Bloß auch irrten da Arme herum, die der Schultern entbehrten;
Augen auch schweiften vereinzelt noch unteilhaftig der Stirnen,
Vieles erwuchs mit doppelter Brust und doppeltem Antlitz;
Rind mit Menschengesicht ward dieses, dagegen ein anderes
Mensch mit dem Haupte des Stiers, und Gemischtes zum Teil von dem Manne,
Teils in des Weibes Natur aus zarten Gliedern gebildet.“
Ueberweg[579] meint wohl mit Recht, der Unterschied dieser Hypothese des Empedocles von derjenigen Häckels sei nur ein relativer; jedenfalls liegt die Erinnerung an den Häckelschen Urschleim und dessen Bathybius bei Lektüre dieser grotesken Schöpfungspoesie sehr nahe.
Auch einige sonstige physiologische Lehren des Empedocles bieten ein ähnliches Interesse für eine vergleichende Theorie spekulativer Naturphilosopheme, wie sie sich zu allen Zeiten, auch heute noch bei Leuten, denen die Elemente der Physik ein kabbalistisches Geheimnis geblieben sind, wiederholt finden. So z. B. seine Theorie des Sehens. Zufolge dieser Theorie müßten wir eigentlich im Dunkeln am besten sehen können. Er meint nämlich, daß das Sehen durch eine Ausströmung von Strahlen aus dem Auge zu den Gegenständen hin geschehe, „feine Netze halten im Auge die Masse des umherschwimmenden Wassers zurück, die Feuerteilchen aber springen in langen Strahlen heraus, bis sie den Gegenstand erreichen und ihn gewissermaßen wie weit vorgestreckte Fühlhörner betasten.“ Er vergleicht deshalb das Auge mit einer Laterne.
Daß sie die stürmische Nacht mit dem Scheine des Feuers erhelle,
Und die Latern' anzündet, die jeglichem Winde verschlossen;
Diese bewahret das Feu'r vor dem Hauche der blasenden Winde;
Aber das Licht dringt durch; denn es ist um Vieles ja feiner,
Und es beleuchtet den Boden mit nimmer ermüdenden Strahlen:
Also lagert von Häutchen umschlossen das ewige Feuer,
Von ganz feinen Gewändern umhüllt, in der runden Pupille,
Diese verhegen die Flut ihm des rings anspülenden Wassers,
Aber das Feu'r dringt durch; denn es ist um Vieles ja feiner.“
Auch spätere Naturphilosophen, wie Bruno, sehen wir noch diese seltsame Optik, die das Sehen auf eine aktive per radios ab oculo statt per radios ad oculum vermittelte Thätigkeit zurückführt, lehren und damit gleichzeitig allerhand occultistische Annahmen über die Wirkung des bösen Blicks u. s. w. als thatsächliche Verhältnisse und Naturerscheinungen erklären. Auch Bruno lehrt, daß das Sehen eine Thätigkeit des „Nervengeistes“ ist, der zuerst mittels der vom Auge ausgehenden Strahlen sich nach außen hin verbreitet und von den verschiedensten, mit verschiedenen Empfindungen beseelten Objekten berührt wird, und sich dann wieder zusammenzieht (wie wenn z. B. eine Schnecke ihre Fühlhörner nach der Berührung wieder einzieht).
Bekanntlich ist diese ante-Newtonische Optik auch den modernen Spiritisten außerordentlich bequem. Denn da die schwierigeren spiritistischen Experimente, wie z. B. die sog. Materialisationen, der Apport von Gegenständen u. s. w. niemals zu stande kommen, wenn ein kritischer Zuschauer ein Auge auf den modus operandi des sog. Mediums hat, so sagt die moderne spiritistische Theorie, daß der feindselige Magnetismus des Auges, also jene vom Auge ausgehenden Sehstrahlen à la Empedocles-Bruno die Entwickelung der mediumistischen Kräfte verhindern; man muß vielmehr solange die Augen schließen oder nach einer anderen Richtung schauen, bis eins, zwei, drei, hocus pocus fidibus, die phänomenale Aktion des Mediums in die dreidimensionale Sphäre einzugreifen Zeit und Gelegenheit gefunden hat.
Ich komme nun endlich auf die Krone der Empedocleischen Philosophie, auf seine Seelenwanderungslehre. Man wird allerdings erstaunt sein, wie so dem bisher geschilderten Rumpfe ein solches Haupt (einem Pferde das Haupt der Ziege) entwachsen konnte. Denn gewiß hat man alle Veranlassung, nach den bisherigen Prämissen zu erwarten, daß Empedocles so etwas wie eine unsterbliche Einzelseele nicht kenne und vielmehr nur die Unsterblichkeit der 4 Elemente annehme. Allein, es giebt eben auch individuelle notwendige Inkonsequenzen! Für Empedocles ist das Dogma von der Seele und ihren Wanderungen eine solche notwendige Inkonsequenz, sei es nun, daß ihn das Bedürfnis seines Herzens oder die bei Leugnung der Seelensubstanz schwer zu rechtfertigende Goëtie oder Nekromantik, d. h. der antike Spiritismus, zur Annahme derselben führte. Schon im Altertum haben Schriftsteller, welche die Seelenwanderung für eine so tiefsinnige Idee erachteten, wie beispielsweise unter den modernen Denkern der Verfasser der 100 Thesen über die Erziehung des Menschengeschlechts, Ephraim Lessing, die Frage aufgeworfen, ob dieselbe bei Empedocles auch eine originale Konzeption war; ja einige gingen soweit, ihn des geistigen Diebstahls (λογοκλοπεία) an der occultistischen Ideenschatzkammer der Pythagoräer zu beschuldigen[580]; und neuerdings hat noch Professor Gladisch gemeint, auch Empedocles könne diese Lehre, wie manches andere, z. B. seine Kosmogonie und Optik, nur der Weisheit der Egypter entlehnt haben.[581] Aber warum sollte die Wahrscheinlichkeit einer solchen Superstition nicht gerade dadurch gewinnen, daß die verschiedensten großen Denker ganz selbständig zu derselben Vorstellungsweise gelangt wären?
