Ei sapperment! als ich von der Rädelwache hörte, dachte ich, das Ding dürfte wohl nicht gut mit dir ablaufen, wenn die dich kriegen sollten; ich war her und marschierte immer spornstreichs nach dem Altonaischen Tore zu, da spendierte ich dem Torwärter einen ganzen Doppeltaler, daß er mich durch das Pförtchen mußte hinauslassen. Draußen setzte ich mich nun auf dieselbe Wiese, wo ich dem einen Staaten aus Holland die falsche Quinte durch den linken Ellbogen gestoßen hatte, und granste[25] da wie ein kleiner Junge Rotz und Wasser. Wie ich nun ausgegranst hatte, so stund ich auf, kehrte mich noch einmal nach der Stadt Hamburg zu, ob ich sie gleich im Finstern nicht sehen kunnte, und sagte: Nun gute Nacht, Hamburg, gute Nacht, Jungfernstieg, gute Nacht Opernhaus, gute Nacht Herr Bruder Graf und gute Nacht meine allerliebste Charmante, gräme dich nur nicht zu Tode, daß dein anmutiger Jüngling dich verlassen muß, vielleicht kriegst du ihn bald wiederum anderswo zu sehen. Hierauf ging ich im Dunkeln fort und immer weiter in die Welt hinein. Ich gelangte bei frühem Morgen in der Stadt Altona an, welche drei starke deutsche Meilen von Hamburg liegt, da kehrte ich in dem vornehmsten Wirtshause ein, welches zum Weinberge genannt wurde, worinnen ich einen Landsmann antraf, welcher in der Hölle[26] hinterm Kachelofen saß und hatte zwei vornehme Damens neben sich sitzen, mit welchen er in der Karte falsch spielte. Demselben gab ich mich zu erkennen und erzählte ihm, wie mirs in Hamburg gegangen wäre. Es war, der Tebel hol mer, ein brav Kerl auch, denn er war nur vor etlichen Tagen aus Frankreich gekommen und wartete allda bei dem Wirte im Weinberge auf einen Wechsel, welchen ihm seine Frau Mutter mit ehster Gelegenheit schicken würde. Er erzeigte mir sehr große Ehre, daß ichs, der Tebel hol mer, lebenslang werde zu rühmen wissen, und gab mir auch den Rat, ich sollte mich nicht lange in Altona aufhalten, denn wenns erfahren würde in Hamburg, daß der und der sich da aufhielte, welcher so viel Seelen kaput gemacht hätte, dürfte die Rädelwache, wenns gleich in einem andern Gebiete wäre, wohl nachgeschickt werden und mich lassen bei dem Kopfe nehmen. Welchem guten Rate ich auch folgte, und weil selben Tag gleich ein Schiff von da auf der See nach dem Lande Schweden zusegelte, dingte ich mich auf dasselbe, nahm von meinem Herrn Landsmanne Abschied und marschierte von Altona fort.

Wie mirs nun dazumal auf der See ging, was ich da und in dem Lande Schweden gesehen und erfahren habe, wird im folgenden Kapitel überaus artig zu vernehmen sein.

[7] feinem Benehmen.

[8] Leute von Adel.

[9] holländisch für Baumöl.

[10] Abgeordnete der Generalstaaten.

[11] Frauenspersonen, Damen.

[12] Dienstmädchen.

[13] Revanche, Genugtuung.

[14] streitenden Parteien.

[15] elegantes Fuhrwerk.

[16] lud uns ein.

[17] allgemein übliche.

[18] Die Hamburger Oper erfreute sich Ende des 17. Jahrhunderts großer Berühmtheit.

[19] Kroaten.

[20] Äquator.

[21] Trotz bieten.

[22] Säbelwetzen galt zu jener Zeit nach studentischer Sitte als Herausforderung.

[23] Ohrfeige.

[24] Beleidigung.

[25] Gransen = greinen, weinen.

[26] warmer Platz hinter dem Ofen.

3. Kapitel.

Es war gleich in der Knoblochs-Mittwoche[27], als ich mich zum ersten Male auf das Wasser begab. Nun hätte ich vermeint, die Schiffe zu Hamburg wären groß, worauf man bei dem Jungfernstiege pflegte spazieren zu fahren, allein so sah ich wohl, daß sie bei Altona auf der See, der Tebel hol mer, noch tausendmal größer waren, denn die Leute nannten sie nur die großen Lastschiffe. Auf so eins setzte ich mich nun, und wie ich von meinem Landsmanne Abschied genommen hatte, schiffte ich da mit fort.

Den dreizehnten Tag gegen zehn Uhr vormittags wurde es stockrabenfinster, daß man auch nicht einen Stich sehen kunnte, und mußte der Schiffsmann eine große Lampe vor das Schiff heraushängen, damit er wußte, wo er zufuhr, denn seinem Kompaß durfte er nicht wohl trauen, derselbe stockte immer. Wie es nun so gegen Abend kam, Ei sapperment! was erhub sich vor ein Sturm auf der See, daß wir auch, der Tebel hol mer, nicht anders meinten, wir würden alle müssen vor die Hunde gehen. Ich kann, der Tebel hol mer, wohl sagen, daß es uns nicht anders in solchem Sturme war, als wenn wir in einer Wiege geboiet würden wie die kleinen Kinder. Der Schiffsmann wollte wohl gern ankern, allein er hatte keinen Grund und mußte also nur Achtung haben, daß er mit dem Schiffe an keine Klippe fuhr. Den neunzehnten Tag begunnte der Himmel sich allmählich wieder zu klären und legte sich der Sturm auch so geschwind, daß es den zwanzigsten Tag wieder so stille und gut Wetter wurde, besser als wir es uns selbst wünschten. Zu Ausgang desselben Monats rochen wir Land und kriegten den folgenden Monat drauf die Spitzen von den schönen Türmen in Stockholm zu sehen, worauf wir zusegelten. Als wir nun ganz nah an die Stadt kamen, so hielt der Schiffsmann stille, hieß uns Fährgeld suchen und aussteigen, welches wir auch taten.

Wie wir nun da ans Ufer ausgestiegen waren, so ging hernach einer hier hinaus, der andere dort hinaus; ich wanderte nun gleich auch mit in die Stadt, und weil ich in keinem gemeinen Wirtshause Lust zu logieren hatte, blieb ich in der Vorstadt und nahm mein Quartier bei dem Lustgärtner, welcher, der Tebel hol mer, ein überaus wackerer Mann war. Sobald als ich mich nun bei ihm anmeldete und um Quartier ansprach, sagte er gleich ja. Flugs darauf erzählte ich ihm meine Geburt und die Begebenheit von der Ratte. Ei sapperment! was war es dem Manne vor eine Freude, als er diese Dinge hörte, er war, der Tebel hol mer, auch so höflich gegen mich und hatte sein Mützchen stets unter dem Arme, wenn er mit mir redete, denn er hieß mich nur Ihr Gnaden. Nun sah er auch wohl, daß ich ein brav Kerl war und daß was Großes hinter mir stecken mußte. Er hatte einen vortrefflichen schönen Garten, da kamen nun fast täglich die vornehmsten Leute aus der Stadt zu ihm spazieren gefahren. Ob ich mich nun wohl wollte da inkognito aufhalten und mich nicht zu erkennen geben, wer und wes Standes ich wäre, so wurde ich doch bald verraten. Ei sapperment! was kriegte ich da vor Visiten von den vornehmsten Damens in Stockholm. Es kamen, der Tebel hol mer, alle Tage wohl dreißig Kutschen voll immer in den Garten gefahren, daß sie mich nur sehen wollten, denn der Lustgärtner mochte mich gegen die Leute so herausgestrichen haben, was ich vor ein brav Kerl wäre.

Unter anderm kam immer ein Frauenzimmer in den Garten gefahren, ihr Vater war der vornehmste Mann mit bei der Stadt, die hießen die Leute nur Fräulein Lisette, es war, der Tebel hol mer, ein vortrefflich schön Mensche; dieselbe hatte sich nun bis auf den Tod in mich verliebt und gab recht ordentlich Freiens auch bei mir vor, daß ich sie nehmen sollte. Ich antwortete derselben hierauf aber sehr artig und sagte, wie daß ich ein brav Kerl wäre, dem was Rechts aus den Augen heraus sähe, daß also dieselbe vor dieses Mal mit keiner gewissen Antwort könnte versehen werden. Sapperment! wie fing das Mensche an zu heulen und zu schreien, da ich ihr den Korb gab, daß ich also, der Tebel hol mer, nicht wußte, woran ich mit ihr war. Endlich fing ich zu ihr an, daß ich mich in Hamburg schon mit einer halb und halb versprochen, allein ich hätte keine Post von ihr, ob sie noch lebte oder ob sie tot wäre. Sie sollte sich nur zufriedengeben, in etlichen Tagen wollte ich ihr Antwort wiedersagen, ob ich sie nehmen wollte oder nicht. Hierauf gab sie sich wieder zufrieden und fiel mir um den Hals und meinte es auch, der Tebel hol mer, so gut mit mir, daß ich mich auch gänzlich resolvieret hatte, die Charmante fahren zu lassen und mich an Fräulein Lisetten zu hängen. Hierauf nahm sie mit weinenden Augen von mir Abschied und sagte, daß sie den morgenden Tag früh wieder zusprechen wollte, und fuhr damit in die Stadt nach ihren Eltern zu. Was geschah? Der morgende Tag kam herbei, ich ließ eine gute frische Milch zurichten, mit derselben wollte ich das Fräulein Lisette im Garten nun traktieren: der Vormittag lief vorbei, der Nachmittag war auch fast zu Ende, ich wartete im Garten immer mit der frischen Milch, es wollte aber kein Fräulein Lisette kommen, daß ich auch, der Tebel hol mer, so toll war und, weil ich mich nicht rächen kunnte, der frischen Milch in die Haare geriet und die in der Bosheit reine ausfraß. Indem ich den letzten Löffel voll ins Maul steckte, kam des Gärtners Junge spornstreichs zum Garten hineingelaufen und fragte mich, ob ich was Neues wüßte. Wie ich nun gerne wissen wollte, was es gäbe, fing er an: Das Fräulein Lisette, welche gestern abend so lange im Garten bei mir gewesen, wäre diese Nacht so plötzlich gestorben. Ei sapperment! wie erschrak ich über die Post, daß mir auch der letzte Löffel voll Milch im Halse gleich verstarrte. Ja, fing der Junge weiter an, und der Doktor hätte gesagt, sie müßte sich worüber sehr gegrämt haben, sonst wäre sie wohl nicht gestorben, weil ihr ganz keine Krankheit wäre anzusehen gewesen. Ei sapperment! wie jammerte mich das Mensche, und da war wohl, der Tebel hol mer, niemand an ihrem Tode schuld als eben ich, weil ich sie nicht haben wollte. Das Mensche dauerte mich, der Tebel hol mer, sehr lange, ehe ich sie vergessen kunnte. Ich ließ ihr auch zu Ehren einen Poeten folgende Zeilen dichten und auf ihren Leichenstein hauen, welcher die heutige Stunde noch in Stockholm auf ihrem Grabe wird zu lesen sein:

Steh! flüchtger Wandersmann, betrachte diesen Stein,
Und rate, wer allhier wohl mag begraben sein:
Es starb vor Liebesgram ein Lieschen in dem Bette,
Nun rate, wer hier liegt: das schöne Kind Lisette.

Nach diesem Lieschen verliebte sich hernach eines vornehmen Nobels Tochter in mich, dieselbe hieß Damigen und gab nun ebenfalls wieder Freiens bei mir vor. Es war, der Tebel hol mer, ein unvergleichlich Mensche auch. Mit derselben mußte ich alle Tage spazieren fahren und mich stets mit ihr schleppen. Ob ich nun wohl des Nobels Tochter sehr wohl gewogen war und auch Vertröstung getan, sie zu nehmen, so hatte ich aber den Handschlag dennoch nicht von mir gegeben, allein es trugen sich alle kleine Jungen auf der Gasse mit herum, daß Jungfer Damigen eine Braut wäre und was sie vor so einen vornehmen braven Kerl zum Manne kriegte. Ich hatte mich auch gänzlich resolviert, sie zu heiraten, und hätte sie auch genommen, wenn sie nicht ihr Herr Vater ohne mein und ihr Wissen und Willen einem andern Nobel versprochen gehabt. Was geschah? Damigen bat mich einstmals, daß ich mit ihr mußte an einem Sonntage durch die Stadt spazieren gehen, damit mich doch die Leute nur sähen, denn sie hätten von dem Lustgärtner gehört, daß ich so ein braver, vortrefflicher Kerl wäre, dem nichts Ungemeines aus den Augen funkelte, und also trügen ihrer viel groß Verlangen, mich doch nur zu sehen. Nun kunnte ich ihr leicht den Gefallen erweisen und sie in der Stadt ein wenig herumführen. Wie nun die Leute sahen, daß ich mit meiner Damigen da angestochen kam, O sapperment! wie legten sie sich zu den Fenstern heraus. Bald stunden an einer Ecke ein paar Mägde, die sagten: Ach ihr Leute! Denkt doch, wie Jungfer Damigen so wohl ankömmt, sie kriegt den Kerl da, der sie bei der Hand führt, das Mensche ist ihn nicht einmal wert. Solche und dergleichen Reden murmelten die Leute nun so heimlich zueinander. Es war auch ein Nachgesehe, daß ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen kann. Als wir nun auf den Markt kamen und allda uns ein wenig aufhielten, daß ich das Volk recht sehen sollte, mag derselbe Nobel dieses gewahr werden, daß ich Damigen, welche er zur Liebsten haben sollte, nach aller Lust da herumführe; ich versah mich aber dieses nicht, daß der Kerl solch närrisch Ding vornehmen wird. Indem mich nun die Leute und meine Damigen mit großer Verwunderung ansahen, kam er von hinterrücks und gab mir, der Tebel hol mer, eine solche Presche, daß mir der Hut weit vom Kopfe flog, und lief hernach geschwinde in ein Haus hinein. O sapperment! wie knirschte ich mit den Zähnen, daß sich der Kerl solch Ding unterstund, und wenn er nicht gelaufen wäre, ich hätte ihm, der Tebel hol mer, die falsche Quinte gleich durchs Herze gestoßen, daß er das Aufstehen wohl vergessen sollen. Ich war auch willens, ihn zu verfolgen, wenn mich Damigen nicht davon noch abgehalten hätte, die sagte, es möchte so ein groß Aufsehens bei den Leuten erwecken, und ich könnte ihn schon zu anderer Zeit finden. Den andern Tag drauf, als ich mich nun erkundigt, wo der Kerl wohnte, welcher mir die Ohrfeige gegeben, schickte ich des Gärtners Jungen zu ihm und ließ ihm sagen, ich hielte ihn vor keinen braven Kerl, sondern vor den allerelendesten Bärenhäuter auf der Welt, wenn er nicht die und die Zeit draußen auf der großen Wiese mit ein paar guten Pistolen erschiene, und da wollte ich ihm weisen, daß ich ein braver Kerl wäre. Was geschieht, als des Lustgärtners Junge dem Nobel diese Worte nun so unter die Nase reibt und von Pistolen schwatzt? Ei sapperment! wie erschrickt der Kerl, daß er nicht weiß, was er dem Jungen antworten soll. Wie nun der Junge spricht, was er denn dem vornehmen Herrn zur Antwort hierauf wiederbringen sollte, fängt er endlich an, er müsse gestehen, ja, daß er mir den Hut vom Kopfe geschmissen, und hätte es ihn so verdrossen, daß ich Jungfer Damigen als seine zukünftige Liebste bei der Hand geführt, und dasselbe hätte er gar nicht leiden können. Da ich ihn nun wegen der gegebenen Ohrfeige flugs auf Pistolen hinausforderte, würde er wohl schwerlich kommen, denn es wäre so eine Sache mit den Schüssen, wie leichtlich könnte er oder ich was davon bekommen; was hätten wir denn hernach davon, und darauf käme er nicht; wollte ich mich aber mit ihm auf trockene Fäuste schlagen, so wollte er seine Mutter erstlich drum fragen, ob sie solches zugeben wollte. Wo sie aber ihm solches auch nicht verwilligte, könnte er mir vor die Ohrfeige keine Revanche geben. O sapperment! als mir der Junge solche Antwort von dem Nobel wiederbrachte, hätte ich mich, der Tebel hol mer, flugs mögen zustoßen und zureißen. Ich war her und besann mich, wie ich ihn wiedertraktieren wollte. Erstlich wollte ich ihn auf der Gasse übern Haufen stoßen und fortgehen, so dachte ich aber: wo wird dich dein Damigen hernach suchen? Endlich resolvierte ich mich, ich wollte ihm in öffentlicher Kompagnie die Presche gedoppelt wiedergeben. Das hätte ich auch getan, wenn der Kerl nicht wegen des Pistolenhinausforderns so ein groß Wesen flugs gemacht hätte, daß ich also von hoher Hand gebeten wurde, ich möchte es nur gut sein lassen; genug, daß sie alle wüßten, daß ich ein brav Kerl wäre, desgleichen wohl wenig in der Welt würde gefunden werden. Als ich dieses hörte, daß von hoher Hand man mich bat, daß ich ihn sollte zufrieden lassen, und mich alle vor den bravsten Kerl auf der Welt ästimierten, hätte ich mir hernach wohl die Mühe genommen, daß ich wieder an ihn gedacht hätte. Allein mein Damigen kriegte ich doch auch nicht. Ihr Vater ließ mir zwar sagen, er sähe wohl, daß ich ein brav Kerl wäre, desgleichen man wenig finde, allein seine Tochter hätte er einem Nobel versprochen, und wer kein Nobel wäre, der dürfte sich auch nicht die Gedanken machen, daß er sie kriegen würde. Ich ließ ihm aber hierauf artig wiedersagen, wie daß er nämlich recht geredet, daß ich ein brav Kerl wäre, desgleichen wohl wenig in der Welt anzutreffen wäre, und ich hätte ja seine Tochter noch niemals verlangt, sondern sie hätte mich haben wollen.

Nach diesem hatte ich mir auch gänzlich vorgenommen, Stockholm wieder zu verlassen, weil ich in dem zweiten ganzen Jahr schon da mich umgesehen. Indem ich mich nun resolviert, den andern Tag wieder auf das Schiff zu begeben, ging ich den Tag vorher noch einmal in des Gärtners Lustgarten und sah, ob die Pflaumen bald reif waren; indem ich einen Baum so nach dem andern beschaute, kam des Gärtners Junge sporenstreichs wieder auf mich zugelaufen und sagte, daß jemand draußen vorm Tore mit einem schönen Schellenschlitten hielte, der wollte mich gerne sprechen. Er hätte einen großen grünen Fuchspelz an. Nun kunnte ich mich nicht flugs besinnen, wer es sein müßte, endlich besann ich mich auf meinen Herrn Bruder Grafen, der es etwa sein müßte, und lief geschwinde mit dem Jungen aus dem Garten vor. Wie ich vor kam, so wars, der Tebel hol mer, mein Herr Bruder Graf, welchen ich zu Hamburg im Stiche gelassen. O sapperment! wie erfreuten wir uns alle beide, daß wir einander wiedersahen. Ich nahm ihn gleich mit in des Gärtners Stube und ließ ihm flugs was zu essen und zu trinken geben, denn er war, der Tebel hol mer, bald ganz verhungert und sein Pferd sah auch ganz mager aus, das mußte des Gärtners Junge flugs hinaus auf die Wiesen in die Weide reiten, auf daß sichs wieder ausfressen sollte. Damit erzählte er mir nun allerhand, wie es ihm in Hamburg noch gegangen wäre und wie die Dame Charmante mich so bedauert, als ich die Flucht nehmen müssen und sie so unverhofft verlassen. Er brachte mir auch einen Brief mit von ihr, welchen sie nur verloren[28] an mich geschrieben, daß er mir denselben doch zustellen möchte, denn sie hatte vermeint, ich wäre schon längstens tot, weil ich ihr gar nicht geschrieben, wo ich wäre. Der Inhalt des Briefes war, wie folgt, also und zwar versweise:

»Anmutiger Jüngling

Lebst du noch? oder liegst du schon verscharret?
Weil du weder Brief noch Gruß deiner Liebsten schickest ein?
Ach! so heißt es leider! wohl recht umsonst auf das geharret,
Was man in Gedanken küßt und muß längst verweset sein.
Bist du tot? so gönn ich dir dort die höchst vergnügten Freuden,
Lebst du noch, anmut'ger Schatz? und erblickest dieses Blatt,
Welches die Charmante schickt, die dich mußte plötzlich meiden,
Als dein tapfrer Heldenmut dich verjagte aus der Stadt,
Lebst du noch? so bitt' ich dich, schreib mir eiligst doch zurücke,
Wo du bist, es mag der Weg auch sehr höchst gefährlich sein,
So will ich dich sprechen bald mit des Himmels gutem Glücke,
Wenn du hierauf nur ein Wort erst Charmanten lieferst ein«.

Als ich diesen Brief gelesen, ging mir die Charmante so zu Gemüte, daß ich mich des Weinens nicht enthalten kunnte, sondern hieß meinen Herrn Bruder Grafen essen und ging hinaus vor die Stubentür und granste, der Tebel hol mer, da wie ein kleiner Junge. Als ich nun ausgegranst hatte, sagte ich zum Lustgärtner, er sollte mir doch Feder und Tinte geben, ich wollte eiligst diesen Brief beantworten. Der Lustgärtner sagte hierauf, es stünde alles zusammen oben in der Sommerstube, und wenn ichs verlangte, so wollte er solches herunterholen lassen, beliebte mir aber droben zu schreiben, allwo ich nicht von Reden gestört würde, könnte ichs auch tun. Ich ließ mir solches gefallen, bat den Herrn Bruder Grafen, ob er mir verzeihen wollte, daß ich ihn ein wenig alleine ließe, und ich wäre nur gesonnen, den Brief wieder zu beantworten und fortzuschicken. Der Herr Bruder Graf sagte hierauf nur, daß ich doch mit ihm kein Wesens machen sollte, und ich möchte so lange schreiben, als ich wollte, er würde mich daran nicht hindern. Damit so wanderte ich zur Stubentür hinaus und wollte eiligst die Treppe hinauflaufen; ich werde es aber nicht gewahr, daß eine Stufe ausgebrochen ist, und falle da mit dem rechten Bein hinein in die Lücke, wo die Stufe fehlt, und breche, der Tebel hol mer, das Bein flugs murrsch entzwei. O sapperment! wie fing ich an zu schreien! Sie kamen alle, wie auch der Herr Graf, dazu gelaufen und fragten, was mir wäre, allein es kunnte mir keiner helfen, das Bein war einmal in Stücken. Der Lustgärtner schickte flugs nach dem Scharfrichter, daß der kommen mußte und mich verbinden, denn es war, der Tebel hol mer, ein wackerer Mann im Bruch heilen; derselbe brachte mirs sehr artig wieder zurechte, ob er gleich zwölf ganzer Wochen an demselben dokterte. Als ich nun so ein bischen drauf wieder fußen kunnte, so mußte ich hernach allererst der Charmante ihren Brief beantworten, welcher folgendermaßen auch versweise sehr artig eingerichtet war:

»Mit Wünschung zuvor alles Liebes und Gutes,
Schelmuffsky lebet noch und ist sehr guten Mutes!
Hat er gleich vor zwölf Wochen gebrochen das rechte Bein,
So wird dasselbe doch vom Scharfrichter bald wieder geheilet sein.
Der Herr Bruder Graf ist mit seinem Schlitten bei mir glücklich ankommen,
Und einen Brief mitgebracht, woraus ich vernommen,
Daß meine liebe Charmante gerne wissen möchte, ob ich lebendig oder tot.
Es hat mit mir, der Tebel hol mer, noch keine Not.
Ich lebe itzunder in dem Lande Schweden,
Wenn nun, du herzes Kind, willst gerne mit mir reden,
Zu Stockholm bei dem Lustgärtner in der Vorstadt hab' ich mein Quartier,
So mußt du bald kommen her zu mir,
Denn ich werde nicht gar lange mehr da bleiben.
Das ists nun, was ich dir zur Antwort hiermit habe wollen fein geschwinde schreiben.
Indessen lebe wohl, gesund frisch spat und früh,
Und ich verbleibe allezeit dein

anmutiger Jüngling
Schelmuffsky
«.

Ob ich mich nun wohl aufs Versemachen nicht groß gelegt hatte, so war mir doch, der Tebel hol mer, dieser Brief versweise sehr artig geraten. Denselben schickte ich nun durch des Gärtners Jungen zu Stockholm ins Posthaus, damit er cito[29] möchte nach Hamburg bestellt werden. Hierauf gingen kaum vier Wochen ins Land, so kam meine liebste Charmante auch anmarschiert. Wie sie mich nun sah, sapperment! fiel mir das Mensche nicht um den Hals und herzte mich! Sie erzählte mir hernach auch, wie mich die Rädelwache zu Hamburg gesucht hätte, weil ich so viel Kerls hätte zu schanden gehauen, und wie mich die Kompagnie auf dem Tanzboden so ungerne verloren, weil ich einen vortrefflichen Springer abgegeben. Ich sollte ihr auch erzählen, wie mirs die Zeit über gegangen wäre, als ich von Hamburg die Flucht nehmen müssen. Damit erzählte ich ihr, und auch, wie wir auf der See hätten Sturm gehabt und was ich vor allerhand Fische gesehen, aber wie mirs in Stockholm mit der Ohrfeige wegen Jungfer Damigen gegangen wäre, davon sagte ich ihr, der Tebel hol mer, kein Wort.

Ob ich nun wohl, wie mein Bein völlig wieder kuriert war, mich wollte zu Schiffe wieder setzen und die Welt weiter besehen, so ließ ich mich doch auf der Charmante ihr Bitten überreden, daß ich ein halb Jahr noch in Stockholm blieb und ihr dieses und jenes zeigte. Nun ist eben nichts Sonderliches da zu sehen, als daß Stockholm eine brave Stadt ist, sehr lustig liegt und um dieselbe herum schöne Gärten, Wiesen und vortreffliche Weinberge angebaut sein, und daß, der Tebel hol mer, der schönste Neckarwein da wächst. Allein von Fischwerk und solchen Sachen gibts eben so wenig als in Hamburg. Forellen hat man zwar genug auch da, allein, wer kann einerlei Fische immer essen; aber unerhörte Viehzucht gibts da wegen der Gräserei: es gibt, der Tebel hol mer, Kühe dort, da eine wohl auf einmal vierzig bis fünfzig Kannen Milch gibt. Sie machen im Winter auch flugs Butter, die sieht, der Tebel hol mer, wie das schönste gewundene Wachs aus.

