The Project Gutenberg eBook of Der Weltkrieg, II. Band
Title: Der Weltkrieg, II. Band
Author: Karl Helfferich
Release date: May 10, 2015 [eBook #48921]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
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Der Weltkrieg
von
Karl Helfferich
II. Band
Vom Kriegsausbruch
bis zum uneingeschränkten
U-Bootkrieg
1919
Verlegt bei Ullstein & Co in Berlin
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Übersetzung, vorbehalten.
Amerikanisches Copyright 1919 by Ullstein & Co, Berlin
Inhalt
| Vorwort | 9 |
| Umfang und Art des Krieges | 11–47 |
| Vorbemerkung 13. Übermacht der Entente 14. | |
| Die militärische Gestaltung des Krieges | 15–22 |
| Mobilmachung und erste Erfolge 15–17. Marneschlacht 18, 19. Die Befreiung Ostpreußens 20, 21 Österreich-ungarische Niederlagen 21. Keine Aussicht auf ein rasches Kriegsende 21. | |
| Der Krieg und die deutschen Finanzen | 22–34 |
| Bestrebungen des Reichsbankpräsidenten Havenstein 22, 23. Glaube des Auslandes an unsere finanzielle Unterlegenheit 24, 25. Geldmarkt und Börse unter der Einwirkung des Kriegsausbruchs 26–33. Erste Kriegsanleihe 33, 34. | |
| Der Krieg und die deutsche Wirtschaft | 34–47 |
| „Wirtschaftlicher Generalstab“ fehlte 34–36. England geht gleich zum Wirtschaftskrieg über 37–40. Aussichten der Vergeltungspolitik 41. Neuorganisation unserer Wirtschaftsverfassung 42–44. Ansichten über die Dauer des Krieges 44, 45. Entstehung der Kriegswirtschaft 45–47. | |
| Die politische und militärische Entwicklung des Krieges bis zum Friedensangebot | 49–108 |
| Vorbemerkung | 51 |
| Die Türkei als Bundesgenosse | 52–64 |
| Natürlicher Zwang für die Türkei zum Anschluß 52–54. Dardanellensperre 55, 56. Notwendigkeit der Öffnung des Donauweges 57–60. Versuch der Forcierung der Dardanellen durch die Entente 61–64. | |
| Italien | 64–71 |
| Neutralität Italiens 64–67. Bülow in Rom 67–71. Italiens Forderungen 68, 69. Italienische Kriegserklärung 69, 70. | |
| Von der italienischen Kriegserklärung bis zum Eintritt Bulgariens in den Krieg | 71–91 |
| Masurenschlacht 71, 72. Durchbruchsversuche der Entente 72–74. Befreiung Galiziens und Eroberung Polens 74–76. Diplomatisches Ringen auf dem Balkan 77–80. „Lusitania“ versenkt 81, 82. Durchstoß nach der Türkei oder Ausnutzung des galizischen Sieges? 82–91. | |
| Vom Eingreifen Bulgariens bis zum rumänischen Krieg | 91–108 |
| Entente-Offensive im Westen 91–93. Eingreifen Bulgariens, Eroberung Serbiens, Besetzung Salonikis durch die Entente, Kapitulation Montenegros 93, 94. Verfehlter Angriff auf Verdun 95–97. Österreichischer Vorstoß gegen Asiago und Arsiero, Brussiloff-Offensive, Somme-Offensive 1916 97–99. Frage des einheitlichen Oberbefehls im Osten, Hindenburg Chef des Generalstabs des Feldheeres 99–103. Rumäniens Kriegserklärung 104–106. Niederwerfung Rumäniens 106–108. | |
| Finanzielle Kriegführung | 109–171 |
| Reichsschatzamt | 111–115 |
| Übernahme des Reichsschatzamts 111–114. Falsche Sparsamkeit 114, 115. | |
| Die Finanzierung kriegswichtiger Unternehmungen | 115–131 |
| Stickstofffrage 115–122. Reichsstickstoffwerke 122–124. Stickstoffhandelsmonopol 124–127. Kriegsrohstoff-Abteilung und Reichsschatzamt 127, 128. Handels-U-Boote 128–131. | |
| Kriegskosten und Sparsamkeit | 132–139 |
| Entwicklung der Kriegsausgaben 132, 133. „Geld spielt keine Rolle“ 134–136. Stabilität der Kriegsausgaben vom Frühjahr 1915 bis zum Herbst 1916. Legendenbildung über Geldverweigerung des Reichsschatzamtes 136–139. | |
| Die Kriegsanleihen | 139–153 |
| Methoden zur Aufbringung der Mittel für die Kriegführung 139–142. Der Gedanke der finanziellen Wehrpflicht 145. Deutsche und englische Anleihepolitik 145–151. Ungeheure Steigerung der Kriegsausgaben vom Herbst 1916 an 152, 153. | |
| Kriegssteuern | 153–168 |
| Kriegssteuern als Ergänzung der Anleihepolitik? Vergleich mit England 153–159. Kriegsgewinnsteuer, Verbrauchs- und Verkehrssteuern im Reichstage 160–168. | |
| Finanzielle Vorschüsse an unsere Verbündeten | 168–171 |
| Wirtschaftskrieg und Kriegswirtschaft | 173–282 |
| Reichsamt des Innern | 175–183 |
| Übernahme des Reichsamts des Innern 175–177. Geschäftsbereich des Reichsamts des Innern, Kriegsrohstoffabteilung, Kriegsernährungsamt 177–183. | |
| Deutschland als belagerte Festung | 184–201 |
| Skagerrak, Kreuzerkrieg 184, 185. Londoner Deklaration, Ausdehnung des Bannwarenbegriffes 185–188. Die Nordsee von England zum Kriegsgebiet erklärt, Verhalten der Neutralen 188–191. Kontrolle des neutralen Handels 191–196. Rohstoffbezug aus den besetzten Gebieten 196–198. Ernährungsschwierigkeiten bei den Verbündeten 198–200. Ernteerträgnisse und Veränderungen des Viehbestandes in Deutschland 200, 201. | |
| Der Wirtschaftskampf um die Neutralen | 202–221 |
