Zwölftes Kapitel.
Der Aberglaube im täglichen Leben.

Wenn man bedenkt, wieviel Aberglaube heute noch in europäischen Ländern herrscht, besonders bei der Landbevölkerung, so darf man sich nicht wundern, wenn auch die Wapare darin befangen sind. Da sie kein höchstes Wesen mehr kennen, sondern nur zahlreiche nebengeordnete Gottheiten, deren Zorn und unerwünschte Aufmerksamkeit durch tausend Zufälligkeiten des Lebens erregt wird, kann es nicht überraschen, wenn die Leute solchen Dingen ihre erhöhte Aufmerksamkeit zuwenden und ihnen Bedeutung für ihr Wohlergehen zuschreiben. Durch Vornahme magischer Handlungen oder das Anlegen von Zaubermedizinen können sie allerlei Kräfte zwingen, ihnen dienlich zu sein. Diese an und für sich völlig harmlosen Zaubermittel haben für den Mwasu jedenfalls den praktischen Wert, daß sie sein Selbstbewußtsein oder seine Zuversicht in den glücklichen Ausgang z. B. eines schwebenden Prozesses heben und so sein Auftreten in für ihn günstiger Weise tatsächlich beeinflussen. Man kann übrigens heute dieselben Dinge, die hier die finsteren Medizinmänner verkaufen, bei uns im Anzeigenteil irgendeines modernen Blattes aufgeführt finden, z. B.: „Die Zufälligkeiten des Lebens und die ihnen zugrunde liegenden Gesetze“, für 2 Mark oder: „Lehrbuch zur Anfertigung von Amuletten und Talismanen, die Erfolg in der Liebe und sicheres Auftreten verleihen“, für 50 Pfg. usw.

Zuerst will ich die ndee mbivi und die ndee yedi erwähnen, d. h. die schlechten und die guten Vorzeichen. Hat der Mpare eine Reise angetreten, und läuft ihm gleich zu Beginn ein Buschbock, eine Riesenschlange oder eine kleine schwarze Schlangenart über den Weg, so kehrt er wieder um und befragt das Orakel, was seinem Vorhaben entgegenstehe. Dies stellt entweder fest, daß das Omen ein Warnungssignal eines wohlgesinnten Ahnengeistes war, der irgendein Unglück von seinem Schützling abwenden wollte oder aber die Erinnerung an ein fälliges Opfer bedeute. Im letzteren Falle bittet der Mann die betreffende Gottheit um eine glückliche Beendigung seiner Reise und seines etwaigen Prozesses. Gleichzeitig bringt er als Bürgschaft für das einstweilen aufgeschobene Dankopfer ein Scheinopfer mit Wasser dar, wie wir es schon kennenlernten.

Des weiteren hört man aus dem Schrei bestimmter Vögel und dem Gekreisch der schwarzen Meerkatzen, ob man auf der Reise Erfreuliches oder Trauriges erleben wird. Reist jemand zur Erledigung eines Prozesses und trifft als erste Person eine schwangere Frau, zwei Frauen oder auch zwei Männer, dann freut er sich, denn „das ist seine Kraft“ und bedeutet einen glücklichen Ausgang seiner Sache. Trifft er nur eine Frau, die nicht schwanger ist, so wird er wohl zu seinen Kühen kommen; aber „sie haben keine Kraft“ und werden nicht lange in seinem Stalle bleiben. Einen einzelnen Mann zu treffen, heißt den Prozeß verlieren. Auch eine beliebige Zehe kann die Rolle eines Glück- oder Unglückbringers spielen, je nach der Erfahrung des einzelnen. Stößt er sich an die Glückszehe, so hat seine Reise Erfolg und umgekehrt. Daher kommt die Redensart eines Glücklichen: „Ich habe mich an die Glückszehe gestoßen.“ Ein Mittel, welches in das Gebiet der Magie gehört, wendet der Mpare an, wenn er jemand bestimmt zu Hause antreffen will. Er bricht zu dem Zweck ein Blatt von einem Baum, legt es auf den Weg und beschwert es mit einem Stein, damit es da liegen bleibt. Wie nun der Wind vergeblich an dem beschwerten Blatt zerrt, so kann auch der andre nicht fort, sondern wird von einem unbestimmten Gefühl bewogen, zu Hause zu bleiben. Ähnlich machen es die Zauberer, wenn ein Dieb verfolgt werden soll. Sie nehmen etwas Erde aus der aufgefundenen Fußspur des Diebes und binden sie mit Bananenbast zu einem Zauberknoten zusammen. Dadurch werden die Füße des Fliehenden gleichsam gebunden, und er wird seinen Verfolgern in die Hände fallen.

Ein beliebter Zauber ist der ndere. Allerlei Sympathiemittel und Seelenträger werden zu Asche verbrannt und in einem Kürbisfläschchen mit Honig oder Fett vermengt. An dieser Masse leckt man und reibt sich ein wenig davon ins Gesicht, um so die beabsichtigte Wirkung hervorzurufen. Man hat Liebesndere, mit Hilfe dessen man ein Don Juan werden kann oder wenigstens zu einer Frau kommt, falls man bisher nur Körbe erhalten hat. Andre Ndere sichern den günstigen Ausgang aller Prozesse, vermehren das Vieh usw.

Berühmt waren die Zauber, welche den Besitzer unverwundbar machten. An solche Mittel glauben die Leute auch heute noch fest, wenngleich sie zugeben, daß mit dem Erscheinen der Europäer ihren alten Medizinen die Kraft genommen worden sei. Der majimaji d. h. Wasser-Aufstand 1905 im Süden unsrer Kolonie ist auf die Umtriebe solcher Medizinmänner zurückzuführen, welche die Leute glauben machten, durch die Kraft ihrer dawa würde nur Wasser aus den Gewehren der Europäer kommen.

Andere Mittel halten die bösen Tiere ab, machen die Flüsse trotz der vielen Krokodile passierbar u. dgl. m. Hierher gehören ferner die verschiedenen Arten der mafingo, welche Kriege, Seuchen und wilde Tiere abhalten. In dem großen Hirtendorfe Makokane z. B. werden die zahlreichen Kühe und Ziegen vor den gleichfalls zahlreichen Löwen und Leoparden durch derartige Mafingo geschützt. Der Medizinmann schreibt nach Vergraben seines Zaubers den Dorfbewohnern mancherlei Verhaltungsmaßregeln vor, von deren Beobachtung die Wirksamkeit des „Ifingo“ abhängt. Z. B. darf nach Sonnenuntergang kein Kochtopf mehr aus dem Hause getragen noch Wasser oder Holz ins Dorf gebracht werden. Leute, die nach Sonnenuntergang das Dorf betreten wollen, müssen sich von einem Kinde an der Hand hineinführen lassen. (Erklärung dieses Brauches und ähnlicher Vorstellungen, S. 111.)

Esel standen bei den Wapare in schlechtem Ruf als Überbringer von Seuchen und Hungersnöten. Brachte in früheren Zeiten ein Küstenneger seinen Esel nach Pare, dann wurde der Weg hinter ihm her mit Schafmist entsühnt. Auch heute noch verbieten die alten Frauen den Mädchen, über einen Esel zu lachen, wenn sie sich auf dem Wege zum Markte befinden, da ihnen sonst nichts abgekauft werde. Dasselbe gilt für Hunde und Affen.

Kommt eine rote Ameisenart oder eine schwarze Schlange ins Haus, so geht man zum Orakel, um die Ursache festzustellen. Während die Ameisen meistens als Gesandte irgendeiner Gottheit aufgefaßt werden, die ein Opfer erheischt, ist die schwarze Schlange oft der Vorbote zu erwartender Elternfreude. Sie beißt Menschen nur auf Veranlassung irgendeiner Gottheit oder eines bösen Zauberers. Allgemeine Bestürzung ruft das Erscheinen der großen Steppeneule im Gebirge hervor, denn sie gilt als Vorbote nahender Seuchen. Schleunigst sucht man einen Medizinmann, der seinen Zauber in die Luft bläst, um die Tiere zu verscheuchen. Schreit die Eule dagegen auf dem Hause des einzelnen, so geht dieser unverzüglich zum Orakel, um sich die nötigen Gegenmaßregeln angeben zu lassen; denn in dem Falle ist das Tier von einem bösen Zauberer geschickt worden, und die Krankheit wird nicht lange auf sich warten lassen, wenn der Mann sich keine Gegenmedizin besorgt. Von dieser Zugehörigkeit der Eule zum bösen Zauberer ist folgendes Sprichwort abgeleitet, welches man dem Häuptling vorhält, wenn er für eine offenbar ungerechte Sache Partei ergreift: „Du bist eine Eule geworden und hältst es mit dem Zauberer.“

Ifingo.
Zauber am Eingang der Hütte gegen Krankheit und böse Geister.
a Bananenstaude, b Holzpfeile, die den Zauberer bedrohen, c und d Bogen und Pfeil des „Wachenden“, e Medizinhörner, f Steine, g in den Boden gesteckte Reiser.

Der Geier bildet die Ursache der Krämpfe der Kinder, die man direkt ndeje = Vogel nennt. Erscheint das Tier im Dorfe, wird es durch einen Zauberer zum Wegziehen veranlaßt, und die Kinder läßt man behandeln. Aber auch die Haustiere können zu bösen Zauberern werden, die man sofort töten oder verkaufen muß, will man nicht das Leben sämtlicher Familienangehörigen verwirken. Wenn der Mwasu eine gute Milchkuh verkauft, dann kann man sicher sein, daß sie zaubert, denn ohne Grund verkauft er sein Vieh nicht. Ich habe schon verschiedentlich solche Kühe billig erstehen können. Setzt sich eine Kuh, ein Schaf oder eine Ziege nach Hundeart auf die Hinterfüße, saugen sie an ihrem eigenen Euter, oder stellen sich Kühe nach Ziegenart auf die Hinterbeine, um Gras von höher gelegenen Stellen abzurupfen, so haben sie sich damit als Zauberer dargetan und müssen samt ihrem Nachwuchs verkauft oder getötet werden. Legt ein Huhn auf einmal zwei Eier, kräht es wie ein Hahn, legt es ein Ei in der Nacht oder auf dem Dachboden, so wird es ebenfalls getötet. Dasselbe geschieht mit einem Hahn, der zufällig dabei gesehen wird, wie er sich in die Schwanzfedern beißt. Selbst leblose Gegenstände wie Bienenstöcke, aber auch Zuckerrohrstauden, Mais und andre Dinge zaubern und versetzen den armen Paremann in Todesfurcht, sobald er irgendwelche Unregelmäßigkeiten an ihnen bemerkt. Eilends sucht er Rat beim Medizinmann, um das drohende Verhängnis abzuwenden.

Bei allen Krankheiten spielt naturgemäß der Aberglaube eine große Rolle. Kleine Kinder versteckt man förmlich, um sie vor Verzauberung und bösem Blick zu schützen. Man gibt auch Knaben für Mädchen aus und umgekehrt, um den Hexen entgegenzuarbeiten. Unzählige Krankheiten führt das Orakel auf Verzauberung und bösen Blick zurück. Gegenzauber lernten wir schon bei der Besprechung der Seelenvorstellungen kennen. Da legt jemand seinem Feinde nachts eine Medizin vor die Tür, und wenn dieser am andern Morgen darüber hinwegschreitet, wird er krank. Von da war es nur noch ein Schritt zur Giftmischerei, um sich seines Feindes gänzlich zu entledigen. Die Giftmischer sind die eigentlichen bösen Zauberer oder Vasavi, mit denen die Vaganga oder Medizinmänner mit ihren Zauberarzneien nichts zu tun haben. — Eine einfache, wenn auch wenig menschenfreundliche Weise, seine Geschwüre zu heilen, ist die der Übertragung auf andre. Etwas Eiter reibt man auf eine Geldmünze, ein Stückchen Kette oder an die Früchte des Mdarya-Baumes mit den Worten: „Hier nimm meine Geschwüre, dem Finder mögen sie anhaften.“

Die Kenntnisse der Vorgänge in der Natur sind meistens durch Aberglauben stark getrübt. Der Regenbogen ist je nach der Form das Zeichen eines guten oder bösen Zauberers. Erdbeben bilden die Begleiterscheinung beim Tode eines großen Häuptlings oder Medizinmannes.

Der Aberglaube unsrer Leute wurzelt in der Vorstellung von sie umgebenden Kräften und Dämonen, die ihnen als körperlose Wesen an Macht weit überlegen sind, die sie aber doch anderseits durch allerlei Kniffe zu überlisten oder gar einzuschüchtern suchen. Erinnern wir uns an das Wort von der „Opferkuh mit zwei Beinen“, also ein Huhn, welches der Mwasu einer toten Riesenschlange in Aussicht stellt, falls sie ihn, den an ihrem Tode Unschuldigen, trotzdem beunruhigen sollte. Er schiebt also Erpressungsversuchen seiner Gottheit beizeiten einen Riegel vor. Der Häuptling Mauya in Mamba kam zu mir und klagte in stark übertriebener Weise über den Mais auf seinem Felde, der unrettbar vertrocknet sei. Als ich bemerkte, daß doch sein Mais recht gut aussehe, meinte er: „So hilf mir doch schimpfen, dann kommt Regen!“ Wenn also die bösen Dämonen hören, daß man die Hoffnung auf eine gute Ernte bereits aufgegeben hat, halten sie den Regen nicht länger auf (vgl. das Gebet der Frau vor der Geburt, S. 23). Aus diesem Grunde sagt man auch von Neugeborenen: „Es ist ein kleiner Marder geboren worden, er ist aber ziemlich krank. Wir müssen uns nach Arznei umtun.“ Dabei kann das kleine Wesen munter und kräftig sein: aber man will mit solchen herabsetzenden Worten bösen Dämonen und Menschen die Lust zum böswilligen Eingreifen nehmen.

Auch die Wapare fürchten sich vor der Götter Neide. Hat jemand eine ungewöhnlich große Ernte und gerät ihm alles wohl, dann sagt man: „Das ist ein unheimlicher Segen, er wird damit nicht fertig werden, sondern vorher sterben.“ Man gibt auch die Zahl seines Viehes höchstens mit zwei an, und wenn es hundert sind, um keinerseits Neid zu erregen und eine feindliche Gesinnung der Dämonen herauszufordern. Trotzdem sucht man ihnen nicht nur durch falsche Darstellungsweise, welcher der Glaube an die Macht des gesprochenen Wortes zugrunde liegt, ein Schnippchen zu schlagen, sondern sie selbst durch Drohungen einzuschüchtern. Einer meiner Gewährsmänner erzählte mir hierzu folgendes Beispiel: „Kommt eines Tages ein Bekannter namens Madiwa zu uns und sucht seinen Onkel, der als Familienpriester zu dem Schädel seiner Großmutter beten soll. Madiwas Mais war nämlich zweimal nicht aufgegangen, und das Orakel hatte den Geist der Großmutter als Ursache festgestellt. Der Mann schalt nun seine Großmutter laut, die, anstatt ihn durch eine leichte Krankheit oder sonst ein vorübergehendes Übel an seine Opferpflicht zu erinnern, sich darauf versteift habe, seine ganze Ackerarbeit illusorisch zu machen. Er verlangte, man solle ihm den Schädel zeigen, er wolle für Änderung sorgen. Als wir ihm entgegenhielten, daß er doch nicht anstelle des Priesters beten könne, meinte er: ‚Beten will ich auch nicht, aber ihren Topf decke ich auf; dann mag sie eine Zeitlang so in der Sonne sitzen. Vielleicht daß ihr dann die Lust vergeht, andauernd meine Saat zu verderben.‘“ Ein ähnliches Beispiel erwähnte ich schon bei der Besprechung des Nkomadienstes. Doch wie gesagt: die Drohungen bilden Ausnahmen, lieber legt man sich auf kleine Listen. Wenn deshalb der Mwasu in seiner Krankheit mehr klagt, als unbedingt nötig wäre, oder wenn er jedem seine Leiden in den schrecklichsten Farben schildert, so liegt hier im letzten Grunde weniger Zimperlichkeit vor als vielmehr das Bestreben, böse Kräfte, die im Spiele sind, zu veranlassen, von ihm als bereits Erledigtem (nkungu mposha = taube Nuß, s. S. 23) abzustehen.

Die Wapare kennen einen Zauber, den sie ibuge nennen und der in seiner Wirkung dem Hypnotismus gleichkommt. Der Besitzer eines solchen Ibuge begibt sich abends zu dem Hause eines wohlhabenden Mannes und bläst etwas von der Medizin durch ein Fensterloch in dessen Hütte. Die Bewohner mögen gerade beim Essen sein oder ihrer Beschäftigung nachgehen, bald fallen sie in einen tiefen Dornröschenschlaf. Der Zauberer geht nunmehr in das Haus und fordert den Besitzer auf, eine Kuh loszubinden und beim Forttreiben behilflich zu sein. Unterwegs wird er wieder zurückgeschickt, und erst wenn die Diebe weit genug fort sind, weckt der Zauberer durch besondere Manipulationen die noch im Hause schlafenden Leute aus ihrer Hypnose auf.

Ein ähnlicher Erfolg im Viehraub wurde mit einer Medizin der Wateta erzielt. Sie hieß ndere ya kiteta. Der Hypnotiseur begab sich in ein Gehöft, grüßte die Anwesenden und trat an die Kühe heran. Er fragte dann wohl: „Warum willst du dem Soundso (seinem Klienten) die Kühe nicht herausgeben, die du ihm schuldest? Heute gehen sie mit mir!“ Inzwischen hatte er die Tiere an seiner Zaubermedizin lecken lassen und ihnen auch etwas davon an die Stirn gerieben. Er lief dann einfach schnell davon, und die Tiere folgten ihm. Bis die bestürzte Hausmutter, die man möglichst allein zu treffen sucht, sich von ihrem Schrecken erholt und einige Nachbarn herbeigerufen hatte, war der Dieb mit seinen Helfershelfern längst im Busch verschwunden.

So wie der Rattenfänger von Hameln Tiere und Menschen seinem Willen gefügig machte, erzählen die Wapare auch von einem Ndere ya kiteta, der Menschen dem Willen seines Besitzers völlig unterwarf. Es sei da hin und wieder ein Mteta ins Land gekommen, manchmal auf dem Kriegszug, habe irgendein schönes Mädchen gezwungen, an seiner Medizin zu lecken und ihr etwas davon auf die Stirn gerieben mit der Ermahnung, ihm in kürzester Zeit seine Tasche, die er ihr lasse, in sein Land und Haus zu bringen. Solch ein Mädchen habe dann allen Vorstellungen der Seinen zum Trotz einem unwiderstehlichen Drange folgend dem fremden Manne nachreisen müssen und immer nur geltend gemacht, es müsse doch die Tasche an ihren Ort bringen. Mag auch der einen oder andern Erzählung ein wahrer Kern zugrunde liegen, denn es gibt sicherlich bei den Vaasu viele Dinge, von denen sich unsre Schulweisheit nichts träumen läßt, so steht anderseits fest, daß findige Medizinmänner mit solchen Artikeln einen einträglichen Handel betrieben haben und noch betreiben.

Andre Zauberer verstehen es, sich in Zeiten der Not durch ihre Verwandlungskünste der Verfolgung zu entziehen. So soll sich der Häuptling Semnyongo noch im letzten Augenblick der Verfolgung des von Kiswani erschienenen deutschen Beamten durch Verwandlung entzogen haben. Krieger berichten, daß sie auf ihren Zügen statt der noch soeben gesehenen Herde mit ihrem Hirten plötzlich Steinen und einem Baum gegenübergestanden hätten. Auch in Leoparden können sich die Menschen verwandeln, das gehört aber schon zu der bösen Zauberkunst (vusavi), die dem Nächsten Schaden zufügen will. Der Mwasu unterscheidet streng zwischen Vasavi und Vaganga, den bösen Zauberern und den guten Zauberdoktoren. Vasavi werden mit dem Tode bestraft. Sie treiben ihr Unwesen bei Nacht. In mondlosen Nächten schleicht sich der Zauberer vor die Hütte seines Feindes, nur mit einigen dürren Bananenblättern bekleidet, und vergräbt vor der Tür seine „Medizin“. Tritt der Besitzer aus der Hütte und über die Stelle, wo das Mittel vergraben ist, so wird sein Bein anschwellen, vereitern, und zuletzt muß er sterben. Oder er ruft des Nachts den Betreffenden an, hält dabei eine Medizinkalabasse offen und schließt diese, sobald der Angerufene antwortet. Mit der Stimme hat er nun auch den „Schatten“ gefangen, und die Seele wird auf einen Baum gebunden, wo sie nachts oft schreit. Vergrabene Zaubermittel sucht man heute noch mit Hilfe des mzuza (s. u.), und oft soll in der Hütte eine wilde Jagd danach entstanden sein, denn das Zaubermittel hat hin und wieder die Eigenschaft, vor dem Wünschelrutenmann davonzulaufen. Das Verfahren, welches die Eingebornen anwenden, um jemand der Zauberei zu überführen, haben wir bereits bei der Besprechung der Rechtssitten kennengelernt. War jemand überführt, wurden auch seine Söhne getötet und seine Töchter in die Sklaverei verkauft. Das letzte in Kihurio stattgefundene Strafgericht dieser Art wurde mir wie folgt beschrieben: Der Zauberer wurde an einen Pfahl gebunden, glühende Kohlen wurden ihm auf den Kopf gelegt. Sein Leib wurde mit glühenden Eisenstäben „behandelt“, um die „Krankheit“ auszutreiben. Alt und jung gingen vorüber, schlugen ihn und trieben ihm Dornen in Körper und Augen. Man band ihn mit seinem Sohn zusammen an eine Stange, hob sie hoch und ließ sie auf die Erde fallen. Nachdem dies wiederholt gemacht worden war, sagte man: „Vielleicht ist es unserm Häuptling kalt.“ Er wurde in die heiße Sonne gebracht und in unmittelbarer Nähe des Körpers ein riesiges Feuer angezündet, damit er sich „wärmte“. Er endete auf dem Scheiterhaufen.

Als letztes will ich hier noch den Uzuza-Zauber erwähnen. Den Besitzer nennt man mzuza = Aufspürer. Er ist nämlich imstande, vergrabene böse Zaubermittel oder verlorene bzw. gestohlene Gegenstände aufzufinden. Seine Medizin soll er sich aus einer Hyänen- und Schweinsschnauze sowie aus einem Habichts- und Geierkopf herstellen, welche Stoffe verbrannt und pulverisiert werden. Das Geschäft ist einträglich. Macht er z. B. einen verfluchten Topf (s. unter Rechtssitten) auf einem verlassenen Hausplatz ausfindig, erhält er dafür zwei Ziegen. Ist so ein Unglückstopf gar in einem hl. Haine vergraben, verlangt der Wünschelrutenmann eine Färse als Bezahlung. Der Vorgang beim Aufspüren ist ungefähr folgender: Nachdem das Orakel den Tod eines Familiengliedes auf einen verfluchten Topf zurückgeführt hat, wird der Mzuza gerufen und ihm mitgeteilt, in welcher Gegend ungefähr der Topf zu suchen sei. Nun begibt der Zauberer sich auf die Suche. In der rechten Hand trägt er einen Gnuschwanz. Ein wenig seiner „Medizin“ vermengt er mit Erde von dem Platze, wo der Gegenstand gesucht werden soll und schnupft die Mischung zum Teil, ein wenig streut er auf den Gnuschwanz. Diesen hält er unter fortwährendem Schnüffeln an die Nase und auf die Erde, bis er die Spur und endlich auch den Ort gefunden hat, an welchem der zu suchende Gegenstand verborgen liegt. Die gute Belohnung möchte natürlich auch mancher Schwindler einstecken. Einer meiner Gewährsleute beobachtete einmal einen solchen, wie er einen kleinen Topf eingrub, um ihn nachher „aufzuspüren“. Unter gewissen Umständen sind solche Machenschaften wohl möglich, oft dagegen völlig ausgeschlossen. Denn wenn ein Mpare eine Kuh für solche Sache bezahlt, dann paßt er doch gut auf, daß man ihm keinen falschen Zauber vormacht.

Wenn man als Missionar bemüht ist, dem Paremann möglichst sein Volkstum zu erhalten, so wird man leider immer wieder die Erfahrung machen, daß man nur einen ganz kleinen Rest seiner Sitten und Gebräuche ungefährdet ins Christentum hinübernehmen kann, weil sein ganzes Dichten und Denken vollständig mit heidnisch religiösen und abergläubischen Vorstellungen durchtränkt ist. Da werfen schon die kleinen Kinder ihre ausgefallenen Milchzähne der Sonne zu mit den Worten: „Hier, Sonne, nimm meinen Zahn, und gib mir einen neuen!“ oder man bindet dem Kinde das kleine Füßchen einer Antilope ans Bein, damit es auch bald so laufen kann wie diese. Während viele Christen die mancherlei Lebenskräfte ohne Dank gegen ihren Schöpfer hinnehmen, sucht der Neger erst durch tausend abergläubische Handlungen diese Kräfte zu bewegen, sich in der von ihm gewünschten Weise zu betätigen.