belua multorum capitum,
Ein vielköpfiges Ungeheuer,
oder wie wir auch übersetzen hören:
eine vielköpfige Bestie;
I, 2, 14:
Quidquid delirant reges, plectuntur Achivi;
Wie auch immer die Könige (Agamemnon und Achilles) wüten, die Griechen, sie büssen's (d. h. das Volk büsst es);
I, 2, 16:
Iliacos intra muros peccatur et extra;
G'rade wie drinnen in Ilions Burg wird draussen gefrevelt;
I, 2, 40:
Dimidium facti, qui coepit, habet;
wer nur begann, der hat schon halb vollendet,
was dem bei Aristoteles viermal (s. im Index von Bonitz "ἥμισυ") vorkommenden Sprichwort ("ἡ ἀρχὴ ἥμισυ παντός", "der Anfang ist die Hälfte des Ganzen") nachgebildet ist, welches Lucian ("Hermotimos" 3) fälschlich dem Hesiod zuschreibt, während es Jamblichus dem Pythagoras ("Leben d. Pyth." 29) zuweist. Der horazische Vers schliesst mit den Worten (vrgl. Kap. X.: Theognis):
Sapere aude
Wage es, weise zu sein!
I, 2, 62:
Ira furor brevis est;
Der Zorn ist eine kurze Raserei;
I, 2, 69:
Quo semel est imbuta recens, servabit odorem
Testa diu.
Lange wird neues Geschirr noch danach riechen, womit man's
Füllte zuerst.
I, 6, 67 enthält:
Si quid novisti rectius istis,
Candidus imperti; si non, his utere mecum;
Wenn du was Besseres weisst, als dies hier,
Teil' es mir redlich mit; wenn nicht, so benutze, wie ich, dies;
was an des Isokrates (436-339 v. Chr.) Wort anklingt ("Ad Nicocl." § 39): "χρῶ τοῖς εἰρημένοις, ἢ ζήτει βελτίω τούτων". "Benutze das Gesagte, oder suche etwas Besseres, als dies!"
I, 10, 24:
Naturam expollas furca; tamen usque recurret;
Treibst du Natur mit dem Knüppel auch aus, sie kommt doch zurück stets,
(s. Kap. V: "Chassez le aturel etc.").—
I, 11, 27:
Caelum non animum mutant, qui trans mare currunt;
Wer über See geht, der wechselt das Klima und nicht den Charakter;
Horaz entlehnte diesen Gedanken den Griechen.
Schon Aeschines (in "Ctesiph." 78) sagte: "ὅστις ἐστὶν οἴκοι φαῦλος, οὐδέποτ' ἦν ἐν Μακεδονίᾳ καλὸς κἀγαθός· οὐ γὰρ τὸν τρόπον ἀλλὰ τὸν τόπον μετήλλαξεν"—"Wer daheim ein Feigling ist, war nie in Macedonien ein Held; denn er wechselte nicht den Charakter, sondern den Ort". Und vor ihm Bias (s. Stobacus "Floril." p. 51 ed. Gessner): "Τόπων μεταβολαὶ οὔτε φρόνησιν διδάσκουσιν, οὔτε ἀφροσύνην ἀφαιροῦνται"—"Ortswechsel belehrt weder den Verstand, noch nimmt er Einem den Unverstand".—
I, 11, 28 bietet (vielleicht nach des Aristophanes "Fröschen", 1498, wo "διατριβὴ ἀργός", "faule Thätigkeit" vorkommt): "strenua . . . . inertia", woraus unser
geschäftiger Müssiggang
entsprungen ist, wenn wir es nicht aus des Phaedrus 2, 5 "occupata in otio" oder aus Senecas ("Üb. d. Kürze d. Leb." 11. g. E.) "desidiosa occupatio", (ebenda 12) "iners negotium", und ("Üb. d. Ruhe d. Seele" 12) "inquietam inertiam" herleiten wollen. Joh. Elias Schlegels Lustspiel "Der geschäftige Müssiggänger" (im vierten Bd. von Gottscheds "Deutscher Schaubühne . . ." Lpz. 1743) machte das Wort in Deutschland geläufig.—
I, 12, 19 steht:
Concordia discors
Zwieträchtige Eintracht,
(Ovid, "Metam." 1, 433 hat: discors concordia);
Principibus placuisse viris, non ultima laus est,
Wer den vorzüglichsten Männern gefiel, dess Ruhm ist gering nicht;
