Jacolliot glaubte die Sitzung beendet, aber der Fakir dachte noch immer nicht daran, seine Stellung zu verändern. Da hörte ersterer plötzlich eine bizarre Melodie, ausgeführt auf einem Instrument, das ihm die zwei Tage vorher gebrauchte Ziehharmonika zu sein schien, welche jedoch der Peischwa des Abends vorher hatte abholen lassen, und die sich nicht mehr in den Zimmern von Jacolliot befand. Die anfangs fernen Töne erklangen bald wie aus näheren Räumen und zuletzt wie im Schlafzimmer, als Jacolliot längs den Mauern hingleitend das Phantom eines Pagodenmusikers erblickte, welcher, die Harmonika spielend, auf ihr jene einförmigen und klagenden Töne hervorbrachte, wie sie der religiösen Musik der Hindus eigen sind.

Als das Phantom durch das Zimmer und die Terrasse passiert war, verschwand es, und an der Stelle seines Verschwindens lag das von ihm gebrauchte Instrument, in der That die Ziehharmonika des Rajah, und doch waren alle Thüren wohl verschlossen. Covindasamy stand nun auf, in Schweiß reich gebadet, auf das äußerste erschöpft, und doch sollte er in wenig Stunden seine Reise antreten. – „Dank Dir, Malabare, sprach Jacolliot, ihn so mit dem Namen seiner geliebten Heimat anredend –, und möge der, welcher die drei geheimnisvollen Gewalten vereinigt, (die brahmanische Dreifaltigkeit), Deine Reise nach den lieblichen Ländern des Südens beschützen, und mögest Du erfahren, daß während Deiner Abwesenheit Freude und Glück in Deiner Hütte gewohnt haben.“ – Der Fakir antwortete in noch mehr emphatischem Tone, und nachdem er das dargereichte Geschenk empfangen, ohne es anzusehen, selbst ohne dafür zu danken, sprach er melancholisch seinen letzten Salam (Gruß) und verschwand geräuschlos. Als Jacolliot in der ersten Morgenröte von der Terrasse auf den Strom blickte, sah er auf demselben einen schwarzen Punkt und mittelst des Nachtfernrohrs, daß es der Fakir war, der den Fährmann geweckt hatte und nun den Ganges kreuzte, um den Weg nach Trivanderam einzuschlagen und das blaue Meer, die Kokospalmen und seine Hütte wiederzusehen, von der er so oft gesprochen. Nach einigen Stunden Schlafs im Hamak erwachend, schien ihm die vergangene Nacht Traum und Hallucination zu sein, aber die Harmonika war da, die geworfenen Blumen bedeckten alle noch die Terrasse, der Immortellenkranz lag noch auf einem Divan, und die Worte, die er in Feuerschrift gesehen, standen in seiner Schreibtafel aufgezeichnet, einen Betrug konnte Jacolliot ebensowenig entdecken als Abbé Huc in Tibet bei den dort gesehenen Produktionen.

Etwa vier Jahre später reiste Jacolliot über Madras, Bellary und Bedjapur nach der Provinz Aurungabad, um den unterirdischen Tempel von Karli zu besuchen, welche berühmten Krypten wie Ellora, Elephantea, Rosach &c. in einem Hügelkranz des Mahrattenlandes liegen, der – mit Forts versehen – Jahrhunderte lang das Eindringen der Moslims gehindert hat. Der Eingang in die in Felsen gehauenen Krypten von Karli befindet sich etwa 300 Fuß über der Basis des Hügels, und man gelangt dahin auf einem Wege, der eher dem Bett eines Bergstroms als einer Straße gleicht und auf eine Terrasse führt, die einen würdigen Vorplatz des prachtvollen Innern bildet. Auf der linken Seite des Porticus steht eine mit unentzifferbaren Charakteren bedeckte massive Säule, die auf ihrem Kapitäl drei noch kaum erkennbare Löwen trägt; auf die Schwelle tretend, hat man einen ungeheuren Vorsaal vor sich, der in seiner ganzen Länge von etwa 600 Schritt mit Arabesken und Skulpturen bedeckt ist; an jeder Seite des Eingangs stehen drei riesige Elephanten mit ihren Cornacs auf Hals und Rücken; das Gewölbe ist durch zwei Reihen von Pfeilern gestützt mit einem Elephanten über jedem, der auf seinem Rücken eine männliche und eine weibliche Gestalt trägt, wie gebeugt unter der ungeheuern auf ihnen ruhenden Last. Dieses imposante dunkle Innere ist nun eine berühmte Wallfahrtsstätte für die Fakirs aus ganz Indien, und manche schlagen ihre Wohnung in der Nähe des Tempels auf, kasteien ihren Leib und leben allein noch der Betrachtung. Tag und Nacht vor flammenden Feuern hingekauert, welche die Gläubigen unterhalten, eine Binde über den Mund, um nicht das geringste Unreine einzuatmen, nichts genießend als einige Körner gerösteten Reis mit Wasser befeuchtet, das durch ein Tuch geseiht wird, magern sie nach und nach zu Skeletten ab, die Geisteskräfte sinken rasch, und ehe ihre letzte Stunde schlägt, haben sie schon eine lange Zeit physischer und intellektueller Schwäche durchlebt, die kein Leben mehr ist. Alle Fakirs, welche in der obern Welt die höchsten Transformationen erlangen wollen, müssen ihren Leib diesen schrecklichen Kasteiungen unterwerfen. Man zeigte Jacolliot einen, erst vor wenigen Monaten vom Kap Comorin angekommenen, der, zwischen zwei Glutpfannen liegend, fast schon ganz gefühllos geworden war. Wie erstaunte Jacolliot, als eine breite Narbe auf dem Schädel ihn den Fakir von Trivanderam erkennen ließ, und er fragte ihn in seiner geliebten Sprache des Südens, ob er sich nicht an den Franguy von Benares erinnere. Einen Augenblick schien ein Blitz durch seine fast verloschenen Augen zu zucken, und er murmelte die zwei Sanskritworte, welche in jener Sitzung in feurigen Buchstaben erschienen waren: „Divyavapur gatwâ. Ich habe einen fluidischen Körper angenommen.“ Es war von ihm, den sie nur „Karli Sava, den Leichnam, das Phantom von Karli“ nannten, kein weiteres Zeichen von Aufmerksamkeit zu erlangen. So enden, sagt Jacolliot, in Siechtum und Geistesschwäche die indischen Medien. –

Es ist denkbar, selbst wahrscheinlich, daß Jacolliot manches mit zu lebhaften Farben geschildert hat, und daß eine Gruppierung der Phänomene stattgefunden hat, um die Überzeugung herbeizuführen, daß namentlich vielleicht die Steigerung derselben ein teilweises Produkt späterer Anordnung sei, die Folge nicht gerade in der angegebenen Weise stattgefunden habe. Prüft man aber die einzelnen Fälle für sich, so stimmen sie nach Wegrechnung des Volkscharakters, der natürlichen Umgebungen, des Bodens, auf dem sie spielen, dem Wesen nach mit den übrigen mystischen Erscheinungen der verschiedensten Zeiten und Völker überein und sind nicht mehr und nicht weniger wunderbar als diese, namentlich auch die spiritistischen Phänomene. Diese Übereinstimmung in der innern wesentlichen Beschaffenheit läßt demnach die Angaben Jacolliots so glaubwürdig erscheinen, wie die meisten andern, und wir befinden uns auch ihnen gegenüber in der gleichen Kontroverse einer Hervorbringung durch magische Kräfte lebender Menschen oder in der Regel unsichtbare Wesen, sogenannte Geister, welche die Lebenden, speziell die, welche man Medien nennt, als Organe ihrer Kundgebung brauchen. Man sieht aus den hier mitgeteilten Angaben, daß die Indier seit uralter Zeit sich für die letztere Meinung entschieden haben und ihre Pitris, die Geister der Vorfahren, für die hierbei Wirkenden ansehen. Haben sie recht, so muß man schließen, daß bei diesen Kräfte frei werden, die nicht an die sogenannten Naturgesetze gebunden sind, daß sie aber zur Bestätigung derselben in sehr vielen Fällen mit Lebenden in Verbindung treten, nicht sowohl als wenn sie dieselben zur Hervorbringung der Phänomene nötig hätten, als vielmehr durch diese ihr eigenes Dasein zu erweisen und wenigstens teilweise ihre Fähigkeiten dem Verständnis der Lebenden näher zu bringen. – Was aber die Fakirs, Sanyassis, Nirvanys &c. betrifft, so ist kaum daran zu zweifeln, daß manche nicht dazu gelangen werden, das magische Vermögen in sich zu entwickeln, und dadurch der Versuchung verfallen, dasselbe zu simulieren, durch seinen Schein zu täuschen, daß sie von Magiern zu Taschenspielern herabsinken. Dieses würde, wie beim ägyptischen, Zend- und anderem Kultus geschehen ist, in dem Maße zunehmen, als der Brahmanismus seinem Verfall entgegen ginge, wovon jedoch bis jetzt nicht viel zu bemerken ist. Lachten doch schon in der spätern Zeit der Republik römische Auguren, wenn sie sich begegneten, und als die Römer nach Ägypten kamen, waren die Priester nur noch imstande, als Führer zu den alten Herrlichkeiten zu dienen.

