[D] Seit einigen Jahren ist z. B. am Hawaiischen Hof zu Honolulu auf Oahu »nach reiflicher Ueberlegung beschlossen worden, das beim Wiener Congreß befolgte Ceremoniell behufs des gegenseitigen Ranges fremder Consuln zum Grund zu legen.«

»Glauben Sie das nicht Delavigne« sagte Madame Belard kopfschüttelnd, »der Tahitier, so weit ich ihn kenne, ist sorglos und leichtsinnig, und selbst gleichgültig gegen das Höchste was wir im Leben anerkennen — er hätte seine Religion nicht sonst so leicht, und auf manchen Inseln wirklich aus reiner Gefälligkeit verändert. Der Französische leichte Sinn sagt ihm auch weit mehr zu, als der starre Presbyterianische Ernst. — Nur diesen einen Tag, den ersten Umsturz überstanden, und der Eingeborene wird sich leicht in das Geschehene fügen, ja vielleicht es sogar liebgewinnen, wenn er findet daß es ihm manche Erleichterungen manche Freiheiten bietet, die ihm der starre Methodismus nicht zugestehen wollte.«

René schüttelte den Kopf.

»Wenn sich selber überlassen, ja« sagte er ernst, »aber der Fanatismus wird seine Brandfackel in ihre Herzen schleudern; der heilige Geist wird wieder die Trommel rühren, und die »Lämmer Gottes« zum Kampfe treiben und der Name Gottes wird auf's Neue zum Schlachtschrei gebraucht werden, Ehrgeiz und Habsucht zu verdecken und beleidigte Eitelkeit zu rächen. Ich glaube an keine friedliche Unterwerfung.«

»Sie werden sich natürlich zu den Eingebornen schlagen?« sagte halb neckend halb lauernd Susanne, und ließ ihren Blick fest und forschend auf dem jungen Franzosen ruhn.

»Wir würden dann unter einer Fahne kämpfen« lachte René der Frage ausweichend.

»Wer ich?« rief Susanne schnell — »da haben Sie weit am Ziel vorbeigeschossen, Monsieur; wenn auch in Nordamerika und von einem Protestantischen Vater geboren, bin ich doch in Louisiana im rechten Glauben erzogen, und meine Sympathie ist ganz auf Seiten des Gekreuzigten — ich hasse die Methodisten.«

»Gott weiß es, ich auch« sagte René und der tiefe Seufzer mit dem er es sprach bürgte für die Aufrichtigkeit. »Der beste von ihnen ist gestorben« fuhr er dann, wie mit sich selber redend fort, seine Worte wenigstens an keine der Frauen richtend — »der alte Osborne war ein braver wackerer Mann, und sie haben ihm das Herz gebrochen, mit ihren Intriguen und Anfeindungen. Wenn auch jetzt Einzelne zwischen ihnen sein mögen, die wirklich in wahrem Glaubenseifer der einmal betretenen Bahn folgen — die meisten sind Heuchler, hängen den Namen Gottes vor ihr eigenes Bild, und streuen nur Haß und Unfrieden in Familienkreise, wo sie Liebe und Eintracht säen und die Herzen aneinander festigen sollten statt sie auseinander zu reißen. Gift über sie, mir thäte es in der Seele wohl ihre Macht hier gebrochen, ihr Reich zertrümmert zu sehn — und doch fürchte ich, kann es nicht ohne Blutvergießen geschehn, denn gutwillig geben diese Leute die Waffen nicht aus ihren Händen.«

»Ha der Schuß!« rief Susanna die den Blick gerade auf das Französische Admiralschiff geheftet hielt, und den blendenden Strahl bemerkte, der plötzlich daraus hervorschoß, und mit dem Worte fast schlug der Donner des Geschützes an ihr Ohr und machte das Blut von Tausenden rascher durch die Adern jagen.

»Da kommen auch die Boote!« rief René, »nun wird sich das Schicksal des Tages bald entscheiden.«

»Und glauben Sie daß die Eingebornen jetzt einen Kampf mit uns wagen werden?« frug Madame Belard rasch und ängstlich.

»Fürchten Sie Nichts« lachte aber René — »was können die Unbewaffneten jetzt gegen die Schießgewehre der Soldaten, mit den Kanonen der Fregatten auf sich gerichtet, beginnen, es wäre Wahnsinn, und ein solcher Kampf müßte so rasch enden, wie er begonnen hätte.«

Die Boote stießen wirklich von den verschiedenen Kriegsschiffen ab; Schaluppen vollgedrängt von Bewaffneten, die von den regelmäßigen Riemenschlägen der Matrosen getrieben, rasch wie der Seefalke auf seine Beute, dem Lande zuschossen. Das Ufer stand gedrängt voll Menschen, aber man sah keinen bewaffneten Insulaner; die Lenden und Schultern mit ihren Tüchern umhüllt, die Brust und das Haupt mit Blumen und gelben Bananenblättern geschmückt, lachend und schwatzend standen sie da, die Boote erwartend, als ob deren Kommen eine für sie sehr gleichgültige, vielleicht sogar erwünschte Handlung wäre, und nicht wirklich den Umsturz alles Bestehenden, in Politik, Religion, Regierung und Gesetzen drohte und bedingte.

Kaum Raum gaben sie dabei den landenden Truppen, und wenn diese auch anfänglich mißtrauisch den zahlreichen Schwarm betrachteten, der schon in seiner Masse ihnen hätte eine Art Widerstand bieten können, sahen sie doch bald daß sie hier weder Angriff noch Schwierigkeiten zu erwarten hätten, und der Menschenknäul, fast aus eben so viel Frauen und Mädchen als Männern bestehend, drängte sich langsam auseinander, dem landenden Feinde Raum zu geben, seine Truppen aufzustellen.

Es waren etwa zweihundert Artilleristen und Marinesoldaten und drei bis vierhundert Matrosen, mit Cutlaß, Pistolen und Musketen bewaffnet; die Bayonnette aufgesteckt, und ziemlich gut einexercirt formirten sie sich auf das Commando in einzelne starke Rotten, und zogen mit festem dröhnendem Schritt, von dem Corvetten-Capitain Mons. D'Aubigny angeführt, der sogar zum zeitweiligen Regierungsrath der Insel von dem Admiral Du Petit Thouars ernannt worden, zum Hause Pomares hinauf, von dem noch immer, fest und trotzig die Landesfahne mit der stolzen Krone ihren Feinden furchtlos entgegenwehte.

Im Hause aber lag Alles todtenstill — die Vorhänge waren niedergezogen, die Thüren verschlossen, kein Mensch auf der Verandah oder an irgend einem Fenster zu sehn, denn die Furcht schien doch stärker in den Herzen der Einanas, als die Neugier, und lautlos rückte die Schaar in geschlossenen Colonnen bis dicht vor das Haus, schwenkte, machte Front und die Gewehre rasselten auf das Kommandowort auf den hartgetretenen Boden nieder.

»Und was werden sie jetzt thun, wo sich Niemand ihnen widersetzt?« frug Susanna, und fast unwillkürlich wandte sich ihr Herz dem Schwächeren, Angegriffenen zu, den sie widerstandlos dem mächtigen Feinde übergeben sah.

»Sie werden die Flagge herunternehmen« sagte René, »die Tricolore dafür aufpflanzen und das Land in den Besitz des Königs von Frankreich erklären, so wenigstens lautete die Drohung des Admirals.«

»Und was geschieht mit der Tahitischen Flagge?« frug Susanna rasch und blickte dem jungen Mann fest in's Auge.

»Ich weiß nicht« lächelte dieser, »irgend einer der Officiere wird sie wohl mit sich auf's Schiff zurücknehmen.«

»Ob wohl ein specieller Befehl da ist, was mit ihr geschehen soll?«

»Ich glaube kaum« meinte René — »was liegt an dem Tuch?«

»Ich weiß nicht was ich darum gäbe, die Fahne mein eigen zu nennen« rief Susanna da plötzlich, und Stirn und Wangen bis tief in Nacken und Busen nieder waren wie von Gluth übergossen.

»Die Tahitische Fahne?« frug René erstaunt.

»Sie könnte mich glücklich machen« sagte Susanna, und hielt die leuchtenden Blicke fest auf das, in der Abendsonne hell blitzende Tuch geheftet, das jetzt das Leichentuch der Tahitischen Freiheit werden sollte.

René, von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt, griff seinen Strohhut auf, der neben ihm auf einem Tische lag, und wollte das Zimmer verlassen.

»Wo wollen Sie hin?« rief Madame Belard bestürzt — »sind Sie rein vom Bösen besessen?«

»Ich bin gleich wieder bei Ihnen!« rief René und warf die Thüre hinter sich ins Schloß.

»Monsieur Delavigne« rief auch Susanna und blickte bestürzt ihm nach, aber er hörte schon nicht mehr die Worte, oder achtete ihrer nicht, und eilte flüchtigen Schrittes, seiner Schwäche förmlich trotzend, die Treppe hinab, schritt durch den Garten dessen benachbartes Grundstück eine offne Thür nach dem Strand zu hatte, und befand sich wenige Minuten später mitten in dem Gewirr von Eingebornen und Französischen Soldaten, und dem Flaggenstock gerade gegenüber, an den in diesem Augenblick ein Französischer Officier, Bertrand, hinantrat, die Königliche Flagge niederzuziehn. Dicht gedrängt um ihn standen die unter seinem Befehl stehenden Matrosen der Jeanne d'Arc theils, theils der Danae, und René drängte sich leise aber so entschlossen vor und zwischen sie hinein daß die Seeleute, die ihn bald für einen Landsmann erkannten, glaubten, er habe jedenfalls ein Recht, vielleicht sogar eine Pflicht dazu, zu erscheinen, und ihn ruhig gewähren ließen.