Empedocles also schreibt:
Der für die Ewigkeit gilt, durch mächtige Eide besiegelt;
Wer mit Frevel im Sinn, hat seine Gebeine beflecket,
Von den Dämonen, so vielen verliehen langdauerndes Leben,
Muß unzählige Horen entfernt von den Seligen irren,
Sich umwandeln im Wechsel in allerlei Formen der Wesen.
So leb' ich jetzo verbannt von Gott und ein Flüchtling,
Dienstbar dem rasenden Zwist.“
Dann ruft er aus:
Fiel ich herab, und verkehre nun hier mit sterblichen Wesen!“
Und er betrachtet die Welt als eine finstere Höhle, indem er die Mächte, welche die Seele hierher geleiten, sagen läßt:
und er schreibt von seinem ersten Eintritte in dieselbe, von seiner Geburt:
(Shakespeare beging also vielleicht eine λογοκλοπεία an Empedocles, als er schrieb:
Weil wir die Narrenbühne Welt betreten.“)
Nachdem aber die Seele in das irdische Dasein verbannt ist, muß sie hier durch alle Arten der sterblichen Geschöpfe wandern, selbst in Pflanzen eingehen:
Auch schon Strauch und Vogel und lautloser Fisch in dem Meere.“
Aber während andere Seelen auf dem Wege nach unten sind und immer schlimmeren Metamorphosen entgegengehen, z. B.:
Unter dem Wild und zu Lorbeern unter den laubigen Bäumen;“
hat Empedocles auf dem Wege nach oben schon die nächsthöchste Stufe des „Mahatma“ erlangt, nämlich:
Und als Lenker der Völker erstehen sie unter den Menschen.
Und aus ihnen erblüh'n dann Götter, an Ehren die Höchsten.“
Und so ruft er denn schließlich gar, seine Göttlichkeit vorausnehmend seinen Mitbürgern zu:
Wandle bei Euch!“
Aus seinem Seelenwanderungsglauben entsprang – insofern war er anscheinend konsequenter als Pythagoras – auch sein strenger Vegetarismus. Mit Hinsicht auf das Fleischessen ruft er aus:
Daß ihr Einer den Andern verzehrt gleichgültigen Sinnes?“
Dar zum Opfer mit Beten, der Thörichte; jener nun schreitet
Flehend daher, doch er hört ihn nicht, und treibet ihn scheltend,
Schlachtet ihn, richtet sodann sich im Haus ein scheußliches Mahl zu;
Auch so der Vater den Sohn, und die Mütter ergreifen die Kinder,
Morden sie hin und schlingen herunter die teuren Gebeine.“
So soll denn auch Empedocles einmal, als er dem gewöhnlichen Gebrauche nach hätte einen Ochsen opfern müssen, einen solchen aus Myrrhen und sonstigen kostbaren Salben haben herstellen und nach der Opferung unter das Volk verteilen lassen.
Da nach seiner Seelenwanderungstheorie auch die Pflanzen von Menschenseelen bewohnt werden können, so war freilich auch sein Vegetarismus wiederum nur eine Halbheit.
Möglicherweise erleben wir es noch, wenn erst einmal die moderne Chemie das große Problem der Herstellung von Nahrungsmitteln auf chemischem Wege aus Mineralien, aus Steinen und Erde gelöst haben wird, daß dann sogar der Vegetarier einer fortgeschrittenen Sekte von Mineralophagen oder Chemikalienessern in demselben grausamen Lichte erscheinen wird, in welchem jetzt dem theosophisch gebildeten Vegetarier der Fleischesser oder Tierleichenverzehrer dasteht.
II.
Pherekydes.
Eine Mittelstellung zwischen Philosophie und „Theologie“ (in antikem Sinne) oder auch Priestertum und einem Sehertum, wie es Empedocles vertrat, nimmt auch Pherekydes von der Insel Syros ein, welchen Cicero den ersten Lehrer der Unsterblichkeit nennt.[582] Seine Geburt setzt Suidas in die Zeit zwischen 600–596 v. Chr. (Ol. 45). Diogenes nennt ihn einen Schüler des Weisen Pittakus. Derselbe berichtet folgende Geschichten über seine Sehergabe: Als er einst am Strande von Samos wandelte und ein Schiff mit vollen Segeln vorbeifahren sah, weissagte er, dasselbe werde binnen kurzer Frist zu Grunde gehen; und so geschah es alsbald vor seinen Augen. Ein anderes Mal soll er aus dem Geschmack des Brunnenwassers ein Erdbeben vorausgesagt haben. Einem Gastfreunde in Messina riet er, möglichst bald mit seiner Familie auszuwandern. Dieser befolgte den Rat nicht, und kurze Zeit darauf wurde Messina von Feinden erobert und jener mit der ganzen Einwohnerschaft als Kriegsgefangener verkauft.
Er soll ein Alter von 83 Jahren erreicht haben, und für das Ansehen, das er genoß, bürgt der Bericht, daß ihm als Grabschrift folgende Worte gesetzt seien:
Aller Weisheit Vollendung war in mir.
Eine Schrift „über den Ursprung der Dinge“ von ihm scheint noch dem Cicero bekannt gewesen zu sein. In derselben bezeichnete er als das erste, was immer war, Zeus, Chronos und Chthon.
Zeus ist der höchste weltschöpferische Gott und zugleich der höchste Himmel, vielleicht der Äther.
Unter Chthon, meint Conrad (De Pherecydis Syrii aetate atque cosmologia, Koblenz 1857), ist das Chaos, der Urstoff, zu verstehen, der alle Stoffe, außer dem Äther, in sich enthalten habe; Zeller dagegen nimmt an, es sei dabei nur an die Erde als solche zu denken. Unter dem Chronos versteht man gewöhnlich die Zeit. Zeller, a. a. O., S. 73 bemerkt jedoch, daß es kaum glaublich sei, daß ein so altertümlicher Denker den abstrakten Begriff der Zeit unter den ersten Urgründen aufgeführt hatte; Chronos bringt nämlich aus seinem Samen Feuer, Wind und Wasser hervor. Schwerlich soll damit nur gesagt sein, diese seien im Laufe der Zeit entstanden. Daher meint Zeller, im Widerspruch mit Conrad und Brandis (Gesch. der Entw. der griech. Philosophie), daß Chronos richtiger Kronos zu schreiben und als Gott der heißen Jahreszeit und des Sonnenbrandes zu denken sei, jedenfalls als ein realer Bestandteil der Welt.
Diese drei Urwesen erzeugten zahlreiche weitere Götter in fünf Geschlechtern. Preller glaubt (Rh. Museum 382), es sollen damit fünf Mischungsverhältnisse der Elementarsubstanzen (Äther, Feuer, Luft, Wasser, Erde) bezeichnet werden, in denen je eine derselben vorherrschend sei. Zeus verwandelt sich zum Zwecke der Weltbildung in Eros. Die weltbildende Kraft ist die Liebe. Er machte ein großes Gewand, in das er die Erde und den Okeanos einwob und spannte dieses über einen von Flügeln getragenen Eichbaum, d. h. er bekleidete das im Weltraum schwebende Erdgerüst (daher die Flügel des Eichbaums) mit der mannigfach wechselnden Oberfläche des Landes und der Seeen. Dieser Weltbildung widerstrebte Ophioneus, als Repräsentant der untergeordneten Naturkräfte, aber das Götterheer unter Chronos stürzt ihn in die Meerestiefe und behauptet den Himmel.
Pherekydes ist nur um deswillen interessant, weil wir aus den wenigen abgerissenen Sätzen, die uns von seiner Lehre überliefert sind, entnehmen können, daß man sich bemühte den mythologischen Vorstellungen, insbesondere der sog. Theogonie eine esoterische Deutung zu geben. Doch geht Conrad, a. a. O., wohl zu weit, wenn er dem Pherekydes geradezu eine der aristotelischen nahestehende Naturansicht beilegt. Inwieweit egyptische Einflüsse auf seine Anschauungen gewirkt haben, ist schwer festzustellen; Suidas läßt ihn die Geheimschriften der Phöniker benutzen, Josephus (e. Ap. I 2) zählt ihn zu den Schülern der Egypter und Chaldäer.
III.
Epimenides von Kreta.
Zu den hervorragendsten praktischen Mystikern der antiken Welt hat unstreitig jener Epimenides von Kreta gehört, dessen historische Existenz ebenso unzweifelhaft ist, wie einzelne über sein Leben berichtete Wunderdinge auf Übertreibungen beruhen werden. Die Alten nennen ihn einen Jatromanten, einen Seher-Arzt. Er soll in Knossus auf Kreta geboren sein. Sein Vater, den einige Phaestios, andere Dosiades, noch andere Agesarkos nennen, soll ihn einmal fortgeschickt haben, um ein Schaf zu holen; auf diesem Wege soll er vor der Mittagshitze in einer Höhle Schatten und Erholung gesucht haben und hier, wo niemand ihn suchte und fand, in einen tiefen Schlaf gesunken sein, aus dem er erst nach 57 Jahren erwacht sein soll. Als er nach Ablauf dieser Zeit erwachte, berichtet die Sage[583], suchte er erst, den Zeitverlauf nicht ahnend, das Schaf und kehrte, als er es nicht fand, nach der Stadt zurück. Sein Erstaunen war nicht gering, als er alles verändert fand und zu Hause nur noch seinen jüngsten Bruder, der mittlerweile ein Greis geworden war, antraf, der ihn nicht wiedererkannte.
