Was nun die angebliche Erfindung des campanischen Bischofs PAULINUS von NOLA anbelangt, so handelt es sich hierbei offenbar um eine Sage, wie schon die Tatsache zeigt, daß bereits bei dem spätrömischen Dichter AVIENUS (um 350) das Glöckchen am Hundehalsbande „nola“ heißt[6062]; aber völlig dürfte sie des geschichtlichen Hintergrundes nicht ermangeln. Wie schon oben erwähnt, hatte nämlich die römische Bronze-Industrie ihren Hauptsitz in Campanien, insbesondere aber in Capua. Diese Stadt, um 600 v. Chr. von den Etruskern ins Leben gerufen und über 150 Jahre lang ein rein etrurisches Gemeinwesen, scheint u. a. auch die Kunst des Bronzegusses von ihren Begründern übernommen und in den folgenden Jahrhunderten sorgfältig und unter ausschließlicher Verwendung der besten Rohstoffe gepflegt zu haben[6063]; von maßgebender Einwirkung war hierbei jener in Süditalien („Groß-Griechenland“) stets mächtige griechische Einfluß, der Capua zu einem Mittelpunkte der Kunstindustrie überhaupt und zur berüchtigten Stätte des Luxus und Wohllebens machte, die noch CICERO ein zweites Rom (Roma altera) benannte[6064]. Capuanische Bronzewaren fanden bereits seit dem 5. Jahrhundert v. Chr., in größerem Umfange aber seit der Begründung Aquilejas zu Beginn des 2., ihren Weg nach dem Norden (teils über den Brenner, teils durch Pannonien) und bleiben unter den dortigen Funden, trotz allen Wechsels der Verhältnisse, bis in das 3. nachchristliche Jahrhundert hinein nachweisbar, namentlich in Gestalt charakteristischer Bronze-Eimer[6065]. Aber auch im Inlande waren sie hochberühmt[6066]; der alte CATO (gest. 149 v. Chr.) rät, Bronzegefäße nur in Capua einzukaufen, zur Zeit des AUGUSTUS bewirkten griechische Künstler daselbst einen neuen Aufschwung der Industrie[6067], HORAZ preist sein campanisches Bronzegeschirr (campana supellex)[6068], PLINIUS lobt das campanische Erz als das beste, reinste, von Blei freie[6069], und wenn auch im späteren Verlaufe der Kaiserzeit ein Rückgang in künstlerischer Hinsicht eintrat, so dauerte doch die Massenerzeugung stets weiter fort, wie u. a. noch der HORAZ-Kommentator PORPHYRIO im 3. Jahrhundert bezeugt[6070]. Um diese Zeit hatte aber das Christentum schon seit langem in Capua Boden gefaßt, die Stadt besaß bereits eine größere christliche Gemeinde[6071] und eine „Basilika der Apostel“[6072], und es ist daher durchaus glaublich, daß sich die Umgestaltung der Lärmtafel oder des oben erwähnten Schallgefäßes (vas) zur eigentlichen Glocke hier vollzog[6073]; gehörten doch „glockenförmige“ Eimer und Mischgefäße zu den althergebrachten Erzeugnissen der dortigen Künstler, denen auch die zum Gusse der ersten Glocken erforderliche, keineswegs gering zu veranschlagende Geschicklichkeit und Erfahrung zuzutrauen ist[6074]. Ob nun, wie anzunehmen, die Glocken den Namen „Campana“ nach dem des Landes Campanien und Capuas empfingen, — denn VARRO sagt ausdrücklich, daß das richtige Wort für alles aus Capua stammende campanus ist und nicht capuanus[6075] —, oder etwa nach dem campanischen Erze, dem aes campanum des PLINIUS, oder nach der Art ihrer Aufhängung, d. i. jener der längst gebräuchlichen „statera campana“, der campanischen Schnellwage[6076] usf., muß vorerst dahin gestellt bleiben; jedenfalls erhielten sie ihn aber erst gelegentlich ihrer Weiterverbreitung, also schon außerhalb Campaniens oder Capuas. In dieser Stadt selbst aber, in der, wie in ganz Süditalien, der griechische Einfluß jederzeit ein herrschender und die griechische Sprache eine allgemein gebräuchliche blieb[6077], dürften die Künstler, die zum ersten Male die Glocken „dumpf zusammen hallen“ ließen, dem Glockengute die Bezeichnung χαλκὸς βροντήσιος oder κρᾶμα βροντήσιον, „donnerschallendes Kupfer oder Erz“, erteilt haben, sei es, daß sie sie selbst erdachten, oder schon samt den unvollkommeneren Vorbildern vom Osten her übernahmen; aus diesem Brontesios oder Brontesion gingen dann, als seine Bedeutung und Herkunft