Danach schrieb Marcellinus in seinem Leben des "Thukydides" § 35: "ὁ γὰρ τοῖς ἀρίστοις ἐπαινούμενος καὶ κεκριμένην δόξαν λαβὼν ἀνάγραπτον εἰς τὸν ἔπειτα χρόνον κέκτηται τὴν τιμήν;" "Wer von den Besten gelobt wurde und diesem Lobe entsprach, dess Ruhm wird ewig unvergänglich sein"; und dann Schiller im "Prolog" (1798) zu "Wallensteins Lager":
(Denn) wer den Besten seiner Zeit genug
Gethan, der hat gelebt für alle Zeiten.—
I, 17, 36 finden wir:
Non cuivis homini contingit adire Corinthum;
Nicht einem Jeglichen wird es zu Teil, nach Korinth zu gelangen;
(d. h. hier: das Höchste zu erreichen. Es ist die Übersetzung des griechischen Sprichworts "οὐ παντὸς ἀνδρὸς εἰς Κόρινθον ἔσθ' ὁ πλοῦς", dessen frivole Deutung man Gellius 1, 8, 4 nachlesen kann. Korinth bot aber auch ideale Genüsse und die Seefahrt von Rom dorthin war ein Wagnis. Daraufhin zielt der horazische Vers.)
I, 18, 71 steht:
Et semel emissum volat irrevocabile verbum;
Und, einmal entsandt, fliegt unwiderruflich das Wort hin.—
I, 18, 84 steht:
Nam tua res agitur, paries cum proximus ardet;
Brennet des Nachbars Wand, so bist du selber gefährdet;
I, 19, 19:
O imitatores, servum pecus;
O Nachahmer, sklavisches Gezücht!—
Aus dem zweiten Buch der "Episteln", das in den letzten Lebensjahren des Horaz erschien, ist 2, 102:
Genus irritabile vatum.
Das reizbare Geschlecht der Dichter.—
Aus der "Kunst zu dichten" des Horaz entlehnen wir dem Verse 4 (mit leichter Umwandlung) den Vergleich für eine unharmonische Dichtung:
Desinit in piscem mulier formosa superne;
In einen Fischschwanz endet das oberhalb prachtvolle Weibsbild;
aus Vers 5:
Risum teneatis, amici?
Würdet Ihr, Freunde, Euch da des Lachens erwehren?
Vers 9 u. 10:
Pictoribus atque poëtis
Quidlibet audendi semper fuit aequa potestas,
Maler und Dichter, erlaubt war stets euch jegliches Wagstück;
Vers 11:
Hanc veniam petimusque damusque vicissim;
Diese Vergünstigung fordern wir selbst und gewähren sie Ander'n;
als Citat wird dies ganz allgemein von gegenseitigen Diensten gebraucht; Horaz bezieht es auf die dichterischen Freiheiten, die er andern Poeten gestatten und sich selbst erlaubt wissen will;
aus Vers 19:
non erat his locus;
Das war hier nicht am Platze;
aus Vers 25 u. 26:
Brevis esse laboro obscurus fio;
Ich bemühe mich kurz zu sein und werde dunkel;
aus Vers 39 u. 40:
Versate diu, quid ferre recusent,
Quid valeant humeri;
Überleget euch lang', was die Schultern verweigern,
Was sie zu tragen vermögen;
Vers 78:
(Grammatici certant, et) adhuc sub iudice lis est,
Da sind die Forscher nicht eins, und der Streit hängt noch vor dem Richter,
woraus das übliche Scherzwort entsprungen sein mag:
Darüber sind die Gelehrten noch nicht einig;
aus Vers 97:
sesquipedalia verba
ellenlange Wörter.—
Vers 147 rühmt von Homer, dass er den trojanischen Krieg nicht
ab ovo
vom Ei (der Leda an, aus dem Helena hervorging),
d. h. "vom ersten, entlegensten Anfang" an zu erzählen beginne, sondern den Zuhörer (V. 148) sofort
in medias res
Mitten in die Dinge hinein
führe.—
Vers 173 nennt den Greis:
Laudator temporis acti
Lobredner der Vergangenheit.—
Aus Vers 276: "Dicitur et plaustris vexisse poemata Thespis" (Man sagt, dass Thespis seine Dramen auf Wagen umhergefahren habe) ist der
Thespiskarren
entlehnt. Doch irrt sich Horaz in seiner Angabe, da der Wagen der ältesten griechischen Komödie angehört, während Thespis der älteste attische Tragödiendichter war.—
Vers 333 steht:
Aut prodesse volunt aut delectare poetae.
