1. Paris.
XXXII. FREIDANK.
The assumed name of a popular gnomic poet who lived in the first half of the 13th century. His fame rests on his Bescheidenheit, which means the ‘wisdom’ or ‘sagacity’ that comes of experience. The book is a miscellaneous collection of proverbial and aphoristic sayings. The titles of those given below were supplied by the translator.
1Geheimnis der Seele.Wie die Seele geschaffen sei, Des Wunders werd’ ich hier nicht frei. Woher sie komme, wohin sie fahr’, Die Strass’ ist mir verborgen gar. Hier weiss ich selbst nicht, wer ich bin; Gott gibt die Seel’, er nehme sie hin: Gleichwie ein Hauch verlässt sie mich, Und wie ein Aas da liege ich. |
2Unentbehrlichkeit der Toren.Der Weisen und der Toren Streit Hat schon gewähret lange Zeit Und muss auch noch viel länger währen; Man kann sie beide nicht entbehren. |
3Borniertheit der Toren.Der Tor, wenn er ’ne Suppe hat, Kümmert sich gar nicht um den Staat. 4Nachahmungssucht der Toren.Findet ein Tor eine neue Sitt’, Dem folgen’ alle Toren mit. |
11Rom und der Papst.Zu Rom ist manche falsche List, Daran der Papst unschuldig ist. 12Weisheit und Reichtum.Ich nähme Eines Weisen Mut Für zweier reicher Toren Gut. 13Scheinheiligkeit.Von manchem hört’ ich schon mit Neid, Er pflege grosser Heiligkeit; Und sah ich ihn, da dünkt’ es mich, Er wäre nur ein Mensch wie ich. 14Der freie Gedanke.Deshalb sind Gedanken frei, Dass die Welt unmüssig sei. 15Lebensregel.Man soll nach Gut und Ehre jagen Und Gott dennoch im Herzen tragen. 16Minneglück.Wer minnet, was er minnen soll, Dem ist mit Einem Weibe wohl; Ist sie gut, so ist ihm gewährt, Was man von allen Weibern gehrt. |
XXXIII. PLAY OF THE TEN VIRGINS
One of the earliest attempts at dramatic composition in German. There is a tradition that it was played in 1322 before the Landgrave of Thüringen and that he was so overwhelmed by its picture of Christ as stern judge that he fell into a moody despair which endured five days and ended with an apoplectic stroke from which he died three years later.
Die erste Törichte spricht also:
Herr Vater, himmelischer Gott,
Tu’ es bei deinem bittern Tod,
Den du am Kreuze hast erduldet:
Verzeih’ uns armen Jungfraun, was wir verschuldet.
5Verleitet hat uns leider unsre Torheit;
Lass uns geniessen deiner grossen Barmherzigkeit,
Und Mariens, der lieben Mutter dein,
Und lass uns zu dem Gastmahl hier herein.
Jesus spricht also:
Wer die Zeit der Reue versäumet hat
10Und auch nicht büsste seine Missetat
Und kommt zu stehn vor meiner Tür,
Der findet keinen Eintritt hier.
Die zweite Törichte spricht:
Tu’ auf, o Herr, dein Tor!
Die gnadenlosen Jungfraun stehen davor
15Lieber Herr, wir bitten dich sehr,
Dass deine Gnade sich uns zukehr’.
Jesus spricht also:
Ich weiss nicht, wer ihr seid.
Da ihr zu keiner Zeit
Mich selber habt erkannt
20Noch die Taten meiner Hand,
So bleibt euch Gnadenlosen
Das Himmelstor verschlossen.
Die dritte Törichte spricht also:
Da Gott uns Heil versagt,
Beten wir zu der reinen Magd,
25Mutter aller Barmherzigkeit,
Dass sie uns huld sei in unsrem grossen Herzeleid
Und zu ihrem Sohn flehe für uns Armen,
Dass er sich unser woll’ erbarmen.
Die vierte Törichte spricht:
Maria, Mutter und Magd,
30Uns ward gar oft gesagt,
Du seiest aller Gnade voll;
Nun bedürfen wir der Gnade wohl.
Dies bitten wir dich sehr
Bei aller Jungfrauen Ehr’,
35Dass du zu deinem Sohn flehest für uns Armen,
Er möge sich unser gnädig erbarmen.
Maria spricht also:
Tatet ihr je mir oder meinem Kinde etwas zu Frommen,
Es müsste euch jetzt zu statten kommen.
Das tatet ihr aber leider mit nichten,
40Drum wird unser beider Bitte wenig ausrichten.
Doch will ich’s versuchen bei meinem Kinde,
Ob ich vielleicht Gnade finde.
Maria fällt auf die Kniee vor unsern Herrn und spricht:
Ach, liebes Kind mein,
Gedenke der armen Mutter dein,
45Gedenke der mannigfaltigen Not,
Die ich erlitt durch deinen Tod.
Herr Sohn, da ich dein genas,
Hatt’ ich weder Haus noch Palas,
Ganz arm war ich;
50Das hab’ ich erlitten für dich.
Ich hatte mit dir Mühe, es ist wahr,
Mehr als dreiunddreissig Jahr;
Sieh, liebes Kind, das lohne mir
Und erbarme dich dieser Armen hier.
Jesus spricht zu Maria:
55Mutter, denkt an das Wort,
Das sie finden geschrieben dort:
Wolken und Erde sollen vergehn,
Meine Worte sollen immer stehn.
Du errettest den Sünder nimmermehr,
60Weder du noch das ganze himmlische Heer.
Die erste Törichte spricht also:
Ach Herr, bei deiner Güte
Erweiche dein Gemüte
Und erzürne dich nicht so sehr.
Bei aller Jungfrauen Ehr’
65Schau’ heute unser Elend an;
Es reut uns, was wir dir zu Leid je haben getan.
Nicht wieder wollen wir uns vergehen;
Erhöre deiner Mutter Flehen
Und lass uns arme Jungfrauen
70Die Festlichkeit beschauen.
Maria, aller Sünder Trösterin,
Hilf uns zum Freudensaal darin!
Maria spricht also:
Eure Fürsprecherin will ich gerne sein.
Wäret ihr nur von Sünde frei,
75Ihr kämet desto leichter herein.
Ich will aber für euch mein Kind Jesum bitten.
Liebes Kind, lass dich meiner Bitte nicht verdriessen!
Lass heute unsre Tränen vor deinen Augen fliessen,
Und denke an das Ungemach,
80Das ich erlitt an deinem Todestag,
Da ein Schwert durch meine Seele ging.
Also für jene Pein, die ich um dich empfing,
Belohne mich zu gunsten dieser Armen
Und ihrer lass dich nun erbarmen.
85Du bist ihr Vater, eine jede ist dein Kind;
Denke, wie lästig sie dir auch geworden sind
In manchem Ungemache,
Und in was für einer Sache
Der Sünder dich auch geplagt,
90Er ist dennoch die Schöpfung deiner Macht.
Mein Sohn, du trauter, guter,
Erhöre deine Mutter.
Hab’ ich dir je einen Dienst getan,
So nimm dich dieser Armen an,
95Damit die jammervolle Schar
Zu Himmel ohne Urteil fahr’.
Jesus spricht also:
Nun schweiget, Frau Mutter mein;
Solche Rede mag nicht sein.
Da sie auf der Erde waren,
100Gute Werke sie nicht gebaren,
Ihnen gemäss war alle Schlechtigkeit;
Drum versag’ ich ihnen meine Barmherzigkeit,
Nach der sie dort nie suchten,
Und schicke sie zu den Verfluchten;
105Ihre späte Reue soll nichts nützen.
Zu Gericht will ich jetzt sitzen:
Geht, ihr Verfluchten an Seel’ und Leibe,
Wie ich euch von mir jetzt vertreibe.
Geht in das Feuer unter die Hut
110Des übeln Teufels und seiner Brut!
Sünder, geh von mir!
Trost und Gnade versag’ ich dir.
Kehre von den Augen mein,
Fern bleibe dir meines Antlitz’ Schein!
115Scheide von meinem Reich,
Das du, dem Toren gleich
Durch deine Sünden verloren hast;
Trage mit dir der Sünden Last!
Gehe hin und schrei’ und heul’!
120Keine Hilfe wird dir je zu teil.
XXXIV. EASTER PLAYS
The Easter plays grew out of a brief and solemn church function, which followed a Latin ritual. In time German superseded the Latin, but without replacing it entirely; the performances increased greatly in scope, took in elements of fun, buffoonery and diablerie, outgrew the churches and became great popular festivals, which were usually held in the market-place. The performance of an Easter play together with a preceding passion play might occupy several hundred actors for a number of days. The texts as known to us are hardly ‘literature’ in the narrower sense. They were written by men of small poetic talent, who rimed carelessly, used the rough-and-ready language of the people, did not shrink from indecency and aimed at dramatic rather than poetic effects.
1
From the Redentin play: Christ’s descent into hell.1
Lucifer
Nun seht, ist das nicht ein wunderlich Getue,
Dass wir nicht mehr sollen leben in Ruhe?
Wir wohnen hier schon über fünftausend Jahr
Und wurden solches Unfugs noch nie gewahr,
5Wie man ihn jetzt gegen uns will treiben;
Dennoch wollen wir hier verbleiben,
So lange wir stehen noch kampfbereit,
Ob es euch allen sei lieb oder leid.
Lucifer (ad David)
David, wer ist dieser König der Ehren?
David
10Das kann ich dir wohl leicht erklären:
Er ist der starke Herr,
Mächtig im Kampf und in aller Ehr’;
Er ist’s, der alle Dinge hat erschaffen.
Lucifer
O weh, so sind unnütz all unsre Waffen
15Und all unsre Wehr,
Kommt der gewaltige König hierher.
Jesus
Ich fordre, Riegel an dieser Hölle,
Dass du dich auftuest in der Schnelle.
Ich will zerbrechen das Höllentor
20Und die Meinen führen hervor.
(et cantat: Ego sum Alpha et Omega, etc.)
Ich bin ein A und auch ein O;
Das sollt ihr wissen alle, so
Hier seid in dieser Höllenfeste.
Ich bin der Erste und auch der Letzte.
25Der Schlüssel Davids bin ich gekommen,
Um zu erlösen meine Frommen.
Satanas
Wer ist dieser Mann mit dem roten Kleide,
Der uns so vieles tut zu Leide?
Eine Unanständigkeit ist das
30Und beleidigt uns in hohem Mass.
Jesus
Schweig’, Satan, und sei bange!
Schweige, verdammte Schlange!
Spring auf, du Höllentor!
Die Seelen sollen hervor,
35Die darin sind gefangen.
Ich habe am Galgen gehangen
Für die, die taten den Willen mein.
Ich habe gelitten grosse Pein
In meines Leibs fünf Wunden.
40Damit soll Lucifer sein gebunden
Bis an den jüngsten Tag:
Ihm ewige Pein und ein grosser Schlag.
(Tunc cum vehemencia confringit infernum)
Weichet von hier geschwinde,
All ihr Höllengesinde!
(et arripit Luciferum)
45Lucifer, du böser Gast,
Du trägst fortan dieser Ketten Last,
Nicht mehr treibst du dein schändlich Wesen;
Meine Lieben sollen vor dir genesen.
(Chorus cantat: Sanctorum populus —Anime cantant: Advenisti —Jesus cantat: Venite benedicti —cum ricmo:)
Kommt her, meine Benedeiten!
50Not sollt ihr nicht mehr leiden.
In meines Vaters Reich begleitet ihr mich,
Um dort euch zu freuen ewiglich
Im lauteren Glanz der Seligkeit,
Die euch ohn’ Ende stehet bereit.
(et arripit Adam manu dextra)
55Adam, gib mir deine rechte Hand!
Heil und Glück sei dir bekannt!
Ich vergebe dir,
Was du verbracht zu Leide mir.
Adam
Lob sei dir und Ehr’,
60Du Weltgebieter hehr!
Ich und all mein Geschlecht
Waren verdammt mit Recht.
Doch wolltest du in deiner Barmherzigkeit
Uns erlösen aus solcher Jämmerlichkeit.
65Eva! Eva!
Selig Weib, komm mal her ja!
(et cantat: Te nostra vocabant suspiria—)
Jesus
Du warst an deinen Sünden gestorben;
Nun hab’ ich sterbend dich wieder erworben
Und will dich führen zu des Vaters Thron.
Eva
70O Herr Jesus, Gottes Sohn,
Ich habe gesündigt gegen dich,
Indem ich liess betrügen mich
Und Trotz bot deinem Worte.
Drum wohn’ ich hinter der Höllenpforte
75Wohl fünftausend Jahr!
Nun bin ich erlöset offenbar.
2
From the Vienna play: The quacksalver scene.2
(Nun kommen die Personen und singen.)
Allmächtiger Gott, Vater der höchste,
Der Engel Trost, der aus der Not
Uns rettete und Trost uns bot—
Die zweite Person
Vater, allmächtiger Gott,
5Dem die Engel stehn zu Gebot,
Was soll uns Armen nun geschehen,
Da wir dich nicht mehr sollen sehen?
Wir haben den verloren,
Der uns zum Troste ward geboren,
10Jesus Christus,
Der reinen Jungfrau Sohn,
Der der Welt Hoffnung war.
O, wie gross ist unser Schmerz!
Wir haben verloren Jesus Christ,
15Der aller Welt ein Tröster ist,
Mariens Sohn, den reinen;
Drum müssen wir beweinen
Bitterlich seinen Tod,
Da er uns half aus grosser Not.
Die dritte Person
20Wir wollen dahin, wo er im Grabe liegt,
Und ihn betrauern, der den Tod besiegt
Für uns, und salben ihm die Wunden sein;
O weh, wie gross ist unsre Herzenspein!
Geliebte Schwestern beide,
25Wie sollen wir leben in unserm Leide,
Wenn wir entbehren müssen
Jesus den süssen?
Drum gehen wir und kaufen Salben,
Damit wir ihm allenthalben
30Bestreichen seine Wunden
In diesen frühen Stunden.
(Der Kaufmann ruft dem Knechte)
Rubein! Rubein! Rubein!