Das etwaige Wahre an dieser Geschichte, die an die Erzählungen indischer Reisender von den „schlafenden Fakiren“ erinnert, wird freilich für immer der kritischen Forschung entzogen bleiben. Ein Mediziner könnte vielleicht an einen eklatanten Fall der in unseren Tagen vielfach beobachteten sog. Nona denken, einer auf noch unerforschten centralen Störungen beruhenden Schlafsucht, von der man Fälle registriert hat, die sich über viele Jahre hinaus erstreckt haben.[584]
Die Geschichte oder Fabel hat Goethe zum Stoff eines Festspiels gedient:
Die Entwicklung der Sehergabe wird hier auf den fraglichen Tiefschlaf in folgenden Versen zurückgeführt:
Die Insel unter mir, ringsum das Meer,
Den Tageshimmel von der einzigen Sonne,
Von tausenden den nächtigen erleuchtet;
Da strebt's in meiner Seele, dieses All,
Das herrliche zu kennen; doch umsonst:
Der Kindheit Bande fesselten mein Haupt.
Da nahmen sich die Götter meiner an,
Zur Höhle führten sie den Sinnenden,
Versenkten mich in tiefen, langen Schlaf.
Als ich erwachte, hört' ich einen Gott:
„Bist vorbereitet“, sprach er, „wähle nun!
Willst du die Gegenwart und das, was ist,
Willst du die Zukunft sehn, was sein wird?“ – Gleich
Mit heiterm Sinn verlangt' ich zu verstehn,
Was mir das Auge, was das Ohr mir beut.
Und gleich erschien durchsichtig mir die Welt,
Wie ein Kristallgefäß mit seinem Inhalt. –
Den schau ich nun so viele Jahre schon;
Was aber künftig ist, bleibt mir verborgen.
Soll ich vielleicht nun schlafen, sagt mir an,
Daß ich zugleich auch Künftiges gewahre.“
Historisch beglaubigt ist, daß er von Kreta nach Athen berufen wurde, um hier eine epidemische Geisteskrankheit zu heilen, wie auf dieselbe Art ein anderer Jatromant, sein Landsmann und Zeitgenosse Phaletas einige Jahre zuvor nach Sparta berufen war, um durch die Wirkung seiner Musik und religiöse Hymnen eine Pestilenz aufhören zu machen. Die Athener beunruhigten sich nämlich wegen des sog. Kylonischen Frevels, über den uns Thucydides I. 126 folgendes erzählt:
„Es lebte in Athen ein gewisser Kylon, ein Mann, der in den olympischen Spielen gesiegt hatte und aus einem der ältesten und mächtigsten Häuser war und die Tochter eines Megarers, namens Theagenes, geheiratet hatte, welcher damals als Tyrann zu Megara herrschte. Dieser hatte von dem Orakel zu Delphi auf Befragen die Antwort erhalten, er sollte sich an dem größten Feste des Zeus der Burg zu Athen bemächtigen. Er ließ demzufolge sich von Theagenes Söldner geben, vermochte seine Freunde, seinen Absichten beizutreten und wartete sodann nur, bis die in der Peloponnes gefeierten olympischen Spiele wieder herankamen; da besetzte er die Burg in der Absicht, die Herrschaft an sich zu reißen. Dies hielt er nämlich als das größte Fest des Zeus, welches ihn gewissermaßen noch näher anginge, da er in den olympischen Spielen den Preis erhalten habe. Ob aber das größte Fest in Attika oder sonst wo gemeint sein sollte, darüber hatte er sich weiter keine Gedanken gemacht, und das Orakel hatte auch nichts davon gesagt, indem sonst auch die Athener dem Zeus Meilichios außerhalb der Stadt ein großes Fest unter dem Namen Diasia feiern, an welchem alles Volk in der Stadt haufenweise opfert, und zwar viele keine Schlachtopfer, sondern Opfer von den eigenen Landesfrüchten. Kylon griff also, ohne an der Richtigkeit seiner Gedanken zu zweifeln, das Werk an. Die Athener vom Lande eilten zwar auf die erste Nachricht davon mit gesamter Hand zur Gegenwehr herbei und sperrten sie auf der Burg ein; allein nach Verlauf einiger Zeit ließen sie sich durch Beschwerden bei der Belagerung ermüden und zogen größtenteils ab, bevollmächtigten dagegen die neuen Archonten, die Wachen zur Besetzung der Zugänge sammt allen übrigen Veranstaltungen nach eigenem Belieben und Gutdünken einzurichten. Diese neun Regenten hatten diese Zeit über den größten Teil der Regierungsgeschäfte unter Händen. Kylon und diejenigen, welche mit ihm eingesperrt waren, befanden sich durch den Abgang von Wasser und Lebensmitteln gar bald in schlechten Umständen. Inzwischen fand er selbst nebst seinem Bruder Mittel zu entkommen. Die übrigen, die immer mehr ins Gedränge gerieten, so daß auch schon einige Hungers starben, setzten sich als Schutzflehende an den auf der Burg befindlichen Altar. Die Athener, welche die Wache hatten, hießen sie davon weggehen; und als sie sahen, daß sie in dem Tempel sterben wollten, führten sie dieselben unter dem Versprechen, ihnen kein Leid anthun zu wollen, hinaus und töteten sie; andere, welche zu den Altären der ehrwürdigen Göttinnen ihre Zuflucht genommen hatten, richteten sie im Vorbeigehen ebenfalls hin.“
Die Folge dieses Frevels am Heiligtum des Asylrechts war eine epidemische Gewissensangst, die besonders bei dem weiblichen Teile der Bevölkerung sehr beängstigende Formen angenommen haben soll. Die Frauen wurden durch Hallucinationen, Visionen, Auditionen beängstigt, und es traten alle nur denkbaren Symptome hysterischer Melancholie und Krämpfe massenhaft auf.
