Doch sage, du Führer, dulde die zage Klagende Frage,
Werden die Tale uns wieder gehören,
Wird einstens Israel wiederkehren,
Sag, schauen wir wieder Jerusalem?

STIMMEN:

Ja ... sage ... künde, verkünde ... schauen wir wieder Jerusalem?

JEREMIAS:

Ewig wird inwendig es schauen,
Wes Seele nicht Knecht seiner Knechtschaft ist,
Und mit dem Maß seines Gottvertrauens
Die Tiefe allirdischen Leidens durchmißt.
Ihm glänzet urmächtig, am innersten Grunde
Des Herzens Zion zu jeglicher Stunde,
Schöner als wir es vordem gekannt,
Jede Fremde wird ihm das Gottesland!
Oh, wer vertrauet, dem ist es erbauet,
Wer glaubt, schaut immer Jerusalem!

STIMMEN:

Wir glauben ... wir glauben ... ewig werden wir es schauen ... Der Glaube ist unser Jerusalem!

EIN ANDERER (vortretend):

Doch sage, du Führer, wer wird es uns bauen?

JEREMIAS:

Die Inbrunst des Sehnens, die Nacht unsrer Kerker,
Und das Leiden, das euch gelehrigt hat,
Ihr selber werdet die heiligen Werker,
Umschafft ihr die Seelen zur seligen Stadt.
Aus euern Trauern erhebet die Mauern,
Und je tiefer die Völker euch niederbeugen,
Um so höher werden sie gottwärts aufsteigen,
Um so schöner erstehet Jerusalem!

STIMMEN:

Ja, laßt es uns bauen ... das Senkblei niederwerfen in unsere Leiden ... laßt uns die Steine bebauen unseres Schmerzes ... zu Gott die Richtschnur erhoben ... bauen wir Jerusalem.

EIN ANDERER:

Doch sage, du Führer, wird es dann dauern?

JEREMIAS:

Steine bröckeln, es stürzen die Mauern
Irdischer Werke, die Reiche veralten,
Städte verschwemmen im Strome der Zeit,
Doch was die Seelen in Leiden gestalten,
Dauert in Gottes Allewigkeit.
Wer kann sie zerstören,
Die unsichtbaren,
Innen geschauten,
Tränenerbauten
Zinnen der heiligen Zuversicht,
Wer kann ihn uns rauben
Den seligen Glauben,
Wer stürzet des Herzens Jerusalem?

STIMMEN:

Ewig währet Jerusalem ... wer kann es zerstören ... heilig, heilig unsrer Herzen Haus ... heilig die Stätte unsrer Not ... oh, Tröstung ... oh, Zuversicht ...

EIN ANDERER:

Doch sage, du Führer, wo sollen wirs finden,
Wo schauet die Seele Jerusalem?

JEREMIAS:

Wo immer ihr euch in euch selber aufrichtet
Und feurig von Furcht und Fremdnis erhebt,
Da ist es aus Wunsch in die Welt gedichtet,
Da ist der Traum unseres Heimwehs erlebt,
An jeglichem Orte,
Wo euch Glaube inwohnet,
Überwölbt euch hell seine mauerne Krone:
Wer glüht, sieht ewig Jerusalem!

STIMMEN:

Oh, Tröstung des Glaubens ... Gottes selige Knechtschaft ... zerstört hat er die Stadt, daß sie uns ewig in den Herzen erstehe ... überall wollen wir sie finden ... laßt sie uns aufbauen in den Herzen ... ewig ist unser Jerusalem ... Oh, ewiger Auszug und Wiederkehr ...

(DIE POSAUNE schallt mächtig zum zweiten Male. Es ist ganz hell geworden, offen regt sich der unübersehbare Tumult der wanderbereiten Massen, die mit einem gewaltigen Schrei der Ungeduld und der Erhebung das Zeichen des Auszuges grüßen.)

JEREMIAS (hoch über ihnen):

Wandervolk, Leidvolk – im heiligen Namen
Jakobs, der von Gott einst dir Segen entrang –
Hebe dich auf, in die Welt zu fahren,
Rüste und schreite unendlichen Gang!
Wirf deinen Samen
Willig ins Dunkel der Völker und Jahre,
Wandre dein Wandern und leide dein Leid!
Auf, du Gottvolk! Beginn deine wunderbare
Heimkehr durch Welt in die Ewigkeit!

(DIE MENGE gerät in mächtige Bewegung. Schweigend ordnet sich ein ungeheurer Zug. Voran tragen sie den König in einer Sänfte, dann schreiten ernst und feierlich, Geschlecht um Geschlecht, die geordneten Gruppen den Weg gegen die Tore. Ihre Blicke sind aufwärts gerichtet, sie singen im Schreiten, und ihr Ausziehen hat die ernste Feierlichkeit einer Opferhandlung. Keiner drängt sich vor, keiner bleibt zurück, ohne Eile und Hast schreiten die Reihen dahin und schwinden im Vorbeigehen. Immer neue kommen ihnen nach, und es ist, als ginge eine Unendlichkeit hier aus dem Dunkel in die Ferne.)

STIMME DER SCHREITENDEN:

In fremden Häusern werden wir wohnen
Und brechen ein tränensalzenes Brot.
Auf Schemeln der Schande werden wir sitzen
Und ängstend schlafen an feindlichem Herd.
Dunkel der Jahre wird über uns fallen,
Der Könige Fron und der Herrschenden Haft,
Doch unsere Seelen entwandern der Fremde
Und ruhen allzeit in Jerusalem.

ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN:

Aus weiten Wassern werden wir trinken,
Die bitter brennen dem sehnenden Mund,
Mit Fremdnis werden uns Bäume umschatten
Und Stimmen des Ängstens wehen der Wind,
Doch keine Fremde wird uns zur Ferne,
Denn von den Sternen wehet uns Tröstung;
Träume der Heimat enttauchen den Nächten,
Und unsere Seele erstehet gekräftigt
Von der heiligen Zehrung Jerusalem!

ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN:

Auf fremden Straßen werden wir fahren,
Durch Land und Länder stößt uns der Wind,
Heimat um Heimat reißen die Völker
Uns von den brennenden Sohlen fort,
Nirgends ist Wurzel dem stürzenden Stamme,
Wanderschaft stets unsere wandelnde Welt,
Doch selig, selig wir Weltbesiegten,
Denn sind wir auch nur Spreu aller Straßen,
Nirgends verschwistert und keinem genehm,
Ewig doch geht unser Zug durch die Zeiten
Zu unserer Seelen Jerusalem!

(EINIGE CHALDÄER, unter ihnen ein Hauptmann, sind halbtrunken aus dem Palaste herausgekommen. Ihre Stimmen fahren laut und grell über das dunkle Sprechen der Schreitenden hin.)

DER HAUPTMANN DER CHALDÄER:

Hört ihr sie murren? Sie wollen nicht ausziehen! Mit der Peitsche schlag unter sie, wenn sie trotzig sind!

EIN CHALDÄER:

Herr, siehe, sie ziehen schon ohne Geheiß! Und sie murren nicht!

DER HAUPTMANN:

Wenn sie klagen, schlag die Klage entzwei in ihrem Munde.

DER CHALDÄER:

Herr, sie klagen nicht.

EIN ANDERER CHALDÄER:

Siehe ... wie sie schreiten ... wie die Sieger gehen sie einher ... es leuchtet in ihren Blicken.

DIE CHALDÄER:

Was ist mit diesem Volke ... sind sie die Besiegten nicht ... hat sie einer genarrt mit falscher Botschaft der Befreiung ... hört, was sagen sie ... was singen sie ... seltsam ist dies Volk ... unverständlich in seinem Trotz und seiner Ergebung ... wer begreifet dies Volk ... in dieser Milde ist eine Kraft, die gefährlich ist ... ein Einzug ist dies eines Königs und nicht Auszug der Geknechteten ... nie sah die Welt ein Volk wie dieses ...

STIMMEN (vereint sich ablösend, in immer neuen, weiterschreitenden Zügen, in die auch Jeremias unscheinbar eingegangen ist):

Wir wandern durch Völker, wir wandern durch Zeiten
Unendliche Straßen des Leidens entlang,
Ewig sind wir die ewig Besiegten,
Hörig dem Herde, an dem wir ausrasten,
Niedrige Knechte niedrigen Frons,
Doch die Städte, sie sinken, es gleiten
Völker ins Dunkel wie stürzende Sterne,
Und die hart unsere Rücken zerschlugen,
Werden zuschanden Geschlecht um Geschlecht.
Wir aber schreiten und schreiten und schreiten
Tiefer hinein in die eigene Kraft,
Die sich aus Erden die Ewigkeiten
Und aus ihrem Leiden den Gott entrafft.

DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:

Sieh ... sieh ... wie die Tänzer schreiten sie her ... ein Taumel ist über sie gekommen ... haben wir sie denn nicht besiegt ... sind sie nicht in Schande ... warum klagen sie nicht ...

EIN CHALDÄER:

Ein Geheimnis muß in ihnen sein, das sie verwandelt, ein Unsichtbares, das sie verzückt ...

EIN ANDERER CHALDÄER:

Ja ... sie glauben an das Unsichtbare ... das ist ihr Geheimnis ...

DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:

Wie kann man das Unsichtbare schauen, wie glauben, was man nicht sieht ... ein Geheimnis muß in ihnen sein wie in unsern Sterndeutern ... man müßte es lernen von ihnen ...

DER CHALDÄER:

Man kann es nicht lernen. Man kann es nur glauben, und sie sagen, es sei ihr Gott.

DIE STIMMEN DER AUSZIEHENDEN (sich mächtig erhebend, da nun die Letzten unter ihnen auszuschreiten beginnen):

Wir wandern den heiligen Weg unserer Leiden,
Von Prüfung und Prüfung zur Läuterung,
Wir ewig Bekriegte und ewig Besiegte,
Wir ewig Verstrickte und ewig Befreite,
Wir ewig Zerstückte und ewig Erneute,
Wir aller Völker Spielball und Spott,
Wir einzig Heimatlosen der Erde,
Wir wandern in alle Ewigkeiten,
Die Letztgebliebnen
Unendlicher Schar
Heimwärts zu Gott,
Der aller Anfang und Ausgang war,
Bis daß er uns selber die Heimstatt werde,
Der ruhlos wie wir mit Sternen und Jahren
Die Welt umwandert und leuchtend umkreist,
Und wir ganz aufgehn im Unsichtbaren:
Verlorenes Volk, unsterblicher Geist.

DER CHALDÄER:

Siehe, siehe, wie sie in die Sonne schreiten! Es ist ein Glanz auf diesem Volke, ein Morgenrot auf ihren Häupten. Mächtig muß ihr Gott sein.

DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:

Ihr Gott? Haben wir nicht seine Altäre zerbrochen? Haben wir nicht gesiegt über ihn?

DER CHALDÄER:

Man kann das Unsichtbare nicht besiegen! Man kann Menschen töten, aber nicht den Gott, der in ihnen lebt. Man kann ein Volk bezwingen, doch nie seinen Geist.

(DIE POSAUNE schallt zum dritten Male. Die Sonne ist aufgegangen über Jerusalem und strahlt über dem Auszug des Volkes, das aus der Stadt in die Zeiten schreitet.)


Alle Rechte vorbehalten. Das Recht der Aufführung ist durch Felix Bloch Erben, Berlin-Wilmersdorf, zu erwerben.
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.


INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG


Dichtungen von Stefan Zweig

DIE FRÜHEN KRÄNZE. Gedichte. Zweite Auflage. In Pappband M. 3.50.

ERSTES ERLEBNIS. Vier Geschichten aus Kinderland. Drittes und viertes Tausend. In Pappband M. 5.–.

DAS HAUS AM MEER. Schauspiel in zwei Teilen. In Leinen M. 4.50.

TERSITES. Ein Trauerspiel. In Halbpergament M. 5.–.

DER VERWANDELTE KOMÖDIANT. Ein Spiel aus dem deutschen Rokoko. In Halbpergament M. 3.50.

BRENNENDES GEHEIMNIS. Novelle. (Inselbücherei Nr. 122.) 21. bis 25. Tausend. In Pappband M. –.90.


Von Stefan Zweig wurden übertragen:

Emile Verhaeren: Ausgewählte Werke in drei Bänden. 2. Auflage.

Band I. Stefan Zweig: Emile Verhaeren. Geheftet M. 3.50; gebunden M. 5.50.

Band II. Emile Verhaeren: Ausgewählte Gedichte. Geheftet M. 3.50; gebunden M. 5.50.

Band III. Emile Verhaeren: Drei Dramen. Geheftet M. 3.50; gebunden M. 5.50.

Emile Verhaeren: Rubens. Mit 95 Vollbildern, 11. bis 15. Tausend. In Halbleinen M. 5.–.

Emile Verhaeren: Rembrandt. Mit 80 Vollbildern. 21. bis 25. Tausend. In Halbleinen M. 5.–.

Emile Verhaeren: Hymnen an das Leben. (Insel-Bücherei Nr. 5.) 36. bis 40. Tausend. In Pappband M. – .90.


Von Stefan Zweig wurden eingeleitet:

Charles Dickens: Ausgewählte Romane. – Arthur Rimbaud: Leben und Dichtung. – Alexandre Mercereau: Worte vor dem Leben.

Anmerkungen zur Transkription:

Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.

Seite 79:
jedes Hand gehoben
jede Hand gehoben

Seite 139:
wie ein Schuldiger schrakst du
wie ein Schuldiger schreckst du

Seite 175:
weil ich meinete
weil ich meinte

Seite 185:
sein Antlitz sich hüllte seinem Kinde!
sein Antlitz sich hüllte seinem Kindern!

Seite 196:
EINIGE der Beherzteren
EINIGE der Beherzten