Die Erfahrung aller Zeiten hat gelehrt, daß die Übung dieser Dinge für die Lebenden mit Gefahr verbunden ist, und daß sie auf Kosten ihrer Bestimmung für die gegenwärtige Form des Daseins vollzogen wird. Bekannt ist, wie gefährlich z. B. jene das visionäre Vermögen erweckenden Räucherungen sind, von denen schon Benvenuto Cellini erzählt, vor welchen Horst und Eckartshausen warnen und deren Wirkung auch Jacolliot erfahren hat. Um wie viel bedenklicher werden aber jene fortgesetzten asketischen Übungen sein, die in manchen Fällen zur Stigmatisation, in andern sonst zum Hinsiechen des Organismus führen. Wenn ein Trost für solche Hingebung zu finden ist, so wird er darin bestehen, daß durch sie Aufschlüsse über das innerste Wesen der menschlichen Natur erlangt worden sind, die auf anderem Wege nicht zu erhalten waren, und wenn jene Meinung richtig ist, welche die Wirkung oder doch Mitwirkung der nicht mehr im irdischen Leben Wandelnden behauptet, so wäre damit ein empirischer Beweis für die persönliche Fortdauer geleistet, ungleich wertvoller als alle Spekulation darüber. Und so hätten die Mystiker aller Zeiten, indem sie irdische Bestimmung wenigstens teilweise verfehlten, sehr oft auch das, was man irdisches Glück nennt, einbüßten, doch nicht umsonst gelebt und entbehrt, sondern der Menschheit einen sehr großen Dienst indirekt erwiesen. Dieses und nicht die vermeinte Gottgefälligkeit der sich jenen abnormen Zuständen Hingebenden oder von ihnen Überwältigten, scheint mir der Gesichtspunkt zu sein, von welchem aus sie zu würdigen sind.

Eine spezielle göttliche Einwirkung muß man wohl bei ihnen allen ausschließen; es erfolgen diese Vorgänge bei einer Gesetzmäßigkeit, wie sie durch die Weltvernunft für alle Gebiete des Seins festgestellt, aber für das in Frage stehende uns noch ganz verschleiert ist. Diese Dinge sind sehr wunderbar, aber kein Wunder im populären Sinn des Worts, wofür sie freilich der fromme Glauben aller Zeiten zu halten geneigt ist. Mit denjenigen aber ist nicht zu rechten, welche bei ihrer gänzlichen Unkenntnis dieses Gebietes mit dem Schlagwort „Betrug“ die Thatsachen vernichten zu können glauben, welche aus Naturgesetzen, die hier nicht gelten, die Unmöglichkeit mystischer Erscheinungen erweisen wollen und den Beifall einer urteilslosen Menge der ernsten und unbefangenen Forschung vorziehen.

So weit Perty. Ich habe seinen Worten nichts hinzuzufügen.

Viertes Buch.
Der Occultismus der Ägypter.

Erstes Kapitel.
Der ägyptische Occultismus als Priesterwissenschaft.

Mehr als in jedem Land des Altertums – Akkad vielleicht ausgenommen – wurde der Occultismus und zwar zumeist in den Zweigen des Somnambulismus und Heilmagnetismus – in Ägypten von den Priestern ausgeübt, deren ganze Lebensweise und Disziplin an die Brahmanen gemahnt. Schon Jamblichus sagt[275]:

„Die Priester verlegen sich nur auf die Erkenntniß Gottes, ihrer selbst und der Wahrheit. Sie beachten nicht einen eitlen Ruhm bei ihren heiligen Handlungen und geben der Phantasie keinen Platz.“

Bekanntlich waren sie gleich den Brahmanen die herrschende Kaste und ihr Rang dem des oft von ihnen beherrschten und ihrer Kaste angehörigen Königs gleichgestellt. Wie die Brahmanen führten sie die strengste Lebensweise und abermals wie diesen waren auch ihnen wiederholte tägliche Waschungen vorgeschrieben. Ihre Kleidung bestand aus Baumwolle und Leinwand, und ihre Sandalen waren aus Papyrus gefertigt. Ihre Diät war zumeist die vegetarische, jedoch genossen sie auch zuweilen Fleisch, welches jedoch vorher von besonders dazu angestellten Beamten besichtigt werden mußte, die dasselbe, wenn sie es für rein und gesund erkannten, mit einem Stempel bezeichneten. Schweinefleisch genossen sie nur zur Zeit des Vollmonds, und Fische – ganz besonders aber Seefische – waren ihnen ebenfalls verboten. Von Pflanzenkost waren ihnen die Hülsenfrüchte und Zwiebeln verboten, und zwar – wie Plutarch meint – erstere, weil sie zu stark nähren und Blähungen erzeugen, letztere wegen ihrer stimulierenden Wirkung und weil sie zum Durst reizen. Wein durften sie nach einigen alten Schriftstellern nicht trinken, nach anderen war es jedoch gestattet. Sprengel sucht diesen Widerspruch dergestalt zu erklären[276], daß er annimmt, der Wein sei erst zu Psammetichs Zeiten in Ägypten eingeführt worden und auch dann noch ein Privilegium der höheren Stände gewesen.

Die ägyptischen Priester waren bekanntlich in verschiedene Grade und Klassen geteilt, von denen einige – wie die Fakire – magisch-mediumistische Künste ausübten, andere die Astrologie pflegten, wieder andere magisch-magnetische Heilkunst trieben und Somnambulismus hervorriefen. Sie teilten ihre geheimen Künste keinem nicht zur Kaste gehörenden mit, und lange war es Ausländern unmöglich, in dieselbe aufgenommen zu werden.

Die ersten Fremden, welche der Tradition zufolge in die Tempelgeheimnisse eingeweiht wurden, waren Orpheus, Thales und Pythagoras.

Von letzterem erzählt Porphyrius[277]:

„Pythagoras bat vor seiner Reise nach Ägypten den Polykrates, König von Samos, um ein Empfehlungsschreiben an den ägyptischen König Amasis, damit man ihn dort in die geheimen Lehren der Priester einweihe. Der König gab es ihm, allein die Helipoliten, an die er sich zuerst wendete, schickten ihn nach Memphis, gleichsam zu den Höheren und Älteren. Zu Memphis wurde er unter demselben Vorwand zu den Diospoliten oder Thebanern entlassen. Da diese aus Furcht vor dem König nichts mehr vorzuschützen wußten, kamen sie überein, ihn durch übermäßiges Arbeiten und Druck von seinem Vorhaben abzuwenden. Da aber Pythagoras auf das Pünktlichste Alles erfüllte, so wunderten sie sich darüber so sehr, daß sie ihn einweihten und ihren Geheimnissen beiwohnen ließen, was sonst keinem Fremden gelang.“

Wie allbekannt, spricht die Bibel von ägyptischen Magiern, Traumdeutern, und die Hofzauberer Pharaos kennt jedes Kind. Auch Homer deutet Ähnliches an, wenn er singt[278]:

„Aber ein Neues ersann die liebliche Tochter Kronions:
Siehe, sie warf in den Wein, wovon sie tranken, ein Mittel
Gegen Kummer und Groll und aller Leiden Gedächtniß.
Kostet einer des Weins, mit dieser Würze gemischet,
Dann benetzt den Tag ihm keine Thräne die Wangen,
Wär ihm auch sein Vater und seine Mutter gestorben,
Würde vor ihm sein Vater und sein geliebtester Sohn auch
Mit dem Schwerte getödtet, daß seine Augen es sähen.
Siehe, so heilsam war die künstlich bereitete Würze,
Welche Helenen einst die Gemahlin Thons, Polydamna,
In Aegyptos geschenkt. Dort bringt die fruchtbare Erde
Mancherlei Säfte hervor zu gut und schädlicher Mischung;
Dort ist jeder ein Arzt und übertrifft an Erfahrung
Alle Menschen, denn wahrlich, sie sind vom Geschlechte Paons.“

Die Heilgottheiten der Ägypter waren Isis, Horus, Serapis, Osiris, Apis und Phtha.

Bezüglich der Isis sagt Diodorus Siculus[279]:

„Die Aegypter versichern, daß Isis ihnen in der Arzneikunst große Dienste geleistet habe durch heilsame Mittel, die sie entdeckte; daß sie jetzt, wo sie unsterblich geworden, an dem Gottesdienst der Menschen ein besonderes Wohlgefallen habe und sich vorzüglich um ihre Gesundheit bekümmere; daß sie ihnen durch Träume zu Hülfe komme, womit sie ihr ganzes Wohlgefallen offenbare. Die Probe ist darüber festgesetzt nicht durch Fabeln, wie bei den Griechen, sondern durch gewisse Thatsachen. In der That, alle Völker der Erde geben Zeugniß von der Macht dieser Göttin in Bezug auf Heilung von Krankheiten durch ihre Verehrung und Dankbarkeit. Sie zeigt in den Träumen denjenigen, die leidend sind, die für ihre Krankheiten geeigneten Mittel an, und die treue Erfüllung ihrer Verordnungen hat gegen die Erwartung aller Welt Kranke gerettet, die von den Ärzten aufgegeben waren.“

Die berühmtesten Isistempel befanden sich zu Memphis und Busiris.

Horus, der Sohn der Isis, hatte nach dem Glauben der Ägypter von seiner Mutter die Heilkunst erlernt und wurde namentlich in seiner späteren Gestaltung als Harpokrates als Heilgott verehrt. Höhere Verehrung genoß Serapis, dem nach Jablonski zweiundvierzig Tempel geweiht waren, von denen sich die berühmtesten zu Memphis, Canopus und besonders in Alexandria befanden. Strabo sagt von Serapis[280]:

„In seinen Tempeln ist eine große Gottesverehrung, wo viele medicinische Wunder geschehen, an welche die berühmtesten Männer glauben und für sich und andere den Tempelschlaf pflegen.“

Der Serapistempel zu Canopus wurde von den angesehensten Personen mit großer Ehrfurcht besucht und nach Strabo befanden sich im Innern desselben eine Menge Wunderkuren enthaltende Weihetafeln.

Der berühmteste Serapistempel war bekanntlich der zu Alexandria, wo auch die von Kaiser Vespasian ausgeübten magnetischen Heilungen sich ereigneten. Tacitus erzählt dieselben folgendermaßen[281]:

„Als Vespasian sich zu Alexandrien aufhielt, geschahen sehr viele Wunder, wodurch besonders sich die göttliche Gewogenheit und Zuneigung für Vespasian offenbarte. Irgend ein gemeiner und wohlbekannter Blinder von Alexandrien kam auf Anrathen des Gottes Serapis zu den Knieen des Kaisers, mit Thränen um Hülfe rufend. Er bat den Kaiser, daß er seine Augen mit seinem – des Kaisers – Speichel benetzen möchte. Ein anderer an der Hand Gelähmter bat gleichfalls auf Anrathen des Serapis, daß ihn der Kaiser mit seinem Fuß berühren, d. h. mit der Fußsohle treten möchte.“

„Allein Vespasian lachte zuerst, war ungehalten und fürchtete, als jene dringend zu bitten fortfuhren, in den Ruf der Eitelkeit zu kommen; endlich aber wurde er durch ihr Flehen, durch den Zuspruch und durch die Liebkosungen Anderer zur Hoffnung bewegt. Zuletzt ließ er die Ärzte entscheiden, ob eine solche Blindheit und Schwäche durch menschliche Hülfe zu heilen wäre. Die Ärzte sprachen hin und her und meinten, die ganze Sehkraft sei noch nicht erloschen[282], und das Gesicht könne wiederkehren, wenn nur die Hindernisse gehoben werden könnten; allein der Kaiser versuchte es vor der Versammlung, und der glückliche Erfolg blieb nicht aus. Jener andere könne seine bösen Gliedmaßen wieder heilen, wenn irgend eine hülfreiche Kraft angewendet würde. Zu diesem göttlichen Dienst könne vielleicht der Kaiser ausersehen sein. Und endlich würde der Ruhm der geleisteten Hülfe immer dem Kaiser bleiben, der Spott aber im Falle des Fehlschlags die armen Kranken treffen. Vespasian vollzog also im Glauben, daß seinem Glücke Alles offen stehe, und daß nichts unmöglich sei, mit freudigem Gesicht vor der aufs Äußerste gespannten Versammlung das Gebot. Der Eine gebrauchte gleich seine Hand und dem Blinden schien das Tageslicht. Alle, die gegenwärtig waren, stimmen bezüglich der Wahrheit mit einander überein, daher erwartet die Lüge umsonst ihren Preis.“

Eine weitere Heilgottheit war Apis, von welchem Plinius berichtet[283]:

„In Aegypten wird ein Ochse, den sie Apis nennen, göttlich verehrt; er hat an der rechten Seite einen glänzenden weißen Fleck, welcher mit dem Neumonde zu wachsen beginnt.[284] Er darf nur ein gewisses Alter erreichen, dann ertränken ihn die Priester und suchen klagend nach einem andern an dessen Stelle. Nachdem sie einen gefunden haben, führen ihn die Priester nach Memphis, wo das Orakel blos durch Zeichen und Deutungen künftige Dinge verkündete. Aus der verschiedenen Haltung, aus den Bewegungen und dem Thun des Ochsen pflegten sie wahrzusagen, indem ihm die Rathfragenden Speise darboten. Aus der verschiedenen Zu- oder Abneigung, solche anzunehmen, leitete man seine Antworten ab.[285] So stieß er z. B. die Hand des Kaisers Augustus von sich, worauf derselbe nach kurzer Zeit starb. Apis lebt ganz verborgen; wenn er sich aber einmal losreißt, so treiben die Lictoren das Volk aus dem Wege und eine Herde Knaben begleitet ihn, Loblieder zu seiner Ehre singend, was er zu verstehen scheint.“

Phtha ist das Bild des unendlichen Geistes, der Alles schuf. Er ist ein feines ätherisches Feuer, welches unaufhörlich fortleuchtet, und dessen Glanz weit über den der Sterne und Planeten erhaben ist. Er ist also gewissermaßen das Symbol des Astral- oder odischen Lichtes, welches ja bekanntlich bei somnambulen und heilmagnetischen Vorgängen eine große Rolle spielt. Der berühmteste Phthatempel befand sich zu Memphis und hatte wie die Isistempel die Inschrift: „Ich bin, der ich bin, und kein Sterblicher hat mein Geheimniß entdeckt.“

Über das, was im Innern dieser geheimnisvollen Tempel vorging, haben wir bruchstücksweise überlieferte Nachrichten, denn den Uneingeweihten war der Zutritt gänzlich untersagt, und die Eingeweihten – selbst die Griechen – hielten den abgelegten Schwur des Stillschweigens.

Dennoch wissen wir aber, daß, wie im nächsten Kapitel näher ausgeführt werden soll, Hervorrufung von Somnambulismus und heilmagnetische Praxis eine Hauptrolle spielte. Die Vorbereitung dazu bestand in Fasten, Baden, Reinigung, Salben und Reiben; in an die Götter gerichteten Gebeten und Lobpreisungen, während feierliche Opfer, heilige Ceremonien und geheimnisvolle Musik in tiefer Dunkelheit die Seele der Gläubigen in mystische Schwingungen versetzte.

Vom Priester selbst sagt Jamblichus:

Ipse sacerdos, antequam det oracula, multa rite peragit sacrificia, observat sanctimonium, lavatur; triduum prorsus abstinet cibo, habitat in secessu, jamque incipit paulatim illuminari mirificeque gaudere.

Betrachten wir nun das magnetische Verfahren der Ägypter selbst.

Zweites Kapitel.
Der Heilmagnetismus bei den alten Ägyptern.[286]

Auf der auf der Pariser Nationalbibliothek befindlichen sogen. Bentrosch-Stele von dreitausendjährigem Alter wird die glückliche Heilung der besessenen Tochter eines mesopotamischen Fürsten erzählt, und es kann nicht der mindeste Zweifel obwalten, daß die Heilung durch Hypnotismus und Heilmagnetismus geschah.

Der Text der Bentrosch-Stele lautet nach der Übersetzung des Professor Dr. Lauth in München[287]:

„Siehe, es befand sich Se. Majestät in Nahar gemäß seiner alljährlichen Gepflogenheit. Die Großen jedes Fremdlandes zogen als Gebückte, als Friedfertige mit Opfergaben vor die Geistigkeit Sr. Majestät von den äußersten Hinterländern her. Sie brachten ihre Tribute an Gold, Silber, Lapis Lazuli, Kupfer und allen Holzarten des heiligen Landes auf ihren Rücken; ein jeglicher suchte seinen Nebenmann zu überbieten. Da ließ auch der Fürst des Landes Buchtan herbeigebracht werden seine Tribute und gab ihm seine älteste Tochter an der Spitze derselben, indem er anrief Se. Majestät und das Leben erbat von demselben. Es war dies ein schönes Weib, überaus geschätzt von Sr. Majestät über Alles. Sofort schrieb man ihren Titel als königliche Hauptfrau mit dem Namen Ranofru ‚Sonne der Schönheiten‘. Nachdem Se. Majestät der König nach Ägypten gelangt war, vollbrachte er ihr alle Ceremonien, die einer königlichen Hauptfrau gebühren.“

„Im Jahre 15 am 22. Payni[288] geschah es nun, daß sich Se. Majestät in der Stadt Theben befand, der siegreichen, der Gebieterin der Städte, beschäftigt mit Lobpreisungen des Vaters Amun, des Herrn der Throne beider Welten, an seinem schönen Panegyrienfeste im südlichen Apt, seinem Lieblingssitze von Anfang. Da kam man zu sagen Sr. Majestät: ‚Es ist ein Bote des Fürsten von Buchtan da, gekommen mit zahlreichen Geschenken für die Königsfrau‘, und sofort wurde dieser vor Se. Majestät gebracht mit den Geschenken. Alsdann sprach er, den Boden küssend vor Sr. Majestät: ‚Preis Dir, Du Sonne der neun Völker! Gestatte uns zu leben bei Dir! Ich komme zu Dir, o Großkönig, mein Gebieter, in Betreff der Bentrosch, deiner jüngern Schwester von Seiten der Königsfrau Ranofru. Ein Übel ist eingedrungen in ihre Glieder. Möge darum abreisen lassen Deine Majestät einen Sachverständigen, um sie zu besehen.‘ Sofort sprach Se. Majestät: ‚Bringet mir die Schreiber des Hierogrammatenhauses und die Gelehrten der Geheimnisse des Adytum!‘ Sie wurden auf der Stelle herbeigeführt. Da sprach Se. Majestät: ‚Warum hat man Euch rufen lassen? Damit ihr höret dieses Wort: Sofort liefert mir einen Künstler in seinem Herzen, einen Schreiber (Operateur) mit seinen Fingern aus Eurem Kreise.‘ Nachdem nun der Basilicogrammate Thotemhebi vor Se. Majestät getreten war, befahl ihm Se. Majestät, daß er ausziehe gen Buchtan mit diesem Boten. Als nun aber gelangt war der Sachverständige gen Buchtan, traf er die Bentrosch im Zustande einer von einem Dämon Besessenen, und fand sich selbst zu schwach, um mit demselben zu kämpfen. Da sandte der Fürst von Buchtan wiederum einen Boten an Se. Majestät mit den Worten: ‚O Großkönig, mein Herr, es möge befehlen Se. Majestät, daß gebracht werde der Gott Chonsu selber.‘[289] Es ereignete sich nun, daß Se. Majestät im Jahre 26 im Monate Pachon[290] zur Zeit der Amunspanegyrie im Innern von Theben sich befand. Da trat Se. Majestät wieder vor Chonsu nofer hotep[291] mit den Worten: ‚O gütiger Herr, ich bin wieder vor dir in Betreff der Tochter des Königs von Buchtan.‘ Sofort wurde gebracht Chonsu nofer hotep zu Chonsu p-ari secher[292], dem großen Gott, welcher vertreibt die Unholde. Alsdann sprach Se. Majestät vor Chonsu nofer hotep: ‚O du gütiger Herr, wenn du doch wendetest dein Antlitz gen Chonsu p-ari secher, welcher vertreibt die Unholde, damit er ziehe gen Buchtan.‘ Zunickung, große, große. Alsdann sprach der König: ‚Gieb deinen Segen mit ihm, damit ich ziehen mache Se. Heiligkeit gen Buchtan, um zu erlösen die Tochter des Fürsten von Buchtan.‘ Zunickung des Hauptes, große, große, von Seiten des Chonsu nofer hotep. Sofort machte er den Segen viermal über den Chonsu p-ari secher. Es befahl dann Se. Majestät, daß man ausziehen mache Chonsu p-ari secher auf einer großen Barke mit fünf Schifflein, einem Wagen und zahlreichen Pferden rechts und links. Als nun gelangt war dieser Gott gen Buchtan in einer Dauer von 1 Jahr 5 Monaten, siehe da kam der Fürst von Buchtan mit seinen Soldaten und Edeln entgegen dem Chonsu p-ari secher, dem Planausführenden. Derselbe that sich auf seinen Bauch, indem er sprach: ‚Du kommst zu uns, du läßt dich bei uns nieder nach der Weisung des Königs Vesu-ma-Ra sotep-en-Ra.‘“

„Sofort begab sich dieser Gott[293] zu dem Ort, wo Bentrosch sich aufhielt. Alsdann machte er den Segen über die Tochter des Fürsten von Buchtan: gut ward sie augenblicklich. Hierauf sprach der Dämon, der mit ihr war, vor Chonsu p-ari secher[294]: ‚Komme in Frieden, großer Gott, welcher vertreibt die Unholde: Deine Stadt ist Buchtan, deine Sklaven sind seine Bewohner; auch ich bin dein Sklave: ich werde fortgehen zu dem Ort, von dem ich ausgezogen bin, um zu befriedigen dein Herz in Betreff dessen, weshalb du gekommen bist. Nun möge Deine Heiligkeit befehlen, daß man begehe einen Festtag mit mir und dem Fürsten von Buchtan.‘ Sofort nickte dieser Gott gegen seinen Propheten mit den Worten: ‚Lasse veranstalten den Fürsten von Buchtan ein Speiseopfer vor diesem Dämon.‘ Während nun Chonsu p-ari secher dies mit dem Dämon verhandelte, stand der Fürst mit seinen Soldaten dabei, sich gar sehr fürchtend. Indessen veranstaltete er ein großes Opfer vor Chonsu p-ari secher und vor diesem Dämon; der Fürst von Buchtan hielt ein Freudenfest für sie. Hierauf ging der Dämon in Frieden an den Ort, den er liebte, auf Befehl des Chonsu p-ari secher.“

„Da war der Fürst von Buchtan aufjubelnd über alle Maßen sowie jede Person, welche in Buchtan war. Alsdann überlegte er in seinem Herzen, indem er bei sich sprach: ‚Es könnte werden dieser Gott eine Gabe für Buchtan; ich werde ihn nicht heimziehen lassen nach Ägypten.‘ So blieb derselbe 3 Jahre 9 Monate in Buchtan. Da lag der Fürst von Buchtan einstmals auf seinem Bette und sah träumend, wie dieser Gott herausging aus seinem Hause, in Gestalt eines Goldsperbers aufschwebend himmelwärts gen Chemi. Nachdem er vor Entsetzen aufgewacht war, sagte er sofort zu den Theodulen des Chonsu p-ari secher: ‚Dieser Gott, welcher bei uns weilt, will gen Chemi ziehen. Lasse also seinen Wagen fahren gen Chemi.‘ Alsdann ließ der Fürst von Buchtan fortziehen diesen Gott gen Chemi, indem er ihm mitgab Geschenke, viele von allen guten Dingen, Soldaten und zahlreiche Pferde; sie gelangten in Frieden nach Theben. Alsdann ging Chonsu p-ari secher zum Tempel des Chonsu nofer hotep, und er legte die Geschenke, die ihm der Fürst von Buchtan gegeben hatte, an allen guten Dingen, vor Chonsu nofer hotep; er that nichts in sein eigenes Haus. Es gelangte Chonsu p-ari secher zu seinem Hause in Frieden im Jahre 33 am 19. Mechir[295] des Königs von Ober- und Unterägypten Vesu-ma-Ra sotep-en-Ra, der dieses Denkmal geschaffen hat. Möge er Leben spenden gleich dem Sonnengott immerdar.“

Soweit der Text der Bentrosch-Stele.

Festzuhalten ist, daß Chonsu Heilgott ist, welcher durch geistige, magische Kraft heilt.

Wir sehen aus der Erzählung, daß die Schwägerin eines ägyptischen Königs – es ist Ramses XII. gemeint – erkrankt, resp. besessen ist. Da die Kunst der einheimischen Ärzte nicht geholfen zu haben scheint, so wurde eine Gesandtschaft abgeschickt, um einen der in hohem Rufe stehenden ägyptischen Ärzte herbeizuholen. Ramses läßt sich darauf einen geeigneten Mann bezeichnen, einen – wie Prof. Dr. Lauth übersetzt – „Künstler in seinem Herzen, einen Schreiber (Operateur) mit seinen Fingern.“ – Setzt man nun die Kenntnis des Heilmagnetismus und Hypnotismus bei den Ägyptern voraus, wozu sich die Berechtigung bald ergeben wird, so wird man die Stelle anders übersetzen müssen. Deshalb übersetzt auch der französische Ägyptologe Vicomte de Rougé: „Ein Mann mit intelligentem Herzen, ein Meister mit geschickten Fingern.“ – Allein nach Lambert ist auch dies nicht ganz richtig, insofern „Herz“ für „Wille“ gebraucht wird, und er sagt deshalb[296]:

„Es hat also nach dieser Analyse alle Berechtigung, wenn ich den Befehl des Pharao so verstehe, daß ihm ein Mann bezeichnet werde, der ‚Herr seines Willens und Meister seiner Finger‘ sei. Bei der letzteren Eigenschaft ist jedoch weniger an einen Operateur, als an einen tüchtigen Hypnotiseur und Magnetiseur zu denken, weil ein solcher sowohl mit seiner Hand als mit seinem Willen arbeiten muß.“

Der erwählte ägyptische Hypnotiseur, der älteste, dessen Namen bekannt wurde, hieß Thotemhebi. Als derselbe nach Buchtan kam, gewahrte er, daß Bentrosch besessen war, und versuchte sie ohne Erfolg zu heilen. Es vergingen elf Jahre, ohne daß die Leidende gesund wurde, worauf deren Vater abermals eine Gesandtschaft nach Ägypten schickte mit der Bitte, man möge doch einen Gott nach Buchtan schicken. Wie sich aus dem Zusammenhang klar ergiebt, wird hier „Gott“ euphemistisch für einen Priester der oberen hierarchischen Stufen gebraucht. Der Pharao begiebt sich also nach dem Tempel des Chonsu und bittet den Chonsu nofer hotep, welcher offenbar als Oberpriester zu betrachten ist, er möge den Chonsu p-ari secher, einem unter diesem stehenden Priester, seinen Segen oder seine Kraft mitteilen. Dies wird gewährt, und der Chonsu nofer hotep macht die segnende Bestreichung – sa – viermal. Für dieselbe wird folgende Hieroglyphe gebraucht:

Hieroglyphe

Darauf wird der Chonsu p-ari secher nach Buchtan geleitet, wo er die besessene Bentrosch durch eine segnende Bestreichung heilt, die mit folgender Hieroglyphe bezeichnet wird:

Hieroglyphe

Über die Bedeutung dieser Segen lasse ich nun Lambert selbst sprechen:

„Was sind nun diese verschiedenen Segen? Ich denke, ich werde keinem Widerspruch begegnen, wenn ich dieselbe für mesmerische Bestreichungen, und ihre verschiedenen, durch die beiden Hieroglyphen deutlich dargestellten Formen für die Schemata halte, nach denen die Striche geführt wurden. Der Segen ist ja in seiner ursprünglichen Wesenheit wohl nichts Anderes als ein Ausströmenlassen einer Kraft aus seinen Händen.“

„Der einfachere sa-Strich (No. 2) wurde ausgeführt, indem die segnende Gottheit oder der Arzt in der durch die Hieroglyphe gekennzeichneten Art über den Hinterkopf nach den Schultern zu strich, nicht einmal, sondern wiederholt und mit beiden Händen. So spricht die Göttin Muth zu Ramses III. auf einer Abbildung, die sich in Lepsius Denkmälern (III. 21.) veröffentlicht findet: ‚Ich strecke aus meine beiden Arme, um zu machen die sa-Striche hinter deinem Haupte.‘ An beiden Seiten des sa-Zeichens sehen wir Knoten oder Verdickungen. Jedenfalls bezeichnen diese die Stellen, wo der Streichende einen Halt in der Bewegung zu machen oder einen besondern Nachdruck auszuüben hatte. Das Gleiche ist an jener Stelle der Fall, wo die Linie des Striches in der Gegend des Genickes sich selbst schneidet. Aus der ganzen Führung des Striches scheint hervorzugehen, daß sich an dieser Stelle des Genickes die Kraft der Streichungen concentriren soll. Warum aber gerade dort? Die Kabbalisten lehren, daß ein kleiner Knochen des Halses, Luz genannt, ‚unverweslich‘ sei, in ihn versenkte sich die Schattengestalt des Nephesch bei dem Verstorbenen, und aus beiden werde der Auferstehungsleib am Ende der Tage gebildet. Dieser Luz der Kabbala ist aber identisch mit dem Uls der ägyptischen Lehre, welcher da liegt, wo das Rückgrat vom Hinterhaupt nach den Schultern eine Einbiegung macht. (Luz heißt im Hebräischen wie Uls im Altägyptischen Einbiegung oder Krümmung.) Es würde zu weit führen, diesen Uls und seinen ganzen Kultus in der Stadt Mendes, wo die Rückgratreliquie des Osiris aufbewahrt wurde, hier zu besprechen. Ich wollte hier nur darauf hinweisen, warum bei dem Akte jenes sa-Striches der Nachdruck auf die hintere Halspartie verlegt wurde, und die Ursache hiervon liegt wohl unzweifelhaft, daß dort eine günstige Stelle zum Erwecken gewisser transscendentaler Kräfte des Menschen gesehen wurde. Vielfache Textstellen bezeugen, daß bei der sa-Bestreichung die Absicht war, inneres Leben zu erwecken.“

„Die andere – complicirtere – Bestreichung (No. 1), welche vom Nofer hotep an dem Ari-secher ausgeführt wird, erstreckte sich vermuthlich über den ganzen Körper, ob aber über die Vorder- oder Rückseite desselben, ist fraglich.“

Hieroglyphe

„Es kommen nun unter den Hieroglyphen noch mehrfache Zeichen vor, die solche Knoten vorstellen, und jedenfalls als ähnliche Manipulationen wie die sa-Striche zu verstehen sind. Ein solches Zeichen ist rod, was ‚festmachen‘ bedeutet. Das dürfte wohl ein Strich gewesen sein, um die Unbeweglichkeit der Extremitäten zu bewirken. Ist dies der Fall, dann geschah diese Action nicht durch einfache gerade Striche, wie bei unsern Hypnotiseuren, sondern es wurde, z. B. um den linken Arm ‚festzumachen‘, wohl an der rechten Schulter begonnen, von da eine über den Rumpf gehende Schleife gezogen, die an der linken Schulter endigte, und dann von hier aus ein gerader Strich über den Arm mit einem Halt am Ellenbogengelenk nach den Fingerspitzen zu ausgeführt.“

„Daß der Chonsu nofer hotep die Bestreichung viermal machte, scheint einen ganz besondern Grund zu haben. Es entspricht dies den Bezeichnungen, die in Verbindung mit dem sa-Zeichen No. 1 vorkommen, nämlich tos-sa, ‚den Einfluß herbeiführen‘, tu-sa, ‚den Einfluß mittheilen‘, meh-sa, ‚den Einfluß vermehren‘, und sotep-sa, ‚den Einfluß fixiren‘. Es hat also wohl jede der vier Bestreichungen ihren bestimmten Zweck: die Wirkung wird herbeigeführt, mitgetheilt, vermehrt und fixirt.“

„Nicht ohne Bedeutung ist es, daß der Gott Thot, der später zum Hermes Trismegistos geworden ist, den Beinamen Sa führt. Thot ist ein Gott der Heilkunde, der Ibis ist ihm heilig. Thot ist auch ein Gott der Erkenntniß und zwar besonders der transscendentalen Erkenntniß, und es hat alle Wahrscheinlichkeit für sich, daß er seinen Beinamen Sa deswegen führte, weil in der Hypnose, die ja, wie wir jetzt wissen, durch einen Act, der Sa heißt, herbeigeführt wird, die innere transscendentale Erkenntniß aufgeht. Demnach ist es Gott Thot, welcher in der Hypnose nach der Meinung der Aegypter das innere Schauen und besonders auch als Heilgott die Heilverordnungen eingiebt. – Thot wird vielfach mit Chonsu identificirt und scheint in seiner medicinischen Eigenschaft als Mondgott mit Chonsu nofer hotep vollständig dieselbe Person zu sein. Ich möchte hierzu auch an den Einfluß des Mondes auf Schlafende erinnern.“

Soweit Herr Franz Lambert. Ich möchte noch hinzufügen, daß auch die bekannten Hände der Isis, welche nach Apulejus bei Prozessionen umhergetragen wurden (auf einen Stab gesteckte linke Hände, deren Daumen und zwei erste Finger ausgestreckt, deren drei letzte aber eingeschlagen sind), auf Erzeugung von Hypnose und Somnambulismus hinzudeuten scheinen.

Drittes Kapitel.
Die eigentliche magische Heilkunde der Ägypter.

Die magische Heilkunde der Ägypter knüpft, wenn in ihr auch uralte Tempelgeheimnisse des Thot enthalten sein mögen, im Wesentlichen an den mythischen Hermes Trismegistos[297] an und entstammt somit einer verhältnismäßig späten Zeit. Über ihren Ursprung heißt es im hermetischen Asklepius:

Quoniam ergo proavi nostri multum errabant, contra rationem Deorum increduli et non animadvertentes ad cultum religionemque divinam, invenerunt artem, qua Deos efficerent, cui inventae adjunxerunt virtutem de mundi natura convenientem, eamque miscentes, et quoniam animas facere non poterant, evocantes animas Daemonum vel Angelorum, eas indiderunt imaginibus suis divinisque mysteriis, per quas sola idola et benefaciendi et maleficiendi vires habere potuissent. Avus tuus, o Asclepi, medicinae primus inventor, cui templum consecratum est in monte Lybiae circa littus Crocodilorum, in quo ejus jacet mundanus homo, id est corpus; reliquus enim, vel potius totus, si est homo totus in sensu vitae melior, remeavit in coelum, omnia etiam nunc adjumenta hominibus praestans infirmis numine suo, quae ante solebat Medicinae arte praebere. Hermes, cujus nomen mihi avitum est, sibi cognomen patrium consistens omnes mortales undique venientes adjuvat atque conservat.

Constat, o Asclepi, de herbis, lapidibus et de aromatibus vim divinitatis naturalem in se habentibus, et propter hanc causam sacrificiis frequentibus oblectantur numina hymnis quoque et laudibus dulcissimisque sonis in modum coelestis harmoniae, concinnantibus, ut illud, quod est coelesti usu et frequentatione illectum in idola, possit laetum humanitas patiens longe durare per tempora; sic Deorum autor est homo. Et ne putes fortuitos effectus esse terrenorum Deorum, o Asclepi, Dii coelestes inhabitant summa coelestia unusquisque per ordinem, quem accepit complens atque custodiens. Hi vero nostri sigillatim quaedam curantes, quaedam praevidentes, quaedam hortibus et divinatione praedicentes, his pro mado subvenientes humanis, quasi amica cognatione auxiliantur.

Mit diesen Worten des mythischen Hermes Trismegistos stimmt der spätere Neuplatoniker Proklos (412–485 n. Chr.) völlig überein, wenn er sich folgendermaßen ausspricht:

„Und wenn uns auch der Verstand an sich selbst gleichsam als Gott erscheint, und die Seele von Urbeginn verständig ist, so sind doch die obersten Dämonen höher geartet, sie stehen den Göttern am nächsten, sind gleichförmig und göttlich. Die zweite auf diese folgende Dämonenclasse ist ebenfalls des Intellects theilhaftig; sie stehen den himmlischen Aufsteigungen und Absteigungen vor und überbringen und offenbaren die göttlichen Befehle allen Dingen. Die dritte Dämonenclasse ist jene, welche die Befehle der göttlichen Seelen überbringt und das Band zwischen diesen und den niedern Dingen bildet. Die vierte überbringt die wirkenden Kräfte aller Naturen auf die erzeugten Dinge, flößt den Einzelnen Leben ein, schafft Ordnung, Regel und Wirkung. Die fünfte ist gewissermaßen körperlich und schafft das Äußere der Körper. – Die meisten von ihnen beschäftigen sich mit der Materie und überbringen herabsteigend die Kräfte der himmlischen Materie der irdischen, verbinden beide, bewachen das Irdische sodann und bringen die Verschiedenheit der Formen hervor.“

Nach diesen Grundsätzen wurden göttliche Wesen konstruiert, welche den einzelnen Krankheiten vorstanden, und man richtete an dieselben Gebete, Hymnen und Beschwörungen, damit sich ihr Zorn besänftige, und sie die verlorene Gesundheit wieder verliehen. Also ganz dieselbe primitive Anschauung, wie wir sie schon bei den Akkadern fanden, und der wir noch heute bei den Indianern, Negern &c. begegnen.

Die Ägypter betrachten die Welt als ein großes Lebewesen, in welchem alles in wechselseitiger Verbindung stehe, das von einer beständigen Sympathie durchströmt und durch eine Kraft zu einem Leben vereinigt werde.[298] Deshalb suchte man nach Kräften die wechselseitigen Beziehungen und Wirkungen der Dinge zu erforschen, was bei den Krankheiten, da man von dem Grundsatz: similia similibus ausging, zu der von Paracelsus aufgefrischten Lehre von den Signaturen führte. D. h. man schloß aus der Ähnlichkeit irgend eines Teils einer Pflanze, eines Tiers oder Minerals mit irgend einem Glied des menschlichen Körpers, daß ersterer Heilkräfte gegen die Krankheiten des letzteren besitzen müsse. So galt als gegen Hauptkrankheiten und Epilepsie besonders wirksam die Päonienknospe, ferner der Mohn, die Wallnuß, Muskatnuß, Meerzwiebel, der Lerchenschwamm &c. Gegen Augenkrankheiten wurden Augentrost, Habichtskraut, Skabiosen usw. angewendet; gegen Zahnleiden die Zahnwurz, Granatapfelkerne, Zirbelnüsse, die Knöllchen des Feigwarzenkrautes &c., gegen Ohrenleiden die Blätter von der Haselwurz, dem Löffelkraut und der Wassermünze. Dieselben sollten auch gegen Nasenleiden dienen, weil zwischen Ohr und Nase eine besondere – wahrscheinlich aus der Beobachtung der Katarrhe geschlossene – Verwandtschaft bestehe. Für die Kehle galt als heilsam das Wintergrün, der Hirschschwamm und der Zimmt. Für die Lunge war das Lungenkraut signiert; für das Herz die Citrone, der Pfirsich, die Brechnuß und Anthora; für die Leber Äpfel, eine – nicht genannte – Moosart, Birkenschwamm, Eicheln und das Leberkraut; für die Milz das Scolopendrium, die Hirschzunge, Mauerraute, das Milzkraut; für den Magen die Blätter des Alpenveilchens, Ingwer, Galgant; für die Gedärme eine nicht näher genannte Windenart, Calmus, Zimmt; für die Blase die Judenkirsche, Staphisagria, der Nachtschatten; für die Geschlechtsteile die Wurzeln aller Orchisarten; für die Gebärmutter die Hohlwurz; für die Nieren der Portulac und das Alpenveilchen; für die Gelenke die Datteln; für die Hände die jetzt Palma Christi genannte Orchideenwurzel.

In ähnlicher Weise wandte man in späterer Zeit in Ägypten den humores peccantes der Galen'schen Humoralpathologie ähnlich gefärbte Pflanzensäfte zur Austreibung der Ersteren an. So gegen die gelbe Galle Kümmel, Crocus, Aloe, Senna, Wermut, Koloquinte, Rhicinus, Rhabarber. Gegen die schwarze Galle allerlei Pflanzen mit dunkelgefärbten Blüten, wie Smilax, rote Melde, Ochsenzunge &c. Gegen überflüssige phlegmatische Feuchtigkeiten Pflanzen mit Milchsaft oder weißen Blüten, weiße Schwämme, wie Lerchenschwamm &c. Gegen die sogenannte rote Galle wurden Pflanzenstoffe von rotem Aussehen, rote Blüten, rote Säfte usw. angewendet, wie rotes Sandelholz, Rotkohl, Alkannawurzel &c.

Der Grundsatz: similia similibus durchzog die ganze Arznei. So wandte man z. B. gegen den Stein einige zubereitete Steinarten, menschliche Blasensteine, die steinigen Concremente in gewissen Fischaugen &c. an; gegen Wunden brauchte man scheinbar von der Natur durchlöcherte Kräuter wie das Johanniskraut. Giftige Schlangen, Spinnen, Scorpione wurden zubereitet, um als Gegengift zu dienen. Gegen allzulebhaften Geschlechtstrieb wandte man Pflanzen an, welche nach alter Anschauung keine Frucht hervorbrachten, wie Salat, Sadebaum, Weide. Umgekehrt suchte man durch saftstrotzende Pflanzenteile – wie Orchideenwurzeln – oder durch den Genuß geiler Tiere, wie des Sperlings und des Skinks die daniederliegende Zeugungskraft zu heben. Das Fleisch gefräßiger Tiere, wie des Wolfs oder des Karpfens genoß man zur Hebung des Appetits, während der Genuß des Fleisches intelligenter Tiere Intelligenz, das träger Trägheit hervorrufen sollte. Endlich wandte man sich durch hervorragende Leistungen auszeichnende Körperteile gewisser Tiere gegen Leiden der entsprechenden menschlichen Körperteile an, wie z. B. Fuchslunge gegen Lungenschwindsucht.

Erscheint uns nun auch bei der Lehre von den Signaturen das Meiste nicht mehr haltbar und barock, so läßt sich jedoch keineswegs in Abrede stellen, daß dem Ganzen ein großer und richtiger Gedanke zu Grund liegt, welcher der Vater der Homöopathie ist; und erinnert es nicht an die Impfung und Serumtherapie, wenn die Ägypter aus giftigen Tieren Gegengifte bereiteten?

Wie allbekannt, nahm man einen Gestirneinfluß auf alles Irdische und mithin auch auf die menschlichen Glieder und Pflanzen an, wobei die Ägypter (doch wohl erst der alexandrinischen Zeit?) nach Ebn Esra besonders die zwölf Zeichen des Tierkreises als maßgebend betrachteten. Auf diese Art entstand eine astrale Botanik und eine astral-botanische Heilkunde, bei welcher die vier Grade der alten Grundeigenschaften der Dinge: warm und trocken, warm und feucht, kalt und trocken, kalt und feucht, besondere Berücksichtigung fanden. Ebn Esra giebt von dieser Lehre folgende Grundzüge[299]:

„Der Widder ist ein männliches, feuriges, warmes und trockenes, das menschliche Haupt beherrschendes Zeichen. Die ihm unterworfenen Pflanzen sind warm und trocken in vier Graden.

Im ersten Grad stehen: der rothe Beifuß, die Betonica Cichorie, die Dürrwurz, der Traubenhollunder, die Münze, der Huflattig und Ehrenpreis. Diese Pflanzen sind nach dem in die Hundstage fallenden Vollmond zu sammeln.

Dem zweiten Grad gehören an: der Spargel, das Johanniskraut, die Schafgarbe, der Wegebreit, die Päonie. Zu sammeln sind sie, wenn sich Sonne und Mond im Krebs befinden.

Dem dritten Grad gehören an: der Lerchenschwamm, Kellerhals, die Coloquinthe, der Enzian, Liguster, Rhicinus, Hollunder. Sie sind Ende Juli und Anfang August[300] zu sammeln.

Dem vierten Grad gehören an: die weiße Nießwurz, der Majoran, der weiße Andorn, die Kresse, der Rosmarin. Sie sind theils im April, theils im September zu sammeln.

Der Stier ist ein weibliches, kaltes, trockenes und irdisches Zeichen; ihm ist Hals und Gurgel unterthan. Die ihm angehörigen Pflanzen sind kalt und trocken.

Dem ersten Grad gehören an: das Milzkraut, Cathera(?), der Gamander, Epheu, die Lilienwurzel, Narcisse, das Engelsüß, die Rose, der Baldrian, das Veilchen. Dieselben erweichen die Geschwülste des Halses und der Milz.

Dem zweiten Grad gehören an: das Venushaar, die Judenkirsche, die Aklei, die Eiche und Eichenmistel. Diese Pflanzen sind Wundkräuter.

Dem dritten Grad gehören an: die Ochsen- und Hundszunge, das Carduibenedictenkraut, der Wasserhanf, die Klette, die Doste, Petersilie, der Sanikel, die Braunwurz, Tormentill und das Kreuzkraut. Alle sind Wundkräuter.

Dem vierten Grad gehören an: das Mausöhrchen, Schöllkraut, die Esche, Malve, das Lungenkraut und die Scabiose.

Die Zwillinge sind ein männliches, luftiges, warmes und feuchtes Zeichen, dem die Schultern unterworfen sind. Die ihm zugehörigen Pflanzen sind warm und feucht.

Dem ersten Grad gehören an: der Anis, Althästrauch, Boretsch, Fenchel, Ysop, die Prunelle und Mauerraute.

Dem zweiten Grad: das Farrnkraut, die Linde und Rübe.

Dem dritten Grad: die Vogelmiere, Aronswurz, der Macis, Sauerklee und die Taubnessel.

Dem vierten Grad: der Sauerampfer, die Camille, das Mutterkraut, der Rhabarber.

Der Krebs ist ein weibliches, wässeriges, kaltes und feuchtes Zeichen, dem Brust, Lunge, Rippen und Zwerchfell unterthan sind. Die ihm angehörigen Pflanzen sind kalt und feucht.

Dem ersten Grad gehören an: der Kohl, die Kardendistel, die Bohnen, die Rapunzel, die Weinreben und die Braunwurz.

Dem zweiten Grad: der Erdbeerstrauch, die Tanne, die Zirbelnüsse, der Nachtschatten, die Terebinthe und Mistel.

Dem dritten Grad: die Binse, die Brunnenkresse, der Petersiliensamen, Portulac, die Weide, der Steinbrech und Mauerpfeffer.

Dem vierten Grad: die Muscheln[301], die weiße Coralle, der Krystall, die Perlmutter, die Wasserrose, die Krebsaugen, der Vitriol.

Der Löwe ist ein männliches, feuriges, warmes und trockenes Zeichen, welchem Herz und Magen unterthan sind. Die ihm zugeschriebenen Pflanzen sind warm und trocken.

Dem ersten Grad gehören an: das Basilicum, der Crocus, die Cypresse, Gewürznelke, der Ysop, Lavendel, Wegerich, Sonnenthau und Thymian.

Dem zweiten Grad: die Angelica, das Zweiblatt, die Kornblume, der Galgant, Enzian und Teufelsabbiß.

Dem dritten Grad: die Hundscamille, Pastinakwurz, Münze, Gartenkresse, das Flöhkraut, die Ranunkel und Brennnessel.

Dem vierten Grad: die Birke, der Buchsbaum und Lorbeer.

Die Pflanzen des ersten Grades müssen gesammelt werden, wenn die Sonne in den Fischen, der Mond im Krebs ist; die des zweiten Grades: zu Anfang Mai vor Sonnenaufgang oder zu Ende August; die des dritten Grades, wenn die Sonne im Löwen und der Mond in der Jungfrau, oder wenn die Sonne im Stier und der Mond in den Zwillingen sich befinden, vor Sonnenaufgang; die des vierten Grades, wenn die Sonne in den Fischen und der Mond im Wassermann steht.

Die Jungfrau ist ein weibliches, irdisches, kaltes und trockenes Zeichen, dem der Bauch, die Leber und Eingeweide unterthan sind. Die ihr zugeschriebenen Pflanzen sind kalt und trocken.

Dem ersten Grad gehören an: die Berberitze, Cichorie, der spitze Wegerich, die Birne und der wilde Salbei.

Dem zweiten Grad: der Mangold, die Hagebutten, die Mispel, das Salomonssiegel.

Dem dritten Grad: die Osterluzei und Dürrwurz.

Dem vierten Grad: das Tausendgüldenkraut, die Schlangenzunge, die Schlehe und Schlangenwurz.

Die Wage ist ein männliches, luftiges, warmes und feuchtes Zeichen, welches den Nieren und der Blase vorsteht. Ihr werden folgende warme und feuchte Pflanzen zugeschrieben:

Dem ersten Grad gehören an: das Gänseblümchen, der Bärwurz, der Bocksbart.

Dem zweiten Grad: der Lauch, Türkenbund und das Eisenkraut.

Dem dritten Grad: das Löwenmaul, der Beifuß.

Dem vierten Grad: der Lachenknoblauch, Hühnerdarm, die Haselnuß und Mauerraute.

Der Scorpion ist ein weibliches, wässeriges, kaltes und feuchtes Zeichen, welches den Genitalien vorsteht. Ihm werden folgende kalte und feuchte Pflanzen zugeschrieben:

Dem ersten Grad gehören an: das Kreuzkraut, der Weißdorn, die Vogelbeere.

Dem zweiten Grad: die Esche, der Apfelbaum, die Pflaume.

Dem dritten Grad: die Erbse und das Seifenkraut.

Dem vierten Grad: die Melde, das Bingelkraut und die Narcisse.

Der Schütze ist ein männliches, feuriges, warmes und trockenes Zeichen, welchem die Lenden und Schenkel unterthan sind. Ihm werden folgende Pflanzen zugeschrieben:

Dem ersten Grad gehören an: die Zwiebel, der Rettig, der Sesam und die Königskerze.

Dem zweiten Grad: der Lauch, das Liebstöckel.

Dem dritten Grad: die Haselwurz, das Curcume, der Gundermann, die Maulbeere.

Dem vierten Grad: die Eselsgurke, Wolfsmilch und Waldrebe.

Der Steinbock ist ein weibliches, irdisches, kaltes und trockenes Zeichen, welches den Knieen und Sehnen vorsteht. Ihm gehören folgende Pflanzen an:

Dem ersten Grad: die Ringelblume, Schwarzkirsche, der Alant, die Maul- und Heidelbeere.

Dem zweiten Grad: das Scharlachkraut, das Wollkraut.

Dem dritten Grad: der Wasserschwertel, das Täschelkraut, der Kürbis und die Disteln.

Dem vierten Grad: die Nießwurz, das Bilsenkraut, die Mandragora, der Sturmhut, der Nachtschatten und das Läusekraut.

Der Wassermann ist ein männliches, luftiges, warmes und feuchtes Zeichen, welches den Schienbeinen vorsteht. Ihm gehören folgende Pflanzen an:

Dem ersten Grad: die Möhre, die Feige, der Steinklee und die Sanikel.

Dem zweiten Grad: der Kümmel, die Flachsseide, die Rosenwurz, das Mauerkraut.

Dem dritten Grad: die Odermennige, das Mäuseöhrchen, die Gerste, der Steinbrech.

Dem vierten Grad: das Herzgespann und die Mispel.

Die Fische sind ein weibliches, wässeriges, kaltes und feuchtes Zeichen, welches den Füßen vorsteht. Ihm gehören folgende Pflanzen an:

Dem ersten Grad: Die Buche, die Osterluzei, das Kraut, die Myrobalanen und Rüben.

Dem zweiten Grad: Die Artischocke, die Kornblume, das Stächaskraut.

Dem dritten Grad: der Schwarzkümmel und Mohn.

Dem vierten Grad: der Schierling, das Bilsenkraut, der Sturmhut und Nachtschatten.“

Wir dürfen Ebn Esra wohl unbedenklich glauben, daß das eben geschilderte astrologisch-botanische System den Ägyptern der alexandrinischen Zeit entstammt; allein, was uns hier vorliegt – ich habe Ebn Esras Originalwerk nicht auftreiben können[302] – ist offenbar die Bearbeitung desselben durch einen deutschen Arzt des 16. Jahrhunderts. Es kam indessen auch nur auf eine Darstellung des Systems und der Methode an.

Viertes Kapitel.
Die Seelenlehre der alten Ägypter.[303]

Die Berichte, welche das erste Buch Mosis über die Schöpfung der Welt und die älteste Geschichte des Menschengeschlechtes liefert, sind nicht ausschließlich Eigentum der Juden, sondern finden sich bei fast allen Kulturvölkern semitischer und hamitischer Abstammung bereits in uralter Zeit, so bei den Babyloniern, Phöniziern und Ägyptern. Es werden in unsern Tagen an den Ufern des Euphrats ganze Bibliotheken von beschriebenen Thontafeln zu Tage befördert, welche von der Schöpfungsgeschichte, dem Paradiesgarten mit dem Lebensbaume und der Schlange, der Sintflutsage Nachricht geben, und zwar mit einer Übereinstimmung in der Detaillierung, daß ein notwendiger Zusammenhang mit den biblischen Erzählungen unmöglich geleugnet werden kann. In Ägypten sind es weniger zahlreiche und deutliche Überreste, doch darf auch für das alte Pharaonenland die Kenntnis der Flutsage, des Gartens Eden und des Babelturmes als erwiesen betrachtet werden.

Diese merkwürdigen Übereinstimmungen weisen auf die gemeinsame asiatische Urheimat dieser Völker hin und auf die Verwandtschaft aller Nachkommen der Söhne Noahs, Sem, Cham und Japhet, die sich über die benachbarten Länder verbreiten mußten, weil die Heimat die allzu zahlreich Gewordenen nicht mehr zu fassen vermochte. Nach Genesis X, 6 sind die Söhne Chams: Kusch, Mizraim, Put und Kanaan. Diese wanderten nach Westen und wir dürfen für die Nachkommen des Put und Kanaan die Bewohner des Landes Punt und Keft ansehen, die Araber und Phönizier, während Kusch am weitesten nach Süden gelangt und der Stammvater der Äthiopier wurde, und Mizraim sich in Ägypten niederließ.

Die ältesten Abkömmlinge des Mizraim erkennen wir in Ägypten in den prähistorischen Hor-schasu, den Horusdienern, den Gründern der ältesten Stadt des Landes Anu (On der Bibel, Heliopolis der Klassiker), mit theokratischer Regierung, deren letzter Herrscher, Bytes, bis auf 4245 v. Chr. zurückreicht. Die Kultur dieser Hor-schasu muß schon in unvordenklichen Zeiten eine hochentwickelte gewesen sein; in den ältesten Schriften wird auf ihre Epoche als auf ein goldenes Zeitalter hingewiesen und ihr eine Dauer von Myriaden von Jahren zugesprochen, während eine Dauer von 4000 Jahren eine mäßige Schätzung der heutigen Gelehrten ist. Ihnen ist die Gaueinteilung des Landes, Einführung der Gesetze, Erfindung der Künste und Wissenschaften, des Papiers und der Schrift zuzuschreiben. Nach der Hor-schasu beginnt (etwa 4000 v. Chr.) die historische Zeit mit der Regierung von Königen, und wir finden schon unter der ersten Dynastie derselben in Ägypten eine ausgebildete Mythologie, die nur das Produkt langer theosophischer Spekulationen sein kann, mit Tempeln und Pyramiden, welche letztere wieder die Einbalsamierung der Leichen und somit die Lehre von einer Fortdauer der Seele nach dem Tode voraussetzt. – War ein Keim aus der asiatischen Urheimat mitgebracht worden, aus welchem die Priester ihre esoterischen Lehren von Gott, der Welt und den Menschen entwickelten?

Man könnte versucht sein, die jüdische Geheimlehre, die Kabbala, hier in Betracht zu ziehen, die so viele Übereinstimmungen mit dem ägyptischen Emanationssystem der Priesterlehre aufweist, und vermuten, daß der Ursprung beider auf eine solche asiatische Quelle zurückzuführen sei. In der That greifen einige Kabbalisten bezüglich der Entstehung ihrer Lehre bis auf Adam zurück, dagegen nennen andere den Abraham, wieder andere Moses als den ersten, dem die Lehre mitgeteilt worden sei, ganz zu schweigen von den neueren Forschern, von denen jeder zu einem andern Resultate gelangt. – Ich möchte der Wahrscheinlichkeit, daß die Kabbala auf Moses zurückzuführen, demnach ägyptischen Ursprungs sei, vor allen anderen Theorien den Vorzug geben. Die jüdische Nation war als Nomadenfamilie von 70 Gliedern in Ägypten eingewandert (11. Moses 1, 5), und erst während ihres mehr als 400jährigen Aufenthaltes daselbst das große Volk geworden, das nachmals durch das rote Meer zog. Moses selbst, in ägyptischer Weisheit erzogen und wie auch sein Bruder Aharon-Levi, in die Geheimnisse der Priester eingeweiht, tritt gleich nach dem Auszuge als Gesetzgeber auf – mit ägyptischen Gesetzen. Die Hierarchie der Leviten, Lebensart und Verrichtungen derselben, die Bestimmungen über reine und unreine Tiere, die Einteilung der Stiftshütte mit dem Allerheiligsten, alles dieses, auch die zehn Gebote, von denen das vierte mit derselben Verheißung bei den Ägyptern vorkommt, ist von Moses nach ägyptischen Vorbildern bestimmt und zum Gesetz erhoben worden. Sollte dagegen Moses die geheime Priesterweisheit selbst seinem Volke ganz und gar vorenthalten haben?

Hieran anknüpfend, will ich im Nachfolgenden den Beweis zu liefern versuchen, daß die Vorstellung vom Menschenwesen, von seinem materiellsten, körperlichsten Prinzip, dem Leib, bis hinauf zu dem höchsten, dem transscendentalen Ich, dem Geist, wie in der jüdischen und sonstigen esoterischen Lehre, so auch wohl in der Priesterlehre der alten Ägypter die gleiche war, daß für alle Zwischenglieder der beiden Extreme, Körper und Geist, sich Bezeichnungen im ägyptischen Totenbuche vorfinden, die für vollständig kongruent mit den Bezeichnungen der jüdischen und indischen Geheimlehren gehalten werden dürfen. – Zuvörderst muß ich jedoch zum besseren Verständnis die altägyptische Vorstellung von dem Schicksal des Menschen nach dem Tode schildern.

Dem griechischen Schriftsteller Stobäos verdanken wir die Schilderung eines Fragmentes aus einer älteren hermetischen Schrift, die einen wichtigen Beitrag zur Seelenlehre enthält. Es wird darin gelehrt, daß:

„Von einer Seele, der des Alls, alle diese Seelen stammen, welche sich, gleichsam verteilt, in der Welt umhertreiben. Diese Seelen erfahren viele Verwandlungen; die, welche jetzt kriechende Geschöpfe sind, verwandeln sich in Wassertiere; aus diesen Wassertieren werden Landtiere, aus diesen Vögel. Aus den Geschöpfen, die oben in der Luft leben, werden die Menschen. Als Menschen aber empfangen sie den Anfang der Unsterblichkeit, indem sie zu Dämonen werden und in den Chor der Götter gelangen.“

Wir erkennen hier die Wanderung eines Ausflusses der Allseele durch die Tierleiber als Präexistenz einerseits und die Fortdauer der Seele nach dem Tode des Menschen als Unsterblichkeit andererseits; die Begriffe Seelenwanderung und Unsterblichkeit sind streng auseinander zu halten. Auch die bis auf unsere Tage erhaltenen inschriftlichen Denkmäler des Pharaonenlandes trennen stets diese beiden Begriffe, und zwar so, daß die Unsterblichkeit als ein Zustand dargestellt wird, in welchem die Seele, mit ihrem verklärten Leibe vereinigt, ein ewiges glückliches Dasein genießt, befreit von allen Leiden der irdischen Wesen, während die Seelenwanderung sich auf der Erde vollzieht, in einem steten Wechsel zwischen Tod und Wiederaufleben in einem neuen Körper besteht, wobei die Leiden in den irdischen Körpern, besonders der Schmerz des jedesmaligen Todes, von der Seele ertragen werden müssen. Hand in Hand mit dem göttlichen Ursprung der Seele geht dann die Lehre von einer Belohnung der Guten und einer Bestrafung der Bösen. So heißt es im ersten Kapitel des Totenbuches:

„Da ich für fromm befunden wurde auf Erden und Sorge hatte vor dem Herrn der Götter, darum habe ich erreicht das Land der Wahrheit und Rechtfertigung. Ich erstehe als ein lebender Gott und strahle im Chor der Götter, welche im Himmel wohnen, denn ich bin von ihrem Stamm.“

Der Glaube an „ein ewiges Leben der Gerechten und an einen zweiten Tod der Frevler“, wie sich die Ägypter ausdrücken, setzt ein Gericht voraus, das nach dem Hinscheiden über den Verstorbenen gehalten wird. Dieses Totengericht wird vielfach bildlich dargestellt. Im Saale der zweifachen Wahrheit sitzt Osiris als Totenrichter auf dem Thron, Krummstab und Geißel in den Händen, auf dem Haupt die Federkrone, um den Hals eine Kette mit dem Abzeichen des Oberrichters, einem Täfelchen, welches die Wahrheit genannt wurde. Anbetend tritt der Verstorbene ein, ihn empfängt die Göttin der Wahrheit, Mat. In der Mitte des Saales steht eine Wage, auf deren eine Schale der Verstorbene sein Herz legt. Anubis, der schakalköpfige, legt eine Statuette der Göttin der Gerechtigkeit auf die andere Wagschale. Horus, der sperberköpfige, prüft das Gewicht, und Thot, der ibisköpfige Gott der Schreibkunst, verzeichnet das Resultat der Wägung auf einer Schreibtafel. Osiris spricht das Urteil.

Wurde das Herz zu leicht befunden, so mußte der Verstorbene zum zweitenmal sterben, d. h. sein Herz hat die dreitausendjährige Wanderung durch die verschiedenen Tierleiber, vom Schwein angefangen, von neuem durchzumachen, während die Seele unrettbar der Vernichtung durch die Höllengeister anheimfällt. Bei der Vollstreckung ihrer Strafe tritt in die Seele das transscendentale Wesen des Verdammten als rächender Dämon, erinnert sie an die Verachtung seines Rates, an die Verhöhnung seiner Bitten, züchtigt sie mit der Geißel ihrer Sünden und giebt sie dem Sturme und Wirbelwinde der heraufbeschworenen Elemente preis. Beständig zwischen Himmel und Erde hin und hergeworfen, ohne je ihrem Bannfluche zu entgehen, sucht die verurteilte Seele menschliche Körper heim, um sich in ihnen einzunisten, und sobald sie einen gefunden hat, martert sie diesen, belädt ihn mit Fluch und stürzt ihn in Mordthaten und Irrsinn. Wenn die Seele nach Jahrhunderten schließlich das Ziel ihrer Qualen erreicht, so fällt sie doch nur dem zweiten Tode anheim. In den 75 Abteilungen der Hölle, die in ihrer Einrichtung dem Gehenna oder Ghinam der Kabbala entspricht, werden die Seelen der Verdammten den qualvollsten Martern unterworfen. Sie werden in glühenden Kesseln gebraten, unter den fürchterlichsten Durstesqualen in kaltes Wasser geworfen, versuchen sie zu trinken, so wird das Wasser zu Feuer. Die Speisen, die sich den Hungernden darbieten, verwandeln sich in Schatten. Von roten Dämonen werden sie an Pfähle gebunden und mit Schwertern zerfleischt, mit den Füßen nach oben gehängt, ihnen das Herz aus dem Leibe gerissen usw. – Die Darstellung dieser Qualen der Hölle scheint jedoch nur an die Adresse der großen Menge gerichtet gewesen zu sein, in der esoterischen Lehre dürften die Strafen für immaterielle Wesen doch anders gelautet haben.

Hat der Verstorbene jedoch Gnade gefunden vor den Augen des Osiris, so harren seiner die Freuden des Paradieses, des Gefildes Aalu. Götter erscheinen an seinem Sterbebette, um die Seele in Empfang zu nehmen.

Sie reinigen seinen Körper von allen Makeln, sie richten seine Beine ein und kräftigen seine Gelenke, sie bereiten seinen Körper zur Wiedergeburt vor.

Die Vorstellung, daß am Sterbebette der Frommen Götter erscheinen, seine Seele in Empfang zu nehmen und vor Gefahren zu schützen, begegnet uns wieder im Gnostizismus. – So sagt St. Pachomius: