Papetee war in furchtbarer Aufregung; schon am frühen Morgen liefen dumpfe Gerüchte durch den kleinen Ort, die Englischen Kriegsschiffe machten sich zum Auslaufen fertig und ganz in der Nähe wäre dafür schon La Reine Blanche, mit dem gefürchteten Admiral Du Petit Thouars an Bord, gesehen worden, deren Kanonen jetzt aufs Neue das kleine Häufchen Protestantischer Christen preisgegeben sein würde.
Die Capitaine der beiden Englischen Fahrzeuge waren am vergangenen Tag lange Zeit an Land und der Capitain des Talbot sogar mehrere Stunden mit dem zurückgekehrten Englischen Consul und früheren Missionair Pritchard zusammen gewesen, und dieser also allein konnte wirkliche Aufklärung über das sonst unbegreifliche Zurückziehn der Englischen Streitmacht geben. Zu dessen Haus strömte nun auch die Masse, Erklärung fordernd, wo die britische Hülfe, der britische Schutz bliebe, der ihnen den Uebergriffen der Franzosen gegenüber so fest war versprochen worden — offene Erklärung, was der nach England gesandte Missionair dort ausgerichtet, und welchen Beistand die Königin von England der in ihren Rechten gekränkten Pomare zugesichert und zugesagt habe.
Mr. Pritchard tröstete sie mit dem Beistand Gottes, der die Seinen nicht zu Schanden werden lasse, und berief eine Versammlung der Geistlichen von Papetee, die nächsten und nöthigsten Schritte zu berathen, falls eine Französische Flotte Tahiti wirklich aufs Neue heimsuchen würde.
Darüber sollten sie aber nicht lange in Zweifel bleiben, nur wenige Tage später lief allerdings wieder ein kleines Englisches Kriegsschiff, eine sogenannte catch von nur 200 Tons ein, aber nur um die anderen Schiffe abzulösen und sich ruhig und ohne weitere Demonstration in der Bai vor Anker zu legen (es war der Basilisk) und bald danach wurden von den Höhen Schiffe signalisirt, die auf Tahiti zuhielten. Zwei zusammen kreuzende Segel erschienen in Sicht, und die Angst vor der Reine blanche gab dem größten der Schiffe schon lange ihren Namen, ehe nur Takelage und Bau des Fahrzeuges so weit erkennbar wurden, den schlimmsten Verdacht zu bestätigen.
Am anderen Morgen ankerten die Kriegsschiffe in der Bai von Papetee, von ihrem Heck flatterten die französischen Nationalfarben und das Echo der Berge gab den donnernden Eisengruß der Fremden dumpf und grollend zurück, wie zürnend, die ungebetenen Gäste auf's Neue in seiner Nähe zu wissen.
Herzlicher gemeint waren aber die Freudensalven der Jeanne d'Arc, die den in so trotziger Stärke einlaufenden Landsleuten entgegenjubelten. — Ihre Lage, von den Englischen Schiffen überwacht, war ihnen schon lange eine drückende ja unerträgliche geworden, noch dazu da ein Theil des Volks schon bei mancher Gelegenheit — ob dazu aufgereizt oder nicht — die Feranis suchte fühlen zu lassen, daß man weder ihren Gott noch ihre Regierung wolle und sich unter dem Schutz der Beretanis sicher genug fühle, ihren Uebergriffen nun etwa trotzen zu können. Der von England zurückkehrende Consul und Missionair hatte dabei in seiner zuversichtlichen Haltung ihren schlimmsten Befürchtungen noch eine Art von Bestätigung gegeben, und die Mannschaft der Jeanne d'Arc ersehnte unter solchen Umständen den Augenblick, wo sie den Befehl zum Rückzug erhalten würde, die schon halb occupirten Inseln wieder ihrem früheren Oberherrn, oder vielmehr der Herrschaft der Missionaire zu überlassen.
Welchen Unterschied hatten da die letzten wenigen Tage hervorgerufen; die stolzen Englischen Fregatten, die bis jetzt die Interessen der Tahitischen Königin überwacht, ließen den Feind derselben, der schon öfter die Hand nach dem ganzen Reiche ausgestreckt, und nur immer die vielleicht bösen Folgen zu gierigen Zulangens gefürchtet, jetzt im ruhigen unbestrittenen Besitz der ganzen Inseln, und während die Missionaire in Bestürzung und Zorn gerade die Schiffe in dem entscheidenden Moment absegeln sahen, deren Feuerschlünde sie als von England gesandt proklamirt hatten, den wahren Glauben wie seine Vertreter zu schützen, wagten sie es noch nicht einmal den Tahitiern den ganzen Umfang ihrer Befürchtungen mitzutheilen, und von ihnen ausgehend lief bald darauf das beruhigende Gerücht durch Papetee: die Engländer seien blos ausgesegelt die Marquesas-Inseln ebenfalls von dem Druck des Französischen Joches zu befreien, und wenige Wochen später würden sie mit Verstärkung zurückkehren die Macht der Christlichen Protestantischen Kirche, wenn es sein müßte, mit Gewalt der Waffen aufrecht zu erhalten. — Es war das ihre letzte Hoffnung.
Mißtrauisch beobachtete vor allen Andern Aimata, die Königin dieser Inseln, die Bewegungen der Feranis, die sie nun schon seit einer Reihe von Jahren als ihre Feinde hatte kennen lernen, und das stolze Blut der Pomaren schoß ihr zornig in die Schläfe, als sie die Banner Frankreichs wieder so keck und trotzig in der Brise flattern sah, und den Kanonendonner hörte, der grüßend dem Feind aus ihrer eigenen Bai entgegenschallte.
Sie stand an dem Fenster ihres, ziemlich in Europäischem Geschmack eingerichteten und mit einer Masse von Putz und Geschenken ausgestatteten oder besser überfüllten Hauses, die heiße Stirne fest gegen die Glasscheibe gepreßt und der ehrwürdige Mr. Pritchard ging mit auf der Brust fest zusammengeschlagenen Armen in dem Gemach auf und ab, und blieb nur manchmal an dem zweiten Fenster stehen, die Bewegungen der eben eingekommenen Schiffe zu beobachten, aber ohne ein Wort zu sprechen sein oder der Königin Nachdenken im Mindesten zu stören. Die Fenster dröhnten dabei von den gewaltigen Saluten der bewaffneten Schiffe und die lockeren Scheiben klapperten und klirrten in ihren Rahmen.
Auf dem einen Tisch, entrollt und über einem Globus, einem Kaffeeservice, mehreren Blumenvasen und einigen geschmackvoll eingebundenen englischen Bilderbüchern lag die Tahitische rothe Flagge mit dem einzelnen weißen Stern, und oben über demselben mit einer goldenen von Palmzweigen umgebenen Krone frisch hineingestickt.
»Das sind nun Euere Versprechungen!« sagte die Königin endlich nach langer Pause, sich halb gegen den Missionair der zugleich die Stelle eines Englischen Consuls versah, herumdrehend — »das ist Euer Prahlen von dem Schutz der mächtigen Beretanis — des mächtigen Gottes der Weißen — Weit draußen in Lee schwimmen die Schiffe die man mir über und über erzählt daß sie mich und mein Volk beschützen sollten, und mitten in meinem Reich darf mir der stolze landgierige Ferani die eigene Flagge trotzig entgegenhissen, und unter dem Schutz seiner Kanonen vielleicht neue Erpressungen fordern — wie kann ich sie jetzt ihm weigern?«
»Er darf nicht weiter gehn als er bis jetzt gegangen ist« entgegnete finster der Missionair — »die neue Flagge hier, mit dem Emblem der Majestät wird ihm beweisen, welche Ansprüche Pomares England unterstützt, und mit dem ganzen Volk gegen sich, und dem Bewußtsein daß Englische Kriegsschiffe in dieser See kreuzen und jeden Tag wieder einlaufen können in die Bai, deren Bewohner sie durch die Bande der Religion und Freundschaft verpflichtet sind zu schützen, ist Du Petit Thouars zu klug einen trostlosen Feldzug zu eröffnen, der den Zorn und die schwere Hand eines mächtigen Volkes auf ihn und den Thron der ihn beschützen würde, herabziehn könnte.«
»Und wer schützt mein armes Volk jetzt vor ihren Kugeln, wenn ich die Flagge hisse und ihren Zorn reize?« frug Pomare.
»Du bist hier Königin« sagte der Missionair ernst und feierlich, »wie Englands Königin daheim ihr Banner kann wehen lassen über dem Schloß das sie bewohnt, ein Zeichen ihrer königlichen Gegenwart, so steht dasselbe Recht Dir zu, in Deinem Reich; der Franke darf es Dir nicht wehren, wenn er auch möchte, und ich müßte mich sehr täuschen, wenn er, nach dem Vorhergegangenen, nicht sogar klug genug wäre schon das Aufhissen dieser Flagge mit einer Salve seiner Kanonen zu ehren. Die Franzosen sind höflich« — setzte er trocken hinzu, »wenn man ihnen auch sonst gerade nichts Gutes nachsagen kann.«
Pomare sah ihn forschend an — ihre Fahne, durch Kanonenschüsse der gefürchteten Feranis geehrt — der Gedanke hatte einen unsagbaren Reiz für sie, und ihre weibliche Eitelkeit griff danach, so sehr sie auch noch kurze Zeit vorher einem so entschiedenen Schritt entgegen gewesen sein mochte.
»Und Du hissest zugleich die Englische Flagge vor Deinem Haus?« frug sie rasch, des Priesters Arm ergreifend.
»Als Gruß der Königlich Tahitischen in jedem Fall« erwiederte der Missionair — »ich bin sogar dem Amt nach, das ich vertrete, dazu verpflichtet.«
»So sei es — gut!« rief die Königin und ein eigenes Lächeln belebte ihre schönen, sprechenden Züge und gab dem raschen ausdrucksvollen Blick einen höheren Glanz. »Der Wi-Wi soll mir die Krone grüßen müssen, die er nicht berühren darf, und Dein Gott mag mir jetzt beweisen ob er, wie Ihr uns oft erzählt, mit Wohlgefallen auf diese Inseln niederschaut, deren Bewohner ihre alten Götter und Gesetze in den Staub geworfen haben, das Kreuz des Heilands aufzurichten, und seinen Namen zu ehren, oder ob er gleichgültig die Erfolge betrachtet, die sein Wort hier auf Erden hat, dem Götzendienst des anderen Volkes gegenüber. Ruf mir die Häuptlinge die schon den ganzen Morgen draußen gewiß ungeduldig meiner Befehle harren — ich will Königin sein, und eine Königin wie sie über dem großen Wasser drüben auf der Insel Deines Vaterlandes herrscht, nicht ein Spott nur und Fratzenbild aus einem Spiel der Areois, dem jeder fremde Freibeuter die Krone abnehmen und bespötteln darf.«
»Und Du wirst sehn, Pomare, daß Du Nichts zu fürchten hast,« sagte der Geistliche — »in Deinem Reiche darf keine fremde Macht die Hand an Deine Flagge legen, die Zugeständnisse zu denen man Dich zwang sind ungültig, eben weil sie erzwungen waren, und Dein Volk ist stark und mächtig in der Begeisterung des Herrn, selbst einem also gewappneten Feinde Trotz zu bieten, und ihn auf seine Schiffe mit blutigem Kopf zurückzuweisen. Ich schicke Dir die Häuptlinge, Deine Befehle zu erfüllen, und gehe selbst jetzt hinüber in mein Haus, das königliche Signal zu beantworten, sobald es in der Brise flattert. Indessen aber sei der Herr mit Dir in dieser Stunde und gebe Dir seinen Segen und Frieden in Jesu Christo.«
Und freundlich seine Hände gegen sie, wie zum Segen ausstreckend, blieb er einen Moment mit zum Himmel gerichteten Blicken stehen, und verließ dann langsam das Gemach.
Pomare, die sich dem Segen erst leise geneigt hatte blieb, als der ernste Mann ihr Zimmer verlassen, mit fest in beide Hände gepreßter Stirne stehen; ihr Busen wogte heftig, ihre ganze Gestalt zitterte vor innerer Aufregung, und sie bedurfte einer kurzen Zeit, ehe sie sich wieder vollständig sammeln konnte. Kaum aber hörte sie die Schritte der nahenden Männer, als sie auch mit der Energie, die ihrem ganzen Wesen und Charakter eigenthümlich war, jede Schwäche von sich abschüttelte, und die Lippen fest aufeinander gebissen, wenn auch noch mit klopfenden Schläfen, die Häuptlinge empfing, die rasch und ebenfalls in Aufregung, in ihrer Gegenwart erschienen.
»Joranna Pomare« riefen Aonui und Potowai, »Joranna, und schütze Dich Gott in dem nahen Kampf.«
»Dem nahen Kampf?« frug Pomare, erstaunt zu ihnen aufsehend, »wer spricht von einem Kampf?«
»Der fromme Mann der Dich verließ ermahnte uns standhaft auszuhalten selbst gegen die Uebermacht des Feindes draußen« sagte Aonui, »und so mit Gott, was brauchen wir da irdische Waffen zu scheuen oder zu fürchten.«
»Hier ist von keinem Kampf die Rede« entgegnete Pomare ernst — »nur unsere Landesflagge sollt Ihr aufziehen an meinem Haus — ich will keinem Menschen Böses, und unsere Religion ist eine Religion des Friedens und der Liebe — sagt das den Leuten draußen. Sie sollen keinen Zank anfangen mit den Feranis, sondern sie freundlich behandeln, und ihnen Alles verschaffen, was sie an Nahrungsmitteln brauchen — Pomare hat keinen Zorn gegen sie und will in Frieden mit ihnen leben.«
»In Frieden mit ihnen leben?« wiederholte kopfschüttelnd Potowai — »das ist ein schweres Ding. Ein Frieden mit den Feranis ist wie der durchsichtige Stein den sie uns gebracht und in unsere Häuser gesetzt haben, das Licht hineinzulassen, Du rührst ihn an und er bricht und splittert und verwundet die Hand, die sich freundlich, ohne Arges zu denken, nach ihm ausstreckt — trau dem Ferani. Aber was thuts« — setzte er rasch und freudig hinzu, die Fahne aufgreifend und die goldene Krone betrachtend, die von Cocosblättern umgeben gar künstlich und zierlich von frommen weißen Frauen gestickt war — »wir haben die Bibel auf unserer Seite und unser gutes Recht, und zehntausend Mal lieber seh ich dabei den Tahitischen Stern im Winde flattern, als irgend ein anderes Tuch der weiten Welt. So mit Gott, und das Volk wird Dir zeigen, Pomare, wie dankbar es sein kann für diesen Beweis Deiner Liebe.«
Und von dem frommen Aonui gefolgt verließ er rasch das Haus, die Fahne an dem nahen Flaggenpfahl zu befestigen, um den sich indeß schon ein zahlreicher Volkshaufen, mehr aus Neugierde als die Wichtigkeit der Demonstration begreifend, versammelt hatte. Ja die meisten sahen eben nichts weiter darin, als eine sehr gewöhnliche Handlung, vielleicht sogar der Artigkeit gegen die Fremden, die ihre eigenen Flaggen wehen ließen — weshalb konnten sie nicht dasselbe mit der ihrigen thun?
Noch ein Schiff war indeß in Sicht gekommen, und wie ein Theil der Tahitier es schon mit froher Zuversicht als eines der zurückkehrenden Englischen Kriegsschiffe ausrief, schwuren die einzeln zwischen den Eingebornen zerstreuten, meist Englischen oder Amerikanischen Matrosen, das Schiff habe so wenig Englischen Kiel unter sich, wie die im Hafen liegende Reine blanche oder Danae und trage so gut die Tricolore wie sie alle Beide. Unter der Masse bildeten sich denn auch bald einzelne Gruppen, die das für und gegen eifrig besprachen, und dabei, wenigstens die Eingebornen, mit einer Art von Stolz auf ihre stattliche Fahne blickten, die lustig im Winde hinauswehte, und nach den Schiffen hinüber zu grüßen schien.
Unser alter Bekannter, Bob Candy war unter ihnen und schien gewissermaßen eine Autorität, was die Natur des fremden, eben einsegelnden Schiffes betraf, auszuüben, denn einestheils verstanden ihn nur wenige in seinen gebrochenen Tahitischen Ausdrücken, und dann erklärten Andere wieder, die ein wenig die Englische Sprache gelernt hatten, daß er jedes Segel an Bord des Fremden erkenne, und wisse warum es da, und wo es gemacht sei; sein Sieg war auch vollkommen als die Fregatte endlich ihre Flagge zeigte und an ihrem Heck, wie an den anderen Kriegsfahrzeugen in der Bai, die gefürchteten, jedenfalls gehaßten Französischen Nationalfarben sichtbar wurden.
»Segne mich!« sagte da aber Teraitane, der Häuptling, der sich der Gruppe eben zugesellt hatte, »uns hat der ehrwürdige Bruder Mi-ti (Smith) immer gesagt, die Feranis hätten nur ein einziges Kriegsschiff in ihrem ganzen Reich, und das schickten sie her bald so, bald so angemalt, und bald mit dem, bald mit jenem Namen, Geld zu erpressen, und jetzt liegen drei schon im Hafen und das vierte segelt eben ein, und eines immer größer als das andere — der ehrwürdige Bruder Mi-ti muß geträumt haben.«
»Bruder Mi-ti träumt aber gewöhnlich mit den Augen offen« bemerkte Bob, trocken; »merkwürdig kluge Erzählungen die sich die Leute machen, nur daß die Farbe abgeht, wenn sie naß werden. Die Feranis könnten eine ganze Woche hintereinander jeden Tag vier andere Kriegscanoes herschicken, und behielten immer noch so viel zu Hause.«
Während sich die Eingeborenen, denen ein Anderer das von Bob gesagte übersetzte, um diesen drängten, der unwillkommenen Mähr von der Macht eines Feindes zu lauschen, der ihnen bis jetzt eher als unbedeutend geschildert war, hatte die Reine blanche mit dem neu einkommenden Fahrzeug rasch Signale gewechselt, aber die erwartete und von der Königin erhoffte Begrüßung ihrer Flagge, der gegenüber jetzt, von dem Pritchard-Haus, die Englische wehte, blieb aus, und die Kriegsschiffe lagen still und ernst in der Bai — ob Freund ob Feind — erst die Zukunft sollte das entscheiden.
Von der Reine blanche kam jetzt ein Boot ab, mit der wehenden Tricolore am Heck, und hielt, von sechzehn Riemen pfeilschnell über die spiegelglatte Fluth dahergetrieben, gerade dem Hause Pomarens zu, vor dem sich eine Masse Volk jedes Geschlechts, wie jeder Farbe fast, versammelt hatte.
Der im Stern des Bootes sitzende Officier war aber Du Petit Thouars selber und ehe nur Einzelne der Umstehenden ihn, von seinem früheren Besuch noch in der Erinnerung, erkannt hatten, sprang er an Land, rief dem ihn begleitenden Officier einige Worte zu und schritt dann, allein und unangemeldet, rasch dem Hause zu, vor dessen Schwelle die mit der Krone gezierte Flagge der Pomaren stolz ausflatterte.
Einen Augenblick blieb er daneben stehn, und es war fast, als ob ein spöttisches Lächeln um seine Mundwinkel zuckte, als er zu dem flatternden Banner hinaufschaute, und den Blick von da zu den Englischen Farben schweifen ließ — wenn so, ging das aber eben so rasch vorüber als es gekommen, und mit flüchtigen Schritten sprang er die wenigen Stufen zu der Verandah der Königin empor.
Die Einanas, im Vorzimmer, wollten ihm freilich den Eintritt weigern, eine aber erkannte ihn wieder und eilte mit dem Schreckensruf zu ihrer Herrin, denn Du Petit Thouars war, ob verdient oder unverdient, der Popanz der Inseln geworden, mit dem man die Kinder furchtsam machte und die Mädchen.
Pomare erschrak — was wollte der Befehlshaber der Kriegsschiffe da draußen von ihr, daß er, ohne angemeldet, ohne um förmliche Audienz einzukommen, wie das üblich gewesen war von jeher, das ihr von den Missionairen und Consuln eingeprägte, und für unumgänglich nöthig geschilderte Ceremoniell soweit außer Augen setzte, sie allein aufzusuchen. Einen Augenblick stand sie unschlüssig und zögernd da; aber sie hörte schon die lachende Stimme des Französischen Befehlshabers dicht vor ihrer Thür, wie er sich, durch die ihm den Weg versperrenden Mädchen Bahn zu brechen suchte mit scherzhafter Gewalt, vielleicht nicht einmal böse über den Widerstand.
»Ruf mir den ehrwürdigen Bruder Pi-ri-ta-ti«[C] sagte sie da schnell, und das Mädchen öffnete kaum die Thür, dem Befehl Folge zu leisten, als der Admiral auch, ängstlich von den Frauen Pomares umstanden, auf der Schwelle erschien, und den Hut abziehend mit, Pomaren entgegengestreckter Hand ihr sein freundliches Joranna entgegenrief.
[C] Pritchard.
»Joranna Peti-Tua« sagte die Königin ernst, ihm die Hand nicht versagend, aber immer noch in einer eigenen Mischung von beleidigter Eitelkeit und Verlegenheit zu ihm aufschauend — »bringst Du mir Frieden oder Krieg jetzt, in Deinen großen Schiffen mit denen Du die Bai füllst, und bist Du den weiten Weg noch einmal hergekommen, eine arme schwache Frau zu kränken, oder hat Dich Dein König geschickt mit freundlichem Wort, und ist das Joranna treu gemeint und nicht blos wie ein Hauch von den Lippen?«
»Ich bringe Dir Frieden, Pomare,« sagte Du Petit Thouars freundlich, und hielt die Hand die sie ihm gereicht, immer noch in der seinen — »Frieden und Freundschaft, wenn Du eben nicht selber trotzig das Alles von Dir weist und mich förmlich dazu zwingst Dir weh zu thun — und das wirst Du hoffentlich nicht.«
»Du willst wieder Geld von mir haben auf Deine Schiffe zu nehmen?« sagte Pomare rasch und mißtrauisch — »aber ich habe Nichts mehr — das letzte was ich hatte haben die Missionaire von mir bekommen, unglückliche Heiden in Australien und Afrika zu bekehren.«
Der Admiral biß sich die Unterlippe und ein leichtes, halb verlegenes Lächeln zuckte über seine Züge.
»Nein« sagte er endlich nach kleiner Pause, »Du irrst, Pomare, und ich verzeihe Dir gern Deine Unerfahrenheit in solchen Dingen; ich will auch Nichts von Dir haben, als was Du uns freiwillig schon gegeben hast — nur nichts nehmen möcht' ich mir lassen, und deshalb komme ich her. Noch aber liegt das Alles zwischen uns Beiden, und ich hoffe wir werden es mit wenigen Worten auch leicht und freundlich lösen. Ich meine es gut mit Dir Pomare, und möchte Dich nicht kränken noch betrüben.«
»Das ist eine lange Vorrede zu einem freundlichen Wort« sagte Pomare, den herzlichen Worten des Feranis immer noch mißtrauend.
»So will ich denn kurz zur Sache kommen« sagte der Admiral und seinen Hut auf den Tisch, zwischen den Wirrwarr von wunderlichen staubbedeckten Sachen, Globen und Servicen, Zeugen und Spielereien legend, warf er sich selber in den nächsten Stuhl und fuhr, das rechte Bein über das linke legend, und die Hände darüber faltend ernster fort: »Ich brauche Dir nicht erst die während meiner Abwesenheit passirten Vorgänge ins Gedächtniß zurückzurufen — eine Rotte unnützes Volk, wie ich gern glauben will, mit Priestern und weggelaufenen Matrosen an der Spitze, denen der Henker daran liegt ob Krieg ob Frieden hier auf den Inseln ist, und welche Folgen ein so unüberlegter thörichter Schritt für Dich und das Land mit sich führen könnte, haben die Französische Flagge beleidigt und die Verträge gebrochen, die Du selber mit uns eingegangen bist. Die Römisch-katholischen Priester sind wieder klagbar geworden — bitte laß mich erst ausreden und höre Alles was ich Dir zu sagen habe — sie behaupten wieder in ihren Rechten gekränkt zu sein und viel Schaden durch das willkürliche und widerrechtliche Benehmen der Protestantischen Geistlichen erlitten zu haben; aber ich will annehmen, Pomare, daß Dir jene Vorgänge selber leid thun, und Du sie nur nicht hindern konntest. Ich will Alles vergessen und vergeben, und ich verlange nicht einmal eine Entschuldigung von Dir für das Vorgefallene, aber Du mußt mir dann auch beweisen daß es Dir jetzt wenigstens Ernst ist Se. Majestät, den König von Frankreich zum Freund zu behalten und nicht in starrem Trotz die Hand von Dir zu schleudern, die Dir den Frieden bringt.«
»Und was verlangst Du?« frug Pomare ungeduldig, »denn etwas willst Du doch von mir, das fühl' ich klar.«
»Du sollst nur den Vertrag halten den Du eingegangen« sagte der Admiral ernst, »Du sollst, mit einem Wort, das Französische Protektorat anerkennen, dessen Annahme Du selber, wie Deine ersten Häuptlinge, unterschrieben, und dem zu Folge Du den bunten Schmuck auch in der vor Deinem Hause wehenden Flagge, die selbstständige Krone, wegnehmen mußt, die Dir nicht gebührt.«
»Wem anders, wenn nicht mir?« rief Pomare aber jetzt gereizt, und das Blut schoß ihr in vollem Strom in Stirn und Schläfe — »wem anders, stolzer Ferani, als der eingeborenen Königin dieses Landes?«
»Bah, bah« sagte der Officier kopfschüttelnd und mit zusammengezogenen Brauen, »das sind Redensarten, die Dich Deine frommen Missionaire gelehrt haben, und sie hätten, beiläufig gesagt, etwas gescheuteres thun können. Du verkennst Deinen Rang, Pomare, denn es ist bei Gott ein Unterschied zwischen der Pomare wahine einer kleinen Insel, und der Fürstin eines mächtigen Reiches, im alten Vaterland; wenn man Dir also das nicht früher klar gemacht hat, geschah es nur Deine Eitelkeit nicht in einer Sache zu kränken, auf die eigentlich damals nicht viel ankam. Anders wird das jedoch, wenn Du unter dem Schutz eines anderen Staates stehst, dessen Oberherrschaft Du selber anerkannt; dann gebührt Dir die Krone nicht mehr, noch dazu wenn Du Dich in solchen falschen Ansprüchen von einer uns feindlichen Macht unterstützen läßt, wie das Wehen der Englischen Flagge da drüben beweist, und ich muß Dich bitten, Deinetwegen bitten, sie selber und in aller Stille wieder nieder und nicht wieder aufzuziehn — es soll mir das ein Zeichen sein, daß Du meinen vernünftigen und ruhigen Vorstellungen Gehör gegeben, und nicht wie früher mit dem starren Weibestrotz einer Unmöglichkeit die Stirne bieten willst.«
»Die Königin Viktoria hat ebenfalls ihre Fahne mit der Krone wehn und Niemand darf es ihr verwehren,« rief Pomare, der Argumente ihres Geistlichen gedenkend.
»Ach, Kinderspiel,« sagte Du Petit Thouars, ärgerlich den Kopf herüber und hinüber werfend — »was haben wir hier mit der Königin Viktoria zu thun — sie ist mächtig genug sich selbst zu schützen, und hat das Recht eine Krone zu führen! — Wer überhaupt hat Dich auf den tollen Einfall gebracht, der Dir nichts nützt und Dich nur wieder in Fatalitäten bringen kann, Dich mit der Königin Viktoria zu vergleichen?«
»Peti Tua« erwiederte Pomare gereizt — »es sind auch noch andere Europäer auf der Insel, die wissen was sich für eine Königin schickt — wärest Du allein da, müßte ich Dir glauben.«
Wieder preßte der Admiral seine Unterlippe zwischen die Zähne und mit einem leise gemurmelten Fluch zischte er:
»Dacht' ich's mir doch, daß die Schwarzröcke in ihrem Uebermuth wieder die Hand dabei im Spiel gehabt« und er sprang auf und ging ein paar Mal, mit auf den Rücken gelegten Händen rasch im Zimmer auf und nieder; dann aber, wie sich besinnend, strich er sich über die Stirn, blieb einen Augenblick, still vor sich niedersehend stehn, und ging dann plötzlich, mit freundlicherem Ausdruck in den Zügen auf Pomare zu, ergriff mit der Linken ihre Rechte und mit dem Zeigefinger der Rechten ihr Kinn in die Höhe hebend sagte er lächelnd, ja fast herzlich:
»Sei vernünftig, Pomare, und horche dies eine Mal nur auf den Rath eines Mannes der, trotz allem was sie Dir mögen dagegen gesagt haben, es wirklich gut mit Dir meint. Sieh die Depeschen sind schon in Frankreich angekommen, nach denen Dein Reich unter dem Protektorate meines Königs steht, und ich dürfte dem nicht mehr zuwider handeln, wenn ich wirklich wollte. Traue auch nicht alle dem, was Dir die Englischen Priester sagen; Du hast schon oft gefunden, daß sie sich irrten. Sie wollen nur Macht hier im Land gewinnen und die Alleinherrschaft haben, und wir Franzosen passen ja doch wahrhaftig besser zu Euch wie die Kopfhänger.«
In diesem Augenblick öffnete sich leise die Thür, Pomare entzog dem Admiral rasch ihre Hand und trat einen Schritt von ihm zurück, und eine der Einanas meldete, den Kopf zur Thür hereinsteckend, den »boda Piritati« der draußen stände und die Königin zu sprechen wünsche.
»Schick ihn fort, wahine« rief aber Du Petit Thouars ärgerlich — »wir haben hier wichtige, weltliche Dinge zu reden und brauchen den Pfaffen nicht — schick ihn fort« —
»Ich habe ihn rufen lassen« entgegnete Pomare, während das Mädchen unschlüssig erst auf den direkten Befehl ihrer Herrin wartete, »auch ist er nicht allein ein Mitonare, sondern ebenfalls der Consul der Beretanis.«
»Ein Zwitterding« erwiederte der Franzose, »ich habe mit ihm weder als das eine noch andere etwas zu schaffen; schick ihn fort, oder ich gehe, und Du hast Dir die Folgen dann selber zuzuschreiben.«
»Er wird warten, denn ich muß mit ihm sprechen« sagte Pomare, »und weiter hast Du mir ja doch nichts mehr zu sagen.«
»Nichts mehr zu sagen?« rief der Admiral erstaunt — »Frau das ist gerade genug, denn es betrifft Dein ganzes Reich —«
»Du darfst es mir nicht nehmen,« rief die Königin und ihre Augen blitzten — »Piritati hat mir selber gesagt, daß mich England beschützen wird gegen meine Feinde.«
»Gebe Gott daß Du nur Deine Feinde erkennen lerntest« warnte sie, mit gehobenem Finger, der Franzose, »aber meine Zeit ist gemessen, so antworte mir denn, wenn Du dem Freundesrath nicht folgen willst, einfach auf meine Frage, und sage mir ob Du Dich dem, was ich jetzt von Dir noch Auge in Auge verlange, fügen willst oder nicht.«
»Und was ist das, in klaren einfachen Worten?« frug Pomare.
»Einfach die Anerkennung unseres Vertrags,« entgegnete Du Petit Thouars, »und zum Zeichen ziehst Du die Flagge mit der Krone nieder, und hissest die Tricolore, die ich im Boot für Dich mitgebracht.«
»Nie im Leben!« rief Pomare, und stampfte mit dem Fuß den Boden.
»Du zwingst mich denn Deine Flagge mit Gewalt zu streichen und Frankreichs Banner dafür aufzupflanzen — bedenke Pomare daß von dem Augenblick, wo das durch meine Hand geschieht, Du aufgehört hast zu regieren, denn das Land steht dann nicht mehr nur unter Frankreichs Schutz, nein es ist erobert, und der Sieger verfügt darüber wie es ihm gut dünkt.«
»Ich verstehe nicht, was Du mit den fremden Worten willst,« entgegnete finster Pomare, »aber Du darfst mir mein Land nicht nehmen; die Englischen Schiffe leiden es nicht.«
»Wer Dir das sagt ist Dein Feind« entgegnete rasch der Admiral — »denke an mich, Pomare, und was ich Dir gerathen; aber meine Zeit ist auch verflossen und ich fürchte fast nutzlos, denn der Missionair wird Dir das Kreuz wieder vorhalten und mit der Bibel drohen.«
»Ich lasse mir nicht drohen« rief die Königin.
»Ich habe Dich darum gebeten, Pomare« sagte, noch einmal zu ihr tretend, mit leiser gedämpfter Stimme der Admiral, »Deinethalben gebeten, weil ich Dich achte und liebe und Dir Dein kleines schönes Reich nicht rauben, Deine Macht hier nicht mit einem Schlage vernichten möchte; zwinge mich nicht dazu, nimm die Fahne mit dem unnützen Schmuck, der Dir nur Verderben bringt, nieder und ziehe meines Landes Farben auf, und Du bleibst was Du bist, wenn nicht unbeschränkt, doch Königin dieses Landes.«
»Und wenn nicht?«
»Trotzkopf« murmelte der Franzose ärgerlich sich auf dem Absatz herumdrehend — »so nimm denn die Folgen. Und doch geb' ich Dir noch Zeit zum Nachdenken bis morgen früh,« setzte er nach kurzem Sinnen hinzu — »überleg' es Dir wohl und handle danach, und Gott leite Dich, daß Du den rechten Weg gehst; wenn aber nach dem Morgenschuß nicht die Tricolore von Deinem Hause weht, dann komm' ich nicht mehr zu Dir hinüber, sondern schicke Dir rauheren Besuch, und Du hast die Folgen Dir selber zuzuschreiben.«
Und damit rasch das Zimmer verlassend, rannte er fast gegen den Missionair, der gerade im Begriff schien es zu betreten. Mr. Pritchard grüßte ihn, und machte eine Bewegung, als ob er ihn anreden wolle, der Französische Admiral war aber keineswegs in einer Stimmung sich mit ihm einzulassen, berührte einfach seinen Hut, und ging mit raschen Schritten wieder der Landung zu, wo indessen seine Leute, von den Indianern umlagert, doch dem gemessenen Befehl nach nicht den mindesten Verkehr mit diesen haltend, das Boot weit genug vom Strand abgestoßen hatten flott, und außer Verbindung mit dem Ufer zu bleiben. Rasch griffen aber die Riemen wieder ins Wasser, als sie ihren Vorgesetzten zurückkehren sahen — ein kurzer Befehl und einer der Leute sprang mit einem vorn im Boote liegenden Pakete — der zusammengerollten Französischen Flagge — die Uferbank hinauf, dem Hause Pomares zu, sie dort für die Königin dem ersten Mädchen gebend das er traf; wenige Minuten später kam er in raschem Lauf zurück, das Boot flog herum und schnitt wieder, zischend und schäumend, wie ein verfolgter Fisch die Oberfläche theilend, der Reine blanche entgegen, die in all ihrer dunklen furchtbaren Majestät vielleicht eine Kabelslänge davon vor Anker lag.
Sadie hatte indessen gar trübe, angsterfüllte Tage verlebt; Renés Wunde war allerdings nicht gefährlich, ja sogar viel leichter als sie im Anfang gefürchtet, gewesen und heilte so rasch, daß er schon am nächsten Tage wieder sein Lager verlassen und mit dem Arm in der Binde sich ziemlich frei umherbewegen konnte, aber Renés Gegner war an seiner Wunde gestorben, und so sehr sich auch Bertrand jetzt Mühe gab, die Kunde dem Ohr der armen jungen Frau noch vorzuenthalten, brachte doch schwatzhafter Mund die Trauernachricht auch in ihre Hütte und füllte ihr Herz mit unermeßlichem Weh. —
René ein Mörder — ihrethalben, und Alles was ihr der Geistliche erst vor wenigen Tagen von Schmach und Sünde und Gottes Zorn gesagt, traf ihr die Seele jetzt mit hundertfacher Kraft, und schrieb ihr den bitteren furchtbaren Vorwurf mit blutigen Zügen tief in das angstgequälte Herz. — René ein Mörder — Blut an der Hand, die sie in Glück und Liebe tausendmal geküßt — Blut an der Hand, in die sie die ihrige vor Gottes Altar einst gelegt. Heiliger Vater im Himmel, wie ihr das Nerv und Leben traf, und ihr das Blut fast starren machte in den Adern — und René? Als sie zu ihm stürzte, sich an seinen Hals warf und ihn trösten wollte mit einem Herzen, dem jeder Trost gebrach, als sie da vor ihm auf die Knie fiel, und ihn nieder ziehn wollte zu sich, in brünstigem Gebet Linderung zu finden für das Entsetzliche, und nur Thränen hatte in ihrem ersten furchtbaren Schmerz, nur Thränen die ihr Blut schienen wie sie ihr von den Wimpern niederbrannten — da blieb er kalt. Das Blut hatte wohl seine Wangen verlassen bei der Nachricht, aber kein weiteres Zeichen, kein Muskel seines Angesichts verrieth daß er fühle was er gethan, und Sadie blickte in Schreck und Staunen zu ihm auf und suchte umsonst sein Herz zu seinem Gott zu wenden, dort Vergebung, dort Gnade zu erflehn vor dem Thron des Allliebenden den er schwer beleidigt ja mit Brudermord.
»Laß das, laß das Kind,« sagte er finster, sich ihrem Griff entziehend — »das sind Sachen die Du nicht verstehst und deshalb nicht begreifen, nicht beurtheilen kannst.«
»Du hast einen Menschen mit kaltem Blut getödtet« weinte Sadie, ohne sich zu erheben — »hast Abschied an dem Morgen von mir genommen und Deinem Kind — hast uns geküßt und geliebkost, und bist mit ruhiger heiterer Stirn hinausgegangen einen Bruder zu ermorden.«
»Sadie« bat René sie jetzt leise und weicher als vorher, als er sah, welchen furchtbaren Eindruck die That auf sie machte, die nur in ihrem nackten Erfolg starr und gräßlich vor ihr stand, während sie die Triebfedern solcher Handlung in Europäischen Begriffen wurzelnd, in ihrem einfach reinen Sinn ja nicht verstehen konnte — »thörichtes Kind, hab' ich Dir denn nicht oft und oft von solchen Sitten aus meinem Vaterland erzählt, wie Mann gegen Mann empfangene Beleidigung nicht anders rächen kann, als mit Pistole oder Degen? und zwang uns nicht Beide das Gesetz der Ehre zu solchem Kampf, selbst wenn wir Beide das Geschehene schon von ganzem Herzen bereut und gern vergessen hätten?«
»Ein Gesetz der Ehre erkanntest Du an,« klagte Sadie, »und vergaßest das Gesetz Gottes — nein, vergaßest es nicht, sondern stießest es mit Füßen von Dir, Deine blutige, unheilvolle Bahn zu gehn — oh René, René, Du hast meinen Frieden zerstört auf ewige Zeiten.«
»Mach mir den Kopf nicht noch wilder mit solchen Reden« bat sie da, kurz abbrechend, René — »die Priester haben Dir all das tolle Zeug in's Hirn gesetzt, und Du weißt recht gut, ich kann's nicht leiden, nicht ertragen.«
»Oh daß Du die Stimme der Priester, die Stimme Gottes hören wolltest« klagte das arme Weib, die Hände ringend und das Haupt gesenkt, starr und trostlos vor sich niedersehend — »daß Dir Gottes Wort zum Herzen spräche mit allgewaltigem Klang und Donnerton, Dich aufzuscheuchen vor Dir selber und Dir den Pfad zu zeigen, in all seinen Schrecken und seiner Finsterniß, dem Du mit starrem trotzigem Sinn entgegeneilen willst. Oh der ehrwürdige Vater Rowe hatte ja recht als er mich mahnte, mit heißen brünstigen Worten mahnte, Dich zurückzuhalten von dem was Dir Verderben droht — aber konnte ich es denn? — ward mir armen schwachen Weibe denn die Kraft gegeben? ich kann nur beten für Dich, René, und den Heiland bitten, Dich vor Dir selber zu schützen und Geduld mit Dir zu haben in seiner Allbarmherzigkeit.«
»Rowe?« sagte René aufmerksam werdend und sah Sadie rasch und scharf an — »was weißt Du von dem Schleicher? — ich will doch nicht hoffen, daß er meine Schwelle betreten?«
»Er war hier« hauchte Sadie, unfähig eine Lüge zu sagen, aber das Blut schoß ihr in Strömen in Stirn und Schläfe.
»Hier? — und Du hast mir das bis jetzt verschwiegen?« — rief René, seinen erwachenden Aerger, überdies schon gereizt, nur mit Mühe bändigend — »zum Teufel mit dem Burschen! was wollte er, was trieb ihn her?«
»Die Sorge um mich« sagte leise Sadie — »er war mein Lehrer in der Kindheit, und nimmt auch jetzt noch Theil an mir; und hat er nicht ein Recht dazu, seit Vater Osborne gestorben und dessen Sorge um meiner Seele Wohl auf ihn allein ja eigentlich doch überging?«
René biß sich auf die Lippen — es drängte ihn, seinem Zorn über den Mann den er alle Ursache hatte zu hassen, und dessen Charakter er nicht ganz ohne Grund bezweifelte, freien Lauf zu lassen, aber er fühlte auch wie weh er der armen Frau dadurch thun würde, und nur die Stirn heftig mit der rechten Hand reibend, ging er einige Mal rasch im Zimmer auf und ab. Endlich aber blieb er neben Sadie, die noch immer in ihrer knieenden Stellung verharrte und das sorgenschwere Haupt an der Stuhllehne in den vorgehaltenen Arm stützte, stehn, und seine Hand auf ihre Stirn legend flüsterte er mit freundlicher liebender Stimme:
»Beruhige Dich, mein Herz; nicht so schwer lastet das Blut auf meiner Seele, daß ich Deinem Gott nicht noch frei und offen in's Auge schauen könnte. Ich bin mir nichts Böses bewußt, denn diese That fällt nicht mir, sie fällt der Gesellschaft zur Last die sie billigt, ja fordert — Nichts hilft es dabei dem Einzelnen sich dagegen zu sträuben. Komm, schau wieder zu mir auf, mein herziges Lieb und laß die Grillen — geschehene Dinge sind nicht mehr zu ändern, und Du brauchst die Hand nicht zu fürchten, die nur mein eigenes Leben vor dem Gegner schützte.«
Sadie schauderte und ihr Antlitz in den Händen bergend flüsterte sie:
»Bete — René — bete zu Gott daß er Dir die That vergeben möge und ich will mit Dir meine Stimme erheben zu dem Höchsten —«
»Sadie«
»Neige Dein Ohr Allmächtiger« flehte die Frau, inbrünstig seine Hand fassend und die Augen zur Decke erhebend, »verwirf mich nicht von Deinem Angesicht, und nimm Deinen heiligen Geist nicht von mir. — Tröste mich wieder mit Deiner Hülfe und der freudige Geist enthalte mich — denn ich will die Uebertreter Deine Wege lehren, daß sich die Sünder zu Dir bekehren. Errette mich von den Blutschulden Gott, der Du mein Gott und Heiland bist, daß meine Zunge Deine Gerechtigkeit rühme.«
»Komm, komm Sadie« sagte aber René ihr leise doch entschlossen seine Hand entziehend, »das ist genug und ich bin des Lamentirens überdrüssig. Komm wieder zu Dir, daß man ein vernünftig Wort mit Dir reden kann, ich will dann suchen Dich zu überzeugen; bis dahin aber erlaube mir daß ich die frische Luft suche, einmal wieder frei aufzuathmen, denn mir ist schwül und heiß geworden bei Deinen Reden.«
Und den Hut aufgreifend verließ er, ohne selbst weitern Abschied von ihr oder dem Kinde zu nehmen, rasch das Haus und schritt die Straße nach Papetee hinunter.
Sadie verharrte noch eine lange Zeit in ihrer Stellung und betete heiß und brünstig für den geliebten Mann; immer noch hoffte sie dabei daß René zurück — reuig zurückkehren würde, sich mit ihr am Thron des Höchsten niederzuwerfen, und Vergebung zu erflehn für das Verbrechen; aber er kam nicht, und die Angst um ihn trieb sie zuletzt empor und ließ ihr nicht Ruhe und Rast im Haus als sie von Mataoti erfuhr daß er den Weg nach Papetee eingeschlagen und dort ja, wenn man etwas gegen ihn beabsichtige, dem nach ihm ausgestreckten Arm der Gerechtigkeit gerade entgegen eile. Der Leichtsinnige kannte, achtete ja keine Gefahr, aber er hatte auch kein treueres Herz auf der Welt als sein Weib, über ihn zu wachen, und ihr Kind aufgreifend, das ihr lächelnd und den Schmerz nicht ahnend der ihre Brust durchtobte, die Aermchen entgegenstreckte, eilte sie, die heute merkwürdig belebte Straße vermeidend, zum Strand hinunter, machte mit Hülfe Mataotis das Canoe flott und glitt bald darauf, ihr Kind zu ihren Füßen, den schlanken Kahn mit kräftigen Ruderschlägen über die spiegelglatte Fluth treibend, dem nicht so fernen Hafen zu.
Die Menschen aber, die heute die Broomroad entlang der Residenz ihrer Königin zudrängten, thaten das nicht blos aus Neugierde, die vielen fremden eingekommenen Schiffe anzustaunen, obgleich Neugierde sie doch größtentheils auf die Beine gebracht, nein sie wußten auch, daß sich in Papetee irgend eine Katastrophe ihrer Insel vorbereite, und wollten dessen Zeuge — ja wie die Sache auslief, auch vielleicht Theilnehmer und Mitwirkende sein.
Durch Mr. Pritchard nämlich, oder Pomare selber, vielleicht auch durch die Einanas die wohl draußen an der Thür gehorcht, war der Inhalt der zwischen Pomare und Du Petit Thouars stattgehabten Unterredung bald, wenigstens in seinen Hauptbestandtheilen, in Papetee und der Umgegend bekannt geworden; man wußte daß der Ferani verlangt hatte, die Königin solle die Landesflagge niederziehn und die Fahne des Feindes dafür hissen, ja man behauptete jetzt sogar schon, er habe im Weigerungsfalle gedroht die Stadt zu beschießen, was Einzelne der Furchtsamsten sogar bewog nach Dunkelwerden ihr bewegliches Eigenthum in den Wald und die Berge zu schaffen, den französischen Kugeln außer Bereich zu kommen.
Nichtsdestoweniger hatte sich an dem, als zur Entscheidung bestimmten Morgen, schon mit Tagesanbruch eine Unmasse Volk gerade am Strand versammelt, während Neuankommende noch immer von den anderen Theilen der Insel herzuströmten, und mit einer Art von scheuer Freude sahen die Tahitier ihre Landesflagge noch stolz und trotzig auf der alten Stelle wehn, und harrten jetzt erwartungsvoll des Resultats. Auch die Decks der fremden Kriegsschiffe, der Französischen wie der Englischen Catch Basilisk die hier natürlich nur eine vollkommen beobachtende Stellung einnehmen konnte, waren von den Officieren wie der Mannschaft besetzt, die mit und ohne Telescope, von Quarterdeck und Back, von Wanten und Marsen aus die Augen fest auf die hier, als entscheidendes Zeichen bekannte Tahitische Flagge gerichtet hielten. Aber der Morgenschuß war vom Bord des Französischen Admiralschiffs gefeuert worden, ohne daß irgend ein feindlicher Schritt gegen die Autorität des Landes, oder die Flagge geschehen wäre, denn der Admiral Du Petit Thouars hatte während der Nacht noch Gegenbefehl gegeben, und die Frist für Pomare bis zum Nachmittag verlängert. Er wollte der trotzköpfigen Insulanerin jede nur mögliche Zeit lassen ihm einen Schritt zu ersparen, den er außerdem nach allem Vorhergegangenen wohl nicht mehr gut vermeiden konnte, zu dem er sich aber auch im Herzen nicht so ganz gerechtfertigt fühlen mochte; wußte er doch nicht einmal, wie er in Frankreich selber aufgenommen werden würde.
Die Königin hatte den Tag über mehre Berathungen mit dem Englischen Consul sowohl, wie den anderen Missionairen. Mr. Pritchard fuhr ebenfalls an Bord des kleinen Englischen Kriegsschiffes, sehr wahrscheinlich den Capitain desselben zu einer Erklärung für ihre Sache zu bewegen. Die Flaggen blieben aber wehen, die Tahitische sowohl wie die Englische, trotzig der Tricolore entgegen, und Du Petit Thouars durfte zuletzt nicht länger zweifeln, daß es Pomare zum Aeußersten treiben wolle der Französischen Macht zu trotzen, und den früheren Vertrag, als ihr in unwürdiger Weise abgezwungen, zu verleugnen.
Bis um vier Uhr Nachmittags war dieser letzte Termin ausgedehnt worden, und ein Theil des Volks hatte sich sogar schon wieder in der Zwischenzeit zerstreut, seine Mahlzeit einzunehmen oder seine Siesta zu halten, bis die entscheidende Stunde schlage. Kein Boot landete indessen von den Schiffen, kein Canoe verließ das Ufer, zu ihnen mit Früchten oder anderen Handelsartikeln hinauszufahren, wie das die Eingeborenen bis jetzt immer sehr unbefangen, mochte das Schiff stammen woher und beabsichtigen was es wolle, gethan. Die Leute fühlten daß jetzt keine Zeit zum Feilschen sei, wo die Matrosen vielleicht mit brennenden Lunten bei ihren Geschützen ständen.
Die Sonne mochte den Zenith wohl schon zwei Stunden überschritten haben, als René die Stadt erreichte und im Anfang wirklich erstaunt über die Aufregung der Leute war, die sonst wahrlich nicht so leicht veranlaßt werden konnten, sich in der Hitze des Tages am offenen Strand herumzutreiben, wo die Palmen- und Guiavenhaine rings umher so trefflichen Schatten boten; er hatte Du Petit Thouars sowohl wie Pomare schon fast vergessen. Die wehende Flagge der letzteren mahnte ihn aber wieder an das Drama, das sich hier entwickeln sollte, und die geschäftig hin und hergehenden Missionaire, die theils mit den verschiedenen Gruppen verkehrten, theils zwischen den Häusern Pomares wie einzelner Häuptlinge, oder auch den eigenen Wohnungen herüber und hinüberwechselten, charakterisirten das Ganze deutlich genug.
Die schwarzgekleideten bleichen Männer, mit den gezwungen milden und doch heute so eilfertigen Zügen konnten nicht dazu dienen Renés überdies gereizte Stimmung zu bessern, oder freundlicher zu gestalten, und finster und schweigend erwiederte er ihren Gruß, wenn sie an ihm vorüberschritten, oder gar ein Gespräch mit ihm anknüpfen wollten in ihrer Art.
Gedanken- und ziellos schlenderte er so am Strande hin, die Arme auf der Brust ineinandergeschlagen, und den Hut fest und verdrossen in die Stirn gezogen, als er plötzlich von klarer wohlbekannter Stimme seinen Namen rufen hörte, und aufschauend sich gerade vor Mr. Belards Hause fand, dessen Fenster eines breiten Hintergebäudes diesen ganzen Theil des Strandes überschauten, und von der Familie eingenommen waren, Zeugen der erwarteten Vorfälle zu sein.
Madame Belard selber hatte ihn gerufen aber er schrak förmlich zusammen, und fühlte wie ihm das aufschießende Blut die Stirnadern zu sprengen drohte, als er dicht neben dem freundlichen Gesicht der jungen hübschen Frau, die engelschönen lächelnden Züge Susannens erkannte, die ebenfalls zu ihm niedergrüßte.
»Es freut uns herzlich, Monsieur Delavigne wieder so frisch und wohl zu sehen,« rief Madame Belard jetzt, als er in aller Ueberraschung und Verlegenheit nur eben flüchtig grüßte und vorüberstürzen wollte — »aber hat er nicht einmal so viel Zeit einen Augenblick herauf zu kommen, und zu sehn wie es alten Freunden geht? Wenn Sie nicht andere Geschäfte fortrufen, haben wir hier ein prächtiges Plätzchen für Sie das Schauspiel, einer friedlichen Insel Eroberung, mit anzusehn und Sie mögen unser Begleiter sein, wenn sich die Erde hier in Französischen Grund und Boden verwandelt.«
»Und darf ich?« frug René, und die Frage galt diesmal dem jungen Mädchen, das bis dahin nur lächelnd zu ihm niedergeschaut und jetzt fröhlich ausrief:
»Wenn Sie sich nicht vor der Tochter Ihres früheren Capitains fürchten — ich wüßte keinen anderen Grund weshalb nicht« — und wenige Minuten später stand René in dem kleinen Gemach an Susannens Seite, die Frauen zu begrüßen.
»Großer Gott, wie bleich sehn Sie aus« rief aber hier das junge Mädchen, als er ihr die Hand gereicht und das Blut, die erste unnatürliche Aufregung vorüber, wieder in seinen alten Canal zurückdrängte — »Ihre Wunde ist noch nicht geheilt, und Sie haben sich zu sehr angestrengt — guter Gott, Ihr Tollkopf wird Sie noch unter die Erde bringen.«
»Und würden Sie mich betrauern?« frug René, ihr forschend ins Auge schauend.
Susanne erröthete, aber Madame Belard enthob sie einer Antwort, denn den jungen Mann dem Lichte zukehrend stimmte sie Susannen bei und erklärte, Monsieur Delavigne gleiche eher einem herumwandelnden Todten, als einem Lebenden, und je eher er sich setze und ein Glas Madeira trinke, desto besser sei es für ihn — zu früh könne es aber gar nicht mehr geschehen, und ihre Schlüssel aufgreifend, von denen sie den Kellerschlüssel ihrer Indianischen Dienerschaft nicht anvertrauen durfte, verließ sie rasch das Zimmer, die eben verordnete Arznei auch gleich selber zu holen und einzugeben, wie ein guter, sorgsamer Arzt.
Susanne und René waren allein, und der Letztere wollte sich eben mit seiner Wunde für sein, vielleicht unfreundlich scheinendes Betragen von vorhin entschuldigen, als diese für ihn selber sprach; die ungewohnte Anstrengung, da es das erste Mal gewesen war nach seiner Verwundung daß er einen solchen Marsch unternommen, die Aufregung zu Hause — jetzt, und beide ach wie so verschiedener Art, wirkten zu heftig auf ihn — er mußte von dem rasch zuspringenden Mädchen unterstützt, zu einem Stuhl taumeln und mit einer Ohnmacht kämpfend, deren Schleier er aber glücklich bezwang, stützte er das todtenbleiche Antlitz in die Hand, sich wieder zu sammeln, zu erholen.
»Sie böser, böser Mann« flüsterte das schöne Mädchen, ihr weiches Tuch rasch in kalt Wasser tauchend und um seine Stirn legend — »was laufen Sie auch toll und wild in die Welt hinein, wenn Sie krank und elend sind — weshalb hat Sie Ihre Sadie nur hinausgelassen?«
Sadie — René athmete tief und schwer und seine Stirn fassend traf er der Jungfrau Hand, die dort das Tuch hielt und sie nicht wegziehn durfte wenn es nicht fallen sollte. Sie blieben wenige Secunden in dieser Stellung und Susanne fuhr wie bestürzt zurück, als sich die Thür rasch öffnete in der Madame Belard mit Flasche und Glas im Arm wieder erschien, und etwas erstaunt, ja erschreckt, das bleiche Antlitz ihres Gastes bemerkte.
»Hallo, was ist hier vorgefallen,« rief sie halb lachend halb bestürzt, »werden die Herren ohnmächtig und müssen ihnen die Damen beistehn? — schöne verkehrte Welt das, aber meine Medicin ist da um so mehr am Platz. Hier Monsieur« fuhr sie fort, ihm ein volles Glas einschenkend, aber zugleich einen flüchtigen Blick nach Susannen hinüberwerfend setzte sie neckend hinzu: »und die Dame da scheint mir auch ein Glas vertragen zu können, Ihr habt Euch Beide alterirt — Wie steht es mit Ihrer Wunde, Delavigne?«
»Besser — gut« sagte er rasch.
»Sie haben von Ihrem Gegner gehört?« frug Susanne leise.
»Ja« hauchte René.
»Er hat es nicht anders haben wollen« beruhigte ihn aber die Französin — »wäre er mit der ersten Lektion zufrieden gewesen, so war die Sache abgemacht und Niemandem ein Schade geschehn — es soll das siebente Duell gewesen sein, das er gehabt. Aber reden wir von etwas Angenehmerem« setzte sie rasch hinzu, »wissen Sie daß unsere junge Freundin Briefe von zu Haus, und noch zwei bis drei Monat Urlaub bekommen hat, auf Tahiti zu bleiben? — der alte Seewolf muß doch gar kein so übler Mann sein.«
»Und ist der Delaware glücklich zu Hause angekommen?« frug René lächelnd zu Susanne gewandt.
»Oh schon lange« erwiederte Susanne, »und hat eine ausgezeichnete Reise gemacht« setzte sie dann mit komischem Ernst hinzu — »Sie haben sich sehr im Lichte gestanden, Monsieur Delavigne, nicht an Bord geblieben zu sein. Sie könnten jetzt ihren Thran zu höchst annehmbaren Preisen — Papa hat mir einen Preis-Courant mitgeschickt, als ob ich für ihn Geschäfte machen sollte — an die Firma Bornholm Watts & Comp. verkaufen und hätten noch immer Zeit genug übrig behalten sich zu einer neuen so romantischen Fahrt auf den Wallfischfang auszuruhen und zu rüsten. Sie werden mir zugeben daß Einem auf einer solchen Fahrt höchst interessante Sachen begegnen können.«
»Sie werden mir zugeben Mademoiselle, daß Sie grausam sind« sagte René — »Sie wissen nicht wie weh Sie mir gerade jetzt mit solchen Worten thun.«
»Gerade jetzt?« frug Susanne erstaunt, aber sie wurden hier durch einen Lärm von der Straße unterbrochen, der sie alle drei rasch an das Fenster rief. Das Rufen und Schreien kam von der, nicht fernen Kirche her, wohin Bruder Dennis einen Theil seiner Gemeinde gezogen und in stürmischer Predigt ihren Patriotismus, ja vielleicht ihren Fanatismus für die heilige Sache der Religion und des Vaterlands erregt haben mochte.
»Gott wie die Menschen schreien« sagte Madame Belard ängstlich — »wenn sie nur Vernunft annehmen und nicht gegen eine Macht gerade zu einer Zeit antrotzen wollten, wo diese den Zügel und die Wehr fest in Händen hält; sie werden noch das größte Unglück über sich hereinrufen.«
»Und von der Fahne da drüben soll es abhängen, ob Krieg ob Frieden« sagte Susanne, nur das Interessante des Augenblicks in dem Bewußtsein fühlend, Zeuge der ganzen Verhandlung zu werden — »was für eine wunderhübsche Flagge das ist, und wie Jammerschade, daß sie soll niedergeholt werden. Seit wann führt denn Pomare die goldene Krone im Wappen, mit dem Cocoszweig?«
»Seit thörichte Priester ihre Eitelkeit anstachelten und ihrem Stolz schmeicheln wollten« sagte René finster.
»Denen stecken die Ehrenstellen und einträglichen Aemter im Kopf« rief Madame Belard, »die auf den Sandwichsinseln in dem jetzt ganz nach Europäischem Maßstab eingerichteten Hof Einzelne der Missionaire für sich gewonnen haben; große Titel und Gehalte mit allen möglichen Auszeichnungen. Wenn Pomare eine bloße Insulanerin blieb, eine Pomare wahine, konnte keiner von ihnen Minister werden und das Consulamt bringt neben dem Bischen Ehre, nur Aerger und Verdruß; Minister des Auswärtigen oder der inneren Angelegenheiten klingt besser.«
»Ach Unsinn« lachte Susanne — »es sind zu vernünftige Männer etwas derartig Närrisches zu erstreben. Minister Ihrer Tahitischen Majestät — hahahaha —«
»Klingt nicht weniger gut als Sr. Hawaiischen«[D] sagte René ernst, »und dort ist es geschehen. Leider Gottes haben Titel und Orden schon manchen ehrlichen Mann — zu Fall gebracht — nicht einen schlimmeren Ausdruck dafür zu gebrauchen, und der Klang irgend eines langen unbehülflichen Worts, das Blitzen eines farbigen Bandes oder Metallstücks im Knopfloch hat Grundsätze umgeworfen, die dem Schicksal bis dahin fest und gewaltig Trotz geboten. Schade daß sie dies schöne Land jetzt zum Schauplatz ihres unsinnigen Treibens gemacht — es können schwere Zeiten kommen für dies Volk.«