Guarda il calor del Sol, che si fa vino
Giunto all' humor, che dalla vite cola.

Er läßt dann jenes Seelenwesen, wenn die Parze den Lebensfaden abschneidet, sich vom Leibe lösend Göttliches und Menschliches mit sich hinwegnehmen:

Seco ne porta e l'umano el il divino,

und hebt hervor, daß alsdann Gedächtnis, Intellekt und Willen sich steigern, während nur die niederen animalischen Kräfte ersterben. So kommt er sogar zur Annahme eines Astralleibes,

Und ähnlich, wie die Flamme stets dem Feuer,
Wie sehr dies auch den Ort vertausche, nachfolgt,
So folgt dem Geiste seine neue Form;
Und weil er nur durch sie Erscheinung hat,
Wird Schatten sie genannt.
(Purgat. XXV. 97–101.)

Den Alten war zwar diese Vorstellung bis auf den Vergleich mit dem Weine die normale, vor allem, wie wir sehen, in den Mysterien vorausgesetzte, wie denn auch der in die eleusinischen Mysterien eingeweihte Pindar[626] singt:

Jedweder Leib verfällt des Todes
Übermacht; doch lebend übrig bleibt
Des Erdenlebens Geistesbild[627], denn das nur ist von den Göttern.
Es schläft, wenn die Glieder sich mühen,
Aber den Schlafenden zeigt's in vielen Träumen
Der Freud' und des Leides nahes Verhängnis.

Aristoteles teilte diese Anschauung nicht, wie denn auch seine Schrift „über den Schlaf“ eine durchaus rationalistische Theorie der Träume entwickelt. Der Schlaf, sagt er, ist Gebundenheit, das Wachen freie Wirksamkeit des Wahrnehmungsvermögens; beide Wechselzustände kommen daher nur bei den Wesen vor, welche der Sinneswahrnehmung fähig sind, bei ihnen aber auch ganz allgemein; denn das Wahrnehmungsvermögen kann unmöglich immer wirksam sein, ohne daß sich seine Kraft zeitweise erschöpfte. Der Zweck des Schlafes ist die Erhaltung des Lebens, die Erholung, welche ihrerseits wieder dem höheren Zwecke der wachen Thätigkeit dient. Seine natürliche Ursache liegt in dem Ernährungsprozeß. Die Lebenswärme treibt die aus der Nahrung sich entwickelnden Dämpfe nach oben; indem sie sich hier ansammeln, beschweren sie den Kopf und erzeugen zunächst die Schläfrigkeit; am Gehirn sich abkühlend, sinken sie dann wieder nach unten und bewirken eine Erkältung des Herzens, in deren Folge die Thätigkeit dieses allgemeinsten Empfindungsorgans ins Stocken gerät. Dieser Zustand dauert so lange, bis die Nahrung verdaut, und das reinere für die oberen Teile des Körpers bestimmte Blut von dem dickeren, nach unten zu führenden, ausgeschieden ist. Aus den inneren Bewegungen der Sinneswerkzeuge, welche nach dem Aufhören der äußeren Eindrücke fortdauern, entstehen die Träume: im wachen Zustand verschwinden diese Bewegungen hinter den Sinnes- und Denkthätigkeiten, im Schlaf dagegen, und besonders gegen das Ende desselben, nachdem die anfängliche Unruhe im Blut sich gelegt hat, treten sie deutlicher hervor. Es kann daher geschehen, daß eine innere Bewegung im Körper, welche man wachend nicht wahrnimmt, sich im Traum ankündigt, oder daß der Traum umgekehrt durch die Bilder, welche er der Seele vorführt, zu einer späteren Handlung den Anstoß giebt; es ist auch möglich, daß während des Schlafs sinnliche Eindrücke an uns gelangen, die bei Tage, in der bewegteren Luft, unsere Sinne nicht getroffen hätten oder von uns nicht bemerkt worden wären; und insofern lassen sich gewisse weissagende Träume auf natürlichem Weg erklären; was aber darüber hinausgeht, ist für ein zufälliges Zusammentreffen zu halten, wie denn auch deshalb viele Träume nicht eintreffen.

Allerdings hat Aristoteles nach Arist. Divin c. 2. sogar eine Schrift „über weissagende Träume“, περὶ τῆς καϑ'ὕπνον μαντικῆς, verfaßt, der zufolge das Ahnungsvermögen, das sich in weissagenden Träumen und enthusiastischen Zuständen offenbart, nur eine unklare Äußerung jener Kraft sein sollte, die als thätiger Verstand das Band zwischen dem menschlichen und dem göttlichen Geist bilde (vergl. Cicero, Divin. I. 38, 81.); auch hat uns Sextus Empiricus (vergl. Math. IX. 20) ein Fragment aus seinem Dialog Eudemos aufbewahrt, in dem es heißt, im Schlafe gelange erst die Seele zum rechten Beisichsein (καϑ' ἑαυτῆν γίνεται) und werde ihrer eigenen Natur teilhaftig (τὴν ἴδιον φύσιν ἀπολαμβάνει); daher könne sie alsdann weissagen und das Zukünftige vorherverkünden. In einen solchen Zustand trete sie noch vollkommener ein, wenn sie im Tode sich ganz vom Körper trenne. Sie kehre alsdann gleichsam in ihre Heimat zurück.

Der klaffende Widerspruch dieser letzteren Sätze mit den vorstehenden liegt auf der Hand und bildet ein weiteres Rätsel für die Aristoteliker.

Zeller, Philosophie der Griechen S. 552, u. f. meint nun, die letzteren Äußerungen könnten nicht als der Ausdruck der wissenschaftlichen Überzeugung des Aristoteles betrachtet werden, vielmehr spreche er in denselben wohl nur eine Meinung aus, die, wie er glaubte, zur Entstehung des Götterglaubens Veranlassung gegeben habe. „Sollte er aber auch dieser Meinung zur Zeit der Abfassung jenes Gesprächs einen ernstlichen Wert beigelegt haben, so wäre dies nur einer von den vielen Beweisen für die Gewalt, welche die platonischen Anschauungen damals auf ihn ausübten.“

Für mich und vermutlich für die meisten Leser kann es wenig Interesse haben, welche Ansicht er über diesen Gegenstand zuerst oder zuletzt, scheinbar oder wirklich gehegt hat. Möglicherweise war die eine esoterisch, die andere exoterisch gemeint; sein Verhalten erinnert in der That etwas an das berüchtigte System der „doppelten Buchführung in philosophischen Fragen“, das auch in unserem Jahrhundert empfohlen worden ist.