Entweder wollen die Dichter uns nützlich sein oder ergötzen.
Vers 343 spricht Horaz vom Dichter:
(Omne tulit punctum qui miscuit) utile dulci
Jeglichen Beifall errang, wer Lust und Nutzen vereinte,
woraus die Redensart stammt:
Das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.
Diese letzten Worte scheinen aus Polybius entlehnt zu sein, der (1, 4) sagt, man könne "aus der Geschichte zugleich Nutzen und Vergnügen schöpfen" ("ἅμα καὶ τὸ χρήσιμον καὶ τὸ τερπνὸν ἐκ τῆς ἱστορίας λαβεῖν").
(S. auch Lucian "Wie man Geschichte schreiben muss" 9, "Über den Tanz" 33, "Anacharsis" 6 u. 10.)—
Aus Vers 359:
Indignor, quandoque bonus dormitat Homerus.
Ich ärgere mich, wenn der vortreffliche Homer auch einmal schläft (d. h. im Ausdruck nachlässig ist)
wird fälschlich als eine Entschuldigung für Schlummerköpfe citiert:
Quandoque bonus dormitat Homerus.
Zuweilen schlummert ja selbst der vortreffliche Homer.—
Ebenso irrig ist oft aus Vers 361 das
Ut pictura poësis: . .
(Ein Gedicht gleicht darin einem Gemälde, dass . . .)
herausgerissen citiert worden, als bedeute es: "Malerei und Poesie haben die gleichen Gesetze". (vrgl. Kap. X: "Simonides").—
Von einer Schrift, zu deren Lektüre man gern zurückkehrt, citiert man den Ausgang des 365. Verses:
Decies repetita (poësis) placebit.
Zehnmal wiederholt, wird sie gefallen.
Solche Schrift wird zu jenen gehören, deren Verfasser das berühmte:
Nonumque prematur in annum,
Und bis ins neunte Jahr muss sie verborgen bleiben (d. h. gefeilt werden),
den Ausgang des 388. Verses, beherzigt haben.—Von Einem, der sich als Mann bewährt, sagen wir mit Vers 413:
Multa tulit, fecitque puer, sudavit et alsit,
Viel hat, in Hitze und Frost, schon als Kind er gethan und erlitten.—
Des Livius (59 v.-17 n. Chr.) Redewendung (4, 2, 11):
"potius sero, quam nunquam,"
(Lieber spät, als niemals),
citieren wir französisch:
Mieux vaut tard, que jamais.—
Im Livius steht (38, 25, 13): "cum iam plus in mora periculi quam in ordinibus conservandis praesidii esset, omnes passim in fugam effusi sunt"—"Als schon mehr Gefahr im Verzuge, als Hilfe im Aufrechterhalten der Heeresordnung lag, strömten Alle in planloser Flucht auseinander". Hieraus bildete sich das Wort:
periculum in mora,
Gefahr im Verzuge.
39, 26, 9 enthält das Drohwort "nondum omnium dierum solem occidisse"—"es sei noch nicht die Sonne aller Tage untergegangen", was wir kürzen zu:
Es ist noch nicht aller Tage Abend.—
Bei Tibull (54-19 v. Chr.) 2, 5, 23 steht:
Roma aeterna.
