[130] Kampffmeyer, "Zur Maifeierfrage"; Protokolle der int. Kongresse Brüssel 91; Zürich 93, p. 35; London 96, p. 29; Amsterdam 04, p. 53 ff.

[131] So z. B. auf der 9. Generalvers. des Zentralverbandes der Schiffszimmerer Deutschlands im Mai 05; doch wurde der diesbezügl. Antrag abgelehnt (vgl. Vorwärts, 25. 5. 05).

[132] Vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln 05; man wollte die Feier auf den Abend (Resolution Schmidt auf dem Gewerkschaftskongr. Köln), oder auf den ersten Sonntag im Mai verlegen (vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln; Rdsch. Soz. Mh., Juni 05, über den Kongr. der belg. Arbeiterpartei Ostern 05; Prot. int. Kongr. Brüssel 1891), wie dies tatsächlich in einigen Ländern geschehen ist (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 53 ff.).

[133] Briand, "La grève générale et la révolution", p. 14.

Hingegen wird die Insurrektion wohl stets mit Arbeitsruhe verknüpft sein. Bei früheren Revolutionen, zur Zeit der Vorherrschaft der handwerksmäßigen Technik, mag die Arbeitsruhe freilich nur eine geringe Rolle gespielt haben, denn die unterbrochene Handwerksarbeit läßt sich nicht allzuschwer wieder aufnehmen, und wo etwa doch eine ernstliche Störung eintrat, berührte diese, wegen der Enge des Marktgebiets, nur einen verhältnismäßig kleinen Kreis; bei der heutigen industriellen Entwicklung aber dürfte die Revolution fast notwendig mit dem Klassenstreik verbunden sein.[134]

[134] Ein Beispiel hierfür scheint die russ. Revolution zu bieten.

Neben der Verweigerung der Produktionskraft des Proletariats tritt die allgemeine Zurückziehung seiner Konsumkraft aus dem bürgerlichen Wirtschaftsleben sowohl wegen der geringen proletarischen Kaufkraft, als auch wegen der fast unüberwindlichen Schwierigkeiten selbständiger Verproviantierung an Bedeutung vollständig zurück.[135] — Praktisch ebenso erfolglos ist die Zurückhaltung von Leistungen gegenüber dem Staat, sei es auf dem legalen Weg der parlamentarischen Steuerverweigerung oder des Boykotts steuerbelasteter Waren,[136] sei es in rechtswidriger Weise durch die militärische Dienstverweigerung oder eigenmächtige Steuerverweigerung.

[135] Schon in der Chartistenbewegung wurde "exclusive dealing" und "run on the banks for gold" (Gammage, p. 109), während der österr. M-streikdebatten Bezugsbeschränkung auf Konsumvereine und Kleinhändler vorgeschlagen (Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 122ff.); es tauchte in Österreich auch der Plan auf, einen ev. pol. M-str. durch Verweigerung des Wohnungszinses zu unterstützen (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 105). Das Umgekehrte liegt bei den "Hungerstreiks" vor, wo nur das eigene Leben einer Gefahr ausgesetzt wird, um hierdurch zu demonstrieren, um "durch Imponderabilien, durch Furcht vor Skandalen, durch Erweckung menschlicher Empfindungen doch einen Eindruck zu erzielen" (vgl. Liebknecht, Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195).

[136] "Abstinence from all excisable articles" (Gammage) schon bei den Chartisten geplant, ähnl. in der österr. Wahlrechtsbewegung vorgeschlagen (Prot. Parteitg. Wien 03, p. 122ff.).


Zweiter Teil: Geschichte des Klassenstreiks und der Klassenstreikidee.

Erstes Kapitel: Vorläufer.

§ 7. Klassenstreikähnliche Bewegungen im Altertum und in neuerer Zeit.

Der Klassenstreik ist keineswegs so neu, wie es ihm manche seiner heutigen Entdecker nachrühmen.[137] Denn er trat schon in den sozialistischen "Flegeljahren" auf,[138] er erschien bereits an der Wiege der modernen Arbeiterbewegung. Und eigentlich ist er noch viel älter; eigentlich stammt er aus dem Altertum. Die antike Geschichte kennt zwar keinen wirklichen Klassenstreik in unserem modernen Sinn, aber doch immerhin klassenstreikähnliche Bewegungen: nämlich den "sagenhaften Massenstreik der Juden in Ägypten, der nach der Bibel ausbrach, weil die Beamten des Pharao den jüdischen Ziegelarbeitern nicht das nötige Stroh zum Ziegelbrennen lieferten, und am Ende der Dinge die Folge hatte, daß Pharao mit seinen Truppen im roten Meer ertrank".[139] Und eine klassenstreikähnliche Bewegung war auch der Auszug der Plebejer auf den heiligen Berg im Jahre 494 v. Chr.[140] Wollten die gedrückten Bauern die Patrizier durch diesen Entzug militärischer und ökonomischer Kräfte in Verlegenheit setzen und dadurch zur Nachgiebigkeit bewegen? Wollten sie nur den unerträglichen Lasten entfliehen? Jedenfalls war den Römern die Wirkung der Sezession empfindlich genug, um ihre Beendigung durch ein kostbares politisches Recht, das Volkstribunat, zu erkaufen.[141]

[137] Von der "neuen Strategie" spricht z. B. E. Th. in dem Artikel "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik" ("Einigkeit" 9. 12. 05).

[138] Vliegen (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28).

[139] Bernstein, "Der politische Massenstreik und die politische Lage der Sozialdemokratie in Deutschland", p. 18; auf den jüdischen Volksstreik verweist auch Penzig, "Massenstr. und Ethik", p. 3; ferner Nationalrat Scherrer, der Moses als Streikführer bezeichnet (vgl. das amtl. stenogr. Bulletin der schweizerischen Bundesversammlung, Bern 1906, Jahrg. XVI, p. 864); vgl. Exodus, Kap. 5 ff.

[140] Freilich handelte es sich auch hierbei nicht gerade um freie Lohnarbeiter. — Das aus dem Krieg heimkehrende römische Heer erfährt, daß die Reformen zu Gunsten der Bauern vom Senat abgelehnt worden sind; es verläßt darauf den Feldherrn und zieht in militärischer Ordnung auf den heiligen Berg, wo es Miene macht, eine neue Plebejerstadt zu gründen. "Dieser Abmarsch tat selbst den hartnäckigsten Pressern auf eine handgreifliche Art dar, daß ein solcher Bürgerkrieg auch mit ihrem ökonomischen Ruin enden müsse: der Senat gab nach." (Mommsen, "Römische Geschichte", 3. Aufl. 1861, 1. Band, 2. Buch, Kap. II, p. 263, 264).

[141] Auf den Auszug der Plebejer als auf einen der ältesten Klassenstreiks verweisen Bernstein ("pol. M. Str. u. pol. Lage", p. 19; ders., "Der Streik", p. 9); Penzig a. a. O. p. 3ff.; Bourdeau, "Les grèves politiques", p. 425.

Auch das ausgehende Mittelalter weist, mit dem Beginn der kapitalistischen Produktionsweise, Erscheinungen auf, die dem modernen Klassenstreik nicht unähnlich sind. So in Flandern, wo sich im 14. Jahrhundert die soziale Gärung, deren Träger hauptsächlich die Arbeiter der Wollindustrie waren, in Volksbewegungen geltend machte, "bei denen sich leicht alle für einen Arbeiterstreik charakteristischen Erscheinungen wahrnehmen lassen".[142] Auch der sogenannte Ciompi-Aufstand in Florenz 1378, der von den niedersten Elementen der Wollenzunft ausging, scheint streikartigen Charakter getragen zu haben.[143] Als Vorläufer in neuerer Zeit wäre z. B. aus den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts die Lohnbewegung der Hamburger Schlosser zu nennen, der sich aus Solidarität zunächst andere Gesellen, dann auch die Fabrikarbeiter anschlossen, so daß eine Zeit lang allgemeine Arbeitsruhe herrschte; die Bewegung wurde jedoch, da die Demonstrationen bald einen aufrührerischen Charakter annahmen, mit Waffengewalt beendigt.[144]

[142] Vgl. Pirenne, Geschichte Belgiens, p. 419, 420.

[143] Vgl. Doren, "Die Florentiner Wollentuchindustrie", p. 240 ff., 410. —

[144] Vgl. A. Heinrich, "Ein Generalstreik in Hamburg vor 100 Jahren", p. 507.

Wenige Jahre, ehe sich in Hamburg aus einem partiellen Streik zufällig eine klassenstreikartige Erscheinung entwickelte, hatte bereits Mirabeau geäußert, das Volk könne "se croiser les bras pour obtenir justice",[145] und als "erster Verkünder des Generalstreiks" den privilegierten Ständen in der Nationalversammlung zugerufen: "Prenez garde! ... n'irritez pas ce peuple qui produit tout,[146] et qui pour être formidable n'aurait qu'à être immobile".[147]

[145] Vgl. Destrée und Vandervelde, "Le socialisme en Belgique", p. 258.

[146] Unter "peuple" ist natürlich der Tiers-Etat, also Bürgertum inkl. Lohnarbeiter, zu verstehen.

[147] Cit. bei Jaurès, (Enquête, p. 111) und Umrath, a. a. O. p. 13.

Nach den angeführten Beispielen kann zugegeben werden, daß "das große Wort >Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!<, dieses Wort mit allen Phantasien, mit allen Konsequenzen, besonders mit aller Begeisterung, die sich daran knüpft .... dem Proletariat selbstverständlich in Fleisch und Blut" liegt, so daß der Gedanke des Klassenstreiks "ganz selbstverständlich ... in verschiedenen Ländern, zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Formen und mit verschiedener Bestimmtheit" auftritt.[148] Dennoch darf der proletarische Masseninstinkt nicht als einzige Quelle der Klassenstreikidee angesehen werden; diese wurde vielmehr zu gleicher Zeit "von Theoretikern ausgeheckt ... philosophisch begründet ... von einzelnen Denkern des Proletariats ersonnen".[149] Der theoretische und der praktische Faktor haben gemeinsam an der Ausgestaltung dieses Gedankens gearbeitet.

[148] Dr. V. Adler (Prot. Parteitg. Wien, 05, p. 125).

[149] Dies bestreitet Adler a. a. O.

§ 8. Die Klassenstreikidee im englischen Chartismus.

In den 1830er Jahren tauchte in England mehrfach der Plan eines "Universalstreiks" auf.[150] Doch der Gedanke, die allgemeine Arbeitseinstellung auch in den Dienst politischer Forderungen zu stellen, ist nicht in den englischen Arbeitermassen, sondern in den Köpfen bürgerlicher Chartistenführer entstanden. Es soll ihnen dabei der Auszug auf den heiligen Berg vorgeschwebt und sie zur Bezeichnung ihres projektierten Streiks als "heilige" Woche veranlaßt haben;[151] sonach wäre also auch unser moderner Klassenstreik durch ein geistiges Band mit der Antike verknüpft.

[150] So forderte Fielden, angeregt durch die energische Propaganda der "Gesellschaft für nationale Wiedergeburt" (von Owen im Dez. 1833 gegründet), die Textilarbeiter von Lancashire zu einem "Universalstreik" zur Erlangung des 8-St.-Tages auf. Ein derartiger Versuch, unter Führung der Baumwollspinner, scheiterte (vgl. S. & B. Webb, "Geschichte des britischen Trade-Unionismus", p. 102, 103, 124, 125). — 1834 trat die "grand national consolidated trades union" ins Leben, und "es war die eingestandene Politik der Föderation, einen Generalstreik aller Lohnarbeiter des ganzen Landes ins Werk zu setzen" (S. & B. Webb, a. a. O. p. 104-106).

[151] Vgl. Bernstein, "Der Streik als politisches Kampfmittel", p. 960.

Die Klassenstreikidee, die im Frühling 1838 im Chartismus erschien, ging von der Birminghamer "political union" aus und wurde ganz besonders von Atwood propagiert.[152] Würde das Parlament "wahnsinnig genug" sein, um die Petition[153] zu verachten, so wolle er das Volk "zu einem feierlichen, heiligen, allgemeinen Ausstand aufrufen, nicht des Arbeiters gegen den Herrn, sondern einem Ausstand aller gegen den gemeinsamen Feind!", "then the working men with such of the middle class as might be disposed to favour their views,[154] should proclaim a solemn and sacred strike from every kind of labour. Not a hand was to be raised to work, but every heart, every head, and every arm was to be directed to the furtherance of the people's cause, until victory smiled upon their efforts".[155] Denn durch "a national strike for one week, during which time not a hammer was to be wielded, nor an anvil sounded, nor a shuttle moved, throughout the country", könne das Volk auf das Unterhaus "exercise ... a little gentle compulsion".[156]Atwood war Gegner von Gewalttätigkeiten, bekämpfte also auch die Gruppe der "physischen Gewalt" im Chartismus. Wenn er trotzdem ein Mittel empfahl, das unweigerlich zur Revolution führen mußte, so war er sich entweder dieser Konsequenz nicht bewußt,[157] oder — und dies erscheint als das Wahrscheinlichere — er durfte diese Konsequenz außer Acht lassen, weil er gar nicht die Absicht hatte, die holy week wirklich zu inszenieren. Denn Atwood kannte sehr genau die Voraussetzungen ihrer siegreichen Durchführung und wußte, daß, wenn diese Voraussetzungen einmal erfüllt wären, die Chartisten auch ohne Streik siegen konnten. Aber die Vorbereitung eines solchen Ausstandes konnte nach seiner Ansicht die moralische Kraft des Volkes stärken und hierdurch gerade "die wilden und verbrecherischen Verirrungen physischer Kraft" erdrücken;[158] vielleicht glaubte er auch, daß das Parlament vor der Streikdrohung kapitulieren und die Charte gewähren würde, wodurch sich die Frage der heiligen Woche ja ohne weiteres erledigt hätte.

[152] Vgl. Gonner, "The Early History of Chartism", p. 636. — Atwood sprach für den Kl-Str. anläßlich der von der Birminghamer "political union" am 21. u. 28. Mai 1838 veranstalteten Meetings, an denen sich 150 000, resp. 200 000 Demonstranten beteiligten und ihm zujubelten (Birminghamer Journal, 26./5. 1838, cit. bei Tildsley, "Die Entstehung und die Grundsätze der Chartistenbewegung", p. 36, 37); am 16. Aug. 1838 setzte er in der Demonstrationsversammlung im Midland "die heilige Frist von einer Woche fest, wenn das Unterhaus die Petition nicht annähme" (Tildsley, a. a. O. p. 38); ähnlich sprach er auch auf dem großen Birminghamer Meeting 1838.

[153] Mit den 5 chartistischen Forderungen.

[154] Es sollte also nicht eine reine Lohnarbeiterbewegung werden.

[155] Gammage, "History of the Chartist Movement".

[156] Diese Worte machten großen Eindruck auf die Zuhörer (vgl. Gammage, a. a. O. p. 43).

[157] Gammage a. a. O.

[158] Tildsley, a. a. O. p. 48, 49.

Dieser friedfertige Charakter des "national holiday" verschwand aber, als im Winter 1838/39 die Führung der Chartistensache mehr und mehr auf den extremen Flügel überging. Aus der demonstrativen "heiligen Woche" wurde ein "heiliger Monat" mit Pressionscharakter;[159] die linksstehenden Konventsmitglieder, die ihr eigenes revolutionäres Empfinden in die Massen projizierten, rechneten sogar stark mit seiner baldigen Verwirklichung. Immerhin befragte der Konvent das Volk in einem Manifest noch direkt nach seiner Kampfbereitschaft, ob es bei ev. Ablehnung der Charte "ulterior means", z. B. "an universal cessation of labour" anzuwenden geneigt sein würde.[160] Die sogenannten Simultaneous Meetings (Monstre-Versammlungen im ganzen Lande vom Mai-Juli 1839), bereiteten unter dem Einfluß der extremen Chartistenführer dem Manifest eine begeisterte Aufnahme.[161] Schließlich glaubte der ganze Konvent, "a holiday, or sacred month would be found to be the only effectual remedy for the sufferings of the people",[162] "that, until they had a sacred holiday they would never have universal suffrage".[163] Die Bedächtigeren freilich verlangten doch noch zuerst einen Versuch mit den übrigen Mitteln, oder mindestens eine Vorbereitung des heiligen Monats (z. B. Einsetzung einer Kommission zur Ausarbeitung des besten Aktionsplans, "to select a few trades whose cessation from labour would cause all other trades to leave off work"; Errichtung eines Streikfonds, dessen Größe zugleich einen Gradmesser für die Streikbereitschaft der großen Massen abgeben könne), und hintertrieben die sofortige Fixierung eines Termins für seinen Anfang; doch vermochten auch sie den "voreiligen und törichten Beschluß", daß der Konvent, bei Ablehnung der Charte, am 13. Juli zusammenkommen müsse, um den definitiven Tag des Streikbeginns festzusetzen,[164] nicht zu verhindern.
—  Am 12. Juli wurde die Charte wirklich vom Unterhaus
abgelehnt, und am folgenden Tage proklamierte der nur schwach besuchte Nationalkonvent, aller Warnungen unerachtet, den 12. August als Eröffnungstag des heiligen Monats.[165] Nun endlich aber kehrte dem Konvent die Einsicht in die realen Machtverhältnisse zurück, endlich kam er zur Erkenntnis, warum das Unterhaus sich durch die Streikdrohung nicht hatte einschüchtern lassen: war es doch ganz unmöglich, den heiligen Monat in irgendwie erheblichem Umfang zu verwirklichen; gerade unter der Majorität der wichtigsten Distrikte fehlte, bei aller Begeisterung für die Charte, doch jede Stimmung für den Ausstand;[166] nur die schlechtest gestellten Arbeiter traten für ihn ein, während die Gewerkvereine ihn durchweg ablehnten.[167] Daher erklärte sich der Konvent schon am 16. Juli für inkompetent, Zeit und Umstände eines nationalen Generalstreiks festzusetzen, und überließ dem Volke selbst die Entscheidung.[168] Die Kommission, der die Befragung desselben aufgetragen worden war, riet dringend, den Streikplan aufzugeben, und die ausschlaggebenden Konventsmitglieder pflichteten ihr bei.[169] Am 6. Aug. vervollständigte der Konvent seinen Rückzug durch die ausdrückliche Warnung vor dem heiligen Monat; alles, was von dem stolzen Plane übrig blieb, war die Empfehlung einer "grand national moral demonstration" (2-3tägige Arbeitsruhe vom 12. Aug. an,[170] die auch zu Stande kam); die Bewegung für den national holiday war vorläufig beendet.

[159] Von einer Beteiligung der Mittelklassen war nicht mehr die Rede.

[160] Gammage, p. 109; auch Tildsley, p. 46.

[161] Wenigstens sagen dies die Berichte der Konventsmitglieder beim Wiederzusammentritt des Konvents am 1. Juli 1839 in Birmingham; vgl. Gonner, a. a. O. p. 640.

[162] Gammage, a. a. O. p. 127.

[163] So O'Connor; vgl. Gammage, a. a. O.

[164] Dieser sog. Motion Dr. Taylor stimmten auch solche Konventsmitglieder zu, die von der Undurchführbarkeit eines heiligen Monats zwar überzeugt waren, aber fürchteten, bei Ablehnung als Feiglinge zu gelten; andere stimmten dafür, weil die Unternehmer mit einer einmonatlichen Aussperrung drohten (Gammage a. a. O. p. 126-130).

[165] Man meinte, "the best time for commencing the sacred month was when the corn was ripe and the potatoes were on the ground" (cit. bei Gammage, a. a. O. p. 145).

[166] Zwar berichtete Dr. Taylor noch nach Ablehnung der Charte, in den Industriebezirken sei die Organisation für den heiligen Monat "going on like a house on fire"; zwar verpflichtete sich auch noch nach Ablehnung der Charte ein Meeting in Newcastle einstimmig für den heiligen Monat; aber diese, wie die früheren Streikbeschlüsse, entstanden in der Aufwallung leidenschaftlicher Volksversammlungen und entbehrten jeder reellen Grundlage (vgl. Gammage a. a. O. p. 129-145).

[167] Vgl. Brentano, "Die englische Chartistenbewegung".

[168] Weil der Konvent durch "desertion, absence and arbitrary arrests" sehr reduziert sei; weil sich im Konvent und in der Arbeiterschaft Meinungsdifferenzen über die momentane Durchführbarkeit eines heiligen Monats gezeigt hätten; weil man die Allgemeinheit des Streiks bezweifeln müsse, ein bloß partieller Streik aber als großes Unglück anzusehen sei, deshalb solle das Volk selbst entscheiden (vgl. Gammage, a. a. O. p. 146).

[169] O'Connor verstieg sich jetzt sogar zu der ebenso kühnen wie unzutreffenden Behauptung, er und alle hervorragenden Führer seien von jeher gegen das Projekt überhaupt gewesen (Gonner, a. a. O. p. 641, 642; Gammage, a. a. O. p. 147, 148; Tildsley, a. a. O. p. 47, 48; Bernstein, "Der Streik als polit. Kampfmittel", p. 691).

[170] Für diese wurde die Unterstützung der "united trades" angerufen (Gammage, p. 154ff.).

Die gescheiterte Klassenstreikpropaganda war natürlich nicht dazu angetan, das ohnehin gesunkene Ansehen des Chartismus zu retten; doch die Bewegung begann von Neuem, als im Jahre 1840 zahlreiche Führer aus der Gefangenschaft zurückkehrten.[171] O'Connor's Parteidiktatur hinderte eine ersprießliche Reformarbeit, sowie den Anschluß an die Antikorngesetzliga und die Wahlgesetzreformbewegung der Mittelklassen. Als daher am 2. Mai 1842 auch die zweite Petition vom Parlament verworfen worden war, rückte die Gruppe der "physischen Gewalt" wieder in den Vordergrund des Chartismus, und "amidst the general dejection a few men clung to the idea, which had animated them in 1839".[172] Die Gelegenheit zum Streik bot sich bald. Denn durch unvermittelte Lohnreduktionen, sowie durch Entlassungen chartistischer, liga-feindlicher Arbeiter[173] stieg das Elend in den Industriegegenden, zugleich die Empörung und die Streiklust. Es erscheint gar nicht ausgeschlossen, daß die Antikornzoll-Liga den Streik absichtlich anzettelte,[174] um die daraus entstehende Aufregung für ihre Zwecke auszunützen. Sicherlich aber lag es weder in den Plänen der Liga, noch in denen der anerkannten Chartistenführer[175], die nun ausbrechende Lohnbewegung zu einem heiligen Monat zu erweitern und die wirtschaftlichen Ziele mit chartistischen Forderungen zu verquicken. Und doch war letzteres unvermeidlich; denn, auch abgesehen von der Agitation der "few men", die immer noch an die Wunderkraft eines national holiday glaubten,[176] ist es durchaus begreiflich, daß die "durch die Chartistenagitation aufgewühlten" Arbeiter, "durch die Not zum Äußersten gebracht, von selbst auf die Idee des heiligen Monats zurückfielen".[177]

[171] Vgl. für das Folgende insbes. Brentano, a. a. O.

[172] Spencer Walpole, "A History of England from the conclusion of the great war in 1815" p. 136, 137.

[173] Gammage, a. a. O. p. 217.

[174] Bernstein behauptet dies (vgl. "Der Streik als pol. Kampfmittel"; "Pol. M. Str. u. pol. Lage" p. 20); auch Tildsley, a. a. O. p. 48.

[175] Vgl. Brentano a. a. O.; nach Gammage (a. a. O. p. 214 ff.) lag es nicht in den Plänen der einsichtsvolleren Chartistenminorität.

[176] Spencer Walpole, a. a. O. p. 136, 137.

[177] Brentano, a. a. O.

Der Ausstand, gew. als Lancashire-Streik bezeichnet, begann am 5. August 1842[178] in Ashton und verbreitete sich rasch über Lancashire, Staffordshire, Cheshire, Warwickshire, Yorkshire, Schottland und Wales.[179] Zu den ursprünglich rein wirtschaftlichen Forderungen[180] gesellte sich in kürzester Frist das politisch-chartistische Postulat.[181] Mit dem Rufe "suspension of labour, until such time as they obtained a fair day's wage for a fair day's work, and the Charter became the law of the land",[182] zogen die Ausständigen von Fabrik zu Fabrik, rissen die plugs (Pfropfen) von den Kesseln der Dampfmaschinen, (woher der Name "plug-plot" für die ganze Bewegung),[183] zwangen die Arbeitswilligen zum Streik[184] und die Kaufleute zu Kontributionen an Lebensmitteln und Geld. Dabei kam es zu Ausschreitungen; und mochte deren Umfang, verglichen mit der Größe der Bewegung, auch gering erscheinen,[185] mochten die Führer, soweit solche vorhanden waren, auch immer wieder raten, "to stand out for the Charter and to keep the peace",[186] so folgten nun doch Verhaftungen über Verhaftungen;[187] und da zudem der erhoffte Anschluß des ganzen Landes ausblieb,[188] so brach der Streik zusammen; Ende August war die Arbeit wieder aufgenommen.[189]

[178] Bourdeau, "Les grèves politiques", nennt irrtümlich den 12. Mai als Beginn (p. 427).

[179] Der Streik der Kohlengräber zog die Arbeitsruhe in der Töpferei nach sich. — In Cheshire und Lancashire allein standen 150 Werke (mills) still (vgl. Spencer Walpole, p. 136, 137) und 50 000 Menschen waren arbeitslos (vgl. Gammage, p. 249 ff.). In Manchester und 50 Meilen im Umkreis ruhte alle Arbeit, bis auf die in den Kornmühlen (vgl. Brentano, a. a. O.)

[180] Im Juli 1842 begannen die Versammlungen in Ashton, Staleybridge, Heyde, "auf denen die Redner eine Arbeitseinstellung empfahlen, bis die Arbeitgeber ihren Arbeitern Gerechtigkeit widerfahren ließen" (Brentano, a. a. O.).

[181] Am 7. August beschloß man schon in Ashton und bei einem Meeting auf Mottram Moor (vgl. Gammage, a. a. O. p. 217), am 8. Aug. in Staleybridge, (vgl. Brentano, a, a. O.), die Arbeit nicht eher wieder aufzunehmen, bis die Charte Gesetz sei. — Ein "meeting of the delegates of the factory districts" in Manchester erklärte am 12. August mit 320 von 358 Stimmen ebenfalls, der Streik solle für die Charte fortgeführt werden, und forderte in einer Adresse vom 16. August das Volk zum Ausharren bis zur Gewährung der Charte auf (Gammage a. a. O. p. 217 ff.) — Auch das Exekutiv-Komitee der "National Charter Association" erließ schließlich einen derartigen Aufruf, in welchem überdies die baldige Beteiligung von Schottland, Irland und Wales, sowie die Zustimmung der Gewerkschaften zur Charte verkündet wurde; "and when an universal holiday prevails, ... then of what use will bayonets be against public opinion?" (vgl. Gammage, a. a. O. p. 219.)

[182] Gammage, a. a. O. p. 217 ff.

[183] Brentano, a. a. O.

[184] Mit Erlaubnis der "comittees of public safety" durfte übrigens hie und da weiter gearbeitet werden, z. B. in den Kornmühlen und wo es sich um leicht verderbliche Produkte handelte (vgl. Brentano, a. a. O. und Spencer Walpole, p. 136 ff.).

[185] Spencer Walpole; Brentano, a. a. O.

[186] Gammage, a. a. O. p. 219, 226.

[187] Zahlreiche Chartisten wurden angeklagt, weil sie mit der Arbeitseinstellung den Zweck verfolgt hätten, Aufregung in den Gemütern der friedlichen Untertanen zu verursachen (so in der Anklageakte gegen 59 Chartisten im März 1843 vor den Lancaster-Assisen; vgl. Gammage, a. a. O. p. 231).