Möglich ist es ja aber auch, daß ihm dasselbe, was auch heutzutage noch vielen ehrlichen Forschern, passiert ist, zu verschiedenen Zeiten verschieden, bald skeptisch, bald gläubig über diese occultistischen Thatsachen zu denken, deren allgemeingültige wissenschaftliche Konstatierung leider immer noch unmöglich erscheint.

Siebentes Buch.
Der Occultismus der alten Römer.

Erstes Kapitel.
Einfluß der Etrusker auf die römische Religion.

Während sich unsere Darstellung der occultistischen Lehren der Griechen geradezu als ein, wenn auch einseitig aufgefaßter, Abriß der Geschichte der alten Philosophie geben konnte und mußte, wird die Form der occultistischen Anschauungen wieder eine völlig andere, indem wir den italischen Boden betreten. Wenn man nicht etwa die Jurisprudenz mit den Römern, die dies beanspruchten, als einen praktischen Zweig der Philosophie gelten lassen will, so haben die Römer in der Philosophie, wie auf wissenschaftlichem Gebiete überhaupt nichts Ursprüngliches aufzuweisen. Sämtliche lateinische Philosophen, von Cicero bis auf Boëthius, sind entweder als bloße Eklektiker oder bestenfalls als Schüler der einen oder anderen griechischen Philosophenschule zu bezeichnen.

Anders verhält es sich mit der Religion der Römer. Diese zeigt einen entschieden selbständigen, streng national gefärbten Typus, der allerdings seit der Berührung mit dem Hellenismus, etwa seit dem zweiten punischen Kriege, durch künstliche Assimilation mit der griechischen Mythologie etwas verwischt wurde. Dennoch ist diese, hauptsächlich von den Dichtern durch oft willkürliche Namensvertauschungen und Gleichstellungen ursprünglich verschiedener Götterbegriffe versuchte Verähnlichung nie dahin gelangt, die ursprüngliche Selbständigkeit der römischen Religion, die sich durch eine Art juristischer Systematik auszeichnet, verkennen zu lassen. Vor allem blieb stets bis in die letzten Zeiten hinein ein Unterschied des rituellen Kultus im eigentlich römischen Gottesdienste sichtbar. Andrerseits hat freilich kein Staat in toleranterem Maße fremden Gottesdiensten Aufnahme gewährt und durch solche seine eigene National-Religion geradezu überwuchern lassen, als der römische seit dem Beginn seiner Weltherrschaft.

In der Urzeit des römischen Volkes scheint aber der einzige Einfluß, den die Römer in Sachen der Religion und überhaupt der übersinnlichen Angelegenheiten von Außen zugelassen haben, auf das rätselhafte Volk der Etrusker sich zu beschränken. Doch darf auch dieser Einfluß nicht überschätzt werden. Die Nachricht des Livius IX, 36, daß in der ältesten Zeit römische Jünglinge in der etruskischen Sprache und Litteratur, sowie später in der griechischen unterrichtet seien, steht vereinzelt da; jene Unterweisung in der Sprache des Nachbarvolks beschränkte sich wohl nur auf eine geringe Anzahl der vornehmsten, zum Priesterstande berufenen Jünglinge (vergl. Cicero über die Weissagung), zu dem einzigen Zwecke, die nachweisbar allerdings von den Etruskern übernommenen Künste der Opferschau, für deren Ausübung man sich in Rom anfangs mit gedungenen Etruskern behalf, ferner die Theorie der Blitze, worüber später mehr, zu erlernen.

Gleichwohl fordert das Volk der Etrusker, oder wie sie selber sich nannten, Rasen, schon um der bestimmten Zweige des praktischen Occultismus willen, die von den Römern übernommen wurden, unsere Aufmerksamkeit heraus. Es ist bislang ebensowenig gelungen, ihre Sprache zu entziffern, als ihre ethnologische Verwandtschaft festzustellen. Die etruskische Inschrift eines in Caere ausgegrabenen Thongefäßes lautet:

minice dumamimadumaramlisiaedipurenaiedecraisiepanamine dunastavhelefu.

Die verschiedensten Idiome sind auf Stammesverwandtschaft mit den etruskischen vergeblich geprüft worden, wenn auch einige Spuren darauf hinzudeuten scheinen, daß die Etrusker im allgemeinen den Indogermanen beizuzählen sind. Vielleicht hängt der Name des etruskischen Zeus Tina oder Tinia mit dem sanskritischen dina, Tag zusammen. Übrigens schreibt schon Dionysios: „die Etrusker stehen keinem Volke gleich an Sprache und Sitte.“

Wahrscheinlich ist es, daß die Etrusker über die rätischen Alpen nach Italien gekommen sind, da die ältesten in Tirol und Graubündten nachweisbaren Ansiedler bis in die historische Zeit etruskisch redeten und auch ihr Name auf den der Rasen anklingt. Nach Herodot sollen sie freilich aus Asien eingewanderte Lyder sein, allein schon Dionysios erklärt diese Erzählung bei der großen Verschiedenheit zwischen Religion, Gesetz, Sitte und Sprache der Lyder von ihnen für ein unmögliches Märchen.

Mit Mommsen dürfen wir es übrigens für zuverlässig halten, daß das letzte Königsgeschlecht, das über die Römer herrschte, das der Tarquinier aus Etrurien entsprossen ist.

Die Anschauungen der Etrusker wurzelten mehr als die irgend eines anderen bekannten Volkes des Altertums im eigentlich occultistischen Gedankenkreise. Insofern zeigen sie eine gewisse Ähnlichkeit mit den Egyptern, von denen sie sonst nach Sprache, Sitte und Verfassung entschieden zu trennen sind. Die Nekromantie und schwarze Magie scheint ihr eigenstes Element gewesen zu sein. Der Totenkultus scheint bei ihnen eine noch größere Rolle gespielt zu haben, als bei den Egyptern. Es gab eine Unzahl von Todesgenien, deren furchtbare Bilder an den Mauern der Totenstädte, auf den Sarkophagen u. s. w. uns entgegenstarren. Sie sind dargestellt, wie sie die armen Menschenseelen verfolgen, peinigen und trotz alles Flehens entführen, archaistische Höllenbreughel; sehr selten sieht man auch gute Geister die Seelen freundlich einladen, auch gute und böse sich um dieselben streiten. Die Totenstädte der Egypter übertrafen die Städte der Lebenden an Ausdehnung und wurden mit größerem architektonischen Aufwand, als jene, ausgeschmückt. „Aus den Trümmern, die vom etruskischen Sacralwesen auf uns gekommen sind“, schreibt Mommsen, röm. Gesch. I, S. 180, „redet eine düstere und dennoch langweilige Mystik, Zahlenspiel und Zeichendeuterei und jene feierliche Inthronisierung des reinen Aberwitzes, die zu allen Zeiten ihr Publikum findet. Wir kennen zwar den etruskischen Kult bei weitem nicht in solcher Vollständigkeit und Reinheit wie den latinischen; aber mag die spätere Grübelei auch manches erst hineingetragen haben und mögen auch gerade die düstern und phantastischen, von dem latinischen Kult am meisten sich entfernenden Sätze uns vorzugsweise überliefert sein, was beides in der That nicht wohl zu bezweifeln ist, so bleibt immer noch genug übrig, um die Mystik und Barbarei dieses Kultus als im innersten Wesen des etruskischen Volkes begründet zu bezeichnen. – Ein innerlicher Gegensatz des sehr ungenügend bekannten etruskischen Gottheitsbegriffes zu dem italischen läßt sich nicht erfassen; aber bestimmt treten unter den etruskischen Göttern die bösen und schadenfrohen in den Vordergrund, wie dann auch der Kult grausam ist und namentlich das Opfern der Gefangenen einschließt, – so schlachtete man in Caere die gefangenen Phokaeer, in Tarquinii die gefangenen Römer. Statt der stillen in den Räumen der Tiefe friedlich schaltenden Welt der abgeschiedenen „guten Geister“, wie die Latiner sie sich dachten, erscheint hier eine wahre Hölle, in die die armen Seelen zur Peinigung durch Schläge und Schlangen abgeholt werden von dem Totenführer, einer wilden halb tierischen Greisengestalt mit Flügeln und einem großen Hammer; einer Gestalt, die man später in Rom bei den Kampfspielen verwandte, um den Mann zu kostümieren, der die Leichen der Erschlagenen vom Kampfplatze wegschaffte. So fest ist mit diesem Zustand der Schatten die Pein verbunden, daß es sogar eine Erlösung daraus giebt, die nach gewissen geheimnisvollen Opfern die arme Seele versetzt unter die oberen Götter. Es ist merkwürdig, daß um ihre Unterwelt zu bevölkern, die Etrusker früh von den Griechen deren finsterste Vorstellung entlehnten, wie denn die acheruntische Lehre und der Charun eine große Rolle in der etruskischen Weisheit spielen. – Aber vor allen Dingen beschäftigt den Etrusker die Deutung der Zeichen und Wunder. Die Römer vernahmen wohl auch in der Natur die Stimme der Götter; allein ihr Vogelschauer verstand nur die einfachen Zeichen und erkannte nur im allgemeinen, ob die Handlung Glück oder Unglück bringen werde. Störungen im Laufe der Natur galten ihm als unglückbringend und hemmten die Handlung, wie zum Beispiel bei Blitz und Donner die Volksversammlung auseinanderging, und man suchte auch wohl sie zu beseitigen, wie zum Beispiel die Mißgeburt schleunigst getötet ward. Aber jenseits der Tiber begnügte man sich damit nicht. Der tiefsinnige Etrusker las aus den Blitzen und aus den Eingeweiden der Opfertiere dem gläubigen Mann seine Zukunft bis ins Einzelne heraus und je seltsamer die Göttersprache, je auffallender das Zeichen und Wunder, desto sicherer gab er an, was es verkünde und wie man das Unheil etwa abwenden könne. So entstanden die Blitzlehre, die Haruspicin, die Wunderdeutung, alle ausgesponnen mit der ganzen Haarspalterei des im Absurden lustwandelnden Verstandes, vor allem die Blitzwissenschaft. Ein Zwerg von Kindergestalt mit grauen Haaren, der von einem Ackersmann bei Tarquinii war ausgepflügt worden, Tages genannt – man sollte meinen, daß das zugleich kindische und altersschwache Treiben in ihm sich selber habe verspotten wollen, – also Tages, hatte sie zuerst den Etruskern verraten und war dann sogleich gestorben. Seine Schüler und Nachfolger lehrten, welche Götter Blitze zu schleudern pflegten; wie man am Quartier des Himmels und an der Farbe den Blitz eines jeden Gottes erkenne; ob der Blitz einen dauernden Zustand andeute oder ein einzelnes Ereignis und wenn dieses, ob dasselbe ein unabänderlich datiertes sei oder durch Kunst sich verschieben lasse bis zu einer gewissen Grenze; wie man den eingeschlagenen Blitz bestatte oder den drohenden einzuschlagen zwinge, und dergleichen wundersame Künste mehr, denen man gelegentlich die Sportulierungsgelüste anmerkt. Wie tief dies Gaukelspiel dem römischen Wesen widerstand, zeigt, daß, selbst als man später in Rom es benutzte, doch nie ein Versuch gemacht ward es einzubürgern; in dieser Epoche genügten den Römern wohl noch die einheimischen und die griechischen Orakel. – Höher als die römische Religion steht die etruskische insofern, als sie von dem, was den Römern völlig mangelt, einer in religiöse Formen gehüllten Spekulation wenigstens einen Anfang entwickelt hat. Über der Welt mit ihren Göttern walten die verhüllten Götter, die der etruskische Jupiter selber befragt; jene Welt aber ist endlich und wird, wie sie entstanden ist, so auch wieder vergehen nach Ablauf eines bestimmten Zeitraums, dessen Abschnitte die Saecula sind. Über den geistigen Gehalt, den diese etruskische Kosmogonie und Philosophie einmal gehabt haben mag, ist schwer zu urteilen, doch scheint auch ihnen ein geistloser Fatalismus und ein plattes Zahlenspiel von Haus aus eigen gewesen zu sein.“

Die obersten Götter des etruskischen Volkes, die „Verhüllten“ durften nicht mit Namen genannt werden. Nach ihnen kamen zwölf Gottheiten der Oberwelt, an deren Spitze Tina (Zeus?) stand, dieselben erinnern, ebenso wie die Blitzwissenschaft, auffällig an die obersten Götter der Akkader und sind augenscheinlich nichts anderes, als die zwölf Monate oder zwölf Zeichen des Tierkreises (Planetengötter), vergl. Teil I dieses Werkes (S. 7 und 53), ferner Müller, die Etrusker (2 Bände); dann die Gottheiten der Unterwelt, vor allem Mantus und Mania, denen in ältester Zeit sogar Kinderopfer dargebracht sein sollen, an deren Stelle erst in römischer Zeit Mohn- und Kohlköpfe substituiert wurden.

Zweites Kapitel.
Die Religion der Römer.

In seinen Göttern spiegelt sich der Mensch. Diese nicht erst von Feuerbach, sondern wie wir sahen, schon von Xenophanes (S. 475 oben) erkannte Wahrheit bestätigt sich auch, wenn wir die religiösen Vorstellungen der Römer Revue passieren lassen. Man erwarte daher von den praktischen, fast ganz auf die Beherrschung der diesseitigen Welt gerichteten Römern keine tiefsinnige Mystik, wie sie uns bei den Orientalen und teilweise auch bei den Griechen, später auch wieder bei den Germanen entgegentritt. Von den träumerisch-phantastischen, ja unheimlichen Etruskern übernahmen zwar die Römer einige Praktiken, mit denen sie den abergläubischen Sinn der Menge unmerklicher unter das Joch der Politik bringen konnten; ihre religiöse Weltanschauung selbst trägt einen durchweg klaren, wesentlich nur die wichtigsten Naturerscheinungen und Interessen ihres, ursprünglich mit Ackerbau und Hirtenleben einerseits und Krieg andererseits verwachsenen Lebens symbolisierenden naturalistischen und fast rationalistischen Charakter. Die Religion steht durchaus im Dienste der irdischen Zwecke, vor allem des Staates, nicht umgekehrt. Allerdings drängt sie sich, um den staatlichen Dingen die nötige Weihe zu geben, überall vor, aber wenn durch diesen Schein verleitet, Hartung, ein Philologe, über die Religion der Römer schreibt, „man müsse den älteren Römern nachrühmen, daß sie eine so allgemeine, so durchreichende und so unerschütterliche Religiosität besessen und geübt haben, wie kein anderes Volk der Erde“, so verfehlt ein besserer Kenner des eigentlich römischen Geistes, der Jurist R. v. Ihering, Geist des römischen Rechts, § 21, nicht, die Kehrseite der Medaille aufzuweisen und von frühzeitigem Formalismus und Jesuitismus, man könnte auch sagen Machiavellismus der Römer in Beziehung auf die Religion zu sprechen. Die Religion der Römer ward schon sehr früh mit ihrem gesamten Apparat von in den Willen der Staatsregierung gegebenen geistlichen Beamten, Zeichen, Nichtigkeitgründen u. s. w. ein politisches Institut; und Mommsen, römische Geschichte I, S. 160, macht auf das Schwanken der römischen Religionsvorstellungen im Laufe der Geschichte aufmerksam; „der Staat und das Geschlecht, das einzelne Naturereignis, wie die einzelne geistige Thätigkeit, jeder Mensch, jeder Ort und Gegenstand, ja jede Handlung innerhalb des römischen Rechtskreises kehren in der römischen Götterwelt wieder; und wie der Bestand der irdischen Dinge flutet im ewigen Kommen und Gehen, so schwankt auch mit ihm der Götterkreis.“

Den Vorrang unter den männlichen Göttern der ältesten Anschauungsform beanspruchen Jupiter, Mars und Quirinus. Diese drei wurden am heiligsten verehrt; sie waren die eigentlichen Schutzgottheiten Roms gegen auswärtige Feinde. So lautete ein altes Gesetz der Numa, das uns Festus aufbewahrt hat: „Unter wessen Anführung in der Schlacht die vornehmste Beute gewonnen wird, der soll dem Jupiter Feretrius einen Ochsen schlachten, und dem der sie gewonnen dreihundert Pfund geben; für die zweite soll er an dem Altar des Mars auf dem Marsfelde Suovetaurilien nach Belieben schlachten, für die dritte dem Quirinus ein männliches Lamm.“

Jupiter, aus Djovis pater entstanden, bedeutet zunächst Himmelsvater, als Quell des Lichtes; ihm sind alle Luftveränderungen, Regen und Gewitter, Blitz und Donner unterworfen. Darum heißt er auch, je nachdem er seine Macht äußert, Pluvius, Fulgurator, Tonans, Imbricitor, Serenator. Der heiligste Eid lautete, indem der Schwörende einen Kieselstein in die Hand nahm und auf das Opfertier schleuderte: „wenn ich mit Wissen und Willen einen Meineid schwöre, so soll mich Jupiter also schlagen (ferito), wie ich hier dieses Opfertier schlage, und so will ich aus Staat und Heimat also hinausgeworfen werden, wie dieser Stein da!“

Bei langdauernder Dürre brachte man ihm ein Opfer dar, das aquilicium oder Wasserentlockung hieß; da dasselbe mit gewissen magischen Ceremonien verbunden war, ließ man es durch einen Etrurier (Tusker) verrichten. Über diese magischen Ceremonien ist uns aus Labeo, der die tuskische Disziplin des Tages und Bacis in 15 Büchern erläutert hat, nur folgendes erhalten: „Wenn die Leberfasern eine Sondarach-Farbe zeigen, dann müssen die rinnenden Steine (manales petrae) in Bewegung gesetzt werden.“

Als höchster Gott heißt er Optimus Maximus, und sein Tempel ist als höchster auf dem Kapitol gegründet. Ihm gelten die Triumphzüge nach jedem Siege. Zu seinen Ehren wurden auch die berühmten Kapitolinischen Spiele gefeiert, und auf dem Giebel des Kapitolinischen Tempels prangte ein großes Viergespann, wie es die Wettfahrer bei diesen Spielen hatten. Etrurien soll durch ein solches frühzeitig die hohe Bestimmung seines Nachbarstaates erfahren haben. Als einst zu Veji dem Jupiter ähnliche Wettspiele, wie man sie zu Rom zu feiern pflegte, gehalten wurden, fingen die Rosse des siegenden Viergespanns plötzlich, wie von einem unsichtbaren Dämon getrieben, zu laufen an, und eilten unaufhaltsam nach Rom zu. Dort warfen sie den Tuskerjüngling, welcher den Namen Ratumena führte, beim Tarpejischen Thore ab, das sodann nach demselben umgetauft wurde, und rasteten nicht eher, als bis sie dreimal um den Tempel des Jupiter Kapitolinus gefahren waren.

Als Herr des Himmels und Lenker der Welt steht er allen irdischen und menschlichen Angelegenheiten vor und pflegt deshalb bei jedem Beginn einer wichtigen Handlung begrüßt zu werden. Ihm sind alle Vollmondstage heilig (die Iden), außerdem die sämtlichen Weinfeste.

Zu Zeiten der Not gelobte man ihm bisweilen den ganzen Ertrag eines Zweiges der Landwirtschaft oder gar die Erstlingsgeburten eines Frühlings, des sog. ver sacrum als Opfer. Eigentlich gehören dazu auch die in diesem Frühjahr geborenen Menschen. Weil es aber zu grausam gewesen wäre, so viele unschuldige Kinder abzuschlachten, so ließ man sie groß werden, und trieb sie dann in einem Frühjahr miteinander, verhüllten Gesichtes, über die Grenze; jene gingen dann aufs Geradewohl, wohin ihr Genius sie führte, und auf diese Weise soll manche Kolonie entstanden sein. Augenscheinlich war dieser Weihefrühling ein Mittel, der Übervölkerung und Nahrungsnot durch geeignete Kolonisation vorzubeugen und durch solche zugleich den Staat zu expandieren. Uhland hat ihn zum Vorwurf einer glänzenden Ballade gemacht, in der der Priester den Ersatz des blutigen Opfers durch die Auswanderung mit folgenden Worten begründet:

„Nicht läßt der Gott von seinem heil'gen Raub,
Doch will er nicht den Tod, er will die Kraft;
Nicht will er einen Frühling welk und taub,
Nein, einen Frühling, welcher treibt in Saft.“
„Aus der Latiner alten Mauern soll
Dem Kriegsgott eine neue Pflanzung gehn;
Aus diesem Lenz, urkräft'ger Keime voll,
Wird eine große Zukunft ihm erstehn.“
„Drum wähle jeder Jüngling sich die Braut!
Mit Blumen sind die Locken schon bekränzt;
Die Jungfrau folge dem, dem sie vertraut!
So zieht dahin, wo euer Stern erglänzt!“
„Der junge Stier pflüg' euer Neubruchland!
Auf eure Weiden führt das muntre Lamm!
Das rasche Füllen spring' an eurer Hand,
Für künft'ge Schlachten ein gesunder Stamm!“
„Denn Schlacht und Sturm ist euch vorausgezeigt;
Das ist ja dieses starken Gottes Recht,
Der selbst in eure Mitte niedersteigt,
Zu zeugen eurer Könige Geschlecht.“
„In eurem Tempel haften wird sein Speer;
Da schlagen ihn die Feldherrn schütternd an,
Wann sie ausfahren über Land und Meer
Und um den Erdkreis ziehn die Siegesbahn.“
„Ihr habt vernommen, was dem Gott gefällt.
Geht hin, bereitet euch, gehorchet still!
Ihr seid das Saatkorn einer neuen Welt;
Das ist der Weihefrühling, den er will.“

Jupiter ist ferner Beschützer des Rechts und der Tugend, als Gott der Treue, Dius Fidius auch besonders des Ehebundes; – da später die Schwurformel me Dius Fidius identisch mit dem aus der Fremde eingedrungenen me Hercle wurde, hat man fälschlich diesen Gottesbegriff später auf Hercules übertragen. Nach Augustin (IV, 23) hätten die Römer auch einen gewissen rätselhaften (nescio quem) Summanus noch höher als Jupiter selbst geehrt. Indeß kann dieser Summanus schwerlich ein anderer, als Jupiter gewesen sein, zumal die Römer, wie Augustin berichtet, ihm die nächtlichen Blitze zuschrieben.

Der römische Mars ist in vieler Hinsicht eher mit der griechischen Pallas Athene als mit Ares, dem Kriegsgott zu vergleichen. Den bloßen Krieg personifizierte Bellona, eine weibliche Gottheit. Mars symbolisiert mehr das stetige Gerüstetsein zum Krieg, als den blutigen Kampf; darauf deutet schon der Wortstamm Mavors, Marmar, verwandt mit arma und dem sanskritischen wârajâmi d. h. schützen. Ihm war ein uraltes Heiligtum auf dem Berg Quirinus geweiht, alle vier Jahre wurde auf dem Marsfelde eine (militärische) Schätzung der ganzen Bürgerschaft vorgenommen, wobei ein Stier, ein Widder und ein Bock dreimal um das ganze Heer herumgeführt und dann geopfert wurde; dies war das erwähnte suovetaurilium. Sein Hauptfest fand im Frühling statt, das eingeleitet durch das Pferderennen, equirria am 27. Februar, im März selbst an den Tagen des Schildschmiedens (mamuralia), des Waffentanzes (quinquatrus) und der Drommetenweihe (tubilustrium) seine Haupttage hatte. Hierbei spielten die Salier eine Hauptrolle, wörtlich „Tänzer“, d. h. eine aus zwölf Mann bestehende geistliche Brüderschaft. Dieser anzugehören, rechneten sich die vornehmsten Männer, wie P. Scipio zur Ehre; ihr Anzug war eine bunte Tunika, über welche um die Brust ein breiter eherner Gurt gelegt wurde, eine verbrämte Toga, mittelst Hefteln gabinisch aufgeschürzt, eine eherne Spitzhaube (apex) und ein Schwert. In der rechten Hand hielten sie ein ehernes Stäbchen, in der linken den Schild, der an einem Riemen um den Hals hing. Dieser hatte ungefähr die Gestalt einer arabischen 8; daher wohl sein Name ancile (ἄγκυλος). Einer von diesen Schilden sollte zu einer Zeit, da eine Seuche in Rom wütete, vom Himmel gefallen sein, Numa hatte dann auf Anraten der Nymphe Egeria durch den Waffenschmied Mamurius die elf anderen diesem so täuschend nachmachen lassen, daß niemand mehr den echten vom unechten unterscheiden konnte. In der Prozession ging auch ein Mann, rings mit dicken Häuten umhangen, der den Mamurius vorstellte und ganz unbekümmert mit Stangen auf seinen Lederpanzer hauen und stoßen ließ. Das Debüt der Priesterschaft bestand in einem Waffentanz und Absingung von uralten Liedern, deren Sprache die Gelehrten zur Zeit Cäsars bereits nicht mehr völlig entziffern konnten. Von dem Waffentanze selber sagt Plutarch (Numa c. 13): „Das Meiste bei diesem Tanze haben die Füße zu thun und man sieht mit Vergnügen den Bewegungen der Tänzer zu, da sie nach einem geschwinden, lebhaften Takte allerhand Krümmungen und Wendungen machen, die eine besondere Stärke und Leichtigkeit verraten.“ Noch heute dürften uns die sog. Pyrrhischen Tänze der Arnauten und einiger anderer neugriechischer Stämme ein analoges Bild dieser uralten kulturhistorisch interessanten Tanzart gewähren. Die Salier waren von Dienern begleitet, denen sie in den Pausen die Ancilia übergaben. Dionysios erzählt, wie sogar ein römischer Prätor diesen Dienst seinem Vater ohne Widerrede leistete und dessen Schild trug, während sechs Lictoren ihm voranzogen.

Quirinus war der Genius der gesamten römischen Bürgerschaft (Quiriten). Vor seinem Heiligtum standen zwei Myrten, als Bundessymbole, die eine die patrizische, die andere die plebejische genannt. Sein Fest, die Quirinalia, wurde am 17. Februar gefeiert. Dieses Fest hieß auch das Fest der Dummen. Die Ursache dieses Namens gibt Ovid (Fasten II. 475) folgendermaßen an: „Vernimm auch, warum derselbe Tag das Fest der Dummen heißt. Die Ursach ist zwar gering, aber passend doch. Das Land unserer Vorfahren hatte keine geschickten Bebauer: wilde Kriege ermüdeten die thätigen Männer. Größern Ruhm erntete man durch Schwerdt, als durch die gekrümmte Pflugschaar; wenig trug der Acker, von dem Besitzer nicht geachtet. Doch Dinkel säten die Alten, und ernteten Dinkel: abgemäht brachte man Dinkel, als Erstlinge der Ceres dar. Durch Erfahrung belehrt legten sie ihn zum Dörren ans Feuer: litten aber durch eigne Fehler vielen Schaden. Denn statt des Dinkels kehrten sie bald schwarze Asche zusammen, bald brannten sie wohl gar mit Feuer ihre Hütten nieder. Daher schuf man sich die Göttin Fornax. Fröhlich aber beten zu ihr die Landbewohner, ihre Früchte nach Ordnung zu bereiten. Jetzt kündigt die Fornacalien mit feyerlichen Worten der Curie Maximus an: denn einen bestimmten festlichen Tag macht er nicht. Auf dem Forum wird jede Curie auf den vielen herumhängenden Täfelchen mit bestimmten Zeichen angedeutet. Aber der unwissende Teil des Volkes kennt seine Curie nicht und hält daher das zu feiernde Fest am Ende des Tages.“

Zur Seite Jupiters steht Juno, als Lichtgöttin auch Lucina genannt, die Himmelsgöttin, der Genius des Weibes. Das Hauptfest derselben, die Matronalien, wurde am 1. März, welcher Tag deshalb die Kalenden der Frauen hieß, von den Frauen gefeiert, der Sage nach zum Andenken an die Stiftung der Ehe durch Romulus und an das Verdienst der Frauen bei Vermittelung der Feindseligkeiten ihrer Sabinischen Väter und Brüder nach dem bekannten Raube. Sein Hauptgegenstand war Feier der Geschlechtsliebe und Gebet um ehelichen Segen. „Ja jetzt weicht endlich der Winter“, singt Ovid (Fasten III. 167ff.), „und von lauer Sonne erwärmt thauet der Schnee. Laub vom Froste gestreift bekleidet frisch die Bäume, und die lebende Knospe blüht aus dem zarten Rebenschoß hervor. Jetzt auch sucht sich das dichtsprossende Kraut, das lange die Erde barg, eine himmlische Bahn, um sich zur Luft zu erheben. Fruchttragend ist jetzt die Flur; jetzt ist die Zeit zur Erzeugung: jetzt werden auf grünem Gesproß die Nester und Häuschen von Vögeln gebaut. Mit Recht feiern Latiums Mütter diese Zeit, ihre Niederkunft fordert Kampf und Gelübde. – Günstig ist meine Mutter den Verlobten; drum ehret mich die Schaar der Mütter. Bringt der Göttin Blumen! An blühenden Kräutern ergötzt sich die Göttin: umkränzt euer Haar mit jungen Blumen! Flehet zu ihr: Du hast uns, Lucina, das Tageslicht gegeben. Sei auch dem Gelübde der Gebärenden hold! Doch welche Mutter schwanger ist, die bete mit aufgelöstem Haare: die Göttin möge sanft ihre Geburt erleichtern!“

Ein anderes Fest zu ihren Ehren wurde an den Nonen des Juli bei dem sog. Ziegenbaume gefeiert. Es war dies der alte Feigenbaum auf dem Comitium, ficus Ruminalis, unter dem vor Alters die Zwillinge Romulus und Remus von einer Wölfin gesäugt sein sollten. Die Feige (fica) hat übrigens noch jetzt in Italien eine Nebenbedeutung allerintimster Natur; der italienische Dichter Molza hat sie in einem aus wohlgefügten Terzinen bestehenden Lehrgedicht, der sog. Ficheis, besungen und noch dazu einen sehr deutlichen Kommentar verfaßt, in dem ebenfalls an den ficus Ruminalis als principio della Città di Roma erinnert wird. Die Feige bedeutet die weibliche „Natur“. Neben diesem Feigenbaum stand ein Ziegenbock, als Sinnbild der männlichen Zeugungskraft. „Verehelichte, was wartest Du?“ singt bei Gelegenheit dieses Festtages Ovid in den Fasten, „Du wirst nicht durch kräftige Kräuter, nicht durch Gebete, nicht durch Zaubergesänge Mutter werden. Es war eine Zeit, wo nach hartem Verhängnis die Mütter nur selten Pfänder der Geburt erzeugten. Was nützt mir's, rief Romulus, neun sabinische Mädchen geraubt zu haben. Da sprach die Göttin (Juno) in ihrem Haine wundersame Worte. In italische Mütter, rief sie, dringe ein haariger Bock ein! Es staunte der Haufe erschreckt über die zweideutigen Worte. Ein Seher war da; sein Name ist vergessen, er war eben als Fremdling aus etruskischem Lande gekommen. Dieser schlachtet einen Bock; auf seine Belehrung reichten die Frauen ihren Rücken zum Schlag mit den ausgeschnittenen Riemen dar. Der Mond nahm bei dem zehnten Umlauf neue Hörner wieder, und es waren Gatten auf einmal Väter und Verehelichte Mütter.“

Zu diesem Feigenbaum also wallfahrteten die römischen Matronen, unter ausgelassenen Scherzen, (ich erinnere an die griechischen Thesmophorien S. 531), allerlei männliche, glückbringende Namen rufend, wie Lucius, Gajus u. s. w. Beim Feigenbaum angelangt verrichtete man ein Opfer, wobei Saft des Feigenbaums anstatt der Milch gebraucht wurde, und schmauste, von seinen Ästen beschattet und mit seinen Zweigen geschmückt.

Weil der Ziegenbock Symbol männlicher Zeugungskraft war, so galt die Berührung alles dessen, was von ihm kam, als ein Mittel, die Fruchtbarkeit zu fördern und den Einflüssen dieselbe hindernder Dämonen entgegenzuwirken.

Ein ähnliches Fest, das zugleich die römische Religion als eine ursprüngliche Hirtenreligion kennzeichnet, waren die Lupercalien.

In der Nähe jenes sog. Ziegenfeigenbaums war nämlich auch dem Gotte Lupercus ein Altar errichtet, der im Bildnisse nackt und mit einem Ziegenfell um die Schultern dargestellt war. Dieser Gott war, wie richtig Hartung vermutet, ebenso wie der Seher und Augur Picus nur eine gleichsam zur besonderen Person verdichtete losgetrennte Eigenschaft des Mars.

Seine Gattin Luperca war die Wölfin, die dem Romulus und Remus sich als Amme bot. Im Jahre 446 wurde zum Andenken an jene mythische Begebenheit ein Erzbild derselben mit den saugenden Zwillingen bei dem Feigenbaum aufgestellt. Dieses Erzbild ist bis auf den heutigen Tag erhalten, die berühmte Wölfin des Kapitols.

Offenbar handelt es sich bei Lupercus und Luperca, also Wortbildungen von lupus und lupar, ebenfalls nur um Symbolisierungen des männlichen und weiblichen Begattungstriebes; lupa bedeutet sowohl Wölfin als Buhlerin; daher auch die Ableitung lupanar, worüber jedes Lexikon Auskunft erteilt. Lupercus führte auch den Zunamen Innuus (von inire = Bespringen).

Am 15. Februar fanden sich nun beim Feigenbaum zwei Priesterkollegien ein, die sog. Fabii und Quinctilii, Jünglinge aus patrizischen Geschlechtern, verrichteten ein Opfer von Ziegen und jungen Hunden, Tieren die sich durch starken Begattungstrieb auszeichnen, zerschnitten die Ziegenfelle in Lappen und Riemen, gebrauchten erstere zur oberflächlichen Umhüllung ihres sonst nackten Körpers und nahmen letztere als Geißeln zur Hand, mit denen sie dann die Stadt durchliefen und alle Frauenzimmer, die ihnen begegneten, schlugen. Besonders solche, die an Unfruchtbarkeit litten, stellten sich ihnen gerne in den Weg. Vgl. Shakespeare's Julius Cäsar I. 2. Cäsar:

„Vergeßt, Antonius, nicht in Eurer Eil',
Kalpurnia zu berühren; denn es ist
Ein alter Glaube, unfruchtbare Weiber,
Berührt bei diesem heil'gen Wettlauf
Entladen sich des Fluchs.“

Von dieser symbolischen Handlung, die man inire oder auch februare nannte, erhielt nicht nur der Monat Februar, in dem sie stattfand, seinen Namen, sondern auch Juno, der die Ehe heilig war, wurde Februata genannt, und wiederum nannte man das Ziegenfell, weil die Bildnisse der Göttin gleichfalls mit demselben bekleidet waren, Rock der Juno.

Außerdem führte Juno, als Ehegattin, den Beinamen Juga, auch Unxia; letztere Bezeichnung hing mit einer Ceremonie zusammen, von der das Wort uxor = Ehefrau abgeleitet ist.

Wenn nämlich die Jungfrau bei der Hochzeit die Schwelle des Hauses ihres Gatten überschritt, mußte sie zuvor die Pfosten mit Wolle umwinden und mit Öl oder Fett salben (ungere). Ein weiterer Zuname war Cinxia, weil der Leib der neuvermählten Jungfrau mit einem wollenen Gürtel gebunden war, dessen Knoten der Bräutigam zu lösen hatte.

Der Juno untergeordnete Hilfsgenien waren Subigus (id est deus qui adest, ut nova nupta a viro subigatur), Prema (id est dea, quae facit, ut ne virgo se commoveat, quando a sponso premitur), Pertunda (id est dea, quae in primo concubitu naturam feminae pertundere dicitur), und endlich Perfica (welches Wort entweder mit fica, siehe oben S. 634, oder mit perficere = vollenden zusammenhängt).

Man sieht also, wie die Römer den Akt der Begattung bis aufs einzelste analysierten und besondere Genien darfür aufstellten.

Nach der Konzeption war es wieder Juno Fluonia, die den menses Einhalt that, bis endlich Juno Lucina die Geburt ans Tageslicht förderte.

Übrigens war es nicht bloß die Fruchtbarkeit, sondern auch die Heiligkeit der Ehe, die dieser Göttin am Herzen lag. Unkeuschheit und alle ungeordnete Befriedigung des Geschlechtstriebes war ihr ein Gräuel. Ein Gesetz des Numa lautet also:

„Eine Buhlerin soll den Altar der Juno nicht anrühren: thut sie es, so soll sie der Juno mit herabhängenden Haaren ein weibliches Lamm schlachten.“

Ungeachtet all der unverhüllten Natürlichkeit, die aus den mitgeteilten Kultushandlungen hervorleuchtet, galt bekanntlich den alten Römern die Ehe in demselben Maße als heilig, in dem sie den späteren Römern der Kaiserzeit profan und frivol war; die gestörte Eintracht zwischen den Ehegatten stellt Juno Conciliatrix oder Viriplaca wieder her, die einen Tempel auf dem Palatin besaß; und da sie die Ehen beständig erhielt, verdiente sie auch den Beinamen Manturna; es ist bekannt, daß in Rom fünfhundert und zwanzig Jahre lang keine Ehescheidung vorfiel.


Eine spezifisch römische Gottheit war sodann der zweiköpfige Janus. Ihn charakterisieren wir wohl am besten, mit den Worten Ovids (Fasten I. 90ff.): „Doch für welchen Gott soll ich Dich ausgeben, zweigestalteter Janus? Denn kein dir ähnliches Wesen besitzt Griechenland. Sage zugleich die Ursache, warum du allein von den Himmlischen das was dir von hinten ist, erblickst, und das, was vorn ist. Ich nahm die Tafeln, und als ich es bei mir im Sinne überdachte, schien mir heller als vorher meine Wohnung zu sein. Darauf erschien plötzlich der heilige Janus, wundersam zu schauen, mit doppeltem Bilde, darstellend meinen Augen sein zwiefaches Antlitz. Ich staunte, fühlte vor Angst erstarrt meine Haare, und eiskalt mein Herz vom überraschenden Schauer. Er, ein Scepter in der Rechten, und in der Linken einen Schlüssel, sprach aus dem vorderen Antlitz zu mir diese Worte: Entferne deine Furcht, o Sänger, der du bemüht um die Tage bist, höre, was du bittest, und fasse meine Worte in deine Seele. Mich nannten die Alten (denn ein uraltes Wesen bin ich) Chaos. Siehe, welche längst vergangene Begebenheiten ich verkündige! Diese durchsichtbare Luft und die noch dann übrigen Körper, Feuer, Wasser und Erde, waren einst nur ein Chaos. Sobald aber diese Masse in einem Streite ihrer Lage sich trennte, und aufgelöst in neue Wohnörter ging, so erhob sich das Feuer in die Höhe, der benachbarte Raum nahm die Luft ein, und im mittlern Raume lagerten sich das Meer und die Erde. Damals nahm ich wieder, der ich eine Kugel gewesen war und eine bildlose Masse, Gestalt an, und göttliche Glieder. Auch noch jetzt ist ein kleines Merkmal der einst verwirrten Gestalt übrig; denn es wird an mir dieselbe Gestalt vorwärts und rückwärts gesehen. Vernimm nun die andere Ursache der angenommenen Gestalt, damit du diese und meine Geschäfte kennest. Alles, was du nur siehst, Himmel, Meer, Wolken und Erde, ist alles von meiner Hand verschlossen oder steht offen durch sie: bei mir allein ist die Bewachung der weiten Welt, und mein ist das Recht, die Angeln zu drehen. Wenn es gefällt, aus ruhiger Wohnung den Frieden zu schicken, so wandelt er frei und ununterbrochen auf der ganzen Erde; aber von mordbringendem Blute wird der weite Erdkreis erfüllt werden, wenn nicht starrende Schlösser die erregten Kriege verwahren. Ich bewache die Thore des Himmels mit den gütigen Horen, und selbst Jupiter geht und kehrt zurück durch meinen Dienst. Darum werde ich Janus genannt; und bringt mir der Priester auf den Altar cerealische Kuchen und mit Salz vermischten Dinkel: so wirst du meine Namen belachen, denn bald heiße ich dann im Munde des Priesters Patulcius und bald Clusius. Denn wisse, es wollte jenes rohe Altertum durch den abwechselnden Namen meine verschiedenen Ämter andeuten. Erzählt hab ich dir meine Gewalt: so vernimm nun den Grund meiner Bildung. Doch auch du erkennst ihn schon zum Teil. Jede Thür hat von innen und außen doppelte Seiten, deren eine nach dem Volke, die andere aber nach dem Hausgotte blickt. Und so wie bei euch der Wächter der Thür, sitzend an der Schwelle des Eingangs des Hauses, allein Aus- und Eingang bemerkt: so erblicke auch ich, der Pförtner des himmlischen Hofes, die Gegenden von Osten und Westen zugleich. Hekates Antlitz siehst du nach dreien Seiten zu wenden, um die in drei Wege zerschnittenen Straßen zu schützen; drum kann auch ich, um durch des Nackens Beugung nicht Zeit zu verlieren, ohne des Körpers Bewegung nach zwei Seiten blicken. So sprach er, und zeigte durch Miene, daß er, wenn ich wünschte noch mehr zu erforschen, sehr bereitwillig gegen mich sein würde. Mut faßte ich, und dankte unerschrocken dem Gotte, und sprach wenige Worte zur Erde hinschauend: Sage mir, wohlauf, warum das neue Jahr mit Kälte beginnt, das wohl besser mit dem Frühling begänne; dann blüht alles, dann ist das Alter der Zeit verjüngt; und aus fruchtschwangerem Rebenschoß bläht sich der junge Keim: der Baum wird von neu gesproßten Reben bekleidet, und ragend erhebt sich über den Boden der Halm der Saat: Vögel bezaubern dann auch die laue Luft mit Konzerten, und auf den Wiesen spielt und ist fröhlich das Vieh. Dann ist lieblich die Sonne und es naht sich die fremde Schwalbe, und erbaut unter erhabenem Gebälk ihr Häuschen aus Koth. Dann läßt der Acker Bestellung zu, und wird durch den Pflugschar verjüngt. Dieses müßte mit Recht des Jahres Verjüngung heißen. Wortreich hatt' ich gefragt: er aber, ohne mich lange zu verweilen, schränkte seine Rede auf diese zwei Verse ein: