STIMMEN:
Ja ... sage ... künde, verkünde ... schauen wir wieder Jerusalem?
JEREMIAS:
STIMMEN:
Wir glauben ... wir glauben ... ewig werden wir es schauen ... Der Glaube ist unser Jerusalem!
EIN ANDERER (vortretend):
Doch sage, du Führer, wer wird es uns bauen?
JEREMIAS:
STIMMEN:
Ja, laßt es uns bauen ... das Senkblei niederwerfen in unsere Leiden ... laßt uns die Steine bebauen unseres Schmerzes ... zu Gott die Richtschnur erhoben ... bauen wir Jerusalem.
EIN ANDERER:
Doch sage, du Führer, wird es dann dauern?
JEREMIAS:
STIMMEN:
Ewig währet Jerusalem ... wer kann es zerstören ... heilig, heilig unsrer Herzen Haus ... heilig die Stätte unsrer Not ... oh, Tröstung ... oh, Zuversicht ...
EIN ANDERER:
Doch sage, du Führer, wo sollen wirs finden,
Wo schauet die Seele Jerusalem?
JEREMIAS:
STIMMEN:
Oh, Tröstung des Glaubens ... Gottes selige Knechtschaft ... zerstört hat er die Stadt, daß sie uns ewig in den Herzen erstehe ... überall wollen wir sie finden ... laßt sie uns aufbauen in den Herzen ... ewig ist unser Jerusalem ... Oh, ewiger Auszug und Wiederkehr ...
(DIE POSAUNE schallt mächtig zum zweiten Male. Es ist ganz hell geworden, offen regt sich der unübersehbare Tumult der wanderbereiten Massen, die mit einem gewaltigen Schrei der Ungeduld und der Erhebung das Zeichen des Auszuges grüßen.)
JEREMIAS (hoch über ihnen):
(DIE MENGE gerät in mächtige Bewegung. Schweigend ordnet sich ein ungeheurer Zug. Voran tragen sie den König in einer Sänfte, dann schreiten ernst und feierlich, Geschlecht um Geschlecht, die geordneten Gruppen den Weg gegen die Tore. Ihre Blicke sind aufwärts gerichtet, sie singen im Schreiten, und ihr Ausziehen hat die ernste Feierlichkeit einer Opferhandlung. Keiner drängt sich vor, keiner bleibt zurück, ohne Eile und Hast schreiten die Reihen dahin und schwinden im Vorbeigehen. Immer neue kommen ihnen nach, und es ist, als ginge eine Unendlichkeit hier aus dem Dunkel in die Ferne.)
STIMME DER SCHREITENDEN:
ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN:
ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN:
(EINIGE CHALDÄER, unter ihnen ein Hauptmann, sind halbtrunken aus dem Palaste herausgekommen. Ihre Stimmen fahren laut und grell über das dunkle Sprechen der Schreitenden hin.)
DER HAUPTMANN DER CHALDÄER:
Hört ihr sie murren? Sie wollen nicht ausziehen! Mit der Peitsche schlag unter sie, wenn sie trotzig sind!
EIN CHALDÄER:
Herr, siehe, sie ziehen schon ohne Geheiß! Und sie murren nicht!
DER HAUPTMANN:
Wenn sie klagen, schlag die Klage entzwei in ihrem Munde.
DER CHALDÄER:
Herr, sie klagen nicht.
EIN ANDERER CHALDÄER:
Siehe ... wie sie schreiten ... wie die Sieger gehen sie einher ... es leuchtet in ihren Blicken.
DIE CHALDÄER:
Was ist mit diesem Volke ... sind sie die Besiegten nicht ... hat sie einer genarrt mit falscher Botschaft der Befreiung ... hört, was sagen sie ... was singen sie ... seltsam ist dies Volk ... unverständlich in seinem Trotz und seiner Ergebung ... wer begreifet dies Volk ... in dieser Milde ist eine Kraft, die gefährlich ist ... ein Einzug ist dies eines Königs und nicht Auszug der Geknechteten ... nie sah die Welt ein Volk wie dieses ...
STIMMEN (vereint sich ablösend, in immer neuen, weiterschreitenden Zügen, in die auch Jeremias unscheinbar eingegangen ist):
DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:
Sieh ... sieh ... wie die Tänzer schreiten sie her ... ein Taumel ist über sie gekommen ... haben wir sie denn nicht besiegt ... sind sie nicht in Schande ... warum klagen sie nicht ...
EIN CHALDÄER:
Ein Geheimnis muß in ihnen sein, das sie verwandelt, ein Unsichtbares, das sie verzückt ...
EIN ANDERER CHALDÄER:
Ja ... sie glauben an das Unsichtbare ... das ist ihr Geheimnis ...
DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:
Wie kann man das Unsichtbare schauen, wie glauben, was man nicht sieht ... ein Geheimnis muß in ihnen sein wie in unsern Sterndeutern ... man müßte es lernen von ihnen ...
DER CHALDÄER:
Man kann es nicht lernen. Man kann es nur glauben, und sie sagen, es sei ihr Gott.
DIE STIMMEN DER AUSZIEHENDEN (sich mächtig erhebend, da nun die Letzten unter ihnen auszuschreiten beginnen):
DER CHALDÄER:
Siehe, siehe, wie sie in die Sonne schreiten! Es ist ein Glanz auf diesem Volke, ein Morgenrot auf ihren Häupten. Mächtig muß ihr Gott sein.
DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:
Ihr Gott? Haben wir nicht seine Altäre zerbrochen? Haben wir nicht gesiegt über ihn?
DER CHALDÄER:
Man kann das Unsichtbare nicht besiegen! Man kann Menschen töten, aber nicht den Gott, der in ihnen lebt. Man kann ein Volk bezwingen, doch nie seinen Geist.
(DIE POSAUNE schallt zum dritten Male. Die Sonne ist aufgegangen über Jerusalem und strahlt über dem Auszug des Volkes, das aus der Stadt in die Zeiten schreitet.)
Alle Rechte vorbehalten. Das Recht der
Aufführung ist durch Felix Bloch Erben,
Berlin-Wilmersdorf, zu erwerben.
Druck der Spamerschen Buchdruckerei
in Leipzig.
INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG
Dichtungen von Stefan Zweig
DIE FRÜHEN KRÄNZE. Gedichte. Zweite Auflage. In Pappband M. 3.50.
ERSTES ERLEBNIS. Vier Geschichten aus Kinderland. Drittes und viertes Tausend. In Pappband M. 5.–.
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Von Stefan Zweig wurden übertragen:
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Band I. Stefan Zweig: Emile Verhaeren. Geheftet M. 3.50; gebunden M. 5.50.
Band II. Emile Verhaeren: Ausgewählte Gedichte. Geheftet M. 3.50; gebunden M. 5.50.
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Emile Verhaeren: Rubens. Mit 95 Vollbildern, 11. bis 15. Tausend. In Halbleinen M. 5.–.
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Emile Verhaeren: Hymnen an das Leben. (Insel-Bücherei Nr. 5.) 36. bis 40. Tausend. In Pappband M. – .90.
Von Stefan Zweig wurden eingeleitet:
Charles Dickens: Ausgewählte Romane. – Arthur Rimbaud: Leben und Dichtung. – Alexandre Mercereau: Worte vor dem Leben.
Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.
Seite 79:
jedes Hand gehoben
jede Hand gehoben
Seite 139:
wie ein Schuldiger schrakst du
wie ein Schuldiger schreckst du
Seite 175:
weil ich meinete
weil ich meinte
Seite 185:
sein Antlitz sich hüllte seinem Kinde!
sein Antlitz sich hüllte seinem Kindern!
Seite 196:
EINIGE der Beherzteren
EINIGE der Beherzten