Ein Trommelwirbel erschütterte jetzt die Luft, und Bertrand zog während desselben und unter einem Todtenschweigen der versammelten Tausende, die Flagge an dem Flaggenfall nieder — kein Schrei des Zorns oder der Entrüstung von Seiten der Eingebornen, kein Hurrahruf der Sieger begleitete den Akt — es war wie eine Execution, und Bertrand mochte das fühlen, denn halb abgewendet schob er die gedemüthigte Flagge von sich und absichtlich einem der Leute zu, sie von dem Fall zu lösen, erstaunt aber drehte er sich gegen René um als er einen Fremden erblickte, der, ein kleines blitzendes Messer in der Hand, das Flaggenfall unten mit einem raschen Schnitt trennte und das Messer in die Tasche zurückschiebend, die Fahne ruhig und gleichmüthig zusammenrollte.

»René,« rief der Seemann erstaunt und mit halb unterdrückter Stimme aus, als er ihn erkannte — »Mensch, was thust Du hier?«

René winkte ihm mit den Augen, aber dicht neben sich hörte er die halblauten und nichts weniger als freundlichen Worte:

»Das ist der Bursche der unsern Lieutenant erschossen hat — was beim Teufel will der hier zwischen uns?«

Das Blut schoß ihm im Zorn in die Schläfe, aber er wußte auch daß er sich hier nur eingeschmuggelt und nicht an seinem Platz befinde, und ruhig die Flagge zusammenrollend schob er sie sich unter den Arm, und suchte jetzt den Rückweg anzutreten. An Bord der Französischen Schiffe hatte man auch in der That so fest geglaubt die Tahitier würden ihre Flagge selber streichen, daß gar keine Verfügung, sie selbst betreffend, erlassen war. Das Interesse des Augenblicks band sich auch überdies nicht an solche Nebensache, denn der, noch an demselben Abend zum zeitweiligen Gouverneur von Tahiti ernannte Mr. d'Aubigny brach jetzt in die allerdings merkwürdigen Worte aus:

»Officiere, Soldaten und Matrosen, und Ihr Bewohner dieser Inseln, denen wir Gerechtigkeit und Frieden bringen, — im Namen des Königs, unseres gnädigen Herrn, nehme ich Besitz von diesem Land — wir Alle werden mit Freuden in der Vertheidigung der glorreichen dreifarbigen Fahne sterben. Hißt die Flagge!«[E]

[E] Wörtlich.

Bertrand hatte indessen die Tricolore statt der Tahitischen an dem Flaggenfall befestigt, die ihm nächststehenden Seeleute sprangen hinzu sie aufzuhissen, und unter dem fröhlichen Wirbel der Trommeln und dem donnernden Vive le roi der Soldaten und Matrosen, drängte sich René wieder den Gärten zu und gewann das Freie; d'Aubigny aber mit seinem blanken Degen Ruhe winkend rief mit lauter klangvoller Stimme, wie er nur erst einmal hoffen durfte den Lärm zu durchdringen:

»Die Königin Pomare hat aufgehört zu regieren und wir stehen jetzt auf Französischem Grund und Boden!«

Unmöglich wär' es den Jubel zu beschreiben, der bei diesen Worten die Französischen Kehlen zu zersprengen drohte; es war ein förmlicher Aufschrei von Triumph und toller Freude und wunderbar stach dagegen die Ruhe und der Ernst der umstehenden Tahitier ab, die den Sinn des Satzes gar nicht verstanden hatten, und kopfschüttelnd dem Lärm horchten, den die tollen Wi-Wis hier mitten auf der Straße, dicht vor dem Hause ihrer Königin, vollführten. Das Verschwinden ihrer eigenen Fahne aber, und das Wehen der verhaßten Tricolore ließ die Absicht der Fremden doch ziemlich deutlich herauserkennen. Trotzdem erschien es ihnen immer noch als keine so entscheidende Handlung, wie es von den Europäern angesehen werden mußte, denn die Insulaner kannten die Bedeutsamkeit der Flaggen nicht zu dem Maße. Ob da oben ein weißes oder dreifarbiges Tuch flatterte, blieb sich am Ende gleich und nur das dumpfe Gerücht das sich anfing Bahn zu brechen — die Wi Wis hätten ihre Königin abgesetzt und wollten selber regieren, brachte etwas mehr Leben in die Schaar und trieb Einzelne dem Hause des Englischen Consuls zu.

Dort aber war indessen die Englische Flagge von Mr. Pritchards eigener Hand in dem Augenblick niedergeholt worden, als die Tricolore emporstieg, die Demonstration auch auf den Französischen Schiffen wohl bemerkt, aber nicht beachtet worden, und der frühere Missionair fand sich bald darauf von zahlreichen Trupps Eingeborenen umgeben, die eine Erklärung der stattgehabten Vorfälle haben wollten und hier zu ihrer, eben nicht angenehmen Ueberraschung erfuhren, daß die Franzosen wirklich Besitz von der Insel genommen hätten und diese von nun an behaupten wollten.

»Bah« lachten aber Andere wieder, »ein paar Tage haben sie hier das große Wort, und wenn sie fortsegeln werfen wir ihren bunten Lappen wieder herunter, wie schon früher einmal.«

Eifrig bestritt Pritchard diese Meinung und suchte die Eingebornen von der Gefahr zu überzeugen, in der in diesem Augenblick ihre Unabhängigkeit nicht allein, nein auch die Religion schwebe, die sie als die bessere erkannt und angenommen; theils Gleichgültigkeit gegen äußere Formen die ihnen unbedeutend schienen, theils ihre angeborne Gutmüthigkeit, die selbst nicht dem Feind gleich das Schlechteste zutraun wollte, ließ sie dem Allem nur mit halbem Ohre lauschen. Vergebens ereiferte sich der fromme Mann und bürdete ihnen die Folgen auf, die alle aus dieser fabelhaften Theilnahmlosigkeit ihrer heiligsten Verhältnisse entspringen könnten; sie schüttelten lachend mit dem Kopf und schlenderten dann wieder langsam zu der Königin Haus zurück, vor dem und unter ihrer eigenen jetzt dort wehenden Flagge die fremden Soldaten und Matrosen noch immer aufmarschirt standen, und selber erstaunt darüber schienen, daß die sonst doch gar nicht feigen Insulaner die größte Beleidigung die einem Lande bildlich geschehen kann, so ruhig und selbst heiter und vergnügt hinnahmen. In der That begriffen die Tahitier aber noch wirklich nicht, was mit dem eben Gesehenen gemeint sei, denn das bloße Flaggenwechseln hatten sie ja ebenfalls vor einiger Zeit auch zu ihrem Vergnügen gethan, ohne irgend etwas Böses dabei zu denken; die Franzosen hatten es ihnen nachgemacht und bis sie wieder fort waren mochte die dreifarbige Fahne da oben auf dem Stocke ruhig ausflattern.

René indessen, dem der wirklich unerwartet glückliche Erfolg seiner kecken That, ganz wieder den alten fröhlichen Muth, vielleicht auch Leichtsinn, zurückgegeben, sah schon von weitem wie sich Susanna, ängstlich nach ihm ausschauend, aus dem Fenster bog, und wie er mit der Hand hinüber winkte und den Hut schwenkte zum Zeichen fröhlichen Gelingens, wehte ihr weißes Tuch grüßend ihm entgegen. Er sah weder nach rechts noch links, das eine Ziel im Auge, und vor Eifer fast zitternd mit seiner Beute, die ihm aber Niemand auch nur dachte streitig zu machen, den sicheren Garten wieder zu erreichen, und doch schritt er kaum auf fünf Fuß Entfernung an seinem eigenen Weib, die das schlafende Kind auf dem Arm trug, und zufällig und mit blutendem Herzen ein unfreiwilliger Zeuge des ganzen Vorfalls gewesen, vorüber, und ließ Sadie in sprachlosem Staunen starr und kaum ihren Sinnen trauend, zurück. Dem Gatten war sie gefolgt, theils für seine Sicherheit fürchtend nach einer That die sie für ein Verbrechen hielt, theils auch weil sie sich Vorwürfe machte, ihn wohl zu schroff und hart von sich gestoßen und ihn der Verzweiflung preisgegeben zu haben in der ihr liebendes treues Herz sich schon wilde entsetzliche Bilder heraufbeschwor, und jetzt? — strahlend von Glück und Seligkeit, mit leuchtenden Augen und glühenden Wangen floh er an ihr, ohne sie zu sehen, vorüber und dort am Fenster — ein stechender jäher Schmerz zuckte ihr durch Herz und Nerven als sie die wunderschöne Europäerin erkannte, mit der René schon an jenem furchtbaren Abend so viel gesprochen und getanzt, und deren kaltem fast verächtlichem Blick sie dann mehr als einmal mit einem unbeschreiblichen Gefühl von ahnungsvoller Angst begegnet war.

Noch stand sie still und regungslos auf derselben Stelle auf der ihr René wie eine Erscheinung entschwunden war, und sie wußte im ersten Augenblick nicht einmal ob sie ihm folgen, seinen Namen rufen oder zurückgehn solle, still und allein in ihre Heimath die Rückkunft des jetzt ihrer Sorge wahrlich nicht mehr bedürfenden Gatten geduldig zu erwarten, als eine leichte Hand nur leise ihre Schulter berührte, und eine weiche bekannte Stimme ihren Namen flüsterte:

»Sadie!«

»Aumama!« rief Sadie, sich rasch nach ihr umdrehend, und hatte in diesem Augenblick fast den Gatten vergessen in dem Schreck über das wildverstörte, fahle und doch so trotzige Aussehn der Freundin, deren räthselhaftes Verschwinden ihr schon Sorge und Kummer genug gemacht. »Aumama, wo um Gottes Willen kommst Du her? — wo warst Du die ganze Zeit und wie siehst Du aus?«

»Wie ich aussehe, Herz? hahaha,« lachte das schöne Mädchen in unheimlicher Lustigkeit, »der Thau in den Bergen gräbt Spuren in die Haut und — aber das ist es nicht was ich Dir sagen wollte; ich zeige Dir etwas, komm; glaubst Du an Geister?« —

»An Geister? — wie verstehst Du das? — was soll's?« frug Sadie erschreckt — »was hast Du Aumama, Du machst mich fürchten.« —

»Fürchten? — bah, thörichtes Kind — wovor? vor dem eigenen Mann? — der thut Nichts — sieh nur wie freundlich und lieb er da drüben mit dem ganz fremden Mädchen ist, würde er dem eigenen Weibe da etwas zu Leide thun? — hahaha Schatz, ich glaube wir Beide können uns bald lustige Geschichten erzählen« — und die Widerstandlose über den breiten Weg mit sich hinüberziehend, wo ein Haufen aufgeschichteter und zu Canoes bestimmter Blöcke lag, auf die sie leicht wie die wilde Geis ihrer Berge hinaufsprang, deutete sie mit dem ausgestreckten Arm und jetzt Zornfunkelnden Augen nach den offenen Fenstern des Belardschen Hauses hinüber, die René gerade in diesem Augenblick mit seiner eroberten Flagge betrat und wo er mit Jubel von den Frauen begrüßt wurde.

»Pomarens Flagge, die sie in den Staub gezogen, bringt er dem Feind — bringt er seiner neuen Liebe« flüsterte Aumama mit leiser, vor innerer Bewegung zitternder Stimme — »sieh nur, sieh wie sie sich zu ihm überbeugt — hahaha — ich glaube das war ein Kuß — nein« lachte sie dann höhnisch, »sie werden die Nasen aneinander gerieben haben nach Inselart. Aber komm — komm Sadie ich habe Dir viel viel zu erzählen, und wenn das Pärchen da drin wieder zur Besinnung kömmt, könnten sie uns hier draußen bemerken — den Triumph sollen sie nicht haben — komm.«

Sadie ließ sich willenlos fortführen von der Frau, und nur ihr Kind fester an sich drückend folgte sie der Führerin, gleichgültig welchen Weg sie einschlage, durch einen schmalen Gartenpfad erst dem wilden Gedräng des Strandes außer Bereich, und dann, auf weniger begangenen, jetzt fast menschenleeren Wegen die Broomroad wieder hinauf, ihrer eigenen Heimath zu. Sie sah die hundertmal begangene Strecke, aber sie erkannte sie nicht wieder, und blickte erstaunt endlich umher, als sie vor ihrer eigenen Thüre stand, denn das Bild des Gatten mit dem schönen fremden Weib zuckte ihr vor ihren Blicken herüber und hinüber und wie eine entsetzliche Erklärung dazu lautete Aumamas Bericht von dem eigenen Schmerz, der eigenen Schmach.

Bei dem letzten unglückseligen Europäischen Tanz hatte Lefévre zum ersten Mal ihre eigene Schwester gesehen und sich toll und blind in sie verliebt. Nahuihua — der blitzende Stern im Norden — liebte aber seine Schwester zu sehr, ihr den Gatten abtrünnig zu machen und floh, und Lefévre verließ Weib und Kind und folgte ihrer Spur über die ganze Insel. Nur mit Gewalt konnten sich die Häuptlinge von Taiarabu, wo er sie endlich wieder aufgefunden, seiner tollen Leidenschaft entgegenstellen, und zornig abgewiesen war er erst heute nach Papetee, aber nicht in seine Heimath zurückgekehrt, selbst nach seinen Kindern zu fragen.

— Und René? —

»Hahahaha« lachte Aumama mit wildem Feuer im Blick — »Aia hatte recht — sie sind sich alle, alle gleich — Alle, Teufel mit ihren glatten Zungen und freundlichen Augen, und wenn sie die Blume gepflückt die ihnen im Wege stand, und sich an ihrem Duft einen Augenblick gefreut — werfen sie sie fort — sie geben ihr nicht einmal zum Welken Zeit« setzte sie mit weicherer wehzerschnittener Stimme hinzu, »und im Weg, von den Vorübergehenden getreten muß sie ihr junges hingemordetes Leben lassen. Aber Rache will ich haben, Rache beim ewigen Gott!« rief sie plötzlich sich hoch und stolz emporrichtend — »meine Kinder hab' ich schon in die Berge geschafft, in gute Pflege, daß sie mich nicht an meinem Ziel beirren, und der treulose Mann soll sehen, wie sich ein Tahitisches Mädchen zu rächen weiß.«

Aumama war in furchtbarer Aufregung, und Sadie schrak zurück vor der entsetzlichen Gluth und Wildheit die in ihren Zügen lag, und der sie das sonst so sanfte fröhliche Wesen nie für fähig gehalten hatte; sie wollte sie beruhigen, aber das gereizte Weib stieß sie zornig zurück, und der Schmerz löste sich erst in milden Thränen, als die Erinnerung an vergangenes, nie wiederkehrendes Glück sich Bahn brach durch Leidenschaft und Trotz.

Und Sadie saß noch lange, das frohe spielende sorglose Kind zu ihren Füßen, das Haupt der Freundin an ihre Brust gelehnt, Trost gebend wo sie selber o des Trostes so viel bedurfte, entschuldigend wo ihr selber das Herz brechen wollte in Angst und furchtbarer Qual.

Und René? —

Saß lachend und plaudernd neben Madame Belard, der schönen Susanna gerade gegenüber; sie sprachen von der Welt draußen, von Paris, von seinem Vaterland, sie lachten und scherzten, und als sich Susanna endlich an das Pianoforte setzte und mit fertiger Hand dem schönen Instrument so liebe bekannte Weisen entlockte, als ihm das Herz immer höher und höher schlug und das Blut heiß durch die Adern jagte, da — er mußte sich gewaltsam zurückhalten der schönen Spielenden nicht in zu glühenden Worten zu sagen wie glücklich sie ihn heute Abend gemacht, und mit wie schwerem Herzen er doch heute gerade nach Papetee gekommen — da fühlte er vielleicht zum ersten Mal den Abstand seines jetzigen Lebens mit der früheren Welt, die fest und abgeschlossen hinter ihm lag, die Brücke abgebrochen die hinüberführte — Zum ersten Mal brach sich der Gedanke in ihm Bahn an das was er gethan, und das Bild des alten Osborne, wie er im Lehnstuhl auf Atiu vor ihm saß, so ehrwürdig mit dem weißen Haar, so mild und ernst mit den freundlichen stillen Zügen, tauchte in ängstlicher Wahrheit vor ihm auf und blickte, wehmüthig mit dem Kopfe nickend und mahnend zu ihm herüber.

»Spiel' etwas Heiteres, Susanna« rief da Madame Belard, »unser junger Freund wird schon wieder ganz bleich und melancholisch — die Marseillaise ist heut besser hier am Platz, und nicht all das süße und weiche Gekose.«

Susanna ging rasch in die herausfordernden Töne des begeisternden Liedes über, und René fühlte wie ihn die Melodie hob und sich selber wiedergab — Großer Gott, wohin war er gerathen — was hatte er gethan? und mit dem Bewußtsein faßte ihn die Angst — die Reue. Nur fort von hier jetzt, fort, war der einzige Gedanke der in ihm lebte, und aufspringend griff er nach seinem Hut.

»Wohin?« frug Madame Belard erstaunt.

»Zu Hause —«

»Jetzt? — Sie werden doch erst Thee mit uns trinken — nicht einmal das Lied will der grobe Mensch aushören« rief die junge Frau erstaunt.

»Fehlt Ihnen etwas?« frug Susanna, mitten in der Melodie vom Instrument aufspringend.

»Nein — ja —« stammelte René — »schon zu lange bin ich hier gewesen — die beängstigende Luft — die späte Stunde — ich muß fort — Sadie auch ängstigt sich um mich.«

»Ach was, Sadie mag beten, bis wir Thee getrunken haben,« sagte mit komischem Aerger Madame Belard — »ich hatte nun so fest auf Sie heute Abend gerechnet.«

Der unzarte Scherz that ihm weh, aber bestärkte ihn nur mehr darin aufzubrechen — »Ich muß fort« sagte er bestimmt.

»Sie haben recht« unterstützte ihn aber auch jetzt darin Susanna, »Sadie muß sich ängstigen, wenn Sie noch länger auf sich warten lassen; aber dürfen wir Ihnen auch erlauben allein zu gehn? — wenn Sie nun wieder einen Anfall jener Schwäche —«

René dankte ihr der Sorge wegen, die sie um ihn trug, wies aber jede Angst um sich, lächelnd ab. Er fühlte sich, seiner Aussage nach, wieder vollkommen wohl, nur nicht länger zögern wollte er, und mit kurzem, fast verstörtem Gruß verließ er die Frauen, das Haus, und schritt hinaus in die dunkle, kühle, sterndurchschimmerte Nacht.

Aber das zurückgedrängte, mächtige Gefühl brach sich hier die Bahn — »Sadie — mein armes, armes Weib« flüsterten seine Lippen, während die Hände fest sich preßten auf das Herz — »armes, verrathenes Kind — Nein, nein,« rief er aber rasch und heftig aus — »noch ist es nicht zu spät, noch bin ich Dein — noch hab' ich die Kraft in mir das fremde Bild aus meiner Brust zu reißen, in die es, Gott nur weiß wie, die Bahn gefunden, und Dein will ich auch bleiben in treuer, wahrer, inniger Liebe. Sie haben Dir weh gethan von allen Seiten, Du hast keine Klage gehabt für mich, nur stille leise Thränen, und jede von den Thränen die ich verschuldet, brennt mir jetzt wie Feuer auf der Seele. Sadie mein trautes liebes Weib — Sadie!« —

Und mit der Sehnsucht im Herzen nach dem treuen Lieb, die seine Schritte beflügelte und ihn heimwärts drängte, wurde ihm auch wieder, mit der freien Luft, frisch und frei um das reugequälte Herz, und als er seine Sinne der Außenwelt wieder zuwandte, und das Rauschen hörte der wehenden Palmen, das Flüstern des dunkeln Laubes und das dumpfe Donnern der Brandung, wie vor alter Zeit, da war es ihm fast als ob ein böser, entsetzlicher Zauber von ihm genommen sei, mit dem Ton, und des trauten Weibes Bild, wie es sorgend und liebend daheim saß mit dem Kind, seiner kleinen, herzigen Sadie, tauchte mit neuer, kräftiger Gewalt in seiner Seele auf.

Mit flüchtigen Schritten, die seiner Ungeduld noch lange nicht folgen konnten, und fast keine Schwäche mehr fühlend, eilte er der stillen Heimath zu, und als ihn dort sein holdes Weib empfing, als sie ihr Köpfchen, selig in dem Bewußtsein daß er zu ihr zurückgekehrt — sie noch liebe und nicht verlassen habe, an seine Brust legte, und kein Vorwurf über ihre Lippen kam, der Blick den sie aufhob zu ihm nur voll von reiner heiliger Liebe glühte, da zog er sie an sein Herz, bedeckte ihre Stirn und Lippen mit seinen heißen Küssen und nun erst weinend, aber in einem Uebermaß von Glück, schlang Sadie ihren Arm um ihn, als er sie sein Weib, seine kleine süße Pu-de-ni-a nannte und sie bat guten fröhlichen Muthes zu sein, denn in den nächsten Tagen, in acht, sechs, vier, ja vielleicht morgen schon, wollten sie Tahiti ja wieder verlassen und hinüberziehn nach dem Land ihrer Sehnsucht, nach der Wiege ihrer Liebe, ihres Glücks — zurück nach Atiu.

»Nach Atiu« war Alles was Sadie erwiedern konnte, und in jauchzender Lust lag sie an des Gatten Brust und weinte laut.


Capitel 4.
Die Conferenz.

So gleichgültig die Insulaner, wenigstens scheinbar, die im letzten Capitel beschriebenen Vorgänge aufgenommen hatten, und so theilnahmlos sie der Entehrung ihrer Flagge, als etwas höchst Unwesentlichem zugesehn, so viel gewaltigere Aufregung rief es im Lager der Missionaire hervor, die einen entscheidenden Schritt Frankreichs wohl schon lange gefürchtet, aber doch nicht so schroff auftretend erwartet haben mochten. Das Zurückziehn der Englischen Fregatten war zu gleicher Zeit eine ihnen wohl verständliche, und für sie höchst unglückselige Demonstration, denn es bewies etwas, das in geradem Widerspruch mit den freundlichen und ermuthigenden Versprechungen des Englischen Ministeriums stand, und wovon die Französischen Fregatten schon jedenfalls Kenntniß haben mußten: daß nämlich England keineswegs gewillt sei dieses kleinen Inselreichs wegen einen Krieg mit Frankreich zu beginnen, sondern Tahiti und seine Königin dem Protektorat — man konnte ihm nicht mehr gut den Namen einer Entdeckung geben und wünschte doch derselben Erfolg — des Nachbarstaates überließ.

Das aber hieß dem Protestantismus den Boden unter den Füßen fortnehmen, denn die Franzosen brauchten jetzt nur Gleiches mit Gleichem zu vergelten, so packten sie die evangelischen Geistlichen auf ihre oder andere Schiffe und schickten sie, gleichviel wohin, nur fort von ihren Besitzungen. Aber das nicht allein; schon der Gleichberechtigung der anderen Confession hatten sie von frühster Zeit an mit allen Kräften entgegengearbeitet. Die katholische Religion sprach weit mehr zu den Sinnen, als das kalte protestantische Wesen der Geistlichkeit, jene erregte die Phantasie, diese ertödtete Alles mit ihrer nackten Unerquicklichkeit, nur in starrer Strenge den Glauben fordernd für das Unbegreifliche. Auch mehr Freiheit ließen die Katholiken den fröhlichen Kindern dieser glücklichen Zone, die nun einmal das unglückselige Vorurtheil hatten, daß Gott ihnen diese wunderschöne Welt auch zum Genuß geboten, die nicht begreifen konnten oder wollten daß der Palmenhain ihnen nicht zum Tanzen und Lachen, sondern zum Büßen und Beten so prachtvoll aufgerichtet sei, und das Herz frevle, das auf andere Weise zu seinem Gott bete, als sie es lehrten.

Der Erfolg den die Katholiken dabei schon auf den Sandwichsinseln gehabt hatte sie lange vorsichtig gemacht, und mußte ihnen jetzt die schwersten und begründetsten Befürchtungen aufdringen. Mit dem »Dublin« waren deshalb auch schon die dringendsten Aufrufe und Nothschreie an die Missionsgesellschaften in England erlassen, zuerst beim Ministerium, dann aber auch bei dem Englischen Volk Hülfe für die »Prediger in der Wüste« und ihre Gemeinden zu fordern, während bei der jetzigen entschieden feindlichen Handlung der Papisten allerdings die Hoffnung da war, daß das schwankende Ministerium eine entschiedenere Handlung den Uebergriffen Französischer Seeleute gegenüber, einnehmen würde. Hinhalten mußten sie deshalb hier vor allen Dingen die Entscheidung, die unbedingte Unterwerfung der Insulaner, aber das nicht allein, sie mußten auch Beweise, sprechende schlagende Beweise bringen, daß die Eingeborenen der Südsee das Französische Joch so sehr verabscheuten, wie sie sich nach der Englischen Mutterkirche sehnten, und daß sie bereit und entschlossen wären, wenn England die ihnen durch die Missionaire im Vertrauen auf das Englische Volk versprochene Hülfe nicht senden sollte, ihr Gut und Blut und Leben einzusetzen, die Unabhängigkeit ihrer Nation sowohl wie ihrer Seelen, zu erhalten.

Beides ließ sich zu gleicher Zeit durch augenblicklichen Widerstand — nicht allein mit machtlosen Protestationen eines Consuls, sondern durch Waffengewalt, erreichen, und war das Volk nur im Stand dem Feind so lange die Stirn zu bieten, bis die Berichte seiner Religionskämpfe nach England gelangen konnten, so zweifelten wenige der frommen Männer daran, daß England, gerührt durch solche Anhänglichkeit an den christlichen Glauben, auch ein Machtwort sprechen und schon dadurch die Feinde ihrer Flagge wie Spreu vor dem Winde zerstieben würde.

Hierbei hatten sie jedoch mit zwei nicht unbedeutenden Hindernissen zu kämpfen; zuerst mit der entsetzlichen Gleichgültigkeit der Indianer in allem was nicht zum täglichen Leben gehörte, und sie etwa gezwungen hätte irgend eine harte Arbeit zu thun, der sich ihre Theilnahmlosigkeit für die christliche Kirche paarte, und dann mit dem Mangel an Waffen, dem allerdings schon unter der Hand bedeutend abgeholfen war, aber doch jetzt nicht so ganz und auf einmal begegnet werden konnte.

Das erste mochte irgend eine glückliche Gelegenheit von selber heben; der Uebermuth der Franzosen, die nirgend Widerstand fanden, und das schöne Land schon fast in Händen zu haben glaubten, gab leicht die Gelegenheit dazu, aber dem zweiten Uebelstand mußte durch andere Mittel abgeholfen werden, und diese durfte man unter keiner Bedingung länger als nöthig hinausschieben.

Der nächste Ort Waffen zu bekommen war Valparaiso, nach ihm Sydney, und nach beiden Häfen hatten umsichtige Amerikaner schon vor längerer Zeit Fahrzeuge abgesandt, dort aufzukaufen was sie bekommen könnten, und so rasch als möglich damit zurückzukehren. Die Schiffe aber durfte man selbst mit dem günstigsten Winde noch nicht zurückerwarten, und es blieb dann noch immer die Frage, wie die Ladung unter den jetzigen Verhältnissen würde an Land zu bringen sein, wo die Franzosen sicherlich Alles thaten solche, und ihnen die gefährlichste, Zufuhr zu verhindern.

Mr. Noughton, der Amerikanische Kaufmann, hatte aber auch noch andere Verbindungen, und wenn er sich auch nicht gerade übergern mit solchen Sachen einließ, doch zu viel kaufmännischen und speculativen Geist sich ein gutes Geschäft durch die Finger schlüpfen zu lassen, wenn er es eben dazwischen halten konnte. Er selber stand mit den Protestantischen Geistlichen auf sehr vertrautem Fuß, und durch diese auch mit den Protestantischen Häuptlingen, wie ihm denn überhaupt nichts mehr verhaßt war, als das Französische und dadurch Katholische Regiment. Daß er mit den einzelnen dort angesiedelten Franzosen auf freundschaftlichem, wenigstens gesellschaftlichem Fuße stand, war die Schuld der Handelsinteressen, die er nie aus den Augen ließ — selbst nicht in der Kirche.

Mr. Noughton war in seinem Zimmer mit dem Consul Pritchard, und der letztere ging, mit auf dem Rücken gelegten Armen, rasch und finster auf und ab, und schien ein eben gehabtes, keinenfalls angenehmes Gespräch, zu überdenken.

»Und ich habe doch recht, Mr. Noughton,« sagte er endlich, vor dem Kaufmann stehn bleibend und ihm fest in's Auge sehend, »England kann und darf uns nicht in dieser Verlegenheit stecken lassen, denn nicht allein seine Interessen, nein seine Ehre steht hierbei auf dem Spiel und ich habe von dem Earl von Aberdeen das feste Versprechen schleuniger und entschiedener Hülfe, wenn ein gegen die bestehenden Verträge gerichteter Gewaltschritt der Franzosen ihnen nur die entfernteste Rechtfertigung vor den übrigen Staaten geben würde.«

Der protestantische Geistliche und jetzige Englische Consul war ein hochgewachsener, stattlicher Mann, mit freier offener Stirn und ein paar klaren, klugen grauen Augen, aus denen jetzt ein lebendiges, reges Feuer sprühte — sein volles Kinn war glatt rasirt und er trug nur einen halben aber starken, krausen Backenbart, und ging in Civil gekleidet, mit etwas langem, noch nach dem Geistlichen schmeckenden Rock und weißer Halsbinde und Weste.

»Bah, bah, bah« sagte der Amerikaner, eine lange hagere Gestalt, an der nur die Augen Feuer zu haben schienen, kopfschüttelnd — »wir kennen solche Redensarten — der Earl von Aberdeen steht überhaupt in dem Ruf als ob er ein etwas Indianisches Temperament habe, das nur heute Ruhe verlangt, und dem Morgen sich selber überläßt. Das sind Redensarten, mit denen wir hier nicht vom Fleck kommen, und Sie müssen bedenken daß zwischen jedem Brief von hier nach England, herüber und hinüber, immer zehn Monat Zeit liegen — ein unberechenbares Capital für den, der den Augenblick zu benützen versteht. Die Franzosen hier werden handeln und die Engländer werden protestiren, denn beide Theile wissen recht gut, daß zwei große Nationen, mit den Gefahren eines Europäischen Umsturzes vor sich, nicht eines solchen Fleckchens Erde wegen einen Krieg anfangen können; so lange sie nur im Stande sind den Anstand nach Außen zu bewahren, können Sie sich darauf verlassen daß nichts Ernstliches zu ihrem Vortheil hier geschieht.«

»England muß!« rief Mr. Pritchard.

»Ach was, England muß nie, wenn es nicht selber will, und wenn es überhaupt wollte, hätte es die Sache schon gar nicht so weit brauchen kommen zu lassen. Wenn Ihnen Ihr Earl Aberdeen, statt Privatversprechungen eine Depesche für den Talbot, oder irgend ein anderes Kriegsschiff Ihrer Majestät mitgab, und das dem Französischen Cabinet zu wissen that, so müßte ich mich sehr irren, oder Du Petit Thouars kreuzte jetzt noch an der Chilenischen Küste herum, oder läge ruhig im Hafen von Valparaiso, höchstens bei den Marquesas-Inseln vor Anker. Da das nicht geschehn ist, wollen die Leute auch so wenig von der Sache hören als angeht, und das Einzige was uns in dem Fall zu thun übrig bleibt, ist so viel Spektakel als möglich zu machen und sie nicht ruhen und rasten zu lassen — vielleicht bekommen sie's dann mit der Zeit satt und schlagen zu, nur um des Friedens, um der Ruhe willen.«

»Aber was können wir thun?« rief in Unmuth der Consul — »wenn ich nicht Consul und — Geistlicher wäre, beim Himmel, ich griffe selber zu den Waffen und stellte mich an die Spitze der Insulaner, ihnen ihr Vaterland vertheidigen zu helfen. Nie, so lange die Welt steht, so lange wir eine Geschichte haben, ist ein feigerer Einfall unter einem matteren Vorwand, auf ein friedliches, harmloses Volk geschehen und — geduldet worden.«

»Glauben Sie daß das Volk überhaupt kämpfen würde, wenn es Waffen hätte?« frug Mr. Noughton.

»Ich bin überzeugt davon« erwiederte der Consul, »übrigens sind Waffen auf der Insel, besonders haben die uns ergebenen Häuptlinge — einen solchen Fall gerade nicht für unmöglich haltend — eine ziemliche Quantität Munition, Pulver und Blei irgendwo in ihren Verstecken, in den verschiedenen Ansiedelungen — die anderen Inseln sind sogar reichlich damit versehen.«

»S—o—o« sagte Mr. Noughton, sich das Kinn streichend und die Lippen vorn etwas mehr als gewöhnlich zusammenziehend — »in den Kisten waren wohl nicht lauter Bibeln?«

Mr. Pritchard setzte seinen Weg durch das Zimmer wieder fort und entgegnete gleichgültig:

»Ich weiß nicht wann und auf welche Art sie hier gelandet sind — es ist, wie ich höre, während meiner Abwesenheit geschehen, aber verdenken kann ich's den Leuten nicht, daß sie sich mit den Mitteln versehen, ihr Haus, ihren Glauben vertheidigen, wenn Beides widerrechtlicher, ja widernatürlicher Weise nicht allein mehr bedroht, nein wirklich angegriffen und ihnen entrissen werden soll. Der schwache Vogel selbst vertheidigt sein Nest gegen Schlange und Marder, und wenn uns die christliche Religion gebietet Blutvergießen zu vermeiden und lieber ein geringes Unrecht geduldig zu ertragen, so verlangt sie nicht von uns, daß wir uns feige dem Schlimmsten unterwerfen sollen. »Und der Herr sprach zu Josua: Fürchte Dich nicht und zage nicht, nimm mit Dir alles Kriegsvolk und mache Dich auf und ziehe hinauf gen Ai — und die Bewohner von Ai fielen Alle durch die Schärfe des Schwertes, bis daß sie Alle umkamen.«

»Ja das ist Alles recht schön und gut« sagte Mr. Noughton, den Zeigefinger an der Nase und nachdenkend vor sich niederschauend; »ich habe auch nicht den mindesten Zweifel daß uns der liebe Gott eine Opposition gegen den großprahlerischen Franzmann mit dem größten Vergnügen vergeben wird — aber ich weiß nur noch nicht ob wir die Insulaner eben zum Zuschlagen bringen und — wer bezahlt nachher die Waffen?«

Mr. Pritchard biß seine Lippe und sagte nach kleiner Pause:

»So viel ich weiß sind die an Land befindlichen schon bezahlt, ich wüßte wenigstens nicht wie sie sonst in den Besitz der Häuptlinge kommen sollten, und weiter sind noch keine anderen da — warten wir bis sie kommen, das Uebrige findet sich.«

»Aber ich habe eine ziemliche Quantität aufgetrieben und gewissermaßen auch schon gekauft« erwiederte Mr. Noughton, »es fragt sich nur jetzt ob Sie dieselben übernehmen und weiter darüber verfügen wollen, denn aufrichtig gesagt möchte ich mit den Häuptlingen selber, die gar keine Idee von Geld und Geldeswerth haben, nicht gern ein solches Geschäft abschließen, da man überdies auch gar nicht weiß wie die ganze Sache abläuft und ob die guten Leute nachher noch überhaupt eine Cocosnuß übrig behalten, womit sie bezahlen könnten, selbst wenn sie ehrlich genug wären zu wollen.«

»Ich kann und will, ja darf mich mit der ganzen Sache nicht einlassen« sagte Mr. Pritchard nach kurzem Besinnen kopfschüttelnd, »aber es interessirt mich natürlich die Quelle zu kennen, aus der Sie hier zu schöpfen hoffen. Ist es ein Englisches Schiff?«

»Die Kitty Clover —«

»Ah der Wallfischfänger — diese Kitty hat auch Spirituosen an Land geschafft, aber ohne daß wir im Stande waren ihr auf die Finger zu klopfen, und wie ich höre waren alle Vorkehrungen dagegen getroffen; Sie müssen schlaue und mit der Küste hier sehr vertraute Leute an Bord haben.«

»Der eigentliche Unterhändler lebt hier an Land« entgegnete Mr. Noughton, »aber das ist Alles Nebensache, wenn ich nur erst die Gewißheit hätte, daß es hier zu einem wirklichen Kampf käme, und die Insulaner nicht ihren Regierungswechsel eben so ruhig und gleichgültig mit ansehen werden, als gestern den Flaggenwechsel, der sie, zu meinem Erstaunen, entsetzlich kalt ließ.«

»Wenn die Franzosen Ernst mit ihrer Drohung machen« entgegnete Mr. Pritchard rasch, »und nicht eben nach dieser einfachen Demonstration wieder in See gehn, Pomare wie ihre Häuptlinge in sonst ungestörtem Besitz der Insel zu lassen, so läuft auch die förmliche Besitzergreifung, wo sie dann ja die Zügel der Regierung in die Hand nehmen und das Pabstthum proklamiren werden, nicht unblutig ab, und ein Leben genommen und die ganze Insel greift mit einem Schlag zu den Waffen.«

»Sie glauben also wirklich —«

»Ich bin fest überzeugt davon.« —

»Nun dann kommt da unten Freund Mac Rally, der Master des Wallfischfängers draußen, gerad' apropos die Straße nieder — he Sir!« — und an's Fenster klopfend winkte er dem Schotten, der überdies schon die Richtung gerade nach dem Hause zu hatte, und dessen rascher Schritt bald auf der hölzernen Treppe gehört wurde. Wenige Secunden später betrat Mac Rally das Gemach und wollte sich eben nach kurzem Gruß an den Kaufmann wenden, als er die dritte Person im Zimmer sah, still schwieg und sich mit einem fragenden Blick nach dem Amerikaner umschaute.

»Es ist ein Freund von mir, ein Geistlicher« sagte Mr. Noughton und winkte Mac Rally Platz zu nehmen.

»Ein Missionair, so?« sagte der Seemann, Mr. Pritchard etwas mißtrauisch betrachtend, bei seinem Branntweinschmuggeln hatte er die Leute nicht eben als Freunde kennen gelernt, und er wußte nicht wie weit der anwesende gerade mit seiner nicht unbedeutenden Thätigkeit in diesem Geschäftszweig bekannt sein mochte; außerdem haßte er Missionaire. Hier galt es übrigens eine Geschäftssache, in der er wußte daß ihm der geistliche Mann nicht entgegen sein würde, und er sagte rasch:

»Mit unserem Handel wird es wohl Nichts werden, Mr. Noughton — es ist zu spät.«

»Wie so?« frug der Kaufmann rasch und erschreckt — »Sie dürfen jetzt kein höheres Gebot mehr machen, denn ich habe die Bestellung fest gemacht, wie Sie recht gut wissen — die Waffen sind mein

»Und sollen die Ihrigen bleiben, mit dem größten Vergnügen,« lachte der Seemann, »wenn Sie nur wissen sie an Land zu schaffen.«

»Und geht das nicht mehr auf dem gewöhnlichen Weg?«

»Was für Einer ist das?« frug Mr. Pritchard — der Seemann glaubte aber nicht eine Antwort darauf schuldig zu sein, sondern sagte achselzuckend:

»Die Franzosen haben in der That Besitz von Tahiti genommen; Posten sind ausgestellt an allen Plätzen wo es nur einigermaßen möglich ist zu landen, und eben wird eine Proclamation in Tahitischer, Französischer und Englischer Sprache angeklebt, nach der, unter anderem, Boote nicht einmal mehr nach Dunkelwerden in der Bai fahren, viel weniger an Land kommen dürfen.«

»Den Teufel auch« sagte Mr. Noughton, »und das müssen Sie sich hier von einem Anderen erzählen lassen?«

Mr. Pritchard zuckte mit den Achseln und sagte leise:

»Gegen rohe Gewalt hab' ich keine Macht und keine Aufträge anzustürmen; das muß der Zeit überlassen bleiben.«

»Zeit« brummte der Seemann ungeduldig — »die wird Einem dabei auch nicht gerade im Uebermaß zugemessen — morgen muß ich in See sein.«

»Und was haben Sie so zu eilen?« sagte Mr. Noughton.

