Auch Iduna ist nichts anderes, als die immer wiederkehrende (id = wieder) Sonne. Nachdem die Asen vergebens alle Mühe erschöpft haben, Iduna zum Himmel zurückzurufen, sagt die Edda (im Rabenzauber) weiter, will Odin die Asen nicht schlafen lassen, sondern versammelt sie noch in der Nacht zu neuer Beratung. Aber Nörvi, der Vater der Nacht, schlägt mit dorniger Rute (dem Schlafdorn) die Völker ringsumher, und auch die Asen nicken unwillkürlich ein, selbst der Wächter Heimdallr wird schlaftrunken. Am Morgen aber geht die Sonne prächtig am Himmel auf, die Nacht entflieht und froh und erfrischt steigt Heimdallr wieder zu den Himmelsbergen.
Iduna verwahrt wunderbare Äpfel, von denen die Götter essen, um sich ewig jung zu erhalten. Einst hatte mit Lokis Hilfe der mächtige Riese Thiassi Iduna nebst ihren Äpfeln geraubt. Da fingen die Götter sämtlich zu altern an und zwangen Loki, um jeden Preis die Iduna mit ihren Äpfeln zurückzubringen. Er unternahm es, indem er als Falke in Thiassis Wohnung flog, Iduna in eine Nuß verwandelte und sie in seinen Klauen forttrug. Zwar verfolgte ihn der Riese Thiassi, als Adler, die Götter aber hielten ihn durch ein Feuer auf, worin er verbrannte. Uhland deutet diesen Mythus, indem er unter Thiassi, der alles kleben d. h. gefrieren macht, den Winter, unter Iduna und ihren Äpfeln die Vegetationskraft, das Naturleben versteht, welches im Winter verschwindet, und unter dem Falken den heiteren Frühlingshimmel, unter der Nuß den Keim der wiederverjüngten Pflanzenwelt. Darum liebt man es noch heute, den Tannenbaum am Weihnachtsfest, der winterlichen Sonnenwende, mit vergoldeten Nüssen zu schmücken.
Die Äpfel erinnern an die von Herakles den Hesperiden geraubten Äpfel, die Athene wieder in den Garten derselben zurückversetzt. Auch Athene ist das ewige, jungfräuliche Licht der Sonne, und W. Menzel (vorchristl. Unsterblichkeitslehre S. 99) glaubt sogar auf den Gleichklang der Namen Iduna, Athene aufmerksam machen zu sollen.
Die eigenartigste Idee der altgermanischen Glaubenslehre ist die Götterdämmerung oder Ragnarök (der letzte Weltbrand).
Gemeinsame Überzeugung aller deutschen Völker war, daß Welt, Völker und Menschen dereinst im Feuer untergehen werden, um einer neuen besseren Weltschöpfung Platz zu machen.
Dieser Glaube an einen Weltuntergang findet sich freilich auch bei andern Rassen, aber der germanische Weltuntergangsglaube hat einen heroischen Charakter. Unsere Vorfahren meinten nämlich nicht, sie würden wie Schafe im Stalle verbrennen, sondern mitten im Brande wollten sie noch kämpfen.
„Nun lese mit Bedacht der Nibelungen Not“, schreibt Mone, a. a. O. S. 447, „wenn man schaudert über einen nicht durch Zufall, sondern durch Freiheit herbeigeführten Untergang, so muß man erstaunen über die Unerschütterlichkeit der Heldenseelen, die der Edelmut ihres Feindes bis zu Thränen rührt, die aber vor keinem Tode, vor keiner Qual zittern, die durch Not wohl bis zur Gräßlichkeit getrieben werden, daß sie das Blut der gefallenen Feinde trinken; die aber, weit entfernt sich der Feigheit und Verzweiflung zu überlassen, lachend den Tod verhöhnen, und bis auf den letzten Hauch ihren Mut bewahren. Ist je eine Religion geeignet, allem Schicksal Trotz zu bieten, ist je der Satz der Freiheit zu einer durchdringenden und großartigen Überzeugung geworden, so ist es im deutschen Glauben geschehen, wo die Welt aus Gottes Freiheit hervorgegangen und darum durch ihre eigene Freiheit zertrümmert wird. Kein europäisches Volk, selbst die Griechen und Römer nicht, haben einen Volksglauben von dieser Größe aufzuweisen.“
Der Anfang des Endes wird der Fimbulwinter sein, da fällt Schnee von allen Seiten, große Kälte, scharfe Winde, kein Blick der Sonne, so folgen drei Winter nacheinander. Dann folgen drei Jahre voll Krieg, die Menschen bringen sich untereinander um, der Bruder schont des Bruders, der Vater des Sohnes nicht.
Dann verbrennt die Weltesche Yggdrasil, die große Achse, die Erde und Himmel zusammenhält.
Doch lassen wir die Edda selber reden:
„Hrymr fährt von Osten, vor sich hält er den Schild, Hormungandr wälzet sich mit Riesenzorn, die Wogen schlägt die Schlange, der Adler schreit und zerreißt die Leichen, Naglfar wird los. Dies Schiff fährt von Osten, kommen werden Muspells Leute auf das Meer, und Loki steuert. Der Thorheit Kinder fahren alle mit Fenrir und ihn begleitet auf der Fahrt Bifrosts Bruder. Surtur fährt von Süden mit schweifender Flamme, die Sonne scheint vom Schwerte der Schlachtgötter; die Erde bebt und alle Gebirge, ausgerissen werden die Bäume, die Felsenberge zerklüpften, alle Fesseln und Bande brechen und reißen, das Meer strömt auf das Land, die Riesenweiber stürzen zusammen, Menschen betreten den Höllenweg und der Himmel zerspaltet. Wie dann mit den Asen, wie dann mit den Alfen? Die ganze Riesenwelt erschallt, die Asen sitzen im Gericht, die wegweisen Zwerge stöhnen vor den Steinthüren. Wisset ihr etwas mehr? Mit gaffendem Rachen kommt Fenrir, der Oberkiefer steht am Himmel an, der untere auf der Erde, Feuer brennen ihm aus Augen und Nase, die Midgardschlange bläst so viel Gift aus, daß alle Luft und See verpestet wird, sie ist ein grausenhafter Anblick und steht dem Wolfe zur Seite. Muspells Söhne reiten über Bifröst, Surtur voran, um ihn brennendes Feuer, worauf die Brücke zerbricht. Sie kommen auf das Feld Vigride, da erscheinen auch Fenrir, Midgardzormr, Loki mit allem Gesinde der Held und Hrymr mit allen Hrimthursen.