Das ewige Rom.—
Propertius (48-16 v. Chr.) bietet uns 2, 10, 5-6:
"Quod si deficiant vires audacia certe
Laus erit: in magnis et voluisse sat est,"
Wenn auch die Kräfte versagen, so wird doch das kühne Beginnen
Rühmlich sein: schon genügt's, hat man nur Grosses gewollt.
Joh. Agricola von Eisleben ("Terent. Andria" Berl. 1544, d. 4, 1) nennt dies eine Sentenz Platonis. Wieso?—Anklingt Tibulls (4, 1, 7): "Est nobis voluisse satis"—"Uns genügt's, gewollt zu haben".—
Aus des Propertius Pentameter (3, 21, 10):
Quantum oculis, animo tam procul ibit amor,
Wie aus den Augen sie schwand, schwand auch die Lieb' aus dem Sinn,
scheint herzurühren:
Aus den Augen, aus dem Sinn.—
Aus dem Pentameter des Ovid (43 v.-17 n. Chr.) "Heroiden" 13, 84: "Bella gerant alii! Protesilaus amet" ist offenbar das berühmte Distichon entstanden:
Bella gerant alii! tu, felix Austria, nube!
Nam quae Mars aliis, dat tibi regna Venus!
Kriegführ'n lasse die Andren! du, glückliches Österreich, freie!
Mehrer des Reiches ist Mars Anderen, Venus nur dir!
"Felix Austria" findet sich schon auf einem Siegel Herzog Rudolfs IV. vom Jahre 1363 (vrgl. Dr. Franz Kürschner: "Herzog Rudolfs IV. Schriftdenkmale"). Dass, wie man meinte, Matthias Corvinus des Distichons Urheber sei, erwies Béla von Tóth als Irrtum (s. dessen "Szájrul szájra" (von Mund zu Munde), Budapest 1895, S. 22-25). Bis jetzt ist der ovidkundige Verfasser der Verse noch unerforscht.—
Aus Ovids "Amores" 3, 4, 17 stammt:
Nitimur in vetitum semper, cupimusque negata,
Zu dem Verbotenen neigen wir stets und begehren Versagtes;
oder wie es in einem Altdorfer Stammbuch v. J. 1722 übersetzt wird:
"Unser Tichten, Trachten, Ringen
Geht nur nach verbotnen Dingen."
(vrgl. "Deutsche Stammbücher" von den Gebrüdern Keil, 1893 No. 912).—
"Amor" 3, 8, 55 (und "Fasti" 1, 217) bieten:
Dat census honores,
Die Einkünfte geben die Ehren;
"Amor." 3, 11, 7 vrgl. "Ars amandi" 2, 178:
Perfer et obdura (dolor hic tibi proderit olim)
Trage und dulde: dir wird der Schmerz dermaleinst noch nützen.
("Tristia" 5, 11, 7 lautet: "Perfer et obdura, multo graviora tulisti", eine Übertragung von Homers "Odyss." 20, 18 [s. Kap. X]. Vor Ovid sang Catull 8, 11: "Obstinata mente perfer, obdura", und Horaz "Sat." 2, 5, 39: "Persta atque obdura").—
Brief 17, 166 steht:
An nescis longas regibus esse manus?
Weisst du denn nicht, wie weit reichet der Könige Hand?
Schon bei Herodot (8, 140) heisst es von Xerxes: "καὶ γὰρ δύναμις ὑπὲρ ἀνθρώπον ἡ βασιλέος ἐστι καὶ χεὶρ ὑπερμήκης", "denn der König hat auch die Gewalt über den Menschen und eine über die Maassen lange (d. h. weitreichende) Hand".—
Aus Ovids "Kunst zu lieben" ("Ars amandi") 1, 99 ist das Wort über die Frauen bekannt:
Spectatum veniunt, veniunt spectentur ut ipsae,
Zum Seh'n kommen sie hin, hin kommen sie, dass man sie sehe.
Aus 2, 13 der "Kunst zu lieben" wird citiert:
Nec minor est virtus, quam quaerere,
Parta tueri.
Weniger schwer, als Erwerben, ist's nicht:
Erworb'nes bewahren;
wohl eine Reminiscenz aus Demosthenes ("Olynth.") 1, 23, der da sprach: "πολλάκις δοκεῖ τὸ φυλάξαι τἀγαθὰ τοῦ κτήσασθαι χαλεπώτερον εἶναι", "oft scheint es schwerer zu sein, Schätze zu bewahren, als sie zu besitzen".—Der 91. Vers der Ovidischen "Mittel gegen die Liebe" ("Remedia amoris") heisst:
Principiis obsta (sero medicina paratur).
Sträube dich gleich im Beginn (zu spät wird bereitet der Heiltrank).
Auch wird "Principiis obsta" oft aus dem Zusammenhange gerissen und "wehre dich gegen Principien!" darunter verstanden. Ovid mag dabei an des Theognis Rath gedacht haben (v. 1133):
"Κύρνε, παροῦσι φίλοισι κακοῦ καταπαύσομεν ἀρχήν,
ζητῶμεν δ' ἕλκει φάρμακα φυομένῳ."
"Heilen wir, wo Freunde weilen,
Böses, Kyrnos, gleich zur Stunde!
Lass' uns mit dem Balsam eilen,
Wenn im Wachsen ist die Wunde!"—
Aus Ovids "Metamorphosen" 1, 7 ist die Bezeichnung des Chaos verbreitet:
Rudis indigestaque moles
Eine rohe, verworrene Masse;
"Met." 2, 13 und 14, bringt die Schilderung der Nymphen:
Facies non Omnibus una,
Nec diversa tamen (qualem decet esse sororum):
Nicht gleich sind alle von Antlitz,
Und doch auch nicht verschieden (so wie sich's gehöret bei Schwestern);
"Met." 2, 137:
Medio tutissimus ibis
In der Mitte wirst du am sichersten gehen.
"Met." 3, 136 und 137:
Dicique beatus
Ante obitam nemo supremaque funera debet,
Niemanden soll man
Glücklich heissen, bevor er gestorben und eh' er begraben.
(vrgl. Kap. XII: "nemo ante mortem beatus".)
"Met." 5, 416-7:
Si componere magnis parva mihi fas est,
Wenn es mir erlaubt ist, Kleines mit Grossem zu vergleichen,
(s. Kap. X: Herodot 2, 10 und 4, 99.);
"Met." 6, 376 die das Quaken der Frösche malenden Worte:
Quamvis sint sub aqua, sub aqua maledicere tentant,
Ob in der Tiefe sie quaken, sie quaken doch, nur um zu schimpfen;
"Met." 7, 20-1 die Worte der sich in aufkeimender Liebe zu Iason überraschenden Medea:
Video meliora proboque;
Deteriora sequor.
Wohl seh' ich das Bess're und lob' es:
Aber ich folge dem Schlecht'ren.
(vrgl. Euripides: "Medea", 1078-9 und "Hippol." 380.)—
Aus "Met." 9, 711 stammt:
Pia fraus,
Frommer Betrug;
und aus "Met." 15, 234:
Tempus edax rerum,
Die Zeit, welche die Dinge zernagt;
(auch in den "Epistolis ex Ponto" 4, 10, 7 wendet Ovid "tempus edax" an. "Edax vetustas" [zernagendes Alter] steht "Metam." 15, 872; vrgl. oben: "Zahn der Zeit").—
Aus Ovids "Fasti" (Festkalender) 1, 218 wird citiert:
Pauper ubique iacet,
Ein Armer hat allerwärts einen niederen Stand,
und aus 6, 5:
Est deus in nobis, agitante calescimus illo,
In uns wohnet ein Gott, wir erglüh'n durch seine Belebung.—
Aus Ovids "Tristia" sind bekannt 1, 9, 5 u. 6:
Donec eris felix, multos numerabis amicos:
Tempora si fuerint nubila, solus eris
Freunde, die zählst du in Menge, so lange das Glück dir noch hold ist,
Doch sind die Zeiten umwölkt, bist du verlassen allein;
(vrgl. Theognis 115, 643, 697, 857, 929 u. Plautus "Stichus" IV, 1, 16.)—
"Trist." 3, 4, 25: "bene qui latuit, bene vixit" in der Form:
Bene vixit, qui bene latuit
Glücklich lebte, wer in glücklicher Verborgenheit lebte,
(nach Epikurs: "λάθε βιώσας", "bleibe verborgen im Leben!" s. Plutarch p. 1128 ff. u. Useners "Epicurea" 1887, 8. 326 u. 327.)—
"Trist." 4, 3, 37:
Est quaedam flere voluptas!
