Aber auch auf dieser Insel giebt es prächtige Paläste und Gärten, namentlich der Palast von Ibrahim Pascha ist eines Besuches werth. Auf dem südlichsten Ende der Insel befindet sich eine Pulvermühle.
Masr el Attikah ist mit Bulak durch eine Reihe schöner Paläste, Villen und Gärten verbunden. Das Palais von Soliman Pascha, unmittelbar am Nil gelegen, der Khalig-Kanal, bei dem alljährlich die Festlichkeiten stattfinden, welche bei der Nilüberschwemmung seit Tausenden von Jahren gefeiert werden, eine große Salpeterfabrik, das große Hospital Gasr el Ain, welches sowohl für Militär- als Civilpersonen eingerichtet ist, endlich das große Schloß Gasr el Nil, ein Hospital und eine ungeheure Kaserne, alle diese Bauten bereiten den Wanderer gewissermaßen auf eine der kolossalsten Thaten des Chedive vor, welche derselbe im Verlaufe seiner so wirksamen und ruhmgekrönten Regierung hat ausführen lassen. Wir meinen die feste Nilbrücke, im Februar 1872 eingeweiht; sie hat eine Länge von 406 Meter, hat auf dem rechten Nilufer eine Drehscheibe von 30 Meter Durchschnitt auf einem Thurme ruhend, der 50 Fuß tief in das Nilbett eingesenkt ist. Die Brücke hat 2,300,000 Frcs. gekostet. Ebenbürtig stellt sie sich den besten Brückenbauten der civilisirten Staaten an die Seite.
Aber wir halten, am anderen Ufer des Nils angekommen, an, denn die Beschreibung von Giseh, welches jetzt die Abfahrtsstation für Ober-Aegypten mit der Bahn geworden ist, die Pyramiden, auf der anderen Seite der versteinerten Welt Matarieh und Heliopolis, die Abassieh und die heißen Bäder von Hamman Heluan gehören nicht in den Rahmen dieses Bildes, der ja nur eine Uebersicht von Kairo, wie es jetzt ist, entwerfen sollte.
Eigenthümlich genug, daß die Generalconsulate und politischen Agenturen nicht in der Hauptstadt Aegyptens, sondern in Alexandrien sind. Dasselbe sehen wir sich wiederholen am westlichsten Punkte von Afrika, in Marokko, mit dem Unterschiede, daß im Innern von Marokko überhaupt noch keine Vertreter christlicher Mächte zu finden sind, während Tanger von den Staaten, die sich am meisten für das Land interessiren. Generalconsulate und Viceconsulate, beide von einer Macht, beherbergt. Kairo hat blos Consulate.
Der Grund dieser Abnormität, dieser stiefmütterlichen Behandlung der Hauptstadt schreibt sich aus den alten Zeiten her, wo der Christ sich jede Art roher Behandlung gefallen lassen mußte. Wurde nun einmal ein einfacher Consul geohrfeigt von einem Mameluk oder ägyptischen Pascha, so konnte das eher verschmerzt werden; wurde aber ein Generalconsul mit Füßen getreten, so mußte man schon Notiz davon nehmen[59]. Zudem konnte ein Generalconsul eher in einer Hafenstadt geschützt werden, als im Innern des Landes.
Da aber alle diese Ursachen längst aufgehört haben, so sollte auch jener abnorme Zustand aufhören. Oder denkt man vielleicht, mit der Souveränität von Aegypten müßten ohnedies neue diplomatische Verbindungen eintreten und die Unabhängigkeit des Landes werde wohl nicht lange mehr auf sich warten lassen? Das einzige Land Persien hat sein Viceconsulat in Alexandrien, sein Generalconsulat aber in Kairo, und auch dies bestätigt meine vorhin ausgesprochene Ursache.
Die verschiedenen christlichen Gemeinschaften in Kairo haben fast alle ihre eigenen Kirchen, so die katholische der Väter des heiligen Grabes, die unirten Griechen, die orthodoxen Griechen, die katholischen Armenier, die nichtkatholischen Armenier, die unirten Syrier, die katholischen Maroniten, die reformirten deutsch-französischen Christen, die amerikanischen Protestanten, die katholischen Kopten und die Jesuiten.
Auch die Juden theilen sich in Talmudisten und Thoraimisten, d.h. solche, welche nur das Gesetz Moses anerkennen.
Das Schulwesen in Kairo hat einen ganz neuen Aufschwung genommen unter der umsichtigen Leitung des Schweizers, Herrn Dohr. Sein Hauptstreben ist dahin gerichtet, die weibliche mohammedanische Jugend der Bildung theilhaftig werden zu lassen, derer sie bedarf, und wenn dies gelingt, so ist damit ein Hauptfactor zur wirklichen Civilisation des ganzen Volkes gegeben.
Hospitäler giebt es zwei, das schon genannte in Gasr el Nil, welches jährlich an 5000 Kranke aufnimmt, und das europäische, dessen Kranke in den Flügeln des großen Gasr el Ain untergebracht werden. Die Aufnahme der Kranken ist hier nicht gratis, sondern der Patient zahlt je 12, 6 und 3 Frcs. für den Tag. Dies Hospital steht unter Aufsicht eines der Consuln, welche zu diesem Zwecke einen der Ihrigen alljährlich hierzu auserwählen.
Sollen wir schließlich noch ein Wort über die Absteigequartiere der Europäer sagen, so beginnen wir mit dem sowohl äußerlich, wie innerlich gleich großartig ausgestatteten New-Hôtel, an der Esbekieh gelegen; es ist Eigenthum des Chedive und wird besonders von nach Indien reisenden Engländern besucht.
Schaper's Hôtel, jetzt Herrn Zech, einem Schwaben, gehörig, ebenfalls am Esbekieh-Platz gelegen, besonders von vornehmen Reisenden frequentirt; Art und Weise durchaus englisch.
Nil-Hôtel am Ende einer von der Muskistraße ausgehenden Sackgasse, besonders von Deutschen und Nordamerikanern besucht, mit reizendem Garten und trefflicher deutscher Bedienung bei vorzüglicher französischer Küche.
Andere Hôtels ersten Ranges, wie Hôtel d'Orient, Hôtel des Ambassadeurs, Hôtel Royal sind gleichfalls zu empfehlen. Auch gute Hôtels zweiten Ranges fehlen nicht, z.B. Hôtel des Colonies, de France, des Princes, du Commerce u.a.
Mit allen Hotels sind europäische Bäder verknüpft; von den zahlreichen maurischen Bädern ist das den Europäern am meisten zu empfehlende das Bad Tombaly nahe dem Scharieh-Thore.
Das ist das Kairo im Jahre 1875; heute schon halb eine europäische Stadt, wird diese Stätte uralter ägyptischer Cultur—denn Kairo ist doch eigentlich weiter nichts, als ein verjüngtes Memphis—bald wieder ein neues, ganz der neuesten Civilisation und Cultur sich anpassendes Kleid angelegt haben und nach Abschüttelung des Staubes und der Asche wie ein Phönix aus derselben emporsteigen.
[50] Uebersetzung nach Wetzstein; andere übersetzen auch "die Siegerin".
[51] Ich folge hier der Schreibweise Wetzsteins.
[52] Es ist dies in sofern interessant, als das Umgekehrte Regel ist, wenigstens in der Neuzeit. Von verschiedenen Völkern wird das türkische Reich nach seiner Hauptstadt Stambul genannt, also das Land nach der Hauptstadt. Im ganzen Orient benennt man das Kaiserreich der Preußen nach seiner alten Hauptstadt Muscu. Wir selbst nennen die Berberstaaten Tripolis, Tunis, Algier nach ihren Hauptstädten. In Deutschland haben die kleinen Länder fast alle ihre Benennung nach den Hauptstädten.
[53] Aufgepaßt, aufgepaßt, rechts Herr, links!
[54] Weiblicher Plural von Moslim.
[55] Was das anbetrifft, so müssen wir doch anderer Meinung sein. In einem Lande, wo eigentlich nur ein Kaufmann ist, nämlich der Chedive, kann von Handelsfreiheit nicht wohl die Rede sein.
[56] Siehe p. 275: guide annuaire par Fr. Levernay.
[57] Uebersetzung von Lorsbach p. 519.
[58] [Greek: neiloschopion] der Griechen.
[59] Der Schlag mit dem Fliegenwedel ins Gesicht des französischen Consuls in Algier führte zur Unterwerfung der Regentschaft; leider wurden ähnliche Insulten von anderen Mächten nicht so energisch geahndet, sonst hätte das Piratenwesen etc. nicht aufkommen, wenigstens nie eine solche Macht werden können und die schändliche Menschenräuberei, welche bis 1830 trotz der europäischen Mächte von den muselmanischen Beys und Deys betrieben wurde, wäre viel eher unterdrückt und ausgerottet worden.
Schon einen halben Tag vorher, als wir noch inmitten der ödesten Steinwüste waren, bemerkten wir die Nähe des lebenspendenden Nilthales. Es war gegen 2 Uhr Nachmittags, und in verschiedenen Gruppen zu Fuß gehend waren wir den langsamen Kamelen vorausgeeilt; wir unterhielten uns gerade über die Möglichkeit, noch am selben Abende oder früh am Morgen an's Nilthal zu kommen, als lautes Gejodel hinter uns ausbrach. Es waren unsere Diener, die nun heranstürmten und uns auf eine hohe Dampfsäule aufmerksam machten, die gerade vor uns im Osten majestätisch gen Himmel aufwirbelte. Sie konnte nur aus einem jener Fabrikschornsteine herrühren, welche man jetzt in Aegypten, vom Delta an bis nach Assuom hinauf, als Zeugen einer höheren Kultur antrifft.
Mit erneuertem Eifer eilten wir voran und eine Stunde vor Sonnenuntergang hatten wir den Rand der Sahara, das felsige Steil-Ufer des Nil, erreicht. Ja, auf einem erhöhten Vorsprunge konnten wir, in weiter Entfernung allerdings, den Nil selbst und seinen grünen Rahmen, die schlanken Palmen, erkennen. Sobald die Kamele herangekommen waren, wurde dann noch mit Vorsicht der Abstieg ausgeführt, wollten wir doch vor allen Dingen noch am selben Abende der traurigen Hammada (steinigen Hochebene) entfliehen und der Wüste für immer Lebewohl sagen.
Aber wenn wir auch die Genugthuung hatten, am Fuße des felsigen Ufers unsere Zelte aufschlagen zu können, so war es doch zu spät geworden, um das eigentliche Nilthal, das, welches unter der unmittelbaren Einwirkung des belebenden Wassers steht, erreichen zu können. Die Schwierigkeiten, die beladenen Kamele durch die enge, abschüssige Felsspalte hinabzutreiben, waren so groß, daß es schon dunkelte, als wir unten am Ausgange der majestätischen Schlucht ankamen. Aber ein prachtvoller Lagerplatz war es. Da standen unsere Zelte am Fuße der jäh abfallenden Kalkwände, vor uns öffneten sie sich, der Ausgang winkte uns Leben entgegen, hinter uns thürmten sie sich himmelhoch auf, eine riesige Mauer als Scheidewand der ewig todten Sahara vom fruchtbarsten Thale der Welt. Und nun ging der Mond auf und ergoß sein Licht über unser malerisches Lager; die Feuer prasselten, behaglich hatten sich die müden Kamele in den weichen Sand gestreckt und zermalmten langsam ihr wohlverdientes Futter; die deutschen Diener provocirten jubelnd durch Revolver und Gewehrschüsse das vielfache Echo, während wir Anderen uns vor unsere Zelte gesetzt hatten und die Freuden der Nilreise erwogen, welche wir sicher schon am andern Tage antreten zu können hofften.
Das war unser letztes Lager, unsere letzte Wüstennacht, die gewiß Jedem von uns unvergeßlich sein wird.
Früher als sonst waren wir am anderen Morgen bereit. Schnell wurden die Zelte gerollt, die Kamele beladen und vorwärts ging es. Aber so schnell war dennoch Esneh, wo wir uns einzuschiffen hoffen konnten, nicht erreicht. Wir waren allerdings im Nilthale, aber noch weit von Esneh, dessen Palmen noch nicht einmal zu sehen waren. Ein regelrechter Tagemarsch mußte noch zurückgelegt werden und zwar kein angenehmer, denn das Thermometer zeigte im Schatten über 30 Grad. Indeß zogen wir immer längs der fruchtbaren Nilfelder nach Süden und rechts das hohe Ufer bot in seiner wechselvollen Form Unterhaltung genug, um die Zeit rasch schwinden zu machen.
Nachmittags erreichten wir denn auch die ersten menschlichen Bauten, zwar nur Ruinen, aber interessanter Art. Es waren die Reste eines ehemaligen bedeutenden koptischen Klosters, welches auch heute noch für die ägyptischen Christen ein berühmter Wallfahrtsort ist. Hierher kam in der Mitte des vierten Jahrhunderts der Pater Pachomius, ein Held der koptischen Kirche. Die Kirche des Klosters, eine Rotunde, ist noch gut erhalten, ja einige Zellen, mit Matten belegt, geben Zeugniß, daß manchmal Tage lang noch Gottesdienst hier verrichtet wird. Einige in Stein gehauene griechische Inschriften deuten auf das hohe Alter des merkwürdigen Klosters hin. Am interessantesten sind aber die hübschen Mausoleen in der Nähe des Klosters; hier ruhen die Gebeine der christlichen Märtyrer, welche im Jahre 303 n. Chr. auf Befehl vom Kaiser Diocletian hingerichtet wurden. Reizende Grabkapellen, deren hübsche architektonische Formen sich nur vergleichen lassen mit der berühmten Nekropolis in Chargeh und die um so bemerkenswerter sind, weil sie zu den wenigen Bauüberresten gehören, welche aus ungebrannten Thonziegeln errichtet sind.
Jetzt tauchten auch die Gärten von Esneh auf und bald darauf erblickte man die größeren Gebäude und die schlanken Minarets der Moscheen. Unser Factotum, Mohammed Daud, hatte ich vorausgeschickt, um uns beim Mudir anzumelden, und eine halbe Stunde vor der Stadt kam uns auf einem prächtigen weißen Berberhengste der Unter-Mudir entgegen, um uns willkommen zu heißen. Zittel und ich waren vorausgegangen und betraten bald darauf das hübsche Lustschloß des Chedive, unmittelbar am Nil gelegen.
Sobald wir im Schlosse, welches der Chedive ganz zu unserer Verfügung gestellt hatte, eingerichtet waren, namentlich Jeder von uns sein Zimmer in Besitz genommen hatte, stellten sich die Honoratioren der Stadt ein und im großen Saale wurde Empfang gehalten. Wir aber forschten vor Allem, ob in Esneh ein Trunk Bier zu haben sei, und siehe da, die Stadt erwies sich in dieser Beziehung sehr civilisirt, denn bald darauf standen vermiedene Flaschen Ale auf dem Tische. Seltsames Verlangen, welches wohl nur der Deutsche, vielleicht auch der Engländer besitzt—ich glaube, in Esneh ist während der kurzen Zeit unseres Aufenthalts so viel Bier wie nie vorher verkauft worden.
Das Schloß des Vicekönigs war reizend gelegen, obschon es sich sonst keineswegs durch architektonische Schönheit auszeichnete. Von Mohammed Ali erbaut, der fast jeden Winter einige Monate in Esneh zuzubringen pflegte, zeigt es im Allgemeinen dieselbe Anordnung der viceköniglichen Palais aus jener Periode, d.h. länglich viereckig ist das innere Parterre durch ein großes Kreuz getheilt. Sonderbare Vorliebe, welche die Aegypter für's Kreuz besitzen, denn sogar die berühmte Mulei-Hassan-Moschee in Kairo zeigt ja, wie ich früher schon erwähnte, in der Grundform ein Kreuz. In der Bel-Etage war ein großer Saal mit verschiedenen Zimmern daneben; letztere hatten wir unter uns vertheilt; der Salon, nach türkischer Sitte nur mit einem Divan, der sich rund um die Wände zog, möblirt, diente als gemeinsames Speisezimmer und als Empfangszimmer. Die Teppiche waren überaus schön und auch die Möbelstoffe, Gardinen etc. waren einst schön gewesen, aber vom Zahne der Zeit etwas angegriffen.
Ich schlief in der ersten Nacht im Bette Mohammed Ali's, aber in den folgenden Nächten zog ich mein Feldbett doch vor. In den Wandschränken der Zimmer fand sich überdies der reichste Vorrath von Leinenzeug, seidenen und wollenen Decken, Kissen etc., vielleicht seit zwanzig Jahren unberührt liegend, denn der jetzige Chedive und seine beiden Vorgänger haben nie in diesem Palaste genächtigt.
Ringsum ist ein reizender Garten, da wetteifern Palmen mit Oliven, Feigen mit Agaven, Granaten mit Orangen in ewig grüner Pracht, wer am ersten seine duftenden Blüthen offenbaren soll. Und vor dem Palais selbst ist, ehe man zu den Fluthen des Nils kommt, ein zweiter schöner Platz, stets schattig, denn herrliche Lebek-Akazien überwölben ihn.
Unsere Freude, den Nil erreicht zu haben, wieder in civilisirter Umgebung sein zu können, wurde aber etwas getrübt, weil kein Dampfer, um uns zu holen, gekommen war. Leider war der Brief, den ich von der Jupiter-Ammons-Oase aus an unseren Generalconsul in Alexandrien geschickt hatte, acht Tage später angekommen, durch die unverzeihliche Nachlässigkeit des arabischen Boten, welcher geglaubt hatte. "Acht Tage früher oder acht Tage später, was macht das aus?" So fanden wir nur ein Telegramm vor, welches besagte, es sei Befehl gegeben, uns von Assuan her eine Dahabieh zu besorgen, da Dampfer des niedrigen Wasserstandes wegen nicht mehr fahren könnten. Letzteres war nun allerdings eine Unwahrheit, aber jedenfalls war die Zeit zu kurz geworden, um jetzt noch einen Dampfer von Kairo zu erwarten.
Wir mußten uns also mit Geduld in unser Schicksal ergeben und Jeder nutzte die Zeit aus, so gut es ging. Zittel durchforschte noch einmal die interessanten Schichten des Nilufers, Jordan operirte mit dem Theodolit, Ascherson suchte mit seinem Diener Korb Pflanzen und Herr Remelé photographirte im Tempel; nur ich selbst hatte meine Thätigkeit geschlossen, denn mit der Erreichung des Nils hatte die Reise ihr Ende erreicht. Aber ganz unthätig war ich auch nicht, lag mir doch ob, unsere ganze Expedition noch stromabwärts bis zum Mittelmeere zu führen, und da gab es noch Mancherlei zu besorgen und anzuordnen.
Esneh mit circa 7000 Einwohnern ist günstiger gelegen, als Siut, insofern als es unmittelbar am Nil liegt, aber dennoch ist letztere Stadt bedeutend wichtiger für Handel und Wandel. Der jetzige Name Esneh ist der alte, ursprünglich ägyptische, wie Quatremère und Champollion aus koptischen Urkunden nachgewiesen haben. Letzterer bringt das Wort mit Sna was auf koptisch Garten bedeutet, in Verbindung. Der griechische Name Latopolis kommt, wie Strabo (Bd. XVII, S. 817) sagt, von der Verehrung des Fisches Latos her, dem hier mit Minerva göttliche Ehre erwiesen wurde. Dies bezeugt der prächtige Tempel, dessen Vorhalle, unter Mohammed Ali's Regierung bloßgelegt, zu den wohlerhaltensten Denkmälern gehört, welche Aegypten besitzt.
Im Ganzen genommen liegt Esneh äußerst malerisch auf circa 25-30 Fuß hohem Nilufer. Der Palast des Chedive, die große Cavallerie-Caserne, welche jetzt allerdings leer steht und welcher der Verfall droht, das Mudirats-Gebäude, die Wohnung des Schich el Bled, alle am Nil gelegen, dann die große Zahl der imposanten und bunt bekalkten Taubenschläge verleihen der Stadt ein größeres Aussehen, als sie in Wirklichkeit hat. Ich habe früher schon dieser colossalen Taubenschläge erwähnt; ein einziger solcher Thurm, viel luxuriöser gebaut, als die danebenstehende menschliche Wohnung, beherbergt oft 500 und mehr Tauben. Hauptzweck der Taubenzucht ist die Erzielung von Guano, und Leute in Esneh gaben mir die Versicherung, daß der Jahresbetrag eines großen Taubenschlags oft für 40 bis 50 Ducaten Guano betrage. Man sieht also, daß nicht allein die Gewässer des Nils es sind, welche die fruchtbaren Fluren erzeugen, sondern daß auch noch durch Dünger nachgeholfen werden muß.
Und da ich doch einmal bei den Tauben verweile, möchte ich hier die interessante, schon von Darwin mitgeteilte Thatsache hervorheben, daß die Tauben, um zu trinken, direct in den Nil fliegen; natürlich gehen sie in so seichtes Wasser, daß sie Grund finden. Aber wie lange wird es dauern und Gewohnheit, Notwendigkeit und Zuchtwahl werden zusammenwirken, es werden sich Schwimmhäutchen an den Füßen bilden und nach 10,000 Jahren oder mehr hat Aegypten vielleicht schwimmende Tauben.
Eine Eigenthümlichkeit hat Esneh noch, welche sich vielleicht in den anderen ägyptischen Städten auch findet, aber nicht so hervortritt, nämlich ein ganzes Viertel, wo nur Hetären wohnen. In der Nähe sind türkische Kaffeehäuser und von da konnten wir die interessantesten Beobachtungen anstellen. Da sah man eine ganze ethnographische Musterkarte weiblicher Geschöpfe: hier eine blendend weiße Deltabewohnerin, vielleicht mit tscherkessischem Blute in ihren Adern, dort eine pechschwarze Dame aus Fur, hier eine rothe Dongolanerin, dort eine Fellahin aus dem Nilthal mit goldgelber Haut und großen schwarzen Augen, hier eine Jüdin, dort eine Christin, hier eine Mohammedanerin, dort eine Schwarze, welche vielleicht noch Heidin war, kurz, fast alle Racen, jedes Alter und jede Religion war vertreten.
Wir luden diese zuvorkommenden Wesen ein, uns im Palais einen Besuch zu machen, aber da erfuhren wir, daß sie aus der Grenze ihres Stadtviertels ohne besondere Erlaubniß des Gouverneurs nicht herausgehen durften. Unser Photograph, Herr Remelé, wollte nämlich ein Gesammtbild dieser ethnographisch interessanten Frauen herstellen. Die Erlaubniß war indeß schnell erwirkt. Unter Führung des Unter-Mudir und verschiedener Polizisten erschienen sie Nachmittags, gewiß 30 an der Zahl, im Garten des chedivischen Palais. Alle waren im höchsten Putze und die Aermste hatte mindestens 40-50 Goldstücke zu einer Kette vereint um den Hals. Große goldene und silberne Armbänder, Fußspangen, bunte Kleider, goldgestickte Schuhe, Alles hatten sie angethan, um möglichst vorteilhaft zu erscheinen. Natürlich mußte die Sitzung bezahlt werden, aber es gelang Herrn Remelé doch, zwei höchst gelungene Aufnahmen zu machen.
Sonst hat die Stadt nichts von Interesse; der Marktplatz, die Buden, die Straßen sind eng und klein, aber es ist Alles zu haben. Mehrere von Griechen gehaltene Schenken sind mit leiblichen Bedürfnissen aller Art wohl versehen.
Doch noch einmal kehren wir zurück zu dem Tempel, der gleich hinter dem Marktplatze gelegen ist und sicher zu den staunenswertesten Denkmälern Aegyptens gehört. Dabei kam mir der Gedanke, wie angenehm es für uns gewesen war, diese alten ägyptischen Bauten immer in aufsteigender Weise kennen gelernt zu haben. Nachdem wir zuerst auf unserer Hinreise die ziemlich kunstlos gearbeiteten Hypogeen (Katakomben) von Beni Hassan, die Grüfte von Siut, gesehen, waren wir zum kleinen Tempel in Dachel, dann aber zum viel prächtigeren großen von Chargeh gekommen und nun hatten wir hier ein Werk vor uns, das uns die Pracht und die Herrlichkeit der ägyptischen Baukunst auf's Vollkommenste vergegenwärtigte. Leider ist der größte Theil des Tempels noch unter Schutt, nur der Porticus ist zugänglich. Aber seine gewaltigen Dimensionen deuten genugsam auf die bedeutenden Bauten hin, welche uns augenblicklich der neidische Boden zusammengefallener Hütten und Häuser verbirgt.
24 Säulen, über 33 Fuß hoch, in vier Reihen stehend, mit einer Peripherie von 16 Fuß jede Säule, lassen in diesem Vortempel nur ahnen, welche großartige Verhältnisse dahinter liegen. Die französische Expedition schätzt die Grundfläche des ganzen Tempels auf 5000 Quadratmeter, und Alles ist mit Hieroglyphen und bildlichen Darstellungen bedeckt. "Könnte ein Steinmetz auch ein Zehntel Quadratmeter in einem Tage mit solchen Hieroglyphen bedecken, so wären doch 50,000 Tage zur Beendigung der ganzen Decoration nöthig[60]."
Man sieht überall den Widderkopf des Jupiter Ammon; auch über der Thür, welche ins Innere des Tempels führt und die vermauert ist, sieht man ein widderköpfiges Bild. Die Säulen, deren Architrav, die Decke des Tempels sind alle wohl erhalten und die erhaben gearbeiteten Hieroglyphen im Innern des Porticus sind von einer Genauigkeit der Arbeit, als ob sie erst gestern aus der Hand des Künstlers hervorgegangen wären. Warum sind in dem Innern der Tempel die Hieroglyphen erhaben, an der äußeren Seite aber meist vertieft gearbeitet? Das sind Fragen, die Einem einfallen; vielleicht hat ein Brugsch oder Lepsius, oder gar schon Champollion darauf geantwortet. Ich weiß es nicht, ich verweise daher den, der sich mit diesen Gegenständen eingehend beschäftigen will, auf die dahin einschlägige Literatur. Interesse hat eine solche Baute gewiß für Jedermann; auch der Gleichgültigste muß bewundern und selbst der blasirteste Mensch muß verstummen unter dem mächtigen Eindrucke dieses Menschenwerks. Schade, daß die Dunkelheit nicht erlaubt, die Deckengemälde genauer zu betrachten, wo namentlich ein Thierkreis, durch die Sauberkeit seiner Arbeit ausgezeichnet, von großem Interesse sein soll. Ich habe ihn nicht gesehen; die Dunkelheit wird hervorgebracht durch Schutt, der, fast so hoch wie der Tempel selbst, davor liegt; man muß mittelst einer Treppe hinabsteigen.
Fünf Tage waren wir in Esneh, von Assuan kam immer noch kein Schiff. Am vierten Tage aber hatten wir schon einen Entschluß gefaßt. Vertraut mit den Versprechungen, welche ägyptische Beamte zu machen, aber nicht zu halten pflegen, hatten wir eingesehen, daß auf eine Dahabieh nicht zu rechnen sei. "Kairo ist weit und der Chedive thront hoch", denken auch die ägyptischen Mudire in Oberägypten. Möglich, daß keine Dahabieh in Assuan zu haben war, möglich, daß man dahin noch gar nicht um eine solche telegraphirt hatte; genug, es kam keine.
Aber in Esneh selbst fanden sich zwei allerdings kleine, aber doch taugliche Schiffe, und mit Hülfe des Mudir wurden sie gemiethet. Der Mudir verstand etwas Englisch und war einer der besten ägyptischen Provinzialbeamten, den ich noch gesehen hatte: Wie fein und "gentlemanlike" war sein Benehmen gegen das des Siuter Mudir, der ein ehemaliger Sclave von Abbas Pascha war! Der Mudir von Esneh hatte aber auch früher an der Spitze der Asisieh-Dampfer-Compagnie gestanden, er war noch früher See-Capitain gewesen und hatte als solcher die Welt kennen gelernt.
Auch die anderen Honoratioren der Stadt waren ordentliche Leute. Da war der Unter-Mudir, ein sehr gefälliger Mann; da war der Medicinalrath, der etwas Französisch redete, sich auch eine ägyptische Zeitung, die in französischer Sprache erschien, hielt, sie nur nie las. Er war so liebenswürdig, sie mir täglich zu schicken, aber ich gestehe, nachdem ich einige Mal dies Blatt, "l'Egypte" genannt, durchgesehen hatte, stand ich ebenfalls davon ab, es zu lesen. Kann man sich einen langweiligeren Inhalt denken: einige amtliche Bekanntmachungen, Auszüge aus den Verhandlungen irgend welcher obscurer französischer Gesellschaften, irgend ein französischer Sensationsroman und einige Annoncen. Selbst telegraphische Berichte waren nicht einmal vorhanden und politische Nachrichten, Leitartikel oder sonstige Raisonnements fehlten gänzlich. Glückliche ägyptische Beamte, die mit einem solchen officiellen Blatte abgespeist werden, "l'Egypte" ist das Organ der Regierung.
Da war dann noch der Mufti, der Kadhi, der Schich el Midjelis[61], der Ukil[62] des Palais des Vicekönigs und einige andere Notablen, die uns alle Abende einen Besuch machten; aber einen kurzen, das muß ich zu ihrer Ehre nachrühmen; die langen Sitzungen, wie sie uns von der Behörde in Dachel täglich aufoctroyirt wurden, hatten wir hier nicht mehr zu erdulden.
Bezaubernd in gewisser Weise waren auch die Tage in Esneh, so recht für's Dolce far niente angethan. Wenn des Morgens in die offenen Fenster hinein die sich mischenden Düfte des Jasmin und Orangenbaumes zogen, wenn die Schwalben ihr jubelndes Zwitschern erschallen ließen und wir selbst, Zittel und ich, uns auf die Terrasse begaben, um in aller Ruhe Kaffee zu schlürfen, zu schreiben oder zu lesen,—oder aber, wenn Abends die Sonne sich hinter die Nilufer gesenkt hatte und nun die gegenüberliegenden weißlichen Kalkberge in den herrlichsten Farben geschmückt prangten, der Himmel und der Nil selbst von ganz anderen Tinten übergossen erschien, als man es je anderswo schauen mag—so ließen alle diese Bilder Eindrücke zurück, welche nur Der zu würdigen weiß, der selbst Aehnliches erlebt und gesehen hat.
Mittags hatten wir die Dahabiehen gemiethet, Nachmittags um 5 Uhr konnten wir schon abfahren. Aber die Dahabiehen sind keineswegs alle von gleicher Beschaffenheit. Man hat sehr große und schöne, so wie die europäischen Nilreisenden sich dieselben in Kairo zu einer Reise auf dem Nil miethen; man hat kleinere für eingeborene Reisende und solche, die gleichsam für den Waarentransport eingerichtet sind.
Uns standen zwei kleinere zu Gebote, die mit vielen Nachtheilen den Vortheil verbanden, daß sie schneller fortzubewegen und besonders, daß sie bedeutend billiger waren, als die großen Dahabiehen. Wir verteilten uns also in die zwei Schiffchen und zwar so, daß Zittel, Ascherson und ich mit zwei europäischen Dienern das eine, Herr Remelé und Jordan mit drei ebenfalls europäischen Dienern das andere Schiff einnahmen. Räumlich waren letztere besser daran, als wir, denn bei gleich großen Cajüten waren sie zu Zweien, wir aber zu Dreien. Jedes Schiff hatte nämlich an seinem hinteren Theile zwei kleine Cabinen; in unserem bezogen Zittel und ich die eine, Ascherson die andere; letztere diente zugleich als Speisesaal und als Ort, wo unsere Kisten standen; beide Cajüten waren durch einen nicht näher zu bezeichnenden Ort getrennt, dessen unangenehme Einschaltung wir aber dadurch unschädlich machten, daß wir uns Allen den Zutritt verboten.
Oben auf den beiden Cajüten wurde gesteuert, dort schliefen der Rais, unsere beiden europäischen Diener und der Schich unserer eingeborenen Leute. Die Mitte des Schiffes hatte Raum für den Mastbaum, für drei improvisirte Bänke, welche die sechs Ruderer inne hatten, und unter Deck war unsere Bagage; ganz am Vordertheile des Schiffes befand sich eine Art von Küche. Das war die Einrichtung des Schiffes. An Möbeln hatten wir Feldtische und Stühle von einem Dampfschiffe des Chedive, welches vor Kurzem bei den Ssilsilla-Bergen oberhalb Esneh gescheitert war. Unsere eignen Feldstühle waren durch die Reise ganz unbrauchbar geworden.
An Proviant hatten wir drei Schafe, mehrere Puter, Eier, Mehl, Butter, Reis, Linsen, Brod, Kaffee, Wein und Bier; in dieser Beziehung waren wir also wohl versorgt, und um ja zu vermeiden, daß an Bord des anderen Schiffes nicht Unzufriedenheit ausbräche, theilte ich die Lebensmittel und Getränke stets so, daß jedes Schiff die Hälfte bekam, trotzdem wir zu drei Herren, das andere Fahrzeug aber nur mit zweien besetzt war.
Langsam entschwand Esneh unseren Blicken. Es war der erste Abend, den wir wieder auf dem Nil verlebten, ein herrlicher in jeder Art, und nun konnten wir auch schon mit ziemlicher Gewißheit vorher berechnen, wann wir in Kairo, wann wir in Alexandria und wann wir in Neapel sein würden, besonders Zittel und ich, die wir gemeinsam zurückreisen wollten, wir gaben uns oft diesem frohen Gedanken hin. Da saßen wir nun oben auf der Cabine, ein Glas Bier vor uns, schauten auf die in prächtigen Farben schimmernden Berge, auf die ruhigen Fluthen des Nil, auf die Barken, die leise darüber hinglitten, auf die friedlichen Ufer, wo hier ein Schäfer seine Heerde heimtrieb, dort Büffel, die das steile Gehänge hinanklommen, hier Männer mit Sicheln bewaffnet, Heubündel einheimsend, hier die jungen Fellahmädchen, die Kühe zum Melken herantreibend,—ein Bild der Ruhe und des Friedens. Und diese Leute sollen so bedrückt sein, daß sie kaum mehr das Geld erschwingen können? So fragte ich mich beim Anblick dieses Bildes. Es leuchtete doch nur Zufriedenheit und Frohsinn aus aller Leute Gesicht. Hier wurde laut gelacht, dort wurde gesungen. Wie stimmt das mit den Klagen über unerschwingliche Steuern?
Ach, es ist leider nur zu wahr, in Aegypten giebt es wohl gar keine Gegenstände mehr, die unbesteuert sind und die Steuern sind wirklich für das Volk fast unerschwinglich. Die Zufriedenheit und der frohe Sinn, die ewige Heiterkeit der armen Fellahin erklärt sich nur daraus, daß sie es nie besser gewohnt waren. Seit mehr als 4000 Jahren immer im Sclavenjoch, ist es einer Generation am Ende einerlei, ob sie mehr bezahlen muß, als die andern früher bezahlten. Auch die Väter haben keine Reichthümer gesammelt und haben, trotzdem sie vielleicht weniger steuerten, auch nichts hinterlassen.
Was war das? Da tönte von der anderen Barke mit einem Male "Ein lustiger Musikante marschirte einst am Nil" &c. herüber und hernach noch andere Lieder. Das Singen ist ansteckend; wir antworteten und so etablirten sich Wechselgesänge oder auch, wenn die beiden Barken ganz nahe waren, sangen wir zusammen. Zittel mit seiner wirklich schönen Stimme mußte die Palme zuerkannt werden,—doch nein, ich übertraf ihn. Denn wenn ich mit der Kraft meines ganzen Körpers und mit unbeschreiblichem Ausdruck mein Schnadahüpfln sang, dann folgte immer ein allgemeines "bis, bis, noch ein Mal!" Ja, wie von einem Niemann oder Betz, wie von einer Lucca oder Patti (ich vereinige den Zauber und den Schmelz der verschiedensten Stimmen, einerlei, ob aus männlichen oder weiblichen Kehlen) wurde stets mein Lied drei oder vier Mal zu hören verlangt.
Die Nächte auf dem Schiffe waren nicht allzu angenehm. Daß Ungeziefer der verschiedensten Art einheimisch war, sollten wir bald genug erfahren, aber in unserem Fahrzeuge waren außerdem noch Wasserratten, die auf lästige Art oft unseren ohnedies nicht festen Schlaf störten. Ja, eines Nachts sprang eine freche Ratte durch das kleine Fenster gerade auf mein Gesicht und als ich erschreckt in die Höhe fuhr, mit einem Satze auf Zittels Kopf, der dicht an meiner Seite schlief. Als sie auch hier keinen angenehmen Empfang fand, verschwand sie in unserem Brodkorbe, den sie sich als Lieblingsaufenthalt ausersehen hatte.
Das war die erste Nacht, aber man gewöhnte sich an derartige Unannehmlichkeiten, und die mächtig wirkende Sonnengluth bei Tage suchte man durch leichtere Kleidung zu dämpfen, oder es wurde an seichten Stellen ein Bad genommen, das freilich nur eine momentane Abkühlung bewirkte.
Wir näherten uns Theben, wo reich die Wohnungen sind an Besitzthum:
"Hundert hat sie der Thor', und es ziehen zweihundert aus jedem, Rüstige Männer zum Streit mit Rossen daher und Geschirren."
So singt Homer, aber ach!—nur Ruinen deuten heute noch auf die einstige Größe der Stadt, nach der im grauesten Alterthume, wie Herodot uns sagt, ganz Aegypten genannt wurde.
Pocht nur, ihr modernen Städte und Staaten, auf eure Unvergänglichkeit, du prahlerisches Rom mit deinen paar Tausend Jahren nennst dich die "ewige Stadt". Blicke auf Theben zurück, dem nicht einmal der Name geblieben ist. Ja, es ist traurig, die heutigen Bewohner des Ortes kennen den Namen Theben nicht. Angesichts der colossalen Ruinen, Angesichts eines Tempels, in welchem der Dom von St. Peter fünfmal stehen kann, ahnen sie nicht einmal die Bedeutung und die Macht, die früher diese Stätte hatte.
Man hätte es sich selbst nie verzeihen können, bei Theben vorbeizufahren, ohne wenigstens die hauptsächlichsten Denkmäler gesehen zu haben. "Auf Luxor zu halten!" riefen wir, und siehe da: auf einem stattlichen Hause unmittelbar am Nil flatterte eine große deutsche Fahne empor. Auf dem deutschen Consulate hatte man zwei mit deutschen Flaggen versehene Dahabiehen bemerkt, und da man ohnedies von unserer Ankunft unterrichtet war, wollte uns der Consul dadurch eine Aufmerksamkeit beweisen. Des Consuls Salutschüsse wurden von unseren Schiffen sogleich erwidert und bald darauf legten wir dicht bei seinem Hause vor Anker und begaben uns hinauf. Ein liebenswürdiger Mann, dieser Vertreter Deutschlands, dem nur Eins fehlt, nämlich Gehalt, was doch immerhin nothwendig wäre bei der öfteren Repräsentation und der Gastfreundschaft, welche dieser freundliche Kopte allen Deutschen erweist. Es wäre dies um so wünschenswerther, als die Vertreter der übrigen Mächte in Theben, z.B. die von England, Frankreich und Oesterreich, auch Gehalt beziehen. Allerdings sind dort keine Deutschen zu beschützen oder sonst irgendwie deutsche Interessen wahrzunehmen, aber wenn man schon einmal die Nothwendigkeit eines deutschen Consuls für einen Ort anerkannt hat, dann soll man ihn auch honoriren.
Es macht einen angenehmen Eindruck, im Hause des Consuls einen europäisch eingerichteten Salon zu finden, an den Wänden: unseren Kaiser, den Kronprinzen, die Schlachten mit den Franzosen und verschiedene Photographien von Deutschen, die Luxor, so heißt dieser Theil von Theben, wo die Consulate sich befinden, besucht haben.
Hier befindet sich auch das berühmte Fremdenbuch, worin Engländer und Franzosen unsern Lepsius so begeiferten, indem sie unkluger Weise ihm die Zerstörung der Ruinen schuld gaben. Kindischere Bemerkungen über die Trümmerfelder von Theben sind wohl nie geschrieben worden. Sie bedachten wohl nicht, daß Theben schon zur Zeit Strabo's zerstört war. Strabo (Bd. XVII, S. 816) sagt ausdrücklich: "Es ist mit Tempeln, die größtenteils von Chambyses zerstört worden sind, erfüllet und wird gegenwärtig als kleiner Flecken bewohnt &c." Also schon vor ca. 1900 Jahren war Theben, so wie es heute ist, aber vor ca. 3500 Jahren war es in seiner Glanzperiode, an Rom dachte man damals noch nicht. Dies Fremdenbuch wurde von Dümichen, als er unseren Kronprinzen auf seiner ägyptischen Reise begleitete, an Lepsius geschickt, der es zurücksandte mit der einfachen Bemerkung, er habe Kenntniß davon genommen. Auf dem Consulate sind übrigens zwei Fremdenbücher, ein allgemeines und ein nur für Deutsche bestimmtes. Das allgemeine Album rührt noch aus der Zeit her, wo der Consul verschiedene andere Nationen gleichzeitig mit vertrat.
Das Verbrechen von Lepsius bestand in Wirklichkeit darin, daß er viele der Tempel von Schutt reinigen ließ und zu der Zeit die Erlaubniß erhielt, gefundene Kunstgegenstände nach Berlin bringen zu dürfen; aber zerbrochen hat Lepsius nichts. Eine solche Barbarei z.B., wie das Ausbrechen des Thierkreises aus dem Tempel zu Dendera ist, ist nie von Deutschen begangen worden. Derselbe ist jetzt im Louvre.
Nach einem kurzen Besuche auf dem Consulate, wo der übliche Kaffee, Scherbet und Araki geschlürft und ein Tschibuk geraucht wurde, gingen wir sodann, den Tempel von Luxor zu sehen und ritten darauf nach dem Heiligthum von Karnak, dem größten Gebäude der Erde, welches jemals einer Gottheit geweiht war. Da eine Beschreibung dieser Bauten mit ihren Obelisken, Pylonen und Sphinxen nicht in meiner Absicht liegt, so fahre ich gleich fort im Berichten unserer Erlebnisse.
Wir waren Abends am Bord unseres Schiffes, schwelgend in der Erinnerung an jene staunenswerten Kunstwerke längst vergangener Generationen, nicht vergangener Völker, denn die heutigen Nilthalbewohner sind doch am Ende nur die Abkömmlinge jener Titanen, welche diese Riesenwerke aufbauten, deren Kraft und Schönheit wir jetzt täglich zu bewundern Gelegenheit hatten.
Und der folgende Tag sollte fast einen noch größeren Genuß gewähren: wir setzten hinüber auf die andere Seite des Nils, auf die linke, um die Königsgräber, die Memnon-Colosse, das Rameseum mit seinen herrlichen Bildwerken &c. in Augenschein zu nehmen. Ein ganzer Tag ging damit hin und dennoch sahen wir keineswegs alle Denkmäler, sondern nur die bemerkenswerthesten. Dankend muß ich erwähnen, daß uns vom Consulate ein sehr intelligenter Führer mitgegeben war, ein geborener Schlauberger, der dadurch die Backschische der Deutschen reichlicher zu fließen machen hoffte, daß er bei jeder Gelegenheit, und wenn diese auch von einem Steingemäuer (in Ermangelung eines Zaunes) gebrochen werden mußte, auf die Franzosen schimpfte, wie er andererseits muthmaßlich nicht verfehlte, auf die Deutschen zu schimpfen, wenn er Franzosen zu führen hatte.
Abends vereinigte uns ein solennes Souper auf dem Consulate. Man muß aber ein solches Essen mitgemacht haben, um über die Zahl der Gänge und Gerichte einen Begriff zu erhalten. Einigermaßen wird man sich eine Idee machen können, wenn ich sage, daß drei unserer complicirtesten Diners zusammengesetzt etwa ein koptisches bilden würden. Um uns besonders zu ehren und uns ganz in die koptische Sitte einzuführen, hatte der Consul es auf einer messingenen Riesenschüssel auftragen lassen, und während er selbst die Honneurs machte, ohne am Essen Theil zu nehmen, bat er uns, mit den Fingern zuzugreifen. Sein Sohn aber, ein liebenswürdiger junger Mann, der gut Englisch und etwas Deutsch sprach, nahm Theil an unserem Mahle. Als ich aber sah, daß einige von unserer Gesellschaft über das adamitische Essen ungeduldig zu werden anfingen (der Gang nach den Königsgrüften war ganz danach gewesen, den Appetit mehr als gewöhnlich zu reizen), bat ich den Consul, Messer und Gabeln bringen zu lassen, und nun ging es rascher von Statten. Aber fast hätte man sich diese wieder weggewünscht, denn es folgten so viele Gerichte, so viele Speisen, daß es kaum möglich war, von allen auch nur zu kosten. Rothwein, Champagner, dann und wann ein Gläschen Araki, um den Magen zu schnellerer Bewältigung der Speisen zu reizen, bildeten das Getränk und am Schlusse selbstverständlich eine Tasse Mokka mit dem Tschibuk.
Es war schon dunkel, als wir dankend vom Consul Abschied nahmen, uns an Bord begaben und noch am selbigen Abend abfuhren. Da erleuchteten, als wir dem Consulate gegenüber waren, bengalische Flammen sein Haus und gluthübergossen zeigte sich daneben der Tempel von Luxor mit seinem hohen Obelisk, dessen Bruder jetzt auf dem Concordienplatze in Paris steht. Flinten- und Revolverschüsse tönten dazwischen als Gruß für uns in die Heimath. Aber diesmal konnten wir den liebenswürdigen Consul überbieten, denn wir hatten noch viel Magnesiumdraht übrig behalten: wie durch Zauber erhellten wir die ganze Gegend mit sonnengleichem Lichte, noch einmal sahen wir den Karnaktempel, Medinet Abu, die Memnonssäulen, das Rameseum und alle die Herrlichkeiten der alten hundertthorigen Stadt und dann war lautlose Stille und tiefschwarze Nacht hüllte uns ein, selbst die Ruderer sangen nicht, sondern trieben durch leise Ruderschläge die Schiffe gen Norden.
Nachts kamen die Schiffe meistens auseinander; das, worauf Jordan war, hatte, weil es kleiner war, zwei Ruderer weniger; der Rais (Capitain) schlief gern, das Fahrwasser schien er nicht zu kennen, so daß es häufig aufrannte, aber des Morgens kamen wir doch immer wieder zusammen.
Unser Botaniker Abu Haschisch erwarb sich, wie überall in den Oasen, so auch bei unseren Matrosen, schnell die Sympathie derselben; sie hatten ein Gedicht auf ihn gemacht und unterließen nicht, ihn mehrere Male täglich zu besingen. Da war in ihrer Poesie von einem Garten, von Granatblüthen, von Pflanzen, von einem Quell die Rede, und namentlich wurde in gebundenen Worten sein Hemd besungen, welches diese Ehre durch einen ungeheuren Tintenklecks erworben hatte. Am Tage war nämlich die Hitze so groß, daß wir Alle, wie schon erwähnt, in einem möglichst leichten Costüm auftraten.
Hatten wir in Theben das großartigste der ägyptischen Baukunst betrachten können, so bot uns Dendera Gelegenheit, den Triumph der griechischen und ägyptischen Architektur zu bewundern; denn der Denderatempel, vollkommen von Schutt befreit und in allen Theilen erhalten, ist das Vollendetste, was von den neueren ägyptischen Bauwerken noch erhalten ist.
Sodann fuhren wir ohne weiteren Aufenthalt (nur in Girgeh wurde eine Stunde angehalten, um Proviant einzunehmen) nach Siut, von wo aus unsere Expedition abgegangen war. Obgleich wir in früher Morgenstunde, um 6 Uhr, landeten, war Herr Khaiat, des deutschen Consuls Sohn, schon in Homra, dem Hasenplatze von Sint. In der Erwartung, daß wir kommen würden, hatte er die ganze Nacht dort zugebracht. Hier hatten wir einen längeren Anfenthalt, Jordan hatte noch eine astronomische Messung zu machen, sodann waren noch sämmtliche Kisten, unsere Sammlungen enthaltend, an Bord zu nehmen. Während der Zeit ließ es sich das Consulat nicht nehmen, ein Frühstück zu arrangiren. Dem Consul und seinem Sohne, welche von der koptischen zur reformirt-koptischen Kirche übergetreten sind, pflichten wir den größten Dank. Während der ganzen Expedition haben Beide mit unermüdlicher Sorgfalt mit uns Verbindung gehalten, unsere Post besorgt, uns Lebensmittel und Alles, was sonst nöthig war, nachgeschickt. Ohne sie wäre der Verlauf der ganzen Expedition keineswegs so zusammenhängend und ohne Störung von Statten gegangen.
Durch ihre Vermittlung gelang es uns auch, die Erlaubniß zu bekommen, uns einem Dampfer eines Pascha's anhängen zu dürfen, zwar nur bis Monfalut, aber wir gewannen dadurch doch bedeutend an Zeit. Und dann erreichten wir bald mit günstigem Chamsin-Winde[63] Rhoda, die südlichste Eisenbahnstation. Abends dort angekommen, gelang es uns noch am selben Tage, alle unsere Bagage auszuladen und in einem Gepäckwagen der Eisenbahn zu verpacken. Der Chedive hatte uns bereitwilligst freie Fahrt bis Kairo bewilligt. Die Nacht, welche wir in zwei Zimmern des Stationsgebäudes zubrachten, gehörte allerdings nicht zu den angenehmsten: Schnaken und tausend Insecten plagten uns derart, daß an Schlaf nicht zu denken war.
Anderen Tages fühlte man sich fast wie in Europa; die Eisenbahn hat etwas eigenthümlich Heimisches; da, wo das Dampfroß schnaubt, glaubt man schon mit einem Fuße wieder in der Heimath zu sein, und in der That, von Rhoda aus steht man ja mit jedem größeren Orte Europas, ja der ganzen Welt in ununterbrochener Dampffahrt-Verbindung. Vorsorglich hatte ich Herrn Friedmann, dem Besitzer des Nil-Hôtel, telegraphirt, uns Wagen an der Station Giseh bei Kairo bereit zu halten; wir fanden solche auch und im Trapp ging's dann nach der Chalifenstadt hinein, durch die schöne neue Allee von Lebeckbäumen, die, wie durch Zauber entstanden, von Kairo bis zu den Pyramiden führt, über die neue Brücke und dann direct ins Nilhôtel, den sichersten Hafen für Reisende, welche, wie wir, so lange den civilisirten Genüssen fern gestanden hatten.
Und wie sahen wir aus! Als wir das Hôtel betraten, riefen mir zwei Amerikanerinnen "shocking, shocking" entgegen und flohen in den Gartenpavillon. Vor einem Spiegel sah ich denn auch, daß ich keineswegs ein gesellschaftsmäßiges Aussehen hatte; Schweiß, Staub und Hitze von der Eisenbahnfahrt hatten mein Gesicht, das ohnehin verbrannt war, zu einem Mohrenantlitz gestempelt, in allen möglichen dunkeln Farben schillernd. Ein Bad brachte jedoch Alles in Ordnung und Abends bei der Table d'hôte fand unsere ganze Reisegesellschaft einen freundlichen Empfang.
Ueber meinen Aufenthalt in Kairo habe ich diesmal nicht viel zu sagen. Natürlich wurden wir vom Chedive wieder in Audienz empfangen, auch war abermals eine Sitzung des Institut Égyptien und Gesellschaften bei unseren Freunden—uns aber zog es, je näher wir Europa kamen, desto mächtiger der Heimath entgegen.
Zittel's und mein ursprünglicher Plan, unsere resp. Frauen nach Cairo kommen zu lassen, mußte aufgegeben werden. Die Hitze und der Staub waren nun schon so unerträglich, daß die Damen von einer solchen Reise keine Annehmlichkeit und keinen Genuß gehabt hätten, aber dafür gaben wir uns in Neapel Rendezvous. Und nachdem alles Geschäftliche abgewickelt war, ging es in Alexandria an Bord. Zittel und ich hatten uns für das französische Boot entschieden, aber es war so übervoll, daß wir keine Cabine bekommen konnten, sondern uns blos mit einem Platze erster Classe ohne Bett begnügen mußten. Das war freilich schlimm, denn es standen uns noch immerhin vier Nächte bevor. Zittel eroberte sich indeß eines der zwei Sophas und ich begnügte mich mit einem Seitentische oberhalb seines Lagers. Eine eigenthümliche Gesellschaft war am Bord dieses Dampfers, ein Abbild des heutigen Franzosenthums. Mit Ausnahme von einigen Amerikanern und uns bestand die ganze Passagiergesellschaft aus Schauspielern, Pfaffen und Pfäffinnen—Kirche und Theater.
Da war ein Kapuzinermönch, da waren Augustiner, Dominikaner und einige Weltgeistliche, im Ganzen, mit einem protestantischen Reverend, vierzehn heilige Leute; da waren Schwestern vom heiligen Herzen Jesu und andere auffallend gekleidete Nonnen; den ganzen Tag hatten sie ein kleines Brevier in der Hand und den unvermeidlichen Rosenkranz, welchen Buddhisten, Mohammedaner und Katholiken in brüderlicher Liebe gleichmäßig als Gebetzähler adoptirt haben.
Nicht so langweilig wie diese augenverdrehende Gesellschaft war das lustige Theatervölkchen, ja eines Abends hatten wir sogar den Genuß, von einer der Damen, mit Begleitung des am Bord befindlichen Pianos, hübsche Lieder vorgetragen zu hören. Nirgends ist man auf dem Mittelmeere besser aufgehoben, als an Bord der französischen Messagerie nationale[64]. Die Officiere wie der Capitain sind meist gebildete, liebenswürdige Leute und, bei der weltverbreiteten Bedeutung dieser französischen Dampfer, sind sie frei von jener krankhaften Neigung, in jedem Deutschen einen Feind zu sehen. Die Cabinen sind vortrefflich und jede nur zu zwei Betten eingerichtet. Die Küche vorzüglich, ebenso die Getränke.
Wir hatten die Annehmlichkeit, an einem kleinen Tische allein zu speisen, nur zwei Yankees, die Erbauer der Pacific-Bahn, ein ägyptisch-arabischer Kaufmann, ein Jude und der katholische Patriarch von Jerusalem waren unsere Genossen. Man kann sich denken, daß da die Unterhaltung eine äußerst mannigfaltige war, wenngleich die Verschiedenartigkeit der Sprachen bisweilen wohl etwas hindernd erschien.
Die Fahrt durch die unvergleichlich schöne Meerenge von Messina, die Einfahrt in den Busen von Neapel werden für Jeden von uns gewiß unvergeßlich sei. Da ankerten wir nun im Angesichte der stolzen Königin des Mittelmeeres, ungeduldig des Zeichens gewärtig, das Schiff verlassen zu dürfen. Eifrig suchten wir unter den hundert kleinen Booten, die den Dampfer umkreisten, ob nicht in einem unsere Frauen sein könnten. Aber vergebens, keine blonde Dame war unter ihnen. Hier war ein Boot mit hübschen schwarzen Damen, auf Verwandte wartend, dort waren Hôteldiener, um Fremde zu angeln; hier hatte ein Policinello in schaukelnder Jolle sein Theater aufgestellt, hier trillerte ein Leierkasten, dort kam ein Schiff mit Mönchen, ja es drängte sich sogar eine ganze Musikbande heran; aber so sehr wir auch suchten, unsere Frauen waren nicht erschienen.
Endlich erlaubte man uns, an's Land zu gehen. Die italienische Douane war höflich und nachsichtig, und in schneller Fahrt eilten wir zum Hôtel de Russie, vis-à-vis von St. Lucia unmittelbar am Golf gelegen. Aber eine neue Enttäuschung erwartete uns: "Zwei Damen logiren hier nicht," sagte uns der Portier.—Aber eine genauere Nachforschung Zittel's brachte uns die Gewißheit, daß am Abend vorher unsere Frauen angekommen, doch momentan spazieren gefahren seien. Man kann sich unsere Ungeduld denken, die indeß eine nicht zu lange Probe zu bestehen hatte; denn kaum hatten wir Jeder unser Zimmer bezogen, als mächtig große Camelien-Bouquets hineingeworfen wurden und gleich mit ihnen die Frauen hereinstürmten. Ein Wiedersehen nach fünfmonatlicher Trennung kann Jeder, der verheirathet ist, sich ausmalen, zumal wenn so weite Räume, so beschwerlich zu durchziehende Gegenden von der Heimath einen entfernten.
Ich verweile nicht bei Neapel, wo an einigen angenehm verlebten Tagen die Reize dieser bevorzugten Stadt uns den freundlichsten Empfang auf europäischem Boden bereiteten. Die Chiaja, das neue zoologische Institut unter der Direction des Deutschen Dorn[65], eines hervorragenden Gelehrten, Sorrent, Capri und Abends unter den Fischerhallen von St. Lucia bilden unverwischliche Glanzpunkte Neapels. In Pompeji war ich mit Baron v. Keudell, einer alten Bekanntschaft von mir, zusammengetroffen; Se. Excellenz lud mich freundlich ein, ihn in Rom zu besuchen. Der Einladung folgend, traf es sich aber so unglücklich, daß wir an dem Abende, wo meine Frau und ich den Vorzug haben sollten, bei ihm zuzubringen, nicht zu Hause waren, da wir die Einladung zu spät erhalten hatten; am anderen Morgen vor der Abreise hatte ich indeß Gelegenheit, die prachtvolle Wohnung der deutschen Gesandtschaft auf dem Capitol zu bewundern. Herr v. Keudell zeigte mir selbst die Räumlichkeiten, den Garten und die köstliche Aussicht.
"Nach Deutschland" drängte es immer lebhafter in mir, und nur in Mailand, der Stadt des Marmor-Doms, hatten wir dann noch einen eintägigen Aufenthalt. Im Hôtel Reichmann fanden wir eine ganz freundliche Aufnahme, und wenn dies Hotel eine kleine Weile seinen Nimbus einbüßen konnte, so ist derselbe seit Kurzem wieder hergestellt. Herr Reichmann jun. verwaltet jetzt auf's Ausgezeichnetste dies von den Deutschen am liebsten besuchte Hôtel.