Fragen wir nun, was enthalten diese prähistorischen Strata des Tempelbezirks, in deren untersten 3-4 m der gebrannte Backstein eine noch völlig unbekannte Grösse ist, während das Brennen von Tonwaren längst geübt wurde, so haben wir zu unterscheiden zwischen dem Tempel selbst und seiner Umgebung. Durch eine Reihe von Stollen, die in das Innere des Etagenturmes geschlagen wurden, stellte ich zunächst fest, dass 4.20 m innerhalb der von Ur-Gur um 2700 v. Chr. erbauten Front der unteren Stufe der Pyramide ein tief abwärts gehender uralter sumerischer Turm begraben liegt, dass also die Sumerer, nicht die Semiten als die Erfinder dieser eigenartigen Etagentürme zu betrachten sind. Zu diesem Resultat war ich bereits früher geführt durch die Erwägung, dass alle jene Türme bemerkenswerte sumerische Namen tragen, und dass die älteren Tellôinschriften solche Türme bereits zu kennen schienen. Die noch erhaltene niedrige Umfassungsmauer des ältesten heiligen Bezirkes von Nippur umschliesst eine bedeutend kleinere Fläche als die spätere starke Befestigungsmauer desselben.
In geradezu wunderbarer Weise ward das Heiligtum drainiert. Vier und ein halb Meter unterhalb von Narâm-Sin’s Plattform machte die Expedition eine wahrhaft epochemachende Entdeckung, deren ganze Tragweite sich mir erst während der letzten Kampagne erschloss. Direkt unter der Umfriedungsmauer mündete ein ca. 1 m hohes Gewölbe, in regelrechter Bogenform erbaut, aus (Abb. 50). Es gehört zweifelsohne in das 5. Jahrtausend und liefert durch die blosse Tatsache seiner Existenz eine weltbeschämende stumme Kritik der Drainierungsverhältnisse der meisten unserer grossen europäischen Städte im 20. nachchristlichen Jahrhundert. Man hatte im „Königreiche des Nimrod‟ nicht nötig, das Strassenpflaster jedesmal aufzureissen, wenn irgendwo im Boden eine Röhre geplatzt war. Denn die Anlage ist nicht ein blosser unterirdischer Kanal für Abzugswasser, sondern ein gewölbter Gang, in dessen Boden in Cement eingelassen, wie im Bilde deutlich erkennbar, zwei Tonröhren von ca. 15 cm Durchmesser nebeneinander gebettet lagen. Platzte eine derselben, so betrat ein Arbeiter in gebückter Stellung das Gewölbe und besserte ohne weitere Schwierigkeit den Schaden aus. Warum 2 Röhren? Offenbar um das Wasser, das an der gemeinsamen SO.-Ecke des Turmes in das Gewölbe einmündete, von zwei verschiedenen Richtungen her abzuleiten. Etwa 500 in der Nähe gefundene Knie- und T-Stücke (Abb. 51) belehren uns, dass man auch rechtwinkelig sich treffende Abzugsröhren in unserer heutigen Weise damals zu vereinigen wusste.
Die Kunst jener uralten Periode lassen Sie mich wenigstens an der Hand zweier Denkmäler vor Augen führen. Der zunächst folgende Marmorkopf gehört einem Volke an, das Kopfhaar und Bart rasierte (Abb. 52). Solche leider oft verstümmelte Prachtstücke sind in Nippur, Tellô und anderen älteren Ruinen gefunden worden. In einem Exemplare aus Nippur hat der Künstler das Weisse des Auges durch Muschel, die Pupille durch braunen Stein und die Augenlider und Augenhaare durch eingelegtes Silber in entsprechender Weise hervorgehoben. Das andere Denkmal ist der bereits berühmt gewordene wunderbare Bronzekopf einer Ziege mit gewundenen Hörnern aus Fâra (in einem fast lebensgrossen und einem etwas kleineren Exemplar vorhanden) (Abb. 53). Da man Zinn offenbar nur erst wenig oder noch gar nicht kannte, wurde die nötige Härte und Behandlungsfähigkeit des Kupfers durch einen Zusatz von Antimon erreicht. Die Augen und Ornamente am Kopfe des Tieres sind ebenfalls durch eingelegte Muscheln und Steine in scheinbar spielender Weise hergestellt.
Eine wie lange historische Entwicklung vorauszusetzen ist, ehe man derartige Kunstwerke im 5. Jahrtausend zu schaffen im stande war, entzieht sich zur Zeit noch unserem Urteil. Die hohen Errungenschaften jener Periode auf dem Gebiete der Technik und Wissenschaft, das hochentwickelte Schriftsystem, dessen einzelne Zeichen ursprünglichen Bildern meist schon sehr fern stehen, der sichtbare Verfall der Sprache, in der ursprünglich ganz verschieden ausklingende Wurzeln nach Abschleifung der Endkonsonanten bereits in auffälliger Weise zusammengefallen sind, werden es kaum zu hoch erscheinen lassen — und Anthropologen werden nicht mit Unrecht ob dieses geringen Ansatzes lächeln —, wenn ich angesichts der unterhalb des Bogens befindlichen weiteren 4.5 m Trümmer für eine derartige Entwicklung aus den ersten Anfängen menschlicher Zivilisation 1000-2500 Jahre ansetze.
Als wir ausserhalb der Umfriedungsmauer des Heiligtums bis zu dem Wasserspiegel hinabdrangen, stiess ich allenthalben auf Vasenscherben (Abb. 54), horizontale und vertikale Abzugskanäle, Asche und andere Verbrennungsreste. Daneben fanden sich trotz des gewaltigen Druckes der Jahrtausende lang darüber liegenden Masse eine ganze Reihe prächtig erhaltener Urnen. Es war die Feuernekropole der um den Tempel ihres Gottes im langen Schlafe ruhenden Sumerer (Abb. 55). Was, so fragen wir im gerechten Erstaunen, war dann die ursprüngliche Bedeutung des Etagenturmes von Nippur?
Der erste seiner vier Namen bezeichnet ihn als Imcharsag, „Windberg‟, auf dem der Herr (en) des Windes (lil), des Sturmes und Blitzes, d. h. Enlil, der Gott der atmosphärischen Erscheinungen, mit dem der semitische Bêl („Herr‟) später identifiziert wurde, thront, von dem herab er seine Donnerkeile, mit welchen er oft dargestellt wird, auf die Erde schleudert. Als Orakelstätte für die Menschen heisst der Turm Esagasch, „Haus der Entscheidung‟. Als tief in die Unterwelt hinabdringend, wo nach sumerischer Anschauung die abgeschiedenen Geister im Hades wohnen, und in deren Nähe man demgemäss die Toten beerdigte, wird er auf einer Inschrift Egigunû, „Haus des Grabes‟, d. h. pars pro toto, „Haus der Unterwelt‟ bezeichnet. Der vierte zusammenfassende Name benennt ihn Duranki, „das Band Himmels und der Erde‟. Der Etagenturm ist demgemäss nichts anderes als die Darstellung einer kosmisch-religiösen Idee, die lokale Repräsentation des grossen mythologischen Götterberges, den sich die alten Babylonier im fernen Norden aus der Unterwelt zur Erde emporsteigend und bis in den Himmel hineinreichend (vgl. 1. Mose 11) dachten — eine Art Olymp, auf dem die Götter als „Kinder des Bêl‟ geboren waren, der aber nach seiner anderen Seite in einem späteren Texte geradezu als schad Aralû, „Berg der Unterwelt‟ bezeichnet wird.
(Im Vordergrund die alte Umfassungsmauer des Tempels.)
Der Turm des Enlil erscheint daher in der ältesten sumerischen Periode in seinem oberen Teile als die Wohnstätte des im Himmel thronenden „Vaters der Götter‟, in seinem mittleren als Kultusstätte der auf der Erde wohnenden Menschen, und in seinem in den Hades hinabreichenden unteren Teile als ein Platz, um den die Toten ruhen — eine wahrhaft grossartige Auffassung eines Heiligtums in der ältesten babylonischen Geschichte, die bis zu einem gewissen Grade sich bis in die jüngste Zeit hinein in den von Friedhöfen umgebenen christlichen Kirchen erhalten hat. Erst unter den semitischen Eindringlingen Babyloniens scheint es nach unserer jetzigen Kenntnis wie in der Wissenschaft und Kunst, so in der Religion abwärts gegangen zu sein. Nach Sargons I. Zeit hören in Nippur (bis zur Partherperiode) ganz unvermittelt die Begräbnisse in der Umgebung des Tempels auf. Trotz allem, was man darüber geschrieben hat, und trotz einiger keilschriftlicher Hinweise auf Königsgräber, wissen wir durch die Ausgrabungen noch nicht, wo und wie die semitischen Bewohner Babyloniens ihre Toten beerdigten. In Lagasch (Tellô), wo sich offenbar die altsumerischen Traditionen mit am längsten erhielten, führt erst Gudea um 2800 v. Chr. die gleiche Reformation wie die Sargondynastie in Nippur durch. Beim Neubau des Tempels werden die alten Grabstätten geschont, aber Neue hinfort nicht mehr geduldet. „Eine Graburne wurde nicht zerbrochen, Gliedmassen (oder Leichenreste) nicht verletzt‟ (Statue B, col. IV, 10); „auf dem Begräbnisplatze der Stadt ... ward ein Leichnam nicht beerdigt‟ (col. V, 2); „eine Klagefrau liess keine Klage [mehr] erschallen‟ (col. V, 4). „Den Tempel des Ningirsu hat er wie Eridu zu einem reinen Orte gemacht‟ (col. IV, 7-9).
Aber die neue Rasse mit ihren neuen Sitten und Gebräuchen, ihren neuen Göttern und ihrer neuen Religion, hat, so sehr sie sich auch den alten Kultur- und Kultusverhältnissen Babyloniens anpasste, bald die Bedeutung jener Etagentürme verloren, oder doch wesentlich abgeschwächt und verändert. In Verbindung mit dem Totenkultus ihrer Könige und Heroen sinken sie allmählich zu Grabstätten der Licht- und Sonnengötter herab. Gudea konstruiert das Grabmal seines Gottes Ningirsu im Tempel zu Lagasch; Hammurabi (gemäss der Einleitung seiner neugefundenen Gesetzessammlung aus Susa) bekleidet mit Grün, der Farbe der Auferstehung, „das Grab der Sonnengöttin Ai‟ zu Sippar; und Babyloniens letzter selbstständiger König Nabonidos bezeichnet in einer bislang missverstandenen Stelle den Etagenturm zu Larsa (dem biblischen Ellasar, 1. Mose 14, 1) ausdrücklich als „das Grab des Sonnengottes‟. Die so oft angezweifelten Berichte der klassischen Schriftsteller vom „Turme zu Babel‟, als dem „Grabmale des Bêl‟, ruhen demnach auf authentischen einheimischen Keilschriftquellen.
Eine vieltausendjährige Entwicklung haben wir in Eile an unseren Augen vorüberziehen sehen. Ein gewaltiger Wechsel hat sich im Laufe der Zeit in Nippur, in Gesamt-Babylonien vollzogen. Die altsumerische Kunst und Wissenschaft sind unter den semitischen Einwanderern allmählich degeneriert. Wohl kommt es in gewissen national bedeutsamen Epochen zu einer schätzenswerten Renaissance, und es wird in den Tagen der Könige von Ur, eines Hammurabi, der Pasche-Dynastie, eines Aschurbânapal und Nebukadnezar Anerkennenswertes auf vielen Gebieten geleistet. Aber verglichen mit jener hochentwickelten Kultur an der Schwelle des 5. und 4. Jahrtausends sind die neuen Blüten doch nur kümmerliche Nachwüchse einer längst entschwundenen grossen Zeit selbständigen Schaffens.
Und nicht viel anders steht es auf dem Gebiete der Religion. Das sumerische Pantheon, aus dem die grosse Göttertrias Anum, Enlil und Enki, und besonders der Enlil von Nippur, als „Vater‟ und „König der Götter‟, bedeutsam hervortritt, hat unter den Semiten einen recht stattlichen Zuwachs erhalten. Seit Sargon I. haben sogar grosse babylonische Herrscher eine ausgesprochene Vorliebe, sich selbst für Götter ihrer Untertanen zu erklären. Ich erinnere an Sargon selbst, an Narâm-Sin, an Gudea, an Dungi und viele andere, welche nach einer gewissen Zeit ihrer Regierung selbst das Götterdeterminativ vor ihren Namen setzten oder von ihren Untertanen gesetzt bekamen, und zu deren Ehren Tempel gebaut und neue Kulte gegründet wurden. Die Stufenpyramiden von Nippur, Larsa, Sippar, Babylon und anderen Städten, einstmals im aufwärts ringenden Streben ihrer Erbauer als „das Band Himmels und der Erde‟ (Duranki) oder „die Grundfeste Himmels und der Erde‟ (Temenanki) oder ähnlich bezeichnet, sind zu Gräbern des Bêl, Schamasch, Marduk usw. geworden. Eine ganze grosse Nation mit ihrem glänzendem Erbe einer uralten Zivilisation, ihren bewundernswerten Gaben, ihrer geistigen Reife ist untergegangen mit dem Bekenntnis auf den Lippen: unsere Götter sind tot — ein ergreifendes, ein entsetzliches Bild! Wohl kehren diese Götter mit dem Einzug des Frühlings zeitweilig in die Oberwelt zurück, aber die Totenklage um ihr jährliches Sterben bildet einen wichtigen Teil ihres Kultus, und die gewaltigen Etagentürme, als Göttergräber, geben den Tempeln ihr charakteristisches Gepräge.
Dürfen wir angesichts solcher historischen Tatsachen und objektiven Befunde einen neuen Himmel von Babel erwarten, Hilfsmittel für die Beseitigung des Offenbarungscharakters der alttestamentlichen Religion und des einzigartigen Wesens des Gottes Israels? Jesaia weissagte (21, 9): „Babel ist gefallen, sie ist gefallen, und alle Bilder ihrer Götter sind zu Boden geschlagen‟, d. h. in das keilschriftliche Zeugnis der Babylonier übertragen: Die Götter sind gestorben und begraben. Babel und Bibel stimmen also in diesem wesentlichen Punkte ganz merkwürdig überein! Und wie lautet dagegen Israels eigenes Glaubensbekenntnis: „Siehe der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht‟ (Ps. 121, 4) — geschweige denn dass er stirbt. „Höre Israel, der Herr, dein Gott ist ein einiger Gott‟ (Deut. 6, 4). „So spricht der Herr, der König Israels, und sein Erlöser, der Herr Zebaoth: Ich bin der erste, und ich bin der letzte, und ausser mir ist kein Gott‟ (Jes. 44, 6). Babylonische Götter entstanden im Weltprozess wie andere Wesen und Dinge, wenn wir der keilschriftlichen Schöpfungslegende trauen dürfen: „Als oben der Himmel noch nicht genannt ward, drunten die Feste (die Erde) noch nicht geheissen, da wurden die Götter gebildet‟. Man ist darum ganz konsequent in Babylonien verfahren, dass man dieselben schliesslich auch wieder sterben liess. Nach dem biblischen Berichte aber war es Gott, der am Anfang Himmel und Erde schuf, und der Geist Gottes, der als ewig Gewesener und darum auch ewig Seiender auf den Wassern schwebte.
Aber ist diese Einheit aller Götter, Elôhîm, dieser Ewig Seiende, Jehovah (Jahve) des Alten Testamentes nicht ein recht exklusiver, intoleranter, engherziger Gott Israels, „der Gott einzig und ausschliesslich Israels‟? Ich würde an den Geist von Jonas Mission erinnern und an andere Stellen, um ihn in seinem ganzen Wesen zu erfassen. Aber lassen wir lieber Israels grössten Propheten, Jesaia selbst, reden, der in seinem heiligen Grimme gegen seines Volkes und Gottes Feinde dieselben doch gewiss nicht gerade schonungsvoll behandelte: „In der Zeit wird Israel selbdritt sein mit den Ägyptern und Assyrern, ein Segen mitten auf Erden. Denn der Herr Zebaoth wird sie segnen und sprechen: Gesegnet bist du, Ägypten, mein Volk, und du, Assur, meiner Hände Werk, und du, Israel, mein Erbe‟ (Jes. 19, 24 f.). Die Sonderstellung Israels in seinen Tagen gilt dem Propheten also selbst nur als eine historisch bedingte, temporäre.
Die an und für sich berechtigte Frage: Ist Jahve wirklich ein spezifisch israelitischer Gott? ist des öfteren schon in früherer Zeit erörtert worden. Man hat naturgemäss seinen Blick auch auf Babylonien zur Lösung gerichtet und neuerdings den kühnen Satz aufgestellt: „Auch hier [im Monotheismus] hat uns Babel in der allerjüngsten Zeit einen neuen ungeahnten Ausblick eröffnet‟. Soll sich doch Jehovah in der zu postulierenden ursprünglichen Aussprache Jahve bereits in Eigennamen der Zeit Hammurabis (d. h. etwa 2300 v. Chr.) bei den um die Mitte des 3. Jahrtausends eingewanderten semitischen Nomadenstämmen finden. Ja, wenn nur diese Deutung so über alle Zweifel erhaben wäre! Aber tatsächlich sind gar mancherlei Lesungen möglich, und die Mehrzahl der Assyriologen, den Vortragenden selbst eingeschlossen, hält jene Erklärung mit Recht für eine recht unwahrscheinliche und gewagte. Und Namen wie „Jahu ist Gott‟ spielen nicht die Rolle bei der Frage, die man ihnen gern zuweisen möchte. Im Gegenteil, man erwartet ihre alte Existenz auch biblischerseits. Auch solche Namen wie „Gott hat gegeben‟ (nämlich der Stammesgott der Betreffenden, nicht Gott in unserer Sprachweise, als der Gott des ganzen Universums) sind für die brennende Frage völlig irrevelant.
Selbst der von einzelnen Assyriologen vertretene Satz, „dass freie, erleuchtete Geister offen lehrten, dass Nergal und Nebo, Mondgott und Sonnengott, der Donnergott Ramman und alle anderen Götter eins seien in Marduk, dem Gotte des Lichts‟, ist sehr cum grano salis zu verstehen. Der Haupttext, den man dafür ins Feld führt, lässt auch eine andere Erklärung, wenn nicht gar mehrere, zu. Ich selbst fasse Marduk in jener Stelle als Appellativ für „Gott‟, wie Enlil (Bêl) für „Herr‟ (bêlu) bei Nebukadnezar, und Ischtar für „Göttin‟ in allbekannten Keilschriftstellen.
Ein reiner Monotheismus und eine ganz eigenartige Prophetie, die Stimme des in Israel nie ganz schlummernden Volksgewissens, sind die gewaltige Kluft, die zwischen Israel und den Völkern der antiken Heidenwelt noch immer gähnend klafft, wie sehr das alttestamentliche Volk in seiner äusseren Erscheinung auch alle die Merkmale seiner Rasse und Zeit und tiefgreifende Spuren fremder Beeinflussung aus Babylonien, Assyrien, Arabien, Ägypten und anderswoher trägt. Wir suchen mit Recht das grosse Geheimnis, welches das Volk des alten Bundes gleichsam aus dem historischen Zusammenhange löst und zum Wunder unter den Nationen stempelt, mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln strenger Wissenschaft zu ergründen. Aber ich glaube, der Weg zu dieser Erkenntnis und Wahrheit führt nicht über Babel, obwohl wir gerade den babylonischen Keilschriftdenkmälern für sonstige ausserordentlich reiche Förderung unseres Verständnisses des A. T. in der Vergangenheit und zweifelsohne auch in Zukunft zu ehrlichem Danke verpflichtet bleiben werden.
Meine eigene Auffassung von dem Gange babylonischer Geschichte und Zivilisation während der letzten 3-4 vorchristlichen Jahrtausende habe ich Ihnen nach meinen 14jährigen archäologisch-historischen Arbeiten auf Grund tatsächlicher Funde unserer Expedition soeben kurz skizziert. Es ist eine Geschichte der Degeneration, welche sich widerspiegelt in dem Worte Jesaias, das ich an die Spitze meines Vortrags stellte: „Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern‟, von der Höhe geistiger Errungenschaften und Erkenntnisse am Anfang deiner Geschichte zu deinem schliesslichen traurigen Untergang!
Doch der Fluch wird nicht immer auf dem unglücklichen Lande lasten. Jesaia selbst hat ja eine Wendung verheissen. Und wenn nicht alle Zeichen trügen, steht es bereits am Vorabend einer grossen neuen Entwicklung. Als ich das letzte Mal von der Spitze des Bêl-Tempels die weiten Fluren Babyloniens überschaute, lag es wie eine heilige Stille über der trümmerbesäten Ebene von Sumer und Akkad. Weidende Herden und fröhliches Leben allenthalben! Die Totengebeine des grossen Leichenfeldes begannen sich zu regen und zu sammeln und mit Fleisch und Sehnen zu überkleiden — Jehovahs lebenspendender Geist wehte leise durch das Land des Bêl. Unzweifelhafte Zeichen einer friedlicheren Entfaltung seiner unerschöpflichen Hilfsquellen machen sich allenthalben bemerkbar. Eine grosse Bewegung und Erwartung geht durch die Stämme des Innern — wie oft haben sie mir ihr Hoffen erschlossen und nach dem, was sie bewegt, gefragt! — zum Teil hervorgerufen durch die energischen Massregeln der ottomanischen Behörden in Verbindung mit dem Ankauf und der rationellen Bewirtschaftung grosser Länderstrecken als Krongüter für den Sultan, teilweise aber auch infolge der wissenschaftlichen Missionen Europas und Amerikas. Dieselben brachten neue Ideen in das Land, machten die Bevölkerung mit mancher neuen Erfindung vertraut und lehrten vor allen Dingen den Wert der Zeit und den Segen der Arbeit. Dadurch wurden alle diese Faktoren gewissermassen zu Pionieren der geplanten Türkisch-Deutschen Eisenbahn, welche zweifelsohne die Hauptrolle im wiedererwachenden Leben von Sumer und Akkad zu spielen berufen ist.
Verlag der J. C. Hinrichs’schen Buchhandlung in Leipzig.
Deutsche Orient-Gesellschaft. Protektor Se. Majestät der Deutsche Kaiser.
Soeben erschien:
Die Perser des Timotheos von Milet. Aus einem Papyrus von Abusir im Auftrage der Deutschen Orient-Gesellschaft herausgegeben von Ulrich von Wilamowitz-Möllendorff.
Der Timotheosfund ist ein Ereignis ersten Ranges, übertrifft doch die Handschrift an Alter alle bis jetzt gekannten griechischen Handschriften. Das Gedicht des Timotheos auf die Perserkriege war bisher nur aus Zitaten bekannt.
A. Facsimile-Ausgabe in Lichtdruck mit kurzer Einführung. Klein-Folio. (= Heft 3 der Wissenschaftlichen Veröffentlichungen der DOG.) 12 M.
Für Mitglieder der DOG. 9 M. In vornehmer Leinenmappe 3 M. mehr.
B. Text-Ausgabe mit philolog. Kommentar. gr. 8°. 3 M.; geb. 3.50 M.
Früher erschienen:
| Babylon v. Prof. Dr. Frdr. Delitzsch. Mit 3 Plän. (1. Sendschrift.) | 1 M. |
| Von Babylon nach den Ruinen von Ḥîra und Ḫṷarnaq. Von Dr. Bruno Meissner. (2. Sendschrift.) | 60 Pfg. |
| Die Hettitische Inschrift gefunden in der Königsburg v. Babylon am 22. Aug. 1899 von Dr. Rob. Koldewey. Facsimile der Inschrift, Vorder-, Rück- u. Seitenansicht der Stele in Lichtdruck, Bemerkungen des Finders und Vorwort von Prof. Dr. Frdr. Delitzsch. (1. Wiss. Veröffentlichung.) | 4 M. |
| Die Pflastersteine von Aiburschabu in Babylon. Von Dr. Rob. Koldewey. Mit 1 Karte u. 4 Doppeltafeln in Photolithographie. (2. Wiss. Veröffentlichung.) | 4 M. |
| Demnächst erscheint: | |
| Siebzehn Miscellen. Von Dr. F. H. Weissbach. Mit 15 autographierten Keilschrifttafeln und einem Lichtdruck. (Heft 4 der Wiss. Veröffentlichungen.) | Etwa 9 M. |
| Für Mitglieder der DOG. die Wiss. Veröff. Heft 1 u. 2 je 3 M. | |
| Der alte Orient. Gemeinverständliche Darstellungen, herausgegeben von der Vorderasiatischen Gesellschaft. Jährlich 4 Hefte zu je 60 Pfg. Preis des Jahrgangs | 2 M. |
| hübsch in Leinen geb. | 3 M. |
Bisher behandelte Themata:
- Aegypter als Eroberer in Asien.
- Amarna-Zeit; um 1400 v. Chr.
- Arabien vor dem Islam.
- Aramäer.
- Festungsbau im alten Orient.
- Hammurabis Gesetze.
- Hettiter.
- Himmels- und Weltenbild.
- Hölle und Paradies.
- Keilschriftentzifferung (im Druck).
- Keilschriftmedizin in Parallelen.
- Phönizier.
- Politische Entwickelung Babyloniens und Assyriens.
- Tote u. Totenreiche bei d. Aegyptern.
- Unterhaltungsliteratur bei dens.
- Urgeschichte, biblisch-babylonische.
- Völker Vorderasiens.
Bisherige Mitarbeiter:
Oberst a. D. Billerbeck. — Dr. A. Jeremias. — Dr. W. v. Landau. — Dr. L. Messerschmidt. — Prof. Dr. W. M. Müller. — C. Niebuhr. — Dr. med. F. von Oefele. — Dr. A. Šanda. — Dr. O. Weber. — Prof. Dr. A. Wiedemann. — Dr. H. Winckler. — Prof. Dr. H. Zimmern.
„Aus diesen kleinen Heften kann man mehr lernen, als aus manchem dickleibigen Buche‟. Frankfurter Zeitung.
Verlag der J. C. Hinrichs’schen Buchhandlung in Leipzig.
Babel-Bibel-Literatur.
| Babel und Bibel. Ein Vortrag (gehalten am 13. Januar 1902) von Friedrich Delitzsch. Mit 51 Abbild. (78 S.; 41. bis 50. Tausend, an einigen Stellen geändert, vor allem aber durch Anmerkungen erweitert.) 1903. | M. 2—; kart. M. 2.50; geb. M. 3—. |
| Im Kampfe um Babel und Bibel. Ein Wort zur Verständigung und Abwehr von Dr. Alfred Jeremias, Pfarrer d. Lutherkirche zu Leipzig. Vierte abermals erweiterte Auflage. (49 S.; 8. bis 10. Tausend.) Mit einem Vorwort: „Offenbarung im Alten Testament‟. 1903. | 60 Pf. |
| Hölle und Paradies bei den Babyloniern von Dr. Alfred Jeremias. Zweite verbesserte und erweiterte Aufl., unter Berücksichtigung der biblischen Parallelen und mit Verzeichnis der Bibelstellen. Mit 10 Abbild. (44 S.; 3.-7. Tausend.) 1903. | 60 Pf. |
| Durch die Heranziehung der biblischen Parallelen ist dieses Heftchen zu ganz besonderem Werte in dem Babel-Bibel-Streite gelangt. | |
| Biblische und babylonische Urgeschichte von Prof. Dr. Heinr. Zimmern. 3. mehrf. veränd. Aufl. (40 S.; 5.-7. Tausend.) 1903. | 60 Pf. |
| Die Gesetze Hammurabis, Königs von Babylon um 2250 v. Chr. Das älteste Gesetzbuch der Welt, übersetzt von Dr. Hugo Winckler. Mit einer Abbildung des Steindenkmals. Zweite erweiterte Auflage mit einem Sachregister. (44 S.; 4.-8. Tausend.) 1903. | 60 Pf. |
| Moses und Hammurabi. Von Dr. Johs. Jeremias, Pfarrer in Gottleuba i. S. (47 S. mit 1 Abbildung.) 1903. | 70 Pf.; kart. M. 1.10 |
| Hier liegt die erstmalige sachlich geordnete Besprechung des Hammurabicodex, dieses grossartigen Fundes, auf guter wissenschaftlicher Grundlage, in einer allen Gebildeten verständlichen Form, vor. | |
| Die Amarna-Zeit. Ägypten und Vorderasien um 1400 v. Chr. nach dem Thontafelfunde von El-Amarna von Carl Niebuhr. Zweite durchgesehene Auflage. (32 S.; 3.-5. Tausend.) 1903. | 60 Pf. |
| Die babylonische Kultur in ihren Beziehungen zur unsrigen. Ein Vortrag von Dr. Hugo Winckler. Mit 8 Abbildungen. (54 S.) 1. u. 2. Auflage. 1902. | 80 Pf.; kart. M. 1.30 |
Druck von August Pries in Leipzig.
Fußnoten:
[1] So fasse ich den hebräischen Text mit der englischen Bibelübersetzung. Luthers Übersetzung bietet dafür „die Wüste am Meer‟.
[2] Ein kurzer Überblick über die drei ersten Kampagnen, Grabungszeit (nicht der etwas längere Aufenthalt auf den Ruinen!) und hauptsächlichste Resultate, findet sich in Hilprecht, „The Babylonian Expedition of the U. of Pa.‟, Series A, vol. I, part 2 (1896), pp. 8-9. Für die erste nach den Quellen dargestellte kurze Geschichte aller bisherigen 4 Kampagnen cf. „Explorations in Bible Lands during the 19th century‟ (Philadelphia, 1903), in Verbindung mit Benzinger, Hommel, Jensen und Steindorff herausgegeben von H. V. Hilprecht. Der erste Teil (577 Seiten) dieses reich illustrierten Bandes wird unter dem Titel „Die Ausgrabungen in den Trümmerfeldern des alten Assyrien und Babylonien‟ bei J. C. Hinrichs in Leipzig im Laufe kommenden Sommers auch in deutscher Bearbeitung erscheinen. Die Gesamttätigkeit der Expedition in Babylonien während der 14-15 Jahre beträgt trotz ihrer epochemachenden und ausserordentlich reichen Resultate nur 5 Jahre. Der Schreiber dieser Zeilen selbst brachte in Sachen der Expedition etwas über 4 Jahre im Orient zu, davon 2 Jahre in Asien (Babylonien, Assyrien, Kleinasien und Syrien), resp. 8 Monate in Babylonien (nicht 15 Wochen, wie in Tagesblättern verbreitet worden ist).
[3] In dem von mir für den Palast des patesi ausgesonderten grossen östlichen Hügel konnten noch nicht genügende Ausgrabungen wegen der darauf lagernden gewaltigen parthischen Bauten vorgenommen werden. Jedoch sind bereits eine uralte Toranlage und Wasserleitung in der Umfassungsmauer nebst einer Anzahl grosser Keilschrifttafeln durch Versuchsschächte zu Tage gefördert worden, so dass alle Anzeichen dafür sprechen, dass tatsächlich ein grosses Gebäude hier begraben liegt.
[4] Wie bereits oben bemerkt wurde, findet sich in meinem soeben in Philadelphia erschienenen grösseren englischen Buche alles Nähere. Auch in der in Vorbereitung befindlichen deutschen Ausgabe werden Einzelheiten grössere Berücksichtigung finden.
Anmerkungen zur Transkription:
Die erste Zeile entspricht dem Original, die zweite Zeile enthält die Korrektur.
S. 45
- Auf und Nieder Babyloniens wiederspiegelte
- Auf und Nieder Babyloniens widerspiegelte
S. 67
- Eine wie lange historische Entwicklung vorauzussetzen ist, ehe
- Eine wie lange historische Entwicklung vorauszusetzen ist, ehe
S. 71
- (dem biblisshen Ellasar, 1. Mose 14, 1)
- (dem biblischen Ellasar, 1. Mose 14, 1)