[188] Selbst im Streikdistrikt nahm nur etwa ein Siebentel der Gesamtbevölkerung teil, davon viele unfreiwillig (Gammage, a. a. O. p. 249). Vor allem waren die Trade-Unions dem Streik fast durchgehend abgeneigt (S. & B. Webb, a. a. O. p. 138). — Am 22. Aug. z. B. mußte man sich noch darum bemühen, durch Volksversammlungen die noch immer fehlenden Londoner Chartisten zum Anschluß zu bewegen.

[189] Brentano, a. a. O., sowie Spencer Walpole, a. a. O. p. 136, 137.

Der Lancashire-Streik war in jeder Beziehung erfolglos verlaufen; die Chartisten aber, trotz ihrer ursprünglichen Zurückhaltung, "got the blame off all the follies enacted during the strike".[190] Er versetzte dem nun langsam versandenden Chartismus den Todesstoß.

[190] Gammage, a. a. O. p. 249.

Seither haben sich die maßgebenden Kreise der englischen Arbeiterwelt nie wieder mit dem Klassenstreik-Problem abgegeben.[191]

[191] Nur noch bei den englischen Anarchisten, die aber keine Rolle spielen, werde vom Klassenstreik gesprochen (vgl. Henri Quelch ["Enquête" p. 186]).

§ 9. Die Klassenstreik-Idee unter dem zweiten Kaiserreich.

Nach dem Fiasko des heiligen Monats blieb es zunächst still in der Klassenstreik-Frage.[192] Sie wurde zwar in Frankreich theoretisch angetönt, aber ohne Erfolg. So erklärte am 3. Dezember 1851 der geistvolle Journalist Girardin, man müsse den Staatsstreich Louis Napoleons, statt mit vergeblicher Waffengewalt, mit der "grève universelle" beantworten:[193] "Que le marchand cesse de vendre, que le consomateur cesse d'acheter, que l'ouvrier cesse de travailler, que le boucher cesse de tuer, que le boulanger cesse de cuire, que tout chôme, jusqu'à l'Imprimerie nationale, que Louis Bonaparte ne trouve pas un compositeur pour composer le Moniteur, pas un pressier pour le tirer, pas un colleur pour l'afficher! L'isolement, la solitude, le vide autour de cet homme!.. Rien qu'en croisant les bras autour de lui, on le fera tomber .. Organisons la grève universelle!"[194]

[192] In der internationalen Sozialdemokratie diente der Ausgang des Plug-plot noch viel später häufig als Argument gegen den Klassenstreik überhaupt (Bernstein, "Pol. M.-Str. u. pol. Lage", p. 20); so bei Liebknecht (vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126), da der Mißerfolg trotz der damals schon vorzüglichen engl. Gewerkschaftsorganisation eingetreten sei; wobei Liebknecht freilich übersieht, daß die Trade-Unions sich ja fast vollständig zurückhielten. — Und Greulich meint (in "Wo wollen wir hin?"), wäre der Kl.-Str. "wirklich ein probates Mittel gewesen,... so hätte England lange nicht genug Soldaten gehabt, um über ihn Meister zu werden", übersieht aber ebenfalls, daß der Streik von 1842 ein ganz unvollständiger Kl.-Str. war, der pol. Streik, wie er nicht sein soll, sagt Bernstein ("Der Streik als pol. Kampfmittel"); daher kann sein Mißlingen auch in der Tat noch nichts gegen den Kl.-Str. als solchen beweisen.

[193] Vgl. hierüber Albert Thomas, "Le second Empire" p. 396 ff.

[194] Nach den Berichten von Victor Hugo und Ténot (in seinem "Paris en Décembre 1851"), welch letzterer hierbei den Ausdruck "grève générale" gebraucht (vgl. Thomas a. a. O.).

Aber entsprach diese Idee vielleicht auch dem "état d'hostilité et de découragement tout à la fois, où se trouvait le peuple", so war doch die Situation für eine erfolgreiche Durchführung völlig ungeeignet. Daher schenkten selbst Girardins republikanische Gesinnungsgenossen dem merkwürdigen Projekt keine weitere Beachtung.[195] Vielleicht aber hat man in dem kurze Zeit später publizierten Satze Auguste Comte's, das Proletariat besitze in der Möglichkeit der Arbeitsniederlegung ein äußerstes Mittel "contre les violations graves et prolongées de l'ordre 'sociocratique'",[196] einen Reflex des Girardinschen Gedankens vor sich. Girardin kam übrigens später noch einmal auf die grève universelle zurück, mit deren Hilfe er den Regierungen ein "grand système d'assurances au profit des ouvriers contre la misère et les accidents" abzunötigen gedachte,[197] fand aber auch hiermit keinen Anklang.

[195] Vgl. hierüber Thomas a. a. O.

[196] Auguste Comte, "Système de politique positive" (1852-54), cit. bei Georges Weill, "Histoire du Mouvement social en France (1852-1902)", p. 23.

[197] Vgl. Girardin, "Pouvoir et impuissance, Questions de l'année 1865", 1867 erschienen (cit. bei Weill, p. 34.).

In Deutschland und Frankreich trat man angesichts der kriegerischen Aussichten dem Generalstreik etwas näher, und nicht nur überzeugte Sozialisten,[198] sondern auch weitere Kreise, die der internationalen Arbeiter-Assoziation fernstanden, sollen im "Generalstreik" (Militär-Streik) das einzige Mittel gegen den drohenden Konflikt erblickt haben, so der "sozialistoide Nationalist Henri Rochefort" (in der "Lanterne") und der deutsche Demokrat Dr. F. Goetz.[199]

[198] Z. B. Wilhelm Liebknecht, der die G-streiktendenzen des Brüsseler Kongresses auf dem 5. Vereinstag der deutschen Arbeitervereine zu Nürnberg im September 1868 vertrat (vgl. Michels, "Die deutsche Sozialdemokratie im internat. Verbande" p. 180 ff.); später änderte W. Liebknecht seine Ansichten bezüglich des G.-streiks übrigens total.

[199] Vgl. Michels, a. a. O. p. 180 ff.

Wenige Jahre zuvor war die Klassenstreikidee in der internationalen Arbeiter-Assoziation aufgetaucht, ob auf Grund der eben erwähnten Andeutungen, ob in Wiederaufnahme der chartistischen Idee vom heiligen Monat, ob infolge der Wahrnehmung gewisser Wachstumstendenzen bei den modernen Arbeitskämpfen, muß freilich dahingestellt bleiben.

Der Kongreß der internationalen Arbeiterassoziation in Brüssel 1868 lehnte zwar den Streik als vollkommenes Emanzipationsmittel der Arbeiterklasse noch ab;[200] doch empfahl er auf Anregung von Caesar de Paepe[201] den Generalstreik "dans le cas d'un conflit entre les grandes puissances européennes";[202] denn da der Gesellschaftskörper nicht existieren könne, wenn die Produktion eine bestimmte Zeit hindurch unterbunden wäre, so würden die Produzenten im Stande sein, durch Arbeitseinstellungen die Unternehmungen persönlicher und despotischer Regierungen unmöglich zu machen.[203] Übrigens wurde auf jenem Kongreß auch die Militärdienstverweigerung in diesem Zusammenhang erwähnt.[204] Den in Brüssel mehr nur gestreiften Gedanken spannen besonders die belgischen Internationalisten weiter aus, und sie kamen zu dem Ergebnis, daß bei dem wachsenden Umfang der Streiks schließlich ein Generalstreik eintreten werde, "der bei den die Arbeiterschaft erfüllenden Emanzipationsgedanken 'nur in einem die Gesellschaft neugestaltenden Zusammenbruch auslaufen könnte'".[205]

[200] Vgl. James Guillaume, "L'Internationale", p. 69.

[201] Vgl. Michels, "Die deutsche Sozialdemokratie im internationalen Verbande", p. 239.

[202] Die deutschen Sektionen hatten im Hinblick auf die drohende Kriegsgefahr gefragt, welche Stellung die Arbeiter im Kriegsfall einzunehmen hätten, vgl. Jaeckh, "Die Internationale", p. 76.

[203] Guillaume, p. 69; Umrath, a. a. O. p. 13.

[204] Nieuwenhuis (Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 21 ff.).

[205] Cit. bei Bernstein, "Die Generalstreikgewerkschaft". Die belgischen Internationalisten forderten auf ihrem Kongreß in Antwerpen 1873 auch geradezu zur Vorbereitung des Weltstreiks auf (vgl. Pouget, Enquête, p. 39).

Die französischen Internationalisten (bes. in Lyon und Marseille), dachten 1869 übrigens an eine wirkliche Inszenierung des Klassenstreiks zur Unterstützung der politisch-republikanischen Bewegung. Von Marseille aus fragte Bastelica am 6. Okt. 1869 bei Richard an: "Pourrait-on compter sur Lyon pour faire une grève générale, le 26 octobre seulement?";[206] der Termin war offenbar mit Rücksicht auf die für denselben Tag angesetzte republikanisch-parlamentarische Aktion gewählt; aber diese unterblieb, und ebenso der Generalstreik.

[206] Vgl. Albert Thomas, a. a. O. p. 358.

Unter den Mitgliedern der Internationalen Arbeiter-Assoziation waren es hauptsächlich die Anhänger Bakunins, revolutionäre und antipolitische Gewerkschafter, die den Generalstreik-Kultus betrieben. Allerdings mußte er während der inneren Kämpfe zwischen Marx und Bakunin etwas in den Hintergrund treten. Der Bakuninistische Flügel erklärte sogar auf seinem Kongreß in Genf 1873[207] offiziell, daß "bei dem gegenwärtigen Stande der Internationale" die Lösung des Problems vorläufig ausgeschlossen sei; diesem resignierten Scheinbeschluß widersprachen übrigens die in geheimer, also maßgebender Sitzung geäußerten Anschauungen, die auf Befürwortung des Generalstreiks teils als Mittel der Expropriation, teils als Mittel der Agitation und Reform gingen.[208]

[207] Vgl. Umrath, a. a. O. p. 13, 14.

[208] Vgl. Pouget (Enquête, p. 39).

Die Klassenstreikidee verschwand nun vorläufig wieder von der Tagesordnung der internationalen Arbeiterbewegung[209] und kam erst in den 1880er Jahren, im Anschluß an die anarchistischen Versuche in Amerika, wieder zur Sprache.

[209] Vgl. Umrath, a. a. O. p. 13, 14.


Zweites Kapitel: Die moderne Arbeiterbewegung. a) Geschichte des politischen Massenstreiks.

§. 10. Belgien.

Was den Chartisten Ende der 1830er Jahre vorgeschwebt hatte, das wurde von den belgischen Arbeitern gewissermaßen neu entdeckt und in Wirklichkeit umgesetzt: der Klassenstreik erschien zweimal als bedeutsame Episode in der belgischen Wahlrechtsbewegung.[210] Die ausgedehnten Streiks der Bergleute mochten den Gedanken nahe legen, den Ausstand auch einmal in den Dienst politischer Forderungen zu stellen.[211] Jedenfalls faßte seit dem Jahre 1890 die belgische Arbeiterpartei die Möglichkeit eines nationalen Ausstands zur Erringung der Verfassungsrevision ernstlich ins Auge. Schon 1891 traten, im Anschluß an die Maifeier, über 100 000 Bergleute in einen politischen Streik und errangen damit vorläufig wenigstens die Zusicherung der Revision.[212] Da der Wunsch nach einer solchen weiteste Kreise der Bevölkerung ergriffen hatte, willigte die Regierung im Februar 1893 schließlich auch darein,[213] lehnte aber das allgemeine, gleiche Wahlrecht von vornherein ab, obgleich ein Tags zuvor unter den 111 700 Stimmberechtigten von Brüssel und seinen Vorstädten veranstaltetes privates Referendum über die verschiedenen Wahlrechtsprojekte sich mit 46 000 von 60 279 abgegebenen Stimmen für den Antrag des Radikalen Janson, nämlich das allgemeine, gleiche Wahlrecht, ausgesprochen hatte.[214] Am lebhaftesten trat die Arbeiterpartei, die damals überhaupt noch keine parlamentarische Vertretung besaß, für die Ablösung des Zensussystems durch das demokratische Wahlsystem ein, und sie beschloß,[215] bei Ablehnung desselben, (oder bei Beeinträchtigung durch Pluralstimmen, die nicht auf allgemein menschlichen Kriterien, sondern auf Grund- oder Diplombesitz beruhen würden), sofort die "grève générale" zu proklamieren; sie forderte auch (am 8. April) die Arbeiterschaft auf, sich zum Äußersten bereit zu halten. Die maßgebenden politischen Kreise legten indeß dieser Drohung offenbar nur sehr geringe Bedeutung bei;[216] hatte doch auch kurz zuvor erst ein angesehener belgischer Arbeiterführer die Möglichkeit des Klassenstreiks, selbst bei so entwickeltem Industrialismus wie in Belgien, überhaupt in Abrede gestellt.[217] — Immerhin traf die Regierung für alle Fälle einige polizeiliche Vorkehrungen, die sich aber bald als ungenügend erwiesen. Denn nachdem der Verfassungsrat[218] den Antrag Janson mit 115 gegen 26 Stimmen abgelehnt und mit der Prüfung der übrigen Vorschläge begonnen hatte, dekretierte der Generalrat der belgischen Arbeiterpartei den allgemeinen Ausstand,[219] der alsbald ausbrach[220] und Brüssel,[221] die größeren Provinzstädte,[222] vor allem die Bergwerksdistrikte,[223] im ganzen ca. 250 000 Arbeiter[224] umfaßte und acht Tage lang währte. — Die von den Ausständigen veranstalteten Protestversammlungen, Umzüge und anderen Manifestationen führten mehrfach zu Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht, besonders wenn diese Aktionen mit Ausschreitungen verbunden waren,[225] und sie forderten, vor allem auf Seiten der Arbeiter, zahlreiche Opfer.[226] — Diese Ruhestörungen verstimmten die Liberalen, so daß sie anfingen, ihr Zusammengehn mit den Arbeitern zu bedauern; andererseits währten auch ihnen die Kammerberatungen allzulang.[227] Sie forderten dringend eine Entscheidung,[228] verständigten sich am 16. April mit den Ultramontanen, und bereits am 18., während draußen der Streik noch auf seinem Höhepunkt stand, nahm die Kammer das Pluralwahlrecht nach überraschend kurzer Debatte, und ohne daß man sich über die Durchführbarkeit des komplizierten "Verlegenheitssystems" recht klar geworden wäre, mit 119 gegen 14 Stimmen (bei 11 Enthaltungen) an. — Diese Nachricht erweckte in den demokratischen und sozialistischen Kreisen große Begeisterung und hatte fast überall eine sofortige Beruhigung der Gemüter zur Folge; am gleichen Abend noch beschlossen Versammlungen in Brüssel und Gent die Wiederaufnahme der Arbeit. Der Generalrat der Arbeiterpartei Belgiens behielt sich zwar weiteren Kampf gegen das Pluralwahlrecht vor, forderte die Arbeiterschaft aber auf, sich vorläufig mit der prinzipiellen Einführung des allgemeinen Wahlrechts zufrieden zu geben. Am 20. April war der politische Streik bereits beendigt und die Ruhe allgemein wieder hergestellt.[229]

[210] Diese selbst geht auf das Jahr 1866 zurück, doch erst seit 1886 oder 1887 nahm auch das Proletariat daran teil, vgl. Anseele, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien".

[211] In den Jahren 1880-1891 soll die Streikbewegung ca. 200 000 Arbeiter umfaßt haben (vgl. N. Z. Z. 18./4. 93 u. ff.); vgl. auch Bourdeau, a. a. O.; Roland-Holst, "G-str. und Sozialdemokratie" p. 57).

[212] Vgl. Destrée und Vandervelde, "Le Socialisme en Belgique", p. 116 ff. Im Interesse der Wahlrechtsbewegung fanden auch Massenmeetings statt, z. B. 1890 in Brüssel mit einer Teilnahme von 75-80 000 Personen (vgl. Anseele, a. a. O.; Destrée und Vandervelde, a. a. O.); eine eifrige Wahlrechtspropaganda erfüllte die folgenden Jahre.

[213] Am 28./2. 1893 begann die Kammerdebatte über die Notwendigkeit einer Revision, die auch der Ministerpräsident, Bernaert, in der Eröffnungsrede anerkannte.

[214] N. Z. Z., 27./2. 93.

[215] Auf dem Kongreß in Gent am 2. u. 3./4. 1893 (Allg. Ztg. 4./4. 93). Mit der Frage des Klassenstreiks hatten sich auch schon zahlreiche frühere Kongresse beschäftigt: die von Brüssel, 5./4. 1891, und 21./2. 1892; Bergarbeiterkongreß in Frameries, August 1892; Kongreß vom 25./12. 1902 (vgl. Destrée und Vandervelde, a. a. O.).

[216] Regierung und Kammermehrheit bezweifelten offenbar, daß die Arbeiterführer die Proklamierung eines Klassenstreiks riskieren würden und noch mehr, daß eine ev. Proklamation auch Erfolg hätte (Allg. Ztg. 12. 4. 93); denn die sozialist. Partei machte mit ihren 80 000 Mitgliedern keineswegs einen imponierenden Eindruck.

[217] Auf dem Kongreß des P. O. fr. in Marseille (vgl. Briand, "La grève générale et la révolution", p. 14).

[218] Am 11./4. begannen die Verhandlungen des Verfassungsrats.

[219] Die Radikalen hatten zwar im allgemeinen zum Aufschub geraten; doch sollen manche liberale Fabrikanten selbst ihre Arbeiter zum Streik aufgefordert haben. Die Freimaurer versprachen angeblich, Frauen und Kinder der Feiernden zu unterstützen (vgl. Bourdeau, p. 429; Destrée und Vandervelde, p. 143 ff.).

[220] Leider ist man hier, wie überhaupt bei allen Klassenstreiks, von der Tagespresse abgesehen, hauptsächlich auf sozialistische Darstellungen angewiesen, bei denen eine gewisse Gefahr einseitiger Beurteilung nahe liegt.

[221] Der Ausstand begann daselbst am 12. mit dem Streik der Metallarbeiter, Holzarbeiter, Drucker und Lithographen, wurde aber nicht vollständig (vgl. Bernstein, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 21).

[222] Lacroyere, Haine, Verviers (65 Etablissements), Löwen, Antwerpen, Gent (am 16./4. 25 000 Ausständige), Mons.

[223] Aus wirtschaftlichen Gründen hatte eine von 4-5 000 Mann besuchte Bergarbeiterversammlung in Quaregnon schon am 10./4. den allg. Ausstand im Borinage beschlossen, und 2 000 Bergleute legten in Flenu (bei Mons), obgleich die Führer rieten, erst die Stellungnahme des Verfassungsrates abzuwarten, schon am 11./4. die Arbeit nieder. Am 14. streikten im Borinage und in La Louvière je 16 000 Bergleute; zugleich begann der Ausstand in Lüttich und Charleroi; die Bergarbeiter traten (am 15.) dem Beschluß des Genter Sozialistenklubs (vom 12./4.) bei, am 17. den allg. Streik zu beginnen; 20 000 von den 30 000 Bergleuten dieses Kohlenbeckens führten diesen Beschluß aus.

[224] de Brouckère, (Enquête, p. 163); im ganzen Lande soll die Streikbeteiligung am 13./4. ca. 30 000, am 15. schon gegen 100 000 betragen haben.

[225] So z. B. die Attentate gegen den Bürgermeister von Brüssel, Buls, am 14./4.; gegen Woeste, den Führer der Klerikalen; bes. zahlreich sind die Ausschreitungen im Hennegau (Angriffe auf ein kathol. Kasino, auf eine Kirche; am 12. in Quaregnon auf Bergwerksgebäude; am 13. in Cuesmes usw.) und in Ostflandern (noch am 19./4. Angriffe auf die Schiffe im Antwerpener Hafen [N. Z. Z., 19./4.]); in Brüssel fanden, trotz einer Verfügung des Bürgermeisters vom 14./4., die Ansammlungen und Umzüge verbot, Demonstrationen vor dem Parlamentsgebäude statt; der kgl. Palast in Brüssel wurde militärisch bewacht, überallhin wurde Militär verlangt (in Mons wird am 13. die Garnison konsigniert; am 14. gehen Truppen nach Charleroi und La Louvière).

[226] So bei den Manifestationen in Brüssel am 12. u. 13. vor der Kammer; so bei den nächtlichen Massenumzügen, an denen sich Tausende beteiligten, revolutionäre Lieder singend, am 11. und 12., bes. aber am 13., 14., 16., wo es zu wüsten Straßenszenen kam; ähnlich geht es am 13. in Lüttich, Gent, Cuesmes, Quaregnon, Frameries zu, in Paturages und Quaregnon, am 14. in Vasmes, Wasmuel, Paturages (50 Verhaftete, 60 Verwundete), Jolimont; am 16. in Grammon, Mons, Antwerpen, Petit Wasmes; am 17. in Antwerpen, Renaix, Courtrai, Mons (7 Tote, 47 Verwundete [N. Z. Z., 18./4. 93]).

[227] Inzwischen hatte die Kammer am 12./4. die sämtlichen 16 Wahlreformvorschläge abgelehnt und sich vertagt, während der 21er-Ausschuß die neu eingegangenen Vorschläge prüfte.

[228] Allg. Ztg. 18./4. 93.

[229] Nur im Borinage wurde wegen Lohndifferenzen noch weiter gestreikt, und in Bernissart, Hennegau, kam es noch am 22./4. zu Ruhestörungen durch Ausständige.

Die Bewegung endete also mit einem bedeutenden Teilerfolg, und es scheint auf den ersten Blick, als ob dieses Resultat nur dem Ausstand zu danken sei;[230] doch hätte der Streik allein wohl kaum einen solchen Effekt gehabt, wenn nicht eine Reihe wichtiger Umstände ihn in hohem Maße unterstützt hätten:[231] er brach aus, nachdem eine vieljährige Agitation das Interesse am Wahlrecht außerordentlich gesteigert hatte; brach aus unter einer verhältnismäßig gut organisierten und an Massenaktionen gewöhnten Arbeiterschaft; brach aus für ein allgemein anerkanntes, leicht faßliches Ziel; nicht gerade spontan,[232] aber als etwas Neues, Unbekanntes, die Gesellschaft Überraschendes;[233] Einmütigkeit und Opferwilligkeit[234] eines solchen Arbeiterheeres machten Eindruck; man glaubte sich am Rand der Revolution,[235] und die Unzuverlässigkeit des belgischen Militärs steigerte das Unbehagen noch um ein Beträchtliches;[236] vor allem aber: er brach aus in einem Momente, wo die Wahlrechtsfrage wirklich "spruchreif"[237] war, wo nicht nur die Arbeiterschaft, sondern auch die liberalen Volksmassen energisch für eine Reform eintraten. Freilich gab das Parlament nur so weit nach, als diese liberalen Kreise wirklich an der Revision interessiert waren; da nun deren Ambitionen auch schon das Pluralsystem zu befriedigen vermochte, so mußten sich die Sozialisten mit diesem halben Sieg begnügen; denn trotz des durchgeführten Klassenstreiks konnte das sozialistische Fahrzeug eben doch nicht höher hinauf steigen, als die liberale Welle trug.

[230] Überraschender Weise findet man diese Ansicht sogar auch in bürgerlichen Blättern vertreten; so schreibt der Brüsseler Korrespondent der Allg. Ztg. (vgl. die Nummer vom 23./4. 93) am 20. April vom "Rückzug der Regierung und ihrer Mehrheit" "unter dem Eindruck der zunehmenden Arbeiterbewegung und der Straßenunruhen, aus Furcht vor dem steigenden Wellenschlag des Volksaufruhrs", von der "Durchpeitschung des Antrages Nyssens" (Pluralsystem), die einer Kapitulation sehr ähnlich gesehen habe. — Und ähnliches läßt sich z. B. die N. Z. Z. unterm 19. April aus Brüssel schreiben (vgl. Nr. vom 21./4.): "wären die Ausschreitungen unterblieben, so hätte tatsächlich kein Mensch gewagt, den grandiosen Charakter der Bewegung zu leugnen. Den herrschenden Klassen ist also die Macht der verkannten Arbeiterpartei zum unliebsamen Bewußtsein gekommen", und "der achttägige Ausstand hat genügt, um Regierung und Parlament zur Nachgiebigkeit in der Revisionsfrage zu zwingen".

[231] Es ist sogar die Meinung aufgetreten, daß der Kl-str. von 1893 eigentlich überflüssig war; die Wahlrechtsreform wäre auch ohne ihn, nur vielleicht etwas später, gekommen. Denn die Wahlrechtsforderung sei so populär gewesen, "daß die Regierung, weil sie die Mittelklasse ... und selbst die Bourgeoisie nicht geschlossen hinter sich fühlt, schwach ist und nachgibt" (vgl. Vliegen, "Der Generalstreik als pol. Kampfmittel", p. 196; Enquête, p. 135). Doch geht dies wohl zu weit: denn eine Konstituante, die angesichts der Kl-str.-Drohung ruhig 16 Wahlprojekte verwarf, hätte ohne energischen Anstoß von außen die Wahlreform sicher noch sehr lange weiter verschleppt.

[232] Anders Bernstein, a. a. O. p. 20.

[233] Ähnliches habe Europa seit den Tagen der Kommune nicht mehr gesehen, schreibt die Allg. Ztg. 21./4. 93.

