Das Recht der Übersetzung wird vorbehalten.
Das Land, in das ich Sie bitten möchte, mich heute abend kurz zu begleiten, ist Ihnen allen von Jugend auf aus dem Alten Testamente wohl bekannt. Es ist die kleine Alluvialebene südlich von Baghdâd, von den Stromläufen des Euphrat und Tigris begrenzt, der Sitz uralter Staatenbildungen. Von den einheimischen Keilschriftquellen wird es am gewöhnlichsten mit dem Doppelnamen Sumer und Akkad bezeichnet, doch uns allen geläufiger ist der klassische Name Babylonien. In der modernen Geographie heisst es ‘Irâq el-‘Arabî, während die arabische Bevölkerung es in ihrer eigenen graphischen Weise oft nur kurz als El-Ğezira, d. h. „die Insel‟, bezeichnet.
Es ist so recht eine Toteninsel, ein Land der Gräber und des Schweigens. Der ausgestreckte Arm Gottes lastet seit 2000 Jahren schwer auf dem unglücklichen Lande. Das Wort Jesaias: „Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern! Wie bist du zur Erde gefället, der du die Heiden schwächtest!‟ (Jesaia 14) klingt wie eine Totenklage durch Babylons zerbröckelnde Mauern, hallt wie das spottende Echo des prophetischen Fluches von den hingesunkenen Türmen und Tempeln Nuffar’s und Warkâ’s.
Durch die schönen methodischen Ausgrabungen der Deutschen Orient-Gesellschaft unter der vorzüglichen Leitung Dr. Koldeweys, durch die geplante Eisenbahn nach Baghdâd, und vor allem durch eine Reihe populärer Vorträge und Flugschriften ist das dem weiteren Publikum bislang ziemlich entrückt gewesene Babylonien plötzlich in das Zentrum öffentlichen Interesses auch in Deutschland getreten. „Babel und Bibel‟ und „Bibel und Babel‟ tritt dem Beschauer in jeder Buchhandlung entgegen; und es gilt fast für unwissenschaftlich und teilnahmslos, wenn man als Assyriologe von Fach nicht auch seinen Beitrag zu dem, was alle Gemüter bewegt, gibt. Man hat, wie so oft in der Geschichte, zwei vollständig getrennte Gebiete, Wissenschaft und Offenbarungsreligion, miteinander verquickt — man wird die Konsequenzen davon tragen müssen.
Es kann trotz einer beständig anschwellenden Literatur über diesen Gegenstand nicht meine Aufgabe sein, in die allgemeine Diskussion an dieser Stelle einzugreifen, obwohl vielleicht meine eigenen letzten Ausgrabungen in den älteren Schichten der Ruinen des Bêl-Tempels zu Nuffar etwas frisches Gewürz in den brodelnden Kessel zu werfen im stande sein dürften. Das eine aber kann ich mir des allgemeinen Interesses halber schon hier nicht versagen, Ihnen einige nackte Tatsachen des heutigen Babel mit den ausdrucksvollen Worten der alten Bibel vor Augen zu führen. Halten Sie mir also freundlichst zu gute, wenn ich den gegenwärtigen Zustand des tief heruntergekommenen Landes meiner Liebe und meiner Studien Ihnen nicht besser zu schildern verstehe als in der Sprache eines Jesaia und Jeremia, doppelt bedeutsam, wenn wir berücksichtigen, dass die citierten Worte aus einer Zeit herrühren, da Babylonien noch ein weitgestrecktes Prachtgefilde und ein blühender Garten war.
Die Öde und grenzenlose Zerstörung, welche das heutige Babylonien charakterisieren, sind so allgemein und ergreifend, dass, obwohl ich während der letzten 14 Jahre das Land des öfteren durchforscht habe, sie noch immer ihren erschütternden Eindruck auf mich nicht verfehlen. Von ‘Aqarqûf im Norden bis gen Qorna im Süden, wo die beiden Ströme sich einigen, sieht es aus, als ob „Gott Sodom und Gomorra umgekehrt‟ hätte (Jes. 13, 19; Jer. 50, 40). Die zahllosen grossen und kleinen Kanäle, welche gleich Nahrung spendenden Adern die fruchtbare Ebene nach allen Richtungen hin durchströmten und fröhliches Leben und Gedeihen nach jeglichem Dorfe und Felde brachten, sind seit langem mit Schutt und Erde verstopft. Von fleissigen Händen nicht mehr gesäubert und vom Euphrat und Tigris nicht länger gespeist, sind sie nach und nach völlig versandet. — Fürwahr, es ist Trockenheit gekommen über Babels Wasser, dass sie versiegten (Jer. 50, 38). Nur ihre hohen Uferdämme, die infolge der Luftspiegelung oft zu imposanten Gebirgszügen anwachsen und wie ein weitmaschiges Netz verlassener Strassen in langen Fäden das Land durchziehen, bis sie in nebliger Ferne allmählich sich verlieren, trotzen noch immer dem Zahne der Zeit.
Die sprichwörtliche Fruchtbarkeit und Wohlfahrt Babyloniens sind zwar nicht vorüber, wohl aber schlafen gegangen. Es gilt auch von ihm (3. Mose 26, 34. 35): „Das Land feiert und lässt sich seine Sabbathe gefallen‟. Seine „Stätte ist zur Wüste und zu einem dürren öden Lande worden, zum Lande da niemand innen wohnt‟ (Jer. 51, 43). Der Boden ist versengt, mit Scherben und Salpeter bedeckt und an vielen Stellen unter drei bis vier Fuss tiefem Flugsande begraben. Nur hie und da wuchern ‘arid und ṣerîm, qubbâr (caparis spinosa, der Caperstrauch) und ṭarfâ (die Tamariske) und anderes niedriges Gestrüpp der Wüste.
So düster das soeben entworfene Bild uns erscheint, es berücksichtigt erst die eine, und nicht einmal die ergreifendste Seite von Babyloniens gegenwärtiger trostloser Lage. „Wie ist Babel so zum Wunder worden unter den Heiden! Es ist ein Meer über Babel gegangen, und sie ist mit seiner Wellen Menge bedeckt‟ (Jer. 51, 41. 42). Im Herbste und Winter gleicht Babylonien einer Sandwüste, aber im Frühling und Sommer ist es zum grossen Teile ein unwirtlicher Sumpf, eine wahrhaftige Wasser- oder Meereswüste[1] (Jes. 21, 1). Selbst Baghdâd ist oft wochenlang fast vollständig von einem grossen See umschlossen, der 10 bis 20 englische Meilen nach mehreren Richtungen hin sich erstreckt. Seine Dattelhaine stehen unter Wasser (Abb. 1), Brücken und Häuser werden fortgerissen, und Araber mit ihren Herden kommen elendiglich um in den Fluten.
Während der Zeit der alljährlichen Überschwemmung schiesst allenthalben in den stagnierenden Gewässern eine üppige Vegetation empor. Grosse Scharen von Vögeln mit glänzendem Gefieder bevölkern die Moräste, die, mit weissen Ranunkeln wie mit einem wundersamen Teppich bekleidet, im Frühling einen reizvollen Anblick gewähren. Schildkröten und Schlangen gleiten behend durch die von alten Kanälen gebildeten offenen Fahrstrassen in den Lagunen, und unzählige kleine grüne Frösche hocken auf dem leise im Morgenwind rauschenden Schilfe. Hässliche Büffel waten und plantschen zwischen Binsen und scharfkantigen Gräsern. Wilde Tiere, Eber und Wölfe, Hyänen und Schakale, Wildkatzen und die in den letzten Jahren allmählich seltener gewordenen Löwen hausen in den Dschungeln oder Ruinen. Hier und da ragt ein grösseres Stück Land, beschützt von einem Erdkastell (meftûl) (Abb. 2), eine niedere Insel, oder ein vereinzelter Trümmerhaufen, als stummer Zeuge einer untergegangenen Herrlichkeit, aus den giftgeschwängerten Sümpfen.
Unschöne, blau tätowierte Frauen mit grossen Nasenringen, halbnackte hagere Männer mit strähnenweis herabhängendem Haar, und schlechtgenährte, dickbäuchige Kinder, von der Sonne fast schwarz gebrannt, bewohnen diese unwirtlichen Gegenden. Von Schmutz und Ungeziefer starrende Hütten, sogenannte ṣerîfas (Abb. 3), gewähren ihnen dürftigen Schutz während der Nacht. Bei Tage durchkreuzen sie die Wasser in langen, schmalen Booten (ṭurrâdas) mit Hilfe der langen Bambusstange (merdî) und fangen Fische mit dem fünfzackigen Speere. Oder sie weiden an den Rändern des überschwemmten Gebietes ihre dürftigen Herden und lauern, mit Keule und Feuersteingewehr bewaffnet, im Hinterhalt auf Beute.
Obwohl für gewöhnlich gutmütig und in den Tag hineinlebend wie unerzogene Kinder, sind diese Ma‘dân-Stämme, d. h. wörtlich „Ignoranten‟, doch nicht frei von einer gewissen Heimtücke, dazu leicht erregbar und bei der geringsten Provokation bereit zum Kampfe. Ohne besondere körperliche Vorzüge und scheinbar arm an den sprichwörtlichen arabischen Tugenden werden sie von den städtischen Händlern gefürchtet, aber von den oft tief in ihr Gebiet eindringenden Schammar, Montefic, Dhafir und anderen Beduinenstämmen verspottet und verachtet.
Rastlos umherschweifende Nomaden im Norden und Süden, und stumpfsinnige Sumpfbewohner im Zentrum des Landes sind die Erben des zertrümmerten Reiches Nebukadnezars. Welch ein Kontrast zwischen alter Zivilisation und heutiger Degeneration! Einst, so weit das Auge reichte, üppige Palmenhaine (Abb. 4), wogende Ährenfelder, bewässert mit den oft in den Inschriften erwähnten Schöpfanlagen (jetzt genannt čereds), blühende Städte und Gehöfte, das Land, das wir so gern als die Wiege der Menschheit bezeichnen, wo Wissenschaft und Kunst geboren, und jetzt — ein offenes Land Nod (1. Mose 4, 16), wohin Deserteure und Verbrecher sich flüchten, eine Stätte der Verwüstung und Unwissenheit, das Eldorado von Räubern und Mördern.
Im Innern dieses nichts weniger denn paradiesischen Landes, wo die Temperatur im Schatten während des Sommers bis zu 39°, ja 41° Réaumur steigt, etwa 50 englische Meilen südöstlich von Hilla hingestreckt am nordöstlichen Rande der zu allen Jahreszeiten bestehenden ‘Afeč-Sümpfe (so benannt nach den sie bevölkernden ‘Afeč-Stämmen), liegen die imposanten Ruinen von Nuffar. Mit Babylon und Warkâ die ausgedehntesten Trümmerhügel der ganzen Tiefebene, bilden sie mit grösseren und kleineren Unterbrechungen seit 1889 den Gegenstand methodischer Ausgrabungen der Nordamerikanischen Expedition der Universität von Pennsylvania in Philadelphia.[2]
Sie bedecken in ihrer Hauptmasse eine Bodenfläche von nahezu 75 Hektaren Landes. Ein grosser, jetzt trockener Kanal, früher an vielen Stellen 6 m tief und 50-60 m breit, teilt die Ruinen in annähernd gleiche Hälften. Die Araber nennen ihn Shaṭṭ en-Nîl (Nilstrom), das uralte sumerische Kulturvolk, das ihn gegraben — wenn nicht, wie mancherlei Erwägungen nahe legen, er den alten Lauf des Euphrat repräsentiert — bezeichnete ihn in seiner Schrift als „den Euphrat von Nippur‟; und die semitischen Bewohner Babyloniens hiessen ihn Kabaru oder „den grossen Kanal‟, dessen Wasserfülle die beispiellose Fruchtbarkeit des ganzen inneren Landes bedingte. Wie ich vor kurzem nachgewiesen, ist er identisch mit dem biblischen „Chebar, im Lande der Chaldäer‟ (Ez. 1, 1 und 3; 3, 15), an dessen (östlichen) Ufern die Exulanten Judas nach der Zerstörung Jerusalems angesiedelt wurden. Es war demnach hier im Schatten des Bêl-Tempels von Nippur, der zentralen Kultusstätte des ältesten Babyloniens, wo Ezechiel seine erhabene Vision von den Cherubim schaute, und wo sich einer der bedeutsamsten Akte im weltgeschichtlichen Drama Israels abspielte. Darum „Zeuch deine Schuhe aus von deinen Füssen; denn der Ort, darauf du stehest, ist ein heilig Land‟ (2. Mose 3, 5).
Die Ruinen von Nuffar repräsentieren das alte Nippur (so zuerst Oppert), nach einer offenbar wohlbegründeten talmudischen Tradition identisch mit dem biblischen „Chalne im Lande Sinear‟ (1. Mose 10, 10), einer der vier Hauptstädte im Reiche des Nimrod. Sie sind im Durchschnitt 10-18 m hoch, erreichen aber an mehreren Punkten die respektable Höhe von 25 und selbst 30 m über dem Niveau der gegenwärtigen Ebene. Infolge von Sonnenglut und Winterregen wurden die ursprünglich mehr gleichmässigen Erhebungen allmählich in zahlreiche Hügel und Täler geklüftet, so dass aus der Ferne der unvermittelt aus dem flachen Tafellande aufsteigende Trümmerhaufen dem zerrissenen Höhenzuge des Hamrîn am oberen Tigris täuschend ähnlich sieht. Die dadurch bedingte beklagenswerte Vernichtung so vieler Häuser der nachchristlichen Stadt kann uns nicht wunder nehmen, da, wie im alten Babylonien, so auch im späteren Reich, abgesehen von Tempeln, Palästen, Brunnen, Wasserleitungen und vereinzelten Gräbern, fast nur lufttrockene Ziegel als Baumaterial Verwendung fanden.
Nach meinem ersten Ritt über das weitgestreckte Ruinenfeld kam ich im Februar 1889, noch ehe wir die Ausgrabungen begannen, betreffs des wahrscheinlichen Inhalts dieser Hügel zu einer Reihe von logischen Schlussfolgerungen. Als wissenschaftliche Grundlage und Stütze für meine Theorie dienten die wenigen damals bekannten älteren Keilschrifttexte, in denen Nippur erwähnt ist, ein Vergleich der verschiedenen Höhenlagen der Trümmer, etliche aufgelesene Antiquitäten, und vor allen Dingen die oft übersehene Tatsache, dass die Abwesenheit von Glasscherben und grün und blau emaillierten Vasenfragmenten, welche beide für Ruinen der hellenistischen und späteren Perioden des Landes charakteristisch sind, ein fast untrügliches Kennzeichen rein babylonischer Ansiedlungen bildet. Ich fasse meine ersten Folgerungen in Kürze dahin zusammen:
Der etwa in der Mitte der östlichen Hälfte kegelförmig ansteigende höchste Punkt (Abb. 5), von den Arabern Bint el-Amîr oder „Prinzessin‟ genannt, repräsentiert den keilschriftlich belegten Etagenturm des alten Nippur, Imcharsag, und die im NW., NO. und SO. davon sich hinziehenden schmalen Hügelrücken die Reste der gleichfalls in der Keilschrift erwähnten Aussenmauer der Stadt, Nîmitti-Marduk. Wo aber ein Etagenturm ist, muss notwendigerweise ein dazu gehöriger Tempel in unmittelbarer Nähe existiert haben. Ekur, das berühmte uralte Heiligtum des Bêl, dessen wichtigsten Teil der Turm bildete, konnte daher nur unter dem südöstlich von Bint el-Amîr sich hinstreckenden gewaltigen Plateau begraben liegen.
Daraus ergab sich als weitere Schlussfolgerung, dass der grosse offene Platz im N. des Tempels nicht als vor dem letzteren, sondern als hinter demselben gelegen verstanden werden muss, dass demgemäss der Haupteingang zum Heiligtum im SO. zu suchen ist, während der weite Platz mit dem westlich daran grenzenden grösseren Hügelrücken sekundären Zwecken, Stallungen für Herden, Lagerplätzen für Pilger, Wirtschaftsräumen, Wohnungen der untersten Beamten u. s. w. gedient zu haben schien.
Nur zwei Haupthügel auf der östlichen und südlichen Seite des Tempelfeldes harrten noch ihrer Bestimmung. Was war ihr wahrscheinlicher Inhalt? Der nachhaltige Einfluss, den selbst nach unseren damaligen spärlichen Quellen Nippur als Kultusstätte des „Vaters‟ und „Königs der Götter‟ auf die religiöse und politische Entwicklung Gesamtbabyloniens ausgeübt haben musste, liess a priori erwarten, dass nach Analogie der durch die französischen Ausgrabungen in Tellô zuerst näher bekannt gewordenen patesis oder Priesterfürsten von Lagash eine ähnliche Institution in dem viel bedeutungsvolleren Nippur existiert hatte. Der Palast eines solchen Priesterfürsten von Nippur, offenbar der imposanteste Bau nach dem Tempel, konnte dann nur unter der selbständigen hohen Trümmermasse im Osten des Heiligtums begraben liegen, wo er augenscheinlich, nach der Weise des von Botta entdeckten Sargon-Palastes von Chorsabâd, ein wichtiges Bollwerk in der Fortifikationslinie des Tempels einst bildete.
Waren meine bisher aufgestellten Thesen auch nur annähernd richtig, so durfte die Bestimmung des Inhaltes des allein noch übrigen dreieckigen südlichen Ruinenhügels, der durch einen versandeten Seitenkanal des Chebar oder einen breiten Festungsgraben vom Tempelkomplex getrennt ist, keine besonderen Schwierigkeiten bereiten. Er musste notwendigerweise die aus der Tontafelsammlung König Aschurbânapals bekannt gewordene Tempelbibliothek mit dazugehöriger Priesterschule bedecken.
Dreierlei ergab sich als unmittelbare Folge dieser ganzen Hypothese: 1. Der Tempelkomplex von Nippur mit den Wohnungen der zahlreichen Beamten umschloss die ganze östliche Stadthälfte von fast 40 Hektaren Bodenfläche. 2. Die sogenannten Innen- und Aussenmauern von Nippur können sich nicht, wie den Inschriften gemäss zunächst zu erwarten war, auf die ganze Stadt beziehen, sondern müssen in Übereinstimmung mit den topographischen Befunden ausschliesslich auf den Tempel des Bêl (sogar mit Ausscheidung der Tempelbibliothek) beschränkt werden. 3. Die auf der Westseite des Kanals gelegenen Trümmerhügel enthalten entweder nur einen ungeheuren Friedhof (wie ich in den ersten Wochen annahm), oder die Geschäftshäuser, Bazare und Privatwohnungen der kleinen Leute samt dem Friedhofe. Es stellte sich später heraus, dass diese westliche Hälfte in der allerältesten (sumerischen) und in der nachchristlichen Periode im wesentlichen Beerdigungsstätte gewesen, dagegen in der semitisch-babylonischen Zeit die eigentliche Geschäftsstadt repräsentierte.
Eine ähnliche Theorie lässt sich für die meisten grossen Ruinen von ‘Irâq el-‘Arabî aufstellen; vor allem lassen sich mit absoluter Sicherheit die Reste der Grundmauer des von Alexander dem Grossen abgetragenen Babylonischen Turmes in den Trümmern der Hauptstadt Nebukadnezars auch ohne Spatenstich nachweisen. Für meine heutigen Zwecke genüge es, ausdrücklich hervorzuheben, dass die im Jahre 1889 zum erstenmale vorgetragene und in meinen Universitätsvorlesungen seitdem öfter wiederholte Hypothese betreffs Nippurs, kühn wie sie damals wohl manchem erscheinen mochte, durch meine letzten Ausgrabungen vom Jahre 1900 in allen ihren Hauptpunkten bestätigt ist.[3] Vor allem haben wir in dem südlichen dreieckigen Hügel die berühmte Tempelbibliothek von Nippur — und zwar eine ältere, von den Elamiten im dritten Jahrtausend zerstörte und eine jüngere, in neu-babylonischer Zeit ganz allmählich verfallende — tatsächlich gefunden und bereits 23000 Keilschrifttafeln und Fragmente, grösstenteils der älteren angehörig, geborgen. Doch konnten soweit erst ca. 80 Zimmer oder etwa der 12. Teil des etwa 2½ Hektar bedeckenden Bibliothekskomplexes ausgegraben werden. Aus einer Reihe von Tatsachen und Anzeichen im Boden schliesse ich mit grosser Wahrscheinlichkeit, dass noch eine dritte ältere oder vorsargonische Bibliothek in den untersten, noch unberührten Schichten desselben Hügels verborgen liegt.
Bevor ich auf die Ausgrabungen selbst zu sprechen komme, mögen zur allgemeinen Orientierung über die Geschichte und Resultate der Expedition[4] die folgenden wesentlichen Punkte aus einer erdrückenden Fülle von Material hervorgehoben werden. Die Feldarbeiten des grossen wissenschaftlichen Unternehmens (inkl. Reisen) haben bisher nahezu eine halbe Million Mark gekostet und sind von einer kleinen Anzahl angesehener Bürger Philadelphias bestritten worden. Unter ihnen sind die folgenden fünf Herren wegen ihrer grossen Liberalität und ihres persönlichen Interesses besonders hervorzuheben: Der 1898 verstorbene Professor der inneren Medizin und langjährige Rektor der Universität Dr. William Pepper, der gegenwärtige verdienstvolle Rektor Dr. C. C. Harrison, die beiden Bankiers Gebrüder Eduard W. und Clarence H. Clark, der eine als Vorsitzender des Expeditions-Komitees, der andere als solcher des Publikations-Ausschusses, und der Grossindustrielle W. W. Frazier. In den ersten beiden kurzen Kampagnen war der jetzige Episkopalgeistliche in New York Dr. John P. Peters (früher Professor des Hebräischen an der Universität von Pennsylvanien) Direktor. Auf dessen Veranlassung wurde im Jahre 1893 unser langjähriges treues Faktotum, J. H. Haynes, allein nach Babylonien gesandt und mit den Ausgrabungen betraut. Als sich aber sehr bald die völlige Unzulänglichkeit dieses Planes herausstellte, trat auf Ansuchen des Vorsitzenden, E. W. Clark, im Winter 1894 auf 1895 der Schreiber in die wissenschaftliche Leitung des Unternehmens ein und bildete mit ersterem den inneren Exekutivausschuss des Unternehmens. Unser Streben war seitdem vor allen Dingen darauf gerichtet, eine rein wissenschaftliche Untersuchung der Trümmer herbeizuführen und entsprechende Spezialisten hinauszusenden. Für die wissenschaftliche Oberleitung und den daraus resultierenden wissenschaftlichen Ertrag der vierten und erfolgreichsten Expedition ist der Vortragende verantwortlich. Die Feldarbeiten standen wieder unter der Kontrolle von Haynes mit Ausnahme der letzten 3 Monate, während deren der wissenschaftliche Direktor, unterstützt von 2 Architekten, Fisher und Geere, sich genötigt sah auch die Leitung im Felde zu übernehmen. Fast sämtliche wissenschaftliche Mitglieder der 4 Expeditionen haben ihre Dienste dem Unternehmen unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Dadurch allein ist es möglich geworden, bei den ausserordentlichen Leistungen die Kosten der Ausgrabungen verhältnismässig niedrig zu halten.
Zu einer Ende kommenden Sommers ausgehenden 5. Expedition, mit deren Organisation ich soeben beschäftigt bin, wurden mir im Dezember letzten Jahres etwa 200000 Mark aus privaten Mitteln von Freunden der Universität zur Verfügung gestellt, während zu gleicher Zeit die beiden Mäcene, Gebrüder Clark, mit einer weiteren Dotation von nahezu einer halben Million Mark einen ausschliesslich zum Zweck wissenschaftlicher Untersuchungen bestimmten Lehrstuhl der Assyriologie (mit Befreiung seines Inhabers von sämtlichen Vorlesungen, ausser soweit derselbe selbst solche für nötig hält) ins Leben riefen. Zu ebenderselben Zeit wurden von einem anderen Gönner der Wissenschaft, Eckley Coxe jun., mehr denn 80000 Mark zu den kostspieligen Publikationen der Expedition in hochherziger Weise in Aussicht gestellt und zur Hälfte bereits deponiert. Wir dürfen freilich nicht vergessen, dass, um die gesamten Ruinen von Nuffar in methodischer Weise auch nur annähernd erschöpfend zu untersuchen, bei einer durchschnittlichen Arbeitskraft von 400 Arabern wenigstens 50, wahrscheinlich aber 100 weitere Jahre erforderlich sein dürften.
Diese kurzen statistischen Angaben von nackten Zahlen und Tatsachen bezüglich eines einzigen und noch dazu von der gewöhnlichen Landstrasse ziemlich abgelegenen Unternehmens, ausgeführt von einer einzigen amerikanischen Stadt und Universität, dürfte Ihnen in beredterer Weise denn viele Worte meinerseits den erwachenden Heisshunger einer jungen und tatkräftigen Nation, trotz seiner kurzen eigenen Geschichte bereits teilzunehmen an der Lösung grosser wissenschaftlicher Probleme, lebendig vor Augen führen.
In den ersten Jahren unserer Grabungen musste die Aufgabe darin bestehen, durch langgezogene Versuchsschächte eine allgemeine Kenntnis vom Gesamtinhalt des ungeheuren Ruinenfeldes zu gewinnen und durch sorgfältige Abtragung und Bestimmung der oberen Schichten die für uns wertvolleren rein-babylonischen zu erreichen. Im Laufe der Zeit konzentrierte sich unsere Arbeit dann von selbst an den durch Theorie und Spatenstich festgestellten Punkten der alten Stadt. Das keilschriftliche und archäologische Material, welches auf diese Weise allmählich zu Tage gefördert wurde, kann natürlich nicht im einzelnen hier aufgezählt werden. Der folgende sehr allgemeine und unvollständige Überblick wird wenigstens die Behauptung rechtfertigen, dass wir mit ausserordentlichem Erfolge tätig gewesen sind.
Ausser den oben erwähnten 23000 literarischen Keilschrifttexten der Bibliothek und Priesterschule sammelte die Expedition nahezu 28000 meist gut erhaltene geschäftliche Urkunden (Abb. 6) aus dem dritten, zweiten und ersten Jahrtausend hauptsächlich im westlichen Stadtteile und etwa 2000 vorsargonische Keilschrifttafeln aus dem fünften und vierten vorchristlichen Jahrtausend meist in den unteren Schichten des Bêl-Tempels. Zu diesem Gesamtresultate von 53000, vielfach fragmentarischen Keilschrifttafeln, an Grösse zwischen 2 cm und nahezu ½ m schwankend, zu deren Auffindung eine Gesamtarbeitszeit von etwa 2½ Jahren unsererseits nötig war, gesellen sich ca. 800 oft sehr kleine Vasenfragmente aus stalagmitischem Kalkstein, welche sich als besonders wertvolle Quellen für die Rekonstruktion der ältesten Geschichte Babyloniens erwiesen. Dazu kommen einige unveröffentlichte Grenzsteine aus der Zeit der Könige der Pasche-Dynastie (ca. 1100 v. Chr.); etwa 20 beschriebene Türsteine von den Tagen der uralten Könige Lugal-kigub-nidudu und Sargon I. bis herab zum Kassitenherrscher Kurigalzu; eine ganze Anzahl königlicher Votiv-Inschriften auf Türkis, Achat, Lapislazuli, Magnesit, Feldspat u. s. w. aus dem zweiten Jahrtausend; 60-80 schön geformte Backstein-Stempel Sargons I. und Narâm-Sins, nicht mit Unrecht bezeichnet als die ersten historischen Handdruckpressen zweier Könige, welche vor den Nuffar-Ausgrabungen allgemein als halbmythische Personen betrachtet wurden. Ferner erwähne ich etliche sumerische Steintafeln, die Bau-Urkunden mehrerer Könige von Ur (drittes Jahrtausend), die Toncylinder Samsu-ilunas, Sargons II., des Zerstörers Samarias, und Aschurbânapals, des letzten grossen Herrschers von Assyrien. In Kürze mag wenigstens angedeutet werden, dass 3-400 Siegelcylinder aus den Geschäftshäusern und den parthischen Gräbern und ebenso viele hebräische, mandäische, syrische und arabische Tonschalen gesammelt wurden. Die letzteren wurden meist umgestülpt am Erdboden gefunden (Abb. 8). Hie und da lag ein kleiner beschriebener Schädel (offenbar von einem Tiere herrührend) oder ein beschriebenes Hühnerei als Opfer für die zu besänftigenden bösen Geister darunter. In anderen Fällen waren zwei Schalen mit der Innenseite durch Erdpech zusammengekittet, um das Entweichen der offenbar darin gebannt gedachten Dämonen zu verhindern.
Alle diese Sachen gehören im wesentlichen dem unter dem Einflusse babylonischer Dämonologie degenerierten Judentume und anderen verwandten Sekten der 5-8 nachchristlichen Jahrhunderte an. Sie lehren uns in ihrer Weise, welcher Art der religiöse Einfluss gewesen sein mag, welcher von Babylon auf das vom heimatlichen Boden und dem Weckruf seiner Propheten losgelöste Judah ausging.
Die meist den Gräbern und Totenurnen entnommenen kostbaren Geräte und Schmucksachen (Abb. 9) aus verschiedenen Steinen, Kupfer, Bronze, Silber und Gold betragen mehr denn ½ Centner, wobei die zahlreichen Silbermünzen der älteren griechischen und parthischen Periode und sogar aus noch späterer Zeit völlig unberücksichtigt geblieben sind. Mehrere hundert Silbermünzen aus der Zeit der ‘Omajjaden- und ‘Abassiden-Kalife, von denen Hârûn er-Raschîd der bekannteste ist, wurden in den Abhängen der Hügel in zwei grossen Nestern gefunden. Von den massenhaft vorkommenden nachbabylonischen Ton-Särgen, welche meist ohne jegliche Ordnung über- und nebeneinander (vgl. S. 37) angetroffen werden, haben wir ca. 2500 näher untersucht. Noch wichtiger waren die Totenurnen ans der ältesten vorhistorischen Zeit, die in Verbindung mit Tausenden von Tonvasen aus allen Jahrhunderten babylonischer Geschichte unsere Kenntnis von der allmählichen Entwicklung der Keramik im Zweistromlande ein gut Teil fördern werden.
Im Laufe der Ausgrabungen stellte es sich heraus, dass auch auf diesem Gebiete mancherlei Berührungspunkte zwischen dem modernen und alt-babylonischen Töpfergewerbe bestehen. Als besonders in die Augen springend hebe ich hervor, dass tönerne Dreifüsse, ähnlich denen, welche in den heutigen Porzellanfabriken (Abb. 10) dazu verwendet werden, die übereinander getürmten einzelnen Teller und Schalen während des Brennungsprozesses voneinander möglichst getrennt zu halten, bereits in der Nähe einer babylonischen Töpferei aus dem dritten Jahrtausend entdeckt wurden (Abb. 11). Spuren der drei Berührungspunkte jener Dreifüsse liessen sich namentlich auf vielen emaillierten Schalen der Partherperiode ohne Schwierigkeit nachweisen. Die Töpferei selbst lehnte sich an die NO.-Mauer des Tempelkomplexes und wurde von unseren Arabern gegen Ende der vierten Kampagne sofort als solche erkannt, da derartige primitive Öfen — als eine Kombination von Töpferei und Garküche — bis auf den heutigen Tag in Baghdâd, Hilla und Basra sich erhalten haben. Obwohl in sehr ruinenhaftem Zustande, liessen sich die ursprünglichen neun Bögen und Luftschächte noch nachweisen, so dass der Expeditionsarchitekt Fisher die ursprüngliche Anlage restaurieren und veranschaulichen konnte, in welcher Weise der Bau geheizt und ventiliert wurde.
Doch lassen Sie mich nicht länger bei Einzelheiten verweilen, die, aus dem Zusammenhange gerissen, doch nur eine höchst lückenhafte Vorstellung von dem tatsächlichen Inhalte der Ruinen von Nippur zu geben imstande sein dürften. Unser wesentliches Interesse haftet an dem grossen Tempelkomplexe des Bêl, dem uralten Zentralheiligtum Babyloniens, das bereits auf eine mehr denn 2000jährige Geschichte zurückblicken konnte, ehe Babylon unter Hammurabi (gegen Ende des dritten Jahrtausends) zur politisch-religiösen Metropole des geeinten Reiches erhoben wurde.
Es war eine unserer Expedition als selbstverständlich zufallende Aufgabe, in erster Linie den grossen Etagenturm aus der Masse darum- und darüberliegender späterer Gebäude herauszuschälen und von ihm aus, als der natürlich gegebenen Basis, das angrenzende Plateau in den Kreis unserer Untersuchungen hineinzuziehen, um so nach und nach ein einheitliches Bild von der ganzen Tempelanlage und ihrer langen Geschichte zu gewinnen und zugleich das genauere Verhältnis eines babylonischen Turmes zu dem daranstossenden besonderen Heiligtum festzustellen. Ausserordentliche Schwierigkeiten stellten sich unserem Vorhaben entgegen.
Ich denke dabei nicht an die ungesunden klimatischen Verhältnisse, die heissen Sandstürme und die uns zeitweilig auf allen Seiten umgebenden Sümpfe mit ihren giftigen Miasmen, von denen wir alle im Anfang mehr oder minder zu leiden hatten, auch nicht an die geradezu entsetzliche Plage der Moskitos, Sandfliegen und anderer kleiner Insekten, welche regelmässig Mitte April ihren Anfang nahm. Ich habe auch nicht im Auge jene zwei tollkühnen kurdischen Räuber, welche Pilger, Händler, Reisende und sogar militärische Schutzkolonnen mit Erfolg attackierten, plünderten und mordeten und zum Entsetzen Haynes 18 Monate lang unweit Nuffars in den ‘Afeč-Sümpfen ihr Hauptquartier aufschlugen. Noch möchte ich besonderes Gewicht darauf legen, dass unsere Araber von regelmässiger Arbeit keine Ahnung hatten, dass sie unzählige Male ihre primitiven Körbe und Geräte plötzlich niederwarfen, zu den Waffen griffen, eine hausa aufführten (Abb. 13) und zu ihren in der Nähe sich befehdenden Stammesgenossen schreiend und gestikulierend enteilten. Es genüge, darauf hinzuweisen, dass im Jahre 1894 binnen 8 Monaten 13 Araberschlachten nicht weit von den Ruinen stattfanden, in deren einer nicht weniger denn 70 Tote auf dem Platze blieben, und dass wir selbst zu Beginn unserer Ausgrabungen zu Nuffar der Regel nach mit dem Gewehre in der Hand gruben, entzifferten und schliefen, und dass wir schliesslich durch Erschiessen eines Saïd-Beduinen dem Gesetze arabischer Blutrache anheimfielen, von dem ganzen Stamme umzingelt und belagert wurden und trotz militärischen Entsatzes nach Vernichtung unseres ganzen Lagers, dem Verluste einer beträchtlichen Geldsumme und der meisten Pferde über die Sümpfe mit unseren geretteten Antiquitäten uns zurückziehen mussten.
Alle diese und andere Schwierigkeiten der ersten Jahre kann ich jetzt um so mehr übergehen, als dieselben seither durch unsere freundschaftlichen Beziehungen zu den einflussreichsten Stämmen, vor allen Dingen zu Ḥağği Ṭarfâ, dem Hauptscheich der ‘Afeč, und ‘Abud el-Ḥamîd, dem Führer der sechs Ḥamza-Stämme, zum grössten Teil gehoben oder doch gemildert sind, und dank der energischen Bemühungen der ottomanischen Regierung, welche den Sitz ihres Subgouverneurs (Muteṣṣarif) von Hilla nach Dîwânîje verlegt und das dortige Militär sogar durch Artillerie bedeutend verstärkt hat, eine wesentliche Besserung in den früheren heillosen Zuständen des ‘Afeč-Landes eingetreten ist.
Die Schwierigkeiten, welche ich gegenwärtig im Auge habe, beziehen sich auf die Trümmerhügel selbst und auf die mannigfachen Hindernisse, welche sich meiner näheren Bestimmung des Alters unbeschriebener oder undatierter Antiquitäten und der Bedeutung der nach allen Richtungen hin scheinbar gesetzlos laufenden Mauerreste anfänglich entgegenstellten. Nach jahrelangem Studium ist es mir endlich gelungen, eine gewisse Ordnung in die oft so verworrene Trümmermasse zu bringen. Einundzwanzig verschiedene Strata lassen sich in den Ruinen Nuffars mit Sicherheit nachweisen. Jedoch ist dabei zu berücksichtigen, dass diese Einzelphasen in der Geschichte jener uralten Stadt, deren Gründung die babylonische Schöpfungslegende unmittelbar an den Anfang menschlicher Geschichte verlegt, keineswegs in jedem Teile der Ruinen festgestellt werden können. An manchen Stellen lagern die Reste des zweiten Jahrtausends direkt auf denen der vorsargonischen Periode, an anderen sind dieselben durch 10-15 Fuss Schutt voneinander geschieden, noch anderswo treten die Reste der ältesten Zivilisation, wie in Fâra, fast unmittelbar an die Oberfläche. Es scheint demnach von vornherein klar, dass manche Quartiere Nippurs oft Jahrhunderte hindurch und noch länger unbesiedelt geblieben sein müssen, während andere wiederum fast ununterbrochen mit Häusern besetzt waren. Jedoch hat dieser Satz nur sehr allgemeine Geltung. Denn es bleibt notwendigerweise die Aufgabe bestehen, in jedem besonderen Falle erst nachzuweisen, inwieweit spätere Generationen hier zerstörend eingegriffen haben, sei es auch nur, um sich billigeres und besseres Baumaterial zu verschaffen. Gilt doch noch heute allenthalben in Babylonien als feststehende Tatsache, dass früher bearbeiteter Ton ein vorzüglicheres, weil zäheres Material zur Bereitung von Luftziegeln bietet, als frisch aus der Grube gewonnene Erde; und haben doch gerade die parthischen Baumeister fast ausschliesslich aus den altbabylonischen Bauresten die Festungen und Paläste errichtet. Nur im Tempelhügel selbst, wo in älterer Zeit eine gewisse Scheu vor dem Eigentume der Götter und in nachbabylonischer Zeit militärische Rücksichten zur besseren Erhaltung der Hauptgebäude trieben, lassen sich jene 21 Schichten an der Hand wertvoller Plattformen, welche den Trümmerhügel gewissermassen in Grade abteilen, einzelner Mauerreste, beschriebener Antiquitäten, charakteristischer Tonscherben, eigentümlich gestalteter Backsteine und sonstiger Hilfsmittel der Archäologie mit grösserer Bestimmtheit aufdecken.
Diese 21 übereinander lagernden Strata, von denen nur die hauptsächlichsten in dem hier wiedergegebenen Diagramme angedeutet sind (Abb. 15), lassen sich in natürlicher Weise in drei reinlich voneinander geschiedenen grossen successiven Perioden behandeln. Wir unterscheiden demgemäss, an der Oberfläche des Hügels beginnend:
1. Die nachbabylonische Periode von etwa 300 v. Chr. bis ca. 1000 n. Chr., gekennzeichnet durch 6-24 m hohe Schuttanhäufungen in 6 verschiedenen Schichten. Der Unterschied in der Zahlenangabe der Meter ist bedingt durch das Höhenverhältnis zwischen den Resten des Etagenturmes, der im ersten Abschnitt dieser Periode militärischen Zwecken dienstbar gemacht wurde, und dem daran grenzenden Plateau.
2. Die semitisch-babylonische Periode von rund 4000 bis 300 v. Chr., repräsentiert durch 4½-6 m hohe Trümmer und Plattformen im Tempelhofe: 9 verschiedene Strata.
3. Die älteste oder prähistorisch-sumerische Periode, von unbekannten Anfängen bis gegen 4000 v. Chr., repräsentiert durch 6-9 m tiefe Ruinen: 6 verschiedene Strata.
Der tiefste Laufgraben, den wir demgemäss bis jetzt in den Tempelhügel von Nuffar getrieben haben, misst 128 Fuss oder etwa 39 m von der Oberfläche bis zum Grundwasser. Die beifolgende Illustration (Abb. 16), in welcher rechts und links und an der Hand der (oberhalb allerdings schon beträchtlich abgebröckelten) Prüfungssäule die Höhe der ursprünglichen Schuttablagerungen noch deutlich zu sehen ist, wird einigermassen veranschaulichen, welche gewaltige Massen von Débris seitens der Expedition zu untersuchen und abzutragen waren, bevor die gigantischen Reste des Tempels aus ihrer Hülle hervortraten. Selbst im Zustande äusserster Vernichtung legen diese bröckelnden Mauern noch beredtes Zeugnis ab für den aufstrebenden Geist eines untergegangenen Kulturvolkes, auf dessen Schultern wir noch heute stehen, und noch immer scheinen sie wiederzuhallen von den Klängen jener altsumerischen Hymne, welche zu Ehren des Enlil oder Bêl im Schatten seines Heiligtums vor Tausenden von Jahren ertönte:
Unterziehen wir zunächst die 6 nachbabylonischen Strata mit ihrem seltsamen Gemisch von 12-1300jähriger Geschichte einer kurzen Prüfung, so ergibt sich als hauptsächlichstes Resultat die charakteristische Tatsache, dass bald nach der Rückkehr Alexanders des Grossen aus Indien und seinem vorzeitigen Tode im Palaste Nebukadnezars am Euphrat, also etwa um 300 v. Chr., der Tempel des Bêl als Heiligtum aufhört zu existieren. Hellenistischer Einfluss lässt sich allenthalben spüren, an den Mustern von Friesen, an dem Medusenhaupte auf einer schönen braunemaillierten Lampe (Abb. 17), an den gefälligen Formen von dünnwandigen Terrakotta-Vasen, an eigentümlichen langstieligen Vasen, Fläschchen, Schalen usw. aus Glas, an rhodischen Krügen mit griechisch gestempelten Henkeln, an den häufiger werdenden hohlen Terrakotten mit einem Überzug aus weisser Paste, den faltigen Gewändern der Frauen, den erotischen Darstellungen, selbst an dem Spielzeug der Kinder und den Klappereiern (Hühner, Trommeln, Puppen u. s. w.) der Säuglinge.
Neue Götter mit ihren fremdländischen Kulten verdrängen die alten Sitten und Gebräuche. Seleucia am Tigris tritt an die Stelle von Babylon, und auf den Trümmern uralter Tempel erheben sich drohende Festungen und Paläste. Die Seleucidenherrschaft geht schnell zu Ende. Parthische Reiterscharen durchschwärmen die Ebene von Sumer und Akkad. Mehr denn 400 Jahre lang werden die Arsacidenfürsten die Erben des grossen Macedoniers. Noch einmal macht sich ein gewisser Wohlstand im Lande geltend. Die alten Ruinen werden nach Schätzen fleissig durchwühlt. Ausgedehnte Ansiedelungen und imposante Bauten bedecken sämtliche Trümmerhügel des alten Nippur. Eine kurzlebige Kunst und Zivilisation erblühen, zusammengeschweisst aus griechisch-römischen und orientalischen Elementen, — das letzte Aufflackern eines abgebrannten Lichtes vor seinem schliesslichen Erlöschen.
Der Etagenturm des Bêl ist durch vier gewaltige Seitenflügel erweitert und in eine fast uneinnehmbare Citadelle verwandelt. Ein 21 m tiefer Brunnen, durch die kompakte Masse gegraben, versorgt die Besatzung mit Wasser. Aus drei Jahrtausenden zusammengewürfelte Backsteine der Könige Ur-Gur (ca. 2700 v. Chr.), Kadaschman-Turgu (ca. 1300 v. Chr.) und Aschurbânapal (668-626 v. Chr.) bilden seine Umrahmung. Und rings um dieses weit in die Lande schauende Bollwerk gruppiert sich ein verhältnismässig wohlerhaltener Palast. 18 m hoch und (je nach der Höhe) 9 bis 12 m dick stehen die äusseren Mauern noch da. Über dem alten Eingang des Tempels erhebt sich ein massiver Turm zum Schutze der Bewohner. Die steil in die Ebene abfallende westliche Ecke ist von den winterlichen Regen zum grössten Teil hinweggeschwemmt und vernichtet.