Im Manuskript B liegt der Text des Buches vom „Gold- und Silber-Machen“ in erheblich abgeänderter und interpolierter Gestalt vor, doch weist diese ebenfalls vielerlei Beachtenswertes auf.
Grundlage des „großen Werkes“ ist auch hier das Blei, besonders „unser Blei“ [Antimon] aus Stimmi[511], sowie das Blei aus der blei-[in Wahrheit zink-]haltigen Kadmia Kleinasiens und Thraziens[512]. So wie man Wolle in einer Lösung von Alaun und Teig (μάζα, Máza) des Fukus-Extraktes zu Purpur, und so wie man Glasflüsse zu Edelsteinen und Perlen „färbt“, so hat man auch beim „Blei“ zu verfahren, und das Quecksilber mit Schwefel, Arsen, italischem Stimmi, Magnesia u. dgl. zu fixieren und zu tingieren[513]. Die richtig bereitete Masse, die als Streupulver die Verwandlung der unedlen Metalle in Silber und Gold bewirkt, ist ein Stein, aber auch kein Stein, sie hat nur einen Namen, aber auch zahllose geheime und offenbare, sie ist überall und nirgends, billig und teuer, schwer zu finden und doch so gemein, daß man sie auf den Düngerhaufen wirft, usf.[514]; sie ist „das Werk der großen Philosophen“, „die Wundertat der Kunst“, und heilt, entsprechend angewandt, auch alle Krankheiten[515].
Die Vermehrung der Edelmetalle geschieht durch „Diplosis“, zu der man Kupfer, Zinn, Blei, Antimon und cyprisches Quecksilber benützt[516]; ferner auch Klaudianon und sonstige Legierungen[517], sowie noch andere Zusätze, z. B. Kalaïs [hier eine kupferhaltige Substanz?] oder das schön weiße Alabastron [vielleicht ein Antimonoxyd?][518]. Vergoldung nimmt man mittels Goldamalgam vor, denn das Quecksilber löst Gold leicht auf und dient daher auch zum Ausziehen der Goldreste aus der Asche alter goldgestickter Kleidungsstücke[519]; mittels Galle, glänzender Firnisse u. dgl. bewirkt man ebenfalls Vergoldung, und auf derlei Weise lassen sich, neben den echten Gold- und Silberschriften, auch unechte, weniger dauerhafte, herstellen[520]. — Will man sich einer Geheimschrift bedienen, so schreibt man mit Galläpfelauszug auf χάρτη (Karte, Papyrus) und läßt trocknen; erst beim Befeuchten des anscheinend leeren Blattes mit einem Auszug aus Misy treten die Züge lesbar hervor[521], [indem sich das im Misy vorhandene Eisen mit der Gerbsäure der Galläpfel verbindet].
Wie aus dem Angeführten ersichtlich ist, enthalten die vorgeblichen Werke des DEMOKRITOS, — denn daß unter seinem Namen auch seine Schüler schrieben, wird ausdrücklich zugestanden[522] —, in dieser syrischen Einkleidung zahlreiches erst nachträglich seitens der Übersetzer und Bearbeiter Eingefügte, und erweisen sich daher als Pseudepigraphen zweiten Grades. Sie berufen sich auf Autoren, die wie ZOSIMOS, PIBÊCHIOS und KRATES einer späteren Zeit angehören[523]; sie benützen aus Syrien, Persien und Arabien stammende, und oft in den Sprachen dieser Länder benannte Präparate, z. B. Wars (ein hellgelber Farbstoff)[524], Markasit (= Pyrit)[525], „persisches Arsen“ und „persische Tochter“[526], Schwefel aus Irak[527], Schakk (arab. = Arsen)[528], Kohol (arab. = feines Pulver)[529], „Chelidonium, arabisch Kurkuma geheißen“[530]; sie vergleichen die Krystalle des Sublimates (Quecksilberchlorides) mit denen des Kandiszuckers[531], der vor der arabischen Eroberung Ägyptens unbekannt ist; sie rühmen „indische“ Stoffe, wie Tinte (Tusche?) und Stahl[532]; sie gebrauchen für das Metall Zinn das erst in jüngerer Zeit (s. unten) aufkommende Synonym „Zeus“[533]; sie bringen vielerlei, wenn auch meist wenig übersichtliche Gewichtsangaben bei, usf. Endlich treten auch in auffälligem Maße theoretische und abergläubische Vorstellungen in den Vordergrund; zu den ersteren zählt u. a. die Idee vom Vorhandensein des Quecksilbers in allen Stoffen und besonders in den Metallen, zu den letzteren die von der Herstellung des goldverwandelnden Wunderpulvers und des „Steines“, aus dem er bereitet wird, sowie von dessen mysteriösen Eigenschaften. Entstammt nun auch vieles dem Gesichtskreise dieser syrischen Übersetzungen Zugehörige und im Zusammenhange erst weiter unten zu Erörternde, einer bedeutend jüngeren Epoche als der angeblichen des DEMOKRITOS, so reichen doch die Wurzeln solcher Anschauungsweisen nicht selten bis in beträchtlich frühere Zeiten zurück; trotz aller Unsicherheiten im einzelnen schien es daher gerechtfertigt, auch die syrischen Überlieferungen an dieser Stelle im Anschlusse an die sogenannten „echten“ Lehren des DEMOKRITOS zu behandeln, und so die Fäden eines wenn auch noch so lockeren Zusammenhanges nicht völlig zu zerreißen.
Anhangsweise sei noch einiger Fragmente gedacht, die sich in den syrischen Manuskripten, allerdings nur in sehr entstellter, auch gewisse gnostische Einflüsse verratender Fassung, erhalten haben[534]. Nach diesen schrieb DEMOKRITOS sechs Bücher über Blei, Zinn, Eisen, Kupfer, Quecksilber und „Silberblei“ (Asem?), über die „Götter der Metalle“, über Edelsteine, bunte Glasflüsse und Purpurfärberei[535]; sodann eine Abhandlung über die Bereitung des wunderbaren „Steines, der kein Stein ist“ und der „die Samen“ der beiden Edelmetalle in sich führt, weshalb er sie auch wieder hervorzubringen vermag[536]; ferner ein Buch über die Kunst des Gold- und Silber-Machens[537]; endlich auch ein Werk, enthaltend die aus dieser „philosophischen“ Kunst hervorgehende medizinische[538], — wobei wohl an die Einflüsse des Xerions auf Leben und Gesundheit zu denken ist, sowie an die sog. „Sphaera des DEMOKRITOS“, eine iatro-(medico-)chemische Tafel, die u. a. den Verlauf von Krankheiten voraussehen läßt und sich bereits in einem dem Leidener Papyrus angehörenden Stücke vorfindet[539].
Alle solchen Lehren sollen strengstens als Geheimnisse gehütet und nur den als würdig Befundenen anvertraut werden, unter besonderen Cerimonien und magischen, die Geheimhaltung betreffenden Beschwörungen[540]. Mit derlei Künsten muß aber der des großen Werkes Beflissene auch in anderer Hinsicht Bescheid wissen, denn wenn z. B. vorgeschrieben wird, sich mit Harn gewisse Buchstaben und Zeichen auf den Arm zu malen und sie durch Aufstreuung von Kohlenpulver sichtbar zu machen, so erfahren wir aus dem syrischen Bibelkommentar des hl. EPHRAIM (4. Jahrhundert), daß es solcher, durch die hl. Schrift verbotener Zaubereien, als Schutzmaßregeln gegen die mitwirkenden, den Erfolg manchmal fördernden, sehr oft aber gefährdenden Geister und Dämonen bedurfte[541].
Kulturgeschichtlich interessant ist es, daß die syrischen Schriften als Gegensatz des tiefsinnigen, wahrheitsliebenden und klaren DEMOKRITOS keinen anderen hinstellen als HOMER, der ein elender Betrüger war, die große und heilige Kunst verdunkelte und fälschte, ihre Lehren weder zu verstehen noch darzustellen verstand und daher die Götter sowie den ACHILLEUS nur als „falsche Symbole“ hinzustellen wußte[542].