Die Asen ziehen ihr Kriegskleid an und alle Einherier und reiten hinaus auf das Schlachtfeld, Odin voran mit dem goldenen Helm, der schönen Brünne und dem Zauberspieß Gungmirs. Ihm zur Seite ziehen Thor und Freyr, keiner kann aber dem andern helfen, weil jeder die letzte Kraft gegen seinen eigenen Feind anstrengen muß. Odin kämpft mit Fenrir lang und hart, Thor mit der Erdschlange, die er mit seinem Hammer erschlägt; aber neun Fuß davon fällt er selbst todt nieder vom Gifte, das sie gegen ihn ausgeblasen. Freyr steht gegen den Surtur, aber da er sein gutes Schwert weggegeben, so fällt er nach furchtbarem Streite, Tyr gegen den Hund Garmr und der Kampf mit diesem Ungeheuer endet mit dem Tode beider. Fenrir verschlingt den Odin lebendig, aber der gewaltige Sohn Sigföders, Widar tritt mit seinem Schuh dem Ungetüm in den Unterkiefer, zerreißt ihm den Rachen, stößt ihm sein Schwert ins Herz und rächet so seinen Vater Odin. Zuletzt fallen Heimdallr und Loki im Zweikampf, Surtur verbrennt dann die ganze Welt, die Sonne wird schwarz, die Erde sinkt ins Meer, vom Himmel fallen die heiteren Sterne, Rauch wallt auf vom Feuer, die hohe Flamme fliegt bis zum Himmel.“
Nach diesem Weltuntergang wird Allvater einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen.
Die tiefe esoterische Idee, welche auch der Mythe vom Weltbrande zu Grunde liegt, ist die der Wiedergeburt.
„Wenn Himmel und Erde“, fährt die Edda fort, „und alle Welt verbrannt ist, wenn alle Götter, alle Einherier und alles Menschengeschlecht tot, so wird jeder Mensch in einer der (neuen) Welten leben alle Zeiten hindurch. Denn es giebt manche guten und manche bösen Stätten; da sind drei Säle, der des Sindri-Geschlechtes steht nordwärts von rotem Golde gemacht, der andere ist ein Biersaal der Riesen, steht auf Okolnir und heißt Brimir; in diesen Sälen werden die guten und gerechten Menschen wohnen. Fern von der Sonne steht der dritte Saal am Leichenstrand (Naströnd), die Thüre gen Norden gekehrt. Gifttropfen fallen zum Fenster hinein, geflochten ist der Saal von Schlangenrücken, die Köpfe aber stehen einwärts und blasen Gift aus, sodaß Giftströme durch den Saal fließen, Mörder und solche, die eines anderen Braut ins Ohr raunen. Da saugt der Nidhöggr hingegangene Leichen aus und zerreißt der Wolf die Menschen.“
Sindri entspricht dem Urdaborn und ist mit Gold gedeckt zur Anspielung auf das leuchtende Muspelheim; Brimir ist ein Trinksaal der Riesen zur Erinnerung an Ymirs Entstehung und entspricht dem Mimirs Born und Ginnungagap; der Schlangensaal weist auf die Schlangen im Hvergelmir und Niflheim zurück. Zur Erklärung schreibt Mone (a. a. O. S. 468): In der Schöpfung ist Bewußtlosigkeit der erschaffenen Wesen, im Leben entwickelt sich das Bewußtsein, darum ist es ein beständiger Streit zwischen Wahrheit und Wahn, der Weltbrand ist die Vollendung des Bewußtseins. Da die Lebenspflicht Kampf, und dieser, wie oben gezeigt, sowohl leiblich als geistig ist, so tritt mit dem Bewußtsein die Überzeugung von Verdienst und Schuld und die Notwendigkeit von Lohn und Strafe ein, die drei Säle der Wiedergeburt sind also die Orte des Lohnes, des Zwischenzustandes oder der Vorbereitung zum Lohne, und der Strafe (im Christentum Himmel, Fegfeuer, Hölle), Gedanken, die natürlich bei den drei Brunnen des Lebens noch nicht vorkommen konnten. Aus den obigen Worten der Edda erhellt, daß die guten Menschen in den Sindri, die gerechten in den Brimir, die sündhaften in den Schlangensaal kommen. Umsonst wird dieser Unterschied nicht sein, in ihm liegen folgende Gedanken. Die Güte ist die wahre Tugend, die allein belohnt wird, die ihr Vorbild am Balder hat, der darum ausdrücklich der Gute genannt ist. Sie besteht in dem durch sittlichen Kampf errungenen thätigen Willen zur Tugend, die Gerechtigkeit aber erwirbt durch den Kampf mit dem Bösen kein größeres sittliches Eigentum, sondern bewahret nur ihren Besitz, wer sich aber feig vom Bösen überwinden läßt, der ist ein Sünder und verspielt sein sittliches Vermögen an den Teufel. Derselbe Gedanke ist im Evangelium durch die Knechte und ihre Talente bezeichnet. Auf drei Sünden wird der Nachdruck gelegt, auf Meineid, Mord, Ehebruch, dieser ist zwar ein Zusatz, aber so gültig wie die Quelle. Die drei Sünden heben die Grundlagen des Lebens, Wahrheit, Persönlichkeit und Fortpflanzung auf; da die Strafe im Aussaugen und Zerreißen der Leichen besteht, so heißt dies mit anderen Worten, die Sünder verlieren in der anderen Welt ihre Selbständigkeit oder Persönlichkeit, ihr Körperliches wird aufgelöst und in die allgemeine Materie zurückgeworfen, ihre Seele ist dadurch in der Wanderung gehemmt, weil ihr Leib, statt vollkommen zu werden, wieder in seine Urstoffe aufgelöst wird. Solche Seelen irren deswegen als Gespenster umher, bis ihre Strafzeit vorüber und sie wieder einen Leib finden. Die Gespenster sind also eine mikrokosmische Folgerung aus dem Weltbrande und der Wiedergeburt. Von den Guten heißt es nie, daß ihr Körper in jener Welt zerstört würde, im Gegenteil haben schon die Einherier einen so vollkommenen Leib, daß er durch Wunden nicht getötet wird, und die Gerechten trinken in voller Gesundheit Bier im Saale Brimir, während Nidhöggr Leichen aussaugt, denen die Seele entflohen (nair framgeingnir, Vol. 45). Man kann hieraus die Stufen der Seelenwanderung erkennen: wer nach seinem Tode Einherier wird, kommt nach dem Weltbrand in den Sindri, wen die Hel verwahrte, der gelangt in den Brimir, wo Bier getrunken wird wie in Walhall. Also kommen die Gerechten erst nach dem Weltbrand auf jene Stufe, auf der die Einherier schon vor demselben standen; die Verbrecher aber, die nach dem Tode an den Leichenstrand gelangen, gehen nach dem Weltbrand in den Schlangensaal und müssen die irdische Laufbahn und Prüfung von vorn wieder anfangen. Hieraus folgt, daß die Guten nicht mehr auf die Erde zurückkommen, wohl aber die Gerechten und Bösen, daß also die Welt notwendig immer schlechter wird und die Vorzeit besser war, was beides noch jetzt vielfach deutscher Volksglauben ist. Es scheint ein altgermanischer Glaubenssatz gewesen zu sein, daß jeder Gerechte und Verbrecher wiedergeboren werde, bis die Welt untergehe, welcher Sünder sich bis dahin nicht gebessert hätte, der würde in den Schlangensaal kommen. Dies bestärkt auch eine Stelle im Havamal, wo nur zwei Dinge, der gute Ruf (die Tugend) und der Urteilsspruch über den Toten als unsterblich angeführt werden:
Den ferneren Verlauf der Wiedergeburt erzählen die Urkunden mit vieler Bedeutsamkeit: „Auf steigt die Erde zum zweitenmal, herrlich grün aus dem Meere, Wasserfälle stürzen, Adler fliegt darüber, fängt Fische an Felsen. Sich versammeln die Asen auf dem Idafelde, urteilen über den mächtigen Staub, erinnern sich an die Machtbeschlüsse und an Fimbultyrs alte Runen. Da werden die Asen die wunderbaren goldenen Tafeln im Grase finden, die in den Urtagen die Geschlechter hatten, der Volksheer der Götter und Fjölnirs Kind. Ungesäet werden die Ackerfrüchte wachsen, alles Übel vergehen, Balder kommen und bewohnen mit Hödur Hropters Siegessaal und das Heiligtum der Seelengötter. Da kann Hönir sein Loos wählen und es bewohnen die Söhne zweier Brüder das weite Windheim. Schöner als die Sonne ist ein Saal mit Gold gedeckt am hohen Gimli, darin werden gute Seelen wohnen und durch die Tage der Zeiten Seligkeit genießen. Da kommt der Reiche zum Göttergerichte, der Starke von oben, der alles regiert, versöhnet die Gerichte, schlichtet die Streite, setzet Wehrgelt, wie es sein soll. Fliegend kommt der dunkle Drache, die glänzende Natter der Tiefe von den Nithafelsen, Nidhöggr trägt in den Flügeln die Leichen und fliegt über den Grund.“
Nach der jüngeren Edda treten Vidar und Vali zuerst nach dem Weltbrand auf, unversehrt und unbeschädigt von Surturs Flamme bewohnen sie den Idawall, wo vordem Asgard gewesen. Darauf kommen Thors Söhne Möthi und Magni mit dem Mjöllnir, sodann Balder und Hödur von der Hel, alle setzen sich zusammen, erzählen einander, erinnern sich an ihre Runen und reden von den Geschichten, die vorher waren, vom Midgardzorne und Fenriswolf. Da finden sie im Grase die Goldtafeln, welche die Asen gehabt. Zwei Menschen, Lif und Lifthrasir, bleiben verborgen im Hügel des Hoddmimir und nähren sich vom Morgenthau, von ihnen kommt das künftige Menschengeschlecht. Auch die Sonne gebiert eine Tochter vor ihrem Untergang, welche die Laufbahn der Mutter einnimmt. Drei Gesellschaften der Jungfrauen des Mavgthrasir schweifen über das Land, sie sind allein Schutzgeister derer, die in der Welt sind, obschon sie bei den Joten erzogen werden. Von den alten Göttern bleibt nur Njördr übrig, er kommt aber nicht zu den Göttersöhnen auf das Idafeld, sondern kehrt nach Wanaheim zurück. Auch der zweite Himmel Andlängr und der dritte Vidblainn, den die Lichtelfen bewohnen, bleibt von Surturs Flamme unversehrt. Da die guten Menschen in den Saal Gimli kommen und dieser am südlichen Ende des untersten oder ersten Himmels steht, so muß man ihn wohl als das Thor und den Eingang zu den höheren Himmeln ansehen.
