Nicht des näheren eingegangen, sondern nur kurz hingewiesen werden kann an dieser Stelle auf die Beziehungen der Alchemie zur Kunst, die wesentlich durch jene zu den 7 Planeten bedingt sind.
Zu Alexandria, woselbst, wie weiter oben dargelegt, der Kult der Planeten, gefördert von den Gnostikern, Mithrasverehrern, Neuplatonikern usf. erst zu voller Entwicklung und vielseitigster Bedeutung gelangte, dürften auch die Urbilder, aus ihnen aber wieder die bleibenden Typen jener plastischen und zeichnerischen Darstellungen entstanden sein, die u. a. als Vorlagen der in den ältesten astrologischen Codices des Mittelalters auftauchenden und aus diesen dann auch von den meisten jüngeren Handschriften übernommenen Miniaturen anzusehen sind. Sichtlich zeigen sie sich durchaus beeinflußt von der Antike, namentlich auch von der spätrömischen und byzantinischen Verehrung der Planeten als Tagesgottheiten, die bereits im Laufe der Kaiserzeit große Verbreitung und allgemeine Volkstümlichkeit erlangt hatte[5415].
Aber auch für den Osten wurden jene „hellenistischen Typen“ maßgebend, allerdings in „orientalisierter Gestalt“; verraten doch die islamischen Darstellungen der Planeten[5416], deren älteste auf einer Messingkanne des 12. Jahrhunderts und in der Damascener QAZWINI-Handschrift von 1366 vorliegen, ein sichtlich schon längst[5417] feststehendes Gepräge deutlich synkretistischer Art, dessen orientalischer Bestandteil in letzter Linie auf die chaldäischen Planetengötter zurückgeht[5418] und hauptsächlich wohl durch die Ssabier übermittelt wurde, mit deren Angaben über die Gestalten der Planeten-Idole und über die zugehörigen Symbole, Farben, Kleidungen usf. die islamischen Nachbildungen durchaus übereinstimmen[5419]. Erst seit dem 12. Jahrhundert sollen diese aber weitere Verbreitung in den muslimischen Kreisen und durch sie auch in jenen der westlichen Mittelmeer-Völker gewonnen haben, und zwar kamen den letzteren nicht nur, wie man früher annahm, bloße Beschreibungen (aus litterarischen Quellen) zu, sondern auch die charakteristischen Abbildungen, die sich u. a. noch in den farbigen Miniaturen alchemistischer Handschriften (z. B. des GEBER, gegen 1300) unverkennbar erhalten haben[5420]. Die Frage, durch wen und wo diese Weitergaben im einzelnen erfolgten, läßt sich vorerst nicht ausreichend beantworten; eine der Stellen, denen hierbei eine wichtige Rolle zufiel, war aber zweifellos der am Hofe des kastilischen Königs ALFONS X. tätige Gelehrtenkreis, dem um 1240 die sog. „Picatrix“ entsprang, ein Buch, das u. a. (natürlich nur indirekt) aus ssabischen Quellen, z. B. aus dem „Ghâjat“ schöpfte und in seinen Planeten-Beschreibungen bei JUPITER, dem „großen Glücke“[5421], sowie bei MARS ausdrücklich auch deren Metalle erwähnt, bei MARS den Ring aus Kupfer und die Räucherpfanne aus Eisen[5422]. Die „Picatrix“ gehört anscheinend mit zu den Vorlagen des von MICHAEL SCOTUS, dem Hofastrologen Kaiser FRIEDRICHS II., gegen 1250 vollendeten großen astrologischen Traktates, in dem die alten chaldäischen Astralgötter, wenn auch nicht nochmals neu- so doch umgebildet, nunmehr auch in mittelalterlichem Gewande und Äußeren erscheinen[5423]. Den SCOTUS versetzt DANTE (um 1300) in die Bolge der falschen Wahrsager und Zauberer[5424], da er selbst, ganz so wie ALBERTUS MAGNUS (gest. 1280), der ausschließlich griechische, jüdische oder arabische Autoren astrologischer Schriften nennt, vom christlichen Standpunkte aus die gesamte Sterndeuterei völlig verwirft[5425]. Im übrigen schließt er sich, gleich THOMAS von AQUINO, der schon von ORIGENES gebilligten Lehre an, daß die Planeten von Schutzengeln geistigen Wesens (substantiae spirituales) gelenkt und geleitet werden und spricht diese daher im „Paradies“, sowie in der zweiten Canzone des „Gastmahles“ (Convito) mit den Worten an: „Voi, che intendendo il terzo cielo movete“. GILDEMEISTER übersetzt sie[5426]: „O Ihr, Die Ihr den dritten Himmel lenkt, erkennend,“ KANNEGIESSER[5427]: „Die denkend Ihr bewegt der Himmel Dritten“. Indem DANTE den 7 Planeten die 7 Sphären sowie die 7 Reihen der Seligen, im „Gastmahl“[5428] aber auch die 7 Wissenschaften des Tri- und Quadriviums zuordnet, bahnt er einen ersten Schritt in der Richtung der künstlerischen Darstellungen enzyklopädischer Art an, die allmählich, und besonders seit der Zeit der Renaissance, das Übergewicht über die älteren, wesentlich vom mittelalterlich-scholastischen, kirchengemäßen Geiste getragenen erlangten[5429].
Betreffs einer der frühesten Wiedergaben der 7 Planeten (anscheinend auf Wandteppichen), von der gegen 1107 das sehr merkwürdige Gedicht des Abtes BAUDRI über „Das Schlafgemach der Gräfin ADELE von BLOIS“ berichtet, läßt sich leider Näheres nicht angeben, da der von SCHLOSSER veröffentlichte Auszug gerade an dieser Stelle große Lücken aufweist[5430]; auch über die Miniaturen der im Britischen Museum befindlichen, gegen 1320 vollendeten lateinischen Übersetzung der „Astronomie“ des ALBUMASAR (= ABU MASCHʿAR, gest. 886) ist Genaueres nicht bekannt[5431], was desto bedauerlicher erscheint, als dieser Autor wieder Vieles aus der „Sphaera“ des TEUKROS von BABYLON schöpfte, die ihm allerdings nur in persischer Übersetzung zugänglich war[5432].
Von Werken der italienischen Frühkunst kommen in Betracht: die Planeten-Fresken des LORENZETTI im Rathause zu Siena, 1338–1341[5433]; die dem TALENTI, einem Schüler PISANOS, zugeschriebenen Reliefs am Campanile zu Florenz, um 1350[5434]; der Cyclus des BONAJUTI in der spanischen Kapelle zu Florenz, gegen 1370[5435]; die Gruppe an einer Säule des Dogenpalastes zu Venedig, um 1350 oder 1400[5436]; die Fresken des GUARIENTO (?) in der Kirche der Eremitani zu Padua, um 1365 oder 1400[5437]; die Fresken des MIRETTO (aus der Schule GIOTTOS) im Justizpalast zu Padua, um 1420[5438]; die Gemälde des DUCCIO in der Malatesta-Kapelle zu Rimini, um 1455[5439]; die des COSSA im Schlosse Schifanoja bei Ferrara, gegen 1470[5440]; die des PERUGINO an der Decke des Audienzsaales im Gebäude der Wechslerzunft (Cambio) zu Perugia, um 1499[5441]; die des RAFFAEL in der Kirche Sta. Maria del popolo zu Rom, um 1516[5442]. Bei den älteren unter ihnen fehlen ins einzelne gehende Einflüsse der bekannten Übermittlungen ganz, es sei denn, daß (wie schon bei LORENZETTI) die Sonne, statt ihrer aber oft auch der JUPITER, in Gestalt eines Königs mit der Krone erscheint, wie einstens MITHRAS[5443]. Erst in der Gruppe des Dogenpalastes (1350, 1400) führt MERKUR die Bezeichnung „Stilbons“ (= στίλβων, Stilbon, der Glänzende) und hält MARS ein Banner mit der Inschrift „De ferro sum“ (Ich bin aus Eisen)[5444], und bei MIRETTO (1420) trägt letzterer Gott einen roten Mantel[5445]; dieser Künstler bildet auch zum ersten Male MERKUR als Astrologen ab[5446], während ihn DUCCIO (1455) als HERMES PSYCHOPOMPOS auffaßt und mit Schlangenstab und Mandoline ausstattet, an deren Stelle bei COSSA (1470) eine Geige tritt, beide als Ersatz der antiken Leyer[5447]. PERUGINO greift schon ganz offenbar auf die antiken Typen zurück, nach Art der in den gleichzeitigen Holzschnitten zum „Astrolabium“ des JOH. ANGELUS (Venedig 1494) und in den Stichen des BALDINI zutage tretenden[5448], und bei RAFFAEL vollends tragen die Planeten die ausgesprochene Gestalt der alten Götter, werden aber zugleich von Engeln geleitet[5449]. Nur sehr langsam, dem allmählichen Fortschritte entsprechend, der zur Entfaltung der Renaissance führt, ändert sich also auch die Auffassung und Nachbildung der Planeten; erst das volle, für die Höhezeit der Renaissance so bezeichnende Wiederhervortreten der mystischen, abergläubischen und astrologischen Elemente[5450] bringt sie auch als Tagesgötter und Vertreter der Siebenzahl-Theorie abermals zu Ehren[5451], lehrt aufs neue ihren Zusammenhang mit Metallen, Steinen, Pflanzen, körperlichen Teilen und geistigen Eigenschaften, Lebensaltern, Farben, Gerüchen, Tönen, Buchstaben usf.[5452] und veranlaßt ihre schon oben erwähnten enzyklopädischen Darstellungen in Verbindung mit den 7 Tugenden und Lastern, Sakramenten und Todsünden, Wissenschaften und Künsten, mit den Musen als Vorsteherinnen der Sphärenharmonie und Leiterinnen der Himmel und Himmelskörper[5453], mit den Propheten und Heiligen, oder mit den Jahreszeiten und Tierkreisbildern. Ein Versuch, die fernere künstlerische Entwicklung der einschlägigen Gestalten, der Symbole und Attribute, der für die Planeten genau zu berücksichtigenden Farbengebung usf., im einzelnen zu erörtern, ist aber an dieser Stelle ausgeschlossen.
Die ziemlich zahlreichen alchemistischen Gemälde und Stiche aus späteren Zeiten stellen teils die von auffälligen Apparaten und seltsamem Urväter-Hausrat erfüllten Laboratorien dar, teils tragen sie, gleich den bekannten TENIERSschen, den Charakter von satirischen oder Genre-Bildern; Belehrung über die Geschichte der alten Alchemie bieten sie daher nicht mehr.