[234] Die auswärtige Unterstützung kann übrigens nur minimal gewesen sein; die ausländischen Gewerkschaften hatten eine diesbezügl. Anfrage der belgischen Gewerkschaften schon im April und Mai 1892 abschlägig beschieden (vgl. N. Z. Z. 21./4. 1893); die seltsame Annahme, daß die Bewegung aus Gründen der hohen Politik mit französischem Geld unterstützt worden sei, — allgemeines Wahlrecht, belgische Republik, Annexion durch Frankreich — (vgl. Allg. Ztg. a. a. O.), dürfte kaum ernst zu nehmen sein.

[235] N. Z. Z. 21./4. 93.

[236] Die Militärbehörden gaben es später selbst zu, daß die Reservisten "scharenweise, z. T. sogar in Uniform", an den Manifestationen der Arbeiter teilgenommen hatten (vgl. Allg. Ztg. 3./5. 93); als am Vormittag des 18. April in der Brüsseler Vorstadt Molenbeek eine Volksversammlung abgehalten werden sollte, die die Regierung zu inhibieren wünschte, weigerten sich Bürgermeister und Bürgerwehr erfolgreich, einem diesbezüglichen Befehl nachzukommen (vgl. N. Z. Z. 19./4. 1893). Diese militärische Zweifelhaftigkeit ist übrigens nur zum Teil der von den Sozialisten eifrig betriebenen antimilitaristischen Propaganda zuzuschreiben. Begreiflicherweise kamen im belgischen Heer, das überhaupt "keine Armee im Sinne des Militarismus" (so Dr. Adler, Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 77) war, und kamen vor allem in der Bürgerwehr die allgemeinen Postulate des Landes ebenfalls zum Ausdruck.

[237] Bömelburg, (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 228).

Obgleich die belgische Arbeiterpartei unter dem Pluralwahlrecht 28 Parlamentssitze eroberte,[238] betrieb sie doch weiter eine eifrige antimilitaristische Agitation und eine lebhafte Propaganda für das S.U. (suffrage universelle), in deren Hintergrund wiederum der Klassenstreik schlummerte. Derartige Ausstandsdrohungen verhalfen ihr 1896 zu einer "Scheinkonzession" bezüglich des Kommunalwahlgesetzes[239] und bewirkten die Verwerfung einer konservativen Wahlrechtsnovelle,[240] sowie den Sturz des Ministeriums Vandenpeereboom.[241] Dieser "Erfolg" erhöhte den Optimismus der Anhänger des S.U., zu denen außer den Arbeitern auch die Progressisten (d. h. Demokraten) und viele Liberale zählten.[242] 1901 verstärkten die Sozialisten ihre Wahlrechtspropaganda, die sich nötigenfalls wieder bis zum Klassenstreik steigern sollte,[243] und forderten die Regierung immer dringender zur Gewährung der Verfassungsreform auf.[244] Schon Anfang April 1902 traten Tausende von Berg- und Hüttenarbeitern in den Streik, der sich rasch ausdehnte. Mit den Demonstrationen für das S.U. stieg auch die Zahl der Ausschreitungen[245] und Zusammenstöße,[246] die mit dem Beginn der Kammerverhandlungen (am 8. April) revolutionären Charakter annahmen.[247] Waren nun die sozialistischen Führer nicht mehr im Stande, die Ungeduld der Arbeiter zu zügeln),[248] oder verzweifelten sie daran, den Revisionsantrag der Linken angesichts des klerikalen Widerstands mit den gewöhnlichen Mitteln durchzusetzen, genug, sie proklamierten am 13. April, noch ehe ihr auf die Tagesordnung des 16. April gesetzter Antrag überhaupt zur Behandlung kommen konnte, mit der Parole: "un homme, un vote"[249] den Klassenstreik als "letzte Waffe zur Erlangung des allgemeinen Stimmrechts".[250]

[238] Zugleich nahmen die Liberalen ab; 1902 hatten die Sozialisten sogar 32 Vertreter.

[239] Vliegen, Enquête, p. 135, und "Der Generalstreik als pol. Kampfmittel", p. 196.

[240] Vgl. Anseele, a. a. O.

[241] Vgl. Bourdeau, p. 429. Damals (1899) hatten die Sozialisten parlamentarische Obstruktion gemacht; es kam zu Straßenunruhen in Brüssel, Lüttich, Gent usw.