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Sämmtliche Werke 8: Vermischte Schriften und Aufsätze / Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen / Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt / Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks und andere Aufsätze / Recensionen / Poesien und metrische Uebersetzungen cover

Sämmtliche Werke 8: Vermischte Schriften und Aufsätze / Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen / Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt / Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks und andere Aufsätze / Recensionen / Poesien und metrische Uebersetzungen

Chapter 127: 9.
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About This Book

A selection of miscellaneous philosophical and literary writings gathers polemical sketches, a programmatic proposal for reorganizing higher education, theoretical essays on language, aesthetics and pedagogy, sermons, reviews, and various poems and translations. The polemical pieces dissect opposing views with methodical irony, while the university plan advocates transforming the institution into a school for the free exercise of scientific reason through dialogical instruction and merit-based advancement. Theoretical essays consider the relation of idea and sensibility, the origin and function of language, and practical means of enlivening interest in truth. Shorter contributions offer critical assessments and metrical translations that reflect the author’s broader intellectual concerns.

Daraus erhellt auch — was man sonst ebenfalls aus einer besonderen Verabredung erklären zu müssen glaubte — wie man darauf kommen musste, die Zeitwörter durch bestimmte Endsylben zu bezeichnen, und durch andere Endungen, z. B. us, os u. s. w., die Substantive zu charakterisiren. Nach unserer Deduction musste ein Wort, welches als Substantiv gebraucht werden sollte, den Satz eröffnen: und da das Wort, welches den Satz schloss, durchgängig den stärksten Ton erhielt, weil es denjenigen Begriff ausdrückte, auf dessen Mittheilung es hauptsächlich abgesehen war; so musste, weil unsere Kehle bei mehreren zugleich vorzutragenden Tönen nur Einen stärker aussprechen kann, nothwendig das Substantiv, als das vorangehende Wort, leichter und mit dem folgenden zusammenfliessend ausgedrückt werden; da hingegen das Zeitwort, welches, unserer Theorie gemäss, immer das letzte Wort in einem Satze war, sich dadurch auszeichnete, dass auf ihm der volle Ton ruhte.

Wir gehen jetzt zu einer anderen Untersuchung fort, bei welcher uns, wie bei allen folgenden über die verschiedenen Arten der Wortfügung, die Aufschlüsse leiten werden, welche das soeben gefundene Resultat uns über die Entstehungsart fast aller Formen der Wortverbindung giebt. In dem vorher angeführten Falle sollte ein Gegenstand durch zwei Bestimmungen bezeichnet werden. Gesetzt nun aber, ein Gegenstand soll mit drei oder mehreren Bestimmungen zugleich ausgedrückt werden, es soll z. B. angedeutet werden: der schlafende Löwe ruht aus, so muss hier nach der von uns aufgestellten Regel der Löwe, als der Hauptbegriff im ganzen Satze, zuerst bezeichnet werden: hierauf folgt die nähere Bestimmung des Löwen, nemlich, dass er schläft: und zuletzt kömmt eine besondere Bestimmung dieses Schlafs — das Ausruhen. In dieser Verbindung muss demnach das Zeichen des Schlafs, welches in der vorher angeführten Zusammensetzung als das Hauptwort einen starken und gedehnten Ton hatte, abgekürzt, und zusammenfliessend mit dem Zeichen des Ausruhens, das hier den Hauptsinn des ganzen Satzes enthält, auf dem folglich in der Aussprache am längsten verweilt werden muss, vorgetragen werden.

Man sieht ohne meine Erinnerung ein, dass in dieser Zusammensetzung die Bezeichnung des Schlafs, welche vorher ein Zeitwort war, auf dieselbe Art, wie in dem vorher aufgestellten Satze die Bezeichnung des Löwen, zu einem Particip geworden ist; woraus sich leicht, etwa durch einige äussere Modificationen, ein Adjectiv bilden kann. — So entstehen Participien, Substantive und Adjective. Aber man könnte fragen: warum ist aus manchen Bezeichnungen ein Substantiv, aus anderen ein Adjectiv entsprungen, da doch sowohl das eine, als das andere, sich aus einem Zeitworte, und durch die Zusammensetzung desselben mit einem anderen Zeitworte gebildet hat? — Die Antwort darauf liegt sehr nahe. Bei den ersten rohen Versuchen einer Wortfügung mochten nemlich Adjectiv und Substantiv nicht so streng unterschieden seyn, als wir sie jetzt in unseren Sprachen unterschieden finden: zumal, da die Verschiedenheit beider Bezeichnungsarten nicht sowohl auf inneren Merkmalen, als auf dem besonderen Gebrauche beruht, der von der einen und von der anderen gemacht wird. Substantiv war der Natur der Sache nach dasjenige Wort, welches den Hauptbegriff, oder das Subject eines Satzes bezeichnete: Adjectiv hingegen war jedes Wort, sobald es eine nähere Bestimmung des Hauptbegriffes auszudrücken gebraucht wurde. Auf diese Art konnte dasselbe Wort, wenn es in dem einen Satze das Subject der Rede, in dem anderen nur ein Prädicat dieses Subjects ausdrückte, bald in substantiver, bald in adjectiver Bedeutung vorkommen. — Die eigenthümliche Unterscheidung zwischen Substantiv und Adjectiv ist auch wohl erst später hinzugekommen. Für uns sind sie nun, nachdem durch gewisse äussere Merkzeichen der schwankende Unterschied zwischen beiden fixirt ist, scharf von einander abgeschnitten; aber in der Ursprache dürfen wir sie uns noch nicht ebenso von einander unterschieden denken.

Aus dieser Gleichartigkeit ergiebt es sich auch, warum sich Substantiv und Adjectiv fast immer in den Endungen gleichen. Da beide durch Abkürzung des Stammwortes und durch Verkettung desselben mit einem anderen stärker und gedehnter auszudrückenden Worte entstehen, so folgt, dass sowohl das eine, als das andere mit einem Tone enden muss, der sich leicht dem folgenden Worte anschliessen lässt: da hingegen die Zeitwörter einen rauhen, harten Ton haben mussten, weil sie den Satz schliessen, und ihm den Nachdruck geben mussten. In cultivirten Sprachen werden freilich die Zeitwörter diesen rauhen Ton mehr oder weniger verlieren, weil sie dann ebenso oft in der Mitte, als am Ende eines Satzes vorkommen. Denn der gebildete Mensch begnügt sich nicht mit Sätzen, wie sie hier aufgestellt sind: mit der einfachen Zusammenstellung eines Substantivs, Adjectivs und Zeitworts. Sowie sich sein Geist mehr und mehr mit Vorstellungen bereichert, wird auch durch die mancherlei Bestimmungen, die er den vorgetragenen Begriffen als Erläuterungen beifügt, die Zusammensetzung verwickelter, der schlichte Satz zur Periode erweitert, und die ursprüngliche Wortfügung folglich verändert.

Durch diese Zusammenfügung mehrerer Worte bildete sich auch allmählig ein eigenthümlicher Unterschied des Substantivs von dem Zeitwort, welche ursprünglich ein gemeinschaftliches Stammwort ausmachten, das einen Gegenstand und eine Handlung zugleich andeutete (wie nach dem oben angeführten Beispiele der ursprüngliche Ton, der den Löwen bezeichnete, zugleich auch die Ankunft des Löwen ausdrückte). In der Verbindung mit anderen Worten, wo es nicht mehr den ganzen Gedanken ausdrücken sollte, musste ein solches Wort nicht mit dem vollen Ton, sondern leicht und fliessend ausgesprochen werden, weil ein anderes Zeichen folgte, auf welches der Nachdruck gelegt werden musste. Durch einen solchen leichteren und kürzeren Ton konnte sich das Substantiv in der Folge überhaupt recht wohl von dem Zeitworte, von welchem es abstammte, unterscheiden, ohne dass im Ganzen die Aehnlichkeit verloren ging, welche selbst noch in unseren Sprachen zwischen Substantiv und Zeitwort, wenn sie aus derselben Quelle entsprungen sind, stattfindet.

Hier noch etwas über die Stellung der Worte, welche zusammengefügt werden sollen. Wenn ausgedrückt werden soll: der Löwe schläft und ruht aus; so wird zuerst der ursprüngliche Ton des Löwen, hier in substantiver Bedeutung, d. h. nicht mit der ganzen Stärke des Tons als Hauptwort, sondern kürzer abgebrochen mit dem folgenden Ton zusammenfliessend, vorgetragen: zu diesem wird, als ein Adjectiv, der Ton des Schlafens hinzugefügt, und zuletzt kömmt das Zeitwort ausruhen. Der ursprünglichen Wortfügung gemäss, gehört also dem Substantiv der erste Platz. Wie kömmt es zu dieser Stelle? — Der Naturmensch hält sich im Vortrage seiner Gedanken genau an die Ordnung, in welcher die Vorstellungen in der Seele auf einander folgen. Immer kömmt aber im Denken das am wenigsten Bestimmte zuerst, und hierauf folgen die näheren und noch näheren Bestimmungen. Folglich musste auch in der Natursprache das für uns Unbestimmte, oder am wenigsten Bestimmte zuerst gesetzt werden, und die näheren Bestimmungen erst nachfolgen. Nun ist das Substantiv immer das Unbestimmteste: durch ein Adjectiv, das hinzukömmt, wird es näher, und durch das Zeitwort endlich nach der Absicht hinlänglich bestimmt.

Dieser Ordnung zufolge steht also in der Ursprache das Adjectiv immer nach dem Substantiv. Aber wir finden, dass diese Ordnung nach Maassgabe der Cultur der Sprachen sich ändert. Sobald eine Sprache nicht mehr bloss Natursprache ist und sich der Sprache der Vernunftcultur nähert, wird in ihr das Adjectiv bald vor bald nach gesetzt. Bei Homer z. B. finden wir meistens das Adjectiv nach dem Substantiv. In der lateinischen Sprache stehen die Adjective schon häufig voran. In der deutschen Sprache aber kann das Adjectiv niemals nach dem Substantiv gesetzt werden. Im Französischen setzt man auch das Adjectiv mehr vor als nach; wenn aber mehrere Adjective mit dem Substantiv verbunden werden sollen, so lässt man immer jene auf das letztere folgen, z. B. un homme vertueux et bienfaisant; welche Verbindungsart, um des Nachdrucks willen, der auf jedes der Adjective gelegt werden kann, allerdings einen entschiedenen Vorzug vor der deutschen hat. — Wie kann es in einer Sprache dahin kommen, dass das Adjectiv, jener Ordnung des Denkens gerade entgegen, zuerst gesetzt wird? — In dem Fortschritt der Cultur einer Sprache müssen die Wörter nicht mehr als einzelne gedacht werden, sondern mehrere zusammen machen Einen Begriff aus und werden als Ein Begriff gedacht. So wird auch das Substantiv nicht mehr als einzelner Begriff gedacht, der nachher durch Adjective bestimmt werden solle, sondern er wird mit diesen sogleich zusammen gedacht als Ein Begriff, und jene können ihm also auch vorhergehen.

Eine andere Frage, die wir jetzt zu untersuchen haben, betrifft die Entstehung des Activs und Passivs. Die ersten Zeitwörter waren Neutra. Aus dem ursprünglichen Neutrum lässt sich das Activ leicht entwickeln. Das Neutrum bezeichnet, wie wir schon bemerkt haben, einen Zustand, in welchem sich der Gegenstand der Rede befindet: bezieht man nun diesen Zustand auf ein anderes Object, welches mit demselben in Verbindung steht, so wird auch das Neutrum in ein Activ verwandelt. Z. B. in dem Satze: der Löwe frisst — drückt das Wort fressen einen durch sich selbst völlig bestimmten Zustand des Löwen aus, und hat also eine völlig neutrale Bedeutung. Sage ich aber: der Löwe frisst das Schaaf, so ist dieses Zeitwort ein Activ: denn hier wird die durch dasselbe dem Löwen zugeschriebene Handlung auf ihr Object bezogen.

Aus eben diesem Beispiele erhellt auch, dass das Wort für den Gegenstand, welcher mit der Handlung des Subjects in Verbindung gesetzt werden soll, schon als Substantiv gebraucht seyn, und ein festes Merkzeichen seiner substantiven Bedeutung haben musste, wenn die erwähnte Wortfügung, und folglich auch die Verwandlung des Neutrums in ein Activ zu Stande kommen sollte. Der Löwe, welcher hier Subject des Satzes ist, wird durch den gewöhnlichen Laut, der eine Nachahmung seines Brüllens ist, ausgedrückt. Dieser Löwe frisst. Auch dies kann durch den eigentlichen Ausdruck bezeichnet werden. Aber wie soll ich nun das Schaaf ausdrücken? Wenn ich dieses auch durch seinen eigentlichen Ton andeuten will, so kann dieser Ton, welcher zugleich das Zeitwort des Blökens ausdrückt, für dieses Zeitwort genommen werden, und dann bedeutete der ganze Satz: der fressende Löwe blökt. Nun haben wir zwar weiter oben gesehen, dass das Substantiv sich von dem Zeitworte, von welchem es abgeleitet wurde, durch den leichteren Ton, in welchem es vorgetragen wurde, unterschied. Allein dieses Merkmal ist hier nicht anwendbar, da das Substantiv hier nicht den Satz anfängt, sondern beschliesst, und folglich nach unserer Theorie einen gedehnten und starken Ton erhalten muss. Diesem möglichen Misverständnisse ist also nicht eher abzuhelfen, als bis für das Wort, durch welches das Schaaf in substantiver Bedeutung bezeichnet werden soll, ein bleibendes Unterscheidungszeichen gefunden worden ist. Dies konnte aber auf die oben angegebene Art leicht geschehen, indem die Abkürzung, mit welcher ein solches Wort, wo es ein Substantiv ausdrückte, ausgesprochen wurde, bald in einen fixen eigenthümlichen Laut verwandelt werden musste; wobei sehr leicht auch noch ein Mittelton eingeschoben werden konnte, um dasselbe mit dem darauf folgenden Worte leichter zu verbinden. Solche Modificationen des ursprünglichen Tons wurden durch wiederholten Gebrauch so mit dem Worte verwebt, dass sie zuletzt einen Bestandtheil desselben ausmachten, und zu Merkzeichen der substantiven Bedeutung eines Wortes dienten. Ehe aber dergleichen Bestimmungen vorhanden waren, war der ganze Satz nicht auszudrücken, und eher war kein Activ, sondern alle Zeitwörter blieben, was sie ursprünglich waren — Neutra.

Um die Entstehung des Passivs zu erklären, muss ein Bedürfniss aufgezeigt werden, welches die Menschen zur Erfindung dieser Sprachbestimmung leitete; denn, dass in der Ursprache irgend etwas ohne Noth, bloss zur Verschönerung des Vortrags erfunden worden sey, lässt sich nicht annehmen. Um diese möchte man sich wohl bei den ersten rohen Versuchen einer Sprache nicht sehr bekümmert haben; da sagte man wohl eher: man schmähet mich, als — ich werde geschmähet; der Löwe zerreisst das Schaaf, als — das Schaaf wird vom Löwen zerrissen.

Ein solches Bedürfniss des Passivs tritt ein, wenn eine Handlung vorkömmt, welche, nach unseren Einsichten, einen Urheber hat, den wir aber auf keine Weise entdecken können. Sie muss erstlich einen Urheber haben; denn hat sie keinen, oder können wir keinen annehmen, so drücken wir uns durch das Impersonale aus — wir sagen: es donnert, regnet, u. s. w. Zweitens muss der Urheber unbekannt seyn, und gar nicht errathen werden können; denn, gesetzt der Wolf hätte ein Schaaf geraubt, so wird der noch ungebildete Naturmensch, auch selbst wenn er nicht Augenzeuge von dem Vorgange gewesen ist, doch nicht sagen: das Schaaf ist mir geraubt worden; sondern: der Wolf hat das Schaaf weggenommen; weil er schon aus Erfahrung weiss, dass dieser Schaafe raubt. Das Bedürfniss des Passivs trat also erst dann ein, wenn eine Handlung da war, bei der man ebenso klar sah, dass sie einen Urheber haben musste, als man sich bewusst war, dass man diesen Urheber nicht errathen könne. Ursprünglich wurde daher auch wohl das Passiv durch ein Zeichen ausgedrückt, wodurch der Redende andeutete, dass ein Urheber da sey und dass er ihn nicht kenne. Man hängte vielleicht den Worten, welche die That selbst ausdrückten, den Satz an: ich weiss nicht, wer es gethan hat. Wenn nun diese Worte bei gleicher Gelegenheit mehrmals gebraucht wurden, so musste es bald dahin kommen, dass sie geschwinder ausgesprochen wurden, mit dem Zeitworte, welches die Handlung bezeichnete, enger zusammenflossen, und zuletzt einen Bestandtheil desselben ausmachten. Ob ein solcher Zusatz ursprünglich dem Zeitworte vorgesetzt, oder angehängt wurde, lässt sich nicht bestimmen. Im Ganzen aber folgt so viel, dass ursprünglich das Passiv wohl durch einen kleinen Zusatz zum Zeitwort ausgedrückt wurde, welcher eigentlich das Zeichen der Unbekanntheit des Urhebers war.

Das Verbum medium bezeichnet eine Handlung, welche auf uns selbst zurückgeht: es gründet sich auf höhere Abstraction, und kann daher in einer Ursprache nicht wohl vorkommen.

Die Entstehung des Numerus lässt sich auf folgende Art erklären. — Der Singular fand sich von selbst; er war der ursprüngliche Numerus; die ersten Wörter wurden alle im Singular gebraucht. Nun sollte aber der Horde eine Mehrheit angezeigt werden; es wollte z. B. einer sagen: es kommen mehrere Löwen! wie sollte er das andeuten? Durch das natürliche Bild einer Heerde: durch Dehnung und Wiederholung des Tons, und dadurch, dass dieser Ton immer fortschallte. Um wie viel oder wenig man den Ton dehnen, oder wie oft man ihn wiederholen sollte, um die mehrere Zahl anzudeuten, war vermuthlich nicht bestimmt. Der Pluralis wurde demnach durch Verlängerung des Wortes ausgedrückt.

Der Pluralis war aber anfangs nur nöthig bei Zeitwörtern, keinesweges bei Substantiven und Adjectiven; denn es verstand sich von selbst, dass auch sie, wenn sie von einem Zeitworte im Plural begleitet wurden, in der mehreren Zahl zu nehmen waren. Der Numerus der Substantive und Adjective ist daher in der Ursprache nicht zu suchen: er ist keinesweges eine durch Nothwendigkeit geforderte Sprachbestimmung, sondern eine Erfindung, welche das Streben nach Bestimmtheit und Eleganz im künstlichen Vortrage nöthig machte. Aber bei Zeitwörtern war der Plural unentbehrlich.

Die verschiedenen Personen der Zeitwörter wurden ohne Zweifel in folgender Ordnung gebildet. Diejenige Person, welche zuerst in der Sprache bezeichnet wurde, war gewiss die dritte; denn urprünglich wurde in keiner anderen, als in der dritten Person geredet. Man nannte einen jeden bei seinem eigenthümlichen Namen: N. N. solle das thun! Die folgende, welche zunächst der dritten ihre besondere Bezeichnung erhielt, war die zweite Person; weil man bei Verabredungen und Verträgen bald das Bedürfniss fühlte, dem anderen zu sagen: das sollst Du thun. Das Ich, als die erste Person, zeugt (besonders wo es an der Endung des Zeitwortes selbst angehängt ist) von höherer Vernunftcultur, und wurde also auch zuletzt bezeichnet. Bei Kindern sehen wir, dass sie immer in der dritten Person von sich sprechen, und sich, als das Subject, von welchem sie etwas sagen wollen, durch ihren Namen ausdrücken, weil sie sich bis zum Begriff des Ich, bis zur Absonderung des selben von allem ausser ihnen noch nicht erhoben haben. Ich drückt den höchsten Charakter der Vernunft aus.

Wie eine dritte, zweite, und erste Person im Plural gebildet werden konnte, ergiebt sich leicht, wenn der Plural schon vorhanden war.

Die Tempora der Zeitwörter wurden wahrscheinlich auf folgende Art erfunden. Die ersten Zeitwörter wurden bloss aoristisch gebraucht: aus dem Aorist konnte leicht das Präsens gebildet werden, oder vielmehr — man musste den Aorist bald selbst als Präsens verstehen, weil die Bestimmungen bei rohen Nationen sich fast immer auf die gegenwärtige Zeit beziehen. Mehr Mühe mochte wohl die Erfindung der Bezeichnungen für vergangene und zukünftige Zeiten kosten. Als man zuerst das Bedürfniss fühlte, Vergangenes und Zukünftiges auszudrücken, gab man wohl die Zeit, in welcher etwas geschehen war, oder geschehen sollte, ganz genau an; es wurde z. B. nicht gesagt: es hat sich zugetragen, sondern: es trägt sich vor so und so viel Tagen zu; nicht: es wird sich ereignen, sondern es ereignet sich nach so viel Tagen. Diese Art sich auszudrücken, war dem noch ungebildeten Menschen sehr natürlich. Vollkommene Präcision im Ausdrucke kündigt eine höhere Verstandescultur an, als man den ersten Erfindern der Sprache zuschreiben kann. Der ungebildete Mensch theilt nicht bloss das mit, was der andere von einer Sache wissen soll, oder will, sondern auch was er selbst davon weiss. Daher giebts in den uncultivirten Sprachen eine Menge überflüssiger Bestimmungen, eine Menge Ausdrücke, die, der Verständlichkeit des Ganzen unbeschadet, weggelassen werden könnten. So auch mit den Bestimmungen der Zeit. Die Zeit, in welcher etwas vorgegangen war, oder kommen sollte, wurde, so weit man zählen konnte, bestimmt hinzugesetzt. Wo man aber auf einen Zeitraum stiess, welcher eine so genaue Bestimmung nicht zuliess, da bediente man sich, wie uns noch einige Spuren in alten Sprachen zeigen, der Worte: morgen, gestern u. s. w., um die verflossene oder zukünftige Zeit unbestimmt auszudrücken.

Aus dieser Bezeichnungsart mussten aber bald mehrere Misverständnisse entstehen. Wie leicht konnte es Zwist verursachen, wenn der zweideutige Ausdruck morgen für den besonderen Fall, in welchem er gebraucht wurde, nicht gehörig bestimmt war? Z. B. es sagte einer zum andern: ich gebe dir das morgen. Hier konnte morgen ebensowohl den nächstkünftigen, als jeden anderen folgenden Tag bedeuten. Der andere legt es von dem nächstkünftigen Tage aus, und kömmt, um die Sache abzuholen: jener weigert sich aber, das Versprochene abzuliefern, weil er es nicht auf morgen, sondern überhaupt auf die Zukunft zugesagt hätte. Durch Fälle dieser Art konnten leicht Mishelligkeiten entstehen, an welchen sich das Bedürfniss einer bestimmten Bezeichnung für Vergangenheit und Zukunft deutlich offenbaren musste. Diesem Bedürfniss konnte vielleicht schon dadurch abgeholfen werden, dass man solche allgemeine Worte, wie morgen, gestern u. s. w., wenn sie die verflossene oder kommende Zeit überhaupt ausdrücken sollten, mit dem Zeitwort zusammenfassender, schneller und kürzer aussprach, und im Gegentheil dieselben Worte, wenn sie bestimmt den zunächst vergangenen oder zukünftigen Tag bezeichnen sollten, durch einen festen, längeren Ton ausdrückte. So wurde zum Ausdrucke der vergangenen und zukünftigen Zeit ein Zusatz zum Zeitworte gefunden, welcher nach und nach inniger mit demselben zusammenfloss, und das Perfectum und Futurum in seiner jetzigen Gestalt bildete.

Es fragt sich noch: wie entstanden die verschiedenen Casus? — Der Nominativ und Accusativ sind wohl diejenigen, auf welche man am frühesten kam. Man bedurfte sie auch bei der einfachsten Wortfügung, und sie liessen sich auch leicht durch die Stelle, welche sie in einem Satze bekommen mussten, charakterisiren. Das Subject einer Rede musste, als der unbestimmteste Begriff, immer die erste Stelle in einem Satze einnehmen. Bei jeder Wortfügung musste also ein Substantiv vorangehen; darauf folgte das Zeitwort, der Ausdruck des Zustandes, in welchem sich das Subject befand. Sollte nun dieses Zeitwort bezogen werden auf einen Gegenstand, welcher mit der durch dasselbe bezeichneten Handlung des Subjects in Verbindung stand, so musste dieses seinen Platz gleich hinter dem Zeitworte erhalten. Dieser Anordnung der Worte gemäss muss das Substantiv, da es das Subject des Satzes anzeigen, gleichsam nennen soll, im Nominativ, das Object aber, welches auf die Handlung des Subjects bezogen wird, im Accusativ stehen; folglich der Nominativ den Satz anfangen, der Accusativ denselben beschliessen. — Der Accusativ musste mithin auch, weil kein Wort weiter auf ihn folgte, den längsten und stärksten Ton haben, der Nominativ aber flüchtig ausgesprochen und mit dem Zeitworte verflochten werden. Es musste sich also bei einem und demselben Worte leicht unterscheiden lassen, ob es im Nominativ, oder Accusativ stehe, indem in dem letzteren Falle entweder eine Verlängerung, durch Zusetzung mehrerer Buchstaben oder Sylben, oder doch eine Verstärkung des Tones stattfand.

Der Genitiv wurde als nähere Bestimmung des Substantivs angehängt, und ich glaube wohl, dass der Name, den er führt, den ursprünglichen Gebrauch bezeichnet, welchen man von diesem Casus machte. Man bediente sich seiner zur Bezeichnung der Abstammung eines Menschen, indem man erst den Sohn, und dann den Vater nannte. Späterhin wendete man diese Bestimmung auch auf das Besitzthum an, man sagte z. B. das Schaaf des Marcus u. s. w. Der Genitiv hatte deshalb auch seine Stelle, durch die er bezeichnet wurde, unmittelbar nach dem Substantiv, zu dessen näherer Bestimmung er diente. Z. B. man wollte unter einer Horde einen bezeichnen, der mit mehreren anderen einen gleichen Namen hatte; so setzte man, um ihn nicht mit einem von diesen Anderen zu verwechseln, den Namen seines Vaters hinzu, als: Marcus Caji, u. s. w. Da nun, nach den Grundsätzen, welchen wir bei der Ableitung der Grammatik gefolgt sind, jedes Wort, je weiter es in der Reihe der Zeichen zurückstand, einen desto längeren und stärkeren Accent erhielt: so musste auch der Genitiv einen längeren oder stärkeren Ton bekommen, als der Nominativ, hinter welchem er seinen Platz hatte.

Auch der Ablativ ist, wie der Genitiv, entstanden, um ein Wort näher zu bestimmen, und drückte vielleicht anfangs das von einem Orte Nehmen aus. Er ist mit dem Genitiv gewissermaassen gleichartig; beide drücken die Beziehung mehrerer Nennwörter auf einander aus. Die Entstehung dieser beiden Casus ist allerdings in der Ursprache zu suchen. Es war unter rohen Völkern sehr nothwendig, dergleichen Beziehungen recht verständlich auszudrücken. Wie leicht konnte man einem verdrüsslichen Misverständnisse vorbeugen, wenn man, um einen Menschen desto genauer kenntlich zu machen, den Namen seines Vaters zu dem seinigen hinzufügte; sowie man auch in allen alten Geschichtschreibern zur näheren Bestimmung des Sohnes den Namen des Vaters hinzugesetzt findet.

Aber um alle die verschiedenen Beziehungen der Gegenstände auf einander zu bezeichnen, ist weder der Genitiv noch der Ablativ hinreichend; es bedarf also auch noch der Präpositionen. Eine der gewöhnlichsten solcher Beziehungen ist z. B. die Localbeziehung, als: das Haus im Dorfe, u. s. w. Diese Beziehungen wurden ursprünglich wohl dadurch ausgedrückt, dass man einen Buchstaben, eine Sylbe oder einen fast unmerklichen Ton einem von den beiden Nennwörtern, welche auf einander bezogen werden sollten, beifügte. Da dieser Zusatz, den man sich übrigens als Präfix oder Affix denken kann, nicht geschrieben, sondern ausgesprochen wurde, so liess sich auch nicht bestimmen, ob er einen besonderen Ton ausmachte, sondern er floss in der Aussprache mit dem Zeichen, welchem er vor- oder nachgesetzt wurde, zusammen.

Der Dativ bezeichnet die Beziehung einer Handlung auf ein Drittes, auf etwas ausser dem Subject und Object, auf welches die Handlung eigentlich abzweckt. Z. B. ich gebe das Brot, ich nehme das Brot: hier fehlt offenbar die Beziehung auf ein Drittes, um dessen willen die Handlung vorgenommen, dem das Brot gegeben, oder genommen wird. Setze ich diese Beziehung hinzu, sage ich z. B. ich gebe oder nehme das Brot dem Hunde, so habe ich auch den Dativ. Da der Gegenstand, mit welchem eigentlich die Handlung vorgenommen wird, zur Bestimmung der Handlung unmittelbar gehört, so muss auch der Accusativ, welcher dieses Verhältniss des behandelten Gegenstandes zu der Handlung bezeichnet, unmittelbar nach dem Zeitwort stehen; und der Dativ, welcher den Gegenstand bezeichnet, um dessenwillen die Handlung eigentlich geschieht, folgt jenem nach. Er wird also den Satz schliessen, und folglich einen volleren Ton bekommen, als der Accusativ selbst.

So entstand Grammatik bloss durch das Bedürfniss der Sprache, und durch die Fortschritte, welche die menschliche Vernunft nach und nach machte. Denn selbst bei der einfachsten Mittheilung der Gedanken musste sehr vieles durch Beziehung der Worte auf einander ausgedrückt werden, und der natürliche, durch die Vernunft geleitete Gang der Sprache brachte den Menschen, ohne dass Verabredung erforderlich gewesen wäre, auf die Bestimmung der verschiedenen Arten jener Beziehung.

Man könnte gegen diese Theorie einwenden, dass es verschiedene Sprachen gebe, denen man ihre Entstehung nach den von uns vorgetragenen Regeln nicht ansehe. So soll, unserer Darstellung gemäss, das Wurzelwort immer ein Zeitwort seyn, und dieses Zeitwort soll ursprünglich in Einem Tone mehrere Begriffe ausdrücken, soll ursprünglich in der dritten Person vorgetragen werden, und aoristische Bedeutung haben. Nun zeigt sich in der griechischen und lateinischen Sprache offenbar das Gegentheil. In den Zeitwörtern derselben ist augenscheinlich nicht die dritte, sondern die erste Person diejenige, aus welcher alle übrigen gebildet sind, ist nicht der Aorist, sondern das Präsens die Wurzel. Woher also diese Verschiedenheit, wenn unsere Theorie richtig ist? Nehmen wir auch an, dass die genannten Sprachen keine Ursprachen gewesen sind, sondern sich aus schon entstandenen gebildet haben; so müssen wir doch zugeben, dass sie zuletzt aus solchen hervorgehen mussten, welche auf die hier vorgetragene Art entstanden waren. Warum zeigt sich nun in ihnen auch nicht die leichteste Spur von jener Ursprache? Denn, mag sich eine Sprache noch so sehr cultiviren, mag eine gebildetere Grammatik noch so viel Modificationen in sie hineintragen: so müssen sich doch in ihr noch Ueberreste von dem ersten rohen Zuschnitte finden, z. B. aus der dritten Person, und nicht aus der ersten, die Form der übrigen abgeleitet, und der Aorist, nicht das Präsens das Wurzelwort seyn.

Auf diesen Einwurf lässt sich folgendes antworten. Man sah sich bald genöthigt, neue Worte zu erfinden, weil der menschliche Geist, bei seinen Fortschritten zur Cultur, sich immer mit neuen Vorstellungen bereicherte, und neue Bestimmungen in alte Begriffe hineintrug. Die Worte, welche man zu Bezeichnung dieser Vorstellungen erfand, — man mochte nun dazu entweder ganz neue, in der Sprache bisher noch nicht vorgekommene Töne, oder eine Verbindung mehrerer, schon bekannter Töne gebrauchen, — mussten auf jeden Fall das Gepräge der Bildung tragen, welche der menschliche Geist in dem Zeitpunct jener erfundenen neuen Bezeichnungen hatte. Nun geht der gebildete Mensch vom Ich aus, und betrachtet alles aus dem Gesichtspuncte des Ich: er wird also auf dieser Stufe der Cultur auch bei der Aufstellung eines neuen Zeitwortes von der ersten Person ausgehen. Daher kann es nicht fehlen, dass ein neues Wort, gebildet in Zeiten höherer Cultur, von den ursprünglichen Formen derselben Sprache abweichen musste. Im Anfange wurden nun solche Worte mit den alten, von welchen sie abstammten, zugleich gebraucht; aber bald wurden jene allgemein und verdrängten die letzteren. Denn, sowie die Nation in ihrer Cultur weiter vorrückte, musste sie nothwendig die neueren Formen ihren Begriffen angemessener finden, und über dem Gebrauche derselben die älteren bald vergessen.

So wird selbst bei einem Volke, das von allen äusseren Einflüssen frei bleibt, sich mit keinem anderen Volke vermischt, seinen Wohnplatz nie verändert u. s. w., die rohe Natursprache nach und nach untergehen, und an deren Stelle eine andere treten, die von jener auch nicht die leichteste Spur an sich trägt. Man würde sich also irren, wenn man glaubte, die Griechen, Römer und andere hätten nie eine Ursprache gehabt, weil sich keine Ueberreste davon bei ihnen fänden. Jene Urtöne sind nach und nach aus der Ursprache verschwunden, als sie sich durch Zeichen ersetzt sahen, die dem cultivirten Geiste des Volkes besser entsprachen.

Eine eigene Erscheinung in den neueren Sprachen sind die Hülfswörter; das: ich bin, werden u. s. w. Diese Bezeichnungen, wo sie sich in einer Sprache finden, beweisen einen hohen Grad der Abstraction. Man fand vermuthlich bald einen besonderen Nachdruck in der auszeichnenden Endung des Perfectum und Futurum, wodurch die Sprache an Rundung gewann. Aber immer ist es Zeichen einer noch höheren Cultur, wenn einzelne Begriffe erfunden werden, um Einen Gedanken desto bestimmter auszudrücken. Die Aufstellung dieser Bezeichnungen ist aber in einer Sprache wenigstens nicht früher möglich, bis in ihr der Begriff des Leidens oder das Passiv schon ausgedrückt ist.

[34] Ich beweise hier nicht, dass der Mensch ohne Sprache nicht denken, und ohne sie keine allgemeinen abstracten Begriffe haben könne. Das kann er allerdings vermittelst der Bilder, die er durch die Phantasie sich entwirft. Die Sprache ist meiner Ueberzeugung nach für viel zu wichtig gehalten worden, wenn man geglaubt hat, dass ohne sie überhaupt kein Vernunftgebrauch stattgefunden haben würde.

[35] Dieses Urtheil ist durch die kritische Philosophie angefochten worden, als eine Täuschung. — Aus dem Gesichtspuncte des philosophischen Räsonnements können wir nicht sagen: es ist eine Welt. Das, was ausser mir ist, kann ich bloss fühlen, und in dieser Rücksicht nur glauben. Dass Dinge ausser mir sind, ist also blosser Glaubensartikel; und wie will man aus etwas, das bloss geglaubt werden kann, etwas Erweisbares, einen demonstrativen Vernunftsatz machen? — Dieser Einwurf geht aber nur gegen den Philosophen, der — anstatt, wie er sollte, das Theoretische von dem Praktischen, das, was innerhalb der Grenzen des Gefühls geglaubt wird, von dem was über diese Grenzen hinaus, im Gebiete des Verstandes erkannt wird, scharf zu unterscheiden — etwas bloss zu Glaubendes für etwas Erkennbares annimmt, und auf dieses vermeintlich Erkennbare einen Beweis gründen will, der seinem Gehalte nach für den Verstand gültig seyn soll. Dass Dinge ausser uns sind, erkennen wir nicht; das Daseyn dieser Dinge wird uns nur durchs Gefühl und im Gefühl gegeben, und ist also bloss Gegenstand des Glaubens. Nun ist es wohl ein einleuchtender Widerspruch, aus einem solchen Glauben die Existenz irgend eines Uebersinnlichen erweisen, aus etwas Geglaubtem auf ein Uebersinnliches einen Schluss machen zu wollen, der für den Verstand, und nicht bloss für das Gefühl überzeugende Kraft hätte. Ein solcher Schluss würde die Forderung enthalten: entweder, dass der Verstand, der, inwiefern er Verstand ist, nur erkennen, und nur durch Erkanntes überzeugt werden kann, glauben; oder, dass das Gefühl, welches, als Gefühl, uns nur etwas zum glauben geben kann, erkennen soll. — Also aus dem bloss gefühlten Daseyn der Dinge ausser uns können wir nicht erweisen, dass ein Gott sey.

Aber aus einem Gefühle lässt sich leicht ein anderes entwickeln: wir können von einem Gefühle auf die Annehmbarkeit eines anderen, mithin von dem Glauben an die Dinge ausser uns, auf die Glaubwürdigkeit des Daseyns eines höchsten übersinnlichen Wesens schliessen. Diesen Schluss macht der gemeine Menschenverstand; und, da es ihm nicht obliegt, Gefühl und Erkenntniss streng zu unterscheiden, er auch gar nicht vorgiebt, sie unterschieden zu haben: so wäre es ein blosser Misverstand, wenn man gegen das Urtheil des gemeinen Verstandes, „dass ein Gott sey,“ jenen Einwurf der Kritik geltend machen wollte.

E.
Ueber Belebung und Erhöhung des reinen Interesse für Wahrheit.

(Aus Schillers Horen Bd. I, St. I. 1795.)

Vergebens erwartet man durch irgend ein glückliches Ohngefähr die Wahrheit zu finden, wenn man sich nicht von einem lebhaften Interesse begeistert fühlt, mit Verläugnung alles Andern ausser ihr, sie zu suchen. Es ist demnach eine wichtige Frage für jeden, der die Würde der Vernunft in sich behaupten will: was habe ich zu thun, um reines Interesse für Wahrheit in mir zu erwecken, oder wenigstens dasselbe zu erhalten, zu erhöhen und zu beleben?

Wie jedes Interesse überhaupt, so gründet sich auch das Interesse für Wahrheit auf einen ursprünglich in uns liegenden Trieb. Unter unseren reinen Trieben aber ist auch ein Trieb nach Wahrheit. Niemand will irren, und jeder Irrende hält seinen Irrthum für Wahrheit. Könnte man ihm auf eine für ihn überzeugende Art darthun, dass er irre, so würde er sogleich den Irrthum aufgeben, und statt desselben die entgegengesetzte Wahrheit ergreifen.

Kommt etwas hinzu, das sich auf diesen Trieb bezieht, entdeckt man in unserm Fall eine Wahrheit als solche, oder erkennt einen Irrthum für einen Irrthum, so entsteht nothwendig ein Gefühl des Beifalls für die erstere, eine Abneigung gegen den letztern; und beides völlig unabhängig von dem Inhalte und den Folgen jener Wahrheit und dieses Irrthums. Aus wiederholten Gefühlen der gleichen Art entsteht ein Interesse für Wahrheit überhaupt. Ein solches Interesse lässt sich daher nicht hervorbringen; es gründet sich der Anlage nach auf das Wesen der Vernunft, und wird seinen Aeusserungen nach in der Erfahrung durch die Welt ausser uns ohne unser wissentliches Zuthun geweckt; aber man kann dieses Interesse erhöhen.

Dies geschieht durch Freiheit, wie jede sittliche Handlung. Aber alle Regeln für Anwendung der Freiheit setzen die Anwendung derselben schon voraus; und man kann vernünftigerweise nur demjenigen zurufen: gebrauche deine Freiheit, der dieselbe schon gebraucht hat. Dieser erste Act der Freiheit, dieses Losreissen aus den Ketten der Nothwendigkeit geschieht, ohne dass wir selbst wissen wie. So wenig wir uns des ersten Schrittes in das Reich des Bewusstseyns überhaupt bewusst werden, ebensowenig werden wir uns unseres Uebertrittes in das Reich der Moralität bewusst. Irgend woher fällt ein Feuerfunke in unsere Seele, der vielleicht lange in heimlichem Dunkel glüht. Er erhebt sich, er greift umher, er wird zur Flamme, bis er endlich die ganze Seele entzündet.

Jedes praktische Interesse im Menschen erhält und belebt sich selbst; darin besteht sein Wesen. Jede Befriedigung verstärkt es, erneuert es, hebt es mehr hervor im Bewusstseyn. Gefühl des erweiterten Bedürfnisses ist der einzige Genuss für das endliche Wesen. Die Hauptvorschrift zu Erhöhung jedes Interesse im Menschen, mithin auch des Interesse für Wahrheit, heisst demnach: befriedige deinen Trieb! woraus für den gegenwärtigen Fall sich folgende zwei Regeln ergeben: entferne jedes Interesse, das dem reinen Interesse für Wahrheit entgegen ist, und suche jeden Genuss, der das reine Interesse für Wahrheit befördert!

Man nehme keinen Anstoss an der sonst mit Recht verdächtigen Empfehlung des Genusses. Dass durch den Genuss, und allein durch diesen jeder Trieb, der in der vernünftigen Natur des Menschen gegründet ist, ausgebildet werde, ist einmal wahr. Genuss, der sich bloss auf Befriedigung der animalischen Sinnlichkeit gründet, verzehrt und vernichtet sich in sich selbst, und von ihm ist hier nicht die Rede. Geistiger Genuss, wie z. B. der ästhetische, erhöht sich durch sich selbst. Es ist demnach ebenso wahr, dass die obenaufgestellte Regel die einzige ist, die zur Erhöhung eines geistigen Interesse gegeben werden kann. Die Beantwortung einer ganz anderen Frage: ob nemlich irgend ein geistiger Genuss ganz unbedingt zu empfehlen sey? hängt ab von der Beantwortung einer höheren Frage: ob der Trieb, auf den jener Genuss sich bezieht, ins unbedingte zu erhöhen? und diese von der noch höheren: ob dieser Trieb irgend einem andern unterzuordnen sey? So ist der ästhetische Trieb im Menschen allerdings dem Triebe nach Wahrheit, und dem höchsten aller Triebe, dem nach sittlicher Güte, unterzuordnen. Ob der Trieb nach Wahrheit mit einem höheren Triebe in Streit kommen könne, wird sich aus unserer Untersuchung von selbst ergeben. — Irgend einen Ausdruck aber zu vermeiden, weil er gemisbraucht worden, glaube ich wenigstens hier nicht nöthig zu haben.

Unser Interesse für Wahrheit soll rein seyn; die Wahrheit, bloss weil sie Wahrheit ist, soll der letzte Endzweck alles unseres Lernens, Denkens und Forschens seyn.

Die Wahrheit an sich aber ist bloss formal. Uebereinstimmung und Zusammenhang in allem, was wir annehmen, ist Wahrheit, sowie Widerspruch in unserem Denken Irrthum und Lüge ist. Alles im Menschen, mithin auch seine Wahrheit, steht unter diesem höchsten Gesetze: sey stets einig mit dir selbst! Heisst jenes Gesetz in der Anwendung auf unsere Handlungen überhaupt: handle so, dass die Art deines Handelns, deinem besten Wissen nach, ewiges Gesetz für alles dein Handeln seyn kann; so heisst dasselbe, wenn es insbesondere auf unser Urtheilen angewendet wird: urtheile so, dass du die Art deines jetzigen Urtheilens als ewiges Gesetz für dein gesammtes Urtheilen denken könnest. Wie du vernünftigerweise in allen Fällen kannst urtheilen wollen, so urtheile in diesem bestimmten Falle. Mache nie eine Ausnahme in deiner Folgerungsart. Alle Ausnahmen sind sicherlich Sophistereien. — Darin unterscheidet sich der Wahrheitsfreund vom Sophisten: Beider Behauptungen an sich betrachtet kann vielleicht der erstere irren, und der letztere recht haben; und dennoch ist der erstere ein Wahrheitsfreund, auch wenn er irrt, und der letztere ein Sophist, auch da, wo er die Wahrheit sagt, weil sie etwa zu seinem Zwecke dient. Aber in den Aeusserungen des Wahrheitsfreundes ist nichts Widersprechendes, er geht seinen geraden Gang fort, ohne sich weder rechts noch links zu wenden; der Sophist ändert stets seinen Weg, und beschreibt seine krumme Schlangenlinie, sowie der Punct sich verrückt, bei welchem er gern ankommen möchte. Der erstere hat gar keinen Punct im Gesichte, sondern zieht seine gerade Linie, welcher Punct auch immer hineinfallen möge.

Diesem Interesse für Wahrheit um ihrer blossen Form willen ist gerade entgegengesetzt alles Interesse für den bestimmten Inhalt der Sätze. Einem solchen materiellen Interesse ist es nicht darum zu thun, wie etwas gefunden sey, sondern nur was gefunden sey.

Wir haben schon etwa einen Satz ehemals behauptet, vielleicht Beifall damit gefunden und Ehre eingeerntet, und meinten es damals aufrichtig. Damals war unsere Behauptung zwar nicht allgemeine Wahrheit, die sich auf das Wesen der Vernunft, aber doch Wahrheit für uns, die sich auf unsere damalige individuelle Denk- und Empfindungsart gründete. Wir irrten, aber wir täuschten nicht, weder uns noch andere. Seitdem haben wir entweder selbst weiter geforscht, wir haben unsere individuelle Denkart dem Ideale der allgemeinen und nothwendigen Denkart mehr genähert, oder auch andere haben uns unseren Irrthum gezeigt. Derselbe materielle Satz, der ehemals formale Wahrheit für uns war, ist uns jetzt, aus dem nemlichen Grunde, aus dem er dieses war, formaler Irrthum; und sind wir uns selbst treu, so werden wir ihn sogleich aufgeben. Aber dann müssten wir erkennen, dass wir geirrt haben; vielleicht dass ein anderer weiter gesehen habe, als wir. Ist unser Interesse für Wahrheit nicht rein und nicht stark genug, so werden wir gegen die auf uns eindringende Ueberzeugung uns vertheidigen, so lange wir können; und nun ist es uns nicht mehr um die Form zu thun, sondern um die Materie des Satzes; wir vertheidigen denselben, weil er der unsrige ist, und weil ein eitler Ruhm uns mehr gilt, denn Wahrheit.

Eine Meinung schmeichelt unserm Stolze, unseren Anmaassungen, unserer Unterdrückungssucht. Man erschüttert sie mit den stärksten Gründen, gegen die wir nichts aufbringen können. Werden wir uns überzeugen lassen? Aber wir müssten dann entweder unsere gerechten Ansprüche aufgeben, oder uns für wohlbedächtige und überlegte Ungerechte anerkennen. Es ist zu erwarten, dass wir gegen die Ueberzeugung uns verwahren werden, so lange wir können, und dass wir in allen Schlupfwinkeln unseres Herzens nach Ausflüchten suchen werden, um ihr auszuweichen.

Ein zweites Hinderniss des reinen Interesse für Wahrheit ist die Trägheit des Geistes, die Scheu vor der Mühe des Nachdenkens. Der Mensch ist von Natur ein vorstellendes Wesen, aber er ist durch sie auch nichts weiter. Die Natur bestimmt die Reihe seiner Vorstellungen, wie sie die Verkettung seiner körperlichen Theile bestimmt. Sein Geist ist eine Maschine, wie sein Körper; nur eine Maschine anderer Art, eine vorstellende Maschine, bestimmt durch Einwirkung von aussen und durch seine nothwendigen Naturgesetze von innen. Man kann viel wissen, viel studiren, viel lesen, viel hören, und ist doch nichts weiter. Man lässt durch Schriftsteller oder Redner sich bearbeiten, und sieht mit behaglicher Ruhe zu, wie eine Vorstellung in uns mit der andern abwechselt. Sowie die Weichlinge des Orients in ihren Bädern durch besondere Künstler ihre Gelenke durchkneten lassen, so lassen diese durch Künstler anderer Art ihren Geist durchkneten, und ihr Genuss ist um weniges edler, als der Genuss jener.

Diesem blinden Hange thätig widerstreben, eingreifen in den Mechanismus der Ideenfolge, und ihr gebieten, ihr mit Freiheit eine Richtung geben auf ein bestimmtes Ziel, und von dieser Richtung nicht abweichen, bis das Ziel erreicht ist: das ist der rohen Natur zuwider, und kostet Anstrengung und Verläugnung.

Jedes unthätige Hingeben ist dem Interesse für Wahrheit geradezu entgegen. Es wird dabei gar nicht auf Wahrheit oder Nichtwahrheit, sondern lediglich auf die Ergötzung geachtet, die jener Wechsel der Vorstellungen uns gewährt. Wir kommen dadurch auch nicht zur Wahrheit; denn Wahrheit ist Einheit, und diese muss thätig und mit Freiheit hervorgebracht werden, durch Anstrengung und eigene Kraftanwendung. Gesetzt, man käme durch ein glückliches Ohngefähr auf diesem Wege wirklich zu Vorstellungen, die an sich wahr wären, so wären sie es doch nicht für uns, denn wir hätten von der Wahrheit derselben uns nicht durch eigenes Nachdenken überzeugt.

Beide Unarten vereinigen sich in denjenigen, welche alle Untersuchung fliehen, aus Furcht, dadurch in ihrer Ruhe und in ihrem Glauben gestört zu werden. Was kann eines vernünftigen Wesens unwürdiger seyn, als eine solche Ausrede? Entweder ist ihre Ruhe, ihr Glaube gegründet; und was fürchten sie dann die Untersuchung? Die Güte ihrer Sache muss ja nothwendig durch die hellste Beleuchtung gewinnen. — Aber sie fürchten vielleicht bloss unsere Trugschlüsse, unsere Ueberredungskünste? Wenn sie unsere Folgerungen nicht gehört haben, noch hören wollen: woher mögen sie doch wissen, dass es Trugschlüsse sind? Und setzen sie in ihren Verstand nicht das Vertrauen, dass er allen falschen Schein, der sich gegen ihre Ueberzeugung auflehnt, zerstreuen werde, da sie ihm doch das ungleich grössere zutrauen, dass er die einzig mögliche reine Wahrheit ohne sonderliches Nachdenken aufgefunden habe? — Oder ihre Ruhe, ihr Glaube ist grundlos; und also ist es ihnen überhaupt nicht darum zu thun, ob er gegründet sey oder nicht, wenn sie nur nicht in ihrer süssen Behaglichkeit gestört werden. Es liegt ihnen gar nicht an der Wahrheit, sondern bloss an der Vergünstigung, dasjenige für wahr zu halten, was sie bisher dafür gehalten haben; sey es um der Gewohnheit willen, sey es, weil der Inhalt desselben ihrer Trägheit und Verdorbenheit schmeichelt. Sie erhalten etwa dadurch die Hoffnung, ohne alles ihr Zuthun, tugendhaft und glückselig, oder wohl gar ohne Tugend glückselig zu werden, recht viel zu geniessen, ohne etwas zu thun; andere für sich arbeiten zu lassen, wo sie Lust haben, träge und verdorben zu seyn.

Alles Interesse von der angezeigten Art ist unächt, und in Ausrottung desselben besteht der erste Schritt zu Erhöhung des reinen Interesse für Wahrheit. Der zweite ist: man überlasse sich jedem Genusse, den das reine Interesse für Wahrheit gewährt. Die Wahrheit an sich selbst, wiefern sie bloss in der Harmonie alles unseres Denkens besteht, gewährt Genuss, und einen reinen, edlen, hohen Genuss.

Das ist eine gemeine Seele, der es gleichgültig ist, ob sie, so geringfügig der Gegenstand auch seyn möge, irre, oder im Besitz der Wahrheit sey. Es ist hierbei nemlich gar nicht um den Inhalt und um die Folgen eines Satzes zu thun, sondern lediglich um Einheit und Uebereinstimmung in dem gesammten System des menschlichen Geistes. Aber der Mensch soll einig mit sich selbst seyn; er soll ein eigenes, für sich bestehendes Ganzes bilden. Nur unter dieser Bedingung ist er Mensch. Mithin ist das Bewusstseyn der völligen Uebereinstimmung mit uns selbst in unserem Denken, oder doch des redlichen Strebens nach einer solchen Uebereinstimmung, unmittelbares Bewusstseyn unserer behaupteten Menschenwürde, und gewährt einen moralischen Genuss.

Man bezeugt es sich durch jenes Streben, und durch die vermittelst desselben hervorgebrachte Harmonie, dass man ein selbstständiges, von allem, was nicht unser Selbst ist, unabhängiges Wesen bilde. Man wird des erhabenen Gefühls theilhaftig: ich bin, was ich bin, weil ich es habe seyn wollen. Ich hätte mich können forttreiben lassen durch die Räder der Nothwendigkeit; ich hätte meine Ueberzeugung können bestimmen lassen durch die Eindrücke, die ich von der Natur überhaupt erhielt, durch den Hang meiner Leidenschaften und Neigungen, durch die Meinungen, die mir meine Zeitgenossen beibringen wollten: aber ich habe nicht gewollt. Ich habe mich losgerissen, ich habe durch eigene Thätigkeit nach einer durch mich selbst bestimmten Richtung hin untersucht; ich stehe jetzt auf diesem bestimmten Puncte, und ich bin durch mich selbst, durch eigenen Entschluss und eigene Kraft darauf gekommen. — Man wird des erhabenen Gefühls theilhaftig: ich werde immer seyn, was ich jetzt bin, weil ich es immer wollen werde. Der Inhalt meiner Ueberzeugungen zwar wird durch fortgesetztes Nachforschen sich ändern, aber um ihn ist es mir auch nicht zu thun. Die Form derselben wird sich nie ändern. Ich werde nie der Sinnlichkeit, noch irgend einem Dinge, das ausser mir ist, Einfluss auf die Bildung meiner Denkart verstatten; ich werde, so weit mein Gesichtskreis sich erstreckt, immer einig mit mir selbst seyn, weil ich es immer wollen werde.

Diese strenge und scharfe Unterscheidung unseres reinen Selbst von allem, was nicht wir selbst sind, ist der wahre Charakter der Menschheit; die Stärke und der Umfang dieses Selbstgefühls ist bestimmt durch den Grad unserer Humanität; dieser unsere ganze Würde und unsere ganze Glückseligkeit.

Mit dieser sichern Ueberzeugung, stets einig mit sich selbst zu seyn, geht der entschiedene Freund der Wahrheit auf dem Wege der Untersuchung ruhig fort; er geht muthig allem entgegen, was ihm auf demselben aufstossen möchte. Es ist für denjenigen, der mit sich selbst noch nicht recht eins geworden ist, was er denn eigentlich suche und wolle, äusserst beängstigend, wenn er auf seinem Wege auf Sätze stösst, die allen seinen bisherigen Meinungen, und den Meinungen seiner Zeitgenossen, und der Vorwelt widersprechen; und gewiss ist diese Aengstlichkeit eine der Hauptursachen, warum die Menschheit auf dem Wege zur Wahrheit so langsame Fortschritte gemacht hat. Von ihr ist derjenige, der die Wahrheit um ihrer selbst willen sucht, völlig frei. Er blickt jeder noch so befremdenden Folgerung kühn in das Gesicht. Ob sie ein befremdendes oder bekanntes Aussehen habe, ob sie seiner und aller bisherigen Meinung widerspreche oder nicht, darnach war nicht die Frage. Die Frage war: ob sie, seinem besten Wissen nach, mit den Gesetzen des Denkens übereinstimme oder nicht, und das wird er untersuchen. Wird sich finden, dass sie damit übereinstimme, so wird er sie als heilige, ehrwürdige Wahrheit aufnehmen; wird sie nicht damit übereinstimmen, so wird er sie als Irrthum verwerfen, nicht weil sie der gemeinen Meinung, sondern weil sie seinem besten Wissen nach den Gesetzen des Denkens widerspricht. Bis dahin ist er völlig gleichgültig gegen sie; über ihren Inhalt hat er die Frage nicht erhoben; derselbe ist ihm bekannt; ihre Form hat er noch zu untersuchen.

Mit dieser kalten Ruhe und festen Entschlossenheit blickt er hinein in das Gewühl der menschlichen Meinungen überhaupt und seiner eigenen Einfälle und Zweifel. Es wirbelt und stürmt um ihn herum, aber nicht in ihm. Er selbst sieht aus seiner unerreichbaren Burg ruhig dem Sturme zu. Er wird ihm zu seiner Zeit gebieten, und eine Welle nach der anderen wird sich legen. — Er will nur Harmonie mit sich selbst, und er bringt sie hervor, so weit er bis jetzt gekommen ist. Dort ist noch Verwirrung in seinen Meinungen; das ist nicht seine Schuld, denn bis dahin hat er noch nicht kommen können. Er wird auch dahin kommen, und dann wird jene Unordnung in die schönste Ordnung sich auflösen. — Was wäre denn wohl endlich das härteste, was ihm begegnen könnte? Gesetzt, er fände, entweder weil die Schranken der endlichen Vernunft überhaupt, welches unmöglich ist, oder weil die Schranken seines Individuums solches mit sich bringen, als letztes Resultat seines Strebens nach Wahrheit, dass es überhaupt gar keine Wahrheit und Gewissheit gebe. Er würde auch diesem Schicksale, dem härtesten, das ihn treffen könnte, sich unterwerfen; denn er ist zwar unglücklich, aber schuldlos; er ist seines redlichen Forschens sich bewusst, und das ist statt alles Glücks, dessen er nun noch theilhaftig werden kann.

Ebenso ruhig — wenn dieser Umstand der Erwähnung werth ist — bleibt der entschiedene Freund der Wahrheit darüber, was andere zunächst zu seinen Ueberzeugungen sagen werden, wenn er in der Lage seyn sollte, sie mittheilen zu müssen; und der Gelehrte ist immer in dieser Lage, da er nicht bloss für sich selbst, sondern zugleich für andere forscht. Die Frage ist ja gar nicht, ob wir mit anderen, sondern ob wir mit uns selbst übereinstimmend denken. Ist das letztere, so können wir des erstern ohne unser Zuthun, und ohne erst die Stimmen zu sammeln, bei allen denen gewiss seyn, die mit sich selbst in Uebereinstimmung stehen; denn das Wesen der Vernunft ist in allen vernünftigen Wesen Eins und ebendasselbe. Wie andere denken, wissen wir nicht, und wir können davon nicht ausgehen. Wie wir denken sollen, wenn wir vernünftig denken wollen, können wir finden; und so, wie wir denken sollen, sollen alle vernünftige Wesen denken. Alle Untersuchung muss von innen heraus, nicht von aussen herein, geschehen. Ich soll nicht denken, wie andere denken; sondern wie ich denken soll, so, soll ich annehmen, denken auch andere. — Mit denen übereinstimmend zu seyn, die es mit sich selbst nicht sind, wäre das wohl ein würdiges Ziel für ein vernünftiges Wesen?

Das Gefühl der für formale Wahrheit angewendeten Kraft gewährt einen reinen, edlen, dauernden Genuss.

Einen solchen Genuss kann uns überhaupt nur dasjenige gewähren, was unser eigen ist, und was wir durch würdigen Gebrauch unserer Freiheit uns selbst erworben haben. Was uns hingegen ohne unser Zuthun von aussen gegeben worden ist, gewährt keinen reinen Selbstgenuss. Es ist nicht unser, und es kann uns ebenso wieder genommen werden, wie es uns gegeben wurde; wir geniessen an demselben nicht uns selbst, nicht unser eigenes Verdienst und unsern eigenen Werth. So verhält es sich auch insbesondere mit Geisteskraft. Das, was man guten Kopf, angebornes Talent, glückliche Naturanlage nennt, ist gar kein Gegenstand eines vernünftigen Selbstgenusses, denn es ist dabei gar kein eigenes Verdienst. Wenn ich eine reizbarere, thätigere Organisation erhielt, wenn dieselbe gleich bei meinem Eintritte ins Leben stärker und zweckmässiger afficirt wurde, was habe ich dazu beigetragen? Habe ich jene Organisation entworfen, unter mehreren sie ausgewählt und mir zugeeignet? Habe ich jene Eindrücke, die mich bei meinem Eintritte ins Leben empfingen, berechnet und geleitet?

Meine Kraft ist mein, lediglich inwiefern ich sie durch Freiheit hervorgebracht habe; ich kann aber nichts in ihr hervorbringen, als ihre Richtung; und in dieser besteht denn auch die wahre Geisteskraft. Blinde Kraft ist keine Kraft, vielmehr Ohnmacht. Die Richtung aber gebe ich ihr durch Freiheit, deren Regel ist, stets übereinstimmend mit sich selbst zu wirken; vorher war sie eine fremde Kraft, Kraft der willenlosen und zwecklosen Natur in mir.

Diese Geisteskraft wird durch den Gebrauch verstärkt und erhöht; und diese Erhöhung giebt Genuss, denn sie ist Verdienst. Sie gewährt das erhebende Bewusstseyn: ich war Maschine, und konnte Maschine bleiben; durch eigene Kraft, aus eigenem Antriebe habe ich mich zum selbstständigen Wesen gemacht. Dass ich jetzt mit Leichtigkeit, frei, nach meinem eigenen Zwecke fortschreite, verdanke ich mir selbst; dass ich fest, frei und kühn an jede Untersuchung mich wagen darf, verdanke ich mir selbst. Dieses Zutrauen auf mich, dieser Muth, mit welchem ich unternehme, was ich zu unternehmen habe, diese Hoffnung des Erfolgs, mit der ich an die Arbeit gehe, verdanke ich mir selbst.

Durch diese Geisteskraft wird zugleich das moralische Vermögen gestärkt, und sie ist selbst moralisch. Beide hängen innig zusammen, und wirken gegenseitig auf einander. Wahrheitsliebe bereitet vor zur moralischen Güte, und ist selbst schon an sich eine Art derselben. Dadurch, dass man alle seine Neigungen, Lieblingsmeinungen, Rücksichten, alles, was ausser uns ist, den Gesetzen des Denkens frei unterwirft, wird man gewöhnt, vor der Idee des Gesetzes überhaupt sich niederzubeugen und zu verstummen; und diese freie Unterwerfung ist selbst eine moralische Handlung. Herrschende Sinnlichkeit schwächt in gleichem Grade das Interesse für Wahrheit, wie für Sittlichkeit. Durch den Sieg, den das erstere über dieselbe erkämpft, wird zugleich für die Tugend ein Sieg erfochten. Freiheit des Geistes in Einer Rücksicht entfesselt in allen übrigen. Wer alles, was ausser ihm liegt, in der Erforschung der Wahrheit verachtet, der wird es auch in allem seinem Handeln überhaupt verachten lernen. Entschlossenheit im Denken führt nothwendig zur moralischen Güte und zur moralischen Stärke.

Ich setze kein Wort hinzu, um die Würde dieser Denkart fühlbar zu machen. Wer ihrer fähig ist, der fühlt sie durch die blosse Beschreibung; wer sie nicht fühlt, dem wird sie ewig unbekannt bleiben. —

F.
Aphorismen
über Erziehung aus dem Jahre 1804.[36]

1.

Einen Menschen erziehen heisst: ihm Gelegenheit geben, sich zum vollkommenen Meister und Selbstherrscher seiner gesammten Kraft zu machen. Der gesammten Kraft, sage ich; denn die Kraft des Menschen ist Eine und ist ein zusammenhängendes Ganze. Sogleich in der Erziehung einen abgesonderten Gebrauch dieser Kraft als Ziel ins Auge fassen, — den Zögling für seinen Stand erziehen, wie man dies wohl genannt hat, würde nur überflüssig seyn, wenn es nicht verderblich wäre. Es verengt die Kraft und macht sie zum Sklaven des angebildeten Standes, da sie doch sein Herrscher seyn sollte. Der völlig und harmonisch ausgebildeten Kraft kann man es überlassen, von welcher Seite her sie sich der Welt und der Praxis in ihr nähern werde; oder: in allen Ständen kommt es nicht darauf an, wozu man erzogen sey und was man gelernt habe, sondern was man sey? Wer überhaupt nur wirklich ist, ein vernünftiges und in jedem Augenblicke selbstthätiges Wesen, wird immer mit Leichtigkeit sich zu dem machen, was er in seiner Lage seyn soll. Wer aber durch irgend eine äusserliche Einübung (Dressur) den leider ermangelnden Thierinstinct ersetzt hat, der bleibt eben in dieser Schranke befangen, die ihn wie eine zweite, ihm undurchdringliche Natur umgiebt, und die Erziehung, der Unterricht hat ihn gerade beschränkt, getödtet, statt ihn zu befreien und zum lebendigen Fortwachsen aus sich selbst fähig zu machen.

2.

Für Entwickelung der Geisteskraft in diesem allgemeinsten Sinne haben wir Neueren nichts Zweckmässigeres, als die Erlernung der alten klassischen Sprachen. Ob man fürs Leben jemals dieser Sprachen bedürfen werde, davon sey nicht die Frage: ja sogar davon werde abgesehen, ob es dem aufkeimenden Geiste räthlicher sey, in der gepressten Luft der modernen Denkart, oder in dem heiteren Wehen der Schriftsteller des Alterthums zu athmen. Folgende Frage aber kann nicht geschenkt werden: wie der Zögling über den Nebel nicht von ihm geschaffener und deshalb nicht verstandener Worte, der nur den Geist, welcher ihm unbewusst in der Sprache umherwankt, keinesweges aber seinen eigenen, in ihm aufkommen lässt, — über diesen Nebel, der den grössten Theil selbst der angeblich gebildeten Menschen zeitlebens gefesselt hält, zur lebendigen Anschauung der Sache selbst gelangen solle?

Ich halte dafür, dass dies geschehen könne nur durch das Studium der Sprachen, deren ganze Begriffsgestaltung von der Modernität völlig abweicht und jeden, der es in dieser Region bis zum eigentlichen Verstehen bringen soll — was freilich mehr ist, als was der gewöhnliche Unterricht in den alten Sprachen bezweckt und in der Regel auch erreicht, der sich mit dem ungefähren Dolmetschen des Sinnes begnügt, — entschieden nöthiget, über alle Zeichen hinweg zu etwas Höherem, als das Sprachzeichen ist, zu dem Begriffe der Sache sich zu erheben: — ein Studium, welches ebendarum durch die Erlernung keiner neueren Sprache zu ersetzen ist, weil hierin mit nichtverstandenen Phrasen, gegen andere gleichgeltende, nur anderstönende, welche ebenfalls nicht verstanden werden, d. h. in denen niemals vom Ausdrucke und Bilde zum Begriffe vorgedrungen wird, — ein Tauschhandel getrieben werden kann und getrieben wird. Daher nun die Nebelwelt halbverstandener, nie bis auf ihren Kern untersuchter Vorstellungen, in der das gewöhnliche Bewusstseyn, auch der sogenannten Gebildeten, lebt, und die ihre Wahrheit sind, nach der zufälligen Gestaltung des sie umgebenden Sprachgeistes und nach dem ebenso zufälligen Anfluge aus ihren specielleren Umgebungen, wo also nirgends das Bewusstseyn mit dem Realen und Wahren zu thun hat, sondern mit den Schattenbildern desselben.

3.

Es liegt in der Sache, dass die Form des Unterrichtes und der Uebungen auf den beschriebenen Zweck berechnet seyn muss; eine Form, mit welcher ich aus alter Uebung im Unterrichte sehr bekannt zu seyn glaube. Eine Nebenrücksicht hierbei wird die seyn, den grössten Theil der Zeit und der Mühe, der in dem hergebrachten Unterrichte auf das Lateinische, eine sehr nachstehende Tochter des Griechischen, gewidmet wird, der Mutter selbst zuzuwenden, mit dem Griechischen, so viel dies möglich ist, anzufangen, dies als Hauptsache zu nehmen und bis zu Stil- und sogar Sprechübungen zu treiben, indem aus der für den geborenen Deutschen, wegen der sehr nahen Verwandtschaft des Griechischen mit seiner Muttersprache ohnedies leicht zu erlangenden Fertigkeit, eine Ansicht von der Sprache überhaupt und so auch eine Vorbereitung auf das weit ferner für uns liegende Lateinische erfolgt; welche auf umgekehrtem Wege nicht so sicher zu erreichen wäre.

4.

Es versteht sich, dass über dieser Erlernung der alten Sprachen und der Ansichten der alten Welt, der alten Geschichte, Geographie u. s. w., die Kenntniss der umgebenden Welt nicht vergessen werde. Dies ist nun aber, weil es das Umgebende betrifft, mehr durch Leben und möglichst zu vermittelnde Anschauung, als durch todtes Studium und Ueberlieferung, mehr durch unmittelbare Erfahrung und Conversation darüber, als durch besondere Lehrstunden zu befördern. Ein lebendiger, durch seine tägliche Arbeit an Verknüpfung und Ordnung gewöhnter Knabe wird nicht ermangeln, von dem, was er erblickt, aufzusteigen zu dem, was er nicht erblickt, und darnach, so wie nach dem Zusammenhange beider zu fragen, und er wird Befriedigung erhalten, wenn diejenigen, die ihn umgeben, theils selber die Sache wissen, theils so zu antworten verstehen, dass keine todte, nur wiederholende Phrase, sondern eine lebendige Anschauung im Zöglinge entstehe.

5.

Der innere Geist und Charakter dieser intellectuellen Erziehung, ohne welchen alle äusserlichen Fertigkeiten und Kenntnisse keinen Werth haben, ist der, dass der Zögling in der That und stets selbst arbeite, Alles durch eigene Geisteskraft sich erwerbe, keinesweges aber nur mechanisch etwas anlerne. Die Methode, leicht oder spielend zu lehren und zu lernen, kann daher in einem vernunftgemässen Erziehungsplane nicht eintreten, in welchem es gar nicht darauf ankommt, was da erlernt sey, sondern was der Zögling geistig vermöge, und wie dies Vermögen durch den Stoff des Unterrichtes entwickelt worden sey.

Aus diesem Grunde wird das Studium der Mathematik, am geeignetsten nach Euklides oder in dieser Methode, der zweite Hauptzweig des eigentlichen Unterrichtes seyn.

6.

Dagegen im unmittelbaren Leben, durch ein von selbst sich darbietendes oder künstlich herbeigeführtes Bedürfniss angeregt, sind die neueren Sprachen zu erlernen. Diese Erlernung ist dem Knaben, der schon an den alten Sprachen Kenntniss der Sprache überhaupt sich erworben, und Ohr und Zunge an ihnen geübt hat, der ferner Lateinisch versteht, besonders bei den Töchtern des Lateinischen sehr leicht, wenn dabei nur nicht auf eine zu nichts dienende Virtuosität im blossen Sprechen ausgegangen wird.

7.

Jenen auf Anschauung gegründeten Unterricht in den Anfangsgründen der Geometrie und Arithmetik abgerechnet, ist ein eigentlich systematisches und speculatives Studium der Wissenschaften, vor den Jahren der anfangenden Reife, sogar nachtheilig. Früher werde nur reicher Stoff der Erkenntniss herbeigeführt, die Phantasie gestärkt und frei und selbstständig gemacht, der Verstand durch Uebung an den gesetzmässigen Gang angewöhnt, als ob dies gar nicht anders seyn könne. Erst in dieser Richtigkeit des geistigen Blickes befestigt, möge er Ausflug nehmen zur Erforschung und zum deutlichen Bewusstseyn seiner Gesetze, denen er bisher, wie einem dunkeln Instincte, folgte. Mit Einem Worte: Transscendentalismus jeder Art, selbst in seinen leisesten Andeutungen, gehört nicht unter die Gegenstände der Erziehung. —

8.

Der Körper ist so gut Ausdruck der gesammten menschlichen Kraft, als es der Geist ist. Abgerechnet nun, dass ganz gegen die gewöhnliche Meinung von der „Ungesundheit“ des Fleisses und des ernsten Studiums, frühe Geistesbildung, wenn sie nur nicht ein Brüten der Memorie über todten, unverstandenen Phrasen, sondern ein Leben und Weben der Phantasie seyn soll, schon durch sich selbst auch für den Körper der wirksamste Lebensbalsam ist: — dies abgerechnet, bleibt es noch besonderer Zweck der Erziehung, den Zögling auch seines Körpers Meister zu machen, also dass er diesen besitze, in keinem Sinne aber von ihm besessen werde, — auch nicht durch körperliche Stimmungen und Aufregungen.

Hierher gehört zuerst Entwicklung und Fixirung der Sinne; des Auges durch (nicht mechanisches, sondern perspectivisches) Zeichnen; des Ohres durch Uebung im harmonischen, einstimmigen und vielstimmigen Gesange, und, sofern Talent vorhanden, auch im Erlernen eines musikalischen Instrumentes: — des allgemeinen Sinnes durch Gewöhnung an ununterbrochene Aufmerksamkeit und absolutes Nichtdulden des Zerstreutseyns. (Dieser Punct ist wichtiger als er scheint, und ich getraue mir zu behaupten, dass man das Menschengeschlecht mit Einem Streiche von allen seinen übrigen Gebrechen geheilt haben würde, wenn man jeden von dem Zerstreutseyn geheilt, und ihn dahin gebracht hätte, nur allemal seine ganze unzerstreute Aufmerksamkeit auf das zu richten, was er jetzt treibt.)

Täglicher Genuss der frischen Luft, harmonische Ausbildung des Körpers durch gymnastische Uebungen, wie Tanzen, Ringen, Fechten, Reiten, insgesammt auf den Zweck gerichtet, den Körper unter die Herrschaft des Geistes zu bringen und ihn zugleich zum starken, ausdauernden Werkzeuge desselben zu machen, verstehen sich von selber im Ganzen dieses Erziehungsplanes.

9.

Eine positive moralische Erziehung, d. h. eine solche, die sich den Zweck setze und ihn ausdrücklich ausspreche, den Zögling zur Tugend zu bilden, giebt es nicht; vielmehr würde ein solches Verfahren den inneren moralischen Sinn ertödten und gemüthlose Heuchler und Gleissner bilden. In der eigenen schamhaften Stille des Gemüthes, ohne Geschwätz und Selbstbespiegelung, muss die Sittlichkeit von selbst aufkeimen, und allmählig höher erwachsen und sich verbreiten, so wie die äusseren Beziehungen sich theils vermehren, theils dem Kinde klarer werden. So muss es seyn, und so wird es ohne alles absichtliche Zuthun allenthalben von selbst erfolgen, sofern nur lauter gute Beispiele den Zögling umgeben und alles Schlechte, Gemeine und Niedrige fern von seinem Auge gehalten wird.

Ausser dieser verhütenden Sorgfalt hat der Erzieher nur noch Folgendes zu thun: wenige, in sich selbst durchaus klare und leicht zu beobachtende positive Gebote aufzustellen, über deren Befolgung, ohne irgend eine Ausnahme und unverbrüchlich, gehalten werde. So wäre denn irgend einmal mit Feierlichkeit das sittliche Gesetz anzukündigen: schlechthin nicht zu lügen, nicht wissentlich und bedächtig gegen sein Bewusstseyn zu reden oder zu handeln. Nach aller Erfahrung ergreift dieses Gesetz mit einer wunderbaren Gewalt den Knaben, erhebt ihn, giebt ihm eine innerliche Fassung, und wird ihm unaustilgbare Quelle der inneren Rechtschaffenheit, die die Mutter aller Tugenden ist und Keinen, der sie besitzt, ohne Rettung fallen lässt.

10.

Innere Religiosität des Gemüthes, das heisst: heilige Ahnung eines über alle Sinnlichkeit Erhabenen, und Hinneigung zu ihm, findet bei innerer Rechtschaffenheit des Gemüthes und zweckmässiger Geistesbildung, wie sie eben beschrieben worden, sich ganz von selbst. Sie planmässig anlehren zu wollen, würde abermals den inneren Sinn dafür ertödten und den Heuchler bilden. — Die Unterweisungen in der positiven Landesreligion wird, wenn der Zögling in die Jahre kommt, an den Mysterien derselben theilzunehmen, der Geistliche seiner Confession (welches diese sey, ist unserer Erziehung völlig gleichgültig) besorgen, und unser Erziehungsplan wird jeder positiven oder negativen Einmischung und jedes Einflusses in diese Angelegenheit sich mit strenger Gewissenhaftigkeit enthalten.

11.

Die äusseren Mittel zur Erreichung des angegebenen Zweckes werden folgende seyn:

Es wird ein Hauslehrer, oder falls eine grössere Anzahl von Zöglingen sich fände, deren zwei gehalten. Die ausschliessenden Bedingungen, durch die man sich bei der Wahl dieser Lehrer leiten lassen wird, werden darin bestehen: zuvörderst, dass ihnen Pädagogik um ihrer selbst willen Geistes- und Herzensangelegenheit sey, und sie daher eine solche Stelle nicht als Mittel für einen fremden Zweck, sondern selbst als nächsten Zweck suchen; — sodann, dass, wenn sie auch nicht alles, sogar nur weniges von dem, was sie lehren sollen, wissen, sie doch die Geistesfreiheit und Uebung haben, immer mit Leichtigkeit es zu lernen, so wie sie dessen bedürfen, und ebenso die zweckmässigste Methode, es zu lehren, besitzen oder diese sich anzueignen vermögen. Diese Männer werden, abwechselnd mit mir, unter täglich gegenseitiger Rücksprache und Rechenschaftsablegung, lehren und die Zöglinge unter ununterbrochener Aufsicht behalten.

12.