»Das fragen Sie den Französischen Admiral« brummte der Engländer — »ob sie mich hier in Verdacht haben, oder ob ihnen irgend etwas verrathen ist, ich weiß es nicht, aber so viel ist gewiß, daß ich den Befehl bekommen habe was ich an Wasser und Provisionen brauche heute in Ordnung zu bringen, und morgen mit dem Landwind also etwa um neun Uhr, in See zu gehn. Das ist »kurz und süß« wie sie bei uns sagen.«

»Die Franzosen thun wirklich, als ob sie hier schon die Herren wären« sagte Mr. Pritchard.

»Thun so, Sirrah?« rief Mac Rally — »und verdammt gute Ursache dazu, denn sie sind's, so lange Sie nicht die Indianer dazu bringen können mit Macht über sie hereinzubrechen — und damit sieht's windig aus. Hätten Sie die Leute ein Bischen weniger beten und ein Bischen mehr ihre gesunden Glieder brauchen und ihre Waffenübungen nicht ganz vernachlässigen lassen, so wären die heidnischen Spiele dem lieben Gott jetzt selber zu Hülfe gekommen; jetzt können sie weiter Nichts wie mit Bibeln drein werfen, und daran stirbt Keiner — die Langeweile müßte sie denn wieder forttreiben.«

Mr. Pritchard legte den Kopf zurück und drehte ihn zur Seite, aber er erwiederte kein Wort; Mr. Noughton ging mit ineinandergeschlagenen Armen im Zimmer auf und ab, und murmelte leise etwas vor sich hin, endlich blieb er vor Mac Rally stehn, und frug, ihn finster dabei ansehend:

»Und was sagt Jim dazu?«

»Jim ist ein Tollkopf« brummte der Engländer — »ein richtiger Ire, dem nicht wohl ist wenn ihm nicht Jemand den Schädel zerschlägt, oder wenn er nicht denselben Liebesdienst Jemand Anderem erweisen kann.«

»Also er meint es sei wirklich möglich sie heute Abend an Land zu schaffen?« frug Mr. Noughton schnell.

»Der sagt zu Allem ja« knurrte Mac Rally.

»Nun also, was haben wir denn da noch außerdem für Hindernisse?«

»Er verlangt daß ich ihm die Gewehre und was dazu gehört, in wasserdichten Fässern an eine gewisse Stelle in Matawai Bai liefere und das ginge allenfalls; aber dorthin haben die verdammten Franzosen wahrhaftig auch heute Morgen eine Schildwacht gestellt, wie überhaupt an jeden Corallengang durch den mehr als ein Canoe einfahren könnte, und ich kann meine Leute nicht dazu riskiren. Wenn sie entdeckt werden, und das ist kaum anders möglich, so wird jedenfalls auf sie geschossen, oder doch der Alarm gegeben, und sie stecken mir nicht allein die Leute ein, und der ganze Transport ist verloren sondern sie — visitiren mir auch am Ende noch das Schiff und — das wäre mir unangenehm.«

»Posten schon überall ausgestellt?« rief Noughton erstaunt, »ei dann zeigen sich die Monsieurs schon allerdings als Herren der Insel und es hat keine Gefahr mehr, daß mir die Gewehre auf dem Lager blieben — Mac Rally Sie müssen wahrhaftig Rath schaffen; mit einer einzelnen Schildwache läßt sich am Ende auch noch sprechen.«

»Sprechen, ja, aber nichts durchbringen« brummte der Wallfischfänger — »Sie haben auch Nichts dabei zu riskiren, ich aber desto mehr, und nehme da lieber die paar hundert Stück Gewehre wieder mit in See; in Huaheina oder Bola Bola find' ich, wenn auch nicht so gute Preise doch mehr Sicherheit.«

»Wo müßten sie denn gelandet werden?« frug der Geistliche.

»Der einzig mögliche Platz wäre Matawai Bai und zwar in der Einfahrt, in der früher ein alter Missionair wohnte, der leider Gottes gestorben ist — jetzt sitzt ein Franzose drin — ja zwei eigentlich, denn dicht daneben wohnt noch Einer, und außerdem hat sich der Posten gerade überhalb der beiden Häuser in eine alte, nicht mehr benutzte Hütte placirt, der, wie ich gehört habe, alle zwei Stunden von Papetee aus abgelöst werden soll, während die weiter unten befindlichen mit einem anderen, dorthin gelegten Detachement in Verbindung stehn.«

»Und könnten wir nicht unter oder über der Vorposten-Grenze landen?« frug Mr. Noughton.

»Nein« sagte der Seemann, kopfschüttelnd, »erstlich nimmt das zu lange Zeit weg, und selbst das nicht einmal gerechnet, müßte ein Boot auf dem Binnenwasser und dicht am Strande hin völlig Spießruthen bei den Posten laufen, und es wäre rein unmöglich es unentdeckt an den Ort seiner Bestimmung zu bringen, während dorthin gerade die Ladung im Schatten der Riffe und später der Palmen die größte Wahrscheinlichkeit sicherer Landung für sich hat.«

»Das ist das Haus wo Monsieur Delavigne wohnt« sagte Mr. Noughton — »und sein Nachbar heißt Lefévre.«

»Ich glaube das sind die Namen« brummte der Alte, »kommt aber nicht d'rauf an wie, sondern wo sie getauft sind.«

»Hm, hm, hm« sagte der Amerikaner, nachdenkend im Zimmer auf- und abgehend — »ich glaube — lassen Sie mich einmal sehn — ich glaube Bruder Rowe hat Zutritt da im Haus —«

»Wird ihm wenig helfen« meinte Mac Rally.

»Kann ich einmal mit Jim sprechen?« frug Noughton, vor dem Seemann stehen bleibend.

»Ich wollte selber ich könnte seiner habhaft werden« erwiederte dieser, »aber wie mir Bob, mein Zimmermann sagt, hat er alle Ursache sich nicht bei Sonnenschein zwischen den Franzosen blicken zu lassen — es müssen alte Geschichten sein. In den Guiaven drin steht aber ein Haus, wo er zu finden sein soll.«

»Bei der alten Irischen Hexe?« frug der Amerikaner.

»Nein, da kommt er seit jenem Abend, wo sie ihn beinah einmal abfaßten nicht mehr hin — 's ist nicht so weit draußen und ich kenne die Stelle — und was sagen Sie dazu, Mr. Pritchard?«

Bei Nennung des Namens drehte sich der Wallfischfänger rasch nach diesem um, der Consul aber sagte achselzuckend:

»Ich kann in meiner Stellung Nichts dabei thun, Mr. Noughton, obgleich ich den Insulanern jeden Erfolg gegen ihre Feinde wünsche.«

»Sie sind Consul hier in Papetee?« sagte Mac Rally.

Mr. Pritchard machte eine bejahende Bewegung mit dem Kopf.

»Dann werd' ich Sie bitten mir heute Nachmittag meine Papiere in Ordnung zu bringen« bat der Engländer — »'s ist jedenfalls besser ich habe die regulirt.«

»Kommen Sie nachher zu mir, ich werde es Ihnen besorgen.«

»Mac Rally,« sagte Mr. Noughton, »thun Sie mir einmal den Gefallen, zu Mr. Rowe zu gehn und ihn zu bitten, mich heute Morgen, sobald er möglicher Weise kann, auf einen Augenblick zu besuchen; ich hätte etwas sehr Wichtiges mit ihm zu besprechen; wollen Sie?«

»Ich will gleich von hier zu ihm gehn — und unser Geschäft?«

»Sein Sie nachher um elf Uhr hier wieder im Haus. Sie können mich zu dem Haus führen, wo wir Jim O'Flannagan treffen mögen?«

»Gewiß kann ich« brummte dieser, »aber es wird dann die höchste Zeit daß etwas geschieht, wenn wir's überhaupt noch ausführen wollen.«

»Haben Sie Alles gepackt und in Ordnung?«

»Schon seit heute Morgen um sechs Uhr.«

»Gut — überlassen Sie dann das andere mir — und Mr. Rowe?«

»Schicke ich Ihnen unter Adresse und Frachtbrief augenblicklich ins Haus — guten Morgen Gentlemen,« und sich langsam auf seinen Hacken umdrehend, drückte er die Thür hinter sich ins Schloß, und ließ die beiden Männer allein, die sich bald darauf in eine sehr lebhafte aber mit leiser Stimme geführte Unterhaltung vertieften, in der sie erst wieder gestört wurden, als sich der ehrwürdige Mr. Rowe unten anmelden ließ.


Capitel 5.
Susanna.

Der Admiral Du Petit Thouars hatte allerdings die Inseln der Königin Pomare, worunter er damals die beiden Gruppen der Gesellschafts- und Georgen-Inseln verstand, im wahren Sinn des Worts in Besitz genommen, und dachte, allem Anschein nach, gar nicht daran, sie, wie das vorige Mal, als es bei einer Protectoratserklärung geblieben, wieder vollkommen zu verlassen, wenigstens von Militair zu entblößen. Der Admiral suchte sich einzureden daß Pomare in ihrem Widerstand gegen ihn zu weit gegangen sei, und dem zu begegnen fiel er in denselben Fehler, der ihm freilich für den Augenblick nicht soviel Schaden bringen konnte, da er gerade der Stärkere war.

Recht gut wußte er dabei daß die Insulaner, wenn nicht unnöthiger Weise gereizt, eben durch ihre Eifersucht unter sich, und bei dem Haß, den ein Theil derselben gegen die strenge Herrschaft der Missionaire hegte, nicht leicht persönlichen Widerstand leisten würden, außer, durch die Fremden, besonders die Missionaire selber angereizt und dem vorzuarbeiten, ehe ein förmlicher Bruch herbeigeführt werden konnte, that er natürlich Alles was in seinen Kräften stand. Die protestantischen Geistlichen wurden schon an und für sich gleich gewarnt, das Volk nicht gegen die jetzige rechtmäßige Regierung aufzureizen, und außerdem noch eine Proclamation erlassen worin jeder Fremde, der gegen die Französische Oberherrschaft sprechen (man sagte nicht predigen) würde, augenblicklich von der Insel, überhaupt aus den Gruppen zu verweisen sei; es war das ein Paragraph der die Missionaire am schwersten traf, und auch, besonders in England, von ihnen am meisten angegriffen und verdammt wurde.

Ebenso vorsichtig mußten sich die Franzosen dagegen zu wahren suchen daß Waffen und Munition den Insulanern durch ihre Freunde zugeführt wurden, und eins der eben eingelaufenen Schiffe erhielt augenblicklich die Ordre die Insel zu umschiffen und verdächtige Fahrzeuge abzuweisen, während die hier liegenden Engländer, von denen man aber nur das kleine Kriegsschiff in Verdacht haben konnte, ebenfalls scharf bewacht wurden. Auch Spirituosen suchte man den Insulanern fern zu halten, sie nicht aufzureizen und zu Excessen zu treiben, die unter den jetzigen Verhältnissen leicht einen ernsten Charakter annehmen konnten, und es war deshalb auch daß die Kitty Clover, von der man ziemlich genau wußte daß sie unter der Hand Spirituosen an die Insulaner verkaufe und auch noch eine ziemliche Quantität derselben an Bord habe, Befehl erhielt die Bai am nächsten Morgen zu verlassen. Niemand vermuthete daß sie auch noch weit gefährlichere Waffen zum gelegentlichen Handel bei sich führe, die Mac Rally übrigens auch wohlweislich einer ziemlich genauen Visitation seines Schiffes, sollte dieselbe ja stattgefunden haben, aus dem Weg gesteckt hatte.

Außerdem aber waren die Französischen Soldaten streng beordert die Eingeborenen freundlich zu behandeln, und ihnen strenge Strafen angedroht, wenn sie dieselben durch Erpressungen, Mißhandlungen oder sonstigen Uebermuth reizen und dadurch Anlaß zu Streitigkeiten geben würden.

Den Fremden war ebenfalls ihr Eigenthum vollständig gesichert, nur sollten sie sich, wie schon erwähnt, jeder böswilligen Einwirkung auf die Insulaner enthalten, oder der Folgen dafür gewärtig sein.

Auch eine Regierung hatte der jetzt allmächtige Admiral ernannt, einen Regierungsrath wenigstens aus drei Personen bestehend, Mr. Aubigny, Capitain der Corvette Ambuscade, Lieutenant Clou und Mr. Moerenhout, und die Wahl des Letzteren besonders kränkte Pomare tief, da sie wußte wie er von jeher ihr gesinnt gewesen, während die Missionaire in dem ihnen gerade feindlich gesinnten Mann einen vollständigen Beweis sahen, was sie für sich von der neuen Ordnung der Dinge zu erwarten hätten.

Viel Zeit durften sie aber auch nicht verlieren, denn noch an demselben Abend lief der Französische Kriegsdampfer, der Cormorant ein, und ein dumpfes Gerücht durch die Stadt daß der ganze übrige Theil der, bis jetzt noch an den Marquesas-Inseln stationirten Flotte, ebenfalls hier eintreffen würde, den Eingeborenen zu imponiren, und ihnen zu beweisen wie fruchtlos jeder Versuch des Widerstands gegen eine so gewaltige Macht unter jeder Bedingung für sie ausfallen müßte.

Die Eingeborenen fingen jetzt erst an wirklich stutzig zu werden, denn das ganze Benehmen der Fremden hatte diesmal einen weit anderen Charakter wie früher. Die ausgestellten Posten, das gelandete und ohne weiteres in einem der Pomare gehörigen Häuser untergebrachte Militair — die Besitznahme der kleinen in der Mündung der Bai liegenden Insel Motuuta, von jeher der Königssitz und in der That Lieblingsaufenthalt der Pomaren, wo die Königin sogar ihren Knaben geboren, und wohin jetzt ohne weiteres mächtige Kanonen geschafft wurden, die gar nicht aussahen als ob sie blos für die kurze Dauer des Aufenthalts der Schiffe da liegen bleiben sollten; vor allen andern Dingen aber das jetzt plötzlich so scheue und zurückhaltende Wesen ihrer Missionaire, das sie an ihnen wahrlich nicht gewohnt waren, machte sie stutzen, und flößte ihnen zum ersten Mal die ernstliche Besorgniß ein, daß doch wohl nicht Alles so geschwind wieder vorüber gehn würde und auch nicht genau so sei, wie ihnen die frommen Lehrer bis jetzt erzählt haben mochten.

Mr. Pritchard allein blieb sich, auf seine Stellung als Englischer Consul fußend, ja vielleicht trotzend, treu in dieser Zeit. So unbekümmert die Franzosen irgend etwas gegen die Religion eines fremden Staates und deren Vertreter unternahmen, und auch vielleicht unternehmen konnten, so vorsichtig mußten sie jedenfalls zu Werke gehn, wo sie es mit der Diplomatie und dadurch auch mit den Rechten desselben zu thun bekamen, und als Consul stand er, wie er recht gut wußte, unter dem direkten und unmittelbaren Schutz seines Vaterlandes. Die Eingeborenen verstanden aber diesen Charakter gar nicht; ihnen war Mr. Pritchard noch immer der Mitonare und Lehrer von früher her, nur mit mehr Autorität vielleicht als früher, da er die anderen Geistlichen oft in seinem Hause versammelte, mit ihrer Königin in stetem Verkehr stand, und dann auch durch die neue Reise noch gewaltig in ihrer Achtung gewonnen hatte. Jedenfalls kam er jetzt gerade von dem Land der Beretanis, mußte also am besten wissen was sie von dort zu hoffen hätten, und ob die Engländer Schiffe senden würden sie und ihre Religion zu unterstützen, oder ob sie auf sich selber verlassen bleiben sollten, den zahlreichen Feuerschlünden des mächtigen Feindes gegenüber.

Die anderen Missionaire hatten, durch die Drohung des Admirals eingeschüchtert, nicht gewagt, eine bestimmte Antwort zu geben, und die Gläubigen auf die Bibel und den lieben Gott vertröstet, der die Seinen schützen und schirmen würde in schwerer Noth und Angst. Mr. Pritchard dagegen sprach zu ihren Herzen, und sein Ruf an sie muthig zu sein und nicht zu verzagen war mehr ein Aufruf zu den Waffen, als ein Trost.

»Widerrechtlich hatten die Feranis die Flagge Pomares niedergezogen, widerrechtlich setzten sie eine Regierung ein, dem direkt ausgesprochenen Willen Englands gegenüber, daß das Land sich frei und unbelästigt des Friedens Segen und der christlichen Religion erfreuen könne. Mit Kanonen und Bayonnetten überwältigten sie ein stilles harmloses Volk und die »Baals-Priester« zogen im Lande umher, dem Feinde Seelen zu gewinnen. Er protestirte von Anfang an feierlich gegen jede Französische Autorität auf der Insel, die er unter keiner Bedingung anerkennen würde, und wahrte sich das Recht zu dem Volke zu reden und ihm zu rathen, wie es ihm gut dünke, und wie er es in seinem Amt als Englischer Consul sowohl wie Missionair vor seinem Gewissen und seiner Regierung, aber nicht vor dem Französischen Admiral zu verantworten habe.«

Die Insulaner hielten sein Haus förmlich belagert, denn der Mann, wie sie erst einmal die wahre Absicht der Fremden verstanden, sprach ihnen aus der Seele, aber noch mehr — er versprach ihnen auch Englische Hülfe von der zuerst einkommenden Englischen Fregatte, während mit dem Dublin schon die Klagen und Beschwerden sämmtlicher Missionaire nach England abgegangen waren.

Es läßt sich denken daß die Französischen Autoritäten, den Protestantischen Geistlichen überdies nicht gewogen, die Aufreizungen dieses Mannes mit Aerger und Verdruß ansahen und nur durch seine officielle Stellung noch zurückgehalten wurden, etwas Ernstliches und Entschiedenes gegen ihn zu unternehmen. Dazu brauchten sie aber irgend eine gegen ihn sprechende Thatsache als Vorlage, und eine solche mußte jedenfalls erst abgewartet werden.

Spione umgaben ihn dabei genug, aus seinen Reden an das Volk irgend eine, direkt zur Empörung aufreizende Aeußerung zu finden, Mr. Pritchard war aber klug genug sich keine solche Blöße zu geben, und der Zorn der Französischen Officiere gegen ihn stieg von Stunde zu Stunde.

René beschloß indessen sich von jeder Betheiligung an den politischen Ereignissen vollkommen entfernt zu halten; er mochte natürlich nicht gegen seine Landsleute kämpfen, so sehr er auch fühlte daß den Eingeborenen hier unrecht geschah, und natürlich noch viel weniger diesen feindlich entgegentreten, mit denen er durch sein Weib in so nahe und freundliche Beziehung gekommen war.

Je mehr er aber über sein künftiges Leben auf den Inseln nachdachte, desto mehr fühlte er sich davon überzeugt, wie er solcher Art, und gewissermaßen zwischen zwei Feuern, in Papetee jedenfalls eine höchst unangenehme, ja gefährliche Stellung für die Zukunft einnehmen müsse, denn von beiden Partheien wäre er, wenn er es mit keiner offen hielt, auch rettungslos verdächtigt worden. — Er wollte Papetee — Tahiti verlassen und drüben in Atiu, in der stillen Zurückgezogenheit seines häuslichen Glücks konnte er bald die Welt um sich her vergessen — verachten. Sorge um seinen Lebensunterhalt brauchte er nicht zu haben, Gott hatte den Tisch der Eingeborenen dort mit seinen reichsten Gaben überdeckt — ein fröhliches, gutmüthiges Volk bewohnte die Insel, und mit Sadie an seiner Seite —

Und Susanna? —

Fort mit dem Gedanken an sie — an Alles was sie umgab, gerade hier lag die Gefahr für ihn, für sein häusliches Glück, und er fühlte recht gut selber wie er zu schwach, viel zu schwach sei, den immer aufs Neue auf ihn eindrängenden Verführungen lange widerstehn zu können.

Er liebte Sadie aus tiefster innerster Seele, und dennoch hatte er den Zauber, die Gewalt die diese Liebe über ihn ausüben sollte, überschätzt — dennoch fühlte er, wie er jetzt flüchten müsse mit ihr, sich selber zu entgehn und seiner Leidenschaft; flüchten, einer Gefahr auszuweichen, die drohend über ihrem Glücke hing, und in dem Gefühl lag das Bewußtsein seiner Schwäche; gewaltiger noch daß er nicht wagte es sich selber zu gestehn, gefährlicher für ihn, daß er je geglaubt hatte es besiegen zu können, ja selbst jetzt noch sich selber damit täuschen wolle daß er nach freiem Willen handle.

Schon an diesem Tag begann er seine, jedoch eben nicht so bedeutenden Vorbereitungen, Tahiti zu verlassen, und Sadie sah den Eifer mit dem er es betrieb und dankte ihm in ihrem Herzen dafür. Glücklicher fast als der Gedanke ihr liebes, freundliches Atiu nun bald wieder zu sehn, es nie mehr zu verlassen, machte sie das Bewußtsein des Gatten Liebe noch zu besitzen und sich in jener furchtbaren Stunde — so entsetzlich ihr selbst jetzt noch die Erinnerung daran war — getäuscht zu haben. Er konnte jenes fremde schöne Mädchen nicht lieben, hätte er sonst so geeilt aus ihrer Nähe zu kommen? und daß es ihn gerade zurück nach Atiu zog, war ihr ja der Bürge für ihr schönstes Glück — für den Frieden ihrer Seele. Wie weh that es ihr jetzt daß Aumama nicht bei ihr geblieben war, Zeuge ihres Glücks zu sein; das wilde Mädchen hatte sich aber nicht länger halten lassen und war noch lange vor Abend schon in ihrem Canoe allein nach Taiarabu aufgebrochen, dort bei der Schwester zu bleiben; ja vielleicht — sie hatte ihr zornig klopfendes Herz fest festhalten müssen, als sie der Freundin die Worte zuflüsterte in denen ihr ganzes Elend lag — dort, dort noch einmal dem treulosen Gatten zu begegnen, und Rechenschaft von ihm zu fordern, für ein mißhandeltes, zertretenes Leben.

Arme Aumama.

René hatte sich von der Mission einen kleinen Cutter zu verschaffen gewußt, seine Sachen und was er sich an Bequemlichkeiten auf der Insel angekauft, gleich mit einem Mal nach ihrem alten Wohnplatz hinübertransportiren zu können, und derselbe wurde schon an dem nämlichen Nachmittag, ein Beweis wie es ihm Ernst war um seinen Vorsatz, von Papetee herüber und an seine Landung geschafft, wo er ruhig und vollkommen vor Wind und Wetter geschützt, vor Anker liegen konnte, bis er im Stande war seine Geschäfte hier so weit als möglich zu reguliren und sich einzuschiffen.

Niemand freute sich mehr darüber als der Mitonare Ezra, der sich augenblicklich zum Passagier anbot, und nebenbei noch versprach die Mannschaft vollständig aufzutreiben. Mehr wie drei Leute gebrauchten sie ohnedies nicht, da René ja selber Seemann genug war das wenige an Bord solch kleinen Fahrzeugs, wenn ja einmal Noth an Mann sein sollte mit verrichten und besser verrichten zu können, wie die Insulaner selber.

Mitonare erhielt da die erste Botschaft, nach der Stadt, zu dem ehrwürdigen Mr. Rowe zu kommen, und René bekam ebenfalls eine Einladung von dem jetzt Befehlenden auf Papetee, Gouverneur Bruat, ihn zu besuchen, da er sich nach Manchem bei ihm zu erkundigen wünsche.

Die Botschaft beunruhigte ihn im Anfang — sollte etwa wegen der Flagge Nachforschung gehalten sein? — aber lieber Gott, da hätten sie ihm dieselbe, wenn er wirklich verrathen wäre, einfach wieder abfordern lassen; das Tuch hatte weiter keine Bedeutung, sobald es einmal von der Stange herunter war. Oder das Duell? — es war nicht wahrscheinlich daß solche Sache in solcher Zeit zur Untersuchung kommen sollte; und überdies hatten beide Theile darin gehandelt wie es den nun einmal bestehenden Gesetzen der Ehre entsprach, denen sie sich fügen mußten.

Es half ihm Nichts daß er sich den Kopf darüber zerbrach, und gegen Abend — er war auf vier Uhr Nachmittag nach Papetee beordert worden — folgte er der Aufforderung des Gouverneurs.

Es handelte sich dabei übrigens weder um Flagge noch Duell; im Gegentheil war Mr. Bruat ungemein freundlich mit dem jungen Mann, dessen Schicksale er sich, wie er ihm versicherte, habe erzählen lassen, und um ihm zu beweisen wie er sich für ihn interessire, wünsche er ihn an sich und Papetee zu fesseln, und bot ihm, da er ja schon überdies früher in der Französischen Armee als Officier gedient, eine gleiche Stellung in Papetee, unabhängig von den Schiffen und mit gesichertem Aufenthalt auf den Inseln.

René begriff recht gut, daß er dies Anerbieten weniger seinen Verdiensten als der vermutheten Verbindung verdanke, in der er, durch seinen längeren Aufenthalt hier wie seine Heirath, mit den Eingeborenen stand. Das Abenteuer mit dem Missionair war ebenfalls, wenn auch nicht laut ausgesprochen, doch ruchbar geworden, und es fehlte den Franzosen gerade in diesem Augenblick besonders an Leuten, die ihren Interessen so ergeben, als denen der Missionaire entgegen wären, und doch dabei eine etwas freundlichere Vermittlung zwischen den beiden so schroff abstoßenden Elementen, den Eingeborenen der Insel und den Eroberern derselben, bieten könnten. Das wäre aber auch jedenfalls der Weg gewesen sich den Insulanern vollkommen zu entfremden, und er lehnte die ihm gebotene Stellung auf das artigste und mit der Versicherung größter Dankbarkeit für das ihm bewiesene Zutrauen, aber auch entschieden ab.

Monsieur Bruat schien etwas pikirt darüber; er hatte wohl keinenfalls eine so ganz definitive Weigerung erwartet, René beharrte aber fest darauf und wurde endlich mit einer zwar artigen aber sehr kalten Verbeugung entlassen.


In Mons. Belards Hause, in dem kleinen traulichen Stübchen der Madame Belard, saß diese an ihrer Arbeit, hinter den niedergelassenen Jalousien, die eine angenehme Kühle in dem freundlichen Gemach verbreiteten, während Susanna vor dem Instrument in leisen, wehmüthigen Akkorden und mit halbgeschlossenen Augen ihrer Phantasie, ihren Gedanken freien und ungestörten Lauf ließ.

»Lieber Gott, Susanna,« sagte Madame Belard endlich, ihre Nadel ruhen lassend und zu der Freundin aufschauend — »Du bist entsetzlich langweilig heute, und spielst Melodieen daß man immer glaubt es sollte Jemand zum Richtplatz geführt werden. Was um Gottes Willen steckt Dir im Kopf, was hast Du, was fehlt Dir? — heraus mit der Sprache, Mädchen, aber quäle mir die Molltöne nicht auf solch grausame, unbarmherzige Art.«

»Ich? — Nichts — was soll mir fehlen?« sagte Susanna.

»Ja das frag' ich Dich — etwas ist mit Dir, denn Du bist wie ausgewechselt gegen sonst.«

»Unsinn« lachte Susanna, die vollen Locken aus der Stirn werfend, und zu einer lebendigern Weise übergehend — es war die Marseillaise.

»Ach damit hast Du gestern Abend Monsieur Delavigne vertrieben« lachte Madame Belard — »wie rasch er aufsprang und fortstürzte. Wir hätten uns heute doch einmal sollen nach ihm erkundigen lassen, wie ihm die Aufregung gestern bekommen und ob er sein Haus glücklich erreicht hat.«

Susanna erwiederte Nichts darauf, hatte aber die Marseillaise schon wieder fallen lassen, und praeludirte eines ihrer kleinen melancholischen Creolenlieder aus Louisiana, als Schritte aus dem Vorsaal gehört wurden und Mons. Belard gleich darauf die Thür öffnete und hereinschaute.

»Ist Delavigne hier gewesen?« frug er die Damen.

»Monsieur Delavigne? nein,« rief seine Frau und Susanna hörte auf zu spielen und sah sich nach ihm um — »ist er wieder in der Stadt?«

»Hat er Euch denn noch Nichts gesagt?« frug der Gatte aber jetzt, sie etwas erstaunt ansehend und ganz ins Zimmer tretend, »wißt Ihr noch Nichts?«

»Wir? — was ist denn?« rief Madame Belard erschreckt, »um Gottes Willen — aber wenn er selber in der Stadt war — ist ihm denn zu Hause etwas passirt — seinem Weib?«

»Ah Papperlapapp,« sagte Mons. Belard lachend, und ging zu einem kleinen Eckschrank den er dort zu seinem eigenen Gebrauch stehen hatte, sich ein Glas Brandy und Wasser einzuschenken, »da soll bei Euch immer gleich was passirt sein; der Frau wird auch was zustoßen, die Indianerinnen haben eine zähe Natur und sind nicht gleich immer umgeworfen wie andere Leute. Wenn ich noch einmal zu heirathen hätte, ich wüßte auch was ich thäte.«

»Bitte, Monsieur, geniren Sie sich nicht« bat Madame Belard etwas beleidigt und mit kalter Höflichkeit — »ich möchte Ihrem weiteren Glück nicht gern im Wege stehn.«