| Deutscher Gegendruck auf die Neutralen 202, 203. Reglementierung und Zentralisation der Ausfuhr und Einfuhr 203, 204. Wirkungen des planlosen Einkaufs 205, 206. Zentral-Einkaufs-Gesellschaft 207–209. Planmäßige Verbindung von Ausfuhrgenehmigungen, Einfuhrgeschäften und Kreditabmachungen 210–215. Günstige Gestaltung unserer Einfuhr 215–221. | |
| Die innere Kriegswirtschaft | 221–249 |
| Die Technik im Dienste der Kriegswirtschaft | 222–227 |
| Steigerung der wirtschaftlichen Kräfte 222, 223. Ersatzstoffe, neue Erfindungen 224–227. | |
| Umstellung der Unternehmungen und Umgruppierung der Arbeitskräfte | 227–232 |
| Umstellung der Produktion 227, 228. Umgruppierung der Arbeiterschaft 228–231. | |
| Verbrauchsregelung und Volksernährung | 232–240 |
| Höchstpreise, Rationierung, Beschlagnahme, Bewirtschaftung 232–234. Kriegsgetreidegesellschaft 235–237. Reglementierung und Syndizierung des Handels, Kriegswirtschaftliche Reichsstellen 238. Übertreibung der Zwangswirtschaft 239, 240. | |
| Bewirtschaftung der Rohstoffe | 240–249 |
| Beschlagnahme und Bewirtschaftung 240, 241. Kriegsrohstoff-Gesellschaften 241–243. Rationelle Ausnutzung der Höchstleistungsbetriebe, Zeitungsgewerbe 243–249. | |
| Hilfsdienstgesetz und Hindenburg-Programm | 249–282 |
| Munitionskrisis 249–254. Hindenburg-Programm, Hilfsdienstgesetz 254–259. Kriegsamt und Durchführung des Hilfsdienstgesetzes 259–272. Abkehrschein 273, 274. Lohntreiberei 275, 276. Kritik des Hindenburg-Programms und des Hilfsdienstgesetzes 276–278. Transport- und Kohlenkrisis 278–281. Finanzielle Überspannung 281. Überschätzung der deutschen Volks- und Wirtschaftskraft 282. | |
| Friedensbemühungen und U-Bootkrieg | 283–430 |
| Kriegführung und Diplomatie als Mittel der Politik 285–288. | |
| Die Friedensfrage | 288–299 |
| Langsame Gewöhnung an den Gedanken des Erschöpfungskrieges 288–290. Bethmann Hollwegs Kriegsziele 290–292. Deutschlands Friedensbereitschaft, Vernichtungswille der Entente 292–294. Bemerkungen zur Politik des Kanzlers 294–299. | |
| Die erste Phase des U-Bootkriegs | 300–325 |
| Tirpitz über die Möglichkeit eines U-Bootkrieges 300. Bekanntmachung des U-Boot-Handelskrieges 301, 302. Der Kaiser über die Kriegführung 303. Schonung der neutralen Schiffe 304. Englands Abhängigkeit vom Schiffsverkehr 304–306. Proteste der Neutralen 306, 307. Deutsch-amerikanischer Notenwechsel 307–314. Versenkung der „Lusitania“ 314–317. „Freiheit der Meere“ 318–323. „Arabic“ versenkt 323–325. | |
| Der verschärfte U-Bootkrieg | 325–338 |
| Lansings Vorschlag über die U-Boot-Kriegführung an die Entente-Vertreter 325–328. Wiederaufnahme der „Lusitania“-Angelegenheit 328, 329. Stellung der militärischen Führung und des Kanzlers zum uneingeschränkten U-Bootkrieg 329, 330. Verschärfter U-Bootkrieg 330, 331. Haltung Amerikas 332–335. Forderung des uneingeschränkten U-Bootkrieges, Denkschrift des Admiralstabes 335, 336. Tirpitz' Rücktritt 337. Reichstag und U-Bootkrieg 337, 338. | |
| Der „Sussex“-Fall | 338–349 |
| Note Wilsons 339–342. Amerika oder Verdun? 343. Deutsch-amerikanischer Notenwechsel 344–347. Einstellung des verschärften U-Bootkriegs 347–349. | |
| Die Bemühungen Bethmann Hollwegs um einen amerikanischen Friedensschritt | 349–355 |
| Ineinandergreifen der U-Boot- und Friedensfrage 349, 350. Bemühungen bei Wilson 351–353. Gerards Reise nach Amerika, Wilsons Zurückhaltung 353–355. | |
| Der deutsche und der amerikanische Friedensschritt | 355–379 |
| Presserede Greys 355, 356. Günstige militärische Position für einen Friedensschritt 356–358. Antwort an Grey 359359, 360. Deutscher Friedensvorschlag an die kriegführenden Staaten 360–369. Friedensnote Wilsons an alle Mächte 369–372. Zustimmende Antworten Deutschlands und seiner Verbündeten, schroff ablehnende Antworten der Alliierten 372–379. | |
| Der uneingeschränkte U-Bootkrieg | 379–430 |
| Keine amerikanische Bemühung zur Aufhebung der Blockade 379–381. Wiederaufnahme der U-Bootfrage 381–383. Verhandlungen im Hauptausschuß über den U-Bootkrieg, meine Stellungnahme gegen den U-Bootkrieg 383–390. Zentrumserklärung und ihre Wirkung auf die Stellung des Kanzlers zu den militärischen Instanzen 390–394. Gutes Ergebnis des U-Boot-Kreuzerkriegs vom Oktober 1916 an 395. Admiralstab und Oberste Heeresleitung verlangen den uneingeschränkten U-Bootkrieg 395–399. Festmahl der amerikanischen Handelskammer 399–403. Neue Denkschrift des Admiralstabes 403–408. Entscheidung für den uneingeschränkten U-Bootkrieg, Vorgänge in Pleß 408–412. Meine persönliche Entschließung 412, 413. Wilsons Botschaft an den Senat 414–417. Wilson ersucht um Mitteilung der deutschen Friedensbedingungen 417–419. Überreichung der deutschen U-Boot-Note, Mitteilung der deutschen Friedensbedingungen 419–421. Die Auffassung Bernstorffs 421–428. Urteil über Wilson als Friedensstifter 428–430. |
Vorwort
Das ungeheure Geschehen des Weltkrieges gliedert sich dem rückwärtsschauenden Blick deutlich in zwei große Abschnitte.
