Den im vorstehenden genannten apokryphen und pseudepigraphischen Schriften, sowie ihren gleichartigen Nachahmungen und Erweiterungen, verdanken den Hauptteil ihrer einschlägigen Kenntnisse diejenigen Autoren des 13. und beginnenden 14. Jahrhunderts, aus deren Werken, echten oder abermals untergeschobenen, das ganze weitere Mittelalter und die Neuzeit (bis fast zur Gegenwart) ihre alchemistische Weisheit schöpften, das sind ALBERT DER GROSSE, THOMAS VON AQUINO, VINCENTIUS BELLOVACENSIS, ROGER BACON, ARNOLDUS VON VILLANOVA und RAYMUND LULL[5239]. Daß schon bei ihnen, geschweige denn bei ihren Nachfolgern, die alten hellenistischen Traditionen der Alchemie sowie die griechischen Eigennamen und Fachausdrücke teils ganz der Vergessenheit anheimfallen, teils nur mehr undeutlich und entstellt unter der immer dichteren Schicht „arabischen“ Firnisses hindurchschimmern, vermag angesichts der geschilderten Art der Überlieferung nicht wunder zu nehmen. Auf die hohe allgemeine Bedeutung dieser Schriftsteller und auf die hervorragende Wichtigkeit ihrer eigentlichen, der Theologie, Philosophie, Medizin usf. zugehörigen Hauptwerke einzugehen, ist an dieser Stelle ganz ausgeschlossen, und es mögen daher einige wenige, nur die Geschichte der Chemie und Alchemie betreffende Andeutungen genügen.
ALBERT VON BOLLSTAEDT, geboren 1193 zu Lauingen an der Donau, gestorben 1280 als emeritierter Bischof von Regensburg zu Köln, wegen seiner umfassenden und allseitigen Gelehrsamkeit ALBERTUS MAGNUS zubenannt[5240], zählt zu den Häuptern der Scholastik und schreibt, ihren Grundsätzen gemäß, nicht als selbständiger Forscher, sondern als vielbelesener Gelehrter, dessen Richtschnur die von der Kirche anerkannten „Autoritäten“ sind, und der als „zulässig“ nur solche Ergebnisse anstrebt und (anscheinend absichtslos) auch stets erreicht, die zu deren schon im voraus als unfehlbar feststehenden „Meinungen“ stimmen, mögen letztere nun der Wahrheit entsprechen oder nicht.
Was die chemischen Anschauungen des ALBERTUS MAGNUS betrifft, so ist die schon im 14. Jahrhundert vielgelesene Schrift „De mirabilibus mundi“ („Von den Wundern der Welt“), die u. a. vom Salpeter (sal petrosum), dem Schwarzpulver und der Herstellung von Feuerwerkskörpern (Raketen, Kanonenschlägen) berichtet, fraglos unecht[5241]; untergeschoben sind auch, wie man schon im 17. Jahrhundert einsah, das Buch „Compositum de Compositis“[5242], sowie die „Alchemie“ (Liber de Alchemia)[5243], die sich im Mittelalter gleichfalls großen Ansehens erfreute und nach BERTHELOT zu den ganz vereinzelten abendländischen Werken gehört, die noch in spätbyzantinischer Zeit unter dem Namen des Ἀμπέρτος Θεοτονικός (= ALBERTUS TEUTONIKOS, ALBERT DES DEUTSCHEN), in das Griechische übersetzt wurden[5244]. Echt sind dagegen die Bücher „De mineralibus“, aus denen (und aus einigen anderen Schriften) schon KOPP die wichtigsten einschlägigen Stellen ausgezogen und dazu bemerkt hat, daß aus ihnen teils rein aristotelische, teils arabische Lehren und Anschauungen sprechen[5245]: Die Metalle sind, wie alle Substanzen, aus sämtlichen vier Elementen zusammengesetzt, bestehen aber zunächst (der „materia proxima“ nach) aus mehr oder weniger großen Mengen mehr oder minder reinen Schwefels und Quecksilbers, von denen der flüchtige und verbrennliche (daher als „fettig“ bezeichnete) Schwefel vorwiegend Luft und Feuer enthält, das flüssige und metallische Quecksilber aber Wasser und Erde[5246]. Die Verwandlung der Metalle durch Tinkturen und Elixire, wie sie HERMES, PYTHAGORAS, KALLISTHENES, PLATON und ARISTOTELES lehrten, ist und scheint gemäß deren bisher unwiderlegter Autorität möglich, — von eigenen Erfahrungen ist nirgends die Rede —, und zwar erfolgt sie entweder auf dem Wege über die „Materia prima“, oder analog der „Säuberung“ kranker Körper durch „Medizinen“, die die Wirksamkeit der Natur unterstützen: indem die „affinitas“ und „cognatio“ (Affinität, Verwandtschaft) das gleiche zum gleichen ziehen, und ein Stoff stets in den nächstverwandten übergeht, entsteht schließlich das Gold, — nicht anders, wie auf dem besten und geeignetsten Boden aus jedem Getreidesamen Weizen hervorsprießt[5247]. Das weiße und gelbe Metall hingegen, die man aus Kupfer durch Arsen und durch Calamina (Galmei), oder durch die „ex fumo“ (aus Rauch) gewonnene Tuchia (Tutia) gewinnt, indem man sie mit Hilfe eines Flußmittels zusammenschmilzt und legiert (ligatur per oleum vitri supernatans), sind nicht Silber und Gold, obwohl das die Fälscher und Betrüger in Paris und Köln behaupten, sondern eine Art Erz (aes, aurichalcum)[5248].
Salmiak und Salpeter kennt ALBERTUS MAGNUS noch nicht[5249], dagegen erwähnt er verschiedene „Stiptica“, d. s. Alaune und Vitriole, z. B. weißen und roten, gelben (alkofol = feingepulvert) und grünen (alkanthus = chalkanthum), „der von einigen auch ‚Vitreolum‘ genannt wird“[5250]; daß, wie man lange Zeit glaubte, diese (vermutlich schon in der klassischen Zeit übliche) Bezeichnung hier zum ersten Male nachweisbar sei, ist irrtümlich, denn sie taucht (wie weiter oben angeführt) schon in den „Compositiones ad tingenda musiva“ auf[5251] und wird auch in den Kommentaren der salernitanischen Autoren als eine schon wohlbekannte gebraucht, z. B. in dem (um 1150 verfaßten) des PLATEARIUS zu dem weltberühmten „Antidotarium“ des NIKOLAOS[5252].
Mineralische Säuren sind dem ALBERTUS MAGNUS ebenfalls noch unbekannt; Essig bildet sich nach ihm, den antiken Traditionen getreu, aus dem Wein, indem dessen heiße und feurige Teilchen verfliegen, während die kalten zurückbleiben, — wodurch die so äußerst kalte Natur des Essigs ihre vollkommene Aufklärung erfährt[5253]. — Wird alter starker Wein „nach Art des Rosenwassers sublimiert“, so geht anfangs eine Flüssigkeit über, die „obenauf schwimmt, von ölartiger, fettartiger [d. h. verbrennlicher) Natur und leicht entzündlich ist“, „liquor supernatans, humor oleaginosus, unctuositas inflammabilis“, [d. i. der Alkohol][5254]; mit einem besonderen Namen bezeichnet sie ALBERTUS MAGNUS noch nicht, auch macht er keine näheren Angaben über die Destillation des Weines, während er an anderen Stellen der „Alutel“ zum „Sublimieren“, des Destillierhelmes (alembicus), sowie des Wasserbades (vas aquae bullientis) wiederholt gedenkt, ferner auch vom Quecksilber berichtet, daß man es in einem (nur unklar beschriebenen) Gefäße mit langem Halse und einer langen Röhre zur Verdichtung der Dämpfe fast ohne Veränderung und Gewichtsabnahme oft „sublimieren“ könne[5255].
