The Project Gutenberg eBook of Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Title: Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Author: Nikolai Vasilevich Gogol
Editor: Otto Buek
Translator: Otto Buek
S. Bugow
Mario Spiro
Release date: March 1, 2017 [eBook #54263]
Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
Credits: Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
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produced from images made available by the HathiTrust
Digital Library.
Nikolaus Gogol
Tote Seelen, II
Novellen
Nikolaus Gogol
Sämmtliche Werke
In 8 Bänden
Herausgegeben
von
Otto Buek
Band 2
München und Leipzig
bei Georg Müller
1909
E. R. W.
Nikolaus Gogol
Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen
Übertragen
von
Otto Buek
Band 2
München und Leipzig
bei Georg Müller
1909
E. R. W.
Inhalt
| Die Abenteuer Tschitschikows, Zweiter Teil | Seite | 1 |
| Novellen: | ||
| Der Mantel | „ | 223 |
| Die Nase | „ | 283 |
| Das Porträt | „ | 329 |
Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows
oder
Die Toten Seelen.
Zweiter Teil
Erstes Kapitel.
Warum bloß wollen wir die Armut, nichts als die Armut und die beklagenswerte Unvollkommenheit unseres Lebens öffentlich zur Schau stellen, indem wir die Menschen aus der Wildnis, aus den entlegensten Winkeln unseres Vaterlandes ausgraben und hervorziehen? — Was ist zu machen, wenn das nun einmal die Eigenart des Verfassers ist, und wenn er selbst so sehr an seiner eigenen Unzulänglichkeit krankt, daß er eben nur dies eine kann: die Armut und nichts als die Armut und Unvollkommenheit unseres Lebens darstellen, indem er seine Menschen aus der Wildnis und aus den entlegensten Winkeln unseres Vaterlandes ausgräbt? Und so sind wir denn abermals mitten in die Wildnis hineingeraten und wieder auf ein ödes trauriges Nest gestoßen. Und noch dazu welch ein Nest und welch eine Wildnis!
Wie der Riesenwall einer unendlichen Festung mit Türmen und Bastionen, zog sich in endlosen Windungen von mehr als tausend Werst eine ununterbrochene Gebirgskette hin. Stolz und majestätisch erhob sie sich über die grenzenlose Ebene, bald als nackter Ton- und Kalkfelsen, bald als senkrecht abstürzende Bergwand, durchsetzt von Spalten und Rissen, bald wieder in Form von grünen Kuppen, bedeckt mit jungem Buschwerk, das zwischen kahlen Baumstümpfen emporragte und von weitem wie zartes Lammfell aussah, bald endlich als dichter dunkler Wald, den die Axt seltsamer Weise noch verschont hatte. Der Fluß, der überall zwischen hohen Ufern dahinströmte, folgte den Bergen in mancherlei Schlangenwindungen, nur hie und da entfernte er sich von ihnen, floß zwischen Feldern und Wiesen dahin, schlängelte sich in leuchtenden Serpentinen, verschwand plötzlich, noch einmal hell aufblitzend im strahlenden Sonnenlicht in einem Gehölz von Birken, Espen oder Erlen und tauchte endlich wieder triumphierend aus dem Dunkel hervor, überall begleitet von Brücken, Windmühlen und Dämmen, die ihm bei jeder Wendung nachzueilen schienen.
An einer Stelle war die steile Gebirgsmasse besonders dicht mit dem Lockenschmuck jungen Baumgrünes überzogen. Durch künstliche Anpflanzung hatte sich hier dank den Unebenheiten des Gebirgshanges die Vegetation aus Nord und Süd zusammengefunden. Eiche, Ahorn, Birnbäume und Weidenbüsche, Beifuß und Birke, Fichten und dicht von Hopfen umrankte Ebereschen kletterten überall, hier einträchtig und sich gegenseitig im Wachstum unterstützend, dort sich hemmend und eng zusammengedrängt, den steilen Berg hinan. Oben am Scheitel mischten sich mit den grünen Wipfeln die roten Dächer der Gutsgebäude, die Giebel und Dachfirste der dahinter versteckten Bauernhütten, das oberste Stockwerk des Herrenhauses mit seinem geschnitzten Balkon und dem halbrunden Fenster — und hoch über dieser Masse nah beieinander liegender Häuser und Bäume streckte eine altertümliche Kirche ihre fünf vergoldeten Türme in die Luft, deren jeder ein Glockenspiel enthielt. Die Türme waren mit goldenen durchbrochenen Kreuzen geschmückt, die mit ebensolchen Ketten von gleichem Metall an den Kuppeln befestigt waren, so daß man aus der Ferne den Eindruck hatte, als glühte und flimmerte die Luft von glänzendem gemünztem Golde, das frei im blauen Äther schwebte, ohne an etwas befestigt zu sein. Und diese ganze Masse von Bäumen, Dächern und Kreuzen spiegelte sich wie auf den Kopf gestellt lieblich im Flusse wieder, wo die hohen mißgestalteten Weidenstämme, die teils vereinzelt am Ufersaume, teils tief im Wasser standen, ihre von grünem schleimigen Flußschwamm und treibenden Wasserlilien umsponnenen Zweige und Blätter in die Fluten hinabtauchten und in die Betrachtung dieses reizenden Bildes versunken schienen.
Dieser Anblick war in der Tat sehr hübsch, aber der Blick aus der Höhe ins Tal, von der Terrasse des Hauses in die weite Ferne war noch viel schöner. Kein Gast, kein Besucher vermochte es gleichgültig auf dem Balkon zu verweilen: der Atem stockte ihm in der Brust vor Staunen und Entzücken, und er konnte bloß ausrufen: „Gott wie geräumig und frei ist es hier!“ Ein unendlicher grenzenloser Raum breitete sich vor ihm aus: Hinter den Wiesen, die mit Buschwerk und mit Windmühlen übersät waren, erhoben sich dunkle Wälder wie eine Reihe grün schimmernder Zonen; hinter den Wäldern leuchteten gelbliche Sanddünen durch die sich mählich verfinsternde Luft; auf diese folgten wiederum Wälder, die bläulich schimmerten, wie ein sich weithin dehnendes Meer oder eine weite Nebelfläche; dahinter lagen wieder Sanddünen, welche zwar nicht mehr so hell, wie die ersten, aber doch noch deutlich sichtbar gelb glimmten und leuchteten. Am fernen Horizont bemerkte man die Konturen eines Bergrückens: das waren Kalkfelsen, die selbst bei schlechtestem Wetter beständig in blendender Weiße erstrahlten, wie wenn eine ewige Sonne sie beleuchtete. An ihrem Fuße, der zum Teil aus Gipsgestein bestand, hoben sich hie und da nebelgrau flimmernde Flecken von dem blendenden Weiß des Hintergrundes ab: das waren ferne Dörfer, die jedoch kein menschliches Auge erkennen konnte — nur die goldene Spitze einer Kirche, die hin und wieder aufblitzte wie ein glühender Funke, ließ ahnen, das dies ein großes, von Menschen bewohntes Dorf sei. Das Ganze aber war in eine tiefe Stille getaucht, die nicht einmal von dem kaum bis ans Ohr dringenden Lied der Sänger der Lüfte gestört wurde, welche sich in den reinen Äther emporschwangen und bald im weiten Raume verloren. Mit einem Wort, kein Gast noch Besucher konnte ruhig auf dem Balkon weilen, und wenn er einige Stunden in die Betrachtung verloren dagestanden hatte, brach er immer wieder in den schon bekannten Ruf aus: „Gott, wie geräumig und frei es hier ist.“
Wer aber war der Bewohner und Besitzer dieses Landgutes, das gleich einer uneinnehmbaren Festung dalag und zu dem von dieser Seite nicht einmal ein Fahrweg hinführte. Man mußte schon von der andern Seite heranzukommen suchen — wo weit auseinanderstehende Eichen den herannahenden Reisenden freundlich begrüßten, indem sie ihre breiten Äste weit ausstreckten wie die Arme eines Freundes und ihn bis zu dem Hause hingeleiteten, dessen Spitze wir schon von hinten gesehen haben, und das jetzt ganz frei und offen dalag, zwischen einer langen Reihe von Bauernhütten mit ihren geschnitzten Giebeln und Dachfirsten, und der Kirche, die im Golde ihrer Kreuze und des durchbrochenen Schnitzwerkes der in der Luft hängenden Ketten erstrahlte.
Es war der Gutsbesitzer des Tremalachanskschen Kreises Andrei Iwanowitsch Tentennikow. Der Glückliche war ein junger Mann von dreiunddreißig Jahren, der noch dazu unverheiratet war.
Was war nun dieser Gutsbesitzer Andrei Iwanowitsch Tentennikow für ein Mensch? Wie war sein Wesen; was hatte er für Eigenschaften und für einen Charakter? — Darnach müssen wir uns natürlich bei den lieben Nachbarn erkundigen, geneigte Leserinnen. Einer von ihnen, der zu jener Gattung verabschiedeter Stabsoffiziere und Lebemänner gehörte, die jetzt schon im Aussterben begriffen ist, pflegte sich folgendermaßen über ihn zu äußern: „Ein ganz gewöhnlicher Schweinehund!“ Ein General, der etwa zehn Werst von ihm entfernt wohnte, sagte gewöhnlich: „Der junge Mann ist nicht dumm, aber er hat sich gar zu viel in den Kopf gesetzt. Ich könnte ihm nützlich sein, denn ich habe gewisse Verbindungen in Petersburg und sogar beim ...“ Der General beendigte seinen Satz niemals. Der Kreisrichter kleidete seine Antwort in folgende Form: „Ich will mir mal morgen die rückständigen Steuern von ihm abholen!“ und ein Bauer hätte auf die Frage, was sein Herr für ein Mensch sei, überhaupt nichts geantwortet. Mit einem Wort, die Meinung, die die Nachbarn von ihm hatten, war recht ungünstig. Vorurteilslos gesprochen aber war Andrei Iwanowitsch eigentlich kein schlechter Mensch, sondern einfach einer von denen, die unnütz auf der Erde herumlaufen. Es gibt ja doch ohnedies genug Leute, welche unnütz auf der Erde herumlaufen, warum also sollte gerade Tentennikow es nicht tun? Übrigens wollen wir hier gleich einen kurzen Abriß seines Tagewerks geben, und da bei ihm ein Tag stets dem andern glich, so mag der Leser darnach selbst urteilen, was er für einen Charakter hatte, und inwieweit sein Leben den ihn umgebenden Naturschönheiten entsprach.
Morgens pflegte er recht spät zu erwachen, dann richtete er sich im Bette auf und rieb sich lange die Augen. Zu seinem Pech waren die Augen sehr klein, und daher nahm diese Operation sehr viel Zeit in Anspruch. Während der ganzen Dauer dieser Handlung stand ein Mann, namens Michailo, mit einem Waschbecken und einem Handtuch an der Tür. Dieser arme Michailo mußte immer stundenlang so dastehen; dann ging er in die Küche und kam noch einmal wieder; aber sein Herr saß noch immer im Bett und rieb sich die Augen. Endlich sprang er aber doch auf, wusch sich, zog seinen Schlafrock an und trat in den Salon um ein Glas Tee, Kaffee, Kakao oder sogar frische Milch zu trinken. Er trank immer in kurzen Zügen, indem er die Brotkrumen rücksichtslos umherstreute und die Tabakasche überall achtlos hinfallen ließ. So saß er wohl zwei Stunden lang beim Frühstück, doch das genügte noch nicht. Dann nahm er noch eine Tasse kalten Tee und ging langsam ans Fenster, das in den Hof führte. Hier spielte sich jeden Tag folgende Szene ab.
Vor allem zankte sich der Hausdiener Grigorij in seiner Eigenschaft als Aufwärter mit der Schließerin Perphiljewna, die er mit folgenden Ausdrücken zu bedenken pflegte: „Ach du Jammerseele, du nichtsnutziges Frauenzimmer du! Du solltest doch lieber den Mund halten, du gemeines Geschöpf!“
„Du willst wohl so etwas haben?“ heulte die Jammerseele oder Perphiljewna, indem sie ihm die geballte Faust hinhielt. Dieses Frauenzimmer war nicht ungefährlich und hatte recht derbe und kräftige Manieren, trotz ihrer starken Vorliebe für Rosinen, Marmelade und andere Süßigkeiten, die sie in ihrem Schranke verschlossen hielt.
„Du liegst dir ja sogar mit dem Verwalter in den Haaren, du Staubkorn, elendiges,“ kreischte Grigorij.
„Der Verwalter ist doch gerad so’n Dieb wie du, du glaubst wohl der Herr kennt euch nicht; er ist doch hier und hört alles.“
„Wo ist der Herr?“
„Da sitzt er am Fenster und sieht alles.“
Und in der Tat, der Herr saß am Fenster und sah alles.
Um dieses Sodom und Ghomorrha noch zu vervollständigen schrie ein Knabe auf dem Hofe aus voller Kehle, der von der Mutter eine Ohrfeige bekommen hatte, und ein Windspiel stimmte winselnd mit ein, indem es sich mit dem Hinterteil auf die Erde setzte; der Koch hatte nämlich kochendes Wasser aus dem Fenster gegossen und es verbrüht; mit einem Worte alles heulte und plärrte unerträglich. Der Herr sah und hörte sich alles an, aber erst als der Lärm so entsetzlich wurde, daß er Tentennikow in seinem Nichtstun zu stören begann, schickte er in den Hof hinunter und ließ sagen, die da unten möchten doch etwas leiser lärmen.
Zwei Stunden vor dem Mittagessen begab sich Andrei Iwanowitsch in sein Zimmer, um an einem großen Werke zu arbeiten, das ganz Rußland von sämtlichen nur möglichen Standpunkten: vom bürgerlichen, vom politischen, vom philosophischen und religiösen umfassen und beleuchten sollte; auch sollte es die schwierigen Aufgaben und Probleme lösen, die die Zeit gestellt hatte und klar bestimmen, in welcher Richtung Rußlands große Zukunft läge; mit einem Wort, es war ein Werk wie nur ein moderner Mensch es planen konnte. Übrigens hatte es zunächst beim Nachdenken über dieses grandiose Unternehmen sein Bewenden: man kaute an der Feder, warf ein paar Zeichnungen aufs Papier, und schob dann alles wieder beiseite; statt dessen wurde ein Buch zur Hand genommen, das man bis zum Mittagessen nicht wieder fortlegte. In diesem Buche las man, während die Suppe, die Sauce, der Braten und sogar die süße Speise verzehrt wurde, ruhig weiter, und es kam mitunter vor, daß manche Speisen ganz kalt und andre überhaupt nicht angerührt wurden. Dann trank man noch eine Tasse Kaffee und rauchte ein Pfeifchen dazu und spielte noch eine Partie Schach mit sich selbst. Was darauf noch weiter bis zum Abendessen getan wurde — ist tatsächlich schwer zu sagen. Ich glaube es wurde überhaupt nichts mehr getan.
So verbrachte der junge dreiunddreißigjährige Mann, der immer im Schlafrock und ohne Halsbinde dasaß ganz mutterseelenallein und von aller Welt verlassen, seine Zeit. Das Spaziergehen und Herumlaufen machte ihm keinen Spaß, er hatte nicht einmal Lust hinaufzugehen, oder ein Fenster zu öffnen, um frische Luft in das Zimmer hineinzulassen, und der herrliche Anblick des Dorfes, an dem sich Gäste und Besucher nicht genug erfreuen konnten, schien für den Besitzer selbst überhaupt nicht zu existieren. Aus alledem kann der Leser ersehen, daß Andrei Iwanowitsch Tentennikow zu der großen Familie der Leute gehörte, die in Rußland nicht alle werden und die man früher bei uns Schlafmützen, Faulenzer, Bärenhäuter usw. zu nennen pflegte, und für die ich heute wirklich keinen Namen zu finden wüßte. Ob solche Charaktere geboren werden oder sich allmählich bilden, als ein Produkt trauriger Lebensverhältnisse, in deren harte und strenge Umgebung der Mensch hineingestellt ist, das ist eine Frage. Statt sie zu beantworten tut man vielleicht besser, die Geschichte der Kindheit und der Lehrjahre Andrei Iwanowitschs zu erzählen.
„Anfangs schien alles darauf abzuzielen, daß etwas Vernünftiges aus ihm werden sollte. Mit zwölf Jahren kam der etwas kränkliche und träumerische, aber begabte und scharfsinnige Knabe in eine Schule, deren Direktor ein für jene Zeit wirklich ungewöhnlicher Mensch war. Der Abgott der Jünglinge und das bewunderte Vorbild aller Lehrer und Erzieher. Alexander Pawlowitsch war mit einem außerordentlichen Feingefühl begabt. Wie gut kannte er den russischen Charakter! Wie kannte er das kindliche Gemüt! Wie verstand er es, die Kinder zu leiten und zu lenken! Es gab keinen Schelm oder Wildfang, der, wenn er etwas angestellt hatte, nicht selbst zum Direktor kam, um ihm seine Streiche und Untaten zu beichten. Aber das war noch nicht alles: er erhielt eine harte Strafe, aber der kleine Schelm ließ darum keineswegs die Nase hängen, sondern verließ das Zimmer aufrechter als vorher. Es lag etwas wie frischer Mut in seinen Zügen, und eine innere Stimme schien zu ihm zu sprechen: „Vorwärts! Erhebe dich schnell wieder und stelle dich ruhig wieder auf beide Beine, trotzdem du gefallen bist.“ Nie hielt der Direktor seinen Zöglingen lange Reden über gutes Betragen. Er pflegte nur zu sagen: „Ich verlange von meinen Schülern nur dies eine: daß sie vernünftig und verständig sind, sonst nichts! Wer den Ehrgeiz hat, klug zu werden, der hat nicht Zeit unartig zu sein; die Unarten müssen von selbst verschwinden.“ Und so war es in Wirklichkeit, die Unarten verschwanden ganz von selbst. Ein Schüler, der kein ernstes Streben hatte, lenkte nur die Verachtung seiner Kameraden auf sich. Die erwachsenen Esel und Schafsköpfe mußten es sich gefallen lassen von den Kleinsten mit den kränkendsten Spitznamen getauft zu werden, und durften ihnen kein Härchen krümmen. „Das geht zu weit!“ sagten viele, „diese Knaben werden allzu gescheit, das muß sie hochmütig machen.“ „Nein, das geht durchaus nicht zu weit,“ antwortete er, „die schwach Begabten behalte ich nicht lange in der Schule; es genügt schon, wenn sie den einen Lehrgang durchmachen; für die Begabteren habe ich noch einen zweiten Kursus.“(1) Und in der Tat, die Begabten mußten noch einen zweiten Kursus durchmachen. Manche Unarten und Streiche gestattete er und machte gar nicht den Versuch sie zu unterdrücken; in diesem Über-den-Strang-Schlagen der Kinder sah er den Beginn der Entwickelung ihrer seelischen Regungen und er erklärte, er könne es nicht entbehren, sondern brauche es vielmehr wie ein Arzt den Ausschlag, — um mit Sicherheit zu ermitteln, was in des Menschen Innerem eigentlich vorgehe.
Wie liebten ihn aber auch die Knaben! Nie trifft man eine solche Anhänglichkeit und Liebe der Kinder zu ihren Eltern, nie gab es selbst in dem unvernünftigen Lebensalter, wo man sich rücksichtslos sinnlosen Leidenschaften in die Arme wirft, eine so gewaltige unauslöschliche Neigung, wie die Liebe zu ihm. Bis zum Grabe, bis zu den letzten Lebenstagen noch, erhoben die dankbaren Zöglinge am Geburtstage ihres herrlichen Lehrers, der schon längst gestorben war, auf sein Andenken ihren Pokal, schlossen die Augen und vergossen seinetwegen Tränen der Rührung. Beim kleinsten Lob aus seinem Munde überlief den Schüler ein freudiges Beben und ein ehrgeiziges Streben spornte ihn an, all seine Kameraden zu übertreffen. Die Unbegabten hielt er nicht lange in der Schule fest; sie brauchten nur einen kurzen Lehrgang durchzumachen; die Begabten aber hatten einen doppelten Lehrgang zurückzulegen, und die letzte Klasse, die nur aus ganz Auserwählten bestand, hatte gar keine Ähnlichkeit mit der anderer Schulen. Erst hier verlangte er all das von dem Zögling, was andre unvernünftigerweise schon von den Kindern verlangen — nämlich jenen entwickelteren Verstand, der selbst nicht spottet, es aber versteht, jeden Spott ruhig zu ertragen, dem Dummen zu verzeihen, sich nicht reizen zu lassen, die Geduld nicht zu verlieren, niemals Rache zu üben und sich immer eine stolze Ruhe und unerschütterliche Selbstbeherrschung zu bewahren; alles was geeignet ist, aus einem Menschen einen starken Mann zu formen, kam hier beständig zur Anwendung und er selbst stellte unaufhörlich Versuche und Experimente mit seinen Schülern an. O, wie vorzüglich kannte er die Wissenschaft des Lebens!
Die Zahl seiner Lehrer war nicht sehr groß. In den meisten Fächern unterrichtete er selbst. Er verstand es, ohne Pedanterie und weitläufige Terminologie, ohne großartige Theorien und geschwollene Phrasen das eigentliche Wesen, die Seele einer jeden Wissenschaft darzustellen, sodaß auch der ungereifte Geist es sofort begriff, wozu er dies Wissen nötig hatte. Von allen Wissenschaften wählte er nur die, welche geeignet sind, aus dem Menschen einen Bürger seines Vaterlandes heranzubilden. Der größte Teil seiner Vorlesungen handelte davon, was den Jüngling in der Zukunft erwarte und er verstand es so gut, den ganzen Horizont seiner Laufbahn vor ihm aufzurollen, daß der Jüngling schon auf der Schulbank mit allen Gedanken und Träumen seiner Seele in seinem künftigen Berufe: im Staatsdienste lebte. Er verheimlichte nichts vor ihnen: weder die Enttäuschungen noch die Hindernisse, die sich vor dem Menschen auf seinem Lebenswege erheben, weder die Versuchungen noch die Verführungen, die ihn erwarten, dies alles führte er ihnen in ungeschminkter Nacktheit vor Augen, ohne ihnen das Geringste vorzuenthalten. Nichts war ihm fremd, wie wenn er selbst alle Ämter und Berufe kennen gelernt hatte. Und seltsam, sei es nun, daß der Ehrgeiz in ihnen so stark angeregt war, sei es daß im Auge dieses außerordentlichen Pädagogen etwas lag, was dem Jüngling ein beständiges „Vorwärts!“ zuzurufen schien — dieses Wort, das der Russe so gut kennt und das bei seiner feinfühligen Natur so große Wunder wirkt — genug, die jungen Leute fingen sogleich an selbst die Schwierigkeiten aufzusuchen und dürsteten förmlich darnach, sich überall dort geschäftig und tätig zu zeigen, wo es galt, eine Schwierigkeit oder ein Hindernis zu überwinden und einen hohen Mut und Seelenstärke zu beweisen. Nur ganz wenigen gelang es diesen Lehrgang zurückzulegen, aber dafür waren es auch lauter starke kräftige Männer geworden, die gewissermaßen im Pulverdampfe gestanden hatten. Im Dienste wußten sie sich an den exponiertesten Stellen zu halten, während viele, die weit klüger waren als sie, es nicht lange im Dienste aushielten, ihn wegen kleiner persönlicher Unannehmlichkeiten quittierten oder bequem und träge(2) wie sie waren in die Hände von Gaunern und Erpressern gerieten. Dagegen standen die andern nicht nur fest und ohne zu wanken auf ihrem Posten, sondern verstanden es sogar, gereift durch Menschen- und Seelenkenntnis auch auf die schlechten und unehrlichen Leute noch einen starken sittlichen Einfluß auszuüben.(3)
Das glühende Herz des ehrgeizigen Knaben pochte lange bei dem bloßen Gedanken, daß er endlich auch in diese Klasse versetzt werden würde. Man sollte meinen, für unseren Tentennikow hätte es gar nichts Besseres geben können als einen solchen Erzieher. Das Unglück wollte es jedoch, daß gerade in dem Augenblick, als er in diese Klasse der Auserwählten versetzt worden war — wonach er sich so lebhaft gesehnt hatte — der vortreffliche Lehrer einem unerwarteten Tode zum Opfer fiel. Das war ein wahrhaft furchtbarer Schlag, ein schrecklicher unersetzlicher Verlust für den jungen Mann. Nun wurde es in der Schule mit einem Male ganz anders. An die Stelle des Alexander Petrowitsch trat jetzt ein gewisser Fjodor Iwanowitsch. Er ging vor allem daran, allerlei äußere Vorschriften und ein strenges Reglement einzuführen und verlangte von den Kindern lauter Dinge, die man nur von Erwachsenen verlangen konnte. In dem freien Sichgehenlassen sah er nichts wie Ungezogenheit und Zügellosigkeit. Wie im bewußten Gegensatz zu seinem Vorgänger erklärte er gleich am ersten Tage, er lege gar keinen Wert auf den Verstand und die Fortschritte der Schüler in den Wissenschaften, sondern allein auf das gute Betragen.(4) Aber seltsam! gerade dies, wonach er so eifrig strebte, das gute Betragen konnte Fjodor Iwanowitsch seinen Schülern nicht beibringen. Sie machten allerhand schlechte Streiche, suchten sie aber geheim zu halten. Am Tage ging alles wie am Schnürchen, dafür gab man sich in der Nacht wilden Orgien und Zechereien hin.
Auch mit den Wissenschaften ging es ganz seltsam. Fjodor Iwanowitsch stellte neue Lehrer mit neuen Anschauungen und neuen Grundsätzen an. Sie ließen ein wahres Hagelwetter von neuen Worten und Termini auf die Schüler niedergehen; sie vernachlässigten in ihrer Darstellung keineswegs die logischen Zusammenhänge, sie berücksichtigten die neueren Fortschritte der Wissenschaft und Technik, es fehlte ihnen nicht an Feuer und wahrhafter Begeisterung — aber ach bei alledem fehlte es doch ihrer Wissenschaft an dem rechten Leben! Ihre tote Wissenschaft erhielt in ihrem Munde etwas Starres und noch Totenähnlicheres. Mit einem Wort, es ging alles drunter und drüber. Die Achtung vor der Schulobrigkeit und Autorität ging ganz verloren, man lachte und spottete über die Lehrer, nannte den Direktor Fritze, Pauker und wie die schönen Namen sonst noch heißen. Es schlichen sich Laster ein, die durchaus nicht mehr unschuldig waren, ja die Schüler machten raffinierte Streiche, daß man sich genötigt sah viele von ihnen ganz auszuschließen. In zwei Jahren war die Schule kaum noch wiederzuerkennen.
Andrei Iwanowitsch hatte einen stillen und sanften Charakter. Er fand kein Gefallen an den nächtlichen Orgien seiner Kameraden, die vor dem Fenster der Wohnung ihres Direktors ganz ungeniert ein Dämchen einquartiert hatten, auch machte er ihre schlechten Streiche und frechen Reden über die Religion nicht mit, zu denen sie sich nur deshalb verstiegen, weil sie zufällig einen recht dummen Popen zum Lehrer hatten. Nein, seine Seele ahnte selbst durch den Traum hindurch ihren göttlichen Ursprung. Es gelang ihnen nicht, ihn zu verführen, aber er ließ sehr bald die Nase hängen. Sein Ehrgeiz war schon erwacht, aber es gab leider kein Feld, auf dem er ihn hatte betätigen können. Es wäre besser gewesen, wenn dieser Ehrgeiz überhaupt nicht geweckt worden wäre. Andrei Iwanowitsch hörte wie sich die Professoren auf dem Katheder ereiferten und mußte dabei stets an seinen früheren Lehrer denken, der, auch ohne sich aufzuregen, immer klar und verständig blieb. Was hörte er nicht alles für Gegenstände und Fächer! Philosophie, Medizin, sogar Jurisprudenz, allgemeine Weltgeschichte und zwar in einem solchen Umfange, daß der Professor in ganzen drei Jahren kaum über die Einleitung und über die Entstehung gewisser deutscher Städte hinauskam — und Gott weiß was er nicht noch alles hörte, aber dies alles blieb in seinem Kopfe wie ein Haufe von formlosen Stücken liegen — dank seinem angeborenen Verstande fühlte er nur, daß dies nicht die richtige Unterrichtsmethode sein könne, worin aber nun die rechte bestand — dies wußte er selbst nicht. Und oft noch mußte er an Alexander Petrowitsch denken, und dann wurde ihm so schwer ums Herz, daß er nicht wußte, wo er sich vor Schmerz lassen sollte.
Aber das eben ist das Glück der Jugend, daß sie noch eine Zukunft hat. Je näher die Zeit heranrückte, wo seine Lehrzeit ein Ende nehmen sollte, um so lebhafter schlug das Herz in seiner Brust. Er sprach zu sich selbst: „Das alles ist ja noch nicht das Leben, das wahre Leben fängt erst mit dem Staatsdienst an, da beginnt die Zeit der großen Taten.“ Und ohne einen Blick auf den herrlichen Winkel zu werfen, der alle Gäste und Besucher in Staunen und Entzücken versetzte, ohne dem Grabe seiner Eltern einen Besuch abgestattet zu haben, eilte er wie alle ehrgeizigen Menschen nach Petersburg, das Ziel aller feurigen jungen Leute, die aus allen Gegenden Rußlands hierher zusammenströmen, um in den Staatsdienst zu treten, um zu glänzen, Karriere zu machen oder auch nur ganz oberflächlich von unserer eiskalten, farblosen, trügerischen gesellschaftlichen Bildung zu nippen. Allein Andrei Iwanowitsch sah sich in seinem ehrgeizigen Streben sehr bald gehemmt und abgekühlt durch seinen Onkel den wirklichen Staatsrat Onufrij Iwanowitsch. Dieser erklärte kategorisch, die Hauptsache, auf die alles ankomme, sei eine gute Handschrift; alles Übrige sei unrichtig; ohne diese jedoch könne er es unmöglich bis zum Minister oder einer höheren Staatsstellung bringen. Nur mit großer Müh und durch die hohe Protektion seines Onkels gelang es ihm endlich, sich eine kleine Stellung in einem untergeordneten Departement zu verschaffen. Als er den prachtvollen hell erleuchteten Saal mit dem glänzenden Parkett und all den lackierten Tischen betrat, da hatte er den Eindruck, als säßen hier die ersten Würdenträger des Reiches, die über das Schicksal des ganzen Landes zu entscheiden hätten, und als er dann die Legionen schöner Herren erblickte, die den Kopf auf die Schulter gebeugt, dasaßen und laut mit den Federn kritzelten, und wie er nun aufgefordert wurde, hinter einem Tische Platz zu nehmen und ein Aktenstück abzuschreiben (es hatte wie mit Absicht einen ganz unbedeutenden Inhalt; handelte es sich doch um drei Rubel, wegen der schon ein halbes Jahr lang hin- und hergeschrieben wurde) da überlief den unerfahrenen Jüngling ein ganz merkwürdiges Gefühl. Die um ihn herumsitzenden Herren erinnerten ihn lebhaft an kleine Schuljungen! Zur Vervollständigung der Ähnlichkeit waren noch einige von ihnen in die Lektüre eines dummen Romans, eine Übersetzung aus einer fremden Sprache vertieft; sie hielten ihn zwischen den Blättern des Aktenstückes versteckt, suchten sich den Anschein zu geben, als seien sie mit der Durchsicht der Akten beschäftigt und fuhren jedesmal zusammen, wenn der Vorgesetzte in der Türe erschien. Dies alles kam ihm so seltsam vor und er konnte das Gefühl nicht los werden, daß seine frühere Tätigkeit unendlich viel bedeutender und die Vorbereitung zum Staatsdienst weit schöner gewesen war, als der Staatsdienst selbst. Er sehnte sich wieder in seine Schulzeit zurück. Plötzlich stand Alexander Petrowitsch wie lebendig vor seinem geistigen Blick — und er konnte nur mit Mühe seine Tränen unterdrücken.
Das ganze Zimmer begann sich zu drehen. Die Tische und die Beamten wirbelten durcheinander und fast wäre er in dieser plötzlichen Umnachtung zu Boden gesunken. „Nein,“ sagte er, als er wieder zu sich kam, leise zu sich selber, „ich will dennoch ans Werk gehen, so kleinlich es mir auch erscheint.“ Nachdem er sich so selbst ermutigt hatte, beschloß er, seinen Dienst ruhig weiter zu versehen, wie alle andern.
Wo ist die Welt ganz freudenleer? Auch Petersburg bietet trotz seines rauhen, finstern Äußeren mancherlei Genüsse. Draußen herrscht eine fürchterliche Kälte von dreiunddreißig Grad; wie ein entfesselter böser Geist jagt heulend die Schneesturmhexe, dies Kind des Nordens, durch die Luft, wütend fegt sie den Schnee über das Straßenpflaster, klebt den Leuten die Augen zusammen, und bestreut die Pelz- und Mantelkragen, die Schnurrbärte der Menschen und die Schnauzen der Tiere mit weißem Puder; aber anheimelnd blinkt zwischen den durcheinanderwirbelnden Schneeflocken hindurch irgendwo hoch oben im vierten Stock ein freundlich erleuchtetes Fenster; in einem gemütlichen Zimmer beim Lichte bescheidener Stearinkerzen und beim traulichen Gesumm der Teemaschine werden hier Herz und Seele erwärmende Gedanken ausgetauscht, erklingt manch herrliches, begeistertes Poetenwort, mit dem Gott sein liebes Rußland so reichlich beschenkte, und in erhabener Glut erbebt manch Jünglingsherz wie nirgends sonst, nicht einmal unter dem schwellenden Himmel des Südens.
Tentennikow gewöhnte sich bald an den Dienst, aber die berufliche Tätigkeit wurde ihm nicht zum eigentlichen Ziel und Selbstzweck, wie er zuerst geglaubt hatte, sondern sie rückte gewissermaßen an die zweite Stelle. Sie diente ihm dazu, seine Zeit besser einzuteilen, und lehrte ihn die wenigen freien Augenblicke, die ihm übrig blieben, erst recht schätzen. Sein Onkel der wirkliche Staatsrat fing schon an zu glauben, daß aus dem Neffen noch etwas Rechtes werden könne, als dieser plötzlich einen ganz dummen Streich machte. Hier müssen wir einflechten, daß sich unter den vielen Freunden Andrei Iwanowitschs zwei junge Leute befanden, die zur Klasse der sogenannten „verbitterten“ Menschen gehörten. Das waren zwei von jenen seltsamen und unruhigen Charakteren, die nicht nur keine Ungerechtigkeit geduldig zu ertragen vermögen, sondern nicht einmal das, was ihnen wie eine Ungerechtigkeit erscheint. Von Natur gutmütig, aber unklug und systemlos in ihren Handlungen, verlangen sie von andern Leuten alle nur möglichen Rücksichten, während sie selbst äußerst intolerant gegen andre Menschen sind. Ihre feurige Rede und die äußerlich zur Schau getragene edle Entrüstung gegen die Gesellschaft machten einen starken Eindruck auf Tentennikow. Im Umgang mit ihnen schärften sich seine Nerven und erwachte in ihm eine gewisse Empfindlichkeit und Reizbarkeit. Er lernte von ihnen, all jene Kleinigkeiten zu bemerken, die er früher kaum beachtet hatte. Fjodor Nikolajewitsch Lenitzyn, der Chef einer der Abteilungen, die sich in jenem prachtvollen Saal befanden, erregte plötzlich sein Mißfallen. Es schien ihm, daß sich Lenitzyn ganz und gar in ein Stück Zucker verwandelte und sein Gesicht zu einem widerlich süßen Lächeln verzog, wenn er mit Leuten sprach, die über ihm standen, dagegen sofort eine essigsaure Miene machte, wenn er sich an seine Untergebenen wandte; daß er sich nach Art aller kleinlichen Menschen alle die merkte, die an den großen Festtagen nicht zu ihm kamen, um zu gratulieren und es denen nicht vergessen konnte, deren Namen er nicht auf der beim Portier ausliegenden Liste fand. Infolgedessen faßte er eine unüberwindliche, beinahe physische Antipathie gegen ihn. Es war fast so, als stachele und reize ihn beständig ein böser Geist, Fjodor Fjodorowitsch eine Unannehmlichkeit zu bereiten. Mit einer geheimen Freude suchte er nach einer passenden Gelegenheit und sie fand sich sehr bald. Einmal wurde er so grob gegen ihn, daß ihm von der vorgesetzten Behörde bedeutet wurde, — er müsse den Chef um Verzeihung bitten oder um seinen Abschied einkommen. Er nahm seinen Abschied. Sein Onkel, der wirkliche Staatsrat, kam ganz erschrocken zu ihm gelaufen und flehte ihn an: „Um Gotteswillen, Andrei Iwanowitsch! Ich bitte dich! Was machst du? Deine ganze, so glücklich begonnene Karriere aufs Spiel zu setzen, bloß weil du einen Vorgesetzten bekommen hast, der dir nicht gefällt! Was soll das nur bedeuten? Wenn jeder es so machen wollte, dann bliebe doch überhaupt keiner mehr im Amte. Komm zu dir, sei vernünftig ... Überwinde deinen falschen Stolz und deine Eitelkeit, fahre zu ihm hin und sprich dich mit ihm aus!“
„Es handelt sich hier doch gar nicht darum, lieber Onkel,“ sagte der Neffe. „Es wird mir ja garnicht schwer, ihn um Verzeihung zu bitten. Ich bin wirklich schuld: er ist mein Vorgesetzter, und ich hätte nicht so mit ihm reden dürfen. Aber die Sache ist die: für mich gibt es noch einen andern Dienst und eine andre Aufgabe: ich habe dreihundert Bauern, mein Gut liegt darnieder, und mein Verwalter ist ein Narr. Der Staat wird nicht sehr viel verlieren, wenn ein anderer meinen Platz im Bureau einnehmen und meine Akten abschreiben wird, aber er verliert sehr viel, wenn dreihundert Bauern ihre Steuern nicht bezahlen können. Bedenken Sie, ich bin doch Gutsbesitzer: das ist kein Beruf, bei dem man müßig dasitzen könnte. Wenn ich für die Erhaltung, für die Hebung der Lage der mir anvertrauten Menschen sorge und dem Staate dreihundert tüchtige, nüchterne und fleißige Untertanen auf die Beine stelle, — habe ich damit etwa weniger getan, als irgend ein Departementschef Lenitzyn?“
Der wirkliche Staatsrat sperrte vor Verwunderung den Mund weit auf; einen solchen Redeerguß hatte er nicht erwartet. Er dachte etwas nach und begann dann etwa folgendermaßen: „Aber trotzdem ... nein, was denkst du nur? Du kannst dich doch nicht auf dem Lande vergraben? Die Bauern sind doch kein Umgang für dich! Hier ist’s doch anders, da begegnet man doch hin und wieder einmal einem General oder einem Fürsten. Und wenn du Lust hast, kannst du auch an irgend einem schönen öffentlichen Gebäude vorübergehen. Hier gibt es doch Gasbeleuchtung und europäische Industrie, dagegen dort! da siehst du doch nichts wie Bauern und Bauernweiber. Warum willst du dich unter so ungebildete Menschen begeben?“
Aber diese so überzeugenden Einwände und Vorstellungen des Onkels machten keinen rechten Eindruck auf den Neffen. Das Land erschien ihm als ein Hort der Freiheit, als Nährmutter schöner Träume und Gedanken, als das einzige Feld einer nützlichen Tätigkeit. Er hatte sich schon die allerneuesten Werke über Landwirtschaft besorgt. Mit einem Wort, zwei Wochen nach dieser Unterhaltung befand er sich schon in der Nähe jener Plätze, wo er seine Jugend verlebt hatte, und jenes lieblichen Winkels, der jeden Gast und Besucher so in Begeisterung versetzte. Ein ganz neues Gefühl bemächtigte sich seiner. Alte längst verblaßte Eindrücke erwachten in seiner Seele. Manche Plätze hatte er schon ganz vergessen, und neugierig wie ein Neuling betrachtete er die herrlichen Gegenden, an denen er vorüberkam. Und plötzlich begann sein Herz aus einem unbekannten Grunde heftig zu schlagen. Doch als dann der Weg durch eine enge Schlucht in das Dickicht eines gewaltigen Urwaldes führte und er oben und unten, über und unter sich dreihundertjährige Eichenstämme, die drei Menschen kaum zu umfassen vermochten, untermischt mit Tannen, Ulmen und Schwarzpappeln erblickte, die noch höher waren als die gewöhnlichen Pappeln und als er dann auf die Frage: „Wem gehört dieser Wald?“ die Antwort erhielt: „Tentennikow,“ und wie dann der Weg den Wald verließ, sich an Espenhainen, jungen und alten Weidenbäumen und Sträuchen, und an den fernen Gebirgsketten vorüberzog und den Fluß zweimal auf Brücken überschritt, ihn bald zur Rechten bald zur Linken lassend und als der Reisende auf die Frage: „Wem gehören diese Wiesen und diese überschwemmten Felder?“ wiederum die Antwort erhielt: „Tentennikow,“ und als dann der Weg den Berg hinaufklomm und auf dem hohen Plateau weiter fortlief, vorbei an Korngarben, Weizen, Roggen und Gerste und sich noch einmal an all den Plätzen entlang zog, an denen man schon einmal vorbeigekommen war und die nun plötzlich weit näher gerückt schienen, und als der Weg immer dunkler wurde und in den Schatten breiter weitverzweigter Bäume untertauchte, die dicht beieinander auf dem grünen Rasenteppich standen, welcher sich bis zur Grenze des Dorfes hinzog; als die mit Schnitzwerk verzierten Bauernhütten, die roten Dächer der steinernen Gutsgebäude ihm freundlich entgegenschimmerten, als die goldene Spitze des Kirchturms vor ihm aufblitzte und das feurig pochende Herz ihm auch ohne zu fragen sagte, wo er sich jetzt befand, — da machten sich die immer höher schwellenden Gefühle in folgenden lauten Worten Luft: „War ich nicht ein Narr bis auf den heutigen Tag. Das Schicksal hatte mich zum Besitzer eines irdischen Paradieses ausersehen, und ich verdammte mich selbst zu niederen Schreiberdiensten, machte mich zum Knechte toter Buchstaben. Da habe ich nun viel gelernt, eine sorgfältige Erziehung genossen, mich über die Dinge orientiert, mir einen großen Schatz von Kenntnissen angeeignet, deren man zur Förderung des Guten unter seinen Untergebenen, zur Hebung eines ganzen Gebietes, zur gewissenhaften Erfüllung der zahlreichen Pflichten eines Gutsbesitzers bedarf, der Verwalter, Richter und Ordnungswächter in einer Person ist! Und da gehe ich hin und vertraue diesen Posten irgend einem ungebildeten und unfähigen Inspektor an! Und wähle mir statt dessen den Beruf eines Gerichtsschreibers und kümmere mich um die Prozesse anderer Leute, die ich überhaupt noch nicht gesehen habe und deren Wesen und Charakter ich nicht einmal kenne. Wie konnte ich nur dies Papierregiment, diese phantastische Verwaltung von Provinzen, die vielleicht tausend Werst von mir entfernt sind, die ich noch nie mit dem Fuße betreten habe und wo ich einen ganzen Haufen von Dummheiten anrichten kann — der realen Verwaltung meiner eigenen Güter vorziehen?“
Unterdessen aber erwartete ihn ein andres Schauspiel. Die Bauern hatten von der Ankunft ihres Herrn gehört und sich an der Freitreppe des Herrenhauses versammelt. Bunte Tücher, Gürtel, Hauben, Bauernkittel und die mächtigen malerischen Bärte dieses schönen Menschenschlages drängten sich um ihn. Und als dann aus hundert Kehlen der Ruf ertönte: „Väterchen! Hast du dich endlich unser erinnert!“ und den alten Leuten, die noch seinen Großvater und Urgroßvater gekannt hatten unwillkürlich die Tränen in die Augen traten, da konnte auch er seine Rührung nicht unterdrücken. Und er mußte sich insgeheim fragen: „So viel Liebe! Womit habe ich sie nur verdient?“ — „Wohl damit, daß ich sie nie gesehen, mich nie um sie gekümmert habe!“ Und er schwur sich, von nun an alle Mühe und Arbeit mit ihnen zu teilen.
Und Tentennikow machte sich ganz ernstlich an die Verwaltung und Bewirtschaftung seines Gutes. Er setzte den Erbzins herab, verringerte die Fronarbeit und ließ den Bauern mehr Zeit für ihre eigenen Arbeiten. Den dummen Verwalter jagte er davon und kümmerte sich selbst um alles. Er erschien selbst auf den Feldern, auf der Tenne, auf der Getreidedarre, in den Mühlen und am Landungsplatz; und er war beim Laden und bei der Abfertigung der Barken zugegen, sodaß die Trägen und Faulen sich bereits hinter den Ohren am Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht lange.(5) Der Bauer ist nicht dumm, er begriff bald, daß der Herr zwar flink und gewandt sei und wirklich Lust habe, was Tüchtiges zu leisten, aber noch nicht recht wisse, wie er es anfangen solle; auch war seine Ausdrucksweise gar zu kompliziert und zu gebildet. Schließlich kam es soweit, daß sich Herr und Bauer — es wäre zu viel gesagt — garnicht verstanden, aber doch nicht recht miteinander harmonierten und es nie lernten, den gleichen Ton zu treffen.
Tentennikow bemerkte bald, daß auf dem herrschaftlichen Grund und Boden alles bei weitem nicht so gut gedieh, wie auf dem des Bauern: das Korn wurde früher ausgesät und ging später auf; und doch konnte man nicht sagen, daß die Leute schlecht arbeiteten. Der Herr stand immer selbst dabei und ließ den Bauern sogar einen Becher Branntwein reichen, wenn sie sich besonders viel Mühe gaben. Trotzdem aber stand bei den Bauern der Roggen schon längst in vollen Halmen, der Hafer reifte, die Hirse schoß mächtig empor, bei ihm dagegen grünte das Korn noch kaum und die Ähren waren kaum gefüllt. Mit einem Wort, der Herr merkte, daß ihn der Bauer einfach hinterging trotz aller Erleichterungen und Wohltaten, die er ihm angedeihen ließ. Er machte den Versuch, die Bauern zur Rede zu stellen, da erhielt er aber folgende Antwort: „Wie können Sie nur glauben, gnädiger Herr, daß wir nicht an den Nutzen und Vorteil der Herrschaft denken. Sie haben doch selbst gesehen, wieviel Mühe wir uns beim Pflügen und Säen gegeben haben! — Sie haben uns doch sogar einen Becher Branntwein geben lassen.“ Was konnte er darauf antworten?
„Warum steht denn aber das Getreide so schlecht?“ fragte der Herr weiter.
„Gott weiß es! Der Wurm hat’s wohl von unten angenagt! Und dann kommt noch der schlechte Sommer dazu: es hat ja nicht ein einziges Mal geregnet.“
Aber der Herr sah, daß der Wurm das Getreide der Bauern verschont hatte, und es regnete auch so merkwürdig, sozusagen streifenweise, sodaß nur der Bauer Vorteil davon hatte, während auch nicht ein Tropfen das herrschaftliche Kornfeld traf.
Und noch schwerer wurde es ihm mit den Frauen auszukommen. In einem fort bettelten sie um Befreiung von der Arbeit und klagten über die Lasten des Frondienstes. Seltsam! Er verlangte überhaupt keine Lieferungen von Leinwand, Beeren, Pilzen und Nüssen mehr von ihnen, erließ ihnen die Hälfte aller andern Arbeiten, weil er glaubte, die Frauen würden die freigewordene Zeit für ihre häuslichen Arbeiten verwenden, für die Wäsche und Kleidung ihrer Männer sorgen und ihre Gemüsegärten vergrößern. Welch ein Irrtum! Statt dessen griff der Müßiggang, das Raufen, die Klatschsucht und allerhand Zänkereien derartig unter dem schönen Geschlecht um sich, daß die Männer jeden Augenblick zum Herrn gelaufen kamen und ihn baten: „Gnädiger Herr, bringen Sie diesen Satan von einem Weibe zur Vernunft! Das ist ja der reinste Teufel. Mit der kann kein Mensch auskommen!“
Mehrmals schon hatte er sich überwunden und seine Zuflucht zur Strenge nehmen wollen. Aber wie konnte er es übers Herz bringen! Wie konnte er streng sein, wenn so eine Frau daher kam und nach rechter Weiberart zu heulen begann? Dazu sahen sie alle so krank und elend aus und waren in so häßliche widerwärtige Tücher und Lappen gehüllt! (Woher sie sie bloß nahmen — das weiß Gott allein!) „Fort, geh mir aus den Augen, daß ich dich nicht zu sehen brauche!“ rief der arme Tentennikow und hatte gleich darauf das Vergnügen zu sehen, wie das Weib aus dem Tore hinaustrat, sich mit einer Nachbarin um irgend eine Rübe zu zanken begann und ihr trotz ihrer Kränklichkeit so kräftig den Buckel volldrosch, wie es ein gesunder Bauer nicht schöner fertiggebracht hätte.
Eine Zeitlang wollte er eine Schule für sie gründen, aber das gab eine solch tolle Verwirrung, daß er ganz mutlos wurde, den Kopf hängen ließ, und bedauerte überhaupt damit angefangen zu haben!
Bei seiner Tätigkeit als Schiedsrichter und Mittler merkte er gleichfalls, daß sich mit all den juristischen Kniffen und Finessen nicht viel anfangen ließ, auf die ihn seine philosophischen Professoren gebracht hatten. Die eine Partei log, die andre schwindelte nicht weniger und schließlich konnte nur der Teufel aus der Sache klug werden. Und er erkannte, daß die schlichte Menschenkenntnis weit wertvoller war, als alle juristischen Kniffe und philosophischen Bücher; — er fühlte, daß ihm noch etwas fehlte, was dies aber war, das wußte nur Gott allein. Und es passierte etwas, was so oft zu passieren pflegt: weder verstand der Herr den Bauern noch der Bauer den Herrn; und beide, sowohl der Herr wie der Bauer schoben sich gegenseitig die Schuld zu. Dies kühlte den Eifer des Gutsbesitzers erheblich ab. Wenn er jetzt hinging, um die Arbeiten zu beaufsichtigen, dann ließ er es fast ganz an der früheren Aufmerksamkeit fehlen. Während der Heuernte achtete er nicht mehr auf den leisen Ton der Sensen, er sah nicht, wie die Heuschober errichtet, wie das Heu verladen wurde und bemerkte nicht, daß um ihn herum die Erntearbeiten in vollem Gange waren. — Seine Augen blickten in die Ferne; befand er sich abseits von den Arbeiten, so suchte das Auge irgend einen Gegenstand in der Nähe oder er blickte nach der Seite, wo der Fluß eine Wendung machte, und wo ein Kerl mit roten Beinen und rotem Schnabel auf und ab spazierte — ich meine natürlich einen Vogel und keinen Menschen; neugierig beobachtete er, wie der Vogel am Ufer einen Fisch fing und ihn eine Zeitlang im Schnabel hielt, tiefsinnig überlegte, ob er ihn verschlucken solle oder nicht, und aufmerksam den Fluß hinabblickte, wo in der Ferne ein anderer ähnlicher Vogel zu sehen war, der noch keinen Fisch gefangen hatte, aber aufmerksam nach dem Vogel mit dem Fisch im Schnabel ausschaute. Oder er schloß die Augen, richtete den Kopf in die Höhe zu dem blauen Himmelsraume empor, und ließ seine Nase den Geruch der Felder einsaugen und die Ohren den Gesang des gefiederten luftigen Sängervolkes auffangen, wenn sie sich allenthalben im Himmel und auf der Erde zu einem wundersamen Chore vereinen, in dem kein Mißklang die schöne Harmonie stört: im Roggen schlägt die Wachtel, der Wiesenknarrer pfeift im Grase, die Hänflinge fliegen zwitschernd herüber und hinüber, eine Schnepfe blökt während sie sich in die Luft schwingt, die Lerchen trillern, sich hoch im blauen Himmelsraum verlierend, und wie ein Trompetenton erklingt der Schrei der Kraniche, die hoch oben in den Lüften ihre dreieckigen Flugreihen formieren. Die ganze Umgegend tönt und klingt und gibt jeden Laut wundersam zurück ... O Gott! Wie herrlich ist doch Deine Welt noch in der Wildnis, in dem kleinsten Dörfchen, fern von den abscheulichen großen Landstraßen und Städten! Aber auch dieses wurde ihm mit der Zeit langweilig. Bald hörte er ganz auf, aufs Feld zu gehen, von nun ab hockte er beständig im Zimmer und wollte nicht einmal mehr den Verwalter empfangen, wenn dieser kam, um ihm seinen Bericht zu erstatten.
Früher sprach noch von Zeit zu Zeit ein Nachbar bei ihm vor; irgend ein Husarenleutnant a. D., ein leidenschaftlicher Raucher, der ganz mit Tabakqualm gesättigt war, oder ein radikaler Student, der seine Studien nicht vollendet hatte und seine Weisheit aus allerhand modernen Broschüren und Zeitungen schöpfte. Aber auch dies begann ihn zu langweilen. Die Unterhaltungen dieser Leute kamen ihm bald recht oberflächlich vor; ihr europäisch-sicheres und gewandtes Auftreten, die Ungeniertheit, mit der sie ihm aufs Knie klopften, ihre Schmeicheleien und Familiaritäten erschienen ihm gar zu unverhüllt und offen. Er beschloß daher, den Verkehr mit ihnen abzubrechen und entledigte sich ihrer in sehr schroffer Weise. Als nämlich ein Repräsentant jener Sorte von Obersten und Lebemännern, die heute bereits im Aussterben begriffen sind, ein überaus angenehmer Gesellschafter und Freund oberflächlicher Unterhaltungen und zugleich der Vordermann und Vertreter jener neuen bei uns eben erst aufkommenden Denkart, Warwar Nikolajewitsch Wischnepokromow ihn einmal besuchte, um sich so recht von Herzen über Politik, Philosophie, Literatur, Moral und sogar über die Finanzlage Englands mit ihm auszusprechen, da schickte er seinen Diener hinaus und ließ ihm sagen, er sei nicht zu Hause, wobei er zugleich die Unvorsichtigkeit hatte, sich am Fenster zu zeigen. Die Blicke des Hausherrn und des Gastes begegneten sich. Der eine murmelte natürlich „so ein Schweinehund!“ durch die Zähne, worauf ihm der andere gleichfalls so etwas wie einen Schweinehund nachsandte. Damit endete ihre Bekanntschaft. Seitdem besuchte ihn niemand mehr.
Er war eigentlich recht froh darüber und gab sich ganz dem Nachdenken über sein großes Werk über Rußland hin. In welcher Weise dieses geschah — hat der Leser bereits gesehen. In seinem Hause bürgerte sich von selbst eine merkwürdige — liederliche Ordnung ein. Trotzdem kann man nicht sagen, daß es keine Augenblicke gab, wo er nicht sozusagen aus seinem Schlafe erwachte. Wenn die Post neue Zeitungen und Journale ins Haus brachte und er beim Lesen auf den Namen eines alten Kameraden stieß, der sich im Staatsdienste zu einer bedeutenden Stellung emporgeschwungen hatte, oder sein Teil zum Fortschritt der Wissenschaften und der Sache der ganzen Menschheit beigetragen hatte, dann schlich sich ein stiller leiser Schmerz in sein Herz und eine sanfte, stumme aber bittere Klage über sein tatenloses Leben entrang sich seiner Seele. Dann erschien ihm sein ganzes Dasein ekelhaft und häßlich. Mit ungewöhnlicher Klarheit erstand vor ihm die längst hinter ihm liegende Zeit seiner Schuljahre, und das Bild von Alexander Petrowitsch wurde plötzlich vor ihm lebendig, und Tränenbäche stürzten ihm aus den Augen .....
Was bedeuteten diese Tränen? Offenbarte sich etwa in ihnen die tief erschütterte Seele, das schmerzliche Geheimnis ihrer Leiden, des Schmerzes über den großen und edlen Menschen, der in seinem Innern schlummerte und der mitten im Wachstum stecken geblieben war, noch ehe er vermocht hatte sich zu entwickeln und zu erstarken? Noch nicht erprobt im Kampf mit der Mißgunst des Schicksals, hatte er noch jene hohe Reife nicht erreicht, die ihn lehrte, sein eigenes Wesen zu erhöhen und zu kräftigen in dem Ansturm gegen Hemmungen und Hindernisse; dahingeschmolzen wie glühendes Metall war ein reicher Schatz großer herrlicher Gefühle, ohne die letzte Stählung und Härtung erhalten zu haben; allzu früh für ihn war der herrliche Lehrer gestorben, und nun gab es auf der ganzen Welt keinen Menschen mehr, der fähig gewesen wäre, die durch fortwährende Erschütterungen geschwächten Kräfte und den jeglicher Widerstandskraft beraubten machtlosen Willen zu heben und zu wecken, — der ihn mit lebendigem Worte ermuntert — der Seele ein belebendes „Vorwärts“ zugerufen hätte, ein Ruf, nach dem ein jeder Russe, überall in jeder Lebenslage, ob hoch oder niedrig, in jedem Rang, Beruf und Stande so lebhaft dürstet.
Wo ist der, der unserer russischen Seele in ihrer eigenen teuren Muttersprache dieses allgewaltige Wort „Vorwärts“ zuzurufen vermöchte? Wer kennt so gut alle Kräfte und Fähigkeiten, die ganze Tiefe unseres Wesens, daß er uns mit einem Zauberwink zum höchsten Leben fortreißen könnte? Mit welchen Tränen, mit welcher Liebe würde es ihm der Russe danken! Aber Jahrhunderte auf Jahrhunderte verrinnen; in schmachvoller Trägheit und sinnloser Geschäftigkeit unreifer Jünglinge versinkt unser Geschlecht, und nicht will uns Gott den Mann senden, der es verstünde, dieses allgewaltige Wort zu sprechen!
Und doch hätte ein Ereignis Tentennikow beinahe aus seinem Schlaf geweckt und eine völlig Umwälzung in seinem Charakter hervorgebracht. Es war eine Art Liebesgeschichte, aber auch sie hatte keine weiteren Folgen. In Tentennikows Nachbarschaft, etwa zehn Werst von seinem Gute entfernt lebte ein General, der wie wir schon wissen nicht allzu freundlich von Tentennikow sprach. Dieser General lebte wie ein echter General d. h. wie ein großer Herr, machte ein offenes Haus und liebte es, daß seine Nachbarn ihn besuchten und ihm ihre Aufwartung machten; er selbst erwiderte natürlich die Besuche nicht, hatte eine rauhe heisere Stimme, las viele Bücher und besaß eine Tochter, ein ganz seltsames, ungewöhnliches Wesen. Sie hatte etwas so Lebensvolles, wie das Leben selbst.
Ihr Name war Ulenka, sie hatte eine merkwürdige Erziehung genossen. Eine englische Gouvernante hatte sie erzogen, die kein Wort russisch verstand. Ihre Mutter war schon sehr früh gestorben und der Vater hatte keine Zeit sich viel um sie zu kümmern. Übrigens konnte es bei seiner unsinnigen Liebe zu seiner Tochter gar nicht anders geschehen, als daß er sie schrecklich verwöhnte. Bei ihr atmete alles Selbständigkeit und Eigenart, wie bei einem Kinde, das in der Freiheit erzogen ward. Wenn jemand gesehen hätte wie ein plötzlicher Zorn strenge Falten in die herrliche Stirn grub, wie sie sich leidenschaftlich mit ihrem Vater stritt dann hätte er wohl glauben können, sie sei das launischste Geschöpf von der Welt. Aber sie wurde nur dann zornig, wenn sie von einer Ungerechtigkeit oder Grausamkeit hörte, die einem andern widerfahren war. Niemals zürnte oder stritt sie sich um ihrer selbst willen und nie suchte sie sich zu rechtfertigen. Wie schnell aber verschwand ihr Zorn, wenn sie den, dem sie zürnte, in Unglück und Elend sah! Sie hätte jedem, der sie um ein Almosen bat, sofort ihren Geldbeutel mit seinem ganzen Inhalt zugeworfen, ohne zu überlegen, ob das auch vernünftig sei(6) oder nicht. Es war etwas Heftiges, Ungestümes in ihr. Wenn sie sprach, dann schien alles dem Gedanken zu folgen, ja ihm voranzueilen: der Ausdruck ihres Gesichtes, ihre Sprache, die Bewegungen, ihre Hände; selbst die Falten ihres Kleides schienen vorauszuflattern, und man konnte fast glauben, sie müsse selbst mit ihren Worten davonfliegen. Sie hatte nichts Verschlossenes an sich, vor keinem Menschen hätte sie sich gefürchtet, ihre geheimsten Gedanken zu offenbaren, und keine Macht der Welt hätte sie zum Schweigen veranlassen können, wenn sie reden wollte. Ihr entzückender Gang, ein Gang, wie nur sie allein ihn hatte, war so frei und fest, daß jeder, der ihr begegnete, unwillkürlich zur Seite trat und ihr den Weg freigab. In ihrer Gegenwart überkam jeden bösen Menschen etwas wie Verlegenheit, und er verstummte. Die Kecksten und Frechsten fanden keine Worte und verloren ihre ganze Fassung und Sicherheit, während die Blöden sofort ganz unbefangen mit ihr zu plaudern begannen wie mit keinem andern Menschen auf der Welt und schon nach den ersten Worten schien es einem solchen, als hätte er sie schon irgendwo und irgendwann kennen gelernt und als hätte er diese selben Züge schon irgendwo gesehen: in seiner frühesten Kindheit, an die er sich kaum noch erinnerte, im eigenen Vaterhause, an einem glücklichen Abend, während fröhliche Kinderscharen spielten und lärmten, und traurig erschien ihm noch lange nachher der Ernst und die Reife des Mannesalters.
Tentennikow ging es mit ihr ganz ebenso wie allen andern Menschen. Ein unerklärlich neues Gefühl bemächtigte sich seiner. Ein heller Lichtstrahl erhellte einen Augenblick sein monotones und trauriges Leben.
Der General nahm Tentennikow zuerst recht freundlich und herzlich auf, eine rechte Harmonie aber wollte sich zwischen ihnen trotzdem nicht herstellen. Jede Unterhaltung endigte mit einem Streit, der stets ein unangenehmes Gefühl in beiden zurückließ; denn der General konnte keinen Widerspruch und keine Gegenrede vertragen. Andererseits war auch Tentennikow ein ziemlich empfindlicher junger Mann. Natürlich vergab er dem Vater manches um seiner Tochter willen, und der Friede zwischen beiden blieb so lange ungestört, bis eines schönen Tages zwei Verwandte des Generals: eine Gräfin Boldyrew und eine Fürstin Jusjakow bei ihm zu Besuch eintrafen: beide Hofdamen der alten Kaiserin, die aber doch noch einige gute Verbindungen mit einflußreichen Personen in Petersburg besaßen; der General bemühte sich lebhaft, ihre Zuneigung zu gewinnen. Tentennikow kam es so vor, daß der General seit dem Tage ihrer Ankunft etwas kälter gegen ihn wurde, ihn kaum noch beachtete und ihn wie eine stumme Person behandelte. Er redete ihn oft von oben herab an; nannte ihn „mein Bester“ oder „Verehrtester“ und sagte einmal sogar „du“ zu ihm. Andrei Iwanowitsch fuhr auf. Er biß die Zähne zusammen, wußte sich aber unter ungeheurer Selbstüberwindung soviel Geistesgegenwart zu bewahren, um ihm mit sehr sanfter und höflicher Stimme zu erwidern, während alles in ihm kochte und rote Flecken auf seinem Gesichte hervortraten: „Ich bin Ihnen für Ihre Güte großen Dank schuldig Herr General. Mit diesem vertraulichen „du“ bieten Sie mir ein enges Freundschaftsbündnis an, und verpflichten mich, Sie gleichfalls „du“ zu nennen. Aber der Unterschied der Jahre macht einen so familiären Verkehr zwischen uns vollkommen unmöglich!“ Der General wurde verlegen. Er suchte seine Gedanken zu sammeln und das rechte Wort zu finden; schließlich erklärte er, das „du“ sei von ihm durchaus nicht in dem Sinne gemeint gewesen, in dem etwa alte Leute es sich erlauben, einen jungen Menschen „du“ anzureden. Von seinem Generalsrang sagte er kein Wort.
Natürlich brachen beide nach diesem Vorfall jeglichen Verkehr miteinander ab, und seine Liebe wurde im Keime erstickt. Das Licht erlosch, das einen Moment vor ihm aufgeleuchtet war, und die nun herabsinkende Dämmerung war noch finsterer und dunkler, als vordem. Sein Leben kehrte wieder in die alten Bahnen zurück und nahm seine frühere Gestalt an, die der Leser schon kennen gelernt hat. Und wiederum lag er tagelang untätig da. Das Haus starrte vor Schmutz und Unordnung. Der Besen steckte tagelang mitten im Zimmer in einem Haufen Schutt. Die Unterhosen trieben sich sogar im Salon umher, auf dem eleganten Tisch vor dem Sofa lagen ein Paar schmutzige Hosenträger, gleichsam als Festgabe für den eintretenden Gast. Tentennikows ganzes Leben wurde so armselig und schläfrig, daß nicht nur seine Diener aufhörten, ihn zu achten, sondern selbst die Hühner ohne jeden Respekt nach ihm pickten. Er konnte stundenlang mit der Feder in der Hand dasitzen und allerhand Figuren auf ein vor ihm liegendes Blatt zeichnen: Brezel, Häuser, Hütten, einen Bauernwagen, ein Dreigespann usw. Mitunter aber vergaß er alles um sich her, und dann bewegte sich die Feder ganz von selbst über das Papier ohne daß der Hausherr etwas davon wußte und formte ein kleines Köpfchen mit feinen, scharfen Zügen, einem schnellen forschenden Blick und einem leicht emporgekämmten Haarbüschel — und staunend sah der Zeichner, daß es das Abbild jenes Wesens war, dessen Porträt kein Künstler hätte malen können. Und dann wurde ihm noch wehmütiger und schmerzlicher ums Herz; er wollte nicht mehr glauben, daß es ein Glück auf dieser Erde gibt, und darnach wurde er nur noch trauriger und einsilbiger als vordem. So war die Stimmung Andrei Iwanowitsch Tentennikows. Da bemerkte er plötzlich, als er sich eines Tages nach seiner Gewohnheit ans Fenster setzte, um in den Hof hinabzusehen, und zu seinem Erstaunen weder Grigorij noch Perfiljewna erblickte, daselbst eine gewisse Unruhe und Bewegung.
Der junge Koch und die Aufwartefrau liefen hin um das Tor zu öffnen; es tat sich auf, und ließ drei Pferde sehen, ganz wie man sie auf Triumphbögen abgebildet findet: eine Schnauze rechts, eine links und eine in der Mitte. Hoch über ihnen thronte ein Kutscher und ein Bedienter in einem weiten Rock und mit einem Taschentuch um den Kopf. Hinter diesen saß ein Herr in Mantel und Mütze, tief eingehüllt in ein regenbogenfarbiges Plaid. Als die Equipage vor der Treppe hielt, zeigte es sich, daß es nur eine leichte Kutsche auf Federn war. Der Herr, der ein ungewöhnlich anständiges Äußeres hatte, sprang beinahe mit der Schnelligkeit und Gewandtheit eines Militärs aus dem Wagen und eilte die Treppe hinauf.
Andrei Iwanowitsch bekam Angst. Er hielt den Ankömmling für einen Regierungsbeamten. Hier muß ich nachholen, daß er in seiner Jugend in eine dumme Geschichte verwickelt gewesen war. Ein paar philosophierende Husarenoffiziere, die eine Menge moderner Broschüren gelesen hatten, ein Ästhet, der die Universität nicht beendigt hatte, und ein heruntergekommener Spieler wollten eine Wohltätigkeitsgesellschaft gründen unter der Oberleitung eines Freimaurers, eines alten Gauners, der gleichfalls dem Kartenspiel ergeben, aber ein sehr redegewandter Herr war. Die Gesellschaft hatte sich ein außerordentlich hohes Ziel gesteckt: nämlich die ganze Menschheit von den Ufern der Themse bis Kamtschatka, dauernd zu beglücken. Dazu bedurfte man jedoch einer ungewöhnlich großen Kasse, und die Geldspenden, die den großmütigen Mitgliedern abgenommen wurden, waren unerhört groß. Wo das Geld hinkam, das wußte freilich niemand außer dem ersten Vorsitzenden, der die Oberleitung in den Händen hatte. Tentennikow wurde durch zwei Freunde in diese Gesellschaft eingeführt; das waren zwei von jenen verbitterten Menschen, die von Natur gutmütig, sich durch die vielen Toaste auf die Wissenschaft, die Aufklärung und ihre künftigen Heldentaten im Dienste der Menschheit dem Trunk ergeben hatten und zu berufsmäßigen Säufern geworden waren. Tentennikow besann sich noch zur rechten Zeit, und trat aus dieser Gesellschaft aus. Aber die Gesellschaft hatte sich schon in gewisse andre Operationen eingelassen, mit denen sich ein Edelmann eigentlich nicht abgeben sollte, die aber bald darauf zu unangenehmen Folgen und sogar zu Konflikten mit der Polizei führten ... Es ist daher kein Wunder, daß Tentennikow auch nach seinem Austritt und nachdem er alle Beziehungen zu diesen Leuten abgebrochen hatte, seine Ruhe nicht ganz wiederfinden konnte: sein Gewissen war nicht vollkommen rein. Und daher sah er jetzt nicht ohne Schrecken auf die Türe, die sich gleich öffnen mußte.
Aber seine Angst verflog sofort, als der Gast mit einer schier unglaublichen Gewandtheit seine Verbeugung machte, wobei er zum Zeichen der Achtung seinen Kopf etwas zur Seite geneigt hielt. In kurzen aber bestimmten Worten erklärte dieser, daß er schon seit längerer Zeit teils in Geschäften, teils aus Wißbegierde Rußland bereise: unser Land sei sehr reich an merkwürdigen Dingen, ganz abgesehen von dem Überfluß an Erwerbsmöglichkeiten und den großen Unterschieden in der Bodenbeschaffenheit; er sei entzückt von der reizenden Lage des Gutes, hätte es aber trotz dieser entzückenden Lage doch niemals gewagt, den Gutsherrn durch seinen ungelegenen Besuch zu belästigen, wenn nicht seiner Kutsche infolge der Überschwemmungen dieses Frühjahrs und der schlechten Wege plötzlich ein Unfall zugestoßen wäre; die Reparatur werde nämlich die Meisterhand geübter Schmiedekünstler erfordern. Bei alledem aber hätte er es sich, auch wenn mit seiner Kutsche gar nichts passiert wäre, dennoch nicht versagen können, ihm persönlich seine Aufwartung zu machen.
Als der Gast seine Rede beendigt hatte, machte er mit geradezu bezaubernder Liebenswürdigkeit einen Kratzfuß und ließ dabei seine eleganten Lackstiefel mit den reizenden Perlmutterknöpfen sehen, um gleich darauf, trotz seiner Körperfülle, mit der Elastizität eines Gummiballes ein paar Schritte zurückzuspringen.
Andrei Iwanowitsch hatte sich schon längst beruhigt; er nahm an, das müsse irgend ein wißbegieriger Gelehrter oder Professor sein, der Rußland bereist, um Pflanzen oder vielleicht sogar seltene Fossilien zu sammeln. Er erklärte sogleich seine Bereitwilligkeit, ihm in allen Dingen behilflich zu sein; bot ihm seine Wagenbauer und Schmiede für die Reparatur der Kutsche an, bat ihn, sich’s bei ihm so bequem zu machen, wie in seinem eigenen Hause, ließ den Gast in einem großen Lehnsessel à la Voltaire Platz nehmen, und schickte sich an, seine Erzählung anzuhören, die sicherlich von allerhand gelehrten naturwissenschaftlichen Gegenständen handeln würde.
Allein der Gast brachte die Rede mehr auf einige Gegenstände des inneren Lebens. Er verglich sein Leben mit einem Schiff, das auf hoher See von heillosen Stürmen und Winden dahingetrieben werde; erwähnte wie oft er schon Amt und Beruf habe wechseln müssen, wieviel er für die Wahrheit gelitten habe und wie er infolge der Nachstellungen seiner Feinde schon oft in Lebensgefahr geschwebt habe, und noch vielerlei andres, woraus Tentennikow ersehen konnte, daß sein Gast eher ein Mann der Praxis sei. Zum Schluß führte er sein weißes Batisttaschentuch an die Nase und schneuzte sich so laut, wie Andrei Iwanowitsch es noch niemals gehört hatte. Mitunter begegnet man wohl in einem Orchester einer solchen vertrackten Trompete; wenn die einmal einen Ton von sich gibt, dann scheint es einem, als habe es nicht im Orchester, sondern im eigenen Ohre gekracht. Ein ähnlicher Laut erdröhnte jetzt durch die plötzlich erwachten Gemächer des in ewigen Schlaf versunkenen Hauses, und gleich darauf erfüllte die Luft ein intensiver Geruch nach Kölnischem Wasser, der sich durch ein leichtes Schütteln des Batisttaschentuches unsichtbar im Zimmer verbreitete.
Der Leser hat vielleicht schon erraten, daß der Gast kein andrer war, als unser verehrter, von uns so lange vernachlässigter Pawel Iwanowitsch Tschitschikow. Er war etwas älter geworden: diese Zeit war an ihm offenbar nicht ohne Stürme und Sorgen vorübergegangen. Selbst der Frack, in dem er stets zu erscheinen pflegte, schien etwas abgetragen zu sein; auch Kutscher und Equipage, der Diener, die Pferde und das Geschirr sahen ein wenig verbraucht und verschlissen aus. Auch seine Finanzlage schien nicht allzu glänzend zu sein. Aber der Ausdruck seines Gesichts, und der feine Anstand seines Auftretens waren noch ganz dieselben wie früher. Ja sein Benehmen und seine Formen waren eher noch etwas liebenswürdiger geworden, und er legte die Füße noch gewandter übereinander, wenn er im Lehnstuhle Platz nahm. Seine Aussprache war fast noch weicher, in seinen Worten und Redewendungen lag beinahe noch mehr Vorsicht und Mäßigung, in seiner Haltung noch mehr Klugheit und Sicherheit, und fast noch mehr Takt in seinem ganzen Betragen. Sein Kragen und sein Vorhemd waren weißer und glänzender als Schnee, und obwohl er auf Reisen war, klebte auch nicht ein Federchen an seinem Frack: er hätte sofort eine Einladung zu einem Geburtstagsdiner annehmen können. Kinn und Backen waren so glatt rasiert, daß nur ein Blinder über die angenehme Fülle und Rundung nicht in Entzücken geraten konnte.
Im Hause ging sofort eine gewaltige Umwälzung vor sich, die eine Hälfte, die bislang stets in Dunkel und Finsternis gelegen hatte, weil die Laden geschlossen und zugenagelt waren, erstrahlte plötzlich in blendender Helligkeit. In den schön erleuchteten Zimmern wurden die Möbel umgestellt, und bald nahm alles folgendes Aussehen an: das Zimmer, welches zum Schlafgemach ausersehen war, wurde mit allen zur Nachttoilette nötigen Gegenständen ausgerüstet, die Stube die als Arbeitszimmer dienen sollte ... doch halt, zuerst müssen wir wissen, daß in diesem Zimmer drei Tische standen: ein Schreibtisch vor dem Sofa, ein Spieltisch vor dem Spiegel zwischen den Fenstern und ein dritter Ecktisch in einer Zimmerecke, zwischen der Schlafzimmertüre und der in den unbewohnten anstoßenden Salon führenden Türe, in dem zerbrochene Möbel standen. Dieser Saal diente bis jetzt als Vorzimmer und war etwa ein Jahr lang von niemandem betreten worden. Auf diesem Ecktische fand die Garderobe ihren Platz, die der Reisende in seinem Koffer mitgebracht hatte und zwar: ein Paar zu dem bekannten Frack gehörige Beinkleider, ein Paar neue Beinkleider, ein Paar graue Beinkleider, zwei Sammetwesten, zwei Atlaswesten und ein Gehrock. Dies alles wurde übereinander, in Form einer Pyramide aufgeschichtet, und ein seidenes Taschentuch über das Ganze gebreitet. In der andern Ecke zwischen Tür und Fenster wurden in langer Reihe die Stiefel aufgestellt: ein Paar nicht mehr ganz neue, ein Paar ganz neue, ein Paar Lackschuhe und ein Paar Morgenschuhe. Auch sie wurden ebenso schamhaft mit einem seidenen Taschentuch zugedeckt — ganz als ob sie überhaupt nicht vorhanden wären. Auf dem Schreibtisch wurden sofort folgende Gegenstände in schönster Ordnung gruppiert: die Schatulle, eine Flasche mit Kölnischem Wasser, ein Kalender und zwei Romane, von beiden jedoch nur der zweite Band. Die reine Wäsche wurde in der Kommode untergebracht, die sich schon vorher im Schlafzimmer befand; die Wäsche hingegen, die zur Wäscherin geschafft werden sollte, wurde zu einem Bündel zusammengebunden und unter das Bett geschoben. Auch der Koffer wurde, nachdem er ausgeräumt war, unters Bett gestellt. Der Säbel, der unterwegs immer mitgenommen wurde, um den Räubern und Dieben Schrecken einzujagen, wurde auch im Schlafzimmer untergebracht und an einem Nagel in der Nähe des Bettes aufgehängt. Alles nahm das Aussehen höchster Sauberkeit und einer ganz ungewöhnlichen Ordnungsliebe an. Nirgends war ein Papierschnitzel, ein Federchen oder ein Stäubchen zu entdecken. Selbst die Luft schien gleichsam feiner und besser geworden zu sein: in ihr verbreitete sich der angenehme Geruch einer frischen gesunden Mannsperson, die ihre Wäsche nicht zu lange trägt, regelmäßig baden geht und sich Sonntags mit einem nassen Schwamm abwäscht. In dem Saal, der als Vorzimmer diente, schien sich eine Zeitlang der Geruch des Dieners Petruschka festsetzen zu wollen, aber Petruschka wurde bald ausquartiert und, wie es sich gehörte, in der Küche untergebracht.
In den ersten Tagen fürchtete Andrei Iwanowitsch ein wenig für seine Unabhängigkeit; er hatte einige Sorge, der Gast könne ihn belästigen, unliebsame Änderungen in seiner Lebensweise einführen, und die von ihm mit soviel Glück aufgestellte Tageseinteilung stören, allein seine Besorgnisse waren unbegründet. Unser Freund Pawel Iwanowitsch legte eine ganz außerordentliche Elastizität und Fähigkeit an den Tag, sich an alles anzupassen. Er sprach sich beifällig über die philosophische Langsamkeit seines Wirtes aus und erklärte, sie verheiße ein langes Leben. Über sein Einsiedlertum äußerte er sich sehr treffend, es nähre in dem Menschen die großen Gedanken. Er warf auch einen Blick auf die Bibliothek, sprach sehr lobend über die Bücher im allgemeinen und bemerkte, sie bewahrten den Menschen vor dem Müßiggang. Er ließ nur sehr wenige Worte fallen, aber alles, was er sagte war ernst und bedeutend. In allem, was er tat, aber erwies er sich fast noch liebenswürdiger und taktvoller. Er kam und ging immer zur rechten Zeit, plagte den Wirt nicht mit Fragen und Wünschen, wenn dieser einsilbig und nicht zur Unterhaltung geneigt war; spielte mit Vergnügen eine Partie Schach mit ihm, und schwieg gleichfalls mit Vergnügen. Während der eine den Tabakrauch in krausen Wolken in die Luft blies, suchte sich der andre, da er keine Pfeife rauchte, eine ähnliche Beschäftigung: so holte er zum Beispiel seine Tabaksdose aus schwarzem Silber aus der Tasche, nahm sie zwischen zwei Finger seiner linken Hand, und drehte sie mit einem Finger der rechten rasch um den der linken, ganz so, wie die Erdkugel sich um ihre eigene Achse dreht, oder er trommelte mit dem Finger auf dem Deckel herum und pfiff eine Melodie dazu. Mit einem Wort, er störte seinen Wirt nicht im mindesten. „Zum erstenmal im Leben sehe ich einen Menschen, mit dem sich’s leben läßt!“ sagte Tentennikow zu sich selbst, „diese Kunst ist bei uns im allgemeinen recht wenig verbreitet. Unter uns gibt es mancherlei Leute: kluge, gebildete und auch wirklich gute Menschen, aber Menschen von immer gleichmäßigem Charakter, Menschen, mit denen man ein Jahrhundert lang zusammen leben könnte, ohne sich zu zanken — solche Menschen kenne ich nicht. Wieviel solche Leute gibt’s denn bei uns überhaupt? Dies ist der erste Mensch dieser Art, den ich kennen lerne.“ So urteilte Tentennikow über seinen Gast.