f) Zeitalter der lateinischen Übersetzer und Pseudepigraphen.
α) Übersetzer.

Während die bisher besprochenen frühmittelalterlichen Werke vorwiegend Chemisches oder Chemisch-Technologisches enthalten und nur ziemlich selten, an vereinzelten Stellen, Anspielungen auf alchemistische Lehren Raum geben, bilden diese letzteren den eigentlichen Gegenstand jenes Teiles der abendländischen Litteratur, der auf arabische Vermittlung zurückgeht. Die Frage, wie sich die Verbreitung alchemistischer Lehren durch die Araber, üblicher Annahme gemäß hauptsächlich von Spanien her, vermutlich aber auch von Sizilien, Italien und der Provence aus, im einzelnen vollzog, kann (wie schon weiter oben bemerkt) auch heute noch, trotz der andauernden Erschließung arabischer, spanischer, katalonischer, provençalischer und italienischer Quellen, nach keiner Richtung hin genügend beantwortet werden. Über Personen und Werke der Anfangszeit, die einige schon mit dem 9. oder 10. Jahrhundert einsetzen lassen, liegt immer noch dichtes Dunkel, viele Schriften aus der ersten, gegen Ende des 12. Jahrhunderts beginnenden Periode der lateinischen Übersetzungen erregen schon mannigfaltige Bedenken, bei den meisten der zweiten, die bis in das letzte Viertel des 13. Jahrhunderts hineinreicht, bleibt es aber, wie KOPP[5160] treffend ausspricht, nur zweifelhaft, ob die Frechheit im Unterschieben oder die Leichtgläubigkeit im Hinnehmen größer gewesen sei, so daß mindestens als unsicher anzusehen ist, was sich nicht ohne weiteres als unwahr und gefälscht zu erkennen gibt.

Auch nach BERTHELOT[5161] ist die Hauptzeit für die Abfassung der lateinischen Übersetzungen das 12. und 13. Jahrhundert, und als ihre Grenzwerke kann man einerseits das Buch des MORIENUS betrachten, das nach ausdrücklicher Angabe des lateinischen Textes im Jahre 1182 vollendet ist, andererseits das sog. „Rosarium philosophicum“, das anscheinend bald nach 1250 niedergeschrieben wurde⁠[5162]. Die ältesten dieser Bücher sind nach BERTHELOT aus arabischen Originalen übersetzt, — vorsichtiger wird man, da diese bisher unbekannt blieben, sagen müssen, daß sie sich für Übersetzungen aus solchen geben —, und erweisen sich als formlose und ungeordnete Kompilationen, die ganz vorwiegend den Theorien und Traditionen der alexandrinischen Chemiker folgen, freilich unter zuweilen erheblicher, oft völliger Entstellung des ursprünglichen Kernes⁠[5163]. Die späteren dagegen⁠[5164] haben hauptsächlich praktische Zwecke im Auge, atmen in ihrer guten Disposition, wohlgeordneten Darstellung und systematischen Vortragsweise den Geist der Scholastik und verraten sich schon hierdurch als apokryph, — ganz abgesehen davon, daß die angeblichen arabischen Vorlagen durchwegs fehlen, daß die lateinischen Handschriften erst gegen 1300 oder später auftauchen, und daß VINCENTIUS BELLOVACENSIS (der um 1250 schrieb), ALBERT DER GROSSE (der 1280 starb) und andere wichtige Autoren des 13. Jahrhunderts sie noch nicht kennen.

Eine ausführliche Erörterung der genannten Übersetzungen ist an dieser Stelle nicht beabsichtigt, um so mehr als sie selbständiger Gedanken völlig ermangeln und sich ausschließlich auf die mehr oder minder getreue Wiedergabe der in ihren Vorbildern enthaltenen beschränken; größere Breite und Ausführlichkeit geht dabei keineswegs mit besserem Verständnisse parallel.

Zu den wichtigsten Vertretern der ersten älteren Gruppe gehören das bereits weiter oben besprochene Buch des (als vorgeblicher Lehrer des omajjadischen Prinzen KHALID IBN JAZID bezeichneten) MORIENES oder MARIANOS, dem der Überlieferung nach ein arabischer Text des 8. Jahrhunderts zugrunde liegen soll⁠[5165], ferner die seitens der Späteren oft zitierten Schriften des ROSINOS, ROSINUS oder RUBINUS, d. s. Auszüge aus den Werken des ZOSIMOS, die noch vielerlei griechische Worte und Fachausdrücke enthalten⁠[5166], und endlich die sog. „Turba philosophorum“ (Versammlung der Philosophen). Diese Abhandlung, deren Name „Turba“ bereits in religiösen Schriften der ersten Jahrhunderte vorkommt⁠[5167], während ihre Form schon bei OLYMPIODOROS, ja eigentlich schon bei CICERO ihr Vorbild hat⁠[5168], schildert die Beratungen einer Anzahl Alchemisten, die in wirrem und völlig phantastischem Durcheinander, ohne eine Spur sachlichen Verständnisses und ohne die geringste wirkliche Kenntnis der alten Autoren deren vermeintliche Vorschriften und Theorien vortragen und besprechen. Nach BERTHELOT[5169] muß die benützte arabische Vorlage einer sehr frühen Zeit entstammen, denn sie führt noch keine arabischen Autoritäten an, sondern nur griechische (teils mit richtigen, teils mit entstellten, teils mit erdichteten Namen), und zeigt sehr nahe Beziehungen zu den Schriften der alexandrinischen Chemiker, besonders denen des PSEUDO-DEMOKRITOS[5170]; aus diesen werden ganze Stellen wiedergegeben, und zwar einige in zutreffender und sachgemäßer Gestalt, andere in durch Mißverständnisse getrübter, und noch andere (infolge falscher Auslegung und mystischer Einschiebungen) in völlig sinnloser⁠[5171]. — Trotz ihrer wahrhaft trostlosen Inhaltsarmut und Formlosigkeit erfreute sich übrigens gerade die „Turba“ eines besonders großen Erfolges, sowie einer ganz ausnehmenden Beliebtheit und Verbreitung; schon zu Beginn des 12. Jahrhunderts genießt sie autoritatives Ansehen und ruft zahlreiche, meistens noch minderwertigere Nachahmungen ins Leben.

Als bezeichnendes Produkt einer etwas späteren Übergangszeit ist das „Buch der Priester“ anzuführen („Liber sacerdotum“; nicht identisch mit einem gleichnamigen, dem ALRAZI zugeschriebenen), das BERTHELOT aus dem Pariser Manuskript Nr. 6514 abgedruckt hat⁠[5172], leider in völlig unkritischer Art und ohne irgendwelche Korrektur, so daß selbst die unsinnigsten Schreibfehler, wie z. B. sol (Sonne) statt sal (Salz) u. dgl., unverbessert stehen geblieben sind⁠[5173]. Das Werk ist vermutlich im 10. oder 11. Jahrhundert abgefaßt, im 12. oder 13. aber durch einen nicht näher bekannten JOHANNES aus dem Arabischen in das Lateinische übersetzt und dabei umgearbeitet⁠[5174]. Die Bemerkungen dieses Autors betreffs seiner Erfahrungen in Ferrara⁠[5175], sowie seine Versicherung⁠[5176], gewisse Vorschriften seien wiedergegeben „juxta assertionem Romanorum“, „gemäß Angabe der Römer“, — die BERTHELOT irrtümlich für alte Römer hält —, bieten abermals beachtenswerte Hinweise auf Italien. Der vorliegende lateinische Text vereinigt, wie schon sein Titel erkennen läßt, hellenistische und arabische Traditionen⁠[5177], enthält viele aus dem Arabischen, aber auch verschiedene aus dem Griechischen und einige aus dem Spanischen entlehnte Worte⁠[5178] und weist auch eine Art arabisch-lateinischen Lexikons der Namen vielgebrauchter Chemikalien auf⁠[5179]. Eine Auswahl wichtiger Termini, die jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, bietet nachstehende Liste:

Ausführlich gedacht wird des Gold- und Silber-Machens, der Verwandlung und Färbung der Metalle, der Diplosis, sowie der zugehörigen Präparate⁠[5200], u. a. des Quecksilbers und des Schwefels, die beim Erhitzen schließlich Zinnober, anfangs aber nur eine schwarze Masse liefern⁠[5201]. Der „Stein zum Goldmachen“ heißt bald „Alkimia“, bald „Kimium“, wird auch als Schmelze oder Lösung angewandt („aqua alkimiae“) und ergibt „aurum optimum“, „bestes Gold“⁠[5202]; ob die Worte „dimitte in alkemia“⁠[5203] nur als ungenaue Ausdrucksweise anzusehen sind, oder ob Alkemia hier auch einen chemischen Apparat bedeuten soll, bleibe dahingestellt.

β) Fälscher: PSEUDO-GEBER, -AVICENNA, -RAZI, usf.

Unter den Pseudepigraphen der letzten Periode, also des ausgehenden 13. Jahrhunderts, nehmen die wichtigste Stelle die Schriften des sog. GEBER ein, die man, wie schon weiter oben angeführt, bis in die neueste Zeit für Übersetzungen solcher des DSCHABIR, und demgemäß als aus dem 8. oder 9. Jahrhundert stammend ansah, — wodurch die Geschichte der Chemie in zahlreiche schwere und unlösbare Widersprüche verwickelt wurde. Diese fielen allerdings schon manchen Historikern des 17. und 18. Jahrhunderts auf, wie denn z. B. bereits 1718 STAHL in seinem Buch „Vom Sulphure“ berichtet, daß u. a. auch die Lebensbeschreibung und die Werke GEBERS für der Hauptsache nach erdichtet und durchaus fragwürdig gelten⁠[5204]; der Orientalist REISKE (1716–1774) nennt GEBER den fabelhaften Autor angeblicher alchemistischer Werke⁠[5205]; BECKMANN bezeichnet diese 1800 als Fälschungen etwa des 12. Jahrhunderts⁠[5206], SPRENGEL 1820 als teils entstellt, teils unecht⁠[5207], DAVY 1820 als Kompilationen von Alchemisten des 15. oder 16. Jahrhunderts⁠[5208]; WÜSTENFELD unterscheidet 1840 zwischen den Werken des DSCHABIR und den nur „unter seinem Namen in [lateinischer] Übersetzung gedruckten Büchern“ des GEBER[5209]; 1856 sagt in seiner „Geschichte der Botanik“⁠[5210] E. MEYER, der selbst des Arabischen mächtig und mit den neueren morgenländischen Forschungen vertraut war, „daß sich Geschichte und Sage betreff des GEBER vermischen, ... und dieser vielleicht gar nie gelebt und geschrieben hat“; 1869 vertritt LATZ die Meinung, „daß den lateinischen Abhandlungen GEBERS nie und nimmer ein arabisches Original zugrunde lag, daß es sich vielmehr um abendländische Schriften und einen fingierten Autor handelt“⁠[5211]; 1871 endlich erklärt ihn der Orientalist STEINSCHNEIDER für „eine fast mythische Person“⁠[5212] und bemerkt, daß die ihm zugeschriebenen Kenntnisse in den Werken des wahren DSCHABIR nicht zu finden seien. Diese letzteren Hinweise waren es jedenfalls, die KOPP veranlaßten⁠[5213], die von ihm in der „Geschichte der Chemie“ (1843), und ebenso von HOEFER in der „Histoire de la Chimie“ (1842 und 1866) festgehaltene Meinung von der Echtheit der GEBERschen Schriften, in den „Beiträgen zur Geschichte der Chemie“ einer Revision zu unterziehen⁠[5214]: Die Mängel der älteren Angaben über GEBER, sowie die Verwechslung mit Gleichnamigen, haben bisher die Geschichtsforscher irregeführt⁠[5215]; nach dem um 850 [in Wirklichkeit 987] vollendeten arabischen Sammelwerke „Fihrist“ war aber schon zu jener Zeit nichts Sicheres über GEBERS Person, die Tatsachen seines Lebens und die Echtheit der zahlreichen ihm zugeschriebenen Werke bekannt⁠[5216], und die im „Fihrist“ aufgezählten Büchertitel sind nicht die der angeblichen GEBERschen Schriften⁠[5217]; auch die Verfasser der großen arabischen „Lexica der Biographien“, IBN KHALLIKAN im 13. und HADSCHI KHALIFA im 16. Jahrhundert, führen jene Werke nicht an und nennen auch nichts, was als deren arabisches Original gelten könnte⁠[5218]; wie der Orientalist WEIL feststellte, spricht auch kein Umstand dafür, daß die vorliegenden lateinischen Texte des GEBER aus dem Arabischen übersetzt seien⁠[5219], und kein wirklicher Araber des nämlichen oder eines späteren Zeitalters besitzt die in ihnen niedergelegten, geschweige denn erweiterte Kenntnisse⁠[5220]. Erwäge man endlich, daß die GEBERschen Abhandlungen durchaus die gute scholastische Form und Darstellungsart aufweisen, daß erst die Schriftsteller um und nach 1300 sie zitieren, und daß Handschriften aus früherer Zeit nicht, solche aus der genannten und aus späterer aber in ziemlicher Anzahl vorliegen⁠[5221], so komme man zum Schlusse, daß zwischen dem Inhalte der arabischen Schriften des DSCHABIR und der lateinischen des GEBER irgendwelche Zusammenhänge nicht nachgewiesen und auch gar nicht glaublich seien⁠[5222]. Nur „mit einem nach dem Vorhergehenden leicht zu bemessenden Vorbehalte“ meint KOPP, in seiner gewohnten großen Zurückhaltung und Vorsicht, die fraglichen Werke noch insolange „als solche GEBERS bezeichnen, und darauf, daß sie aus dem Arabischen übersetzt seien, Bezug nehmen zu dürfen“, als für ihre „Unechtheit und Entstellung“ nicht auch der positive Beweis geliefert sei⁠[5223]. — Insoweit nun, allem Dargelegten zufolge, ein solcher wirklich noch von nöten war, hat ihn BERTHELOT durch die sehr verdienstliche Herausgabe der (schon weiter oben besprochenen) Schriften des echten DSCHABIR erbracht und dadurch den letzten Ring in die Beweiskette des fast allzu gewissenhaften KOPP eingefügt; dafür aber, daß er seiner Vorgänger, und vor allem KOPPS, auch bei diesem Anlasse mit keinem Worte Erwähnung tut, alles Verdienst vielmehr mit größtem Nachdruck und bei jedem Anlasse immer aufs neue ganz allein sich selber zuschreibt, gibt es keine Erklärung.

Auf den Inhalt der sog. GEBERschen Schriften hier des näheren einzugehen, ist nicht erforderlich, um so mehr als alle größeren chemischen Geschichtswerke in dieser Hinsicht Ausführliches bieten. Es sei jedoch daran erinnert, daß GEBER u. a. zahlreiche verbesserte Verfahren und Apparate zum Verdunsten, Kochen, Filtrieren, Schmelzen, Sublimieren, Destillieren und Krystallisieren mit außerordentlicher Klarheit und Genauigkeit schildert; daß er verschiedene Vitriole und Alaune, das mineralische und vegetabilische Alkali, den Salmiak und Salpeter usf. annähernd rein zu erhalten versteht; daß er durch Erhitzen von Schwefel mit Alkalien sog. Schwefelleber, und durch Fällen einer Lösung von Schwefel in Ätzlauge mittelst Essigsäure Schwefelmilch zu bereiten, ferner Quecksilberoxyd, Sublimat, Zinnober, Silbernitrat, Bleiacetat und andere Acetate, rein und zum Teil krystallisiert zu gewinnen weiß; daß er die Darstellung unreiner Schwefelsäure durch trockene Destillation des Alauns und die der Salpetersäure durch Erhitzen eines Gemenges von Salpeter, Vitriol und Alaun beschreibt, und endlich auch die Entstehung des Königswassers beim Lösen von Salmiak in Salpetersäure, sowie die Löslichkeit des Schwefels und des Goldes im Königswasser kennt⁠[5224]. Die Fragen, woher der Verfasser der sog. GEBERschen Schriften sein Wissen geschöpft hat, und wo, wann zuerst, und durch wen, die Verfahren und Methoden entdeckt und ausgebildet wurden, die uns bei ihm, gegen Ende des 13. Jahrhunderts, in völliger Vollendung, demnach als Ergebnisse einer längeren Entwicklungszeit entgegentreten, lassen sich vorerst nicht beantworten, und gehören zu den dunkelsten, weiterer Aufklärung bedürftigsten, in der ganzen Geschichte der Chemie⁠[5225]. Die Araber spielen auf diesem Gebiete keinesfalls die ihnen früher zugeschriebene, allgemein bahnbrechende Rolle, bleiben doch z. B. die so ungeheuer wichtigen, gegen 1300 auftauchenden Mineralsäuren, bei ihnen und im ganzen Bereiche der rein arabischen Chemie noch jahrhundertelang unbekannt und unbenützt. Dagegen weisen auch hier viele Umstände auf Italien hin: von dort scheint die nähere Kenntnis des Salpeters und die Bekanntschaft mit dem Schwarzpulver auszugehen; von „römischem Harz“, „Körnern der Franken“, „fränkischen Verfahren“ sprechen die jüngsten Einschiebsel der syrischen Manuskripte; mit dem Worte σαλονίτρον (Salonítron), das dem italienischen Salnítro nachgebildet ist, und nicht (wie zu erwarten wäre) mit ἁλονίτρον (Halonítron), bezeichnen die späten Byzantiner den Salpeter; „römischen Vitriol“ (richtiger Alaun) empfehlen ihre schon weiter oben erwähnten Rezepte zur Darstellung der Schwefelsäure und der Salpetersäure, die „ὕδωρ ἰσχυρόν“ (aqua fortis, ital. aqua forte) genannt wird (λέγεται), wenn sie den Helm, τὸ καπούτζιν (ital. capuccio, Kaputze), des Destillations-Apparates verläßt; ähnliche, dem Italienischen entlehnte Bezeichnungen für Chemikalien und chemische Verfahren finden sich auch sonst noch in größerer Zahl (s. oben).

Reich wie an wertvollen einzelnen Tatsachen erweisen sich die GEBERschen Schriften auch an wichtigen allgemeinen Betrachtungen; die besondere Originalität, die man für diese in Anspruch zu nehmen pflegt, kommt ihnen jedoch in Wahrheit nicht zu, und dies gilt vor allem, entgegen den Annahmen sämtlicher bisheriger Historiker der Chemie, für die Theorie vom Bestehen der Körper, und insbesondere der Metalle, aus Schwefel und Quecksilber. Dieser Gedanke, der vom chemischen Standpunkte aus ganz unbegreiflich, ja völlig widersinnig erscheint, ist in der Tat nicht chemischen Anschauungen entsprossen, sondern gewissen Grundsätzen spätgriechischer Philosophen: er beruht nämlich auf den Lehren, daß alle Körper wechselnde Mischungen sämtlicher vier Elemente enthalten müssen, daß unter diesen einerseits die „aktiven“, d. s. Feuer und Luft, andererseits die „passiven“, d. s. Wasser und Erde, zwei in vielen Hinsichten teils einander entgegengesetzte, teils einander ergänzende Gruppen bilden, und daß als deren geeignetste und geradezu typische Vertreter der brennbare und als Dunst verfliegende (also viel Feuer und Luft enthaltende) Schwefel, sowie das flüssige und metallische (also an Wasser und Erde reiche) Quecksilber anzusehen sind. Bereits in der großen arabischen Enzyklopädie der sog. „LAUTEREN BRÜDER“ (richtiger: „TREUEN BRÜDER“), die im 10. Jahrhundert abgefaßt ist, aber durchweg auf weit ältere Vorlagen zurückgeht, tritt diese Lehre (wie schon weiter oben ausgeführt wurde) im steten Verbande mit anderen rein griechischer Herkunft in völlig bestimmter, rein dogmatischer Gestalt auf und wird ohne jeden Anspruch auf Neuheit als etwas Selbstverständliches und zweifellos Feststehendes vorgetragen. Die späteren Araber haben sie demnach, wie so unzähliges andere, den Schriften älterer Vorfahren entnommen, allenfalls (ihren Gewohnheiten entsprechend) erweitert und verbreitert, und in dieser Gestalt ihren jüngeren Nachfolgern und Nachahmern zugebracht. Wenn also, wieder aus deren Werken schöpfend, z. B. der sog. GEBER sagt, der Schwefel (als dessen bloße Abart ihm auch das Arsen gilt) sei das Prinzip der Verbrennbarkeit und Flüchtigkeit, das Quecksilber bestehe aus Wasser und Erde, beide zusammen ergäben die Metalle, wobei ein höherer Gehalt an Schwefel die minderwertige Beschaffenheit, ein solcher an Quecksilber aber die größere Vollkommenheit bedinge, so daß u. a. Blei auf Zufuhr weiteren Quecksilbers hin in Zinn übergehe, usf.⁠[5226]: so kommen hier nicht, wie KOPP meinte⁠[5227], „Verwebungen der aristotelischen Lehren von den vier Elementen mit neuen Betrachtungen über Schwefel und Quecksilber in Frage“. Ebenso ist auch BERTHELOT im Unrecht⁠[5228], der in der Lehre vom Bestehen der Metalle aus mehr oder weniger großen Mengen Schwefel und Quecksilber von mehr oder minder hoher Reinheit eine „doctrine singulière“ erblickt, hervorgegangen vielleicht durch „modification profonde“ der Ideen des SYNESIOS und STEPHANOS über die Fixierung des Quecksilbers durch den Schwefel (bei der Bildung des Zinnobers); da sich in den Schriften des DSCHABIR nichts Zugehöriges findet, soll diese „modification“ erst im 11. Jahrhundert stattgefunden haben, und zwar wohl durch AVICENNA, worauf sie dann im 12. Jahrhundert aus den arabischen Originalen des AVICENNA und des PSEUDO-ARISTOTELES auch in Europa bekannt und dort alsbald allgemein angenommen wurde⁠[5229].

Wie indes schon weiter oben erwähnt, ist AVICENNAS „De anima“ benannte „Alchemie“ selbst eine ganz späte pseudepigraphische Schrift, für die man ein arabisches Original weder kennt noch vorauszusetzen hat, deren Verfasser aber vermutlich mit den älteren arabischen Quellen vertraut war und vieles aus ihnen schöpfte⁠[5230]. Beweisen, wie den von BERTHELOT versuchten, kann sie daher als zureichende Grundlage nicht dienen.

Das nämliche gilt betreffs der Abhandlung „De perfecto magisterio“ („Vom vollkommenen Elixir“) des PSEUDO-ARISTOTELES und der mit ihr vielfach genau übereinstimmenden Schrift „Lumen luminum“ („Licht der Lichter“) des ALRAZI, richtiger (wie ebenfalls bereits weiter oben dargelegt) PSEUDO-RAZI. Diese dürfte, da ihrer VINCENTIUS BELLOVACENSIS noch nicht gedenkt, erst nach 1250 abgefaßt sein⁠[5231] und zeigt streng scholastische Eigenart, mindestens in ihrer ursprünglichen, in den Pariser Manuskripten erhaltenen Fassung, denn eine spätere (u. a. im „Theatrum Chemicum“ von 1616 abgedruckte) enthält zahlreiche Interpolationen aus dem arabischen (?) „Buch des Emanuel“ und „Buch der zwölf Wässer“⁠[5232]; sie definiert die Chemie als eine irdische Astrologie, erörtert daher in eingehender Weise die Beziehungen der Metalle zu Planeten und Geistern, und bespricht die Darstellung von Gold und Silber mit Hilfe des Elixirs, das der „Stein der Philosophen“ und zugleich das „Wasser des ewigen Lebens“ (aqua vitae) ist⁠[5233]. — Den gleichfalls pseudepigraphischen Charakter der dem VINCENTIUS BELLOVACENSIS noch unbekannten Abhandlung des PSEUDO-RAZI „De salibus et aluminibus“ („Über Salze und Alaune“) erkannten schon 1832 SCHMIEDER[5234] und 1866 STEINSCHNEIDER[5235], welcher letztere bemerkt, daß der Verfasser sich selbst als in Spanien wohnhaft bezeichnet, von einem Vitriol als „bei uns in Spanien vorkommend“ spricht⁠[5236] und neben GEBER auch GILGIL zitiert, d. i. IBN DSCHULDSCHUL, der um das Jahr 1000 in Spanien wirkte; KOPP gibt diese Angaben ausführlich wieder⁠[5237], während BERTHELOT auch hier seine Vorgänger vollständig übergeht⁠[5238].