Bei der ersten Geburt der Planetenwelt waren alle Kräfte vereinigt, daher keine Erinnerung, so wird jeder auf diese Welt geboren, er weiß nicht, wie und wo er vorher gewesen. Aber die Einheit der Kräfte bleibt in jedem Menschen ungetrennt (als das Weltganze Ymir getötet wurde), darum blieb die Selbständigkeit und Persönlichkeit. Die Stoffe, die zur Wiedergeburt kommen, sind also nicht eine Masse von Kräften, sondern Persönlichkeiten. Bei der Wiedergeburt bleibt daher die Erinnerung des vorigen Zustandes, darum heißt es, die Asen, die übrig bleiben, hätten Urteil und Erinnerung über die Vergangenheit, jenes bezieht sich auf den mächtigen Weltbaum, die Materie, welche verurteilt, d. h. aufs neue einer höheren Schöpferkraft in der verjüngten Erde gebeugt wird, dieses geht auf die Krafturstoffe, die Schöpfung selbst, welche durch die Zauberei, die Runen Fimbultyrs (Odins) hervorgebracht wurde (moldthinur, megin dómar, rúnar Vol. 60). Die wundersamen Spieltafeln, welche sie finden, sind das Gegenstück zu dem Spiel der Asen am Anfang der Welt, aber jetzt kommen keine Riesenmägde mehr, welche die Asen verderben, denn die Tafeln sind schon selbst von Gold, und die Asen bekommen dadurch keinen Mangel mehr. Darum werden auch nicht mehr Zwerge geschaffen, die der Fruchtbarkeit des Bodens vorstehen und die Saat herauftreiben, sondern es heißt sogleich weiter, daß die Früchte ungesäet wachsen, darum verschwindet auch alles Böse, denn Müh' und Sorge und Kampf haben aufgehört. Darum kommt auch Balder und Hödur wieder, die den irdischen Tod ausgehalten, der Erde sich zum Opfer gebracht, darum jetzt auch das Heiligtum der Seelengötter bewohnen, wo kein Tod mehr ist. Von den alten Göttern bleibt niemand übrig als Odins Söhne und Enkel, in ihnen ist er wiedergeboren, darum ist ihr Überleben im Grunde auch das seinige. Weil er durch seinen Schöpferdrang ganz in die Materie versunken, so ist er auch dem Untergang ausgesetzt und nur seine reinen Emanationen Balder die Güte, Vidar die Ewigkeit, Vali die Seele, Havdr die Besserung überleben ihn.
Der Welttod ist ein Zurückgehen in einen dem ersten Chaos ähnlichen Zustand, die Wiedergeburt eine höhere Schöpfung.
Nach der von Kiesewetter zu Grunde gelegten Disposition sollte das X. Buch seines Occultismus des Altertums über den Occultismus der barbarischen Völker handeln. Dem Wunsche des Herrn Verlegers, die Disposition des verstorbenen Gelehrten zu respektieren und auch dieses X. Buch mit einem der im Prospekt angekündigten Überschrift entsprechenden Inhalt zu versehen, stemmte sich bei mir zunächst das Bedenken entgegen, daß ja doch als „barbarische“ Völker im Sinne des Altertums die Mehrzahl der bereits von Kiesewetter im I. Bande und von mir im II. Bande behandelten Nationen zu gelten haben. Zweifellos galt dem Griechen und Römer der Babylonier, Chaldäer, Assyrer, Meder, Perser, Inder, Ägypter und Hebräer (I. Band) und mehr noch der im II. Bande von mir behandelte Kelte und Germane als Barbar. Ursprünglich bedeutete Barbar ja wohl nichts anderes als Fremdling. Dieser Begriff hat sich dann allmählich mit dem der Unkultur verknüpft. Will man nun den eben genannten Nationen des Altertums einen gewissen Grad von Kultur nicht absprechen und sie als primitive Kulturvölker gelten lassen, so kann man allerdings von ihnen noch eine zweite Klasse von Völkern selbstverständlich auch im Altertum unterscheiden, die dann als „barbarische“ im prägnanten Sinne bezeichnet werden könnten; allein es ist dabei zu beachten, daß dann dieser Begriff doch ein recht relativer und unsicherer ist. Es scheint noch das Beste, ihn mit demjenigen der „Naturvölker“ zu identifizieren. Will man dies, so hat es aber eigentlich keinen Sinn, die Naturvölker des Altertums, von denen wir fast gar nichts wissen, besonders zu behandeln.
Der „Occultismus der Naturvölker“ überhaupt würde nun eine kulturwissenschaftlich gewiß dankbare und interessante Aufgabe darstellen, aber eine solche, die im Rahmen einer Unterabteilung eines Werkes, wie es im „Occultismus des Altertums“ vorliegt, unmöglich ihren entsprechenden Raum finden kann.
Aus diesem Grunde darf und muß ich mich wohl begnügen, hier mit einigen Notizen, wie sie uns in der wenig reichhaltigen und unsicheren alten Litteratur über die den Griechen und Römern bekannten Naturvölker des Altertums, abgesehen von den schon behandelten, offenbar bereits einen gewissen Kulturgrad aufweisenden, geboten werden, aufzuwarten.
Auf dem Niveau des Naturvolkes haben wir uns augenscheinlich vor allem die Skythen zu denken, von denen uns Herodot wohl die ältesten fabelhaften Berichte bringt.
Nach Müllenhoff, deutsche Altertumskunde III, S. 30ff. waren die Skythen Slawen: „Da die Slawen erst nach dem Anfang unserer Zeitrechnung als Ostnachbarn der Germanen genannt werden, so scheint es möglich, daß die Skythen oder Sarmaten, oder wenn beide Völker eines Stammes, daß beide ihre Ahnen und Vorfahren die West- und Ostslawen waren.“
Nach Ansicht anderer Forscher waren es Mongolen. Dies erscheint mir wahrscheinlicher, obwohl die Frage wissenschaftlich genau schwer zu entscheiden ist. Sie werden uns nämlich, Männer wie Weiber, die im Äußeren kaum zu unterscheiden waren, als dicke, schlaffe, aufgedunsene Gestalten geschildert, von braungelber Farbe. Ihre Kleidung, Winter und Sommer dieselbe, bestand aus weiten Hosen, Gürteln oder Wehrgehenken und spitzigen oft bis auf die Schultern herabhängenden Mützen. Offenbar ist die von Herodot geschilderte Kopfbedeckung dieselbe, die jetzt noch bei den Baschkiren und Kirgisen üblich ist. Ihre Nahrung war höchst einfach und bestand aus den Fleisch ihres Herdenviehs, auch der Pferde, das noch jetzt bei Kalmücken und Baschkiren als Leckerbissen gilt, und vor allem aus Stutenmilch, aus der sie auch Butter und Käse bereiteten, wie noch jetzt jene Steppenvölker. Wenn Herodot erzählt, daß sie dem Weingenuß sehr ergeben waren, so kann dies nur das aus Stutenmilch bereitete berauschende Getränk gewesen sein, jener Milchbranntwein, der noch jetzt bei den Kalmücken beliebt ist. – Sie bauten unter anderem mit Vorliebe Hanf, dessen sie sich zu den bei ihnen üblichen Schwitzbädern bedienten.