Epimenides kam nun nach Athen, um die Stadt zu „reinigen und zu entsühnen“. Er gründete zu dem Ende neue Kapellen und richtete verschiedene Reinigungsceremonien ein, ganz besonders aber regelte er den Dienst der Frauen so, daß er die heftigen Impulse, die diese aufgeregt hatten, beruhigte. Grote in seiner griechischen Geschichte bemerkt dazu: „Wir wissen kaum etwas Genaueres über sein Thun; aber die Thatsache seines Besuchs und die heilsame Wirkung, die er durch Wegschaffung der religiösen Verzweiflung, welche die Athener niederdrückte, hervorgebracht, sind wohl bezeugt. Überdies besaß Epimenides die Klugheit, sich mit Solon zu vereinigen, und während er so viele wertvolle Ratschläge erhalten mochte, unterstützte er indirekt die Erhöhung des Rufes des Solon selbst, dessen konstitutionelle Reform sich jetzt schnell vollendete. Er blieb lange genug in Athen, um einen gemütlicheren Ton der religiösen Gefühle vollständig wieder herzustellen, und reiste dann ab, allgemeine Dankbarkeit und Bewunderung mit sich nehmend, schlug aber mit Ausnahme eines Zweiges vom heiligen Ölbaum auf der Akropolis jede andere Belohnung aus“.
Nach einer Angabe, welche schon während der Zeit des Xenophanes von Kolophon gangbar war, soll er das ungewöhnliche Alter von 154 Jahren erreicht haben; und die Kreter (sprüchwörtlich „böse Lügner und faule Bäuche“) wagten sogar zu behaupten, er habe 300 Jahre gelebt. Sie rühmten ihn nicht nur als Weisen und geistigen Purifikator, sondern auch als Dichter; sehr lange „Dichtungen“ mystischen Inhalts wurden ihm zugeschrieben. Sowohl Plato, als auch Cicero betrachten den Epimenides in demselben Lichte, als einen Seher, der unter temporären ekstatischen Zufällen die Zukunft habe vorausverkünden können. Nach Aristoteles dagegen gab Epimenides selber an, von den Göttern keine höhere Gabe empfangen zu haben, als die unbekannten Phänomene der Vergangenheit zu erraten.[585]
Plato (Kratyl. p. 905, Phaedr. p. 244) glaubte fest an Epimenides als gottbegeisterten Seher in der vergangenen Zeit, in Bezug auf die jedoch, welche zu seinen Lebzeiten Ansprüche auf übersinnliche Kräfte vorbrachten, war er weniger leichtgläubig. Er, wie Euripides und Theophrast, behandelten die Orpheotelesten der späteren Zeit mit gebührender Verachtung.[586]
Wäre Epimenides selbst in jenen Tagen, in welchen die Aufklärung der Massen große Fortschritte gemacht hatte, nach Athen gekommen, so würde wahrscheinlich das Wunder suggestiver Massenheilung auch ausgeblieben sein, und er würde sich nur vereinzelter Erfolge bei älteren Weibern und in rückständigen entlegenen Dörfern haben rühmen können, wie dieselben Bauchredner und Medizinleute, welche Plato verspottet.
Nur die Vergangenheit ist es, die solche Erscheinungen idealisiert.
Über die Lehren des Epimenides berichtet Damascius[587] und Eudemus, er habe zwei erste Gründe angenommen, die Luft und die Nacht[588], von diesen sei als drittes der Tartarus erzeugt worden. Von ihnen sollen, wie es scheint, zwei weitere nicht näher bezeichnete Wesen hervorgebracht sein, aus deren Verbindung das Weltei entstanden sei; eine Bezeichnung der Himmelskugel, die in vielen Kosmogonieen vorkommt, und die sich sehr natürlich ergab, wenn die Weltentstehung einmal der tierischen Lebensentwickelung analog vorgestellt wurde. Aus dem Weltei seien dann weitere Erzeugungen hervorgegangen.
Fünftes Kapitel.
Die Geheimlehre der Mysterien.
Persönlichkeiten, wie Empedocles, Pherekydes von Syros und Epimenides bilden ein Mittelglied zwischen der Philosophie und dem Esoterismus der griechischen Religionslehren, der bekanntlich seinen Sitz in den verschiedenen Mysterien oder Geheimkulten hatte.
Diese Mysterien bilden immer noch eins der größten kulturhistorischen und psychologischen Probleme des Altertums.
Die Berufung des Epimenides von Kreta nach Athen hatte vermutlich nebenbei den Zweck, die übrigens uralten, möglicherweise bis in das 15. Jahrhundert v. Chr. zurückdatierenden cerealischen Mysterien wieder zu reorganisieren.
Man hat nämlich ursprünglich die bacchischen und cerealischen Mysterien zu unterscheiden.
Die allgemeine religiöse Idee beider war zwar dieselbe. Beide führen auch auf orientalische, sehr weit, vielleicht bis Indien reichende Einflüsse zurück. Der Geheimdienst der Ceres und Proserpina ist aber nach Attika jedenfalls von Kreta, dem Vaterlande des Epimenides aus importiert worden. Kreta hat für die Verbindung mit dem Orient die glücklichste Lage, es war eine der ersten Niederlassungen phönizischer Kolonisten, es empfing früh egyptische Lehren, und vermutlich hat die Kultur der Hellenen von hier aus ihre erste Anregung erhalten. Thucydides berichtet, daß Minos der erste gewesen, „der eine Flotte in See hatte, wie er denn das jetzt sog. griechische Meer größtenteils beherrschte, auch die cykladischen Inseln unter seiner Botmäßigkeit standen, von welchen er die meisten zuerst angebaut hat, indem er die Karier daraus vertrieb und seine Söhne als Häupter der neuen Kolonien einsetzte.“[589]
Cadmus, Phönix und Cilix, angeblich Oheime des Minos, schlagen dem orientalischen Mystizismus die Brücke von Asien nach Europa.
Wolfgang Menzel[590] meint, daß die Mysterien mit einer demokratischen Tendenz verbunden gewesen, daß sie einen geheimen Kampf der Humanität gegen Priester- und Kriegerkaste, des Liberalismus gegen die Vorrechte, etwa nach Art unserer modernen Freimaurerei, geführt hätten. So paradox diese Behauptung klingt und so übertrieben sie in ihrer modernen Ausdrucksweise erscheinen muß, so kann ich nicht in Abrede stellen, daß wenigstens die Geschichte Athens und Thebens einen gewissen inneren Zusammenhang zwischen der (älteren) Demokratie, die man wohl als Liberalismus bezeichnen kann, und den Geheimkulten aufweist. Ich erinnerte schon an die Beziehungen Solons, der ja im Sinne einer gemäßigten Demokratie reformierte, zu Epimenides. Ferner ist sicher, daß die demokratische Verschwörung des Pelopidas und Epaminondas ihren Ausgangspunkt in Eleusis nahm[591] und beinahe durch einen Hierophanten vorzeitig verraten wäre.
Auch der Buddhismus hatte ja eine soziale Nebentendenz. Uns interessieren jedoch hier nicht die politisch-sozialen Nebenbeziehungen, sondern die Lehren.
I. Die bacchischen Mysterien.
In der Schöpfungslehre der bacchischen Mysterien erscheint zunächst Chronos, die niemals alternde Zeit in Schlangengestalt. Dieser Chronos zeugte das unbegrenzte Chaos nebst dem feuchten Äther und dem finstern Erebus, und darin erzeugte er ein Ei, das in eine Wolke oder in ein Gewand gehüllt war, welches nachher zerriß. Aus dem Ei ging Phanes hervor, ein Mannweib, auch Protogonos und Pan genannt. Man stellte ihn dar mit goldenen Flügeln, auf den Schultern mit Stierköpfen und auf dem Kopfe mit einer Schlange. Als „Aeon“ wird er auch mit Osiris identifiziert. Er ist die demiurgische Ursache oder der Anlaß zur Weltschöpfung. Er wird nämlich vom Zeus, den er erzeugte, verschlungen, die Urbilder aller Dinge, die Phanes in sich hatte, werden jetzt alle in Zeus sichtbar, d. h. Zeus bringt alles Lebendige aus sich hervor. In der sog. hieratischen Poesie, in jenen Versen, die dem sagenhaften Sänger Orpheus zugeschrieben wurden, heißt es daher:
Zeus das Haupt, Zeus die Mitte; aus Zeus ist Alles bereitet;
Zeus ward Mann und Zeus ward unsterbliche Jungfrau.
Zeus der Erde Wurzel und des gestirneten Himmels,
Zeus das Wesen der Winde, Zeus die Kraft des unverlöschlichen Feuers,
Zeus des Meeres Wurzel, und Zeus der Mond und die Sonne,
Zeus der König, Zeus, der selber Alles geboren.“
Die Ahnung der göttlichen Einheit wird also in dem Bilde eines körperlichen Ganzen, eines Riesenkörpers ausgeprägt. Übrigens werden in fast allen heidnischen Religionen die ältesten Gottheiten androgyn mannweiblich gedacht.
Das zweifellos nach Egypten zurückweisende Symbol dieser aus sich selbst alles Lebendige hervorbringenden Gottheit war seltsamer Weise der Scarabäus, d. h. der Mist-Käfer; weshalb der Dichter Pamphos sogar singt:
In Mist von Schafen, Rossen und Mäulern!“
Erst später zeigt die Trennung der Geschlechter, indem dem Zeus ein weibliches Wesen untergeordnet wird, einen unmerklichen Übergang zum Anthropomorphismus.
Dieses weibliche Urwesen heißt Chthonia (von χϑών = unbegrenzter Grund und Boden, Materie), das dann durch Zeus' Umarmungen befruchtet, Mutter Erde (Gäa) wird und im Jahreslaufe Alles hervorbringt.
So sangen die Peleiaden, jene Wahrsagerinnen des Orakels zu Dodona, wo Pelasger und Hellenen unter der heiligen Eiche Belehrungen über Jupiters Ratschluß einholten:
Von diesem Zeus und der Gäa geht nun Dionysos aus, der übrigens seinem Wesen nach identisch ist mit Zeus selber.
Zeus soll nach einer alten Mythe als Schlange zu der unter einem Felsen verborgenen und von zwei Drachen bewachten Persephone eingeschlichen sein und mit ihr den Zagreus gezeugt haben.
Sehr bemerkenswert für die Herkunft dieser Götterbegriffe ist der naive Bericht des Herodot II. 52: „Es brachten die Pelasger, wie ich zu Dodona vernommen, anfänglich unter Gebeten den Göttern Opfer aller Art. Jedoch legten sie keinem von jenen einen Beinamen oder Namen bei, dieweil sie noch niemals dergleichen gehört hatten. Götter benannten sie dieselben und deshalb, weil sie alle Dinge in Harmonie gesetzt und alle Einteilungen gemacht. Später, nach Ablauf geraumer Zeit, erfuhren sie die aus Egypten gekommenen Namen der übrigen Götter, des Dionysius Namen erfuhren sie aber viel später.“
Möglicherweise ist der Dionysische Geheimkult indischen Ursprungs.[592] Nach Arrian Ind. Kap. 5 zieht Dionysios nach Indien. Bei seiner Rückkunft nach Griechenland weiht er dem Apollo eine Schale mit der Inschrift: „Dionysos, der Sohn der Semele und des Zeus von Indien her weihet sie dem Apollo, dem Delphier.“
Nachdem Zeus den Zagreus erzeugt hat, trachtet die eifersüchtige Here, ihn zu verderben und sendet Titanen aus, ihn umzubringen. Zagreus betrachtete sich gerade als Stier in einem Spiegel, als die Titanen kamen, und verwandelte sich dann vergeblich in alle mögliche Gestalten, er wurde von den Titanen zerrissen. (Dieselbe Sage vom Zerreißen wiederholt sich bei dem mythischen Sänger Orpheus selbst, den die bacchantischen Weiber, die Mänaden zerreißen.) Nur sein Herz rettet Pallas Athene und bringt es dem Vater Zeus, der dann aus Zorn mit seinen Blitzen die ganze Erde verbrennt, so daß erst die Sündflut das Feuer wieder löschen kann. Das Herz des Zagreus wird in einen Becher gelegt, und als Semele daraus trinkt, wird sie Mutter des Dionysos.
Dieser Dionysos-Zagreus ist die Vielheit d. h. das in vielen Formen sich darstellende All, in Luft, Wasser, Erde, Pflanzen und Tieren.
Apollo sammelt die Glieder des Dionysos wieder: er ist die Einheit, die der Natur in ihrer Entwickelung vorsteht, um sie vor Zersplitterung zu bewahren und wieder an das Eine zu befestigen.
In sieben Teile war Zagreus zerstückelt. Die Siebenzahl ist daher gleicher Weise dem Dionysos und dem Apoll heilig. Dionysos ist nach Macrob[593] der Inbegriff aller Seelen. Der Becher, aus dem die Semele trinkt, heißt auch Quelle der Seelen. Man unterschied übrigens zwei solcher Becher. Die Alten haben sie auch als Sternbilder an den Himmel versetzt, den einen nahe am Zeichen des Krebses, den andern sahen sie in der Urne des Wassermanns. Der erste heißt Dionysoskelch, bei den Platonikern der Leben erzeugende Becher. Manilius (astron. V. 116) nennt ihn den Becher der Geburt. Durch den Trunk aus ihm vergißt die Seele ihre höhere Natur und sinkt in die Zeitlichkeit hinab, indem sie in einen irdischen Leib eingeschlossen wird. Aus dem zweiten Becher trinkt man wiederum die Vergessenheit des Irdischen und findet sich dadurch in der alten Heimat wieder.
Der erste Becher heißt auch der Teilungsbecher, die aus ihm geflossenen Seelen müssen in die Individualität treten, sie müssen in die Geburt herab. Einige Seelen kommen herab, weil sie noch nicht hienieden waren, zur Erhaltung der Weltökonomie; das sind die Neulingsseelen (mentes novellae).[594] Andere müssen zur Strafe herab; andere geben sich freiwillig der Neigung zur Erde hin. Diese Neigung ist Folge des Blicks in den Spiegel, in den Dionysos gesehen, ehe er sich zum Schaffen der Dinge gewendet. Der Becher wird auch mit dem Spiegel selbst identifiziert; und bei Nonnus ist es die Liebesgöttin Afrodite, die dem Dionysos den Becher reicht. Ob Afrodite oder Persephone genannt wird, ist übrigens gleichgültig. Das Wesentliche ist die Einführung eines passiven, die Erschaffung bedingenden, weiblichen Prinzips. Der Spiegelbecher ist das Organ dieses Prinzips und wird daher realistischer auch durch das weibliche Organ dargestellt, wie umgekehrt der Phallus, das männliche Zeugungsorgan, das Symbol des Dionysos ist. Wir treffen hier lediglich die rohe indische Natursymbolik des Lingam und der Yoni wieder.