in Vergessenheit gerieten oder nicht mehr verstanden wurden, die entstellten Namen Brandisium, Brindisium, Brondisono usf. hervor, und aus diesen wieder, oder mit ihnen zugleich, die im Volksmunde vermutlich längst gebräuchlichen Abkürzungen Brontea oder Brontia[6078], die unmittelbar zu „Bronzo, Bronza, Bronze“ hinüberleiten. Diminutiva technischer Namen auf -ίον sind nach SCHMIDT charakteristisch für die späte, vulgär-griechische Arbeitersprache[6079], und dieser Umstand spricht daher gleichfalls für die Ableitung des Wortes βροντήσιον von βροντή, dem Donner; aus ihr erklärt sich auch DUCANGES Angabe, daß Bronzina, neben „vas bronzinum“ die älteste der einschlägigen, frühmittelalterlichen Bezeichnungen, ein „tormentum bellicum“ bedeutet[6080], also eine jener Kriegsmaschinen, die bei Angriffen und Belagerungen nach zahlreichen Berichten „unter donnerartigem Getöse“ mächtige Steine und Felsblöcke schleuderten. Des weiteren macht der dargelegte Zusammenhang verständlich, daß nicht nur „Bronzo“ bis in das 17. Jahrhundert hinein ohne weiteres als Synonym von „Glockenspeise“ gebraucht wird, — so noch von BECHER (1635 bis 1675)[6081] —, sondern auch umgekehrt „Glockenspeise“ jederlei Bronzeguß bezeichnet; so z. B. sagt VITALIS DE FURNO (1247–1327), „unter Erz verstehe man das, woraus die Glocken gegossen werden“ (aes vocamus, unde fiunt campanae)[6082], und VERANZIO spricht um 1595 von der zum Bau einer Brücke erforderlichen Glockenspeise[6083]. Doch sei hervorgehoben, daß in Deutschland, wo im 9. Jahrhundert Kirchenglocken schon allgemein gebräuchlich wurden und Glockengießer u. a. in Aachen urkundlich nachgewiesen sind[6084], der Name Bronze erst spät auftaucht; er fehlt z. B. in den zahlreichen von SCHLOSSER gesammelten Dokumenten frühmittelalterlicher Kunst[6085], sowie bei THEOPHILUS PRESBYTER, der um 1100, und angeblich in Deutschland, in seiner „Schedula diversarum artium“ (Verzeichnis verschiedener Künste oder Kunstgriffe) auch ausführliche Vorschriften über Glockenguß bringt[6086], die er jedoch zum Teil unzureichend wiedergegeben oder auch selbst nicht richtig aufgefaßt hat[6087]. Eine genaue und zutreffende Beschreibung findet sich auffälligerweise erst 1540 in der „Pirotecnia“ des BIRINGUCCI[6088], der aber wieder vielfach aus deutschen Quellen geschöpft zu haben scheint.
Nach der Lehre der katholischen Kirche, wie sie im Abschnitte „De benedictione Signi vel Campanae“ (Über das Weihen des Signum oder der Campana) des „Pontificale romanum“ niedergelegt ist, besitzt die Glocke, das „vasculum ad invitandos filios sanctae Ecclesiae“, das „Gefäß, das die Kinder der heiligen Kirche zusammenruft“, die Kraft, böse Geister und Gespenster aller Art zu verscheuchen, Unwetter und Stürme hinweg zu treiben, Blitz- und Donnerschläge abzuwenden[6089]. Diese Anschauungen sind ein Erbteil der Antike. Allgemein war in ihr der Glaube, den die Glöckchen, Cymbeln, Erzbecken und Sistren der Priester, Hierophanten, Schwärmer und Mysten bezeugen, daß der Klang des angeschlagenen Erzes als der einer Götterstimme anzusehen sei, daher reinige und sühne, Beschwörungen und Zauber breche, Dämonen und böse Geister banne[6090]. Auf ihn gründete sich die Überzeugung der Kirche und des gesamten Mittelalters, daß der Teufel und seine höllischen Heerscharen den Schall geweihter Glocken fliehen müssen, daß man sie daher durch Glockenläuten vertreiben könne und samt ihnen, durch „Wetterläuten“, auch die durch ihre Bosheit erregten Wirbelwinde und Stürme, Nebelschwaden und Gewitter[6091]. Ebendeshalb sollte es dem Blitze völlig unmöglich sein, in eine Glocke zu schlagen, namentlich in eine tönende[6092]; „fulgura frango“ ist daher der Wahlspruch, der so recht eigentlich der Glocke geziemt, der sie als echte Erbin jenes das Blitzesfeuer löschenden Donnersteines Brontia kennzeichnet und der abermals, von wiederum anderer Seite her, die Abstammung der Bronze vom donnerschallenden Erze Brontésion bestätigt.