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Im Banne der Furcht

Chapter 10: Zahnzauber.
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About This Book

Eine ethnographische Darstellung der Wapare in Ostafrika schildert Lebensstationen, Rituale und soziale Organisation: Geburt, Initiations‑ und Frauenfeste, Beschneidung, Erziehung von Jungen und Mädchen, Heirat und Scheidung werden systematisch dargestellt. Rechtssätze, wirtschaftliche Formen, Hausbau, Handwerk, Jagd‑ und Ackergeräte sowie Aspekte der Küche und des täglichen Lebens werden ausführlich erörtert. Ausführliche Kapitel behandeln religiöse Vorstellungen, Totemismus, Orakel, Heil‑ und Bestattungsriten sowie Dämonen‑ und Fetischglauben. Abschließend untersucht der Text Dichtung und Denkweisen der Gemeinschaft und reflektiert die Begegnung mit Mission und Islam sowie deren Auswirkungen auf Bräuche und Glaubenspraxis.

Zahnzauber.

Im vierten Monat wird das Paremädchen in die Behandlung einer älteren Frau, der Mwasirika gegeben. Deren Aufgabe besteht darin, das Durchbrechen der zwei unteren und oberen Schneidezähnchen zu überwachen. Vor allem muß sie verhüten, daß die oberen vor den unteren herauskommen. Zuerst „bringt sie die Zähne zusammen“ (kuvunganya majego), indem sie unter ziemlichem Druck eine Massage des Zahnfleisches nach der Mitte hin ausübt. Damit aber ja nicht etwa die oberen oder seitlichen Zähne auch schon durchbrechen, streicht sie auf jene Teile des Kiefers eine Zaubersalbe, die aus Eidechsenkot und einigen Kräutern besteht. Diese „Behandlung“ wird einen Monat lang fortgesetzt, und zwar geschieht es im Lichte der auf- und untergehenden Sonne, die bei unsern Wapare verehrt wird. Im selben Monat bindet die Mwasirika dem Mädchen eine Schnur um den Hals, die aus dem Bast einer weißen Banane besteht. Daran bindet sie ein ganz kleines hölzernes Gäbelchen (vom Mrushu-Baum) mit zwei Ausgängen, entsprechend den zwei neuen Zähnen, die „herausgebracht“ werden sollen. Dieses Amulett heißt Mlinga. Im nächsten Monat macht sie mit dem langen Nagel des Daumens der rechten Hand da, wo die beiden Zähne zu erwarten sind, einen Schnitt ins Zahnfleisch des Unterkiefers. Das austretende Blut wird mit einem Blatt des Mdangu-Strauches abgewischt und auf die zwei wunden Stellen eine Salbe aus Asche und Salz gelegt, welche „gräbt“ und das Zuheilen verhindert. Dann hält sie das Kind hoch in der Richtung nach Sonnenaufgang und -untergang, sie „übergibt es der Sonne“, damit auch sie das Wachstum fördere.

Am nächsten Tage wird der Eiter, der sich auf der Wunde gebildet hat, mit einem Blatt des Mdangu-Strauches entfernt. Mit einer zugespitzten Kohle werden die Wundränder noch ein klein wenig auseinandergedrängt, und die Wunde wieder mit Asche und Salz bestreut. Mit dem kleinen Gäbelchen streicht die Frau dann zwei oder viermal über das Kinn nach oben. Sie darf nicht etwa fünfmal streichen, da dann ein fünfter Zahn durchbrechen könnte, der dem Leben des Kindes ein Ende machen würde. Diese Behandlung wird solange morgens und abends fortgesetzt, bis die unteren Zähne durchgekommen sind. Dann wendet die Frau ihre Aufmerksamkeit dem Oberkiefer zu, um auch da das Durchbrechen der Zähne zu überwachen und vor allem zu sehen, daß die beiden mittleren Zähne zuerst durchbrechen. Sind diese auch glücklich zum Vorschein gekommen, dann ist die Tätigkeit der Mwasirika beendigt.

Die Mutter des Mädchens darf in dieser ganzen Zeit kein Kleid nähen, da ja entsprechend jedem Nadelstich ein Zahn bei dem Kinde hervorbrechen könnte. Auch keinen Pilz wird sie ausgraben, da er nur „eine Wurzel“ hat (ungerade Zahl) und vielleicht die Veranlassung würde, daß statt der erwarteten zwei bzw. vier Zähne nur einer durchkäme. Im übrigen muß sowohl die Mutter des Kindes wie auch die behandelnde Frau in jeder Weise enthaltsam leben. Andre Gewohnheiten und Gebräuche lassen sich hier schlecht wiedergeben, nur will ich noch erwähnen, daß es verpönt ist, die Zähne bis zu einer gewissen Zeit beim wahren Namen zu nennen. Sie heißen vielmehr Vujembe, die kleinen Hacken, eine Sitte, die uns erst dann verständlich wird, wenn wir wissen, daß durch solche kleinen Kniffe die dämonischen Kräfte getäuscht werden sollen. (Vgl. S. 198–200.)

Schlucht im Pare-Gebirge.

Einst

gab es keine andre Möglichkeit, Afrika zu bereisen als auf diese mühsame Weise, und die Parole war „mpoa, mpoa“ = „langsam und vorsichtig“.

Phot.Lutteroth.

Jetzt

ist das Land von einem Eisenbahnnetz überzogen. — Vor Abfahrt der Zentralbahn.

Die Mühe, die sich die Leute beim Überwachen dieses Vorgangs nehmen, hat ihren Grund wieder in einer abergläubischen Furcht. Die Regel bei ihnen ist folgende: Zuerst die unteren mittleren Zähnchen. Der Mondmonat, in dem das geschieht, muß unter allen Umständen vorüber sein, ehe die oberen Zähne durchbrechen. Kommen die oberen noch im selben Monat, oder kommen sie gar zuerst, oder kommen die oberen wohl im rechten Monat aber fast gleichzeitig mit anderen mehr seitlichen Zähnen, so ist damit dem armen Kinde das Todesurteil gefällt. Die Vaasu sagen dann: Mwana abuka ijego — dem Kind ist ein Zahn herausgeplatzt; während der normale Ausdruck lautet: Mwana akweža ijego — es hat gezahnt. Im ersteren Falle wird die ganze Verwandtschaft des Mannes und der Frau zusammengerufen und ihnen gesagt: „Beseht euch das Kind! Das ist nicht unser Kind! Wir haben etwas Schlechtes bei ihm gesehen!“ Wenn dann die andern den unzeitig hervorgekommenen Zahn bemerken, sagen sie: „Was sollen wir da tun? Nun kann das Kind nicht am Leben bleiben, sonst werden wir alle sterben müssen.“ Ist das Urteil im Familienrat gefällt, dann stimmen alle die Totenklage an und holen die Schüsseln, Geräte und Kleider des Kindes herbei. Später tragen die Verwandten das Kind und alle seine Sachen in den Busch. Kleine Kinder wurden einfach an den Felsen hinabgestürzt, größere erstickt. Man legte sie auch wohl, wenn sie schliefen, an das abschüssige Ufer eines Teiches oder einer hohen Klippe. Wachten sie später auf, dann wurde ihnen die erste Bewegung verhängnisvoll. Die Mutter saß währenddessen zu Hause und sang ein ergreifendes Klagelied:

O weh, o weh!
Mein Kind, mein Kind!
Wenn ich’s (das Unglück) bekriegen könnte,
ich würde es bekriegen.
Wenn ich es zertreten könnte,
ich würde es zertreten.
O weh, o weh!
Mein Kind, mein Kind!
Ihr Geister, warum habt ihr euch nicht besonnen,
warum habt ihr mir mein Kind genommen?
Ach hätt’ ich doch für es sterben können,
wie gern würd’ ich ihm das Leben gönnen.
Nun wird keiner in meinen Armen schlafen!
O weh, o weh!

Es ist ergreifend, von solcher Klage zu hören und diese Nöte des Heidentums kennenzulernen. Viele Frauen wollen in ihrem Schmerz Selbstmord begehen. Wohl hat die Regierung derartige Greuel verboten; aber der Aberglaube und die Furcht sind größer als die Scheu vor der Regierung, und solche Kinder werden auch heute noch heimlich aus dem Wege geräumt.

Es ist früher schon vorgekommen, daß ein Vater sich weigerte, trotz des Unglückszahnes sein Kind töten zu lassen. Einige Fälle sind mir bekannt geworden. Das Kind wuchs auf, aber ein Verwandter nach dem andern mußte sterben. Das Orakel sagte: „Da ist einer, der euch alle umbringen wird. Nur sein Tod kann die Geister versöhnen.“ Das Kind war nun mittlerweile, wie in einem mir mitgeteilten Falle, zum Manne herangereift, der Frau und Kinder hatte. Nachdem mancher Versuch, ihn mit Gift zu ermorden, mißlungen war, lud man ihn einst zum Essen ein. Als er seine Hand in die Schüssel tauchte, wurde er überfallen und erwürgt. Auch die Kinder mußten sterben, um den Zorn der Ahnengeister zu besänftigen.

Im Banne der Furcht! —

Sind die vier Zähnchen gut durchgebrochen und auch in dem betreffenden Monat keine weiteren hinzugekommen, so wird ein kleines Fest veranstaltet, das heißt „das Kind zeigen“ (kuvonyesha mwana, oder: kuvambaža mwana). Allen erschienenen Männern und Frauen wird das Kind „gezeigt“ und jeder muß sich die Zähne ansehen. Die Gäste begrüßen die glücklichen Eltern mit dem Gruß, der heimkehrenden Kriegern oder sonst Leuten, die einer schweren Gefahr entronnen sind, zuteil wird. Dabei werden Vater, Mutter und die nächsten Verwandten tüchtig an den Ohren in die Höhe gezogen, eine Zeremonie, deren Bedeutung mir nicht ganz klar geworden ist. (Vgl. Entsühnung nach dem Genuß eines toten Tieres. S. 178.)

Die Frau wird mit den Worten begrüßt: „Freundin, Heil dir!“ und sie erwidert: „Das geht uns alle an“ (denn wenn das Kind ein „Zahnkind“ geworden wäre, wären wir alle in gleiche Todesgefahr geraten; und wenn es hätte getötet werden müssen, dann wäret ihr ja ebenso traurig gewesen wie ich). Auch der Vater und die Verwandten werden ähnlich begrüßt. Die Besucher bringen dem Kinde kleine Geschenke mit, Perlenschnüre, Geld oder gar ein Stück Baumwollstoff. Die „Arzneien“ (Zaubergeräte) werden von der Mutter mit einem Säckchen voll Mais und einer Kürbisflasche voll Zuckerrohrbier zu der Frau gebracht, die die Zahnbehandlung gegeben hat. Der Säugling ist nunmehr in einen neuen Lebensabschnitt eingetreten, und die größten Gefahren, die das kleine Wesen schon in frühester Jugend bedrohten, sind glücklich überstanden, zur nicht geringen Freude der Eltern, die bis dahin oft genug für sein Leben haben zittern müssen.