Je mehr die Seelen aus dem Becher der (sinnlichen) Liebe trinken, um so mehr werden sie berauscht, um so mehr erblaßt das Andenken an ihre höhere Abkunft. Edlere Seelen nippen nur an dem Kelch der Sinnlichkeit und sinken daher nicht so tief in tierische Gemeinheit herab, wie die meisten anderen Menschen. – Anders die unedlen, die das Feuchte, (die Materie) lieben, die daher auch wohl Najaden genannt werden. Diese „feuchten“ Seelen weilen gerne in dieser sinnlichen, formenreichen Welt, wie in einer Grotte, die in tausendfarbigem Gestein das volle Leben zurückspiegelt. Diese Welt der Sinnlichkeit, die Welt des Scheins, ist die täuschende Maja, indisch Maya-Bharani; in der Priestersprache wird Proserpina auch Maja genannt. Sie wird auch als Weberin bezeichnet, welche den materiellen Leib webt. Je mehr die Seelen am irdischen Dasein hängen, desto mehr Leiber, wie Kleider. Plato, Gorgias 523. Die Seele hängt sich gleichsam an den zuerst gesponnenen Lebensfaden; dann spinnt die Göttin weiter und webt das Kleid fertig. Das unfertige Gespinnst aber ist der bloße Schattenleib als Gespenst, das eben daher seinen Namen hat. Von Persephone (Maja, Proserpina) kommt das Leiblichwerden der Seele, von Dionysos die Beseelung des Leibes.
Als zeugendes Prinzip ist Dionysos in der Mysterienlehre auch Sonnengott. Und so wird die Vorstellung von der Seelenbahn auch mit der Sonnenbahn durch den Tierkreis verknüpft. Dionysos als Sonnengott wandelt jährlich die doppelte Bahn, den Weg des Winters und den des Sommers. Und dieselbe Bahn ist den Seelen vorgezeichnet. Aus dem Centrum des Himmels treten sie im Zeichen des Krebses in der Sommersonnenwende in die Erdenwelt ein, nach dem Tode aber steigen sie im Zeichen des Steinbocks wieder durch dieselbe Milchstraße zur himmlischen Welt empor.
Hier trinken sie dann aus dem schon erwähnten zweiten Becher, dem Becher der Reinigung oder Wiedergeburt, der als die Urne des Wassermanns am Sternenhimmel dargestellt ist. Wenn nämlich die Sonne in dieses Zeichen tritt, wird die Natur im Frühling wiedergeboren und damit wird die Wiedergeburt der verstorbenen Menschen im Himmel verglichen.
Dionysos hat also einen doppelten Charakter. Er ist einmal das Prinzip der Zeugung, der Versinnlichung, der „Wille zum Leben“, der Gott der Weltbejahung, sodann aber auch der mystische Vertreter der Weltverneinung, der Entsinnlichung, der Erlösung, welche letztere ja in allen mystischen Systemen als Wiedergeburt oder zweite Geburt bezeichnet wird.
Daher finden wir in seinen Mysterien die beiden Gegensätze, auf die alle Mystik hinausläuft, Lust und Unlust, Sünde und Entsühnung eng aneinander gerückt. Bacchantische Ausgelassenheit wird von leidenschaftlicher Trauer und Klage abgelöst und umgekehrt.
In Verbindung damit steht seine spezielle Bedeutung als Gott des Weines und der Liebe. Man vergleiche hierüber die geistreichen Bemerkungen Wolfgang Menzels (Vorchristl. Unsterblichkeitslehre, S. 90–96.) Auch der Wein spielt ja eine doppelte Rolle, er begeistert und steigert die Seelen zu „dithyrambischer“ Ekstase, verwandelt Wasser in Feuer, er berauscht und läßt im Rausche die Welt schöner erscheinen, andrerseits wirkt der Rausch Vergessenheit auch der sittlichen Pflichten. Aus dem Weindunst wird ein zweiter Schleier der Maja gewebt.
Gleichzeitig hat der Wein selber in der Gärung eine Art Wiedergeburt durchgemacht. Aus dem sich zersetzenden Traubensaft entsteht der edlere feurige Trank, und wenn der Mensch davon trinkt, erhebt er sich über seine gemeine Wirklichkeit:
Fliehen aus der Brust des Menschen,
Sie schiffen auf dem Meer der goldreichen Fülle
Allhin zum Strande der Täuschung.
Der Arme wird reich, der Reiche
Durch neuen Reichtum bereichert,
Das Herz von den Pfeilen des Weinstocks gebändigt“
singt Pindar, und in reizender Weise deutet Apollonius den Zusammenhang zwischen dem Becher der Lust und dem Schleier der Maja an, wenn er von letzterem singt: