„Ich möchte gern sehen, wie sie mich aus dem Feuer anblicken werden!“ sagte mein Vater, während er eine Bewegung machte, um das Porträt in den Kamin zu schleudern. „Halt, um Gottes willen,“ fiel der Freund ein und hielt ihn am Arme fest. „Gib es doch lieber mir, wenn es dir so lästig ist!“ Mein Vater sträubte sich anfangs, gab aber schließlich nach, und der lustige Kerl schleppte — höchst erfreut über diese Erwerbung — das Porträt mit sich fort.

Nachdem er fortgegangen war, fühlte sich mein Vater mit einem Male ruhiger, als wäre ihm mit der Entfernung des Porträts eine Last vom Herzen gefallen. Er wunderte sich selbst über seinen Zorn, seinen Neid und die offenkundige Wandlung in seinem Charakter. Er dachte lange über seine Tat nach, war in tiefster Seele betrübt und sagte mit innerem Gram zu sich selbst: „Nein! Diese Strafe hat mir Gott auferlegt! Es war wohlverdient, daß mein Bild zurückgewiesen wurde; es war ja nur zu dem Zwecke geschaffen, um meinen Genossen zu vernichten. Ein teuflisches Gefühl des Neides hat meinen Pinsel geführt, daher mußte sich auch ein teuflisches Gefühl in dem Bilde wiederspiegeln.“ Sofort suchte er seinen ehemaligen Schüler auf, umarmte ihn stürmisch, bat ihn um Verzeihung und bemühte sich — soweit es ihm möglich war — seine Schuld wieder gut zu machen. Von nun ab war er wieder friedlich bei der Arbeit wie ehedem, aber jetzt konnte man immer ein tiefes Sinnen in seinen Zügen bemerken. Er betete häufiger, er war viel schweigsamer als früher und drückte sich nicht mehr so schroff über die Menschen aus. Selbst das herbe Äußere seines Wesens schien sich verloren zu haben. Bald darauf aber ereignete sich etwas, was ihn noch tiefer erschütterte. Er hatte seinen Freund, der sich das Porträt von ihm ausgebeten hatte, schon seit längerer Zeit nicht gesehen und sich schon mehrmals vorgenommen, ihn zu besuchen, da erschien dieser selbst eines Tages plötzlich in seinem Atelier. Nachdem beide ein paar gleichgültige Worte gewechselt hatten, sagte der Freund: „Du hattest nicht so ganz unrecht, Bruder, als du das Porträt verbrennen wolltest! Mag es der Teufel holen; es hat etwas Schreckliches an sich! Ich glaube an keine Hexerei, aber man mag sagen, was man will! — ich glaube, der Böse sitzt darin.“

„Wieso?“ fragte mein Vater.

„Seitdem ich es bei mir aufgehängt habe, liegt es auf mir wie ein furchtbarer Druck ... als ob ich jemand ermorden wollte. Zeit meines Lebens wußte ich nicht, was Schlaflosigkeit heißt, jetzt aber habe ich nicht nur diesen Zustand kennen gelernt, ich habe auch solche Träume ... d. h. ich weiß selbst nicht recht, ob es nur Träume sind oder noch irgend etwas anders: wie wenn mich ein böser Geist erwürgen will ... und immer spukt der verfluchte Alte im Zimmer herum. Mit einem Worte, ich kann dir meinen Zustand gar nicht schildern. Niemals ist mir so etwas passiert. Ich bin all diese Tage wie ein Wahnsinniger herumgelaufen ... Eine entsetzliche Angst verfolgte mich, immer wartete ich auf etwas Furchtbares, ich fühlte, wie ich zu niemand ein fröhliches und aufrichtiges Wort sagen konnte, stets schien es mir, als würde ich beobachtet und bespitzelt. Erst nachdem ich das Porträt meinem Neffen geschenkt habe, der es sich selbst von mir erbeten hat, ist mir’s, als wenn mir ein Stein vom Herzen gefallen wäre. Mit einem Schlage wurde mir wieder froh zumute, so wie du mich hier vor dir siehst! Wahrhaftig, Freund, da hast du aber einen schönen Teufel geschaffen!“

Mein Vater lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit auf diese Erzählung und fragte schließlich: „Und jetzt ist das Porträt bei deinem Neffen?“

„Ach was! Bei meinem Neffen ... Der hielt es ja auch nicht aus!“ versetzte der Spaßvogel. „Des Wucherers eigene Seele scheint in dieses Porträt hinübergewandert zu sein. Er springt aus dem Rahmen, spaziert in dem Zimmer herum — und was mein Neffe sonst noch darüber erzählt, geht über jede Beschreibung. Ich würde ihn tatsächlich für verrückt halten, hätte ich nicht fast ganz das Gleiche erlebt. Er hat das Porträt an irgend einen Kunstfreund verkauft, aber auch dieser konnte es nicht aushalten und hat es seinerseits wieder einem andern aufgehalst.“

Diese Worte machten einen tiefen Eindruck auf meinen Vater. Er versank in tiefes Grübeln, wurde melancholisch und gelangte endlich zur Überzeugung, daß sein Pinsel dem Teufel als Werkzeug gedient hatte, daß das Leben des Wucherers tatsächlich zum Teil auf das Porträt übergegangen war, und daß es jetzt die Menschen beunruhige, ihnen dämonische Empfindungen einflöße, Künstler vom rechten Wege abbringe, häßliche Anwandlungen von Neid erzeuge usw. Drei Unglücksfälle, die sich unmittelbar darauf ereigneten: der plötzliche Tod seiner Frau, seiner Tochter und seines kleinen Sohnes, erschütterten ihn aufs tiefste, er hielt sie für eine Strafe des Himmels und entschloß sich, aus dem weltlichen Leben zu scheiden.

Gleich nach Vollendung meines neunten Jahres ließ er mich in die Kunstschule eintreten und zog sich selbst nach Erledigung seiner geschäftlichen Angelegenheiten in ein einsames Kloster zurück, wo er bald die Mönchskutte anlegte. Dort setzte er alle Brüder durch seine asketische Lebensführung und durch die strenge Beobachtung aller Klostersatzungen in Erstaunen. Als der Prior erfahren hatte, daß er ein Maler sei, trug er ihm auf, für die Klosterkirche das Bild ihres Heiligen zu malen. Aber der fromme und demütige Bruder erklärte entschieden, daß er unwürdig sei, den Pinsel zu führen, weil er ihn entweiht habe, und daß er seine Seele zuerst durch harte Arbeit und schwere Opfer reinigen müsse, um wieder würdig zu sein, eine solche Arbeit zu übernehmen. Zwingen wollte man ihn nicht. Er versuchte es für seine Person — soweit dies möglich war — die strengen Satzungen des Klosterlebens noch zu verschärfen; schließlich genügte ihm jedoch auch dieses nicht mehr, es erschien ihm nicht hart genug. Er erbat sich den Segen des Priors, verließ das Kloster und zog sich in eine völlige Einsamkeit zurück. Er baute sich aus Baumzweigen eine Hütte, nährte sich nur von rohen Wurzeln, trug Steine von einer Stelle zur andern, stand von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit gen Himmel erhobenen Armen da, murmelte beständig Gebete — mit einem Worte, er erlegte sich alle nur möglichen Geduldsproben und Prüfungen auf, für die man nur in den Lebensbeschreibungen der Heiligen Beispiele finden kann. So peinigte er einige Jahre hindurch seinen Körper und stärkte ihn gleichzeitig mit Hilfe der belebenden Kraft des Gebetes. Endlich erschien er eines Tages wieder in dem Kloster und sprach entschlossen zum Prior: „Jetzt bin ich bereit! Wenn es Gott gefällt, werde ich meine Arbeit vollenden.“

Der Gegenstand, den er darstellen wollte, war die Geburt Jesu. Ein ganzes Jahr verbrachte er bei seiner Arbeit, ohne seine Zelle zu verlassen, wobei er sich nur notdürftig durch kärgliche Nahrung am Leben erhielt und ununterbrochen betete. Als diese Zeit vorüber war, war das Bild fertig. Es war ein Wunderwerk der Malerei geworden. Hier muß ich bemerken, daß weder die Brüder, noch der Prior viel von der Malerei verstanden, aber alle waren über die ungewöhnliche Reinheit und Heiligkeit der Gestalten aufs höchste erfreut. Eine göttliche Demut und Milde in den Zügen der heiligen Gottesmutter, die sich über ihr Kind beugt, ein tiefes Sinnen in den Augen des göttlichen Kindes, das schon etwas von der Zukunft zu erkennen scheint, ein feierliches Schweigen der von dem göttlichen Wunder überwältigten Könige, die vor dem Kinde knien, und endlich eine überirdische, unbeschreibliche Stille, die über dem ganzen Bilde lag: dies alles verband sich zu einer so harmonischen Kraft und Macht der Schönheit, daß der Eindruck ein geradezu zauberischer, magischer war. Alle Brüder stürzten vor dem neuen Bilde auf die Knie, und der gerührte Prior sprach: „Wahrlich! Es ist nicht möglich, daß ein Mensch nur mit Hilfe menschlicher Kunst ein solches Bild zu schaffen vermochte; eine höhere, heilige Kraft hat deinen Pinsel geführt; des Himmels Segen ruhte auf deinem Werke!“

Um diese Zeit schloß ich mein Studium in der Akademie ab, ich erhielt die goldene Medaille und mit ihr eröffnete sich mir die frohe Aussicht auf eine Kunstreise nach Italien, den schönsten Traum eines zwanzigjährigen Künstlers. Ich hatte nur noch die Pflicht, mich von meinem Vater, von dem ich seit zwölf Jahren getrennt lebte, zu verabschieden. Ich muß gestehen, daß sein Bild längst aus meiner Erinnerung geschwunden war. Ich hatte einiges über die Strenge und Heiligkeit seines Lebens gehört und bereitete mich schon im voraus darauf vor, das herbe Äußere eines durch das ewige Fasten und Wachen abgemagerten und vertrockneten Anachoreten zu erblicken, für den nichts auf der Welt existiert, als seine Zelle und seine Gebete. Aber wie war ich erstaunt, als ich mich plötzlich einem herrlichen, göttlichen Greise gegenüber befand! In seinem Gesichte spiegelte sich auch nicht die geringste Ermattung oder Müdigkeit, es strahlte vielmehr von der Klarheit und Helligkeit einer himmlischen Freude. Ein schneeweißer Bart und ganz dünne, fast ätherische Haare von der gleichen silbrigen Farbe bedeckten malerisch seine Brust und die Falten seiner schwarzen Kutte, und reichten bis zu dem Stricke herab, der sein ärmliches Mönchsgewand umgürtete. Am meisten jedoch wunderte ich mich darüber, aus seinem Munde Gedanken und Worte über die Kunst zu vernehmen, die ich sicherlich noch lange in meiner Seele bewahren werde. Und ich wünschte aufrichtig, daß ein jeder meiner Kollegen ein Gleiches tue.

„Ich habe auf dich gewartet, mein Sohn,“ sagte er, während er mich segnete; „dir steht ein Weg bevor, den du von nun an dein ganzes Leben hindurch beschreiten wirst. Dein Weg ist rein, irre nicht von ihm ab. Du hast Talent, Talent aber ist die kostbarste Gabe Gottes. Richte es also nicht zugrunde. Erforsche, studiere alles was du siehst! Mache alles deinem Pinsel dienstbar! Doch strebe stets danach, in jedem Ding die innere Idee zu entdecken, und vor allem das tiefe Geheimnis der Schöpfung zu ergründen. Selig ist der Auserwählte, der es enthüllt hat. Für ihn gibt’s in der Natur kein gemeines Motiv. Im Geringen und Kleinen bleibt der wahrhaft schöpferische Künstler ebenso erhaben wie im Großen. Das Verächtliche wirkt nicht mehr verächtlich, weil es von der herrlichen Seele des Schöpfers durchleuchtet wird und einen hohen Ausdruck erhält, indem es durch das reinigende Feuer seines Geistes hindurchgeht. Die Kunst läßt den Menschen das zukünftige himmlische Paradies ahnen; schon aus diesem Grunde steht sie höher als alles andere. Und wie die feierliche Ruhe jede weltliche Erregung, wie das Schaffen die Zerstörung, wie der Engel — bloß durch die reine Unschuld seiner lichten Seele — all die unzählbaren Kräfte und stolzen Leidenschaften des Satans übertrifft, so steht erhaben über allem, was es auf der Welt gibt, das hohe Werk der Kunst! Ihr sollst du alles zum Opfer bringen, sie mußt du lieben mit dem ganzen Feuer deiner Seele, nicht mit der Inbrunst, die die irdische Wollust entfacht, sondern mit einer stillen himmlischen Begeisterung; ohne sie ist der Mensch nicht imstande, sich über die Erde zu erheben und die hohe wunderbare Harmonie zu erzeugen, die den Frieden in unser Herz gießt. Denn um die ganze Welt zu dieser Besänftigung und Versöhnung zu bringen, steigt ja ein edles Kunstwerk zu uns vom Himmel herab. Daher erregt es nie Unfrieden und Empörung in der Seele, sondern strebt ewig, gleich einem wundersam klingenden Gebet, zu Gott empor. Freilich gibt es Augenblicke, finstere Augenblicke ...“ Er hielt inne und ich sah, wie sich plötzlich sein klares Antlitz verdüsterte, als hätte eine Wolke es beschattet. „Ich hatte ein Erlebnis ...“ fuhr er fort, „bis auf den heutigen Tag ist mir nicht klar, was jene rätselhafte Gestalt bedeutete, deren Porträt ich damals gemalt habe. Es war wie eine teuflische Erscheinung. Ich weiß, die Welt leugnet die Existenz des Teufels, und daher will auch ich nicht über ihn sprechen. Ich will nur sagen, daß ich jenen Mann nur mit einem heftigen Widerwillen gemalt habe. Ich arbeitete ohne jede Freude und Liebe an meinem Werk. Ich mußte mich mit Gewalt zur Arbeit zwingen. Ich suchte mein inneres Gefühl zu betäuben und der Natur treu zu bleiben. Das war kein Kunstwerk, das ich schuf, und daher sind auch die Empfindungen, die sich beim Anblick dieses Bildes aller Menschen bemächtigen, wild und rebellisch; es sind Gefühle der Unruhe, die es erzeugt, und keine Offenbarungen hoher Kunst, weil der Künstler auch in der Wiedergabe der Leidenschaft die edle Ruhe bewahrt. Ich habe gehört, daß dieses Porträt von Hand zu Hand geht und überall quälende, peinigende Eindrücke erregt, daß es im Künstler Gefühle des Neides, des dumpfen Hasses gegen seine Genossen und den bösen Trieb zur Verfolgung und Unterdrückung entfache. Möge der Allerhöchste dich vor solchen Leidenschaften bewahren! Es gibt nichts Entsetzlicheres als sie. Es ist besser, alle Leiden eines Gehetzten und Verfolgten auf sich zu nehmen, als einem andern auch nur das geringste Unrecht zuzufügen. Rette die Reinheit deiner Seele! Wem ein Talent geschenkt ward, dessen Seele muß reiner und edler sein, denn die der andern. Jenen wird vieles verziehen werden, ihm aber nichts. Den, der sein Haus in einem festlichen Gewande verläßt, braucht nur ein vorüberfahrender Wagen ein wenig mit Kot zu bespritzen, und schon umringen ihn hunderte von Leuten, zeigen mit den Fingern auf ihn und spotten über seine Nachlässigkeit, während ein anderer von unten bis oben beschmutzt sein kann, ohne daß es die Menge bemerkt; er trägt einen gewöhnlichen Alltagsrock, und da fällt es eben nicht weiter auf.“

Nach diesen Worten segnete er und umarmte er mich. Niemals in meinem Leben fühlte ich mich so erhoben wie an diesem Tage. Mit tiefer Ehrfurcht und einem Gefühle seltener Bewunderung, das mehr war, als einfache Kindesliebe, schmiegte ich mich an seinen Busen und küßte seine herabhängenden, silberweißen Haare.

Eine Träne glänzte in seinen Augen. „Erfülle mir noch eine Bitte, lieber Sohn,“ sagte er beim Abschied zu mir. „Vielleicht gelingt es dir einmal, das Porträt zu entdecken, von dem ich dir erzählt habe. Du wirst es sofort an den ungewöhnlichen Augen und an ihrem unnatürlichen Ausdruck erkennen. Solltest du es finden, so gelobe mir, es zu vernichten.“

Sie können selbst beurteilen, ob es mir nach alledem noch möglich war, ihm dieses heilige Versprechen zu verweigern. Ich schwur ihm hoch und heilig, seine Bitte zu erfüllen. Fünfzehn Jahre lang vermochte ich nicht, irgend etwas zu entdecken, was der Beschreibung meines Vaters auch nur im geringsten entsprach, als mir plötzlich bei dieser Auktion ....“

Der Künstler vollendete den Satz nicht; er richtete sein Auge auf die Wand, um das Porträt noch einmal zu prüfen, und alle, die ihm mit Spannung zugehört hatten, taten instinktiv dasselbe, wie er; aller Augen suchten das geheimnisvolle Porträt. Aber zum allgemeinen Erstaunen war es plötzlich von der Wand verschwunden. Ein leises Gemurmel und Geflüster durchlief die Menge, doch plötzlich eilte wie ein Lauffeuer das Wort: Gestohlen! durch den Saal. Offenbar war es jemand gelungen, während die Zuhörer gespannt auf den Erzähler lauschten, das Bild zu entwenden, und noch lange nachher blieben die Zuhörer im Zweifel, ob sie diese merkwürdigen Augen wirklich gesehen hatten, oder ob es nur ein Traum gewesen war: ein Traum, der ihre von der Betrachtung der alten Gemälde ermüdeten Augen getäuscht hatte, um gleich darauf für immer zu verschwinden.

Anhang zum zweiten Teil

Varianten zum zweiten Teil der „Toten Seelen“.

Der zweite Band der „Toten Seelen“ wurde im Jahre 1840 begonnen, allein das Werk blieb Fragment. Von der ursprünglichen Fassung dieses zweiten Teiles hat sich nur ein einziges Heft mit dem ersten Entwurfe eines Kapitels erhalten. 1842 arbeitete Gogol nach seinen ersten Aufzeichnungen einen neuen Entwurf aus und schrieb ihn sauber ab. Es ist jedoch nicht bekannt, aus wieviel Kapiteln er bestand. Von dieser Fassung haben sich vier Hefte erhalten. Noch im selben Jahre 1842 beginnt Gogol den ins Reine geschriebenen Text aufs neue umzuarbeiten und entwirft in diesen Heften: „ein Chaos, aus dem der Kosmos der ‚Toten Seelen‘ hervorgehen soll“. Dies ist der Text, den wir unserer Ausgabe des zweiten Bandes zugrunde gelegt haben. Der vollständige Text dieser Fassung ist nicht auf uns gekommen, er wurde Juni und Juli 1845 vom Autor verbrannt. Wir führen in diesem Anhang die wichtigsten Varianten der ursprünglichen Fassung an. Sie bilden eine wichtige Ergänzung zum vorliegenden Text und sind geeignet, dem Leser einen tieferen Einblick in die Idee und den Grundplan des ganzen Werkes, vorzüglich aber des unvollendeten zweiten Teiles zu vermitteln.

Der Herausgeber.


1. Wir haben unserem Text auch die letzten Verbesserungen und Ergänzungen mit eingefügt, die zum Teil über den Zeilen, zum Teil auf dem linken Rande der Seite nachgetragen waren. Das folgende Stück ist mehrfach verändert und umgestaltet worden. Der ursprüngliche Text hatte nach seiner ersten Umarbeitung folgende Fassung erhalten:

Ob solche Charaktere geboren werden — oder ob sie allmählich dazu werden, was sie sind — diese Frage läßt sich nicht beantworten. Wir wollen daher lieber zuerst die Geschichte seiner Kindheit und seiner Erziehung erzählen — und den Leser selbst urteilen lassen. Der Direktor der Schule, in welcher Tentennikow erzogen wurde, war ein ganz außerordentlicher Mann: Alexander Petrowitsch besaß die Gabe, das Wesen eines Menschen durch eine Art Instinkt zu erraten. Es gab kein Kind, das, wenn es einen Streich begangen hatte, nicht selbst zu ihm ging, um ihm alles zu beichten. Aber mehr noch. Wenn der kleine Wildfang ihn verließ, dann ließ er nicht etwa die Nase hängen, sondern er ging erhobenen Hauptes von ihm hinaus, mit dem festen Entschluß, wieder gut zu machen, was er verbrochen hatte. In den Vorwürfen, die Alexander Petrowitsch seinen Schülern machte, lag etwas Ermutigendes und Kräftigendes: nach ihm war der Ehrgeiz die eigentliche Triebfeder, die die menschlichen Fähigkeiten zur Entwickelung und zur Reife bringt, und daher war er vor allem darauf bedacht, diesen Trieb zu erwecken. Alexander Petrowitsch sprach nie vom Betragen der Kinder. Statt dessen pflegte er zu sagen: „Ich verlange Verstand und nichts anderes von meinen Schülern. Wer darnach strebt, seinen Verstand auszubilden, der denkt nicht an dumme Streiche; diese verschwinden dann ganz von selbst.“ Man warf ihm vor, er ließe den Begabten gar zu viel Freiheit und erlaube ihnen, sich über die weniger Begabten lustig zu machen und sie sogar zu kränken. Hierauf pflegte er zu entgegnen: „Was soll ich machen? Ich habe nun einmal eine Vorliebe für die Klugen und ich will, daß alle es sehen sollen.“ Er hielt es auch für notwendig, vor allem ....

2. In der Gesamtausgabe der Werke Gogols, die 1867 unter der Redaktion von Th. W. Tschishow erschienen ist, hat diese Stelle folgenden Wortlaut: „Dieser wunderbare Lehrer machte einen tiefen Eindruck auf den Knaben. Andrei Iwanowitschs feuriges und von Ehrgeiz erfülltes Herz pochte noch lange bei dem Gedanken, daß er zu den Auserwählten gehören werde, die den zweiten Lehrgang durchmachen durften. Und in der Tat mit sechzehn Jahren hatte Tentennikow seine Genossen so weit überholt, daß er als einer der Tüchtigsten in die oberste Klasse versetzt wurde. Er selbst wollte kaum an dies große Glück glauben.“

3. Variante der andern Fassung.

Als er klein war, war er ein gescheiter und begabter Knabe gewesen, bald lebhaft und ausgelassen, bald träumerisch und nachdenklich. War es ein glücklicher oder unglücklicher Zufall — genug er kam in eine Schule, deren Direktor trotz einiger Schwächen und Eigenheiten, ein in seiner Art ungewöhnlicher Mensch war. Alexander Petrowitsch besaß die Gabe, das Wesen und die Eigenart russischer Charaktere richtig herauszufühlen und zu erkennen; und er wußte, welche Sprache man mit ihnen sprechen muß. Nie ließ ein Kind die Nase hängen, wenn es von ihm fortging; im Gegenteil, selbst wenn es einen strengen Verweis erhalten hatte, fühlte es sich gestärkt und ermutigt und von dem glühenden Wunsche beseelt, seinen Fehler oder sein Vergehen wieder gut zu machen. Die Schar der Zöglinge dieses Mannes war äußerlich so lebhaft, unartig und mutwillig, sodaß man sie für ein ungezügeltes Korps von Freischärlern hätte halten können; aber das wäre eine Täuschung gewesen; die Macht eines Menschen hielt dieses ganze Korps zusammen. Es gab keinen Schelm oder Wildfang, der nicht selbst zum Direktor gekommen wäre, um ihm all seine Streiche und Untaten zu beichten. Die feinsten Regungen ihrer Seele waren ihm bekannt und vertraut. Sein Tun und Lassen war in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Er erklärte, man müsse im Menschen vor allem das Ehrgefühl wecken — er nannte den Ehrgeiz die Kraft, die den Menschen vorwärtstreibt —, ohne diesen Trieb zu entbinden, sei es unmöglich, einen Menschen zur Tätigkeit zu spornen. Manche Unarten und Streiche ließ er den Kindern hingehen, und machte gar nicht den Versuch, sie zu unterdrücken: in diesem Überdenstrangschlagen der Kinder sah er den Beginn der Entwickelung ihrer seelischen Regungen. Er bedurfte dessen, um zu erforschen, was im Kinde verborgen lag. So beobachtet ein kluger Arzt ruhig die vorübergehenden Anfälle des Kranken oder einen Ausschlag, der sich plötzlich auf der Haut zeigt, und er bekämpft sie nicht, sondern untersucht und betrachtet sie aufmerksam, um um so sicherer zu erkennen, was in des Menschen Innern vorgeht.

Die Zahl seiner Lehrer war nicht sehr groß: in den meisten Fächern unterrichtete er selbst, und man muß gestehen, er verstand es, ohne Pedanterie und weitläufige Terminologie, ohne jene großartigen Anschauungen und Perspektiven, mit denen junge Professoren viel Staat zu machen pflegen, das eigentliche Wesen, die Seele einer Wissenschaft in wenigen Worten wiederzugeben, so daß auch die ungereiften Geister es sofort begriffen, warum sie dieses Wissen nötig hatten. Er behauptete, das was der Mensch am meisten brauche, sei die Wissenschaft des Lebens; wenn er sich erst diese angeeignet habe, dann werde er schon selbst begreifen und einsehen, womit er sich in erster Linie beschäftigen müsse.

Diese Wissenschaft hatte er zum Gegenstand eines besonderen Lehrfaches erhoben, an dem nur die Bevorzugtesten teilnehmen durften. Die Unbegabten entließ er schon nach Beendigung der ersten Klasse, worauf sie gleich in den Staatsdienst eintraten. Er war nämlich der Ansicht, daß man sie nicht zuviel quälen und plagen dürfe; es sei schon genug, wenn man geduldige und fleißige Arbeiter aus ihnen mache, die einen gegebenen Auftrag genau und pünktlich zur Ausführung bringen, und sich ohne Hochmut, Überhebung und einen allzu weiten Horizont in ihrer Sphäre bewegen könnten. „Mit den Klugen und Begabten dagegen muß ich mir viel Mühe geben,“ pflegte er oft zu sagen. Und hier, beim Unterricht dieses Gegenstandes wurde Alexander Petrowitsch ein völlig anderer Mensch; er erklärte schon in den allerersten Stunden, bisher habe er von seinen Schülern nichts wie gesunden Menschenverstand gefordert, nun aber werde er von ihnen einen höheren Verstand verlangen — nicht jene Art von Verstand, die dazu gehört, um einen Dummkopf zu hänseln oder lächerlich zu machen, sondern jene, die es über sich zu gewinnen vermag, jegliche Beleidigung zu ertragen, dem Toren zu vergeben und sich stets zu beherrschen. Hier erst verlangte er das von seinen Schülern, was andre schon von Kindern fordern. Das war es, was er eine höhere Art von Verstand nannte: In jeder Lebenslage in Schmerz, Bitternis und Enttäuschung jene hohe Ruhe zu bewahren, — die das dauernde Besitztum jedes Menschen sein sollte — das war es, was er Verstand nannte. Aber Alexander Petrowitsch zeigte bei dieser Gelegenheit auch, daß er die Wissenschaft vom Leben wirklich kannte. Von allen Wissenschaften wählte er nur die aus, welche geeignet waren, aus dem Menschen einen tüchtigen Bürger seines Landes zu machen. Der größte Teil der Vorlesungen bestand darin, daß der Lehrer den Schülern erzählte, was den Menschen in allen Berufsarten und auf allen Stufen des Staatsdienstes und privater Betätigung erwarte. Alle Bitternisse und Enttäuschungen, alle Hindernisse, die sich vor dem Menschen auf seinem Lebenswege erheben, alle Verführungen und Versuchungen, die ihm bevorstehen, führte er ihnen nackt und ungeschminkt vor Augen, und er verheimlichte nichts von ihnen. Nichts war ihm fremd, wie wenn er selbst alle Berufe und Ämter kennen gelernt hätte. Mit einem Wort, die Zukunft, wie er sie den Schülern ausmalte, war keineswegs rosig. Und seltsam! sei es nun, daß der Ehrgeiz in ihnen so stark angeregt war, sei es, daß im Auge dieses merkwürdigen Pädagogen etwas aufblitzte und leuchtete, das dem Jüngling ein beständiges „Vorwärts“ zuzurufen schien — dieses herrliche Wort, welches im russischen Volke solche Wunder wirkt, — genug, die jungen Leute fingen sogleich selbst an, die Schwierigkeiten und Fährnisse aufzusuchen, und dürsteten darnach, sich überall da tätig und wirksam zu zeigen, wo es ein Hindernis zu überwinden, wo es galt, einen hohen Mut und Seelenstärke an den Tag zu legen. Es kam etwas Nüchternes und Vernünftiges in ihr Leben hinein. Alexander Petrowitsch stellte allerhand Versuche und Prüfungen mit ihnen an, und sorgte dafür, daß ihnen bald durch sie selbst, bald seitens ihrer eigenen Kameraden schwere Kränkungen widerfuhren; als sie es aber merkten, wurden sie noch vorsichtiger. Der Erfolg dieses Lehrganges war nicht sehr bedeutend. Die wenigen Jünglinge jedoch, die ihn vollständig absolvierten, waren abgehärtete Männer geworden, die gewissermaßen im Pulverdampf gestanden hatten. Im Dienste wußten sie sich auf dem exponiertesten Posten zu halten, während viele, die weit klüger waren, als sie, es nicht lange aushielten, wegen kleiner persönlicher Unannehmlichkeiten den Dienst quittierten oder, ahnungslos wie sie waren, in die Hände von Gaunern und Erpressern gerieten. Dagegen verharrten die Zöglinge des Alexander Petrowitsch nicht nur fest auf ihren Posten, sondern verstanden es auch, gereift durch Menschen- und Seelenkenntnis, einen hohen sittlichen Einfluß noch auf die schlechten und unehrlichen Menschen auszuüben.

4. In dem von Tschishow herausgegebenen Text der „Toten Seelen“ findet sich folgende Variante dieser Stelle:

„An die Stelle Alexander Petrowitschs trat ein gewisser Fjodor Iwanowitsch, ein gutmütiger und eifriger Mann, der jedoch eine ganz andre Ansicht vertrat als jener. In dem freien Sichgehenlassen der Kinder der oberen Klasse witterte er etwas wie Unerzogenheit und Zügellosigkeit. Daher ging er sogleich daran, allerlei äußere Vorschriften und Regeln aufzustellen, er verlangte, daß die jungen Leute während der Stunde die äußerste Stille bewahren und niemals anders als paarweise spazieren gehen sollten; ja er wollte sogar die Distanz zwischen zwei Paaren mit dem Metermaße abmessen. Die Schüler mußten, des schöneren Anblicks wegen, nach der Größe und nicht nach ihren Fähigkeiten auf den Schulbänken Platz nehmen, so daß die Dummen die fettesten Bissen erhielten und — die Klugen sich mit den Knochen begnügen mußten. Dies erregte Unzufriedenheit, und alles murrte laut, als der neue Direktor wie mit Absicht im Gegensatz zu seinem Vorgänger erklärte, daß er keinen Wert auf die Begabung und die Fortschritte der Schüler in den Wissenschaften lege, vor allem auf ein gutes Betragen sehe, und daß er einen Knaben, der schlecht lerne, aber ein gutes Betragen habe, noch immer einem gescheiten Schlingel vorziehe. Aber gerade das, wonach er so eifrig strebte, sollte Fjodor Iwanowitsch nicht erreichen.“

5. Variante der andern Fassung.

Unterdessen aber wartete seiner ein andres Schauspiel. Das ganze Gut hatte von der Ankunft erfahren und sich vor der Freitreppe des herrschaftlichen Hauses versammelt. Bauernkittel, Bärte von jeder nur möglichen Form: spatenförmige, schaufelförmige, keilförmige, rote, blonde, silberweiße ... bedeckten den Platz. Die Bauern schrieen aus voller Kehle: „Bist du endlich da Väterchen? Wir haben so lange auf dich gewartet!“ Unter den etwas ferner stehenden kam es zu einer Prügelei, weil jeder sich in die vorderen Reihen durchdrängen wollte. Ein altes, welkes Mütterchen, das wie eine getrocknete Birne aussah, wand sich zwischen den Beinen der andern durch, ging auf ihn zu, schlug die Hände zusammen und quiekte: „Du mein liebes Rotznäschen! Nein, wie mager du bist. Die verfluchten Deutschen haben dich, scheint’s, halbtot gequält!“ — „Fort mit dir, Alte!“ riefen ihr all die Schaufel-, Spaten- und Spitzbärtigen zu: „drängt sich da vor, das krumme Gestell!“ Einer von ihnen ließ hier noch ein Wörtchen folgen, bei dem nur ein russischer Bauer sich das Lachen verbeißen kann. Der Herr aber hielt es nicht aus und lachte laut auf, und doch war er gerührt bis in die tiefste Seele. „So viel Liebe! Und wofür nur?“ dachte er. „Dafür, daß ich sie nie gesehen, mich nie um sie gekümmert habe! Von heut ab aber geb ich euch das Versprechen, eure Mühen und Arbeiten mit euch zu teilen! Ich will all meine Kräfte anspannen und euch helfen, das zu werden, was ihr sein solltet, wozu euch eure eigenste gute und prächtige Natur bestimmt hat, — eure Liebe zu mir soll nicht vergeblich gewesen sein, ich will euer wahrhafter Vater werden!“

Und Tentennikow ging ganz ernstlich an die Verwaltung und Bewirtschaftung des Gutes. Er sah sofort, daß sein Verwalter wirklich ein altes Weib und ein Narr war mit allen schlechten Eigenschaften eines Verwalters; d. h. er führte zwar sorgfältig Rechnung über Hühner und Eier, über Hanf und Leinwand, welche von den Bauernfrauen geliefert wurden, aber er hatte keine Ahnung von der Getreideernte und Aussaat, und zu alledem war er sehr argwöhnisch und fürchtete sich vor jedem Bauern, weil er glaubte, er stelle ihm nach dem Leben. Tentennikow jagte den dummen Verwalter davon und nahm sich einen andern, einen energischen, forschen Mann; er ging über die nebensächlichen Dinge hinweg und richtete sein Augenmerk auf das Wesentliche, er setzte den Erbzins herab, verringerte die Fronarbeit, ließ den Bauern mehr Zeit, für sich selbst zu arbeiten, und glaubte, nun würde alles ganz vortrefflich weitergehen. Er interessierte sich für alles, erschien selbst auf den Feldern, auf der Tenne, auf der Korndarre, in den Mühlen, am Landungsplatz und war beim Laden und bei der Abfertigung der Barken und Kähne zugegen.

„Ja, ja, der ist schnellfüßig!“ sagten die Bauern und kratzten sich hinter den Ohren, denn sie waren bei dem langen Weiberregiment des früheren Verwalters allesamt in Trägheit und Müßiggang verfallen. Aber das dauerte nicht lange.

6. Variante der andern Fassung.

Bisweilen sieht wohl ein Mensch etwas Ähnliches im Traume und dann träumt er sein ganzes Leben lang davon, (die Wirklichkeit versinkt ihm für alle Zeiten) und er ist zu nichts mehr zu brauchen. Ihr Name war Ulinka. Sie hatte eine merkwürdige Erziehung genossen. Sie war von einer englischen Gouvernante erzogen worden, die kein Wort Russisch verstand. Ihre Mutter war schon früh gestorben, und ihr Vater hatte keine Zeit, sich viel um sie zu kümmern. Übrigens konnte es bei seiner unsinnigen Liebe zu seiner Tochter nicht anders kommen, als daß er sie verwöhnte. Es ist außerordentlich schwer ein Bild von ihr zu geben. Sie hatte etwas Lebendiges wie das Leben selbst. Sie war eigentlich mehr lieblich als schön und gütig als klug; sie war schlanker und ätherischer als ein klassisches Frauenbildnis. Man hätte unmöglich sagen können, welches Land ihr seinen Stempel aufgedrückt habe, denn man hätte nicht so leicht ein ähnliches Profil und ähnliche Gesichtszüge finden können, es sei denn auf antiken Kameen. Da sie in voller Freiheit aufgewachsen war, war alles an ihr eigenartig und urwüchsig. Wenn jemand gesehen hätte, wie ein plötzlicher Zorn strenge Falten in ihre herrliche Stirne grub, und wie sie sich leidenschaftlich mit ihrem Vater stritt, er hätte glauben können, dies sei das launischste Geschöpf von der Welt. Aber sie wurde nur dann zornig, wenn sie davon hörte, daß ein anderer ungerecht oder grausam behandelt worden war. Wie schnell jedoch wäre dieser Zorn verschwunden, wenn sie denselben Menschen, dem sie zürnte, im Unglück gesehen hätte. Wie hätte sie ihm da ihren Geldbeutel zugeworfen, ohne darüber nachzudenken, ob dies klug oder dumm sei, wie hätte sie ihr Kleid in Stücke gerissen, um ihn zu verbinden, wenn er verwundet gewesen wäre.

7. Variante der andern Fassung.

„O nein, Exzellenz,“ fiel hier Tschitschikow ein, indem er sich an Ulinka wandte. „Als Christen müssen wir gerade solche Menschen lieben.“ Und er fuhr gleich darauf mit einem verschmitzten Lächeln zum General gewendet fort: „Kennen Sie vielleicht die Geschichte, Exzellenz: Lieb’ uns so schwarz, wie wir sind, wenn wir weiß und sauber sind, wird uns jeder lieb haben.“

„Nein, ich kenne sie nicht.“

„Oh, das ist eine sehr verzwickte Geschichte,“ sprach Tschitschikow noch immer verschmitzt lächelnd. „Auf dem Gute des Fürsten Guksowski, den Eure Exzellenz sicherlich kennen ...“

„Nein, ich habe nicht das Vergnügen.“

„Lebte einmal ein Verwalter, ein junger Deutscher, Exzellenz. Eines Tages mußte er wegen der Rekrutenaushebung usw. nach der Stadt fahren. Natürlich mußten die Richter tüchtig geschmiert werden. Übrigens gewannen sie ihn gleichfalls lieb und nahmen ihn sehr freundlich auf. Einmal war er bei ihnen zum Mittag eingeladen, und da sagte er denn unter anderem: ‚Nun, meine Herren? Wollen Sie mir nicht auch einmal die Ehre geben und mich auf dem Gute des Fürsten besuchen?‘ ‚Gern‘, sagen sie. ‚Wir kommen‘. Kurze Zeit darauf hatte das Gericht auf einem der Güter des Grafen Trechmetjew eine Untersuchung vorzunehmen. Eure Exzellenz kennen doch wohl den Grafen ...?“

„Nein, ich habe nicht die Ehre.“

„Die Untersuchung selbst fand nun freilich nicht statt, dafür aber kehrten sie im Wirtschaftsgebäude, beim alten gräflichen Ökonomen ein, und da wurden dann drei Tage und drei Nächte lang ununterbrochen Karten gespielt. Die Teemaschine und der Punsch wurden natürlich überhaupt nicht abgetragen. Bald war es dem Alten indessen zu viel, und, um sie los zu werden, sagte er zu ihnen: ‚Warum sucht ihr denn nicht diesen Deutschen, den Verwalter des Fürsten, auf? Er wohnt ja gar nicht weit von hier.‘ — ‚Ei, das ist eine Idee,‘ schreien sie, setzen sich halbbetrunken, unrasiert und verschlafen wie sie sind in ihre Wagen, und fort geht es zu dem Deutschen. — Dieser aber hatte sich gerade verheiratet, Exzellenz: mit einem jungen subtilen Fräulein aus einem Pensionat (Tschitschikow versuchte die Subtilität mimisch auszudrücken). Sie saßen gerade zusammen beim Tee und dachten an nichts Schlimmes — da öffnet sich plötzlich die Tür — und die ganze Gesellschaft stürmt herein.“

„Ich kann mir die Situation denken — die sind mir aber auch gut!“ bemerkte der General.

„Der Verwalter war ganz erschrocken und sagt: ‚Was wünschen Sie?‘

‚He!‘ rufen sie. ‚Bist du so einer?‘ Und bei diesen Worten veränderten sich plötzlich ihre Gesichter und ihre Mienen. ‚Wir kommen in einer offiziellen Angelegenheit. Wieviel Schnaps brennt ihr hier auf dem Gute! Her mit den Kassenbüchern!‘ Der versucht Einwände zu machen. ‚Hollah. Wo sind die Zeugen!‘ Sie lassen ihn packen, schleppen ihn gebunden in die Stadt, und der brave Deutsche muß anderthalb Jahr in der Untersuchungshaft schmachten.“

„Schöne Geschichte!“ sagte der General.

Ulinka schlug vor Schreck die Hände zusammen.

„Seine Frau suchte sich überall für ihn zu verwenden,“ fuhr Tschitschikow fort. „Aber was kann eine junge, unerfahrene Frau ausrichten? Noch gut, daß sich ein paar brave Leute fanden, die ihr den Rat gaben, die Sache auf dem Wege des Vergleichs aus der Welt zu schaffen. So kam er denn schließlich mit zweitausend Rubeln und einem Mittagessen davon. Während dieses Mittagessens nun, als alle bereits ein wenig angeheitert waren, und er gleichfalls, sagen sie plötzlich zu ihm: ‚Schämtest du dich denn gar nicht, uns so zu behandeln? Du wolltest uns durchaus geschniegelt und gebügelt, rasiert und im Frack vor dir sehen: Nein Verehrtester, lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir weiß und sauber sind, wird uns jeder lieb haben.‘“

Der General lachte laut auf. Ulinka seufzte schmerzlich.

„Ich verstehe nicht, wie Sie lachen können, Papa!“ sagte sie schnell, und edler Zorn verdunkelte ihre herrliche Stirn ... „So eine gemeine Handlung, für die man sie, ich weiß nicht wohin, schicken sollte ...“

„Liebes Kind, ich verteidige sie ja gar nicht,“ sagte der General, „aber was soll ich machen, wenn ich es so lächerlich finde. Wie sagten Sie gleich: Liebe uns so weiß wie ...“

„So schwarz ... Exzellenz,“ verbesserte ihn Tschitschikow.

„Lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir weiß sind, wird uns jeder lieb haben. Ha, ha, ha, ha ...“ Und der ganze Körper des Generals schüttelte sich vor Lachen. Die Schultern, welche einstmals Achselklappen getragen hatten, bebten, als ob sie auch noch heute mit Achselklappen geschmückt wären.

Tschitschikow lachte gleichfalls kurz auf, stimmte sein Gelächter jedoch aus Achtung vor dem General mehr auf den Laut e ab: „he, he, he, he.“ Und sein Körper begann sich gleichfalls vor Lachen zu schütteln, nur seine Schultern bebten nicht, denn sie trugen keine dicken Achselklappen.

„Dieser unrasierte Gerichtshof mag schön ausgesehen haben!“ rief der General aus und fuhr fort zu lachen.

„Ja, Exzellenz, ein drei Tage langes Wachen ohne Schlaf — — das ist so gut wie gefastet: sie sahen sehr mitgenommen aus, sehr mitgenommen!“ sagte Tschitschikow und fuhr fort, zu lachen.

8. Variante der andern Fassung.

„Ich errichte auch keine besonderen Gebäude zu diesem Zwecke. Ich besitze keine großartigen Prachtbauten mit Säulen und Giebeln, ich verschreibe mir keine Meister und Handwerker aus dem Auslande, vor allem aber würde ich nie einen Bauern seiner natürlichen Tätigkeit: der Landwirtschaft entziehen; in meinen Fabriken wird nur während einer Hungersnot gearbeitet, und auch dann beschäftige ich nur zugewanderte Arbeiter, die sich damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Ich habe eine ganze Menge solcher Fabriken, Verehrtester. Jedermann sollte sich erst einmal genauer auf seinem Gute umsehen, dann würde er bemerken, daß sich jeder Lappen noch zu was verwenden läßt, und daß man aus jedem Plunder noch einen Gewinn herausschlagen kann, so daß man ihn schließlich sogar wegwirft und sagt: „Fort damit! Ich brauche dich nicht!“

„Das ist wirklich erstaunlich!“ sagte Tschitschikow ganz ergriffen. „Im höchsten Grade erstaunlich! Das wunderbarste aber ist, daß jeglicher Plunder noch Gewinn bringen kann!“

„Hm! Das ist es nicht allein!“ Skudronshoglo schloß seine Rede nicht: die Galle hatte sich in ihm angesammelt, und er mußte seinen Zorn an seinen Gutsnachbarn auslassen. „Da ist noch so ein gescheiter Kopf! — Was denken Sie wohl, was der für ein Gebäude errichtet hat. Ein Asyl für Arme; einen steinernen Palast — auf dem Lande! Ein christliches Werk! Wenn der Mensch sich durchaus nützlich machen und hilfsbereit erweisen will, dann mag er doch dem Bauern helfen, seine Schuldigkeit zu tun und ihn nicht daran hindern, seine Pflicht als Christenmensch zu erfüllen. Hilf dem Sohne, seinen kranken Vater pflegen, und laß es nicht zu, daß er sich ihn vom Leibe schafft. Verhilf ihm dazu, daß er seinen Bruder und seinen Nächsten bei sich im Hause aufnehmen kann, gib ihm die Mittel dazu, unterstütze ihn aus allen Kräften, und ziehe dich nicht von ihm zurück, sonst wird er seine christlichen Pflichten vollkommen vergessen. Wohin man blickt, lauter Don Quixotes! Zweihundert Rubel jährlich kommt ein Mensch dem Armenhause zu stehen! Mit diesem Gelde will ich auf meinem Gute ganze zehn Menschen ernähren!“ Skudronshoglo war sehr zornig und spie vor Wut aus.

Tschitschikow interessierte sich nicht für das Armenhaus: er wollte durchaus die Rede darauf bringen, daß jeder Plunder Gewinn bringen kann. Aber Skudronshoglo war sehr zornig, die Galle regte sich lebhaft in ihm, und seine Rede strömte unaufhaltsam fort.

„Und dann gibt es da noch einen andern Don Quixote: einen Don Quixote der Aufklärung! Der baut überall Schulen! In der Tat, gibt es etwas Nützlicheres für den Menschen als die Kenntnis der Sprache und Schrift? Was aber macht er? Jetzt kommen die Bauern aus den Dörfern und klagen mir: ‚Was sind denn das für Zustände, Väterchen! Unsere Söhne sind ganz aufsässig geworden, sie wollen uns gar nicht mehr bei der Arbeit helfen, wollen alle Schreiber werden — man braucht aber doch gar nicht so viele Schreiber — einer ist schon genug!‘ So weit ist es also schon gekommen!“

Tschitschikow interessierte sich auch nicht für die Schulen, jedoch Platonow griff diese Frage auf und bemerkte: „Dabei kann man aber doch nicht stehen bleiben, daß wir jetzt keine Schreiber brauchen. Wir müssen auch an unsere Nachkommen denken.“

„Ach laß doch, Bruder! Laß doch das Klügeln! Was wollt Ihr nur mit Euren Nachkommen! Alle Menschen glauben, sie seien Genies, wie Peter der Große. Achtet doch lieber darauf, was vor Eurer Nase vorgeht, und denkt nicht immer an Eure Nachkommen; sorgt lieber dafür, daß Eure Bauern wohlhabend und reich werden, und daß sie Zeit behalten, auch etwas zu lernen, wenn sie Lust dazu haben; stellt Euch nicht mit dem Stocke in der Hand vor sie hin und schreit sie nicht an: ‚Du mußt in die Schule gehen, ob du willst oder nicht!‘ Weiß der Teufel, womit die Leute heutzutage anfangen! Nein, bitte, hören Sie mal, ich fordere Sie auf, selbst zu urteilen.“ Hier rückte Skudronshoglo näher an Tschitschikow heran und nahm ihn sozusagen gründlich ins Gebet, um ihn recht tief in die Sache einzuweihen, d. h. er packte ihn beim Knopfloch seines Frackes: „Sagen Sie, was kann klarer sein? Die Bauern sind doch dazu da, damit Sie sie in ihrem Beruf und Stand unterstützen und fördern. Worin aber besteht dieser? Was ist denn die Beschäftigung der Bauern? Doch wohl der Ackerbau, die Landwirtschaft? Nun, so sorgen Sie auch dafür, daß er ein tüchtiger Landwirt wird. Das ist doch klar. Nicht? Nein, da finden sich gescheite Köpfe, die erklären: ‚Aus diesem Zustande muß er herausgeführt werden. Sein Leben ist zu primitiv und einfach: er soll auch etwas von dem Luxus kosten.‘ Daß ihr selbst infolge dieses Luxus lauter Waschlappen und keine Menschen mehr seid und, weiß der Teufel, an was für neuen Krankheiten leidet, und daß es bald keinen achtzehnjährigen Bengel mehr geben wird, der nicht schon von allem gekostet hat — der keine Zähne im Munde und keine Haare mehr auf dem Kopfe hat, — daran denkt ihr nicht und wollt auch noch andre Leute anstecken! Gott sei Dank, daß wir wenigstens noch einen gesunden Stand besitzen, der noch nichts von all diesen Finessen weiß! Dafür müßten wir Gott ewig dankbar sein. Jawohl, einen Landwirt achte ich weit höher als einen andern Menschen. Gott gäbe, daß alle Menschen Ackerbau trieben!“

„Sie sind also der Ansicht, es sei am vorteilhaftesten, Landwirt zu werden?“ fragte Tschitschikow.

„Ich meine, es ist vernünftiger und ehrenhafter und nicht vorteilhafter. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot erwerben — das ward uns allen gesagt, und nicht umsonst. Es ist durch eine jahrhundertlange Erfahrung bewiesen, daß die Landwirtschaft die Sitten verbessert und veredelt. Wo der Ackerbau die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens bildet, da herrscht Wohlstand und Überfluß! Da gibt es keine Armut und keinen Luxus, sondern Gesundheit und Zufriedenheit. Es ist dem Menschen gesagt: Erwirb dir dein Brot, arbeite .. da gibt es nichts zu klügeln! Ich sage zum Bauern: ‚Es ist ganz gleich, für wen du dich mühst: für mich, für dich, für deinen Nachbarn ... die Hauptsache ist, daß du arbeitest. Bei der Arbeit bin ich dein erster Gehilfe. Hast du kein Vieh, nun wohl — da ist ein Pferd, eine Kuh, ein Wagen. Ich bin bereit, dir alles zu geben, nur sei fleißig und arbeite! Für mich wäre es der Tod, wenn dein Haushalt in Unordnung geriete und wenn ich Armut und Mißwirtschaft um mich sehe. Ich dulde keinen Müßiggang: ich bin bei dir, damit du arbeitest.‘ Hm. Man glaubt, man könne seine Einkünfte durch Fabriken und industrielle Unternehmungen vermehren! Denken Sie doch lieber erst daran, daß jeder Ihrer Bauern wohlhabend werde, dann werden Sie ganz von selbst reich werden, auch ohne Fabriken und all diese dummen Erfindungen.“ ...

9. Variante der andern Fassung.

„So ein Esel!“ dachte Tschitschikow. „Solch eine Tante würde ich hegen und pflegen, wie eine Amme ihr Kind.“

„Wissen Sie, so eine Unterhaltung ist doch recht trocken!“ sagte Chlobujew. „He, Kirjuschka! Bring schnell noch eine Flasche Champagner.“

„Nein, nein, ich kann nicht mehr trinken,“ fiel hier Platonow ein.

„Ich auch nicht,“ sagte Tschitschikow, und beide weigerten sich kategorisch, weiter zu trinken.

„Nun, so versprechen Sie mir wenigstens, daß Sie mich in der Stadt besuchen werden. Am 8. Juni gebe ich ein kleines Diner für die Honoratioren der Stadt.“

„Wie!“ rief Platonow aus. „Jetzt, wo Sie so gut wie ruiniert sind, geben Sie Diners?“

„Was soll ich machen? Ich kann nicht anders, das ist halt meine Pflicht,“ versetzte Chlobujew. „Sie haben mich doch auch eingeladen.“

10. Vor diesem Worte sind in der vorliegenden Fassung zwei Seiten herausgeschnitten. Wir führen hier die entsprechende Stelle aus der andern Fassung an:

„Die Sache ist eigentlich ein großer Unsinn. Er hat nicht genug Land, und da hat er sich eben ein fremdes Stück Brachland angeeignet, d. h. er rechnete darauf, daß niemand es braucht, und daß die Besitzer nicht drauf achten werden ... bei uns aber versammeln sich schon seit vielen Jahren die Bauern gerade an dieser Stelle, um dort Johannisnacht zu feiern. Daher bin ich noch eher bereit, ihm ein anderes und sogar besseres Stück Land abzutreten, als dieses. Jede alte Sitte ist mir heilig.“

„Sie würden ihm also unter Umständen ein anderes Stück Land abgeben?“

„Ja, d. h. wenn er nicht so mit mir verfahren wäre, aber ich glaube, er will die Gerichte anrufen. Meinetwegen, wir wollen doch sehen, wer den Prozeß gewinnt. Nach dem Plan ist es freilich nicht vollkommen klar, aber ich habe genug Zeugen, lauter alte Leute, die noch am Leben sind, und sich sehr gut erinnern, wem das Land gehört hat.“

„Hm!“ dachte Tschitschikow. „Wie ich sehe, seid ihr alle beide raffinierte Kerls.“ Und er fügte laut hinzu: „Mir scheint, diese Sache läßt sich friedlich beilegen. Alles hängt davon ab, ob sich jemand findet, der zwischen Ihnen vermitteln kann .. Schriftl....“

Damit schließt die 96. Seite der Handschrift; die folgenden zwei Seiten sind verloren gegangen. In der ersten Ausgabe des zweiten Bandes der „Toten Seelen“ hat S. P. Schewyrew folgende Bemerkung zu dieser Stelle gemacht: Hier fehlt eine größere Partie, in der wahrscheinlich erzählt wird, wie Tschitschikow zum Gutsbesitzer Lenitzyn fährt. Der Her.

„... daß es auch für Sie selbst sehr vorteilhaft wäre z. B. alle toten Seelen auf meinen Namen zu übertragen, d. h. ich meine alle die toten Bauern auf Ihrem Gute, die noch in den Revisionslisten stehen. Dann könnte ich auch die Steuern für sie bezahlen. Um aber kein Ärgernis zu geben, könnten wir pro forma einen Kaufkontrakt aufsetzen, ganz so, als ob sie noch am Leben wären.“

„Da haben wir’s!“ dachte Lenitzyn: „das ist aber eine höchst merkwürdige Geschichte.“ Er schob sogar seinen Stuhl ein wenig zurück, denn er befand sich in der höchsten Verlegenheit.

„Ich zweifele nicht im mindesten daran, daß Sie hierüber mit mir einverstanden sein werden,“ fuhr Tschitschikow fort, „denn das ist eine ganz ähnliche Sache, wie die, welche wir soeben besprochen haben. Sie bleibt natürlich ganz unter uns — wir sind doch gesetzte und vernünftige Leute, und es kann daher gar kein Ärgernis geben.“

Was war zu machen? Lenitzyn befand sich in einer äußerst peinlichen Situation. Er hatte durchaus nicht voraussehen können, daß die von ihm noch vor wenigen Minuten geäußerte Ansicht so schnell in die Tat umgesetzt werden könnte. Dieser Vorschlag kam ihm vollkommen unerwartet. Selbstverständlich konnte für niemand etwas Schädliches daraus entstehen: jeder Gutsbesitzer hätte, wenn es darauf angekommen wäre, ebensogut Hypotheken auf diese Seelen aufgenommen, wie auf die lebendigen, dem Staat konnten also keinerlei Verluste daraus entstehen; der ganze Unterschied bestand bloß darin, daß sie jetzt in einer Hand vereinigt sein würden, während sie sich im andern Falle in vielen befunden hätten. Trotzdem aber hatte er seine Bedenken. Er war ein Mensch, der sich streng an die Gesetze hielt und ein Geschäftsmann im guten Sinne war. Er hätte sich nie bestechen lassen und für Geld eine schlechte Sache vertreten. Diesmal aber war er unschlüssig, denn er wußte nicht recht, wie er von diesem Fall denken, wie er ihn bezeichnen sollte: handelte es sich hier um ein sauberes oder um ein unsauberes Geschäft? Hätte sich ein andrer mit einem solchen Vorschlag an ihn gewandt, dann hätte er sagen können: „Ach Unsinn, das sind Torheiten! Ich will doch nicht mehr Puppen spielen und alberne Streiche machen!“ Aber der Gast gefiel ihm so sehr, es bestanden zwischen ihnen so viele Berührungspunkte in bezug auf ihre Anschauungen über die Fortschritte der Aufklärung und der Wissenschaften, wie konnte er ihm da etwas abschlagen? Lenitzyn befand sich in einer überaus verzwickten Lage.

In diesem Augenblick trat die Hausfrau, die junge Gattin Lenitzyns ins Zimmer, wie um ihn aus dieser verzweifelten Situation zu erlösen. Sie war bleich und mager wie alle Petersburger Damen und ebenso geschmackvoll gekleidet wie diese. Ihr folgte die Amme auf dem Fuße, die ein Kind auf den Armen trug, die jüngste Frucht der jungen Ehe. Tschitschikow ging natürlich sofort auf die Dame zu und begrüßte sie aufs liebenswürdigste. Aber ganz abgesehen hiervon, schon die Geste mit der er ihr entgegentrat und dabei den Kopf anmutig auf die Seite neigte, genügte vollkommen, um sie ganz für sich einzunehmen. Dann eilte er auf das Kind zu, welches zwar im ersten Augenblick laut zu schreien begann, sich aber sehr schnell wieder beruhigte, als Tschitschikow ein paar freundliche Worte sagte, ihm A—u, A—u zurief, mit den Fingern schnippte und ihm seine Uhrkette mit dem Carneolpetschaft zeigte. Schließlich wurde es so zutraulich, daß es sich von Tschitschikow ruhig auf die Hände nehmen und hoch in die Luft heben ließ, ja, es begann sogar fröhlich zu lachen, was auch das Elternpaar höchlich erfreute.

Aber war es nun das Vergnügen, welches das Kindchen verspürte, oder etwas andres, genug es passierte ihm plötzlich etwas sehr Unangenehmes. Frau Lenitzyn schrie laut auf: „Ach Gott, ach Gott, er wird Ihnen noch den ganzen Frack verderben!“

Tschitschikow warf einen Blick auf den Ärmel seines neuen Frackes und war aufs höchste erschrocken. Der ganze Ärmel war hin: „Wenn dich doch der Teufel holte, verdammter Schelm!“ murmelte er ärgerlich vor sich in.

Der Hausherr, die Hausfrau und die Amme eilten schleunigst davon, um kölnisches Wasser zu holen; hierauf liefen sie von allen Seiten auf ihn zu und begannen seinen Frack zu waschen und zu scheuern.

„Das macht nichts, das macht wirklich nichts,“ sagte Tschitschikow: „Was kann einem denn ein unschuldiges Kind antun?“ Zugleich aber dachte er sich: „Und wie geschickt er das gemacht hat, der kleine Teufel! Ein goldenes Alter!“ bemerkte er, als er endlich ganz trocken war, und ein freundliches Lächeln erhellte aufs neue seine Züge.

„Tatsächlich,“ versetzte der Hausherr, der sich gleichfalls mit einem freundlichen Lächeln an Tschitschikow wandte, „was gibt es Schöneres als das Kindesalter. Man hat keine Sorgen, man denkt nicht an die Zukunft ...“

„Ja, mit einem Kinde würde ich sofort tauschen,“ entgegnete Tschitschikow.

„Sofort!“ sagte Lenitzyn.

Ich glaube indes, daß beide schwindelten. Wenn man ihnen im Ernst einen solchen Tausch angeboten hätte, sie wären sofort zu Kreuze gekrochen. Es ist doch auch wirklich kein Vergnügen, bei der Amme auf dem Arme zu sitzen und fremde Fräcke zu ruinieren.

Die junge Frau, die Amme und das Kind hatten sich entfernt, denn auch der Kleine bedurfte einer gründlichen Reinigung: er hatte nicht nur Tschitschikow beglückt, sondern auch sich selbst nicht ganz vergessen.

Übrigens nahm dieser scheinbar so unwesentliche Vorfall den Hausherrn noch mehr für Tschitschikow ein. Und in der Tat, wie konnte er einem so angenehmen und höflichen Gast etwas abschlagen, einem Gaste, der so freundlich gegen seinen Kleinen gewesen war, und seine Güte noch dazu so großmütig mit seinem Frack bezahlen mußte. Lenitzyn dachte nämlich: „Warum sollte ich seine Bitte eigentlich nicht erfüllen, wenn er es doch so sehr wünscht ...“

11. Variante der andern Fassung.

Um dieselbe Zeit lag Tschitschikow in seinem persischen mit Gold bordierten Schlafrock auf dem Sofa und verhandelte mit einem vorüberreisenden Schmuggler jüdischer Abstammung, der das Russische mit einem deutschen Akzent sprach; vor ihnen lagen ein Stück feinste holländische Leinwand, die Tschitschikow gekauft hatte, um sich neue Hemden machen zu lassen, und zwei Pappschachteln mit Seife von allererster Qualität (es war dieselbe Seife, die er sich ehemals während seines Dienstes im Raziwillschen Zollamt zu halten pflegte, und die tatsächlich die Kraft besaß, den Wangen eine geradezu unerhörte Reinheit und Zartheit zu verleihen). Während nun Tschitschikow mit Kennerblick all diese für jeden gebildeten Menschen so überaus notwendigen Gegenstände einkaufte, hörte man draußen das Gerassel eines heranrollenden Wagens. Die Fensterscheiben erklirrten, und gleich darauf betrat Seine Exzellenz Alexei Iwanowitsch Lenitzyn das Zimmer.

„Exzellenz, was sagen Sie zu dieser Leinwand und zu dieser Seife, und wie gefällt Ihnen dies Ding hier, das ich mir gestern angeschafft habe?“ Mit diesen Worten setzte Tschitschikow eine mit Gold und Glasperlen verzierte Kappe auf und präsentierte sich seinem Gast mit einem Anstand und einer Würde, die der des persischen Schahs nicht viel nachgegeben hätte.

Aber Seine Exzellenz antwortete nichts und sagte nur:

„Ich muß Sie dringend in einer Angelegenheit sprechen.“ Man sah es ihm an, daß er sehr erregt war. Der ehrenwerte Kaufmann mit dem deutschen Akzent wurde sofort hinausbefördert, und beide Freunde blieben allein.

„Wissen Sie, was passiert ist? Eine schöne Geschichte! Es hat sich noch ein zweites Testament gefunden, das die alte Dame vor fünf Jahren gemacht hat. Darin verschreibt sie die Hälfte ihrer Güter dem Kloster und die andre Hälfte ihren beiden Adoptivtöchtern. Das ist alles.“

Tschitschikow war ganz erschrocken.

„Aber dies Testament gilt doch nicht, es hat doch nichts zu bedeuten; es hat durch das zweite seine Rechtskraft verloren!“

„Es steht aber im zweiten Testament nichts davon drin, daß das erste dadurch annulliert wird.“

„Das versteht sich ganz von selbst: das letzte stößt alle vorhergehenden um. Das bedeutet nichts! Das erste Testament hat keine Gültigkeit. Ich kenne den Willen der Verstorbenen sehr gut. Ich war doch zugegen, als es aufgesetzt wurde. Wer hat es unterschrieben, wer waren die Zeugen?“

„Es ist nach allen Regeln beim Gericht attestiert. Als Zeugen fungierten die Assessoren a. D. Burmilow und Chawanow.“

„Das ist schlimm, sehr schlimm!“ dachte Tschitschikow. „Dieser Chawanow soll ein ehrlicher Mensch sein. Burmilow ist ein alter Tartüffe, der liest Sonntags in der Kirche aus der Bibel vor. — Ach was, Unsinn, Unsinn,“ fuhr er laut fort, denn er fühlte sich wieder mutig und entschlossen. „Das weiß ich besser: ich war zugegen, als die Alte starb. Ich muß das doch besser wissen als andre Leute. Ich bin bereit, die Sache zu beschwören.“

Diese Worte und diese Entschlossenheit beruhigten Lenitzyn ein wenig.

Er war sehr aufgeregt und fragte sich schon, ob Tschitschikow nicht am Ende das Testament gefälscht haben könnte (er hätte es sich freilich nicht einmal vorstellen können, daß die Sache sich so verhalte, wie sie sich in Wahrheit verhielt). Jetzt machte er sich Vorwürfe wegen seines Argwohnes. Tschitschikows Bereitwilligkeit, alles zu beschwören, war ein offenkundiger Beweis, daß er .... Wir wissen freilich nicht, ob Pawel Iwanowitsch wirklich den Mut gehabt hätte, einen Eid darauf abzulegen, jedenfalls aber hatte er den Mut, es zu behaupten.

Tschitschikow ließ sofort den Wagen vorfahren und begab sich zu seinem Rechtsanwalt. Dieser Rechtsanwalt war ein außerordentlich geschickter und erfahrener Mann. Er befand sich schon seit fünfzehn Jahren im Anklagezustand, aber er verstand es, seine Maßregeln so gut zu treffen, daß es unmöglich war, ihn seines Amtes zu entsetzen. Jedermann wußte, daß er es für seine Heldentaten hundertfach verdient hatte, in die Strafkolonien verschickt zu werden. Er wurde der schlimmsten Dinge verdächtigt, aber es wollte nie gelingen, zwingende Beweise gegen ihn aufzubringen. Der Mann war tatsächlich mit einem geheimnisvollen Schimmer umgeben, man hätte ihn sicher für einen Zauberer erklärt, wenn unsere Erzählung in einem unaufgeklärten Zeitalter gespielt hätte.

Der Rechtsanwalt setzte Tschitschikow durch seinen fettigen Schlafrock in Erstaunen, der in einem krassen Gegensatz zu den schönen Mahagonimöbeln, der goldenen, mit einer Glasglocke bedeckten Stutzuhr, dem Armleuchter, der durch die Tüllhülle hindurchschimmerte und zu der ganzen Umgebung stand, denn diese trug den deutlichen Stempel einer weltmännischen europäischen Bildung.

Tschitschikow ließ sich jedoch durch den skeptischen Blick des Rechtsanwalts keineswegs aus der Fassung bringen, sondern klärte ihn über die schwierige Sachlage auf und ließ die verlockende Aussicht auf seinen Dank und seine Erkenntlichkeit für den ihm erteilten Rat und Beistand vor ihm erstehen.

Der Rechtsanwalt spielte dagegen auf die Unzuverlässigkeit aller irdischen Dinge und Güter an und deutete Tschitschikow gegenüber in zarter Weise an, daß eine Taube auf dem Dache wenig gilt, und ein Sperling in der Hand ihm lieber sei.

Was war da zu machen? Man mußte ihm schon den Sperling in die Hand drücken. Die skeptische Kühle unseres Philosophen verschwand sofort, und es stellte sich heraus, daß er der beste Mensch von der Welt und ein äußerst angenehmer Gesellschafter war, der selbst Tschitschikow, was die Schönheit und weltmännische Gewandtheit der Umgangsformen anbelangte, wenig nachgab.

„Machen wir doch lieber nicht so viel Umstände — Sie haben sich wohl das Testament gar nicht ordentlich angesehn; es wird sicher noch irgend eine Bemerkung oder eine Notiz darin stehen. Nehmen Sie es lieber für einige Zeit an sich. Eigentlich ist es ja verboten, solche Objekte mit sich nach Hause zu nehmen, aber wenn man die Beamten ordentlich darum angeht ... Ich für meinen Teil werde meinen ganzen Einfluß aufbieten.“

„Ich verstehe,“ dachte Tschitschikow und versetzte: „In der Tat, ich kann mich nicht mehr genau darauf besinnen, ob es nicht doch eine Notiz enthielt — es ist fast so, als ob ich das Testament gar nicht selbst aufgesetzt hätte.“

„Das Beste ist, Sie sehen selbst nach. Übrigens können Sie ganz ruhig sein,“ fuhr er gutmütig fort. „Machen Sie sich jedenfalls keine Sorgen, selbst wenn es noch schlimmer kommt. Verzweifeln Sie niemals, es gibt keine solche Sache, die sich nicht wieder gut machen ließe. Sehen Sie doch mich an. Ich bin immer ruhig. Was man auch gegen mich unternehmen mag, ich lasse mich nicht in meiner Gemütsruhe stören.“ Und in der Tat, das Gesicht unseres Philosophen ließ nicht die geringste Bewegung erkennen, so daß Tschitschikow lange ...

„Natürlich ist das das wichtigste,“ versetzte er. „Aber Sie werden mir doch zugestehen, daß es Verhältnisse geben kann, Gefahren und Nachstellungen seitens der Feinde, und so verzwickte Lagen, daß man darüber seine Geistesgegenwart verlieren muß.“

„Glauben Sie mir, das wäre kleinmütig,“ entgegnete der Philosoph sehr ruhig und freundlich. „Achten Sie vor allem darauf, daß die Sache auf dem Aktenwege erledigt wird, und daß es keine mündlichen Auseinandersetzungen gibt. Sobald Sie jedoch bemerken, daß es zum Klappen kommt, und daß die Entscheidung herannaht, — dann dürfen Sie sich nicht etwa rechtfertigen oder verteidigen, sondern Sie müssen einfach mit neuen Tatsachen herausrücken.“

„Man muß also ...“

„Die Sache möglichst verwickeln — das ist alles,“ versetzte der Philosoph, „sie mit neuen, nicht zur Sache gehörigen Details komplizieren, die auch noch andre Leute in die Affäre hineinziehen. Man muß die Fäden durcheinander wirren — das ist das ganze Geheimnis. Mögen doch die Petersburger Beamten sehen, wie sie damit fertig werden!“ wiederholte er, indem er Tschitschikow sehr vergnügt ansah, so wie ein Lehrer seinen Schüler, wenn er ihm ein besonders interessantes Kapitel aus der russischen Grammatik erklärt.

„Ja, es ist gut, wenn man solche Details findet, mit denen man die Augen anderer Leute umnebeln kann!“ sagte Tschitschikow, indem er den Philosophen gleichfalls mit Vergnügen betrachtete, wie ein Schüler, der die interessante Stelle aus der Grammatik, die ihm sein Lehrer erklärt, schon begriffen hat.

„Sie werden sich schon finden! Glauben Sie mir, daß Sie sich finden werden: wenn man sich nur häufig genug darin übt, dann wird auch der Kopf allmählig erfinderischer. Vor allem aber bedenken Sie, daß man Ihnen dabei helfen wird. Wenn die Sache recht kompliziert ist, dann finden viele Leute ihren Vorteil dabei: man braucht immer mehr Beamte, und diese wollen ihrerseits immer mehr Gehalt haben. Mit einem Wort, man muß nur recht viele Leute an der Sache interessieren. Es macht nichts, wenn ein paar Unschuldige mit hineingezogen werden: sie müssen sich rechtfertigen, auf die Anklagen antworten, sich loskaufen usw. Da gibt’s eben was zu verdienen. Glauben Sie mir: sowie die Umstände wirklich kritisch werden, muß man zuallererst daran denken, die ganze Affäre recht verwickelt zu machen. Und das läßt sich so gut bewerkstelligen, daß sich bald niemand mehr auskennt. Warum bin ich immer so ruhig? Weil ich genau weiß: wenn meine Sache schief geht, dann ziehe ich alle miteinander in sie hinein: den Gouverneur, den Vizegouverneur, den Polizeimeister, den Kassierer — ich lasse keinen frei ausgehen. Ich kenne ihre Verhältnisse ganz genau; ich weiß, ob einer dem andern zürnt, ob er sich über ihn ärgert und ihm etwas Böses gönnt. Meinetwegen mögen sie sich nachher aus der Affäre ziehen. Unterdessen aber können andere Leute etwas dabei verdienen. Man kann eben nur im trüben Wasser krebsen gehn. Sie warten ja alle zusammen darauf, daß nur ein möglichst großer Wirrwarr entsteht.“ Hier sah der Jurist und Philosoph Tschitschikow wiederum so vergnügt an, wie ein Lehrer seinen Schüler, dem er ein noch weit interessanteres Kapitel aus der russischen Grammatik erklärt.

„Nein, dieser Mann ist tatsächlich ein Weiser,“ dachte Tschitschikow und verabschiedete sich in der besten und vergnügtesten Laune vom Rechtsanwalt.

Er fühlte sich wieder vollständig beruhigt, daher warf er sich mit einer nachlässigen Sicherheit in die weichen Kissen seiner Equipage, befahl Seliphan das Verdeck herabzulassen und setzte sich bequem im Polster zurecht, ganz wie ein Husarenoberst a. D. oder Herr Wyschnepokromow in eigener Person. Als er zum Rechtsanwalt fuhr, hatte er das Verdeck schließen lassen und sogar seine Füße tief in die Lederdecke gehüllt, jetzt dagegen schlug er ein Bein über das andre, und wandte allen Vorübergehenden sein lächelndes Gesicht zu, das unter dem keck auf das Ohr gerückten neuen Seidenhut nur so vor Heiterkeit strahlte. Seliphan erhielt den Befehl, die Richtung nach dem Tuchmarkt zu nehmen. Die einheimischen und zugereisten Kaufleute standen an ihren Ladentüren und grüßten ihn ehrerbietig; Tschitschikow erwiderte seinerseits ihren Gruß nicht ohne ein gewisses Selbstbewußtsein. Viele von ihnen kannte er schon; andre waren zwar erst vor kurzem angekommen, doch waren auch sie ganz entzückt von dem gewandten und sicheren Wesen und den feinen Manieren des fremden Herrn, und bewillkommneten ihn daher wie einen alten Bekannten. In der Stadt Tfuslawlew gab es fast immer eine Messe; war der Pferde- und Getreidemarkt zu Ende, dann kamen die Luxuswaren für die vornehmeren und gebildeteren Herrschaften an die Reihe. Die Kaufleute, die per Axe angereist kamen, rechneten damit, per Schlitten nach Hause zurückzukehren.

„Bitte hierher, treten Sie gefälligst ein,“ rief ihm ein Kaufmann von der Ladentüre aus entgegen. Er trug einen deutschen Rock, der in Moskau verfertigt war, und verbeugte sich mit selbstgefälliger Höflichkeit. Sein Haupt war entblößt, und er schwenkte mit der einen Hand seinen Hut, während er mit der andern leicht über sein rundes Kinn strich. Hierbei suchte er seinem Gesicht einen ausnehmend feinen und gebildeten Ausdruck zu geben.

Tschitschikow trat in den Laden: „Lassen Sie sehen, was Sie für Stoffe haben, Verehrtester.“

Der vornehme Kaufmann hob sofort das Brett, das die zwei Ladentische verband, in die Höhe, schaffte sich so einen Durchgang und stand sogleich dienstbereit da, indem er seinen Waren den Rücken und dem Käufer sein Gesicht zuwendete. In dieser Stellung begrüßte er entblößten Hauptes und den Hut respektvoll lüftend, noch einmal seinen Gast. Dann setzte er den Hut auf, stützte sich mit beiden Händen auf den Ladentisch, beugte sich etwas vor und sagte: „Was für Stoffe wünschen Sie? Englische Manufakturwaren? oder ziehen Sie unsere vaterländischen Produkte vor?“

„Ich wünsche einen russischen Stoff,“ versetzte Tschitschikow, „aber von der allerbesten Sorte, einen sogenannten englischen.“

„Und welche Farben finden Ihren Beifall?“ fragte der Kaufmann, der sich noch immer in der angenehmsten Weise auf seinen beiden Händen balancierte.

„Haben Sie einen glänzenden dunkelen oder oliven- oder flaschengrünen Stoff, wenn möglich mit einer preißelbeerfarbenen Nuance?“

„Ich kann Ihnen das Versprechen geben, daß Sie die allerbeste Sorte erhalten werden, was Besseres werden Sie auch in beiden Hauptstädten nicht finden,“ versetzte der Kaufmann und schickte sich an, den Stoff zu holen. Er warf die Rolle gewandt auf den Tisch, rollte sie von hinten auf und hielt den Stoff ans Licht. „Ein wunderbares Farbenspiel! Das Allermodernste, etwas für den erlesensten Geschmack!“ Und in der Tat, der Stoff glänzte wie Seide. Der Kaufmann hatte mit feinem Instinkte erkannt, daß ein Kenner der Tuchsorten vor ihm stand und daher wollte er erst gar nicht mit einem Stoff zu zehn Rubel pro Meter anfangen.

„Hm, nicht übel,“ bemerkte Tschitschikow, nachdem er das Tuch flüchtig gemustert hatte. „Aber wissen Sie was, Verehrtester, zeigen Sie mir lieber gleich die Sorte, die Sie zuletzt vorlegen; und dann: haben Sie keinen mit einem Stich ins Rote?“

„Ich verstehe: Sie wollen genau so eine Farbe, wie sie heute modern zu werden beginnt. Da habe ich einen Stoff von allererster Qualität. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß er sehr teuer ist, aber wie gesagt: dafür ist es auch die allerbeste Sorte.“

Die Rolle fiel von oben herab. Der Kaufmann rollte sie mit noch größerer Geschwindigkeit auseinander und fing sie am andern Ende auf. Diesmal war es ein echter Seidenstoff; er zeigte ihn Tschitschikow, jedoch so, daß dieser nicht nur die Möglichkeit hatte, ihn gründlich zu besichtigen, sondern sogar zu betasten und zu beriechen. Und er fügte nur kurz hinzu: „Navarinosche Rauchfarbe mit Feuerglanz.“

12. Variante der andern Fassung.

Man einigte sich über den Preis. Ein eisernes Metermaß maß Tschitschikow gleich einem Zauberstabe in wenigen Augenblicken den Stoff für Frack und Hosen zu. Dann machte der Kaufmann einen kleinen Einschnitt mit der Schere, riß das Tuch mit beiden Händen der ganzen Breite nach auseinander und verbeugte sich, nachdem diese Operation vollendet war, in außerordentlich feiner und liebenswürdiger Weise vor Tschitschikow. Das Zeug wurde hierauf zusammengerollt und geschickt in Papier gewickelt. Hierauf wurde eine dünne Schnur herumgeschlungen und das Paket war fertig. Tschitschikow wollte schon in die Tasche greifen, aber da fühlte er, wie eine zarte Hand seine Taille angenehm umschlang, und seine Ohren vernahmen die Worte: „Was kaufen Sie hier ein, Verehrtester.“

„Ah, welch glückliches Zusammentreffen!“ rief Tschitschikow aus.

„Ja, es ist ein glücklicher Zufall, der uns hier zusammenführt,“ hörte er die Stimme desselben Mannes sagen, der seine Taille umschlungen hatte. Es war Wyschnepokromow. „Ich wollte schon achtlos an dem Laden vorübergehn, da sehe ich plötzlich ein bekanntes Gesicht — einem solchen Vergnügen kann man sich doch unmöglich entziehen. Ja, ja, dies Jahr sind die Stoffe weit schöner. Es ist eine wahre Schande. Früher konnte man beim besten Willen nichts Vernünftiges bekommen. Ich hätte gern vierzig Rubel bezahlt ... meinetwegen sogar fünfzig, wenn ich nur etwas Gutes bekommen hätte. Was mich anbelangt, so will ich entweder das Allerbeste oder lieber gar nichts haben. Nicht wahr?“

„Sehr richtig!“ versetzte Tschitschikow. „Wozu quält man sich so, wenn man nicht auch was Gutes haben soll?“

13. Variante der andern Fassung.

Der alte Mann begrüßte alle Anwesenden und wandte sich direkt an Chlobujew: „Entschuldigen Sie, aber ich sah von weitem, wie Sie in den Laden traten, und da entschloß ich mich, Ihnen nachzugehen und Ihre Zeit ein wenig in Anspruch zu nehmen. Wenn Sie nachher frei sind und an meinem Hause vorüberkommen, dann seien Sie doch so freundlich, einen Augenblick bei mir einzutreten. Ich habe mit Ihnen zu sprechen.“