Der erste fand seinen Abschluß mit dem Verbluten der fast fünfmonatigen Offensive unserer Feinde auf den Schlachtfeldern der Somme, mit der Niederwerfung Rumäniens und mit dem Scheitern des Friedensvorschlages der Mittelmächte vom 12. Dezember 1916 wie des Friedensschrittes des Präsidenten Wilson vom 21. desselben Monats.
Die im Januar 1917 beschlossene Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges leitete hinüber zu dem zweiten Hauptabschnitt, der durch den Eintritt der Vereinigten Staaten in die Reihe der Kriegführenden sein Gepräge erhielt.
Der Darstellung des ersten dieser beiden großen Abschnitte des Krieges gilt der vorliegende Band (Band II des Gesamtwerkes).
Der letzte Band, enthaltend die Darstellung des Krieges bis zum Ausbruch der Revolution und zum Abschluß des Waffenstillstandes befindet sich bereits im Druck und wird in Bälde ausgegeben werden.
Berlin, im Juni 1919
Karl Helfferich
Umfang und Art des Krieges
Ein ungeheures Schicksal war über das deutsche Volk hereingebrochen. Allein mit unseren österreichisch-ungarischen Verbündeten fanden wir uns gegenüber der russisch-französisch-englischen Koalition, die von vornherein durch Belgien, Serbien und Montenegro verstärkt war und der sich noch im Laufe des August auch Japan zugesellen sollte. Unser italienischer Dreibundgenosse dagegen lehnte es ab, den Bündnisfall als gegeben anzusehen, und erließ eine Neutralitätserklärung, die den französischen Ministerpräsidenten zu Worten hoher Freude und die französische Kammer zu einer stürmischen Ovation für die „lateinische Schwester“ veranlaßte. Auch Rumänien, das seit vielen Jahren durch eine geheime Militärkonvention mit uns verbunden war, hielt sich abseits; König Carol war nicht stark genug, gegen seine widerstrebenden Minister und die ententefreundliche öffentliche Meinung die Erfüllung der von ihm übernommenen Verpflichtungen durchzusetzen.
Die Übermacht der Feinde war erdrückend. Allein Rußland und Frankreich vermochten eine Truppenmacht ins Feld zu stellen, die der vereinigten deutschen und österreichisch-ungarischen erheblich überlegen war. Allein die britische Flotte war eine gewaltige Übermacht gegenüber den vereinigten Flotten Deutschlands und seines Bundesgenossen. Nicht minder war finanziell und wirtschaftlich das ungeheure Übergewicht auf der andern Seite, und schon die ersten Tage des Krieges zeigten, daß unsere Feinde, namentlich England, entschlossen waren, dieses Übergewicht bis zum äußersten auszunutzen.
Auch das stärkste Herz mußte sich von der Sorge bedrückt fühlen, wie das deutsche Volk sich der furchtbaren Übermacht sollte erwehren können. Es brauchte der ganzen Kraft, die nur das Bewußtsein der guten Sache verleiht, um die bangen Zweifel zu verscheuchen und die mutige Zuversicht zu schaffen, mit der das deutsche Volk in den Kampf um sein Dasein und seine Zukunft ging.
Die Straßen hallten wider von dem festen Tritte der Jungmannschaften und der Landwehrmänner, die, blumengeschmückt und vaterländische Lieder singend, ausmarschierten. Die Hoffnungen und die heißen Wünsche des ganzen deutschen Volkes begleiteten sie. Der Abschiedsschmerz und die Sorge um das Wiedersehen gingen unter in der Hingabe an das bedrohte Vaterland. Alles schien klein geworden, was bisher das Leben ausgefüllt hatte; es gab nur noch eines: die Verteidigung des deutschen Bodens und der deutschen Volksgemeinschaft. In diesem Gedanken fand sich ganz Deutschland in erhebender Einheit zusammen, alle Stämme, alle Klassen, alle Parteien. Und diese Einheit, aus der höchsten Not des Vaterlandes geboren, erschien als Gewähr des Sieges.
Die militärische Gestaltung des Krieges
Die Mobilmachung und der Aufmarsch unserer Truppen vollzogen sich mit der größten Ordnung und Präzision. Der Kriegsminister hat mir gegen Abschluß der Mobilisationsperiode erzählt, daß nicht eine einzige Rückfrage der Generalkommandos bei der Zentralinstanz erforderlich gewesen sei. Am 16. August, nach Vollendung des Aufmarsches, begab sich der Kaiser mit dem Großen Hauptquartier in aller Stille von Berlin nach Coblenz.
Inzwischen harrte das deutsche Volk mit atemloser Spannung der ersten Nachrichten von den Kriegsschauplätzen.
Mit besonderer Sorge blickte mancher nach der Nordsee in der Erwartung, daß die dort versammelte britische Flotte, das gewaltigste Geschwader, das je die Welt gesehen hatte, ohne Zögern zu dem so oft angekündigten Vernichtungsschlage gegen unsere junge Marine ausholen werde. Aber der erwartete Angriff erfolgte nicht. Die britischen Kriegsschiffe begnügten sich mit der Jagd auf wehrlose deutsche Handelsschiffe und dem Anhalten neutraler Fahrzeuge, von denen sie im Widerspruch zu allem Völkerrecht deutsche Passagiere und deutsches Gut herunterholten. Dagegen lösten einige kühne Taten unserer Marine großen Jubel aus, so gleich in den ersten Tagen des Krieges der Durchbruch der „Göben“ und der „Breslau“ durch ein starkes feindliches Geschwader bei Sizilien und ihr Einlaufen in die Dardanellen, vor allem aber die Versenkung der drei englischen Kreuzer durch das U-Boot des Kapitänleutnants Weddigen.