„Städte und Festungen haben die Skythen nicht, ihre wandernden Wohnungen befinden sich vielmehr auf kleinen vier- oder sechsrädrigen mit zwei oder drei Paar Ochsen bespannten und mit Filz bezogenen Wagen“ (Herodot IV, 46), also eine treue Schilderung der heutigen Kibitken der nomadischen Steppenvölker, in welchen Weiber und Kinder den ganzen Tag über hocken, während die Männer zu Pferde umherschweifen.
Nach Herodot I, 215 lebten sie monogamisch, und nur die Könige hatten noch Nebenweiber; nach Hippokrates, I, 1, p. 560 aber lebten sie polygamisch, sofern sie sich der Sklavinnen als Nebenweiber bedienten, übrigens war nach Hippokrates teils wegen des beständigen Reitens der Männer und der sitzenden Lebensweise der Frauen, teils wegen der ganzen Körperkonstitution überhaupt, ihr Fortpflanzungstrieb sowohl als ihre Zeugungskraft sehr gering.
Ihre Verfassung war monarchisch; und zwar herrschte über sämtliche Skythen ein König; doch scheinen unter demselben auch Unter-Könige über die einzelnen Stämme geherrscht zu haben.
Die Religion der Skythen war ein primitiver Polytheismus. Herodot nennt uns folgende Götternamen: Παπαῖος (Papa = Zeus), Θαμιμασάδας (= Poseidon), dem bloß die königlichen Mythen opfern, Ὀιτόσυρος (= Apollo), Αρτιμπασα (= Afrodite), Ταβιτί (= Hestia), und Ἀπία (= Gäla) und bemerkt, daß sie außerdem noch den Ares und Herakles, am meisten aber unter allen die Vesta und nächst ihr den Zeus und die Erde verehrt hätten, während nach anderen Angaben der Kultus des Ares (dessen skythischen Namen er nicht nennt) der verbreitetste war. Diesem brachten sie unter dem Symbol eines auf einem ungeheuer großen Gerüste von Reisig aufgestellten eisernen Schwertes feierliche Opfer, und zwar mit Vorliebe Menschenopfer. Von besonderen Priestern ist nirgends die Rede. Dagegen spielen Wahrsager eine wichtige Rolle. Diese, die augenscheinlich den heutigen Schamanen entsprechen, beschreibt Herodot IV, 6. 7. 68 wie folgt: „Wahrsager haben die Skythen viele, die wahrsagen aus einer Menge Weidenruten auf folgende Art: sie bringen große Bündel Ruten herbei, die legen sie auf die Erde und machen sie auseinander und legen jede Rute besonders und nun weissagen sie. Und indem sie also sprechen, wickeln sie die Ruten wieder zusammen und legen sie wieder auf einen Haufen, eine nach der anderen. Das ist ihre Weissagung von ihren Vätern her; die Enareer aber, die Mannweiber, wollen ihre Wahrsagung von der Aphrodite haben. Sie wahrsagen aber aus Lindenrinde. Die Rinde nämlich schneidet er in drei Stücke und flicht sie sich durch die Finger und wickelt sie wieder ab, und dann sagt er seinen Spruch. Wenn aber der König der Skythen krank wird, so läßt er drei der angesehensten von allen Wahrsagern zu sich rufen, die ihm auf die beschriebene Art wahrsagen. Und sie sagen gewöhnlich immer, der und der, und dabei nennen sie dann einen Bürger, der bei des Königs Hausgöttern einen falschen Schwur gethan hätte. Es ist aber allgemeiner Brauch bei den Skythen, bei des Königs Hausgöttern zu schwören, wenn sie einen recht hohen Schwur thun wollen. Alsobald wird der, den sie des Meineides geziehen, ergriffen und vorgeführt, und wenn er ankommt, sagen ihm die Wahrsager auf den Kopf, es wäre offenbar aus der Wahrsagung, daß er einen falschen Schwur gethan bei des Königs Hausgöttern, und deswegen wäre der König krank und beklagte sich bitterlich. Der aber leugnet und sagt, er habe nicht falsch geschworen. Und wenn dieser leugnet, so läßt der König ein Paar andere Weissager holen, und wenn nun auch diese, nachdem sie in die Wahrsagung gesehen, ihn des Meineides verurteilen, so schneiden sie jenem gleich den Kopf ab, und seine Güter teilen die ersten Wahrsager unter sich. Wenn aber die dazu berufenen Wahrsager ihn freisprechen, so müssen andere Wahrsager kommen, und immer wieder andere. Wenn nun die meisten Stimmen den Menschen freisprechen, so trifft jene ersten Wahrsager selber das Todesurteil. Man bringt dieselben nun auf folgende Art zu Tode: Sie packen einen Wagen voll Reisig und spannen Ochsen davor und binden den Wahrsagern die Füße und binden ihnen die Hände auf den Rücken und knebeln ihnen den Mund zu und stecken sie mitten in das Reisig. Dann zünden sie dasselbe an und machen die Ochsen wild und jagen sie von dannen. Viele von den Ochsen nun verbrennen mit den Wahrsagern, viele aber kommen mit einer Versengung davon, wenn die Deichsel verbrannt ist. Auf diese Art verbrennen sie auch aus anderen Gründen die Wahrsager und nennen sie Lügenwahrsager. Die aber der König umbringen läßt, deren Söhne werden auch nicht verschont, sondern das, was männlich ist, tötet er; den Weibern aber thut er nichts zu Leide.“
Offenbar haben wir hier dieselbe Rolle, welche noch heute bei den afrikanischen Negern der Fetischpriester spielt. Diejenigen, die neuerdings den Gebrauch sog. Medien, hypnotisierter oder somnambuler angeblicher hellsehender Individuen oder auch nur des Hypnotismus zur Erzwingung von Geständnissen im Dienste der Polizei und Kriminalrechtspflege vorgeschlagen haben, ahnen schwerlich, zu welchen primitiven Brutalitäten des sog. Gottesurteils sie damit die Rechtspflege zurückführen würden.