Wie die meisten dieser Beispiele zeigen, schöpft ALBERTUS MAGNUS mit Vorliebe aus ARISTOTELES und PSEUDO-AVICENNA und bietet nur wenig Eigenes; den Ausspruch „die Flamme ist nichts als ein entzündeter Rauch“ nannte zwar KOPP „einen für seine Zeit anerkennenswerten“[5256], doch übersah er hierbei, daß diese Definition schon bei ARISTOTELES und bei GALENOS zu finden ist.
So wenig wie ALBERTUS MAGNUS ist auch VINCENTIUS BELLOVACENSIS (VINCENZ VON BEAUVAIS, gest. 1256 oder 1264), der gelehrte Vorleser und Prinzenerzieher am Hofe König LUDWIGS DES HEILIGEN, ein selbständiger Forscher; das umfangreiche Wissen, das sein um 1250 vollendetes „Speculum naturale“ (ein Teil seiner großen Enzyklopädie) verrät, gründet sich vielmehr ausschließlich auf vielerlei, meist ohne jede Kritik und ohne weitere Verarbeitung einfach aneinander gereihte Auszüge aus den klassischen Autoren, aus ISIDORUS HISPALENSIS (gest. 636), aus PSEUDO-RAZI, PSEUDO-AVICENNA[5257], nach BERTHELOT[5258] ferner aus AVERROES, aus der lateinischen Übersetzung des verlorenen arabischen „Buches der 70“ (dessen Kern das gleichnamige Werk DSCHABIRS sein soll)[5259], nicht aber aus DSCHABIR selbst (dessen Name jedoch zweimal genannt wird)[5260], und auch nicht aus GEBER[5261]. Über die Entstehung der Metalle aus Schwefel und Quecksilber, über die Metallverwandlung durch Tinkturen oder Elixire, sowie über die Erfolge der Projektion spricht er sich genau nach PSEUDO-AVICENNA und im nämlichen Sinne wie ALBERTUS MAGNUS aus, auch äußert er gleich diesem einige schüchterne Zweifel und bemerkt, daß die Alchemisten nicht selten auf trügerische Weise verfahren[5262]. Was er von den vier Geistern, vom Herauskehren der verborgenen Eigenschaften u. dgl. berichtet, ist gleichfalls dem PSEUDO-AVICENNA entlehnt[5263], ebenso der größte Teil dessen, was er über Metalle und Mineralien vorbringt; keine Erwähnung tut er des Alkohols und der mineralischen Säuren, die (wie schon wiederholt angedeutet) erst um und nach 1300, und zuerst im Okzident auftreten[5264].
Betreffs der übrigen weiter oben genannten „Autoritäten“ ist nur weniges hinzuzufügen: THOMAS VON AQUINO (1225 oder 1227–1274), die Leuchte der Scholastik, dessen Ruhm sehr mit Unrecht den seines Lehrers ALBERTUS MAGNUS überstrahlt, zweifelte zwar nicht an der Materia prima, ihren Wandlungen unter dem Einflusse der von Geistern geführten Gestirne, und ihrer Wichtigkeit für die Probleme der Herstellung des Goldes, des Lebenswassers und des Steines der Weisen, sowie für jene der Transmutation und der Alchemie[5265], hat aber fraglos selbst niemals wirklich eine „Alchemie“ verfaßt[5266] und sagt ausdrücklich mit aller Zurückhaltung: „machten die Alchemisten wahres Gold und Silber, der Substanz und nicht bloß dem äußeren Scheine nach, dann freilich wäre es auch nicht unerlaubt, es für wahres natürliches Gold und Silber zu verkaufen“[5267]. Desgleichen sind die dem ROGER BACON (1214–1292?) zugeeigneten alchemistischen Werke „Breve Breviarium“, „Tractatus trium verborum“, „Speculum Alchemiae“ u. dgl. bloße Pseudepigraphen. Schon KOPP hob richtig hervor, daß sie keine Spur der strengen Anordnung in logischer und der rühmlichen Bestimmtheit in sachlicher Richtung zeigen, durch die alle echten Werke R. BACONS in so hohem Maße hervorragen, namentlich auch da, wo er über die wahren Aufgaben der Chemie als Wissenschaft spricht[5268]: an Stelle der in Ansehung seiner Grundsätze zu erwartenden klaren Darlegung von Ergebnissen induktiver Forschungen und planvoller Versuche begegnet man in jenen Schriften vielmehr einem oft fast unverständlichen Durcheinander von aristotelischen Ideen, von wirren Theorien nach HERMES, OSTANES, PSEUDO-ARISTOTELES, PSEUDO-AVICENNA und GEBER, von mystischen Anpreisungen des „philosophischen Eies“ (als Präparat), des Gold, Gesundheit und Unsterblichkeit verleihenden Elixirs, usf.[5269].
In der 1914 erschienenen Festschrift zu R. BACONS 700jährigem Geburtstage hebt der Herausgeber, LITTLE, auch nur hervor, daß, gleich allen seinen Zeitgenossen, auch BACON (schon unter dem Einflusse der geozentrischen Weltanschauung) an Astrologie geglaubt habe[5270] und ebenso an Alchemie, daß aber seine sog. alchemistischen Werke ein wahres Chaos darstellen, in das zunächst einige Ordnung gebracht werden müsse[5271]. Diese Aufgabe zu lösen ist aber MUIR, der ihr eine besondere Abhandlung widmete[5272], nicht gelungen, und als einziges Ergebnis bleibt daher vorerst das rein negative bestehen, daß wohl keine der zahlreichen Schriften, wie sie gedruckt und ungedruckt vorliegen[5273], als von BACON selbst verfaßt anzusehen sei. Wo dieser sonst, in seinen echten Werken, auf Alchemie zu sprechen kommt, versteht er unter „Alchemia speculativa“ die Kunst „Metalle zu verwandeln vermöge gewisser Umänderungen der in ihnen enthaltenen Elemente“, und was er hierüber, sowie über die Gold und langes Leben verleihenden Medizinen vorbringt, knüpft größtenteils an die einschlägigen Lehren des PSEUDO-ARISTOTELES an[5274].
Was endlich die sehr zahlreichen und umfangreichen alchemistischen Abhandlungen des ARNALDUS von VILLANOVA (1235 oder 1248 bis 1312 oder 1314?) und des RAYMUND LULL (1236–1315?) anbelangt, so sind sie, wie schon KOPP anführte[5275], in bahnbrechender Weise aber erst HAURÉAU bewies, sämtlich durch katalanische und provençalische „Schüler“, oder durch Verfasser, die sich als solche ausgaben, untergeschoben, zumeist erst während des 14. Jahrhunderts[5276]; demgemäß zitieren sie, neben ALBERTUS MAGNUS[5277], sehr oft den GEBER[5278], und verraten, bei sonst nicht wesentlich erweitertem empirischem Wissen, eine recht genaue Kenntnis des Alkohols und der mineralischen Säuren[5279]. Im übrigen sprechen sie mit größter Bestimmtheit über die Transmutation, den „Stein der Weisen“, der unendliche Reichtümer, Gesundheit und langes Leben verleiht, und zeigen sich auch sonst gänzlich durchdrungen von den abergläubischen Vorstellungen aller Art, die jenes Zeitalter völlig erfüllten und zu einem der dunkelsten des Mittelalters gestalteten; diese sind jedenfalls zu einem großen Teile aus den „halb philosophischen, halb astrologischen“ Werken geschöpft, die nach P. PARIS seit dem 12. Jahrhundert besonders zahlreich in Spanien verfaßt und von ihren Autoren in rein willkürlicher Weise irgendwelchen gelehrten Arabern, Syrern und Juden, oder beliebigen anderen, genügend berühmten und als „Autoritäten“ angesehenen Männern zugeschrieben wurden[5280].