Nachdem ich meine Charmante nun überall herumgeführt und ihr dieses und jenes in Stockholm gezeigt, machte ich mich mit ihr benebst dem Herrn Bruder Grafen wieder reisefertig, bezahlte, was ich da bei dem Lustgärtner verzehrt hatte, und dingten uns auf ein Schiff, welches uns mit sollte nach Holland nehmen. Wie wir nun mit dem Schiffe richtig waren, packte der Herr Graf seinen Schellenschlitten mit seinem Pferde auch auf das Schiff, daß er, wenn er zu Lande käme, wieder kutschen könnte. Als es bald Zeit war, daß das Schiff fortsegeln wollte, nahmen wir von dem Lustgärtner Abschied und bedankten uns nochmals vor allen guten erzeigten Willen. Da fing, der Tebel hol mer, der Mann an zu weinen wie ein klein Kind, so jammerte ihn unser Abschied. Er beschenkte mich auch zuguterletzt mit einer wunderschönen Blume, ob dieselbe gleich kohlpechschwarze Blätter hatte, so kunnte man sie doch, der Tebel hol mer, auf eine ganze Meile Wegs riechen. Er nannte sie nur Viola Kohlrabi, dieselbe Viola Kohlrabi nahm ich nun auch mit. Damit marschierten wir nun fort und nach dem Schiffe zu. Als wir nun dahin kamen, Sapperment! was sah man da vor Volk, welches mit nach Holland gehen wollte, es waren, der Tebel hol mer, wohl an sechstausend Seelen, die setzten sich nun alle auch mit zu Schiffe und waren Willens, Holland zu besehen. Wie es uns aber dasselbe Mal auf der See erbärmlich ging, werden einem die Haare zu Berge stehen, wer folgendes Kapitel lesen wird.

[27] Mittwoch nach Pfingsten.

[28] aufs geratewohl.

[29] schnell.

4. Kapitel.

Als wir von Stockholm abfuhren, war es gleich um selbe Zeit, da die Kirschen und Weintrauben sich anfingen zu färben. Sapperment! was war da vor ein Gekribbele und Gewibbele auf dem Schiffe von soviel Leuten. Ich und meine Liebste Charmante wie auch der Herr Bruder Graf, weil der Schiffsmann sah, daß wir Standespersonen waren, hatten ein eigenes Zimmer auf dem Schiffe zu unserer Bequemlichkeit inne. Die andern Sechstausend aber mußten, der Tebel hol mer, alle nach der Reihe auf einer Streu schlafen. Wir schifften etliche Wochen sehr glücklich fort und waren alle brav lustig auf dem Schiffe, als wir aber an die Insel Bornholm kamen, wo es so viel Klippen gibt, und wenn ein Schiffsmann die Wege da nicht weiß, gar leichtlich umwerfen kann, ei Sapperment! was erhub sich im Augenblick vor ein großer Sturm und Ungestüm auf der See; der Wind schmiß, der Tebel hol mer, die Wellen die höchsten Türme hoch über das Schiff weg und fing an kohlpechrabenstockfinster zu werden. Zu dem allergrößten Unglücke noch hatte er zu Stockholm im Wirtshause den Kompaß auf dem Tische stehen lassen und vergessen, daß er also ganz nicht wußte, wo er war und wo er zufahren sollte. Das Wüten und Toben von dem grausamen Ungestüm währte vierzehn ganzer Tage und Nacht, den fünfzehnten Tag, als wir vermeinten, es würde ein wenig stille werden, so erhub sich wieder ein Wetter und schmiß der Wind unser Schiff an eine Klippe, daß es, der Tebel hol mer, in hunderttausend Stücke sprang. Sapperment! was war da vor ein Zustand auf der See! Es ging Schiff, Schiffsmann und alles, was nur zuvor auf dem Schiffe war, in einem Augenblick zugrunde, und wenn ich und mein Herr Bruder Graf nicht so geschwinde ein Brett ergriffen hätten, worauf wir uns flugs legten, daß wir zu schwimmen kamen, so wäre kein ander Mittel gewesen, wir hätten gleichfalls mit den sechstausend Seelen müssen vor die Hunde gehen. O sapperment! was war da von den Leuten ein Gelamentiere in dem Wasser! nichts mehr dauert mich noch die Stunde, als nur meine allerliebste Charmante, wenn ich an dasselbe Mensche gedenke, gehen mir, der Tebel hol mer, die jetzige Stunde die Augen noch über. Denn ich hörte sie wohl zehnmal noch im Wasser »Anmutiger Jüngling« rufen; allein was kunnte ich ihr helfen, ich hatte, der Tebel hol mer, selbsten zu tun, daß ich nicht von dem Brette herunterkippte, geschweige daß ich ihr hätte helfen sollen. Es war immer und ewig schade um dasselbe Mensche, daß es da so unverhofft ihr Leben mit in die Schanze schlagen mußte. Es kunnte sich auch, der Tebel hol mer, nicht eine einzige Seele retten als ich und der Herr Graf auf dem Brette.

Als ich und mein Herr Bruder Graf diesem Trauerspiele auf unserm Brette in der Ferne nun so eine Weile zugeschaut, plätscherten wir mit unsern Händen auf demselben fort und mußten wohl über hundert Meilen schwimmen, ehe wir wieder an Land kamen. Nach Verfließung dreier Tage bekamen wir die Spitzen und Türme von Amsterdam zu sehen, worauf wir gleich zu marschierten und den vierten Tag früh um zehn Uhr hinter des Bürgermeisters Garten mit unserm Brette nach viel ausgestandener Gefährlichkeit allda anlandeten. Damit gingen wir durch des Bürgermeisters Garten durch und immer nach desselben Hause zu. Der Herr Bruder Graf, der mußte nun das Brett tragen und ich ging voran. Wie wir nun die Gartentüre aufklinkten, welche in des Bürgermeisters Hof ging, so stund der Bürgermeister gleich in der Haustüre und sah uns da angemarschiert kommen. Mit was vor Verwunderung uns auch der Mann ansah, will ich wohl keinem Menschen sagen, denn wir sahen wie die gebadeten Mäuse so naß aus; dem Herrn Grafen lief das Wasser immer noch von seinen samtnen Hosen herunter, als wenn einer mit Mulden gösse. Ich erzählte dem Herrn Bürgermeister aber flugs mit zwei, drei Worten ganz artig, wie daß wir Schiffbruch gelitten und auf dem Brette so weit schwimmen müssen, ehe wir an Land gekommen. Der Herr Bürgermeister, welcher, der Tebel hol mer, ein wackerer, braver Mann war, der hatte groß Mitleiden mit uns, er führte uns in seine Stube, hieß warm einheizen, damit mußten ich und mein Herr Bruder Graf in die Hölle hinterm Ofen treten und uns wieder trocknen. Sobald uns nun ein wenig der warme Ofen zu passe kommen war, fing der Herr Bürgermeister an und fragte, wer wir wären. Ich fing hierauf gleich an und erzählte demselben ganz artig meine Geburt und wie es mit der Ratte damals wäre zugegangen. O sapperment! was sperrte der Mann vor ein Paar Augen auf, als ich ihm von der Ratte solche Dinge erzählte, er nahm hernach allemal auch, wenn er mit mir redete, sein Mützchen unter den Arm und titulierte mich Ihre sehr Hochwohlgeborne Herrlichkeiten.

Alsobald ließ er den Tisch decken und traktierte mich und den Herrn Grafen, der Tebel hol mer, recht delikat. Sobald als wir nun gespeist hatten, kamen etliche von den vornehmsten Staaten in des Bürgermeisters Haus und gaben mir und meinem Herrn Bruder Grafen eine Visite. Sie baten uns auch zu sich zu Gaste und erwiesen uns große Ehre, daß ich also wohl sagen kann, daß Amsterdam, der Tebel hol mer, eine vortreffliche Stadt ist. Es wurde zu derselben Zeit bald eine vornehme Hochzeit, wozu man mich und meinen Herrn Bruder Grafen auch invitierte. Denn es heiratete ein Lord aus London in England eines vornehmen Staatens Tochter zu Amsterdam, und wie es nun da gebräuchlich ist, daß die vornehmen Standespersonen, welche zur Hochzeit gebeten werden, allemal Braut und Bräutigam zu Ehren ein Hochzeitskarmen drucken lassen und sie damit beehren, so wollte ich hierinnen mich auch sehen lassen, daß ich ein brav Kerl wäre. Es war gleich um selbe Zeit bald Gertraute[30], daß der Klapperstorch bald wiederkommen sollte, und weil die Braut Traute hieß, so wollte ich meine Invention[31] von dem Klapperstorche nehmen, und der Titel sollte heißen: Der fröhliche Klapperstorch. Ich war her und setzte mich drüber und saß wohl über vier Stunden: daß mir doch wäre eine Zeile beigefallen? Der Tebel hol mer, nicht ein Wort konnte ich zuwege bringen, das sich zu dem fröhlichen Klapperstorche geschickt hätte; ich bat meinen Herrn Bruder Grafen, er sollte es versuchen, ob er was könnte zur Not herbringen, weil mir nichts beifallen wollte. Der Herr Graf sagte nun, wie er vor diesem wäre in die Schule gegangen, so hätte er ein bischen reimen lernen, ob ers aber würde noch können, wüßte er nicht, doch müßte ers versuchen, obs angehn wollte. Hierauf setzte sich der Graf nun hin, nahm Feder und Tinte und fing da an zu dichten. Was er damals nun aufschmierte, waren folgende Zeilen:

Die Lerche hat sich schon in Lüften präsentieret,
Und Mutter Flora steigt allmählich aus dem Neste;
Schläft gleich die Maja noch in ihrem Zimmer feste;
Daß also jetzger Zeit viel Lust nicht wird gespüret.
Dennoch so will ...

Als er über diesen Zeilen nun so wohl eine halbe Stunde gesessen, so guckte ich von hinten auf seinen Zettel und sah, was er gemacht hatte. Wie ich nun das Zeug las, mußte ich, der Tebel hol mer, recht über den Herrn Bruder Grafen lachen, daß es solch albern Gemächte war. Denn anstatt daß er den Klapperstorch hätte setzen sollen, hatte er die Lerche hingeschmiert, und wo Traute stehen sollte, hatte er gar einen Flor genommen; denn der Flor schickt sich auch auf die Hochzeit, und dazu hätte sichs auch hintenaus reimen müssen. Denn präsentieret und Neste, das reimt sich auch, der Tebel hol mer, wie eine Faust aufs Auge. Er wollte sich zwar den Kopf weiter darüber zerbrechen, allein so hieß ichs ihn nur sein lassen und dafür schlafen. Ob ich nun wohl auch selben Tag ganz nichts zuwege bringen kunnte, so setzte ich mich folgenden Tag früh doch wieder drüber und wollte von Gertrauten und dem Klapperstorche der Braut ein Karmen machen. O sapperment! als ich die Feder ansetzte, was hatte ich dazumal vor Einfälle von dem Klapperstorche, daß ich auch, der Tebel hol mer, nicht länger als einen halben Tag darüber saß, so war es fertig und hieß, wie folgt, also:

Der fröhliche Klapperstorch. Gertrautens-Tag werden wir balde nun haben,
Da bringet der fröhliche Klapperstorch Gaben,
Derselbe wird fliehen über Wasser und Gras
Und unsrer Braut Trauten verehren auch was,
Das wird sie, der Tebel hol mer, wol sparen,
Und keinem nicht weisen in dreiviertel Jahren.
Worzu denn wünschet bei dieser Hochzeit
Gesunden und frischen Leib bis in Ewigkeit,
Auch langes Leben spat und früh,
Eine Standesperson von Schelmuffsky.

Sobald als nun die Hochzeitstage herbeirückten, wurde ich und der Herr Bruder Graf von der Braut Vater gebeten, daß wir doch seiner Tochter die große Ehre antun möchten und sie zur Trauung führen; ich antwortete dem Hochzeitsvater hierauf sehr artig, wie daß ich vor meine Person solches gerne tun wollte, aber ob mein Herr Bruder Graf dabei würde erscheinen können, zweifelte ich sehr, dieweil der arme Schelm das kalte Fieber bekommen hätte und ganz bettlägerig worden wäre. Dem Herrn Hochzeitsvater war solches sehr leid, und weil es nicht sein kunnte, mußte der Herr Bürgermeister seine Stelle vertreten. Als ich nun die Braut zur Trauung mitführte, O sapperment! was war vor ein Aufgesehe von dem Volke, sie drückten, der Tebel hol mer, bald einander ganz zunichte, nur weil ein jedweder mich so gerne sehen wollte. Denn ich ging sehr artig neben der Braut her in einem schwarzen langen seidenen Mantel mit einem roten breiten Samtkragen. In Amsterdam ist es nun so die Mode, da tragen die Standespersonen auf ihren schwarzen Mänteln lauter rote Samtkragen und hohe spitzige Hüte. Ich kanns, der Tebel hol mer, nicht sagen, wie ich das Mensche so nett zur Trauung führte und wie mir der spitzige Hut und lange Mantel mit dem roten Samtkragen so proper ließ[32]. Da nun die Trauung vorbei und die Hochzeit anging, mußte ich mich flugs zur Braut setzen, welches nächst dem Bräutigam die oberste Stelle war, hernach saßen erstlich die andern vornehmen Standespersonen, welche mich alle, zumal die mich noch nicht groß gesehen hatten, mit höchster Verwunderung ansahen und wohl bei sich dachten, daß ich einer mit von den vornehmsten und bravsten Kerlen müßte auf der Welt sein (wie es denn auch wahr war), daß man mir die Oberstelle eingeräumt hatte.

Wie wir nun so eine Weile gespeist hatten, kam der Hochzeitsbitter vor den Tisch getreten und fing an: wer unter den Herren Hochzeitsgästen von Standespersonen dem Herrn Bräutigam oder der Jungfrau Braut zu Ehren ein Karmen verfertigt hätte, der möchte so gut sein und solches präsentieren. Sapperment! wie griffen sie alle in die Schubsäcke und brachte ein jedweder einen gedruckten Zettel herausgeschleppt und waren willens, solches zu übergeben. Weil sie aber sahen, daß ich auch in meinen Hosen herummährte[33] und auch was suchte, dachten sie gleich, daß ich ebenfalls was würde haben drucken lassen, und wollte mir keiner vorgehen. Endlich so brachte ich mein Karmen[34], welches ich auf roten Atlas drucken lassen, aus dem Hosenfutter herausgezogen. O sapperment! was war vor Aufsehens da bei den Leuten! Dasselbe übergab ich nun zu allererst der Braut mit einem überaus artigen Komplimente. Als sie nun den Titel davon erblickte, Sapperment! was machte das Mensche vor ein Gesicht! da sie aber nun erstlich solches durchlas, so verkehrte sie, der Tebel hol mer, die Augen im Kopfe wie ein Kalb, und ich weiß, daß sie wohl dasselbe Mal dachte, wenn nur der Klapperstorch schon da wäre. Die andern mochten nun Lunte riechen, daß mein Hochzeitskarmen unter ihnen wohl das beste sein müßte, und steckten, der Tebel hol mer, fast ein jedweder seines wieder in die Ficke. Etliche übergaben zwar ihre, allein weder Braut noch Bräutigam sah keins mit einem Auge an, sondern legten es gleich unter den Teller, aber nach meinem war, der Tebel hol mer, ein solch Gedränge, weil sie alle es so gerne sehen und lesen wollten. Warum? Es war vor das erste von ungemeiner Invention[35] und vor das andere überaus artig und nettes Deutsch. Dahingegen die andern Standespersonen zu ihren Versen lauter halbgebrochene Worte und ungereimt Deutsch genommen hatten: Ei sapperment! was wurde bei den Leuten vor Aufsehens erweckt, als sie mein Karmen gelesen hatten, sie steckten in einem die Köpfe zusammen und sahen mich immer mit höchster Verwunderung an, daß ich so ein brav Kerl war, und redeten immer heimlich zueinander, daß was sehr Großes hinter mir stecken müßte. Hierauf währte es nicht lange, so stund der Bräutigam auf und fing an, meine Gesundheit zu trinken. Sapperment! was war da vor ein Aufgestehe flugs von den andern Standespersonen, und machten große Reverenzen gegen mich. Ich blieb aber immer sitzen und sah sie alle nach der Reihe mit so einer artigen Miene an; der Herr Bürgermeister, bei welchem ich mit meinem Bruder Grafen im Quartier lag, der lachte immer, daß ihm der Bauch schütterte, so eine herzliche Freude hatte er drüber, daß mich alle miteinander so venerierten[36]. Warum? Es war dem Manne selbst eine Ehre, daß so eine vornehme Person, als nämlich ich, sein Haus betreten hatte.

Wie meine Gesundheit nun über der Tafel herum war, so ließ ich mir den Hochzeitsbitter eine große Wasserkanne geben, in welche wohl vierundzwanzig Kannen nach hiesigem Maße gingen, die mußte mir ein Aufwärter voll Wein schenken und über die Tafel geben. Da dieses der Bräutigam wie auch die Braut und die andern Hochzeitsgäste sahen, sperrten sie, der Tebel hol mer, alle Maul und Nasen drüber auf und wußten nicht, was ich mit der Wasserkanne auf der Tafel da machen wollte. Ich war aber her und stund mit einer artigen Miene auf, nahm die Kanne mit dem Weine in die Hand und sagte: »Es lebe die Braut Traute!« Sapperment! wie bückten sich die andern Standespersonen alle gegen mich. Damit so setzte ich an und soff, der Tebel hol mer, die Wasserkanne mit den vierundzwanzig Maß Wein auf einen Zug reine aus und schmiß sie wider den Kachelofen, daß die Stücken herumflogen. O sapperment! wie sah mich das Volk an! Hatten sie sich nicht zuvor über mich verwundert, als sie meine Hochzeitsverse gelesen, so verwunderten sie sich allererst hernach, da sie sahen, wie ich die Wasserkanne voll Wein so artig aussaufen kunnte. Flugs hierauf ließ ich mir den Aufwärter noch eine solche Kanne voll Wein einschenken und über den Tisch geben, die soff ich nun eben wie die vorige auf des Bräutigams (Toffel hieß er) Gesundheit hinein. Ei sapperment! wie reckten die Staatenstöchter, welche über der andern Tafel saßen, alle die Hälse nach mir in die Höhe, die Menscher verwunderten sich, der Tebel hol mer, auch schrecklich über mich, als sie sahen, daß ich so artig trinken kunnte.

Kurz darauf kam mir so ein unverhoffter und geschwinder Schlaf an, daß ichs auch unmöglich lassen kunnte, ich mußte mich mit dem Kopf auf den Tisch legen und ein bißchen schlafen. Als solches die andern Standespersonen merken, daß ich voll bin, lassen sie mich ins Quartier schaffen, daß ich den Rausch ausschlafen möchte. Auf den morgenden Tag, wie ich wieder erwachte, wußte ich, der Tebel hol mer, nicht, was ich vorigen Abend getan hatte, so voll war ich gewesen. Wie es nun Zeit wieder zur Mittagsmahlzeit war, kam der Hochzeitsbitter und bat mich, daß ich doch fein bald ins Hochzeitshaus kommen möchte, denn sie warteten alle mit der Brautsuppe auf mich. Ich war her, machte mich gleich wieder zurechte und ließ durch den Hochzeitsbitter sagen, sie sollten nur noch ein halb Stündchen mit dem Essen verziehen, ich wollte gleich kommen. Es verzog sich aber nicht lange, so kam die Brautkutsche mit vier Pferden und holte mich aus des Bürgermeisters Hause ab. Sobald ich nun vor das Hochzeitshaus gefahren kam, stund Toffel der Bräutigam mit der Braut schon in der Türe, daß sie mich empfangen wollten. Sie machte die Kutsche auch auf, daß ich hinaussteigen sollte, welches ich auch tat, und sprung flugs mit gleichen Beinen heraus und über Toffeln, den Bräutigam, weg, daß es recht artig zu sehen war; damit führten sie mich hinein in die Stube. Sapperment! was machten die Standespersonen alle vor große Reverenzen vor mir! Ich mußte mich flugs wieder zur Braut hinsetzen, und neben mir zur Linken saß eine Staatenstochter, das war, der Tebel hol mer, auch ein artig Mädchen, denn sie hatten denselben Tag eine bunte Reihe gemacht. Da dachte ich, du mußt doch wieder Wunderdinge erzählen, daß sie Maul und Nasen brav aufsperren und dich wacker ansehen. War hierauf her und fing von meiner wunderlichen Geburt an und die Begebenheit von der Ratte zu erzählen. O sapperment! wie sahen mich die Leute über der Tafel alle an und absonderlich Toffel, der Bräutigam. Dieselbe Staatenstochter, welche neben mir saß, die kam mir, der Tebel hol mer, nicht ein Haar anders vor als meine ersoffene Charmante, sie lisperte mir wohl zehnmal über Tische ins Ohr und sagte, ich sollte doch das von der Ratte noch einmal erzählen, und wie es zugegangen, als sie das seidene Kleid zerfressen gehabt. Sie gab auch Heiratens bei mir vor und fragte, ob ich sie nehmen wollte: ihr Vater sollte ihr gleich zwanzigtausend Dukatens mitgeben ohne die Aussteuer, welche sie vor sich noch hätte und von ihrer Mutter geerbt. Ich antwortete ihr hierauf auch sehr artig und sagte, wie daß ich ein brav Kerl wäre, der sich schon was Rechts in der Welt versucht hätte und auch noch versuchen wollte. Könnte also mich nicht flugs resolvieren, sondern müßte mich ein wenig bedenken.

Indem als ich mit der Staatenstochter so von Heiraten redete, fing Herr Toffel, der Bräutigam, an und sagte: warum ich denn den Herrn Grafen nicht mitgebracht hätte? Weil ich aber sehr artig anfing und sagte, wie daß er das alltägige Fieber hätte und nicht aufbleiben könnte, müßten sie ihm verzeihen, daß er vor dieses Mal keinen Hochzeitsgast mit abgeben könnte. Hierauf ging die Mittagsmahlzeit nun zu Ende und das Tanzen an. Ei sapperment! wie tanzten die Mädchens in Holland auch galant, sie setzten, der Tebel hol mer, die Beine so artig, daß es ein Geschicke hatte. Da mußte ich nun auch mit tanzen, und zwar mit der Staatenstochter, welche mir über der Tafel zur linken Hand gesessen und bei mir Freiens vorgegeben. Erstlich tanzten sie nun lauter gemeine Tänze, als Sarabanden, Chiquen, Ballette und dergleichen. Solch Zeug tanzte ich nun alles mit weg. Sapperment! wie sahen sie mir alle auf die Beine, weil ich sie so artig setzen kunnte. Nachdem wir nun so eine gute Weile herumgesprungen, so baten sie alle, ich sollte mich doch im Tanzen alleine sehen lassen. Nun kunnte ich ihnen leicht den Gefallen erweisen und eins alleine tanzen. Ich war her und gab den Spielleuten zwei Dukatens und sagte: Allons, ihr Herren, streicht eins einmal den Leipziger Gassenhauer auf. Sapperment! wie fingen die Kerls das Ding an zu streichen. Damit so fing ich nun mit lauter Kreuzkapriolen an und tat, der Tebel hol mer, Sprünge etliche Klafftern hoch in die Höhe, daß die Leute nicht anders dachten, es müßte sonst was aus mir springen. Ei sapperment! was kamen vor Leute von der Gasse ins Hochzeitshaus gelaufen, die mir da mit großer Verwunderung zusahen.

Nachdem ich den Leipziger Gassenhauer nun auch weggetanzt hatte, mußte ich mit desselben Staatens Tochter, welche meine Liebste werden wollte, in der Stadt Amsterdam ein wenig spazieren herumgehen, daß ich mich nur ein wenig abkühlen könnte. Ich ließ mir solches auch gefallen und ging mit demselben Mensche ein wenig in der Stadt herum, weil ich selbige noch nicht groß besehen hatte. Da führte sie mich nun überall herum, wo es was zu sehen gab. Ich mußte mit ihr auch auf die Amsterdamsche Börse gehen, welche, der Tebel hol mer, proper gebaut ist. Sie wies mir auch auf derselben des gewesenen Schiffsadmirals Ruyter[37] seinen Leichenstein, welcher zum ewigen Gedächtnis da aufgehoben wird, weil derselbe Ruyter so ein vortrefflicher Held soll zu Wasser gewesen sein und noch alle Tage in Amsterdam sehr beklagt wird. Als die Staatenstochter mir nun dieses und jenes gezeigt, fing sie zu mir an und sagte, ich sollte sie doch immer nehmen, und wenn ich ja keine Lust, mit ihr in Amsterdam zu bleiben, hätte, so wollte sie ihr Lümpchen zusammenpacken und mit mir fortwandern, wo ich hin wollte, wenn gleich ihr Vater nichts davon wüßte. Worauf ich ihr zur Antwort gab, wie daß ich der bravste Kerl von der Welt wäre, und es könnte schon angehen, aber es ließe sichs so nicht flugs tun, ich wollte es zwar überlegen, wie es anzufangen wäre, und ihr ehster Tage Wind davon geben.

Nach diesem ging ich wieder auf den Tanzplatz und wollte sehen, wo meine zukünftige Liebste wäre, welche von mir auf der Gasse so geschwinde weglief. Ich sah mir bald die Augen aus dem Kopfe nach ihr um, ich kunnte sie aber nicht zu sehen bekommen. Endlich fing eine alte Frau an und sagte zu mir: »Ihr Gnaden, nach wem sehen Sie sich so um«? Wie ich nun der Frau zur Antwort gab, ob sie nicht das Mensche gesehen hätte, welche über Tische neben mir zur linken Hand gesessen. »Ja, Ihr Gnaden«, fing die alte Frau wieder an, »ich habe sie gesehen, allein ihr Herr Vater hat sie heißen nach Hause gehen und erschrecklich ausgefenstert, daß sie sich einer so großen Kühnheit unterfangen und hätte sich von einem so vornehmen Herrn lassen da in der Stadt herumschleppen, daß die Leute nun davon was würden zu reden wissen, und Ihr Gnaden würden sie doch nicht nehmen«. Als solches die alte Mutter mir zur Nachricht gesagt hatte, fragte ich weiter, ob sie denn nicht bald wiederkommen würde. Sie gab mir hierauf wieder zur Antwort, daß sie an ihrer Anherokunft sehr zweifelte, denn ihr Herr Vater (wie sie vernommen) hätte zu ihr gesagt: »Trotz! daß du dich vor dem vornehmen Herrn nicht wieder sehen läßt!« Sapperment! wie verdroß mich solch Ding, daß ich das Mensche nicht sollte zu sehen bekommen, und als sie auch nicht wiederkam, überreichte ich Herrn Toffeln, dem Bräutigam, wie auch der Braut Trauten mein Hochzeitsgeschenke und nahm von ihr wie auch von den andern Standespersonen und Damens überaus artig Abschied und ging immer nach des Bürgermeisters Hause zu.

Ich war auch gleich willens, mich selben Tag gleich wieder zu Schiffe zu setzen, wenn mein Herr Bruder Graf mich nicht so sehr gebeten hätte, daß ich ihn doch bei seiner Unpäßlichkeit nicht verlassen möchte, sondern so lange verziehen, bis daß er sein Fieber wieder los wäre, hernach wollte er mit mir hinreisen, wohin ich wollte. Blieb also meinem Herrn Bruder Grafen zu Gefallen in Amsterdam noch zwei ganzer Jahre und brachte meine Zeit meistenteils zu in den Spielhäusern, allwo alle Tage vortreffliche Kompagnie immer war von vornehmen Damens und Kavalieren. Nachdem nun das elementische Fieber meinen Herrn Bruder Grafen völlig verlassen, ging ich mit ihm in die Bank, ließen uns frische Wechsel zahlen, setzten uns auf ein Schiff und waren willens, Indien, in welchem Lande der Große Mogol residiert, zu besehen.