Von den Kriegsschauplätzen zu Lande kam die erste wichtige Nachricht am Morgen des 7. August: ein von einer kleinen Truppe unternommener Handstreich auf Lüttich sei nicht geglückt. Um so freudiger wurde am Abend desselben Tages die Nachricht aufgenommen, daß die Festung Lüttich in unseren Händen sei. Das war der erste große Erfolg. Er war zu verdanken dem vor nichts zurückschreckenden Draufgängertum des damaligen Generalmajors Ludendorff und der alle bisherigen Begriffe übersteigenden Wirkung unserer 42-cm-Geschütze, die mit ihren Geschossen auf große Entfernungen die stärksten Panzertürme wie irdene Töpfe zerschlugen.
Nun war die erste Bresche gelegt. Es folgte der unaufhaltsame Vormarsch unserer Truppen durch Belgien, die Besetzung von Brüssel, die Einnahme von Namur und die Schlachten bei Mons, Charleroi, Dinant, Neufchâteau und Longwy, in denen unsere Armeen sich den Weg nach Frankreich bahnten; dann die wuchtigen Schläge, die das britische Hilfskorps in viertägiger Schlacht von le Cateau und Landrecies über Cambrai und St. Quentin warf und großenteils vernichtete. Inzwischen hatte die Armee des bayrischen Kronprinzen die in das deutsche Lothringen eingedrungenen Franzosen zwischen Metz und den Vogesen gefaßt und in einer großen Schlacht geschlagen. Kleinere Mißerfolge, wie die Schlacht von Mülhausen, in der die geplante Abschnürung der französischen Truppen nicht gelang, taten dem erfreulichen Gesamtbilde keinen Eintrag. Unaufhaltsam schienen sich die gewaltigen deutschen Heeresmassen vorwärts zu wälzen und jeden Widerstand vor sich zu zerbrechen. Am 4. September konnte der Kaiser in Luxemburg, wohin inzwischen das Große Hauptquartier verlegt worden war, zu mir sagen: „Wir haben heute den fünfunddreißigsten Mobilmachungstag. Reims ist von unsern Truppen besetzt, die französische Regierung hat ihren Sitz nach Bordeaux verlegt, unsere Kavalleriespitzen stehen 50 Kilometer vor Paris!“
Freilich, als ich am Abend desselben Tages, vor meiner Rückreise in die Heimat, den Chef des Generalstabs des Feldheeres besuchte, erhielt das glänzende Bild, das ich mir aus den Berichten über die Siege und den Vormarsch unserer Truppen gemacht hatte, einen ernsten Schatten. Ich fand den Generalobersten von Moltke keineswegs in froher Siegesstimmung, sondern ernst und bedrückt. Er bestätigte mir, daß unsere Vortruppen 50 Kilometer vor Paris standen; „aber“ — fügte er hinzu — „wir haben in der Armee kaum mehr ein Pferd, das noch eine andere Gangart als Schritt gehen kann.“ Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Wir wollen uns nichts vormachen. Wir haben Erfolge gehabt, aber wir haben noch nicht gesiegt. Sieg heißt Vernichtung der Widerstandskraft des Feindes. Wenn sich Millionenheere gegenüberstehen, dann hat der Sieger Gefangene. Wo sind unsere Gefangenen? Einige zwanzigtausend in der Lothringer Schlacht, da noch zehntausend und dort vielleicht noch zwanzigtausend. Auch die verhältnismäßig geringe Zahl der erbeuteten Geschütze zeigt mir, daß die Franzosen sich planmäßig und in Ordnung zurückgezogen haben. Das Schwerste steht uns noch bevor!“
Die folgenden Tage brachten die große französische Gegenbewegung, die man sich gewöhnt hat, als die „Marneschlacht“ zu bezeichnen. Trotz taktischer Erfolge unseres schwer angegriffenen rechten Flügels endigten die Kämpfe mit einem strategischen Rückzuge. Unsere Generalstabsberichte zeigten in den kritischen Tagen eine Zurückhaltung, die unserm Volk den Ernst der Lage nicht zum Bewußtsein kommen ließ. Die damals bei uns noch nicht veröffentlichten französischen und englischen Heeresberichte der zweiten Septemberwoche strömten über von Siegesjubel. Namentlich die französischen Berichte ließen unsere Armeen in voller Auflösung und in unaufhaltsamer Flucht erscheinen. Auch die privaten Nachrichten, die von der Front ihren Weg nach der Heimat fanden, lauteten nicht ermutigend. Es waren für den Wissenden sorgenvolle Tage und schlaflose Nächte.
Allmählich klärte sich die Lage. Unsere Armeen hatten eine stark befestigte Verteidigungsstellung zwischen Noyon, nördlich Reims und Verdun bezogen, an der sich der französische Gegenstoß endgültig brach. Französisch-englische Versuche, uns durch Überflügelung in der rechten Flanke zu fassen, wurden abgewiesen, wiederholten sich aber immer wieder, und zwar fortschreitend in nördlicher Richtung. Alle Versuche des Feindes, durchzubrechen und unsere rückwärtigen Verbindungen zu bedrohen, wurden in heftigen Kämpfen, so bei Bapaume und Albert, abgewiesen.
Mit der Einnahme von Antwerpen am 9. Oktober und der bald darauf folgenden Besetzung von Ostende war für unsern rechten Flügel eine starke Anlehnung an die Nordsee gewonnen. Aber unserem Versuche, mit dem Einsatz unserer besten Kraft an der Yser und bei Ypern die feindliche Front zu zerbrechen, die Heere der Verbündeten vom Meere abzudrängen und sie endgültig zu überflügeln, blieb, trotz des beispiellosen Heldenmutes unserer Freiwilligen-Regimenter und aller unsagbaren Opfer, der Erfolg versagt. Nachdem der Feind zur Unterstützung seiner erlahmenden Widerstandskraft das Meer ins Land hereingelassen und den größten Teil des Kampfgeländes in Sumpf und See verwandelt hatte, flaute im November nach einer letzten gigantischen Anstrengung bei Ypern das furchtbare Ringen ab. Auch hier erstarrte der Kampf zum Stellungskrieg. Ebenso blieben unsere Versuche, auf unserm linken Flügel die Sperrfortkette Verdun-Toul zu sprengen, trotz einzelner Erfolge im ganzen fruchtlos. Der Feldzug auf dem westlichen Kriegsschauplatze war im November auf der ganzen Linie zum Stehen gekommen. Die Hoffnungen auf eine schnelle Entscheidung und ein baldiges Ende des Krieges mußten begraben werden.
Auch im Osten war inzwischen schwer gekämpft worden. Gleich nach Ausbruch der Feindseligkeiten hatte es sich gezeigt, wie weit die russische Mobilmachung an unsern Grenzen bereits vorgeschritten war. Unsere in Ostpreußen stehenden schwachen Kräfte wurden alsbald von einer großen Armee angegriffen und mußten, trotz heldenhafter Gegenwehr, wertvolle Teile der Provinz dem Feinde preisgeben. Sengend und brennend, plündernd und mordend ergossen sich die russischen Horden über das blühende Land. Das über Erwarten rasche Vordringen des Feindes, die verzweifelten Hilferufe der Einwohner und die Entrüstung über die russische Barbarei bestimmten unsere Oberste Heeresleitung, früher als ursprünglich geplant eine Gegenaktion in die Wege zu leiten. Der General von Hindenburg, der kurz vor dem Kriege seinen Abschied genommen hatte, wurde zum Führer der neuzubildenden Ostarmee ausersehen, der Generalmajor Ludendorff wurde zu seinem Stabschef ernannt. Dem Genie der beiden sich gegenseitig auf das Glücklichste ergänzenden Feldherren gelang es, in den Schlachten bei Tannenberg und an den Masurischen Seen die gewaltige russische Übermacht vernichtend zu schlagen und unsere Ostmark vom Feinde zu befreien. Der Jubel in ganz Deutschland war grenzenlos. Die Namen Hindenburg und Ludendorff waren in aller Munde; ihre mit einem Schlage gewonnene Volkstümlichkeit ist während des ganzen Krieges von keinem andern Feldherrn oder Staatsmann auch nur annähernd erreicht worden.
Aber auch die ostpreußischen Schlachten führten, so groß der Erfolg war, keine Entscheidung herbei. Unsere österreichisch-ungarischen Bundesgenossen hatten im südlichen Polen und in Galizien schwere Niederlagen erlitten. Die Bukowina und der größte Teil von Galizien mußten preisgegeben werden, und die Russen schickten sich an, über den Karpathenkamm nach Ungarn einzudringen. Ein kraftvoller Vorstoß Hindenburgs gegen Warschau und der Österreicher gegen Iwangorod mußten abgebrochen werden. Schlesien erschien auf das Äußerste bedroht, und Ostpreußen erlebte einen zweiten Russeneinfall. Wenn es auch gelang, Ostpreußen zum zweitenmal zu befreien, die Gefahr für Schlesien abzuwenden und den Krieg erneut nach Polen zu tragen, so gestattete gegen die Wende des Jahres 1914 die Lage auf dem östlichen Kriegsschauplatz keine Täuschung darüber, daß auch von hier keine schnelle Entscheidung und kein baldiges Kriegsende zu erwarten war. Was im ersten jähen Ansturm in West und Ost nicht geglückt war, den Feind vernichtend zu schlagen und ihn zu einem unser und unserer Verbündeten Dasein sichernden Frieden bereit zu machen, das konnte jetzt nur noch von zähem Kampf und entschlossenem Durchhalten erwartet werden. Vielen wurde es jetzt erst bewußt, vor welche Schicksalsprobe unser Volk gestellt war.
Der Krieg und die deutschen Finanzen
Während das Heer unsere Grenzen schützte und den Krieg in Feindesland trug, spannte auch die Heimat alle Kräfte an, um den Erfordernissen des Krieges gerecht zu werden. Mehr denn jemals zuvor war dieser Krieg von seinem Anbeginn an nicht nur ein Krieg der Waffen, sondern auch ein Krieg der Finanzen und der Wirtschaft aller beteiligten Völker.
Meine Stellung in der Direktion des größten deutschen Finanzinstituts gab mir Gelegenheit, auf diesem Felde mitzuarbeiten.
Schon in den Jahren vor dem Kriege hatte ich die Bestrebungen des Reichsbankpräsidenten Havenstein, das deutsche Geld- und Kreditwesen auf eine möglichst solide, auch gegenüber schweren Erschütterungen wirtschaftlicher und politischer Art widerstandsfähige Grundlage zu stellen, in meinem Wirkungskreise nach Kräften unterstützt. Meine Kollegen in der Direktion der Deutschen Bank setzten in guter alter Tradition ihren Stolz nicht nur in die Ausdehnung der Geschäfte der Bank, sondern mehr noch in die Aufrechterhaltung und Verbesserung der Liquidität ihres Standes; hier wurde die Berechtigung der Havensteinschen Bestrebungen nicht nur theoretisch anerkannt, sondern auch praktisch betätigt. Die seit dem Jahre 1905 sich überstürzenden politischen Krisen zeigten, wie notwendig es war, das gesamte deutsche Kreditwesen, das durch die ungestüme wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands auf das Stärkste angespannt war, krisenfest zu machen. In dieser Richtung lag die Verstärkung des Goldbestandes der Reichsbank als unserer nationalen Goldreserve, die Verbesserung der Zahlungssitten durch die Ausdehnung des Scheck- und Giroverkehrs, die Einschränkung der Festlegung der Bankdepositen in langfristigen und immobilen Krediten, die Beseitigung der Abhängigkeit des deutschen Geldmarktes von kurzfristigen Auslandskrediten, die innere Konsolidierung der großen Unternehmungen durch eine vorsichtige Dividenden- und Reservenpolitik.
Schon die Marokkokrisis von 1911 hatte gezeigt, daß diese Bemühungen nicht vergeblich gewesen waren. Das deutsche Geld- und Kreditwesen zeigte damals schon, im Vergleich mit Frankreich und selbst England, eine erfreuliche Widerstandsfähigkeit. Die namentlich im Ausland, aber auch in Deutschland selbst verbreitete Auffassung, das deutsche Wirtschaftsgebäude sei ein Koloß auf tönernen Füßen, das deutsche Kreditsystem sei ein Kartenhaus, das beim ersten scharfen Windstoß zusammenbrechen müsse, hatte sich damals schon als überholt erwiesen. Freilich, unsere Gegner, namentlich die Franzosen, haben das nicht wahr haben wollen. Obwohl die Börse und der Geldmarkt in Paris und sogar in London, wie sich an den Kursen der Wertpapiere und den Geldsätzen ohne weiteres ablesen ließ, durch die Erschütterung der Marokkokrisis stärker in Mitleidenschaft gezogen wurden als bei uns, blieb nicht nur die öffentliche Meinung, sondern — von wenigen Ausnahmen abgesehen — auch der engere Kreis der Fachleute in Frankreich bei der vorgefaßten Meinung von unserer unbedingten finanziellen Unterlegenheit; ja es bildete sich die Legende, die Gefahr des finanziellen Zusammenbruchs habe es für Deutschland unmöglich gemacht, es auf einen Krieg ankommen zu lassen. Ich habe diesen Glauben an unsere finanzielle Unzulänglichkeit, der mir in ausländischen Kreisen immer wieder entgegentrat, stets als eine Verstärkung der dem Weltfrieden ohnehin schon drohenden Gefahren angesehen; denn dieser Glaube konnte in kritischen Situationen leicht dazu führen, unsere Gegner zu einer Überspannung ihrer Ansprüche und Zumutungen zu verleiten. Ich habe mich deshalb für verpflichtet gehalten, diesen irrigen Vorstellungen entgegenzutreten, insbesondere dann, wenn sie, was vorkam, von Deutschland aus Nahrung erhielten. Noch kurz vor Ausbruch des Weltkrieges, im Juni 1914, habe ich im Vorwort zur vierten Auflage meines Büchleins über „Deutschlands Volkswohlstand“ ausgeführt:
„Es ist geradezu ein Weltinteresse, daß die Illusion verschwindet, durch Mittel der finanziellen Politik könne erreicht werden, was bisher weder durch militärische Macht noch durch Allianzen und Ententen zu erreichen war: die Niederkämpfung Deutschlands.“
Nun brach der Sturm des Krieges über die Welt herein und erschütterte den wirtschaftlichen Aufbau aller beteiligten Völker in seinen Grundfesten.
Schon seit dem Attentat von Sarajewo lag ein dumpfes Unbehagen über den finanziellen Märkten der Welt. Das österreichisch-ungarische Ultimatum an Serbien und die ungenügende Antwort der serbischen Regierung, dazu die Stellungnahme Rußlands, das erklärte, „nicht indifferent bleiben zu können“, brachten das Ungewitter zum Ausbruch. Alles, was bisher an Werten als fest und sicher galt, geriet ins Schwanken. Bares Geld, womöglich blankes Gold, erschien als der einzige feste Pol in der Erscheinungen Flucht. Die Börsen wurden von allen Seiten mit Verkaufsaufträgen überschüttet; die Geldinstitute wurden mit Kreditanträgen und Wechseleinreichungen bestürmt; Kredite wurden gekündigt; bei den Banken und Sparkassen drängte sich die Kundschaft, um Guthaben und Einlagen zurückzuziehen.
Es galt, alle Kraft einzusetzen, um die Sturmflut der Panik einzudämmen und der Besonnenheit wieder zu ihrem Rechte zu verhelfen. Jetzt hatte sich zu bewähren, was Deutschland in den letzten Jahrzehnten an echter finanzieller Kraft gewonnen und an wirksamer finanzieller Organisation aufgebaut hatte. Die großen Berliner Banken und Bankiers, die sich seit Jahren in der sogenannten „Stempelvereinigung“ zusammengeschlossen und dort an ein einheitliches Handeln in allen Fragen von allgemeinem Interesse ihres Berufes gewöhnt hatten, vereinigten sich alsbald zu einem gemeinschaftlichen Vorgehen, um in engster Fühlung mit der Reichsbank und der Seehandlung durch eine Intervention auf den Effektenmärkten, durch Aufrechterhaltung der Kredite und Schaffung erweiterter Kreditmöglichkeiten für Beruhigung zu sorgen und die Weiterführung einer geordneten wirtschaftlichen Tätigkeit zu ermöglichen. Jeden Vormittag versammelten sich in jener kritischen Zeit die Vertreter der an die „Stempelvereinigung“ angeschlossenen Finanzinstitute im Sitzungssaal der Deutschen Bank, um über die Lage und die gemeinschaftlich zu ergreifenden Maßnahmen zu beraten. Wir alle waren durchdrungen von der Überzeugung, daß in jener schweren Lage jede Ängstlichkeit und Engherzigkeit der in der deutschen Finanzwirtschaft führenden Stellen verhängnisvoll wirken müsse; daß nur ein großzügiges und weitherziges Verhalten gegenüber den Erfordernissen der Stunde die Lage retten könne; daß schließlich den deutschen Banken ihr in langer Arbeit und in ernster Selbstbeschränkung gefestigter Stand es gestatte, jetzt in den Zeiten der Not vor den Riß zu treten und im Interesse des Ganzen große Risiken zu übernehmen. Die strengen Normen in ruhigen Zeiten haben ihren Zweck in der Sicherung der Bereitschaft für den kritischen Augenblick. Wenn das Pferd über den Graben soll, heißt es die Zügel locker lassen.