Aus dem Volke der Skythen hat die griechische Litteratur zwei Namen die Unsterblichkeit gesichert, weil ihre Träger nach Griechenland kamen und dort durch den Kontrast ihrer Naturwüchsigkeit mit der griechischen Kultur Aufsehen erregten, Toxaris und Anacharsis. Beide sollen zur Zeit Solons nach Athen gekommen sein. Toxaris ist durch ein Gespräch Lukians, das jedoch wohl mehr den bloßen Namen zur Etikette eigener witziger Einfälle gebraucht, verewigt. Geschichtlicher erscheint die Persönlichkeit des Anacharsis, der sogar zu der Ehre gelangte, den sog. sieben Weisen beigezählt zu werden.
Anacharsis war der Sohn des Skythenkönigs Gaurus und einer griechischen Mutter, von letzterer mit der griechischen Sprache bekannt gemacht, verließ er sein Vaterland, das am schwarzen Meere lag, und begab sich (589 v. Chr.) nach Athen. Hier soll ihn sein Landsmann Toxaris mit Solon bekannt gemacht haben, und die Reinheit seiner Sitten, sein Scharfsinn, seine Wißbegierde soll ihn so beliebt gemacht haben, daß er das athenische Bürgerrecht erlangte. Ja, er soll sogar in die eleusinischen Mysterien eingeweiht worden sein. Nach Herodots Erzählung kam er nach seiner Rückkehr ins Vaterland durch die Hand seines eigenen Bruders Saulius, der inzwischen König geworden war, ums Leben, weil er durch seine Neigung zu den Mysterien Mißfallen erregte.
Unter den naiven Aussprüchen, durch die er in Athen Aufsehen erregte, sind folgende bemerkenswert: Solons Gesetze nannte er Spinnweben, worin die Schwachen sich fingen, die aber die Starken leicht zerrissen. Über die Einrichtung, wichtige Angelegenheiten von den Prytanen untersuchen zu lassen, ehe sie an die Volksversammlung gebracht würden, bemerkte er, daß demnach die Klugen beratschlagten und die Dummen entschieden. „Der Weinstock“, sagte er, „trägt dreierlei Trauben, die Trunkenheit, die Wollust und die Reue.“ Als ihm jemand seine Herkunft aus Skythien vorwarf, erwiderte er: „Du hast Recht, mir gereicht mein Vaterland, Du aber gereichst Deinem Vaterlande zur Schande.“ Die Abbildungen, die sich von ihm auf alten Kunstdenkmälern finden, tragen die Inschrift: Linguam, ventrem, veretrum, contine.[874]
Bekanntlich bildet seine Figur den Gegenstand der geistvollen voyage d'Anacharsis von J. J. Barthélémy, welche 1788 erschien und zu den beliebtesten Schriften gegen Ende des vorigen Jahrhunderts zählte.
Ausdrücklich unterscheidet Herodot von den Skythen, welche der Perserkönig Darius bekriegte, die ebenfalls nomadischen Massageten, im Kampf gegen welche Kyros fiel.
Wahrscheinlich waren dies die Vorfahren der Turkomannen; ihr Gebiet lag zwischen dem Aralsee und dem Kaspischen Meere.
Über die Religion derselben berichtet er nur, daß sie die Sonne anbeteten, der sie mit Vorliebe Pferde opferten, „weil man dem schnellsten Gott das schnellste Geschöpf darbringen müsse“.
Anscheinend lebte dieses Volk noch zur Zeit des Herodot im Zustande des sog. Mutterrechts. Denn es herrschte bei ihnen als Königin ein Weib, zur Zeit des Kyros die Tomyris, die des gefallenen Kyros Kopf in einen Schlauch mit Menschenblut tauchen ließ mit den Worten: „Nun sättige dich endlich in Menschenblut.“
„Ein jeglicher“, schreibt Herodot, „freit ein Weib, aber doch sind die Weiber Gemeingut. Denn was die Hellenen von den Skythen erzählen, das thun nicht die Skythen, sondern die Massageten. Nämlich, wenn ein Massaget Lust hat zu einer Frau, so hängt er seinen Köcher an den Wagen und beschläft sie ohne alle Scham.“
Sehr zweifelhaft ist die Rassenqualität der Geten.
Man hat diese vielfach mit dem germanischen Volke der Gothen identifiziert; allein Müllenhoff (a. a. O. S. 125ff.) hat wohl ausreichend nachgewiesen, daß die Gründe dafür nicht stichhaltig sind, daß vielmehr ihre Verwandtschaft mit den Slawen, wenn auch allenfalls nicht streng erweislich, doch wahrscheinlicher ist. Die Geten waren eine thrakische Völkerschaft auf der Nordseite des Haemus bis zur Donau und werden zuerst von Herodot (IV, 93–96) erwähnt. Herodot kennzeichnet sie als die sich für unsterblich haltenden – τοὺς ἀϑανατίζοντας – und dieses Epitheton wurde später fast zu einem Beinamen für sie. „Sie meinen“, sagt Herodot, „daß sie nicht sterben, sondern mit dem Tode zum Gott (δαίμων) Zamolxis kommen; einige von ihnen halten diesen für Gebeleizis. Alle fünf Jahre senden sie einen Boten, den sie durch das Los erwählen, an den Zamolxis ab und tragen ihm ihr jedesmaliges Anliegen auf. Dies machen sie so: Einige stellen sich mit drei Speeren hin, andere fassen den Abzusendenden, nachdem er seinen Auftrag erhalten, an Händen und Füßen und werfen ihn in die Höhe auf die Lanzen; stirbt er, so scheint der Gott gnädig zu sein; stirbt er nicht, so schelten sie den Boten einen schlechten Mann und senden einen Andern ab.“ Dieselben Thraker, setzt Herodot noch hinzu, schießen mit Pfeilen gegen Donner und Blitz, hierauf gegen den Himmel und drohen dem Gott (Zeus), indem sie glauben, es gebe keinen andern, als den ihrigen. – Die Griechen am Hellespont und Pontus hatten von Zamolxis schon ein halbes Märchen ausgebildet: er sei in Wahrheit ein Sklave des Pythagoras auf Samos gewesen, habe nach seiner Freilassung viele Schätze erworben und zurückgekehrt in sein Vaterland seine rohen Landsleute mit den Annehmlichkeiten des griechischen Lebens bekannt gemacht. Aber indem er einen Saal gebaut und die vornehmsten des Landes darin bewirtete, habe er sie zugleich belehrt, daß sie und ihre Nachkommen nicht stürben, sondern dereinst an einen Ort kämen, wo sie in Ewigkeit sein und alles Gute haben würden. Um sie davon zu überzeugen, hätte er sich drei Jahre lang in einem unterirdischen Gemache verborgen gehalten, während welcher Zeit die Thraker ihn wie einen Verstorbenen vermißt und betrauert, dann aber sei er im vierten Jahre wieder zum Vorschein gekommen. „Ich will“, sagt Herodot 4, 96, „dagegen gerade nicht ungläubig sein, aber auch nicht zu sehr daran glauben; ich meine, daß Zalmoxis um viele Jahre früher war als Pythagoras. Ich lasse es aber gut sein, ob er ein Mensch war oder ob er ein bei den Geten einheimischer Gott ist.“ Daß diese Erzählung abgesehen von den Elementen des getischen Volksglaubens, die sie aufnahm, im wesentlichen eine Erfindung der Griechen ist, liegt auf der Hand, es müßte denn Zamolxis die Fremden in das Geheimnis eingeweiht haben, das seine Landsleute überführen und täuschen sollte. War der Kern der getischen Religion ein eigentümlicher Unsterblichkeitsglaube, so lag für die Griechen der Gedanke an Pythagoras, den Unsterblichkeits- und Metempsychosenlehrer, nahe, und die Vermittelung konnte dann nicht natürlicher als durch einen thrakischen Sklaven geschehen sein. Den Gott aber mochte man um so eher als Menschen auffassen, weil offenbar ihre Glaubenssätze bei den Geten selbst für seine Lehren und Satzungen galten. Platon im Charmides p. 157 läßt den aus dem Heerlager vor Potidaea zu Anfang des peloponnesischen Krieges heimkehrenden Sokrates sagen, er habe dort im Heere von einem der thrakischen Ärzte des Zamolxis – so lautet der Name bei allen spätern – die ja, wie man sage, sogar unsterblich machen könnten, einen Krankheitssegen kennen gelernt. Es sagte dieser Thraker, daß die hellenischen Ärzte Recht hätten, wenn sie behaupteten, ein Glied könne, ohne daß man zugleich den ganzen Körper in Behandlung nehme, nicht geheilt werden. „Aber Zamolxis, unser König, der ein Gott ist, sprach er, sagt, daß wie man die Augen nicht ohne den Kopf und den Kopf nicht ohne den Leib zu heilen anfangen muß, so auch nicht den Leib ohne die Seele; denn alles gehe von der Seele aus, Gutes und Böses; die Segen aber und Lieder, mit denen man die Seele behandeln müsse, das seien gute Lehren.“ Und weiterhin p. 158 heißt es noch „wenn Du nüchtern und mäßig bist, so bedarf es weder der Segen des Zamolxis noch der des hyperboreischen Abaris.“ Mag die Anekdote wahr oder erst von Plato erfunden sein, so setzt sie die Vorstellung von einem Lehrmeister Zamolxis voraus. Bei Diodor 1, 94, dessen Quelle hier aller Wahrscheinlichkeit nach die Aegyptiaca des Hecataeus von Abdera (um 320) waren, stehen daher auch Zamolxis und die κοινή Ἑστία, die gemeine Herdgöttin, bei den sogenannten Geten, die unsterblich machen, neben Zoroaster, Moses und ähnlichen Nomotheten. Mnaseas von Patrae (um 200) sagte, daß die Geten den Kronos, d. h. den Herrscher im goldenen Zeitalter und über die Inseln der Seligen (D. A. 1, 63f.) verehrten und ihn Zamolxis nannten, Müller T. H. G. 3, p. 153, vgl. Diog. Laert. 8, 1; Hesych. s. v. Zamolxis, ferner Strabo p. 297f. Endlich finden wir aus einer unbekannten Quelle eine Relation, die zwar in Betreff des Pythagoras mit der Erzählung der pontischen Griechen bei Herodot übereinstimmt, ja sogar die Reisen des Zamolxis bis Ägypten ausdehnt, im übrigen aber selbständig und offenbar aus unmittelbarer Kunde den Bericht Herodots ergänzt. Es wird erzählt, ein Gete namens Zamolxis habe dem Pythagoras als Knecht gedient und von ihm einiges von der Himmelskunde erlernt, anderes von den Ägyptern, bis zu welchen er streifte. Nach Hause zurückgekehrt, sei er von den Fürsten und dem Volke hoch geehrt, da er ihnen die Vorzeichen vorhersagte; zuletzt habe er den König beredet, ihn zum Genossen seiner Herrschaft anzunehmen als einen, der den Willen der Götter zu verkündigen im Stande sei. Anfangs sei er nur zum Priester des am meisten bei ihnen geehrten Gottes bestellt, darnach selbst Gott genannt worden. Er habe sich in einer allen andern unzugänglichen Höhlenfeste angesiedelt und dort gelebt, wenig in Verkehr mit der Außenwelt, nur mit dem Könige und seinen Dienern. Der König aber habe mit ihm zusammengehalten, weil er gesehen, daß die Leute ihm viel besser als früher gehorchten, seit er seine Befehle nach dem Rate der Götter erteilte. („Diese Sitte dauerte fort sogar bis auf unsere Zeit, indem sich immer einer fand, der dem Könige als Rat zur Seite stand und bei den Geten Gott hieß.“) Auch der Berg wurde heilig gehalten und so benannt; er heißt aber κωγαίονον, wie der vorbeifließende Fluß. Es ist schon von Mannert (alte Geogr. 2. 203) und Uckert (Skythien S. 602) bemerkt, daß diese Stelle – etwa bis auf den eingeklammerten Satz, der mindestens eine Modifikation von Strabos Hand erfahren hat – auf die alten Geten am Haemus, nicht aber wie Strabo meint auf Daken zu beziehen ist. Sieht man von der pragmatisierenden, euhemeristischen Auffassung ab, – denn diese bleibt, auch wenn man mit Herodot die Frage, ob Zamolxis ein Gott oder ein Mensch gewesen, unentschieden läßt, was bei dem Stande der Überlieferung in der That das Rätlichste scheint, sie sieht so aus als wenn Zamolxis dem höhern Gott Gebeleizis nur substituiert, nicht eine Hypostase in mythologischem Sinne von ihm ist, – so ergiebt sich die Thatsache, daß wie für die Thraker südlich von Haemus bei den Bessern oder freien Thrakern ein Heiligtum und Orakel des Dionisos (Herod. 7, 111, vgl. Thuc. 2, 96, Plin. 4. § 40, Strabo p. 318, 331 fr. 48, Sueton Aug. 94, Dio 51, 25), so bei den Geten auf der Nordseite des Gebirges und für die zu ihnen gehörenden Völkerschaften ein ähnliches des Zamolxis bestand. Antonius Diogenes (bei Phot. cod. 166 p. 110 Bekk.) erzählte, daß Astraeus, ein Genosse des Zamolxis, zu diesem, als er schon bei den Geten für einen Gott galt, mit zwei andern gereist sei und daß diese Orakel über ihr Geschick erhalten hätten, daß Astraeus aber beim Zamolxis zurückgeblieben und von den Geten hochgeehrt sei. Der Name Astraeus soll wohl die Stern- und Himmelskunde des Gottes andeuten, die bei Strabo ihm zugeschrieben wird. Ähnlich bezieht sich auf eine andere Seite seines Wesens wohl die Hestia, die wie wir sahen bei Diodor neben ihm steht; Suidas s. v. nennt sogar eine Göttin Zamolxis.
Daß ihm ein vollständiger Kultus zu teil wurde, erhellt nicht nur aus dem, was Herodot mitteilt, sondern auch aus einer Stelle in der vit. Pythagor. des Porphyrius § 14, 15, die sich offenbar noch auf echte alte Überlieferungen stützt, es wird hier nämlich ganz der herrschenden Auffassung des Zamolxis als eines Nomotheten gemäß die ganze Einrichtung des Kultus auf ihn selbst zurückgeführt. Pythagoras hatte einen Sklaven, den er aus Thrake gekauft, Zamolxis mit Namen; denn ihm war bei seiner Geburt ein Bärenfell übergeworfen, die Thraker aber nennen ein Fell ζαλμός. Pythagoras hatte ihn lieb und unterwies ihn in der Lehre von den himmlischen Dingen – τὴν μετέωρον ϑεωρίαν –, auch in allem was das Opferwesen und sonst den Götterdienst angeht. Einige aber sagen, daß er auch Thales geheißen habe. Als Herakles verehren ihn die Barbaren. Dionysiphanes (ein unbekannter Schriftsteller) gibt an, er sei zwar des Pythagoras Knecht gewesen, aber Räubern in die Hände gefallen und stigmatisiert habe er sein Angesicht verbunden wegen der Male; einige sagen, daß der Name Zamolxis bedeute fremder Mann. Wie es sich auch mit diesen Deutungen verhalten mag – die durch ζαλμός – (sanskr. tscharma, griech. δερμα?) rechtfertigt jedesfalls die herodoteische Namenform Ζαλμόξις –, so giebt Hesychius s. v. noch an, daß nicht nur ein Name für Kronos, sondern auch für einen Tanz und für ein Lied oder einen Gesang gewesen, was ebenfalls auf den Kultus hinweist und sich nur aus den Anrufungen des Gottes bei den ihm zu Ehren angestellten Tänzen und Gesängen erklärt. Was sonst noch bei Lucian, Julian, den Kirchenvätern und andern über Zamolxis vorkommt, ist ohne Wert, da es kaum etwas Neues und Eigentümliches bietet, was nicht auf eine mißverständliche oder ungenaue Auffassung der Angaben Herodots sich zurückführen ließe. Man findet die Stellen sowie die Ansichten und Meinungen der neueren sehr vollständig nachgewiesen in der Dissertation de Zamolxide von Athan. Serg. Rhonsopoulus (Gottingae 1852).
Nächst dem Zamolxisdienste soll den Griechen an den Geten besonders ihre Vielweiberei und Unmäßigkeit in der Geschlechtsliebe aufgefallen sein. Hecataeus von Milet soll dafür der erste Zeuge sein, indem er (fr. 144) das homerische Kabesos (II, 13, 363) auf die gleichnamige Stadt jenseits des thrakischen Haemus deutete, doch S. Meineke zu Steph. Byz. 344. 15. Herodot 5, 5. 6 und Heraklides Ponticus (Polit. 28), beides vollgültige Zeugen (vgl. Xenoph. Anab. 7, 2, 38), schildern aber die Vielweiberei und was damit zusammenhängt als allgemein thrakische Sitte und der Komiker Menander bei Strab. p. 297 läßt seinen getischen Sklaven auch nur als Thraker sprechen: