[28] Noël ist der junge stattliche Afrikaner, welcher in Folge der Bestimmung Sr. Maj. des Kaisers von Deutschland in Lichtenfelde bei Berlin eine deutschen Begriffen entsprechende Bildung genoß, nun aber, da ihm das nördliche Klima nicht bekam, auf Befehl des Kaisers mit nach Aegypten ging, um dort noch eine weitere Ausbildung zu erhalten.
[29] Centralafrikanischer Volksstamm.
[30] Mandara ist eine Landschaft in Nordafrika, welche von einem eigenthümlichen Negervolke von übrigens ausgezeichneter Körperbildung bewohnt wird.
[31] Das ist eines jener Thränengläser, die sich oft in Gräbern der Alten bei Todtenurnen finden und worin angeblich die Hinterbliebenen den Verstorbenen ihre Thränen mitgaben.
[32] Buch VI, S.10, deutsche Uebersetzung von Penzel.
[33] Den Schmutz der internationalen Waggons verdamme ich trotzdem.
[34] Mein deutscher Diener.
[35] Herrn Remelé's Diener.
[36] Der Astronom der Expedition.
[37] Photograph.
[38] Archäeolog und Geodät.
[39] Schweinfurth reiste im selben Winter nach Chargeh, aber unabhaengig von der Expedition.
[40] Batal = tragunfähig.
[41] Eine Breitenbeobachtung konnte Jordan freilich Abends machen, aber zu einer Längen-Nahme fehlte die Zeit.
Mehr als zweiundzwanzig Hundert Jahre steht die Stadt, welche den Namen des großen Mannes trägt, der nach Aegypten gekommen war, um im weltberühmten Orakelheiligthum des Ammonium die Frage zu stellen, ob er wirklich ein Sohn des Zeus sei. Gewaltig sind die Stürme der menschlichen Geschichte über die Stadt dahingebraust, welche einst der Glanzpunkt der Welt in wissenschaftlicher und commerzieller Beziehung war. Alexandrien, die Stadt des Museum und Serapeum, war aber trotz seiner Weltlage im Jahre 1790 so herabgekommen, daß, als die Franzosen unter Bonaparte landeten, es nur mehr circa 6000 Einwohner hatte. Es gehörte aber auch die ganze Wirtschaft knechtischer Beys dazu, um ein Land und die Städte so ruiniren zu können, wie wir Aegypten und seine Oerter am Anfang dieses Jahrhunderts sehen. Verwundert fragt man sich: wie war es möglich, daß eine Stadt, so ungemein günstig gelegen, so tief hatte sinken können?
In der That hat Alexandrien, wie keine andere Stadt am Mittelmeere, eine vorteilhafte Lage. Wegen des ausgezeichneten Hafens braucht es nicht zu befürchten, von Port Said, das allerdings an der Mündung des Kanals von Suez liegt, überflügelt zu werden, und mittelst der Eisenbahnen und Dampfschiffe auf den Kanälen ist es ohnedieß mit dem großen Kanal in intimster Beziehung. Alexandrien liegt an einer der größten Verkehrsadern unserer Zeit, einer Verkehrsstraße, welche voraussichtlich immer als eine der am lebhaftesten pulsirenden Handelswege fortbestehen wird. Aber nicht allein das ist es, gleichsam als Etape zwischen Ostindien und Oceanien einerseits und Europa andererseits zu dienen; die Stadt Alexander des Großen liegt an der Mündung des einzigen schiffbaren Flusses von Nordafrika, welcher mit seiner mächtigen Verästelung ein ungeheures Gebiet beherrscht. Welche Zukunft erschließt sich der Stadt, wenn die Producte aus Centralafrika nilabwärts ihr zugeführt werden. Denn jetzt vermittelt der Nil blos Das, was an Erzeugnissen längs seines 300 Meilen langen Stammes producirt wird. Welche Zukunft wird aber Alexandrien haben, wenn die Felsen der Katarakte gesprengt und man mit Dampfschiffen direct vom Mittelmeere bis zu den See'n Innerafrikas, den großen Wasserreservoirs des Nils, wird fahren können!
Aber wenn man auch Alexandrien ein immer mehr günstig sich gestaltendes Prognostikon stellen kann, so hat die Stadt keineswegs Ursache, mit ihrer heutigen Entwickelung unzufrieden zu sein. Es ist der Großvater des jetzigen Chedive, Mohammed Ali, dem die Stadt ihren jetzigen Aufschwung verdankt. Dadurch, daß er der Stadt den Kanal herstellte, wurde ihr nicht nur gutes Trinkwasser, sondern auch ein leichter Verkehrsweg mit dem Innern geschaffen. Mohammed Ali war auch der Erste, welcher den Schiffen der christlichen Nationen den Eingang in den alten Hafen eröffnete; bis vor seiner Regierung mußten sie den neuen, wenig sicheren Hafen benutzen.
Alexandrien mit etwa 200,000 Einwohnern zerfällt in zwei Stadttheile, von denen der eine von der europäischen Bevölkerung der andere von den Eingeborenen bewohnt wird. Der arabische[42] Stadttheil ist im Nordwesten und Westen gelegen; die Straßen sind eng, unregelmäßig, im Sommer staubig, im Winter mit undurchdringlichem Schmutz erfüllt; die Häuser sind meist einstöckig und höchst launenhaft gebaut. Hier steht eins mit halber Front, diagonalartig zur Straße, dort hängt eins mit dem oberen Stockwerk über; hier ist eins in die Straße selbst hineingebaut, dort ist eins, welches einen weiten Hof vor sich hat. Fenster sind spärlich vorhanden, namentlich im Erdgeschosse; ist eine Bel-Etage vorhanden, so findet man häufig sehr viele, mit feinem Holzgitter verschlossene Fenster. Sehr praktisch ist der zickzackartige Bau des oberen Geschosses, der Art, daß regelmäßig vorspringende Winkel, mit Fenstern versehen, angelegt sind. Alte Gebäude findet man in der Alexandrinischen Araberstadt fast gar nicht, so daß sie keineswegs ein interessantes Aussehen hat, sich höchstens gut bei Mondscheinbeleuchtung ausnimmt. So durchzogen wir sie denn auch eines Abends, ehe wir die libysche Expedition antraten, und besuchten sodann ein Kaffeehaus der Eingeborenen, um eine Mokka zu schlürfen und einen Tschibuk zu saugen. Aber auch hier fängt die Civilisation an, mit mächtiger Gewalt einzudringen. Im ganzen arabischen Viertel ist jetzt Gasbeleuchtung. Wie lange wird es dauern und die Straßen werden gepflastert, sie werden gerade gemacht, besprengt, mit schattigen Bäumen bepflanzt und statt der kleinen Gewölbe und Boutiken mit prächtigen Verkaufsläden geschmückt werden. Das Letztere wäre namentlich wünschenswert; denn gezwungen durch die Kleinheit ihrer Verkaufsbuden, rücken die Kaufleute ihre Waaren weit in die Straßen hinein, verengern so die Passage und füllen die Luft mit den sich mischenden Gerüchen gekochter Speisen, frischen Gemüsen, rohen Fleisches, kurz aller Gegenstände, die sie feil haben.
Das muselmännische Alexandrien hat hundert Moscheen, von denen jedoch keine einzige ausgezeichnet und berühmt ist, verschiedene Sauya[43] und Medressen[44] und eine Menge Funduks und Karawanseraien, um Menschen und Thiere zu beherbergen. Es versteht sich von selbst, daß in diesen Funduks nur die Eingeborenen logiren. Die Bevölkerung des arabischen Theiles von Alexandrien beträgt etwa 100,000 Einwohner, also die Hälfte der Gesammtbevölkerung.
Ganz anders erscheint das europäische Quartier, welches, wie aus dem früher Gesagten hervorgeht, eine eigentliche Schöpfung der Neuzeit ist. Breite und gerade Straßen, zum Theil mit schönen Baumreihen bestanden, hier und da ein reizender Platz mit immergrünen Pflanzen und duftigen Blumen, an den Seiten prächtige, mehrstöckige Häuser, massive Bauten mit den elegantesten Läden, herrliches Pflaster (die Steine dazu hat man von Triest kommen lassen, jedes Stück hat circa 5 Francs gekostet bei einer Größe von 15 Zentimeter quadratischer Oberfläche auf 20 Centimeter Tiefe), mit schönem Trottoir für Fußgänger, machen das europäische Alexandrien zu einer der schönsten Städte am Mittelmeere. Dazu kommt eine ausreichende Gasbeleuchtung und eine künstliche Wasseranstalt (auch die arabische Stadt wird mit Wasser aus derselben versorgt), welche bei Moharrem-Bai Nilwasser in ein Reservoir pumpt, aus der die ganze Stadt mit dem besten Trinkwasser der Welt versorgt wird[45]. Der mittlere Verbrauch von Wasser beläuft sich auf 8000 kubische Meter täglich.
Auf dem Platze Mohammed Ali's, auch Place des consuls genannt, concentrirt sich am meisten das europäische Leben; hier sieht man die glänzendsten Läden, hier ist das französische Generalconsulat, das Stadthaus, mehrere große Hotels und seit zwei Jahren—Allah und Mohammed verzeihe dem Chedive und seinen Räthen diese christliche oder vielmehr heidnische Ketzerei—erhebt sich inmitten der breiten Allee die über lebensgroße Statue des Begründers der jetzigen Dynastie. Die Statue Mohammed Alis ist aus Bronce und im Ganzen 11,50 Meter hoch, wovon 6,50 Meter auf das aus toscanischem Marmor gemeißelte Piedestal kommen, während die Reiterstatue selbst 5 Meter hoch ist. Die Statue ist von prachtvoller Wirkung. Mohammed Ali in orientalischer Tracht, den Kopf beturbant, sitzt in gebietender Stellung zu Roß, seinem energischen Gesichtsausdruck sieht man es an, daß er der Mann ist, welcher das türkische Joch abschüttelte, der, hätten nicht die Großmächte ihr Veto dazwischen gerufen, sein Schwert bis nach Stambul selbst hineingetragen haben würde. Furchtsam umstehen die Fellahin das Denkmal, fromme Flüche und Verwünschungen murmelt der scheinheilige Taleb oder Faki beim Anblick dieses gewaltigen Mannes; am liebsten würde er gleich das "Bild" vernichten. Aber der Preis und die Belohnung, welche er sich dafür im Paradies unfehlbar erwerben würde, scheint doch nicht so sicher zu sein, als die irdische Strafe, welche einem solchen Versuche auf der Stelle folgen würde. Ismael, der jetzige Regent von Aegypten, kennt seine Leute, er weiß, was er ihnen bieten kann und er weiß, daß der einigermaßen denkende Mohammedaner heute der irdischen Belohnung und der irdischen Strafe vor den unsicheren zukünftigen Versprechungen oder den jenseitigen Qualen den Vorzug giebt. Tout comme chez nous. Wer fürchtet sich heute bei uns vor den Flammen der Hölle und vor der Aussicht, Milliarden von Jahren dem Allerhöchsten ein Hallelujah zu singen!—Aber das irdische Gesetz und das eigne Pflichtgefühl, die Liebe zum Guten und Schönen, der Haß des Bösen und Häßlichen, welche uns jetzt schon erblich, möchte ich sagen, überliefert werden, das sind heute die großen Triebfedern, welche die menschliche Ordnung und Gesellschaft zusammenhalten müssen.
Daß für die religiösen Bedürfnisse der Europäer reichlich gesorgt ist, versteht sich von selbst in einer orientalischen Stadt, wo die meisten Europäer Katholiken sind oder der griechischen Kirche angehören. Es giebt 3 katholische Kirchen, 4 für den griechischen Ritus, 3 protestantische, 1 koptische und 1 maronitische Kirche. Die Juden haben 3 Synagogen. Daß Mönche und Klöster nicht fehlen in einer so großen Stadt am Mittelmeere, der Geburtsstätte so vieler Religionen, braucht wohl kaum gesagt zu werden. Der koptische Patriarch residirt auch in der Regel in Alexandrien.—An Wohlthätigkeitsanstalten besitzt die Stadt 4 Hospitäler, das für Militär und Civilpersonen eingerichtete Gouvernementshospital, das allgemeine europäische Hospital, das Diaconissenhospital und ein griechisches. Von den barmherzigen Schwestern wird auch ein Findlinghaus geleitet.—Die Schulen sind alle in den Händen der Geistlichkeit, aber es dürfte, seit Herr Dor, ein Schweizer, die Leitung des Unterrichts in Aegypten übernommen hat, bald eine günstige Veränderung eintreten; auch eine deutsche Schule ist unter den Auspicien des deutschen Generalconsulats gegründet worden. Von den übrigen europäischen Schulen nenne ich das Institut der Lazaristen (collège des Lazaristes), ähnlich eingerichtet, wie ein französisches Lyceum: man unterrichtet in französischer Sprache Lateinisch und Griechisch. Das Arabische, Neugriechische, Italienische ist facultativ. Englisch und Zeichnen und Musikunterricht werden besonders bezahlt, der Pensionpreis beträgt 1000 Francs jährlich. Die 12 Lehrer sind sämmtlich Geistliche. Die Schule wurde 1873 von 60 Schülern besucht. Das italienische Lyceum steht unter italienischer Regierungscontrole; die Zahl der Schüler betrug 255 im selben Jahre. Die Schule der schottischen Kirche, die der apostolischen Amerikaner, die der Griechen, die allgemeine, unter dem Protectorat des ägyptischen Erbprinzen stehende Schule mit unentgeltlichem Unterricht sind alle mehr oder weniger stark frequentirt. Auch die Juden haben eine von etwa 120 Schülern besuchte Anstalt. Außerdem giebt es 6 Mädchenschulen. Sowohl von den Kirchen, wie auch von den Schulen haben mehrere ein monumentales Aeußere.
Die Vereinigung der ersten Gelehrten, welche jedoch kein eignes Gebäude besitzen, ich meine l'Institut Égyptien ist seit Anfang dieses Jahres nach Kairo verlegt worden. Es giebt sodann viele Wohlthätigkeitsvereine und auch gesellige; von den letzteren sind die bedeutendsten der Börsencirkel, der philharmonische Gesellschaftskreis, vorwiegend aus Franzosen bestehend, und der Club der Deutschen. Für das geistige Leben ist durch eine öffentliche Bibliothek und durch das Erscheinen von 9 Zeitungen gesorgt, von denen 3 in italienischer, 1 in englischer, 2 in griechischer und die übrigen in französischer Sprache erscheinen.
Im hübsch gelegenen und elegant erbauten Siziniatheater werden italienische Opern aufgeführt, außerdem giebt es noch ein kleines Theater, Namens Alsieri. Erwähnen wir schließlich noch, daß französische, englische, italienische und griechische Freimaurerlogen in Alexandrien sind, im Ganzen 8, an der Zahl, so glauben wir aller Anstalten Erwähnung gethan zu haben. Nur möchte ich für etwaige nach Aegypten Reisende hervorheben, daß es dort eine Reihe guter Hôtels giebt, von denen 2 ersten Ranges, daß Kaffeehäuser und Restaurationen in großer Anzahl vorhanden sind, ja daß es sogar viele deutsche Bierstuben giebt, wo Wiener Bier verzapft wird. In der Stadt Alexander des Großen, des Ptolemäus Philadelphus, deutsches Bier von deutschen Jungfrauen geschenkt! In der Stadt des Pompejus, der Cleopatra Gas- und Dampffabriken! Welche Gegensätze und doch so groß nicht, wie man denkt! Denn in der Stadt, wo das weltberühmte Museum mit 700,000 Büchern oder vielmehr Schriftrollen war und die im Serapeum eine zweite Bibliothek mit 200,000 Bänden besaß und deren Straßen eben so wohl und gerade angelegt waren, wie jetzt die des europäischen Viertels[46], in der zur Zeit, als die Römer die Herrschaft antraten, nach Diodorus Siculus fast eine Million Einwohner sich befanden, soll die Zukunft erst wieder eine gleiche Blüthe und Bevölkerung hervorbringen, wie wir solche zu Zeiten der Ptolemäer dort vorfanden.
Von den 200,000 Einwohnern kommen auf die europäische Bevölkerung von Alexandrien circa 100,000 Seelen[47] und sind dahin auch die Türken und ihre Descendenz zu rechnen, mit einem ziemlich zahlreichen Contingent. Sie bewohnen die Halbinsel, welche, ehedem als selbe nur durch einen steinernen Damm mit dem Festlande verbunden war, Insel Pharos hieß. Die Straßen dieses Viertels sind auch ziemlich breit und gerade, und besser im Stande gehalten als im arabischen Viertel. Hier wohnen die Paschas, Beys, Effendis und hohen Würdenträger des Königreichs. An der westlichen, äußersten Spitze des Vorgebirges Ras es Tin oder Feigenvorgebirge genannt, ließ Mohammed Ali ein nach dem Plane des Serail in Konstantinopel erbautes Schloß errichten. Dasselbe wird noch von dem Vicekönig benutzt; auch Harem und Dienstzimmer für die Minister befinden sich in demselben. Das Harem steht ganz isolirt inmitten des schönen Gartens. Dicht daneben ist auch das Arsenal.
Der alte Hafen von Alexandrien hat seit 1870 eine vollkommene Umwandlung erlitten, indem die großartigsten Molenbauten[48] ganz neue Bassins schufen. Im Jahre 1876 wird Alexandrien ein äußeres Hafenbecken besitzen mit einer Oberfläche von 350 Hektaren und einer Tiefe von wenigstens 10 Meter. Dieser Vorhafen wird nach der offenen Seite durch einen Wellenbrecher geschützt sein, welcher 2340 Meter lang und 8 Meter hoch sein soll. Die Blöcke dazu werden zum Theil künstlich hergestellt und werden 20,000 benöthigt, jeder 10 Kubikmeter groß und 20 Tonnen[49] wiegend. Dieser Wogenbrecher hat zwei Eingänge, einer zwischen dem Nordende und Ras el Tin, 600 Meter breit, für kleinere Schiffe, ein anderer am südlichen Ende, 800 Meter breit, für große Fahrzeuge.
Das innere Hafenbecken wird 72 Hektaren Oberfläche haben und wenigstens 8,50 Meter tief sein. Auch dieser Hafen wird durch besondere Molen geschützt sein und hydraulische Kräne zur Leichterung der Schiffe erhalten. Die jährliche Schiffsbewegung beläuft sich jetzt auf circa 3000 einkommende und ebenso viel ausfahrende Schiffe mit einem Gehalt von circa 1,500,000 Tonnen.
Der "Guide" von François Levernay, dem wir die Zahlen für diesen Aufsatz entnommen, giebt die mittlere Jahrestemperatur von Alexandrien zu +20º C. an, mit einem Maximum von 27º und einem Minimum von 7º. Ich glaube, sorgfältiger angestellte Beobachtungen würden eine um einige Grad wärmere Temperatur ergeben. In Alexandrien ist noch nie Frost beobachtet worden; in der Libyschen Wüste, obschon sich dieselbe bedeutend weiter nach Süden erstreckt, fällt das Thermometer jeden Winter unter Null. Der kälteste Monat in Alexandrien ist der Januar, Juli und August sind die heißeste Zeit. Der Nord und Nord-Nord-West-Wind sind, wie in ganz Unterägypten, die vorherrschenden, erst Ende April und im Mai weht der Chamsin (d.h. der während 50 Tagen wehende Süd-Süd-Ost-Wind) und bringt oft eine unerträgliche Hitze, die jedoch nur während des Windes selbst anhält. Während des Chamsin ist selbst am Meeresstrande die Luft kaum mit Feuchtigkeit geschwängert, während der übrigen Monate ist aber gerade in Alexandrien ein ungemein hoher Feuchtigkeitsgehalt, was den Aufenthalt in den Spätsommerwochen so unangenehm macht. Die Quantität des Regenfalls variirt zwischen 100 und 335 Mm. jährlich; doch macht man auch hier die Wahrnehmung, daß mit der steigenden Baumcultur auch die Menge des Regenfalles sich jährlich in Alexandrien vermehrt. Stürme sind in Alexandrien selten, Hagel fällt durchschnittlich ein- oder zweimal des Jahres, im März oder April; Nebel, aber von kurzer Dauer, treten im März, November und December auf.
Wie der Chedive, der Hof und die ganze Regierung im Sommer von Kairo nach Alexandrien übersiedeln, der frischen Meeresbrisen wegen, so folgen auch die meisten Europäer diesem Beispiel. Aber sie wohnen dann weniger in Alexandrien selbst, als im nahe gelegenen Ramleh, einem Orte, welcher vor wenigen Jahren seinen Namen (Sand) noch verdiente, jetzt aber ein reizender Villencomplex geworden ist. Ramleh hat im Sommer 6500, im Winter 3200 Einwohner und man findet dort alle Annehmlichkeiten einer Villegiatur. Griechische, französische und italienische Schulen, Schauspiele, Restaurants und ein Hôtel deutet darauf hin, daß Ramleh binnen Kurzem das Scheveningen Alexandriens sein wird.
Aber auch an reizenden Spaziergängen fehlt es den Alexandrinern nicht. Längs des Mahmudie-Kanals findet man an den Seiten schattiger Alleen die herrlichsten Gärten und darin versteckt die geschmackvollsten Villen. Keine herrlichere Spazierfahrt kann man sich denken, als längs dieses von Hunderten von größeren und kleineren Schiffen, sowie von eleganten Dahabien belebten Kanals. Auch der öffentliche Garten ist hier gelegen, wo tägliche Militärmusik die elegante Welt anzieht. Wenn man Abends die Hunderte von feinen Landauern mit den schönen griechischen Damen in elegantester Toilette daherfahren sieht, dann glaubt man nicht in Afrika zu sein, sondern man denkt unwillkürlich an die wagenbelebte Chiaja in Neapel. Aber es ist Alles erst im Werden, denn mit Sicherheit fast läßt sich voraussagen, daß Alexandrien wieder werden wird, was es war, ein Emporium für den Welthandel, die bedeutendste Handelsstadt des Mittelmeeres.
[42] Wenn ich "arabisch" sage, so ist damit die eingeborne Bevölkerung von Aegypten gemeint, welche aber keineswegs arabisch ist. Ich folge in dieser Bezeichnung nur einen angenommenen Gebrauche.
[43] Sauha ist Kloster, Hochschule und Asyl; letzteres hat aber in Aegypten heute keine Bedeutung mehr.
[44] Medressa ist Schule.
[45] Die Eingeborenen und auch fremde Araber und Berber behaupten, daß das Nilwasser das süßeste und beste Wasser der Welt sei und sagen wie die Römer von ihrer Fontana Trevi, wer einmal aus dem Nil getrunken habe, den zöge es immer wieder nach Aegypten hin.
[46] Siehe Tafel 5, Zeitschrift für Erdkunde 1872. Kiepert, Zur Topographie des alten Alexandrien.
[47] Der Zahl nach kommen zuerst Griechen, dann Italiener, dann Engländer (Maltheser), dann Franzosen, endlich Deutsche; die übrigen Nationen sind in geringer Zahl vorhanden.
[48] Die Kosten dieser Bauten, mit deren Ausführung das Haus Greenfield u. Comp. betraut ist, sind auf 50,000,000 Francs veranschlagt. (Guide annuaire d'Égypte 1873.)
[49] Eine Tonne gleich 2240 Pfund.
Ehe wir die Beschreibung von Aegyptens Hauptstadt unternehmen, kehren wir zur Vergangenheit zurück und besonders auch kümmern wir uns um die Etymologie des Namens der Stadt selbst. Die modernen Völker haben alle mehr oder weniger eine gleiche Benennung. Wir Deutsche schreiben Cairo und Kairo und sprechen Kairo oder Kaïro; die Franzosen sagen und schreiben. Caire oder le grand Caire; die Engländer schreiben Cairo, ebenso die Italiener, welche aber Kaïro sprechen. Der gemeine Mann Aegyptens weiß aber von "Kairo" nichts, denn selbst das Wort "el Kâhira", die Unterjocherin[50], welche Veranlassung zur Bildung des Wortes Kaïro gewesen, ist nur den Gebildeten bekannt. Das Volk der Hauptstadt, sowie die Eingeborenen des Landes nennen die Stadt Masr. Auch dieses Wort finden wir von den Europäern auf die verschiedenste Art geschrieben: Masr, Misr, Messr, Masser, Messer und noch einige andere Schreibarten.
In der nachfolgenden Erklärung dieses Namens folge ich durchaus der Auseinandersetzung des gelehrten Orientalisten Wetzstein in Berlin, der die Güte hatte, mir seine bezüglichen Forschungen hierüber mitzutheilen, die um so werthvoller sind, weil sie zum Theil neue Gesichtspunkte eröffnen und vollkommen originell sind.
Wetzstein sagt: Die Hauptstadt Aegyptens heißt bekanntlich im Lande selbst Misr[51]. Da nun dieser Name ursprünglich der Name des ganzen Landes ist, denn schon im alten Testamente hieß Aegypten Misraim, so hat man hier eine Uebertragung des Landnamens auf die Landeshauptstadt zu constatiren; medinat Misr, die Hauptstadt Aegyptens, ist also zur Stadt Misr geworden. Für eine solche Uebertragung bietet die geographische Nomenclatur der Araber viele Beispiele. Hier nur einige: Syrien hieß bei den Arabern der Halbinsel schon in den ältesten Zeiten Schâm, d.h. das Nordland, und sein Hauptmarkt, bis wohin die arabischen Karavanen gingen, war in vormohammedanischer Zeit Bosrâ, die Hauptstadt Haurân's; eine Reise nach Syrien war also in der Regel für die Araber gleichbedeutend mit der Reise nach Bosrâ. Daher heißt bei ihnen in jener Zeit Bosrâ immer Schâm im Sinne von "Markt" von Schâm (Syrien). Als nun in den ersten Jahrhunderten des Islam Bosrâ verödete und die Karavanen bis Damask gehen mußten, ging die Benennung Schâm naturgemäß auf die Stadt über, so daß der Name Damaskus vollständig unterging[52] und Schâm seitdem zugleich Syrien und Damask bedeutet. Nur blieb an den Ruinen von Bosrâ noch der Name Alt-Schâm (türkisch: Eski-Schâm) haften.
Ein anderes Beispiel: Die Hauptstadt von Bahrein, d.h. von dem nordöstlichen Küstenstriche der arabischen Halbinsel, war im Alterthum der berühmte Handelsplatz Gerrha (arabisch H'gér), der Ausgangs- und Zielpunkt der aus und nach Bahrein expedirten Karawanen. Auch dieses Emporium verlor unter den Arabern seinen Eigennamen und nahm den des Landes Bahrein an.
Dasselbe geschah mit der alten Hauptstadt Jemâma, dem heutigen Wahabiten-Reiche, westlich von Bahrein. Sie hieß Hagr; aber die arabischen Geographen erwähnen selten diesen Namen. Meistens nennen sie die Stadt entweder Medinat-el-Jemâma oder geradezu Jemâma, wie das Land selbst. Diesen Beispielen fügen wir noch die Stadt Ramla (bei Lydda) bei, welche bis zum Beginn der Kreuzzüge von großem Umfange und Hauptstadt der Provinz Felistin (damals Westpalästina) war; sie wird in den arabischen Schriften jener Zeit geradezu Felistin im Sinne von "Hauptstadt Palästina's" genannt. Liest man, Jemand habe in Felistin übernachtet, oder von Felistin nach Jâhâ oder Jerusalem sei eine Tagereise, so ist immer Ramla gemeint.
Diese Bezeichnungsweise ist oft verwirrend und kann das Verständniß einer geographischen oder historischen Angabe erschweren. Entstanden wird sie sein durch die Redeweise der Karawanen, insofern z.B. die aus Arabien abgehende Kâfilat-Misr, Karawane von Misr, immer zugleich die nach dessen Hauptstadt dirigirte war, und man darf annehmen, daß Misr schon Jahrhunderte lang vor dem Islam bei den Arabern jene doppelte Bedeutung hatte.
Uebrigens wäre auch folgende Erklärung denkbar: Unter den Ptolemäern entstand zwischen Heliopolis und Memphis ein Waffenplatz, der wahrscheinlich das volkreiche Memphis im Zaume halten sollte und zur Erinnerung an Alexander's Feldzug in Asien Babylon genannt wurde. Nach und nach verödete Memphis, indem es einen kleinen Theil seiner Bevölkerung und seines Baumaterials an dieses Babylon abgab, welches in den ersten Jahrhunderten der christlichen Aera (abgesehen von Alexandrien) der Hauptort Aegyptens geworden zu sein scheint. Denn als des Chalifen Omar's Feldherr 'Amr-ibn-el-'Àşî im Jahre 19 der Higra Babylon erobert hatte, befand er sich thatsächlich im Besitze des ganzen Landes und brauchte nur noch Alexandrien zu erobern. Dieses Babylon hieß nun zum Unterschiede von der berühmten gleichnamigen Stadt am Euphrat "das ägyptische Babylon", Bâbeliûn Misr, welche Bezeichnung sich, da die Araber lange Ortsnamen hassen, in Misr verkürzte, so daß Land und Landeshauptstadt gleichnamig wurden. Doch ist die primo loco gegebene Erklärung dieser unbedingt vorzuziehen.
Die übrigen Namen der Hauptstadt Aegyptens anlangend, so hieß dieselbe in den ersten Jahrhunderten des Islam el Fostât aus folgender Veranlassung. Als der vorerwähnte 'Amr-ibn-el-'Àşî Babylon belagerte, stand sein Lager an der Nordseite der Stadt, und um sein Zelt, welches el Fostât hieß, bildete sich nach und nach eine Baracken- und Hüttenstadt, die sich erhielt und vergrößerte, da ein Theil des Lagers auch nach Eroberung der Stadt stehen blieb. Diese nomadische Niederlassung verwandelte sich nach und nach in eine Vorstadt Babylons, die nach ihrem Mittelpunkte dem ehemaligen Feldherrn-Zelte, el Fostât genannt und deren Name allmälig auf die ganze Stadt angewendet wurde, so daß die alte Benennung Babylon außer Brauch kam. Doch findet man sie noch bei den Geographen, welche sie bald Babeljûn, bald Hisn-el-Iûn (Festung des Iûn) schreiben, indem die erste Silbe, welche man für das arabische Bab Thor hielt, wegfiel.
Der Name el Fostât wurde seit der Occupation Aegyptens durch den Fatimiten el Moizz li-din-Allah (369 d.H.) verdrängt. Als Ganhal, sein Feldherr, mit dem westafrikanischen Heere vor die Hauptstadt rückte, ging er mit der Bevölkerung den Vertrag ein, daß seine Soldaten die Stadt selbst nicht betreten, sondern außerhalb derselben in Baracken und Zelten untergebracht werden sollten. Dieses Lager, welches sich wie 350 Jahre früher dasjenige des 'Amr-ibn-el-'Àşî allmälig in eine militärische Colonie verwandelte und zugleich die Unterwürfigkeit der Stadt gewährleistete, erhielt den Namen el Kâhira "die Unterjocherin", der sich gerade wie früher el Fostât der ganzen Stadt mittheilte.
Man unterscheidet bis auf den heutigen Tag die Stadttheile el Kâhira, el Fostât und das ursprüngliche Misr. In amtlichen Acten, bei denen es auf Genauigkeit der Ortsangaben ankommt, heißt die Stadt Kâhirat Misr "Kairo in Aegypten", oder auch Misr el Kâhira, was der gewöhnliche Mann als die "siegreiche Stadt Misr" deutet.
Indem wir so der Auseinandersetzung des gelehrten Orientalen folgten, fügen wir noch hinzu, daß Wetzstein etymologisch das Wort Misr simitischen Ursprungs erklärt und sich der Ansicht zuneigt, es bedeute "die beiden eingeschlossenen Länder", nämlich Ober- und Unter-Aegypten. Wetzstein meint nämlich: "gehöre diese Benennung ursprünglich einer altägyptischen, d.h. einer Ruschitischen Sprache an, so ließe sich nichts über ihre Bedeutung sagen, denn das Koptische sei ein zu verkommenes Idiom und das Hieroglyphische mit seinen Schwestern eine zu unbekannte Sprachform, als daß sie Aufschlüsse geben könnten."
Genug! Wenn auch nicht an derselben Stelle gelegen, wissen wir und müssen das festhalten, daß die heutige Hauptstadt der Aegypter bei den Alten Babylon (bei den lateinischen Schriftstellern Babylonia), bei den ersten Arabern Fostât hieß und daß sie heute bei den Europäern mit den verschiedenen Variationen Kairo, bei den Aegyptern selbst Masr genannt wird. Die Namen Masr el-kahirah als Neustadt oder Masr el-attica als Altstadt haben nur officiellen Sprachgebrauch erlangt.
Man hat behaupten wollen, die Vorgängerin Kairo's, die Stadt Memphis, sei günstiger gelegen gewesen, als die jetzige Hauptstadt Aegyptens. Ich wüßte nicht, worauf man dieses Urtheil stützen wollte. Der natürlich vortheilhafteste Platz wäre wohl an der Spitze des Delta's selbst gewesen, aber die Entwicklung der Stadt selbst zeugt, daß man keineswegs eine ungünstige Position zur Anlage einer Stadt gewählt habe. Es ist heute freilich leicht zu sagen, die und die Stadt hat eine äußerst günstige geographische Lage. In unserer Zeit der Eisenbahnen, der Kunststraßen, der Kanäle &c. überläßt man sich gar zu leicht der Ansicht, die natürliche Lage der Stadt habe das Blühen und Gedeihen derselben verursacht, wenn es doch nichts Anderes war als eben jene modernen Kunstmittel.
Kairo liegt auf dem 30º 2' 4'' N.B. und auf dem 28º 58' 30'' O.L. von Paris. Die Erhebung der Stadt über dem Meere beträgt durchschnittlich 13 Meter; obschon einzelne Stadtteile höher sind, so liegt die Hassan-Moschee 30 Meter höher, als der Spiegel des Mittelmeeres.
Die mittlere Jahrestemperatur ist 23º C. Selten fällt im Winter der Thermometer unter 10º und steigt nur während der Zeit der Chamsinwinde auf über 40º. Während früher feuchter Niederschlag zu den Seltenheiten gehörte, hat man die Beobachtung gemacht, daß jetzt mit jedem Jahre die Regenfälle im Zunehmen begriffen sind; offenbar Folge der so sehr vermehrten Baumpflanzungen in der Stadt selbst und in der nächsten Umgebung derselben. Aber es liegen noch keine bestimmten Daten hierüber vor und so heben wir eben nur die allgemeine Thatsache hervor.
Obschon man wegen der immerhin bedeutenden Hitze nicht sagen kann, daß Kairo ein angenehmes Klima habe, so kann man doch auch keineswegs behaupten, es sei eine ungesunde Stadt. Im Sommer pflegen wegen der unerträglichen Hitze die dort wohnenden Europäer, auch der Hof, die ersten Würdenträger und reiche Eingeborene die Stadt zu meiden. Im Winter hingegen ist sie Aufenthaltsort zahlreicher Reisender und noch zahlreicherer Kranker, welche dort Herstellung ihrer Gesundheit zu finden hoffen. Namentlich für Schwindsüchtige wird die Luft Kairo's und, wie es scheint, mit Recht, empfohlen. Die sogenannte ägyptische Augenkrankheit eine Entzündung der Schleimhaut, der Conjunctiva des Auges, sowohl des Augapfels, als auch der Augenlider, welche ansteckend und in Aegypten endemisch ist, eine seit Hippokrates Zeit bekannte Krankheit, wurde durch die französische Invasion unter Napoleon I. und durch die Engländer nach Europa gebracht; indeß befällt sie erwiesenermaßen Europäer weniger, als die Eingeborenen und Letztere werden besonders davon afficirt, weil sie nicht durch größte Reinlichkeit die fortwährenden schädlichen Einwirkungen des Staubes, von dem die Luft stets geschwängert ist, unwirksam machen. Und zwar wirkt der Staub, der unmittelbar in den Straßen aufgewirbelt wird und aus den kleinsten Partikeln zersetzter organischer Stoffe besteht, ebenso schädlich, als der kaum sichtbare Staub der Samum-Winde. Woran die Europäer am meisten leiden, das sind Krankheiten der Leber und der Milz, letztere zum Theil hervorgerufen durch tertiäre Wechselfieber, und sind erstere radical nur zu heilen durch Ortsveränderung, durch Rückkehr nach Europa. Die Pest kommt seit Jahren nicht mehr in Kairo vor und die Cholera eben auch nicht häufiger, als in Europa.
Kairo ist eine unbefestigte Stadt, denn was die Kâsbah betrifft, welche ursprünglich zur Verteidigung der Chalifenstadt diente, nebst hohen Mauern, welche im Mittelalter die Stadt umfriedigten, so ist erstere längst ihres Festungscharakters beraubt, letztere aber sind geschleift und abgetragen worden, oder in Ruinen zerfallen. Jedoch zahlreiche Mauern im Innern der Stadt, ehemals äußere Stadtmauern, zeugen von der beständigen Umwandlung und Vergrößerung der Stadt, sowie die jetzige äußere Mauer ebenfalls schon inmitten der Hauptstadt sich befindet. Heute ist es kaum noch gestattet, von Masr el Kâhirah, von Masr el Attika, von Bulak u.s.w. als unterschiedlichen Städten zu reden, namentlich wird es ebenso falsch sein, zu sagen, Bulak sei als Hafen Kairo's von dieser Stadt zu unterscheiden, sowie man Unrecht hätte, Moabit nicht zu Berlin zu rechnen. Heute liegt in der That Kairo am Nil: Bulak ist ein Stadttheil der Hauptstadt geworden. Höchstens darf man jetzt noch den Unterschied zwischen dem Stadttheile machen, der seinen morgenländischen Charakter bewahrt hat und dem, der ganz europäisch ist.
Der erste Stadttheil, der sich an die Citadelle lehnt, welche selbst auf einem der äußersten Ausläufer des Mokattam-Gebirges gelegen ist, den man unter dem Namen Chalifenstadt begreifen kann, ist ein großes Labyrinth krummer und enger Straßen, oft durch Ueberbauten dunkel und so unscheinbar, daß man meinen sollte, man befände sich in einer Gasse des Hauptortes der Oase des Jupiter Ammon. Hier kennt man kein Pflaster, hier giebt es Abends keine Beleuchtung, geschweige denn von Gas zu reden; zahlreiche Sackgassen nötigen den nicht Eingeweihten, stets auf seine Schritte zurückzukommen, vom Eintritt eines bestimmten Platzes an bis zu einer bestimmten Grenze wird der Fremde, passirt er Nachts diesen Stadttheil, von einer klaffenden Meute hungriger Hunde verfolgt, welche wild und herrenlos, wie sie sind, doch unter sich eine genaue Besitzeintheilung hergestellt haben der Art, daß immer ein Theil eines Quartiers oder einer Straße von einer Meute besetzt gehalten wird, die auf's Eifrigste über die Unverletzlichkeit ihres Territoriums wacht. Wehe dem Fremden, der Nachts ohne Stock durch eine von diesen wilden Bestien bewachte Straße geht, namentlich wenn er ein Ungläubiger und in europäischer Tracht ist; aber noch mehr wehe, wenn einer ihres Gleichen, ein fremder Hund, sich unter sie verirren sollte, er ist unrettbar verloren, gelingt es ihm nicht, auf sein eignes Gebiet zurückzuflüchten.
Aber nicht immer haben wir enge und unscheinbare Gassen, in diesem Ur-Kairo ist Alles Ueberraschung. Hier giebt es auch Moscheen von allen Formen und allen Farben, einfache und prachtvolle, reich mit Arabesken und Sculpturen geschmückte und solche, welche äußerlich nur eine nackte Wand zeigen. Hier bemerkt man auch jene reich sculptirten Brunnen, meistens fromme Stiftungen, welche bis vor Kurzem, wo das Trinkwasser in Kairo so spärlich war, zu den größten Wohlthaten zählten, die ein frommer Moslim seiner Vaterstadt vermachen konnte. Hier findet man auch jene reizenden Muscharabiehen aus Holz geschnitzt, welche die Eifersucht des gestrengen Haremgebieters erfand. Muscharabiehen sind Jalousien, welche sich stark ausgebuchtet vor den Fenstern befinden. Sie sind auf's Kunstvollste aus Holz geschnitzt, oft so fein und zierlich, daß es sich von Weitem wie Filigran-Arbeit ausnimmt. Geheimnisvoll ragen sie im Halbdunkel der Straßen aus den Häusern hervor; manchmal scheinen sie sich bei den überhängenden Etagen der Häuser zu berühren. Dahinter lauert die junge Frau des Hausherrn, verlangende Blicke wirft sie auf das Leben zu ihren Füßen, sie hört es, sie sieht auch Alles, ohne selbst bemerkt zu werden; glühend erröthet sie, wenn ein jugendlicher Frangi vorübergeht, der ihr viel vorteilhafter dünkt, als jener alte, weißbärtige Mann, dem sie gezwungen war, ihr Leben zu opfern. Da erblickt sie gar in einer Carrosse dahersausend zwei hübsche Christendamen, sie sind unverschleiert. Sie lächeln, sie freuen sich des Lebens, während sie selbst, die Aermste, hinter ihrer Muscharabieh eine Thräne im Auge zerdrückt und ihr freudenloses Leben beklagt! Aber was ist das? Da biegt um die Ecke ein eleganter Phaëton, laut schreiend vor ihm rufen die Läufer ihr ewiges "Guarda, Guarda" oder schemalak ia chodja, l'iminak[53]. Darin sitzen im Wagen zwei reizende Moslemata[54], kaum verschleiert die dünne Tüllspitze ihr fröhlich lächelndes Gesicht; sie scheinen aber auch gar keine Lust zu haben, ihr Antlitz verbergen zu wollen, im Gegentheil, man sieht, daß sie nur scheinbar diesen Zwang mitmachen. Es sind Prinzessinnen, Töchter oder Nichten des Chedive; ahnungsvoll zieht sich unsere Schöne aus ihrer Muscharabieh zurück; ein dunkles Gefühl sagt ihr, daß auch für ihres Gleichen bald die Stunde der Befreiung schlagen wird.
Hier finden wir auch jene großen Bazarstraßen, wo die Produkte der drei Erdtheile sich einander begegnen und wo in immer geschäftiger Weise während des ganzen Tages das regste Leben und Treiben herrscht und Groß- und Kleinhandel getrieben wird. Von einigen dieser Bazars soll später noch die Rede sein.
Der andere Stadttheil, ganz neu und vorzugsweise eine Schöpfung des jetzigen Chedive, daher auch Ismaelia genannt, mit seinen seenartigen Gärten, seinen breiten wohlgepflasterten und täglich besprengten Straßen, seinen Palästen und Theatern, seinen Gascandelabern und prachtvollen Läden ist vollkommen europäisch. Dies moderne Kairo, welches heute schon von den Fluthen des Nils berührt wird, steht in Nichts den schönsten Städten Europas nach. Was luxuriöse Ausstattung der Gebäude und ihrer Fanden anbetrifft, so können sich die der ägyptischen Hauptstadt ganz messen mit denen am Ring in Wien oder denen der Boulevards von Paris.
Mit Recht sagt Levernay (guide annuaire d'Égypte 1873 p. 254): Hier ist die Vereinigung des Orients mit dem Occident, hier ist das Symbol der religiösen Freiheit; hier ist das Bündniß der Handelsfreiheit (?)[55] und der Völkergemeinschaft; findet man nicht in dieser Stadt zusammenlebend den flachshaarigen Scandinavier an der Seite des wollhaarigen Furer, den fanatischen Magrebiner von der Küste des atlantischen Oceans an der Seite des gelbhäutigen Indiers oder den südlichen Araber mit kaffeebrauner Haut an der Seite des halbeuropäischen Türken? Und dazwischen Tartaren, Perser, Turkomannen, Kurden und Chinesen. Ja, hier sieht man Hand in Hand gehend den gelehrtesten Professor aus der Hauptstadt der Denker mit dem von Steppe zu Steppe vagabondirenden Nomaden, welcher, ohne Gesetze lebend, nur seinem eigenen Willen folgt. Ja, es ist ein eigenthümliches Leben in Kairo und glücklich Der, welcher Empfängnis hat für die Sitten fremder Völker oder der gar die Gabe besitzt, dem Gedankengange der Eingeborenen momentan folgen zu können. Hier an der ältesten Wiege menschlicher Cultur reichen sich Tag für Tag Asiaten, Europäer und Afrikaner die Hand, und wie schon zu verschiedenen Malen von hier aus die menschliche Entwickelung zu ihren jeweiligen höchstem Triumphen gelangte, so scheint auch jetzt ein neues Leben, ein neues gewaltiges Ringen zum Vorwärtskommen erwacht zu sein.
Die Zahl der Bevölkerung von Kairo dürfte man auf circa 400,000 Seelen für das Jahr 1875 beziffern. Genaue statistische Erhebungen sind in mohammedanischen Städten zur Zeit noch nicht auszuführen. Denn selbst wenn eine amtliche Zählung vorgenommen wird, so stößt diese immer auf unüberwindliche Hindernisse wegen der Haremverhältnisse und der weiblichen Sclaven.
Von diesen 400,000 Einwohnern dürften incl. 800 Perser etwa 20,000 Europäer sein. Aber man denke nicht, daß etwa die 380,000 verbleibenden Menschen alle einer Nationalität angehören. Da sind die verschiedensten schwarzen Stämme, da sind Syrier, ächte Araber, seit Jahrhunderten in Aegypten lebende Araber, Inder, Chinesen, endlich Fellahin und Kopten und eine große Anzahl von Türken. Alle diese stellt man, obschon sie es keineswegs sind, als "Eingeborene" oder "Rechtgläubige" den fremden Europäern gegenüber. Daß man die Perser ebenfalls als besondere Nationalität trennt, verdanken sie dem Umstande, weil sie in Aegypten besondere Consuln haben.
Man zählte im Jahre 1873 in Kairo 4200 Griechen, 7000 Italiener, 4000 Franzosen, 1600 Engländer, 1200 Oestreicher und Ungarn, 800 Deutsche, 500 Perser, 120 Spanier, 50 Russen, 25 Belgier, 9 Brasilianer, 5 Portugiesen, 2 Schweden und 1 Nordamerikaner. Was die letzte Zahl anbetrifft, so scheint sie uns nicht richtig zu sein, da allein in der chedivischen Armee an hundert nordamerikanische Officiere dienen, von denen wir bei den eigenen Verhältnissen in Aegypten kaum glauben können, daß sie ihre Nationalität aufgegeben haben. Wenn wir überhaupt zu diesen Zahlen größere Zuversicht haben dürfen, weil sie eben auf amtliche Ermittelung der bezüglichen Consulate fußen, so sind sie doch auch noch fern davon, eine so absolute Sicherheit zu gewähren, wie wir gewohnt sind, von unseren amtlichen, statistischen Erhebungen zu erwarten.
Kairo hat wenigstens 300 Moscheen, wenn man alle kleinen Kapellen und Bethäuser mitrechnet, also ein Gotteshaus auf circa 1200 Individuen; denn von den 400,000 Einwohnern sind, wenn wir die Kopten mitrechnen, wenigstens 50,000 Christen. Diese letzteren haben 44 Kirchen, was ohngefähr dasselbe Verhältniß ergiebt, und rechnet man in Kairo 7000 Juden und für dieselben 13 Synagogen, so erhält man das Resultat, daß diese am günstigsten daran sind, denn es beziffert sich für sie die Zahl der zu einem Tempel Gehörigen auf einige mehr als 500.
In der Hauptstadt des Chedive herrscht natürlich die vollste religiöse Freiheit, aber erst seit einigen Jahren. Wie aber Alles, was maßlos ist, zu Unzuträglichkeiten führt, so auch diese vollkommene religiöse Freiheit. Es offenbart sich dies am meisten bei jenen großen mohammedanischen Prozessionen, welche oft stundenlang den Verkehr auf den Straßen hemmen. Die Zeiten sind allerdings längst vorüber, wo ein Andersdenkender beim Zuschauen einer solchen mohammedanischen Prozession sein Leben gefährdet sah, und da die Muselmanen ja überhaupt nicht die Sitte des Hutabnehmens haben, so ist vom "Huteintreiben" oder "Hutabschlagen", wie das in unseren toleranten und civilisirten Ländern vorkommt, nie die Rede.
Unerwähnt darf man auch nicht lassen, daß dies die einzigen Ausschreitungen sind, welche sich der Cult dem staatlichen Gemeinwesen gegenüber erlaubt, denn nicht würde der unbestraft bleiben, wäre er ein auch noch so hoher Geistlicher, der sich dem Staats-Gesetze widersetzen wollte.
Ueberhaupt lebt man in keinem Lande der Welt so sicher als in Aegypten und speciell in Kairo. Es ist wahr, daß auch hier manchmal große Diebstähle verübt werden, und ich erinnere nur an den berühmten Diamantendiebstahl Ende des Jahres 1874; aber er wurde in dem europäischen Viertel und von Europäern vollzogen. Von Mordtaten, Raubanfällen und größeren Verbrechen hört man fast nie.
Wenden wir uns zu einzelnen großen Bauten und Anlagen, so zieht vor allen im alten Stadttheile die Citadelle unsere Aufmerksamkeit auf sich. Schon von Weitem, wenn man mit der Bahn sich nähert, sieht man die hohe Kuppel und die eleganten schlanken Minarets der Moschee des Mohammed Ali, welche die Citadelle als krönendes Werk überragt. Denn die Citadelle ist keineswegs eine Baute, sondern besteht aus verschiedenen fortifikatorischen Gebäuden, aus Palästen, Kasernen und kleineren Gebäuden. Aber der aus Alabaster errichtete Dom, unter dem die Gebeine des großen Begründers der beutigen Dynastie ruhen, mit seinen imposanten Formen, in seiner dominirenden Lage, ist doch das Gebäude, welches den Fremden am meisten fesselt.
Hier auf der Citadelle ist auch der berühmte Brunnen in den Fels hinabgehauen; er ist fast 100 Meter tief und so breit, daß man bis zur Quelle mittelst Stufen hinabsteigen kann. Er heißt Josephs-Brunnen, hat aber nichts mit dem biblischen Joseph gemein, sondern wurde von Joseph ben Agub oder Saladin, dem ersten aglubitischen Sultan, erbaut, damit im Falle einer Belagerung die Citadelle nicht des Wassers ermangele. Mittelst zweier Schöpfräder (Norias oder Sakias) wird das Wasser an die Oberfläche gehoben. Der Anblick von der Plattform der Citadelle auf die große Stadt zu ihren Füßen, auf Bulak, Rodha und den gewaltigen Nil, auf die Pyramiden und im Hintergrunde die mit dem Himmel verschwimmende Sahara gehört zu dem Großartigsten, was man sich denken kann; die kühnste Phantasie findet hier ihre Befriedigung. Und wenn man das Glück hat, bei der Betrachtung dieses Bildes die über dem Mokattam-Gebirge heraufsteigende Sonne als Frühbeleuchtung zu haben, so spottet das Ganze jeder Beschreibung, und selbst der eingebildetste Pedant, der nörgelndste Philister wird von der Großartigkeit dieses Panoramas überwältigt werden.
Von den übrigen Moscheen nennen wir zuerst die des Amru, die älteste, ungefähr um 640 errichtete, aber von ihrer ehemaligen Pracht ist wenig mehr übrig. Bei allen mohammedanischen Gotteshäusern, wie auch bei ihren Profanbauten kann man die Bemerkung machen, daß die Mohammedaner mit großer Vorliebe Bauten unternehmen, aber nie daran denken, ihre Bauten zu erhalten. Die Amru-Moschee ist ein Rechteck von 120 Meter zu 75 Meter. Der Säulenwald an der Ostseite des Hofes aus 21 Säulenreihen, in jeder Reihe 6 Säulen, ist imposant.
Interessant für die Geschichte der Architektur ist die im Jahre 877 von Ahmed ebn Tulun erbaute Moschee, 80 M. lang aus 76 M. Breite. Man findet schon ogivische Bogen in Anwendung und außerdem die Wände mit Kusischen Legenden geschmückt. Nach arabischen Inschriften soll der das Gebäude umgebende Karnies aus zusammengestampftem Amber gemacht gewesen sein, um den Eintretenden Wohlgerüche zuzuführen. Jetzt ist nichts mehr davon zu bemerken und auch diese Moschee zeigt Verfall.
Die große und glänzende el Asar-Moschee ist insofern von Wichtigkeit, als mit ihr die Hochschule verknüpft ist, die bedeutendste der ganzen mohammedanischen Welt. Fast 10,000 Studenten folgen hier dem Unterrichte von über 300 Professoren. Es wird aber fast nichts, als Religion gelehrt und besonders sind es die vier rechtgläubigen Riten, die Hambaliten, Schaffeïten, Hanesiten und Malekiten, welche hier ihre Vorlesungen halten. Schaffeïten und Malekiten haben die meisten Zuhörer: erstere über 4500, letztere 3700. Die Hanesiten, wozu sich alle Türken rechnen, haben ca. 1000, die Hambaliten nur ca. 50 Studenten. Alle diese Schüler haben freien Unterricht und freie Kost nebst Bekleidung, ebenso sind auch die Professoren vom Staate besoldet. Außer Religion wird etwas Poesie, Grammatik und Gesetzgebung, letztere natürlich auf Koran und Sunnah basirt, getrieben. Mit dieser Moschee ist verbunden ein großes Blinden-Hospital, eine Sauya für Pilger, deren Asylrecht heute aber im Strome der Civilisation untergegangen ist.
Eine merkwürdige Universität, wo man weiter nichts treibt, als religiöse Forschungen, über nichts Anderes nachdenkt, als über Dinge, die außerhalb dem Bereiche des Wirklichen liegen und deren Resultate deshalb für das Land, für die Menschheit von gar keinem Nutzen sind.
Die Moschee, welche am meisten die Bewunderung der Europäer auf sich zieht, die Hassan-Moschee, hat mich immer ziemlich kalt gelassen. Zum Theil kommt das wohl daher, daß ich nie Vorliebe für jenen unmöglichen Stalactitenbau habe gewinnen können, zum Theil, daß einen die Quadern zu sehr an die Bauten der alten Aegypter erinnern. Solche Vandalen, die nicht die Energie besitzen, zu einem so großartigen Gebäude eigenes Material zu nehmen, sondern andere Bauten zerstören, um sie zu den ihrigen zu benutzen, soll man die wohl achten? Und sieht man nun gar, wie die famosen Stalactiten-Nischen in der Hassan-Moschee nicht aus Stucco oder Stein bestehen, sondern elende Holznachbildung sind, so schwindet vollends alle Sympathie. Die Moschee wurde 1356 vom Sultan Hassan erbaut. Das danebenstehende Minaret hat 80 Meter Höhe; fügt man die Höhe des Bodens, auf dem die Moschee erbaut ist—30 Meter—hinzu, so hat man die Höhe von Assuan.
Ich übergehe die übrigen Moscheen, welche alle, wie z.B. die von Kalaum auch el Barkuk genannt, oder die von Sitti Seinab oder die der Hassanein oder die von el Moged für diejenigen, welche sich für ägyptisch-mohammedanische Architektur interessieren, sehenswerth sind, deren Besuch man sich aber sonst ersparen kann.
In der Stadt selbst hat der Chedive merkwürdiger Weise keinen einzigen Palast, der von Außen irgendwie Anspruch auf architektonische Schönheit machen könnte.
Wie alle gouvernementalen Gebäude ist seine dermalige Wohnung ein äußerst fensterreiches Gebäude, ganz ohne Styl. Inwendig lassen diese chedivischen Paläste allerdings nichts zu wünschen übrig, weder an Eleganz noch an Pracht, noch auch an Geschmack der Decoration oder an zweckmäßiger Raumvertheilung.
Die neue Börse, die Bibliothek, die Wohnungen der ersten Beamten zeichnen sich durch nichts Besonderes aus. Was die Bibliothek anbetrifft, so besitzt dieselbe ca. 30,000 arabische Bände, fast nur Handschriften, darunter viele äußerst kostbare. Da sieht man vor allen anderen jene Bücher von außerordentlicher Größe, deren Buchstaben von Gold mit so großer Regelmäßigkeit gemalt erscheinen, daß man meinen sollte, sie seien gedruckt. Natürlich ist der Inhalt weiter nichts als der Text des Koran.
Will man schöne Gebäude modernsten Styls, villenartig gebaut, von reizenden Gärten umgeben sehen, so wandere man durch den neuen Stadttheil. Hier liegt auch die schmucke deutsche protestantische Kirche, hier hat der Minister der Justiz, jetzt Scherif Pascha, sein von feenhaften Gärten umgebenes Palais.
Was die Theatergebäude betrifft, so läßt sich bezüglich der Bauten selbst nichts sagen, als daß es provisorische Gebäude sind, bestimmt, mit der Zeit anderen monumentalen Platz zu machen. Was aber innere Ausstattung, Inscenirung, Personal und Leitung betrifft, so stehen sowohl die chedivische italienische Oper, als auch das französische Schauspiel unseren ersten und besten Bühnen würdig zur Seite. Hierüber herrscht nur eine Stimme.
Den größten Zauber und Reiz besitzt Neu-Kairo heute in jenem Esbekieh-Garten, mitten in der Stadt gelegen, den ich selbst noch bis zum Jahre 1868 als einen großen pfützenreichen Platz von hohen Sykomoren beschattet gekannt habe. Umfriedigt von Prachtbauten, ähnlich wie die der Rue Rivoli zu Paris, ist der harten von einem hohen eisernen Gitter umgeben. Zahlreiche Thore, deren Eingänge mit Selbstzählern versehen sind, geben Einlaß. Bei dem sonderbaren Hange der Orientalen, stunden-, ja tagelang faulenzend auf irgend einem einladenden Platze sich dem Dolce far niente hinzugeben, war die Vorschrift, ein unbedeutendes Entrée zu erheben, unerläßlich, denn nur durch eine solche Maßregel konnte der prächtige Park rein gehalten werden von jenem ungemein stark in Kairo vertretenen Contingent, das seine Sache auf nichts gestellt hat und höchstens vom bequemsten Betteln lebt und sicherlich mit angeborener Frechheit die schönsten und anziehendsten Punkte des großen Gartens in Besitz genommen haben würde.
Es ist wunderbar, wenn man die Beschreibungen früherer Reisender durchgeht und liest, was die Esbekieh war und nun staunt, was sie jetzt ist.
Die ganze Esbekieh-Anlage von achteckiger Form mit einem Umfange von 940 Meter nimmt ein Areal von ca. 82,500 Quadratmetern ein. Die Länge der Wege beträgt 2 Kilometer 300 Meter. Das Flüßchen und die von ihm gebildeten Teiche, Alles durch Kunst geschaffen, bedecken eine Oberfläche von fast 5000 Quadratmeter. Die Teiche sind 2 Meter tief.
Außer den kostbarsten Gewächsen aller Länder und Zonen, welche trotz des kurzen Zeitraumes ihres jetzigen Bestandes dort seit 20 Jahren gegrünt zu haben scheinen, findet der Spaziergänger in diesem Garten Alles vereint, was nur das Leben angenehm macht. Da sind reizende Buden, wo Liqueure, Eis und Scherbets verkauft werden. Hier ist eine Bierhalle, wo das beste Drehersche oder Münchener Bier in Eis dem durstigen Nordländer Labung bietet, Kaffeehäuser mit reizenden Kiosken gut eingerichtete Restaurationen, ein kleines Theater-Concert, ein arabisches Kaffeehaus, Schaukeln, Carroussels, verschiedene andere Kioske und Sammelplätze, endlich last not least eine Grotte[56] aus Tuffsteinen, die ganz und gar auf's Treueste die Natur nachahmt und aus der das Wasser in Cascaden hervorsprudelt, welches die See'n und den Bach speist.
Diese Grotte ist von einem künstlich aufgebauten Pic überragt, aus großen Tropfsteinblöcken und Steinen errichtet. Man gelangt hinauf mittelst eines schattigen Weges oder auch auf äußeren und inneren Pfaden, die man durch den künstlich geschaffenen Fels gearbeitet hat. Ans der obersten Spitze hat man ein Belvedere angebracht, von wo aus man nicht nur den ganzen Garten übersehen kann, sondern von dem aus auch das ganze Panorama von Kairo zu den Füßen des entzückten Beschauers liegt.—Die Eisenarbeiten sind alle in Paris gefertigt.
Der Esbekieh-Garten bedarf zur Speisung seiner Springbrunnen, zum Besprengen der Wege, zum Unterhalten der Teiche eines täglichen Wasserquantums von 800 Kubikmeter; die Erleuchtung bei Abend, welche feenhaft ist, wird durch 106 Candelaber bewerkstelligt; alle diese Candelaber haben Blumenform, 5 Zweige mit je 5 Tulpen, so daß im Ganzen allabendlich 2500 Flammen brennen. Dazu spielt jeden Tag, sobald die Sonne sich unter den Horizont senkt, ein ausgezeichnetes Militärorchester europäische Symphonien und Stücke, auch wohl arabische Weisen, welch' letztere ungemein an Wagner'sche Compositionen erinnern.
Leider ist der Esbekieh-Garten lange nicht so besucht, wie er es verdiente, es ist eine für Kairo zu vornehme Anstalt; nicht etwa, weil das niedrige Entrée von den Besuchern als unerschwinglich bezeichnet würde; es sind auch die Genüsse innerhalb desselben dem Publicum zu theuer. Dazu kommt, daß das vornehme europäische Publicum, an der Spitze die Vertreter der europäischen Länder, blasirt, das vornehme mohammedanische apathisch und unempfänglich für solche Genüsse sich verhält, der gewöhnliche Mittelstand der Eingeborenen aber in diesem Entrée gleich eine Steuer des Chedive wittert und der gemeine europäische Mann lieber in den übrigen Vergnügungslocalen Kairo's seine Unterhaltung sucht.
Diese sind keineswegs in geringer Anzahl vorhanden. Der Deutsche findet in zahllosen Bierhäusern längs der Esbekieh nicht nur Drehersches, sondern auch bairisches Bier und zwar wohlgekühlt in Eis; der Franzose findet überall seine Café's; der Italiener findet in den Conditoreien und auf der Straße seine Sorbetti und in zahlreichen Restaurants kann der Engländer, von Engländern bedient, sein Beefsteak und sein Glas "half and half" trinken. Nur der russische Traktir fehlt noch, aber wie lange wird es dauern und irgend ein speculativer Kopf erbaut ein solches mit einer mächtigen Orgel versehen an der Seite einer Fonda, wo man Polenta und Olla potrida verkauft.
Denn wenn man Abends durch die auf's Glänzendste von Gas beleuchteten Straßen geht und hört, wie einem allerorts Musik entgegenschallt, hier des Italieners "o che la morte honora" oder "madre in felice corro a salvarti" dort des Deutschen "Wacht am Rhein"; hier des Franzosen "partant pour la Syrie" dort des Engländers "god save the queen", wenn man sieht, daß alle diese Musikbanden aus nationalen Kräften bestehen (Kaffee- und Weinhäuser mit deutschen und deutsch-böhmischen Musikbanden, Sängern und Sängerinnen giebt es ein Dutzend in Kairo), so sollte man nicht glauben, in der Stadt zu sein, welche noch bis vor wenigen Jahren als das ächteste Bild einer orientalischen Stadt hingestellt wurde.
Und geht man gar in die elegant eingerichteten Spielsalons, wo hier eine Roulette, dort König Pharao den Gästen das Geld aus der Tasche lockt und die meistens als Aushängeschild die elegantesten Cafés chantants oder auch kleine Theater mit Ballerinen zeigen, so sollte man nicht meinen, daß man nur einige Stunden weit von den Pyramiden des Cheops und des Cephren sich befände.
Aber trotz dieses modernen Kairo ist noch ein gut Stück Alt-Kairo, d.h. orientalischer Stadt übrig. Jedoch verschwindet es allmälig schneller und schneller, und vielleicht schon nach einem Menschenalter wird jene alte orientalische Stadt, jene Stadt mit den maurischen Hufeisenbauten, mit den schlanken Minarets, mit den engen überdachten Gassen und ihren noch engeren Kaufläden—sie wird verschwunden sein, und finden können wir sie dann nur noch in den Büchern und Reiseberichten Derer, welche sie zu der Zeit besuchten. Und um so spurloser wird das alte Kairo vom Erdboden verschwinden, als die Wohnungen der Eingeborenen aus losem, schlechtem Material errichtet und selbst die Moscheen und Paläste aus Quadern erbaut sind, welche man von alten Monumentalbauten zusammengeschleppt hat; sind doch jetzt schon alle Moscheen und die Mehrzahl der Paläste früherer Vicekönige halbe Ruinen.
Wenn man aber sieht, mit welcher Rücksichtslosigkeit mitten durch die Quartiere der Eingeborenen eine gerade breite Straße gezogen wird, wie man weder die Medressen (Schulen) noch die Moscheen schont, wie man Untiefen auffüllt, Hügel abträgt, dann muß man staunen ob der Energie des Chedive. Aber "Gott soll ihn ewig mit den ungläubigen Christenhunden brennen lassen!" murmelt der fromme Mohammedaner, der aus seinem Heim vertrieben wird, welches seine Vorfahren inne gehabt hatten und wo er selbst schon seit Jahren wohnte. Aber er "murmelt" es nur, offen es auszusprechen, wagt er nicht. Ja er preist sich glücklich, wenn die chedivische Regierung ihm umsonst ein Stück Land anweist in einem ganz anderen Viertel der Stadt, mit der Erlaubnis, ein Haus zu bauen nach europäischem Style.
So vollziehen sich die Expropriationen in Aegypten und speciell in Kairo. Von Entschädigungen ist nirgends eine Rede. Sobald der Chedive beschlossen hat, eine Straße durch den orientalischen Stadttheil zu legen, wie er sich solche auf dem Plane der Stadt vorzeichnet, erhalten die betreffenden Anwohner des Viertels Befehl, innerhalb einiger Tage ihre Immobilien zu räumen. Von Entschädigung wird nicht gesprochen; nur wenn europäische Unterthanen von einer solchen Maßregel betroffen werden, dann bekommen sie vollen Ersatz für ihr genommenes Grundeigentum.
Die Straße, welche früher als Glanzpunkt des europäischen Lebens galt, die Muski, ist heute entthront; zwar findet man immer noch elegante Läden, aber elegantere giebt es in der Ismaelia (der neue Stadttheil von Kairo) und die Straße ist viel zu eng, als daß sie jemals ihren Rang wieder einnehmen könnte, nämlich die "Unter den Linden" Kairo's zu sein. Dazu kommt noch, daß man aus Utilitätsrücksichten geglaubt hat, davon abstehen zu müssen, sie mit Pflasterung zu versehen. Aber die Muski ist noch immer das Herz von Kairo, hier pulsirt das größte Leben, welches in seinem Dahinfluthen Aehnliches zeigt mit den Wogen des Strand von London. Hier ist auch die Vermittelungsstraße vom modernen europäischen zum alten orientalischen Kairo.
Wandern wir rasch durch die verschiedenen orientalischen Quartiere, durch die Bazars, ehe sie für immer verschwinden, um einer modernen "Avenue" oder einem "Boulevard" Platz zu machen.
Da ist der Khan el Khalil im Gammeliah-Quartier; der Name rührt daher, weil hier die Kamele (Gammel, Gemmel oder Djemel) ihre Waaren aufnehmen und abladen. Hier sind alle orientalischen Artikel zu haben. An endlosen, nicht sehr breiten überdachten Straßen hocken in engen Verkaufsläden die Eigentümer. Die Läden sind meistens so eng, daß Alles und Jedes im Bereiche des Hockenden ist. Hier finden wir alle Requisiten des orientalischen Rauchers. Hier sieht man jene reichen Teppiche aus Persien oder Damask, elegante orientalische Stoffe, Elfenbein und Straußenfedern und im Allgemeinen alle Artikel aus dem Sudan und Asien; reich eingelegte Waffen, Schmucksachen, unverarbeitete Edelsteine, Vasen etc. Die Hauptmarkttage von Khan el Khalil sind Montags und Donnerstags.
Diese große Markthalle, wo fast ausschließlich eingeborene Kaufleute ihre Buden haben, wo aber manches europäische Haus mit großen Summen betheiligt ist, hat natürlich an allen Ecken und Enden feste und "fliegende" Café's. Erstere sind solche, wo der Kauadji eine größere oder kleinere Räumlichkeit besitzt, welche von seinen Gästen besucht wird, in denen man mitunter auch Musik findet. Letztere bestehen auf der Straße selbst einfach aus einem kleinen Kochapparat, wo Kaffee bereitet wird, den der Cafétier seinen bestimmten Kunden zuträgt. Jeder Budenbesitzer schlürft mehrere Male des Tages seinen Mokka, und da größere Käufe, welche natürlich längere Zeit in Anspruch nehmen, nur mit einer Tasse Kaffee in der Hand abgemacht werden, so haben solche fliegende Cafetiers auch eine ganz gute Kundschaft.
Hier findet man vereinzelt auch jene Haschisch-Buden, d.h. Kaffeehäuser, wo neben dem Tabaksrauchapparat, der in Narghileh, Tschibuck und Cigaretten besteht, vorzugsweise Haschisch geraucht und gegessen wird.
Gehen wir weiter, so kommen wir zum Hamsani-Bazar, wo man hauptsächlich Parfümerien, Papier, Porzellan, Krystallsachen, Kattunstoffe, Kramwaaren und Arzneien kaufen kann. Erstere, die Parfümerien, sind bei den Orientalen ein stark begehrter Gegenstand. Im Allgemeinen haben sie auch Vorliebe für dieselben Wohlgerüche, wie wir Europäer, aber bei einzelnen, welche bei uns die seine Gesellschaft schon zu "mauvais odeur" rechnet und welcher sich bei uns nur der demi monde bedient, nämlich Moschus und Patschuli—diese erklärt der Orientale als den Inbegrif des Vollkommensten, was man dem Geruchsorgan bieten könne.
Auch in vergangenen Jahrhunderten war dies so, die Liebhaberei für derartige Düfte ist nicht neu. Als Beweis führe ich Leo[57] an, der in seiner Beschreibung "von der sehr großen und bewunderungswürdigen Stadt Kairo" sagt: "Auf einer anderen Seite (er hatte soeben das auch zu seiner Zeit so heißende Can el Halili beschrieben) der erwähnten Straße ist eine Gegend für Diejenigen, die mit Räucherwerken, z.B. Zibeth, Moschus, Ambra und Benzoin handeln; diese Wohlgerüche sind in solcher Menge vorhanden, daß wenn Jemand 25 Pfund verlangt, man ihm wohl 100 Pfund zeigen kann."
Hieran reihen sich noch andere Bazars, der von Gurich, wo hauptsächlich Seidenstoffe, Wollfabrikate und Tuche verkauft werden; ein eigener Zuckerbazar fehlt auch nicht und auch ein Waffenbazar dicht bei der berühmten Hassan-Moschee existirt noch immer. Man findet hier europäische und ägyptische Waffen, das Material indeß, die Klingen, Läufe und Schlösser kommen vom Abendlande, nur die Zusammensetzung und die Ausbesserungen werden hier vorgenommen.
Der Waffenmarkt hat übrigens bedeutend abgenommen, seitdem das Faustrecht in Aegypten aufgehört hat, an der Tagesordnung zu sein. Jeder Eingeborene sucht allerdings auch heute noch seinen Stolz darin, dermaleinst eine Flinte zu besitzen, um der Jagd, die ja in Aegypten frei ist, fröhnen zu können; aber eine Notwendigkeit, eine Waffe zu haben und zu tragen, wie das früher der Fall war, namentlich vor Mohammed-Alis Zeiten, die liegt heute nicht mehr vor.
Wenn nun auch Kairo nicht die erste Handelsstadt des Pharaonenreiches ist, das ist heute Alexandrien, so ist der Warenumsatz und geschäftliche Verkehr doch immerhin ein bedeutender und durchaus der Einwohnerzahl Kairos gemäß.
Der Haupthandel, namentlich der Engros-Handel, befindet sich in den Händen der Griechen, nach ihnen kommen die Engländer, Italiener, Franzosen und Deutschen; aber der größte Kaufmann, der, welcher allein mehr Geschäfte macht, als alle Eingeborenen und Ausländer zusammengenommen, das ist der Chedive. Noch größer, denn als Regent, zeigt sich Ismael als Geschäftsmann.
Die kaufmännischen Geschäfte werden zwischen den Eingeborenen und europäischen Handelsleuten mittelst Makler (arab. samsar, italienisch sensale) abgemacht. Meist wird der Verkauf mittelst Credit abgeschlossen, selten gleich baare Zahlung geleistet. Gewöhnlich sind die Eingeborenen die pünktlichsten Zahler, obschon sie es auch an der knauserigsten Feilscherei nicht fehlen lassen und um einen Para mehr oder weniger Himmel und Hölle in Bewegung setzen möchten.
Unter den Ausfuhrartikeln, welche stets in Kairo lagern, nennen wir als wichtig: Gummi, Elfenbein, Sennesblätter, Datteln, Weihrauch, Perlmutter, sogenannter Mokkakaffee, der aber zum größten Theil aus den Landstrichen südlich von Abessynien kommt, Straußenfedern, Felle, Opium, Schildpatt, Tamarinden, Wachs, Knochen, Hörner, Lumpen.
In industrieller Beziehung steht die Fabrikation von halbseidenen Stoffen oben an. Es giebt in Kairo augenblicklich 500 Webestühle, welche jenen unter dem Namen Kutnieh oder Alagieh bekannten halbseidenen Stoff fabriciren. Ferner ist die Zahl der Indigofärbereien nicht unbedeutend; fast alle Kattunstoffe werden ungefärbt importirt, aber die Eingeborenen tragen sie nur indigogefärbt.
Auch die Gerbereien werden en gros betrieben. Die Bewohner von Kairo verstehen ebenso gut das Leder zu gerben und zuzubereiten, wie die von Cordova, von Marokko oder Saffi, von welchen Städten die feinen Leder ihre speciellen Namen als Corduan, Maroccain oder Saffian erhalten haben. Auch Posamentirarbeiten, Mattenflechterei und Korbmacherei erfreut sich in der Hauptstadt eines großen Aufschwunges.
Wollstoffe, grobe Leinwand, welche vorzüglich in Fayum gewebt wird, haben in Kairo ihren hauptsächlichsten Umsatz für das ganze Land. In Bulak giebt es eine Papierfabrik, eine Kanonengießerei und eine bedeutende Schiffswerft. Bulak muß jetzt überhaupt schon als ein integrirender Stadttheil Kairo's betrachtet werden, und da wollen wir nicht unerwähnt lassen, daß das Sehenswertheste in diesem Stadttheile das von Herrn Mariette gegründete ägyptologische Museum ist.
Auch ein Irrenhaus, ein Bagno für weibliche Verbrecher, eine Kunst- und Gewerbeschule, das Arsenal, eine arabische und persische Druckerei befinden sich in Bulak.
Und vis-à-vis von Bulak ist die Perle des Nils, der Palast und Garten von Gesirah. Wer je einmal die Wundermärchen von "Tausend und Eine Nacht" gelesen hat, der glaubt, daß hier diese Zaubereien Wirklichkeit geworden sind. Der Palast selbst erinnert an das Meisterstück der Alhambra, den Löwenhof. Der Garten aber übertrifft an Ueppigkeit der Pflanzen, an prachtvollen Anlagen, an seltenen exotischen Gewächsen selbst noch den der Esbekieh inmitten der Hauptstadt.
Die Grasplätze, Stauden und Blumen, die Statuetten, Grotten, Felspartien, Bäche, Brücken, Candelaber, Springbrunnen &c., alles dies belebt von Thieren aller Art und Größe, machen diesen Garten zu einer Zauberei eigner Art. Namentlich Abends und Nachts, wenn einer jener officiellen chedivischen Bälle abgehalten wird, glaubt man beim Lichte jener 1000 Gasflammen der Wirklichkeit entrückt zu sein.
In der Mitte des Gartens ist jener herrliche Salamlik, ein Sommerpalast des Chedive, von einem Walde von Säulen getragen.
Eine Zierde dieses Wundergartens wird das Aquarium sein, welches von eben jenem fähigen Baumeister errichtet wird, Herrn Combay, welcher die prachtvolle Grotte im Esbekieh-Garten erbaut hat. Dasselbe erhält eine Grundfläche von 4800 Quadratmetern und besteht aus zwei Etagen. Die Idee ist ebenso großartig, wie kühn. Die prächtig nachgebildeten Stalaktiten, welche vom Gewölbe herab sich in die Grotten senken, die Korallen und Seegewächse, welche vom Boden aufsteigen, wirken wunderbar, und hier auf der Grenze zweier Meere, des rothen und des mittelländischen, inmitten eines der mächtigsten Ströme der Erde werden wir bald ein Aquarium besitzen, wie kein zweites auf der Welt, welches jedenfalls an Reichhaltigkeit lebender Bewohner von Salz- und Süßwasser selbst die Aquarien von Brighton und Neapel aus dem Felde schlagen wird.
Wie Bulak heute nur ein Theil Kairo's ist, so ist Masr el Attikah (Alt-Kairo, früher officiell so unterschieden als abgetrennte Stadt vom eigentlichen Masr, während wir im Verlaufe dieser Abhandlung mit Alt-Kairo das bezeichnen, was orientalisch ist, und Neu-Kairo das nennen, was neu ist, also vorzüglich den Stadttheil Ismaelia) es ebenfalls.
Geht man von der Esbekieh aus über den Abdin-Platz bei der Sitti Seinab vorbei, so befindet man sich angesichts des protestantischen und katholischen Kirchhofs und angesichts jenes Riesen-Aquaducts, den Saladin herstellen ließ, um dadurch die Befestigungen der Citadelle zu vervollständigen. Diese Wasserleitung ruht auf 289 Bogen und hat eine Länge von etwas über 2 Quadrat-Meilen. Eine schattige Alle führt, sobald man unter der Wasserleitung durch ist, nach Masr el Attikah.
Von den 8 christlichen Kirchen, welche hier sind, ist für den Fremden die am interessantesten, in welcher das Häuschen sich befindet, worin nach der Legende die heilige Familie geweilt haben soll; sie gehört den nichtunirten Griechen.
Gegenüber liegt die Insel Rhoda, welche zwar nicht zur Stadt Kairo gehört, aber wegen des hier befindlichen Nilmessers, Mekias von den Eingeborenen[58] genannt, welcher sich ursprünglich in Memphis befand, wird gewiß jeder Europäer, der als Reisender nach Aegypten kommt, zur Insel hinüberfahren.