Der Erfolg der zweckmäßigen Organisation und des planmäßigen Eingreifens blieb nicht aus. Die finanziellen Grundmauern der deutschen Wirtschaft zeigten sich dem Sturm der Kriegspanik gewachsen; unsere finanzielle Widerstandskraft hielt jeden Vergleich aus mit derjenigen unserer Feinde, die sich auf einen viel älteren Reichtum stützen konnten und sich uns gegenüber bisher als die unbestritten Überlegenen gefühlt hatten.
Unsere Effektenmärkte zeigten in dem Kurssturz, der über alle Plätze bis hinüber nach Amerika mit elementarer Wucht hereinbrach, immerhin eine bessere Haltung als diejenigen Frankreichs und Englands. In der Zeit vom 17. bis 28. Juli 1914 — in den folgenden Tagen kamen an den meisten Plätzen keine ordnungsmäßigen Notierungen mehr zustande — stellte sich die Kursbewegung der maßgebenden Staatsanleihen Deutschlands, Frankreichs und Englands wie folgt:
| Kurs vom | also | ||
| 17. Juli | 28. Juli | Rückgang | |
| 3%ige deutsche Reichsanleihe | 76,50 | 73,75 | 2,75 |
| 3%ige französische Rente | 82,62 | 77,25 | 5,37 |
| 2½%ige englische Konsols | 75,81 | 71,75 | 4,06 |
Der Kursrückgang in jenen kritischen Tagen war also bei den deutschen Staatspapieren erheblich geringer als bei den englischen und namentlich den französischen Anleihen. Dabei gaben die amtlichen Pariser Kurse das wahre Bild nicht annähernd richtig wieder. Der „Temps“ berichtete über den Verlauf der Pariser Börse vom 25. Juli, daß die Kammer der Kursmakler sich angesichts des starken Angebots von 3%iger Rente genötigt gesehen habe, die Notierung eines niedrigeren Kurses als 78 zu verbieten, obwohl Angebote zu 74 vorlagen.
Was hier in den kritischen Tagen unmittelbar vor Kriegsausbruch in Erscheinung trat, war nicht etwa nur ein Augenblickserfolg der deutschen Finanzen. Bis zum Frühjahr 1915 ging die 3%ige französische Rente um weitere 12–15% zurück, die deutsche 3%ige Reichsanleihe nur um 5½%. Während im Durchschnitt des Jahres 1910 die 3%ige französische Rente auf 98, die 3%ige deutsche Reichsanleihe nur auf 84 gestanden hatte, sank jetzt das französische Standardpapier unter den Kurs der mit gleicher Verzinsung ausgestatteten deutschen Staatswerte. Auch der Rückgang der englischen Konsols war bis zum Frühjahr 1915 mit 7% stärker als der Rückgang der deutschen Reichsanleihe, obwohl die britische Regierung Mindestkurse dekretiert hatte, die damals im freien Verkehr um 3–4% unterschritten worden sein sollen.
Ebenso wie der Markt der Staatsanleihen, dessen Verhalten typisch war für das Verhalten der fest verzinslichen Werte überhaupt, zeigte auch der Markt der Dividendenwerte in Deutschland eine verhältnismäßig gute Widerstandskraft. So sanken, um nur ein Beispiel zu geben, die Aktien des ersten französischen privaten Bankinstituts, des Crédit Lyonnais, vom 18.–20. Juli 1914 von 1535 auf 1350 Franken, also um 12% ihres Kurswertes vom 18. Juli; in der gleichen Zeit sanken die Aktien der Deutschen Bank von 231,60% auf 218%, diejenigen der Diskontogesellschaft von 180,80% auf 170%, beide also um nicht ganz 6% des Kurses vom 18. Juli.
Stärker noch als in den Kursen kam die große Widerstandskraft des deutschen Kapitalmarktes in andern Erscheinungen zum Ausdruck. Die Pariser Börse war in der letzten Juliwoche genötigt, zur Vermeidung eines völligen Zusammenbruchs die Ultimoliquidation zwangsweise zu suspendieren. Ein ähnliches Börsenmoratorium wurde in London notwendig. In Berlin dagegen blieb die Börse, wenn auch unter Beschränkung auf den Kassahandel, bis zur Proklamation des Kriegszustandes in Tätigkeit, und die Juliliquidation wurde, im Gegensatz zu London und Paris, nicht hinausgeschoben, sondern dank der von den Banken gewährten Erleichterungen ohne nennenswerte Störung abgewickelt.
Auch dem gewaltigen Andrang nach baren Zahlungsmitteln hat das deutsche Bankwesen — abgesehen von einem vorübergehenden Mangel an Kleingeld — zu erträglichen Bedingungen genügen können. Die Reichsbank, unterstützt von den für den Kriegsfall vorgesehenen und alsbald in Wirksamkeit tretenden Darlehnskassen, zeigte sich allen Ansprüchen gewachsen. In den beiden Wochen vom 23. Juli bis 7. August 1914 stellte sie dem Verkehr für mehr als 2 Milliarden Mark Zahlungsmittel der verschiedensten Kategorien zur Verfügung, ohne mit ihrem Diskontsatz stärker als von 4% auf 6% in die Höhe zu gehen. In Frankreich und England dagegen sahen sich die Zentralbanken genötigt, empfindliche Restriktionen in der Diskontierung von Wechseln eintreten zu lassen. Die Bank von England mußte ihren Diskontsatz in den drei Tagen vom 23. zum 25. Juli sprungweise von 3% auf 10% hinaufsetzen. Während die Privatbanken in Deutschland, gestützt auf den Rückhalt, den ihnen die Reichsbank bot, anstandslos alle von ihnen verlangten Auszahlungen leisten, ihre Kredite aufrechterhalten und erweitern konnten, sahen sie sich in Frankreich und England alsbald vor ernsthaften Schwierigkeiten. In Frankreich ließen sich die Banken und Sparkassen die gesetzliche Ermächtigung geben, auf die bei ihnen stehenden Guthaben nur bescheidene Teilbeträge auszuzahlen. In England wußte man sich nicht anders zu helfen, als daß der auf den ersten Montag im August fallende „Bankfeiertag“ auch auf die folgenden drei Tage ausgedehnt wurde, was praktisch einer Sperre der Bankschalter während der stürmischsten Tage gleichkam. Außerdem sah man sich in allen kriegführenden Ländern, außer Deutschland, und in zahlreichen neutralen europäischen und überseeischen Ländern genötigt, Moratorien einzuführen, teils für den Wechselverkehr, teils für den gesamten Bankverkehr, teils für alle Zahlungsverpflichtungen unter Privaten. In Deutschland dagegen kam man in eingehenden Beratungen aller beteiligten Instanzen zu dem Entschluß, von dem Erlaß eines Moratoriums abzusehen. Man begnügte sich mit Gegenmaßnahmen, die die deutsche Geschäftswelt vor der Wirkung der im Ausland erlassenen Moratorien schützten. Außerdem wurde die Möglichkeit geschaffen, im Einzelfall beim Vorliegen eines wirklichen Notstandes die Zahlungsfristen durch gerichtliches Urteil hinauszuschieben. Im übrigen wurde die Zahlungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft durch eine Reihe positiver Maßnahmen und Einrichtungen aufrechterhalten, die das Zusammenwirken der Reichsbank, der Darlehnskassen, der Genossenschaften und Sparkassen in wirksamer Weise ergänzten; so insbesondere durch die in freiwilligem Zusammenschluß der beteiligten Kreise geschaffenen Kriegskreditbanken und die Vereinbarungen der Bodenkreditinstitute über die Bevorschussung von Hypotheken.
