes SIVA dar, und ist 1188 dem Lexikographen MAHESVARA bereits unter dem Namen „Haravija“ (= Samen des HARA = SIVA) bekannt⁠[4669].

RÂY ist der Ansicht, schon um 400 n. Chr. habe die Verschmelzung des alten SIVA-Kultes mit der nördlichen Form des Buddhismus begonnen⁠[4670] und Anlaß zur Entwicklung der buddhistischen „Tantras“ gegeben, die sich unter Miteinfluß entstellter Lehren anderer Systeme (besonders des Yoga-Systems) vielfach mit Zauberei, Magie, Wunderwirkungen, Unsterblichkeitstränken und Alchemie beschäftigen⁠[4671]. Daß sie bereits im 5. und 6. Jahrhundert vorhanden waren⁠[4672], sollen tibetanische Übersetzungen aus dem 6.–8. Jahrhundert bezeugen, die vom Quecksilber sprechen, „das den Körper stärkt, alle Krankheiten austreibt, ... und die gemeinen Metalle in Gold überführt“⁠[4673] und die auch erwähnen, daß die betreffenden Tantras eigenhändige Werke des SIVA seien, dessen Samen, pârada = Quecksilber, sechsmal „getötet“ und mit Schwefel geröstet usf., ein Präparat liefere, das Kupfer in Gold verwandelt⁠[4674]. Aus den Anschauungen dieser Tantras, so meint RÂY, seien dann im Laufe des 12. Jahrhunderts die des obengenannten „Rasârnara“ hervorgegangen⁠[4675] und im Laufe des 13. jene, die weiteren wichtigen Schriften zugrunde liegen, z. B. dem „Rasaratna“ (um 1300)⁠[4676], sowie dem sog. „Quecksilber-System“⁠[4677]. In der Darstellung des MADHARA (um 1350) über die sechzehn großen philosophischen Systeme der Inder nimmt „Raseçvara“, das Quecksilber-System, die neunte Stelle ein⁠[4678]; gestützt auf die irrtümliche Etymologie pârada = pâra-da = „das jenseitige Ufer verheißend“, verspricht es „Rettung aus dem Strom der Seelenwanderung an das andere Ufer“, „Erlösung schon bei Lebzeiten“, „Gewinnung und Erhaltung eines göttlichen Leibes“ u. dgl. mehr, und empfiehlt zu diesem Zwecke das Einnehmen eines von den mächtigsten Zauberern empfohlenen Wundertrankes, der aus Quecksilber besteht, oder aus Quecksilber und „Talk“ (entstanden aus dem Gotte HARA = SIVA und der Göttin GAURI, seiner Gemahlin). Das Quecksilber ist flüssig, kann aber sowohl luftförmig werden, als auch (durch „Töten“ und „Ersterben“) fest [fixiert], wobei es dann in verschiedenen Farben schillert und, obwohl selbst „tot“, dennoch belebend und die Krankheiten austreibend wirkt. Voraussetzung hierfür ist aber die genaueste und sorgfältigste Zubereitung durch achtzehnerlei „Werke“, nämlich Schwitzen [Destillieren?], Zerreiben, Starrmachen, Fixieren, Absetzenlassen, Einzwängen [?], Pressen, Glühen, Dämpfen, Abmessen, Pulvern, Bedecken, Schmelzen (inneres und äußeres), Ätzen, Fließenlassen (in Farben), Vermengen, Durchmischen, Einnehmen; nur bei peinlicher Einhaltung aller dieser Vorschriften bewährt sich das Quecksilber „als das Wesen, das Blut und Leib durchdringt“ und von dem es heißt:

„Es ist der Säfte Fürst, denn es verleiht
Dem Leib Nichtaltern und Unsterblichkeit.“⁠[4679]

Den Höhepunkt seiner Bedeutung als Mittel zur Lebensverlängerung und zugleich zur Metallverwandlung erlangt das Quecksilber indes erst während der um 1300 einsetzenden Oberherrschaft der Iatrochemie, deren Wurzeln aber vermutlich bis in das 12. Jahrhundert zurückreichen⁠[4680]. Aus seinen Vorgängern schöpfend, z. B. aus NANDI, „dem Erfinder der Sublimation“, berichtet SOMADEVA (12. oder 13. Jahrhundert?) über Quecksilber und Quecksilber-Präparate, sowie über Darstellung von Gold durch Legieren verschiedener Metalle, darunter Zink, nach bestimmten Gewichtsverhältnissen⁠[4681]. YASODHAVA (13. Jahrhundert?)⁠[4682], „der alle Versuche selbst ausgeführt hat“, entdeckte angeblich „das Metall des Galmeis“ [Zink], „das sich glänzend wie geschmolzenes Blei aus dem Tiegel ergießt“, die Darstellung des Wundermittels Calomel, „dieses Kamphers aus Quecksilber“, und die Bereitung eines Projektionspulvers aus Zinn, Pyrit, Salmiak, Realgar und etwas Blei oder Silber, das 100 Teile gemeine Metalle in Gold verwandelt⁠[4683]. RASAKALPA (13. Jahrhundert), „der alles selbst erprobt, und nichts aus anderen entlehnt hat“⁠[4684], nennt als „große Mittel“ Quecksilber, auch das mit Salmiak und anderen Salzen „getötete“, das SIVA, „der König der Quecksilber-Lehre“, selbst erfand, ferner Schwefel, Arsen und Zinnober, den natürlichen oder den künstlich aus Quecksilber und Schwefel gewonnenen. Sie alle dienen auch dazu, die gemeinen Metalle in Gold und Silber zu verwandeln, oder diese doch zu „vermehren“, denn „Reichtum gewinnt, wer Gold oder Silber, die vermehrt sind, z. B. durch 100 Teile Kupfer, Blei oder Quecksilber-Amalgam, als [vollwertiges] Geld ausgibt“⁠[4685]; zu jenen gemeinen Metallen zählen Kupfer, Eisen, Zinn, Blei, aber auch das Zink, das sechs verschiedene Namen führt, u. a. „Bruder des Silbers“⁠[4686], d. i. das Metall jenes vielverbreiteten Galmeis⁠[4687], der mit Kupfer pittala (Messing) liefert⁠[4688]. Verschiedene andere medizinische Schriften dieses Zeitalters⁠[4689] nennen neben den 6 einfachen Metallen⁠[4690], neben dem „einer besseren Art Blei gleichenden“ Metall aus Antimonglanz [Antimon]⁠[4691], dem zinnähnlichen Metall Jasada aus Galmei [Zink]⁠[4692], den Legierungen Pittala (aus Kupfer und Zink; Messing), Kâmsya oder Kâmsyaha (aus 8 Teilen Kupfer und 2 Teilen Zinn; Glockenmetall), Vartaloha (= geschichtetes Metall, aus 5 Bestandteilen) usf.⁠[4693], noch folgende „große Mittel“: die Edelsteine, die, je nach Glanz, Farbenspiel und Größe der Krystalle, als männliche, weibliche und Zwitter unterschieden werden⁠[4694], und deren vornehmster, der Diamant, mit Bocksblut bestrichen zu Asche verbrennbar ist⁠[4695]; den Schwefel, das gelbe und rote Arsen [Auripigment, Realgar]; den Antimon- und Bleiglanz, dessen Name „Surma“ einer Sprache der Urbevölkerung entstammen soll⁠[4696]; vor allem aber das Quecksilber, „dessen Kräfte den Arzt, der sie recht versteht, zum Gotte machen“⁠[4697]. Quecksilber ist der „Samen des SIVA“, der beim Abtropfen auf die Länder Darada (Dardistan in Kaschmir) und Parada (nicht näher bekannt) deren Boden mit Zinnober (Hingula) erfüllte⁠[4698], als dessen „Wesen“ es bei der Destillation wieder hervorgeht⁠[4699]. Es ist flüssig, läßt sich aber destillieren und mittels Salmiak und anderer Salze auch fixieren⁠[4700], verleiht langes Leben, macht frei von Krankheit und Sünde und ist Wesen und Träger der von SIVA selbst gelehrten Alchemie, der Kunst, Gold und Silber herzustellen⁠[4701]. Zu den Präparaten, mit denen die Metalle zwecks ihrer Umwandlung behandelt werden, zählen die Säuren, und zwar ausschließlich die vegetabilischen⁠[4702], die gold- und silberfarbigen Pyrite, der Blei- und Antimonglanz, die natürlichen Kupfer- und Eisen-Vitriole, der Schwefel, das Auripigment und Realgar, der beim Brennen mit Dung bereiteter Ziegel entstehende Salmiak (Navasara; vom persischen Nûschâdir)⁠[4703] und die verschiedenen Salze und Alaune⁠[4704].

Reichhaltige, sichtlich auf einer Fülle altüberlieferter Beobachtungen beruhende Verzeichnisse aller dieser Mineralien enthalten das um 1300 entstandene „Rasaratna“⁠[4705], vor allem aber das Buch „Raganighantu“ des Arztes NARAHARI aus Kaschmir⁠[4706], das nach GARBE um 1250 verfaßt ist, während RÂY es (ohne genauere Angabe) für ein Werk „aus ziemlich später Zeit“ erklärt⁠[4707], als welche freilich auch 1250 schon gelten kann. Unter den Metallen zählt NARAHARI die folgenden auf: Gold, 42 Namen führend, gelblich, gelbrot oder rot, fünferlei Legierungen mit Silber und ein Amalgam mit Quecksilber bildend⁠[4708]; Silber, das mondähnliche Metall oder Metall des Mondes, mit 17 Namen⁠[4709]; Kupfer, rot, das Metall der Sonne, giftig (mit 12 Namen)⁠[4710], aus dem da entsteht das helltönende weiße und das goldähnliche, kurkumafarbige, gelbe und rote Messing (mit zusammen 26 Namen), das Fäden, Blätter, sowie heilsame Asche und Schlacke liefert (mit zusammen 20 Namen)⁠[4711]; Zinn, in Bengalen, wohin es aus Birma kommt, Vanga, im Sanskrit Jaçada geheißen, zu Fäden und Blättern verarbeitbar, mit 10 Namen⁠[4712]; Blei, bläulich, giftig, mit 16 Namen⁠[4713]; Eisen, mit 9 Namen, ergebend den Stahl „Kinaga“ = Chinesischen (mit 15 Namen), den damascierten Stahl (mit 8 Namen), und das Magneteisen (mit 7 Namen)⁠[4714]; Antimon, mit 7 Namen, das Metall des für die Augen wohltätigen „Surma“ [des Antimon- und Bleiglanzes]⁠[4715]; Quecksilber, pârada oder rasa, das Metall der Metalle, mit 33 Namen, darunter Çivabîga (= Samen SIVAS), Amrita (= Ambrosia), Khekara (= Sublimiertes), Himmlisches, Edelstes usf.⁠[4716]. Quecksilber ist für sich, sei es flüssig oder getötet, gemeinsam mit anderen Substanzen, z. B. mit Magneteisen, vor allem aber zusammen mit Schwefel als „schwarzes Präparat“, ein Mittel von wahrhaft wundertätiger Fähigkeit, eine Vereinigung sämtlicher großer Kräfte, daher Jugend, Gesundheit, langes Leben und alles Heil verleihend⁠[4717]; sein Erz ist der herrliche, aber sehr giftige Zinnober, der 15 Namen trägt⁠[4718]. — Von sonstigen Mineralien nennt NARAHARI u. a.: Schwefel, den weißen, gelben, roten und schwarzen, mit 15 Namen⁠[4719]; Realgar und Auripigment, die goldfarbigen, heilsamen, mit 27 Namen⁠[4720]; Schwefelkies, den gold- und silberfarbigen⁠[4721]; Talk, den gold- und silberfarbigen, auch weißen oder schwarzen, von welchem letzteren es heißt: „Quecksilber und schwarzer Talk entstehen in HARA (SIVA) und seiner Gattin GAURI, wenn die Liebe sie vereinigt“⁠[4722]; Mennige und gelben oder roten Oker, mit je 14 Namen⁠[4723]; Eisenvitriol, den grünen und gelben, sowie Kupfervitriol (Tuttha), den blauen (nila), Erbrechen erregenden, mit zusammen 23 Namen⁠[4724]; Alaun, den die Farben festigenden, und Alaunschiefer (?), mit 8 und 14 Namen⁠[4725]. Ihnen schließen sich noch an: Bergkrystall, Sonnen- und Mond-Stein [Adular-Arten]⁠[4726], Lasur und Türkis (blauer und grünlicher)⁠[4727], sowie die Edelsteine, „die dem, der sie trägt, die Planeten günstig machen“⁠[4728]. Es gehören nämlich zu: Rubin (15 Namen) der Sonne⁠[4729]; Perle (25 Namen) und der ähnliche Tabaschir aus Bambusrohr [die aus Kieselsäure bestehende Ausscheidung der Halmknoten] dem Monde⁠[4730]; Smaragd (11 Namen) dem MERKUR[4731]; Diamant (14 Namen; die fehlerhaften heißen weibliche) der VENUS[4732]; Koralle (8 Namen) dem MARS[4733]; Topas (8 Namen) dem JUPITER[4734]; Sapphir (8 Namen) dem SATURN[4735]; Hyazinth (6 Namen) und Katzenauge (6 und 10 Namen) dem RAHU und KETU, d. i. dem auf- und absteigenden Knoten der Mondbahn⁠[4736].

Weitere, besonders die Metalle betreffende Angaben hat G. OPPERT aus einer Anzahl indischer Werke beigebracht⁠[4737]; da er indes ihr Alter, das er meist unerörtert läßt, in verschiedenen Fällen sichtlich weitaus überschätzt, zudem ihren gesamten Inhalt stets als aus der nämlichen Zeit herrührend behandelt und endlich chemisch-technische Sachkunde merklich vermissen läßt, so sind sie nur mit aller Vorsicht zu benützen. Einige jener Schriften sprechen von „7 in den Bergen entstehenden Metallen“, Gold, Silber, Kupfer, Zinn (oder Zink?), Quecksilber, Blei und Eisen, nebst den Gemischen Bronze (aus Kupfer und Zinn) und Messing (yasoda aus Kupfer und kupya, d. i. Galmei; oder pârada aus Kupfer und Quecksilber); andere von „8 Metallen göttlichen Ursprunges“, Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Zinn, Quecksilber, Blei, wobei aber die letzteren zum Teil auch durch Messing, Bronze, Stahl, Magneteisen oder Zink vertreten werden, und die Namen von Blei, Zinn und Zink oft zusammenfallen (wie im Tamulischen bei „nâga“); noch andere von 9 Metallen, Gold, Silber, Messing, Blei, Kupfer, Zinn (oder Zink), Eisen (oder Stahl), Bronze und Magneteisen. Für ihre Namen gibt schon das Wörterbuch „Vaijayanti“, das aus dem 11. Jahrhundert herrühren soll, mannigfaltige Synonyma an: so z. B. ist Kupfer Tâmram und Tâmba (woher Tombak); Zinn Vanga, Vangam, Nâgam, Kastirâm; Blei Sîm [persisch: Silber], Trapu; Messing „das weiße, rote oder goldgelbe Metall“, aus dem, in Legierung mit Gold, Silber, Eisen, Zinn und Quecksilber (!) die Reliquienkästchen BUDDHAS und ähnliche kunstvolle Arbeiten bestehen; Bronze „das künstliche Metall“ oder „Glockenmetall“, das Glockenton besitzende; Pañcaloham, „Fünfmetall“, eine Legierung von Gold, Silber, Kupfer, Blei und Zinn (oder Zink), u. dgl. mehr.


Auf Grund seiner eigenen Untersuchungen und verschiedener der im vorstehenden wiedergegebenen, freilich noch sehr unvollständigen Mitteilungen gelangt RÂY zum Schlusse, eine wahre Alchemie sei auf indischem Boden durchaus selbständig und ohne jede fremde Vermittlung erwachsen⁠[4738], und diese Ansicht hält er fest, wenngleich er an einer Stelle aufrichtigerweise selbst zugesteht, daß in der so schwierigen Frage das letzte Wort noch zu sprechen und die endgültige Aufklärung abzuwarten bleibe⁠[4739].

Völlige Eigenart zeigt nach RÂY die indische Alchemie darin, daß sie keinen Zusammenhang zwischen den Planeten und den 7 Metallen annimmt, — obwohl Kupfer und Silber nicht selten Sonnen- und Mond-Metall benannt werden —, und auch überhaupt nur 6 Metalle kennt⁠[4740]; erst SANGADHARA, der um 1363 schrieb, soll von 7, oder einschließlich Bronze und Messing von 9 Metallen reden, die den 7 oder 9 Planeten entsprechen⁠[4741], und sein Kommentator ADHAMALLA verbindet dann Kupfer und Sonne, Silber und Mond, Bronze und MARS, Eisen und SATURN, Gold und JUPITER, Zinn und VENUS, Blei und MERKUR, Kâmsya (Glockenmetall) und RAHU, Vartaloha (Messing) und KETU, während Quecksilber als „SIVA“ oder „Samen des SIVA“ abseits stehen bleibt⁠[4742]. Indessen ist daran zu erinnern, daß schon NAGARJUNA 8 Metalle aufzählt, die daher, nach RÂYS Datierung dieses Autors, bereits im 2. Jahrhundert bekannt gewesen sein müssen⁠[4743], und daß NARAHARI um 1250 Listen der Zugehörigkeit der Edelsteine zu den Planeten anführt, die er, wie alle seine sonstigen Angaben, aus weitaus älteren Quellen schöpfte.

Während sich, RÂY zufolge, die Alchemie im nördlichen Indien bis etwa in das 6. oder 7. Jahrhundert hinein der eifrigsten Pflege erfreute, die die tibetanischen Übersetzungen des 6. bis 8. Jahrhunderts in ihren Berichten über Quecksilber-Panaceen und Metall-Verwandlungen widerspiegeln⁠[4744], soll sie seit der Zurückdrängung des Buddhismus, die er erst in das 8. Jahrhundert versetzt, vernachlässigt und schließlich ganz vergessen worden sein; erst um 1350 sei sie aus Tibet, und zwar in ihrer alten, fast unverändert erhalten gebliebenen Gestalt, wieder nach Indien zurückgewandert, und daher hätten dort, zugleich mit dem damals neu (?) auftauchenden Opium, auch Quecksilber und Quecksilber-Präparate abermals weitgehenden Einfluß zu erlangen begonnen⁠[4745]. — Diese Behauptungen lassen sich nicht leicht mit den an anderer Stelle überlieferten vereinbaren, denen gemäß Alchemie und Tantra-Mystik [diese doch erst gegen 1100 beginnend!] vorzugsweise in dem jedem fremden Einfluß entrückten Zentral-Indien zur Entwicklung gekommen und von da aus wie nach Südindien so auch über Magadha nach Tibet gelangt wären⁠[4746]. Auch ermangeln sie insoferne des Beweises, als die belangreiche Rolle, die eine mit dem Buddhismus enge verknüpfte Alchemie vor dessen Zurückdrängung in Nordindien gespielt haben soll, durch die Tatsachen nicht bestätigt wird. Ganz besondere Wichtigkeit besitzen in dieser Hinsicht die Berichte der chinesischen Pilger FA-HIEN (399–414)⁠[4747], HIUEN-THSANG (verfaßt 629)⁠[4748] und I-TSING (671–695)⁠[4749], die sich, um den Buddhismus an seiner Quelle kennen zu lernen, viele Jahre, ja jahrzehntelang in Nordindien aufhielten und über Glauben, Anschauungen und Sitten der Einwohner sehr ausführliche Beschreibungen hinterließen. Keiner von ihnen bringt auch nur mit einem Worte den Buddhismus mit der Alchemie in Verbindung, oder tut überhaupt der Metallverwandlung Erwähnung; FA-HIEN spricht keineswegs, älteren Angaben gemäß, von den 7 Metallen und der Verehrung der 7 Planeten, sondern zählt die 7 kostbaren oder heiligen Substanzen (Saptaratna) auf, die man zur Ausstattung der Tempel und zur Anfertigung der BUDDHA-Statuen gebraucht, nämlich Gold, Silber, Lasurstein, Bergkrystall, Rubin, Diamant (oder Smaragd) und Achat⁠[4750]; HIUEN-THSANG gedenkt bei ähnlichem Anlasse nur des roten und gelben Kupfers (Messings)⁠[4751] und außerdem vorübergehend des Zinns und des gelben Arsens (Auripigments)⁠[4752]. Am ehesten wäre nähere Nachricht gelegentlich der ziemlich ausführlichen Beschreibung zu erwarten, die I-TSING von der indischen Medizin gibt⁠[4753], und zwar zum Teil auf Grund „der acht Bücher des durch ganz Indien verbreiteten Ayur-Veda“⁠[4754], zum Teil buddhistischen Theorien folgend. Was die im 8. Buche des Ayur-Veda behandelte „Verlängerung des Lebens“ betrifft, so bestanden die vorgeschriebenen Tränke zur Zeit des I-TSING fast ausschließlich aus Pflanzensäften⁠[4755] und nicht, wie erst spätere Autoren überliefern, aus metallischen Präparaten⁠[4756]; die eigentlich wirksamen Mittel zur Verlängerung des Lebens soll es nach ihm freilich nur in China geben, wo man über 400 Arten heilsamer Pflanzen und auch Steine besitze⁠[4757], aber die von der indischen Medizin als „râsayâna“ bezeichneten streben immerhin ähnliche Ziele an⁠[4758]. Nach buddhistischer Lehre, die bereits BUDDHA selbst verkündet haben soll⁠[4759], hängen Gesundheit, Wachstum usf. von den vier „großen Elementen“ (Mâhabhûta) Feuer, Wasser, Luft und Erde ab, sowie von einem gewissen Gleichgewicht, in dem sie innerhalb der Säfte des Körpers stehen sollen, und dementsprechend hat man die zur Behebung von Störungen oder zur Erreichung bestimmter Zwecke erforderlichen Arzneien zu bemessen⁠[4760]. Unter diesen erwähnt I-TSING den Tah-Shih = roten Stein, d. i. den Zinnober, und warnt vor ihm, da das „Verschlucken“ gefährlich sei und schon so manchem das Leben gekostet habe⁠[4761]. Im übrigen ist bei I-TSING, wie schon die sichtlich griechischen Einflüsse betreff der Elementen- und Humoral-Theorie erwarten lassen, von Zinnober, Quecksilber, oder anderen metallischen Präparaten nicht weiter die Rede⁠[4762], auch findet sich zwar der Schwefel besprochen⁠[4763], aber nicht mit Quecksilber in Verbindung gebracht, und Anspielungen auf Goldmachen und Alchemie fehlen völlig, — denn der bei vielen Völkern bekannte Vergleich der Weltentwicklung aus dem Chaos mit der Entstehung des Vogels im Ei⁠[4764] ist nicht als solche anzusehen.

Wie aus der oben angeführten Stelle des ALBIRUNI hervorgeht, war in den von ihm bereisten Gegenden des nördlichen Indiens auch noch etwa 500 Jahre nach der Zeit dieser chinesischen Buddha-Pilger von Alchemie nichts, oder so gut wie nichts bekannt, was RÂY allerdings daraus erklären will, daß die große Kunst inzwischen in Indien ausgestorben sei, und ihr Leben nur mehr in Tibet weiter zu fristen vermochte. Daß es dort bereits im 6. bis 8. Jahrhundert Übersetzungen eigentlich alchemistischer indischer Schriften gegeben habe, ist aber bisher ebenso unbewiesen, wie das Vorhandensein der jedenfalls doch noch älteren indischen Originale selbst; auch die medizinischen Schriften Tibets lassen einschlägige Spuren nicht erkennen, halten vielmehr nach LAUFER den aus Indien überlieferten Stand, der so ziemlich dem von I-TSING geschilderten entspricht, noch lange mit großer Beharrlichkeit fest⁠[4765]. Betreff der Zeit vor und gegen 1350, zu der nach RÂY die Alchemie wieder nach Indien zurückgebracht worden sein soll, fehlt es leider noch an ausreichenden Forschungen und besonders an Übersetzungen aus dem Tibetanischen, indessen hat GRÜNWEDEL neuerdings wenigstens eines der ausführlichsten und kulturgeschichtlich wichtigsten Werke dieser Periode, die „Geschichte der 84 Zauberer“, ins Deutsche übertragen, und diesem lassen sich eine ganze Anzahl beachtenswerter Anhaltspunkte entnehmen. Den öfters erwähnten Trank des langen oder ewigen Lebens⁠[4766], der auch „Amrita“ zubenannt wird [d. i. die gleichfalls Unsterblichkeit gewährende Ambrosia der Götter], bereitet u. a. ein Zauberer „mitten im dichten Walde“, woselbst er die erforderlichen Zutaten sammelt, unter denen hier also offenbar vegetabilische verstanden sind⁠[4767]. An späterer Stelle⁠[4768] sucht jedoch der „begüterte Brahmane VYALI“ die Amrita aus Quecksilber und aus dem Pulver vieler, nach der Vorschrift eines Rezeptbuches zusammengekaufter Drogen darzustellen, was ihm trotz dreizehnjähriger Arbeit, die sein Vermögen aufzehrt und ihn zum Bettler macht, nicht glückt, da ihm ein Bestandteil fehlt, die „rote Myrobalane“; erst nach langer Zeit wird diese zufälligerweise durch einen Tropfen Blut ersetzt, der dem Finger einer badenden Hetäre entquillt, und nun gelingt der Trank so vortrefflich, daß er nicht nur der Hetäre und dem Brahmanen Unsterblichkeit verleiht, sondern sogar dessen Pferde, das ihn gekostet hat. Da es aber von dem Brahmanen schließlich heißt, „er sei besessen gewesen vom Sündenleben, das am Gold hängt“, so handelt es sich in dieser Erzählung anscheinend um ein wahres, sowohl Gesundheit und langes Leben spendendes, als auch die Metalle verwandelndes Elixir; ein solches muß auch ein anderer Zauberer besitzen, der sich entschließt, die Umwandlung eines Berges, der bereits erst zu Eisen und dann zu Kupfer geworden ist, lieber nicht bis zum Endzustande des Goldes fortzusetzen, weil er hiervon schreckliche Folgen für das Wohl der Allgemeinheit befürchtet⁠[4769]. Wieder in einer anderen Erzählung ist sogar ausdrücklich vom „Steine der Weisen“ die Rede⁠[4770], und in noch anderen wird der Gewinnung der Goldtinktur und der Amrita mit Hilfe von Urin und Kot gedacht⁠[4771], sowie der Tatsache, daß die nämlichen Mittel bald Gifte und bald Bestandteile der Medizinen sein können, so daß nur der Kundige Entscheidung zu treffen weiß⁠[4772].

Nun ist aber die „Geschichte der 84 Zauberer“ kein tibetanisches Originalwerk, sondern die Übersetzung einer indischen Schrift, deren Verfasser und Alter zwar bisher nicht ermittelt ist⁠[4773], die jedoch sichtlich nur eine Zusammenfassung mannigfaltiger, viel älterer Überlieferungen darstellt und die Tantra-Zeit als auf voller Höhe stehend und auf eine lange Entwicklung zurückblickend, durchaus voraussetzt⁠[4774], also dem 12. oder 13. Jahrhundert angehören dürfte. In dieser Periode war demnach, entgegen RÂY, in Indien, auch in Nordindien, die Alchemie keineswegs gänzlich vergessen; was von ihr berichtet wird, trägt aber nicht indische Züge, sondern ausgeprägt griechische.

Soweit daher zur Zeit ein Urteil über die Entwicklung der Alchemie in Indien überhaupt möglich und zulässig ist, dürfte folgender Sachverhalt der wahrscheinlichste sein: Eine „Râsâyana“ genannte „Lehre von den Säften“ (râsa), zuweilen die Säfte des menschlichen Körpers betreffend, hauptsächlich aber die der Pflanzen (einschließlich der Lösungen vegetabilischer Mittel und Drogen), ist in Indien nicht minder alt wie in vielen anderen Ländern, befaßt sich aber ursprünglich nur mit der Erlangung von Gesundheit und langem Leben und hat nichts mit Metallverwandlung und Alchemie zu tun; neben verschiedenen, natürlich vorkommenden mineralischen Substanzen sind auch Zinnober und Quecksilber in Indien frühzeitig bekannt und werden (zunächst ohne Ahnung ihrer nahen Verwandtschaft) gleich den übrigen äußerlich, vielleicht auch innerlich, als Heilmittel angewandt⁠[4775]; wann, woraufhin, und wie dies zuerst geschah, bleibt vorerst ungewiß. Das BOWER-Manuskript (4. Jahrhundert) erwähnt an einer Stelle zwar den Wundertrank, der tausendjährige Lebensdauer verheißt, und an einer anderen das Quecksilber, weiß aber von keiner Verbindung beider; unter den chinesischen Buddha-Pilgern führt nur I-TSING den Zinnober an und warnt vor seinem Gebrauche⁠[4776]; die Ärzte der „großen Dreiheit“ sprechen von Quecksilber nicht oder nur vorübergehend, „râsa“ gilt ihnen = Saft, und das nämliche ist noch einige Jahrhunderte später bei den Gewährsmännern des ALBIRUNI der Fall, die nur von pflanzlichen Substanzen und Drogen als Bestandteilen des Unsterblichkeits-Trankes berichten. Da auch die sonstigen, von RÂY ohne ausreichende Unterlagen in das 6.–8. Jahrhundert versetzten Texte⁠[4777] sowie ihre angeblich wenig jüngeren tibetanischen Übersetzungen nicht in Betracht kommen können, so fehlt bisher jeder genügende Beweis für die Behauptung, die Inder hätten sich bereits zu so früher Zeit mit Alchemie beschäftigt und unter Anwendung von Quecksilber oder Quecksilber-Präparaten eigentliche Metall-verwandelnde und Leben-verlängernde Elixire bereitet⁠[4778].