(Rubinus kommt gelaufen)
Was wollt Ihr denn, Herr Meister mein?
Mercator
Rubein, wo hast du so lange gesteckt?
35Du tust deinen Dienst nicht recht.
Du solltest hier kaufen und verkaufen
Und die Leute schinden und täuschen.
Rubinus
Herr, ich besuchte jene alten Weiber;
Ich wollte auftreten als Harnsteinschneider.
Mercator
40Rubein, es wird wohl nächstens tagen.
Ich hör’ ein jämmerlich Klagen
Von drei Frauen, die singen;
Uns mag jetzt wohl gelingen,
Ein gut Geschäft zu machen mit Ehr’;
45Geh und rufe sie hierher.
Rubinus
Herr, welche meinest du?
Soll ich sie alle rufen herzu?
Mercator
Doch nicht! Rufe nur die allein,
Die am Wege klagen und schrein.
(Rubinus geht zu den Schwestern)
50Gott grüss’ euch, Frauen, zu jeder Zeit.
Ich sehe wohl, dass ihr betrübet seid.
Was euch mag immer schmerzen,
Ihr seufzt mit schwerem Herzen.
Es tut mir leid, das glaubet mir,
55Dass so betrübt ihr stehet hier.
Die Personen sagen:
Gut Kind, Gott lohn’ es dir!
Wir haben ein schwer Gemüt allhier.
Rubinus
Das bessere Gott in seiner Güte
Und euch vor allem Leid behüte!
60Ausser Trost hättet ihr was gern,
So geht und fragt bei meinem Herrn.
Die zweite Person
Gott segne dich, du guter Knabe,
Und lass gedeihen deine Habe!
Unser Leid ist verborgen.
65Wir wollen dir gerne folgen;
Nicht länger wollen wir hier stehn,
Wir wollen gerne mit dir gehn.
Mercator canit:
Ihr Frauen, seid mir höchst willkommen!
Ich hoffe zu fördern euer Frommen.
70Ist etwas hier, was ihr begehrt,
Es wird euch gern von mir gewährt.
Ich habe die besten Salben,
Die da allenthalben
Im Lande werden zu finden sein,
75In Ysmodia und in Neptaleim.
So wahr ich mir den Korb und Stab
Mitgebracht habe aus Arab;
So wahr mein schönes Weib Antonie
Mit mir kam von Babylonie,
80So muss euch diese recht gedeihen,
Denn ich brachte sie von Alexandreien.
Die dritte Person
Guter Mann, ich hab’ in der Hand
Drei schöne Gulden von Byzant.
Gib uns dafür reichlichermassen,
85Und möge Gott dich leben lassen!
Mercator
Da ihr beim Kauf nicht feilschen wollt,
Will ich verdienen euer Gold.
Nehmt also erstens diese Büchse,
Die besser ist als andre fünfe.
90Und nehmet diese auch dabei,
Die besser ist als andre zwei.
Und diese Büchse nehmet, so
Noch besser ist als andre zwo.
Tertia Persona
Nun sage uns, du guter Mann,
95Sollen wir mit dieser Salbe gahn?
Mercator
Ja, Frau, und wär’ ich rotes Gold,
Ihr sollt sie tragen, wohin ihr wollt.
Die Ärztin spricht zornig:
Ihr Frauen, lasst die Büchsen stehn!
Ihr sollt damit von hier nicht gehn,
100Sie kosteten mir allzuteuer;
Die macht’ ich neulich überm Feuer.
Geht schnell von meinem Krame ab,
Sonst schlag’ ich euch mit einem Stab.
Der Krämer spricht zu ihr:
Wie doch, Ihr böse Haut!
105Wie dürft Ihr immer werden laut?
Wollt Ihr tadeln mein Verkaufen,
Ich will Euch schlagen, will Euch raufen.
Mercatrix
Wie ist der Flachsbart doch so dreist!
Du bist ein rechter Plagegeist.
110Der Geier soll dich schänden
Hier unter meinen Händen!
Mercator
Frau, lasst ab von Eurem Schwatzen,
Sonst fühlt Ihr nächstens meine Tatzen.
Mercatrix
Ich schweige nicht, das sag’ ich dir!
115Wenn du kommst von deinem Bier,
Bist du betrunken wie ein Schwein.
Mög’ es dir nimmermehr gedeihn!
Mercator
Schweigt, Frau, sonst rollt Ihr bald zu Hauf.
Mercatrix
Da drüben geht der Vollmond auf.
Mercator
120Schweigt, oder ich geb’ Euch einen Schlag.
Mercatrix
Klotz, da er hier besoffen lag!
Mercator
O du altes Redefass!
Ich trug dir doch niemals Hass.
Nun geb’ ich dir eins auf den Kopf,
125Dass es summt dir unterm Schopf.
Und eins noch kriegst du auf den Rücken,
Das weh tun soll in allen Stücken.
Mercatrix
Ach, ach, ach und leider!
Sind das doch die neuen Kleider,
130Die du zu Ostern mir gesandt.
Wärst du nur ins Feuer gerannt!
Gott gebe dir Geschwür’ im Magen,
Dass du krepierst in wenig Tagen!
Wärst du nicht zu Wien entgangen,
135Man hätte dich schon längst gehangen.
Du hast auch einen roten Bart
Und bist ein Kobold schlimmster Art.
Mercator
Fraue, liebe Fraue mein,
Möget Ihr immer selig sein!
140Vergib mir, dass ich dich geschlagen,
Aber du hast so viel zu sagen.
Die Klage machst du mannigfalt,
Und daran tust du mir Gewalt.
Du hast ein wunderlich Gebärde,
145Und willst mich bringen unter die Erde.
Mercatrix
Ja, ich vergebe dir die Schläge
Am Tag, wo ich dich ins Grab hinlege.
Mercator (zu Rubin)
Hinweg mit den Pulvern!
Hier kann ich nicht mehr bleiben.
150Hebe auf Korb und Stab,
Und laufen wir nach Arab
Weithin von diesem Lande:
Sonst kämen wir vielleicht zu Schande.
Rubinus (dicit)
Herr, ich packe ein recht gerne
155Und laufe mit in weite Ferne.
1. The original, in the Middle Low German of Mecklenburg (Redentin is a village near Wismar) is printed in Kürschner’s Deutsche Nationalliteratur, Vol. 14. —Upon coming to life in the tomb and escaping the guards stationed by Pilate, Christ descends into hell to release the ‘fathers.’ Lucifer’s first speech—he is the over-lord of hell and Satan his first lieutenant—is addressed to the devils in view of the rumored approach of the King of Glory.
2. The original is printed in the Fundgruben of Hoffmann von Fallersleben, 1837. The ‘Personen’ are the three Marys, who go at break of day to anoint the body of the buried Christ. On the way they are taken in by a peripatetic quacksalver who has a cantankerous wife and a scapegrace clerk named Rubin.
XXXV. REYNARD THE FOX
A humorous poem, with incidental satire, which enjoyed the favor of all medieval Europe. The earliest German attempt to weave a continuous narrative out of the animal-stories that had previously been current in Latin, and to some extent in French, was that of an Alsatian poet, Heinrich der Glichezare, who wrote about 1180 and drew upon French sources. With the exception of a badly preserved fragment this poem is lost. It was called Isengrines Not and described the pranks played by the cunning fox on the stupid wolf. Half a century later it was worked over by an unknown rimester who changed the title to Reinhart Fuchs. This is the High German version from which the first of the selections below is translated. More important in a literary way is the Low German version, of which the earliest print dates from 1498. A specimen of this is given in Simrock’s translation.
1
From the High German ‘Reinhart Fuchs,’ lines 663 ff: Reynard initiates the wolf as a monk and teaches him to catch fish.
“Gevatter,” sprach Herr Isengrin,
“Gedenkst du stets als Mönch hierin
665Zu wohnen bis zu deinem Tod?”
“Ja wohl,” sprach er, “es tut mir not:
Du wolltest ohne meine Schuld
Mir versagen deine Huld
Und nehmen wolltest du mein Leben.”
670Sprach Isengrin: “Ich will’s vergeben,
Hast du mir je ein Leid getan,
Wenn ich nun mit dir wohnen kann.”
“Vergeben? Mir?” sprach da Reinhart,
“Mein Leben sei nicht mehr bewahrt,
675Tat ich je was zu Leide dir.
Wüsstest du mir Dank dafür,
Ich gäbe dir zwei Stücke Aal,
Den Rest von meinem letzten Mahl.”
Herr Isengrin war hoch erfreut.
680Er öffnete das Maul sehr weit.
Und Reinhart warf sie ihm in Mund.
“Ich bliebe immermehr gesund,”
Sprach Isengrin mit blödem Sinne,
“Wär’ ich nur einmal Koch da drinne.”
685Reinhart sprach: “Ist bald getan.
Willst du hier Brüderschaft empfahn,
So wirst du Meister über die Braten.”
Dem war es recht, wie ihm geraten.
“Das tu’ ich,” sagte Isengrein.
690“Also steck deinen Kopf herein,”
Sprach Reinhart. Jener war bereit,
Und eilig nahte sich sein Leid.
Er tat hinein die Schnauze gross,
Und Bruder Reinhart ihn begoss
695Mit heissem Wasser, das ist wahr,
Und brachte ihn um Haut und Haar.
Isengrin sprach: “Weh tut das mir.”
Reinhart sagte: “Wähnet Ihr
Den Himmel mühlos zu gewinnen?
700Ihr seid doch nicht so ganz von Sinnen?
Gern mögt Ihr leiden diese Not,
Gevatter, wenn Ihr läget tot:
Die Brüderschaft habt Ihr empfahn,
Und alle Tage von nun an
705Habt Ihr an tausend Messen teil,
Was sicherlich Euch bringt zum Heil.”
Isengrin meint’, es wäre wahr;
Er klagte nicht um Haut und Haar,
Die er nun nicht mehr nannte sein.
710Er sprach: “Jetzt, Bruder, sind gemein
Die Äle, die noch drinne sind,
Da ich wie du ein Gotteskind.
Wer mir ein Stück davon versagt,
Wird vor dem Abte angeklagt.”
715Reinhart sprach: “Nie tät’ es not;
Euch steht das Unsrige zu Gebot
In brüderlicher Minn’ und Ehr’,
Doch hier sind keine Fische mehr.
Ich will Euch aber führen gleich
720Zu unserm klösterlichen Teich,
In dem so viele Fische gehen,
Dass niemand mag sie übersehen.
Die Brüder taten sie hinein.”
“Lasst uns nur hin,” sprach Isengrein;
725Da gingen sie; gleich ohne Zorn,
Der Teich war aber überfrorn.
Sie begannen nachzuschauen;
Es war ein Loch im Eis gehauen,
Wo man sich Wasser herausnahm,
730Was Isengrin zu Schaden kam.
Sein Bruder trug ihm grossen Hass
Und einen Eimer nicht vergass;
Reinhart war froh, als er ihn fand
Und an den Schwanz dem Bruder band.
735Da sprach Herr Isengrein:
“In nomine patris! Was soll das sein?”
“Senkt hier den Eimer,” Reinhart sprach,
“Und wartet ruhig und gemach
Indem ich treibe sie hierher;
740Nicht lange bleibt Ihr magenleer,
Weil ich sie sehen kann durchs Eis.”
Herr Isengrin war nicht sehr weis’.
Er sprach: “Sagt mir in Bruderminne,
Gibt es denn wirklich Fisch’ hierinne?”
745“Ja Tausende hab’ ich gesehn.”
“Wohl denn, es kann uns Glück geschehn.”
Isengrin hatte dummen Sinn;
Bald fror der Schwanz ihm fest darin.
Die Nacht ward schrecklich kalt am Ort,
750Doch Reinhart schwieg nur immerfort.
Herr Isengrin fror mehr und mehr;
Er sprach: “Der Eimer wird mir schwer.”
“Ich zähle drin, bei meiner Ehr’,
Der Äle dreissig,” sprach Reinhart;
755“Dies wird uns eine nütze Fahrt.
Steht nur noch wenig Zeit in Ruh’,
Es kommen hundert noch dazu.”
Nachher, als es begann zu tagen,
Sprach Reinhart: “Leider muss ich sagen,
760Mir bangt des grossen Reichtums wegen.
Ich bin in hohem Grad verlegen,
Weil so viel Fische uns gegönnt,
Dass Ihr sie gar nicht heben könnt.
Versucht’s doch, ob es Euch gelingt,
765Dass Ihr heraus den Eimer bringt.”
Herr Isengrin fing an zu ziehen,
Doch all umsonst war sein Bemühen;
Den Eimer musst’ er lassen stehen.
Reinhart sprach: “Ich will jetzt gehen
770Zu den Brüdern, dass sie kommen;
Es soll der Fang uns allen frommen.”
Bald kam herauf die helle Sonn’,
Und Reinhart machte sich davon.
2
From the Low German ‘Reinke de Vos,’ Book 2: Reinke under the Pope’s ban; Martin the Ape offers to assist him.
Als Martin der Affe das vernommen,
Reinke wolle zu Hofe kommen,
Zu reisen gedacht’ er just nach Rom.
Er ging ihm entgegen und sprach: “Lieber Ohm,
5Fasst Euch ein Herz und frischen Mut.”
Den Stand seiner Sache kannt’ er gut,
Doch frug er nach ein und anderm Stück.
Reineke sprach: “Mir ist das Glück
In diesen Tagen sehr zuwider.
10Gegen mich klagen und zeugen wieder
Etliche Diebe, wer es auch sei,
Das Kaninchen ist und die Krähe dabei.
Der eine hat sein Weib verloren,
Der andre die Hälfte von seinen Ohren.
15Könnt’ ich selber vor den König kommen,
So sollt’ es beiden wenig frommen.
Was mir am meisten schaden kann,
Ist dies: Ich bin in des Papstes Bann.
Der Probst hat in der Sache Macht,
20Aus dem der König selber viel macht.
Warum man in den Bann mich tat,
Ist, weil ich Isegrim gab den Rat,
Da er ein Klausner war geworden,
Dass er weglief’ aus dem Orden,
25In den er bei Clemar sich begeben.
Er schwur, er könne nicht mehr leben
In solch hartem, strengem Wesen,
So lang zu fasten, so viel zu lesen.
Ich half ihm weg; das reut mich jetzt,
30Zumal er mich zum Dank verschwätzt:
Er feindet mich beim König an
Und tut mir Schaden, wo er kann.
Geh’ ich nach Rom, so setz’ ich fürwahr
Weib und Kinder in grosse Gefahr,
35Denn Isegrim wird es nicht lassen,
Ihnen nachzustellen und aufzupassen
Mit andern, die mir zu schaden trachten
Und schon manches wider mich erdachten.
Würd’ ich nur aus dem Bann gelöst,
40So wär’ mir Mut ins Herz geflösst;
Ich könnte getrost mit besserm Gemache
Sprechen für meine eigne Sache.”
Martin sprach: “Reineke, lieber Ohm,
Ich bin eben auf dem Weg nach Rom;
45Da will ich Euch helfen mit schönen Stücken,
Ich leide nicht, dass sie Euch unterdrücken.
Als Schreiber des Bischofs, könnt Ihr denken,
Versteh’ ich was von solchen Ränken.
Ich will den Probst nach Rom citieren
50Und will so gegen ihn plädiren;
Seht, Ohm, ich schaff’ Euch Excusation
Und bring’ Euch endlich Absolution,
Und wenn der Probst sich vor Ärger hinge.
Ich kenn’ in Rom den Lauf der Dinge,
55Und was zu tun ist, weiss ich schon.
Da ist auch mein Oheim Simon,
Der sehr mächtig ist und hochgestellt
Und jedem gerne hilft fürs Geld.
Herr Schalkefund steht auch da hoch,
60Dr. Greifzu und andre noch,
Herr Wendemantel und Herr Losefund,
Die sind da all mit uns im Bund.
Ich habe Geld voraus gesandt,
Mit Geld wird man am besten bekannt.
65Ja, Quark, man spricht wohl von Citieren;
Sie wollen nur, man soll spendieren.
Wär’ eine Sache noch so krumm,
Man biegt mit Geld sie um und um.
Wer Geld bringt, mag sich Gnade kaufen;
70Wer das nicht hat, den lässt man laufen.
Seht, Ohm, seid ruhig um den Bann,
Ich nehme mich der Sachen an
Und bring’ Euch frei, Ihr habt mein Wort.
Geht dreist zu Hof, Ihr findet dort
75Frau Riechgenau, mein Ehgemahl.
Der König liebt sie, und zumal
Auch unsre Frau, die Königin,
Denn sie hat klugen, behenden Sinn.
Sprecht sie an, sie liebt die Herrn
80Und verwendet sich für Freunde gern.
Sie ist Euch zu jedem Dienst erbötig.
Das Recht hat manchmal Hilfe nötig.
Bei ihr sind ihrer Schwestern zwei,
Dazu auch meiner Kinder drei
85Und viel andre noch von Euerm Geschlecht,
Die gern Euch helfen zu Euerm Recht.
Kann Euch denn sonst kein Recht geschehn,
So lass’ ich meine Macht Euch sehn.
Macht es mir nur gleich bekannt.
90Alle, die wohnen im ganzen Land,
Den König und alle, Weib und Mann,
Die bring’ ich in des Papstes Bann
Und schick’ ein Interdict so schwer,
Man soll nicht begraben noch taufen mehr,
95Und keine Messe lesen noch singen.
Drum, lieber Ohm, seid guter Dingen!
Der Papst ist ein alter, schwacher Mann,
Er nimmt sich keiner Sache mehr an;
Drum hat man sein auch wenig acht.
100Am Hofe übt die ganze Macht
Der Kardinal von Ohnegenügen,
Ein rüstiger Mann, der weiss es zu fügen.
Ich kenn’ ein Weib, die hat er lief,
Die soll ihm bringen einen Brief.
105Mit der bin ich sehr wohl bekannt,
Und, was sie will, geschieht im Land.
Sein Schreiber heisst Johann Partei,
Der kennt wohl Münze alt und neu.
Horchgenau ist sein Kumpan,
110Der ist des Hofes Kurtisan.
Wendundschleich ist Notarius,
Beider Rechte Baccalaureus;
Übt der ein Jahr noch seine Tücken,
So wird er Meister in Praktiken,
115Moneta und Donarius halten jetzt
Die Richterstühle dort besetzt;
Wem sie das Recht erst abgesprochen,
Dem ist und bleibt der Stab gebrochen.
So gilt in Rom jetzt manche List,
120Daran der Papst unschuldig ist.
Die muss ich alle zu Freunden halten:
Sie haben über die Sünden zu schalten
Und lösen das Volk all aus dem Bann.
Oheim, vertraut Euch mir nur an!
125Der König hat es schon vernommen,
Dass ich Euch will zu Hilfe kommen.
Er weiss auch, dass ich der Mann dazu bin;
Drum kommt Ihr nicht zu Ungewinn.
Bedenkt alsdann der König recht,
130Wie viele vom Affen- und Fuchsgeschlecht,
In seinem geheimsten Rate sitzen.
Geh’s wie es will, das muss Euch nützen.”
Reineke sprach: “Ich bin getröstet;
Ich dank’ Euch’s gern, wenn Ihr mich löstet.”
XXXVI. PETER SUCHENWIRT
The most gifted verse-writer of the poetically barren 14th century. He was a ‘wandering singer’ who depended for his livelihood upon the patronage of princes and spent the most of his life in Austria. He died about 1400. The selection is a translation of his Red’ von der Minne.
XXXVII. BRANT’S SHIP OF FOOLS
A famous satire published at Basel in 1494, with numerous excellent woodcuts. Its author, Sebastian Brant, was born at Strassburg in 1457, took his degree in law, became city clerk of his native place and died in 1521. The Ship of Fools, which consists of disconnected sections describing the various kinds of fools—over a hundred of them—who have embarked in the ship for Fool-land, was translated into Latin, into French three times and into English twice. It was Germany’s first important contribution to world literature. The selections are from the modernization by Simrock, Berlin, 1872.
1Von Geiznarren.Wer sich verlässt auf zeitig Gut, Drin Freude sucht und guten Mut, Der ist ein Narr mit Leib und Blut.1 Der ist ein Narr, der sammelt Gut 5Und hat nicht Freud’, und guten Mut Und weiss auch nicht, wem er’s wird sparen, Wenn er muss zum düstern Keller fahren. Noch törichter ist, wer vertut In Üppigkeit und Frevelmut 10Was Gott ins Haus ihm hat gegeben. Er nur verwalten soll sein Leben Und Rechenschaft drum geben muss Wohl schwerer als mit Hand und Fuss. Ein Narr häuft den Verwandten viel; 15Die Seel’ er nicht bedenken will, Sorgt, ihm gebrech’ es in der Zeit, Und fragt nicht nach der Ewigkeit. O armer Narr, wie bist du blind! Du scheust den Ausschlag, kriegst den Grind. 20Erwirbt mit Sünden mancher Gut Und brennt dann in der Hölle Glut, Des achten seine Erben klein: Sie hülfen ihm nicht mit einem Stein, Lösten ihn kaum mit einem Pfund, 25Wie tief er läg’ im Höllenschlund. Gib weil du lebst, ist Gottes Wort: Ein andrer schaltet, bist du fort. Kein weiser Mann trug je Verlangen Mit Reichtum auf der Welt zu prangen. 30Er trachtet nur sich selbst zu kennen; Den Weisen mag man steinreich nennen. Das Geld am Ende Crassus trank; Danach gedürstet hatt’ ihn lang. Crates sein Geld warf in das Meer, 35So stört’s im Lernen ihn nicht mehr. Wer sammelt, was vergänglich ist, Begräbt die Seel’ in Kot und Mist. |
2Selbstgefälligkeit.Den Narrenbrei ich nie vergass, Seit mir gefiel das Spiegelglas: Hans Eselsohr mein Herz besass.2 Der rührt sich wohl den Narrenbrei, 5Der wähnt, dass er sehr witzig sei, Und gefällt sich selber gar so wohl, Dass er in den Spiegel guckt wie toll Und doch nicht mag gewahren, dass Er einen Narren sieht im Glas. 10Und sollt’ er schwören einen Eid, Spricht man von Zucht und Artigkeit, Meint er, die hätt’ er ganz allein, Seinsgleichen könnt’ auch nirgends sein, Der aller Fehler ledig wär’. 15Sein Tun und Ruhn gefällt ihm sehr. Des Spiegels er drum nicht enträt, Wo er sitzt und reitet, geht und steht, Wie es Kaiser Otho hat gemacht, Der den Spiegel mitnahm in die Schlacht 20Und schor die Backen zwier am Tag, Mit Eselsmilch sie wusch hernach. Dem Spiegel sind die Fraun ergeben; Ohne Spiegel könnte keine leben. Eh’ sie sich recht davor geschleiert 25Und geputzt, wird Neujahr wohl gefeiert. Wem so gefällt Gestalt und Werk, Ist dem Affen gleich zu Heidelberg.3 Dem Pygmalion gefiel sein Bild, Vor Narrheit ward er toll und wild. 30Sah in den Spiegel nicht Narciss, Lebt’ er noch manches Jahr gewiss. Mancher sieht stets den Spiegel an, Der ihm doch nichts Schönes zeigen kann. Wo du solch närrisch Schaf siehst weiden, 35Das mag auch keinen Tadel leiden, Es geht in seinem Taumel hin, Und kein Verstand will ihm zu Sinn. |