Durch dieses ruhige, sichere und planmäßige Vorgehen gelang es, in wenigen Tagen der Erregung des Publikums und der Kopflosigkeiten, wie sie in solchen Zeiten immer vorkommen, Herr zu werden und in der deutschen Geschäftswelt das Vertrauen in die finanziellen Grundlagen unserer Wirtschaft wiederherzustellen.
Ein Vorfall, der sich in den Tagen der ersten großen Aufregung bei der Deutschen Bank abspielte, zeigt, daß in solchen Lagen auf das große Publikum nichts beruhigender wirkt als ein festes und zuversichtliches Verhalten der Stellen, auf die sich die verängstigten Augen richten. Aus der Hauptdepositenkasse wurde nach der Direktion gemeldet, der Andrang des Publikums zu den Auszahlungsschaltern sei ungeheuer und geradezu lebensgefährlich; es müsse etwas geschehen, um für die Aufrechterhaltung der Ordnung zu sorgen. Der Bescheid, der gegeben wurde, ging dahin, es seien alsbald zwei weitere Schalter für die Auszahlung zu öffnen und das dem Publikum bekanntzumachen. Die Wirkung war durchschlagend. Viele gingen beruhigt nach Hause, weil ihnen die Öffnung neuer Auszahlungsschalter die Sicherheit gegeben hatte, daß die Bank imstande und gewillt sei, jede Auszahlung zu leisten.
Schon vor der Beendigung der Mobilmachung und vor den ersten Siegesnachrichten fing das Publikum an, die in den Tagen der Panik abgehobenen Gelder wieder zu den Banken und den Sparkassen zurückzubringen. Auch die gewaltigen Geldsummen, die das Kriegsministerium im Laufe der Mobilmachung für die Beschaffung von Heeresgerät und Heeresausrüstung aller Art verausgabte, fanden bald ihren Weg zurück zu den großen Sammelbecken des Geldverkehrs. An die Stelle der Geldklemme der ersten Wochen trat bald eine große Geldflüssigkeit, die es möglich machte, die Begebung einer ersten Kriegsanleihe schon für den Monat September ins Auge zu fassen.
In der Tat trat Deutschland als der erste unter allen kriegführenden Staaten mit einer Kriegsanleihe an den Markt. Es fehlte nicht an warnenden Stimmen, die einen Mißerfolg voraussagten. Das klägliche Ergebnis der im Jahre 1870 vom Norddeutschen Bund ausgeschriebenen Kriegsanleihe schwebte manchem als übler Vorgang vor Augen. Noch mehr Bedenken erregte der kühne Vorschlag des Reichsbankpräsidenten, die Kriegsanleihe in unbeschränktem Betrag aufzulegen, damit jedem Zeichner von vornherein die Zuteilung des vollen gezeichneten Betrages in Aussicht zu stellen und so auf jeden Anreiz zu spekulativen Zeichnungen und auf jeden Scheinerfolg, wie er in der Überzeichnung einer in limitiertem Betrag aufgelegten Anleihe leicht zu erzielen ist, bewußt und absichtlich zu verzichten. Ich hatte Gelegenheit, mit dem Reichsbankpräsidenten das Aktionsprogramm durchzusprechen und ihn gegenüber den Stimmen der Bedenklichen in seinen Absichten zu bestärken. Der Erfolg hat der Kühnheit recht gegeben. Das Zeichnungsergebnis war rund 4½ Milliarden Mark. Das war fast das Doppelte der bisher größten Anleiheaktion der Geschichte, der französischen Anleihe vom Juli 1872, die 2400 Millionen Mark erbracht hatte. Dabei hatte sich die Einzahlungsfrist der französischen Anleihe vom Juli 1872 bis zum Herbst 1873, also auf etwa 15 Monate erstreckt, während der fast doppelt so große Betrag der ersten deutschen Kriegsanleihe nach den Zeichnungsbedingungen in zwei Monaten einzuzahlen war. Ferner war die große französische Anleiheaktion erst nach Abschluß des Friedens durchgeführt worden, die deutsche Anleihe dagegen wurde zu Anfang eines unabsehbaren Krieges gezeichnet. Und schließlich waren die Zeichnungen auf die französische Anleihe zu einem großen Teil auf fremden Märkten, namentlich auf dem Londoner Markte, erfolgt, während die 4½ Milliarden der ersten deutschen Kriegsanleihe so gut wie ausschließlich eine Leistung des auf sich selbst gestellten deutschen Volkes waren.
Die Sicherung der finanziellen Grundlagen unserer Wirtschaft und die Beschaffung der für den Krieg erforderlichen Geldmittel war so in den ersten Wochen des Krieges auf das beste eingeleitet.