Im Weinen liegt eine gewisse Wonne;
"Trist." 5, 10, 37:
Barbarus hic ego sum, quia non intelligor ulli,
Ein Barbar bin ich hier zu Land, da mich keiner versteh'n kann.—
In Ovids "Briefen aus dem Pontus" 1, 2, 143 stammt das Wort:
Besser sein als sein Ruf,
denn er sagt dort von Claudia: "ipsa sua melior fama", sie sei selbst besser als ihr Ruf. Dann erwidert Figaro auf Almavivas Vorwurf, er stehe in abscheulichem Rufe (réputation), in "Figaros Hochzeit" (1784) 3, 3, von Beaumarchais: "Et si je vaux mieux qu'elle?" "Und wenn ich nun besser bin, als mein Ruf?" Und in Schillers "Maria Stuart" (1801) 3, 4 heisst es:
Ich bin besser, als mein Ruf.
Auch Goethe verwendet das Wort gegen Ende des siebenten Buches von "Dichtung und Wahrheit".
Des Perikles Wort bei Thucydides 2, 41: "Die Stadt sei noch besser, als ihr Ruf (ἀκοῆς κρείσσων)" kann nicht als Quelle angesehen werden, weil der Sinn wesentlich abweicht.—
Ebenda bei Ovid 3, 4, 79 (s. oben: Properz 2, 10, 5-6) steht:
Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas,
Wenn's auch an Kräften gebricht, so ist doch der Wille zu loben.—
Aus dem ersten (um 12 v. Chr. verf.) Buche der "Astronomica" des Manilius wurde V. 104, der von der menschlichen Vernunft aussagt:
Eripuitque Jovi fulmen viresque tonandi,
Und selbst Zeus entriss sie den Blitz und die Donnergewalten,
vom Kardinal Polignac (1745. "Anti-Lucretius" 1, 96) in folgender Umgestaltung gegen Epikur gerichtet, der den Griechen ihre Götter raubte:
Eripuit fulmenque Jovi Phoeboque sagittas.
Zeus entriss er den Blitz und dem Phoebus entriss er die Pfeile.
Hiernach schmiedete man in Paris für des Freiheitsapostels und Blitzableiter-Erfinders, Benjamin Franklins, Porträtbüste von Houdhon den Vers:
Eripuit coelo fulmen, mox sceptra tyrannis,
Erst entriss er dem Himmel den Blitz, dann den Herrschern die Scepter.
Nach Condorcet (Oeuvr. compl. Par. 1804. V. 230-1. "Vie de Turgot") war der Minister Turgot († 1781) der Verfasser dieses Lobspruches, doch mass sich Friedrich v. d. Trenck in seinem Verhör vor den Richtern zu St. Lazare in Paris (9. Juli 1794) die Urheberschaft bei (s. G. Hiltl: "Des Frh. v. Trenck letzte Stunden. Nach d. Akt. d. Droit publ. u. Archiv. Mittheil." Gartenlaube 1863. No. I). Heute wird gewöhnlich citiert:
Eripuit coelo fulmen, sceptrumque tyrannis.—
Klassischer Zeuge
beruht auf folgendem Satz des Verrius Flaccus (um Chr. G.) im Auszuge bei Paulus Diaconus (p. 56, 15; Müller): "classici testes dicebantur qui signandis testamentis adhibebantur"—"klassische Zeugen pflegte man die zur Testamentsunterzeichnung Verwendeten zu nennen". Wir aber brauchen das Wort verallgemeinernd, wie "sicherer Bürge".
"Classici" hiessen die zur ersten Vermögensklasse eingeschätzten Steuerzahler (vrgl. "infra classem" bei Paul. Diac. p. 113, 12 u. Gellius VI, 13, 1).—
Im 6. Briefe des jüngeren Seneca (4-65 n. Chr.) heisst es:
Longum iter est per praecepta, breve et efficax per exempla.
Lang ist der Weg durch Lehren, kurz und erfolgreich durch Beispiele (s. Phaedrus 2, 2, 2: "exemplis discimus", "an Beispielen lernen wir").—
Auf der Stelle des 7. Briefes:
Homines dum docent discunt
beruht:
Docendo discitur, oder: Docendo discimus
Durch Lehren lernen wir.—
Im 23. Briefe heisst es:
(Mihi crede,) res severa est verum gaudium,
(Glaube mir,) eine ernste Sache ist eine wahre Freude.
Diese Worte standen als Weihespruch am alten Gewandhause in Leipzig und stehen nun wieder dort am neuen Konzerthause. Der Musikdirigent Langer übersetzte sie: "eine schwere Sache ist ein wahrer Spass".—
Aus dem 96. Briefe wird citiert:
Vivere (mi Lucili) militare est,
Leben, mein Lucilius, heisst kämpfen,
(s. Kap. V: "ma vie est un combat").—
Der 106. Brief schliesst mit dem vorwurfsvollen: "Non vitae, sed scholae discimus" (leider lernen wir nicht für das Leben, sondern für die Schule). Wir stellen es um und citieren belehrend:
Non scholae, sed vitae discimus,
Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.—
Im 107. Briefe wird mit Anlehnung an Verse des Stoikers Kleanthes (4. Jahrh. v. Chr.), die Epiktet (c. 52. Ausg. v. Chr. Gottl. Heyne. Lpzg. 1783) überliefert, das Wort geschaffen:
Ducunt volentem fata, nolentem trahunt,
Den Willigen führt das Geschick, den Störrischen schleift es mit.—
Licentia poetica,
Poetische Licenz,
ist entlehnt aus Senecas "Natural. quaest." II, 44, wo es heisst: "poeticam ista licentiam docent". (vrgl. Cicero "de orat." 3, 38, wo "poetarum licentiae" und Phaedrus 4, 25, wo "poetae more . . . et licentia" steht. Lucians "Gespräch mit Hesiod" nennt diese Licenz: τὴν ἐν τῷ ποιεῖν ἐξουσίαν).—
Vielleicht ist auch
per aspera ad astra
über rauhe Pfade zu den Sternen
aus Seneca geschöpft, in dessen "rasendem Herkules" Vers 437 lautet:
Non est ad astra mollis e terris via.
Der Weg von der Erde zu den Sternen ist nicht eben.—
Das Wasser trüben
beruht auf Phaedrus (bl. etwa 30 nach Chr.), B. 1, Fab. 1, wo der am oberen Laufe des Baches stehende Wolf komischerweise dem weiter unten stehenden Lamme frech zuruft:
Cur (inquit), turbulentam fecisti mihi
Aquam bibenti?
Warum hast du mir, der ich trinke, das Wasser trübe gemacht?
Von "Schafen", die "schöne Borne" durch "darein treten" "trübe gemacht" haben, ist übrigens auch die Rede Hesekiel 34, 18-19 (vrgl. 32, 2 und 13).—
Die Verse des Phaedrus (I, 10):
Quicumque turpi fraude semel innotuit,
Etiamsi verum dicit, amittit fidem . . .
gab von Nicolay (1737-1820) in seinem Gedichte "Der Lügner" also wieder:
Man glaubet ihm selbst dann noch nicht,
Wenn er einmal die Wahrheit spricht.
Danach hat sich die landläufig gewordene genauere Übertragung gebildet:
Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht;
Selbst dann, wenn er die Wahrheit spricht.
Dieser Gedanke wird schon dem Demetrius Phalereus (4. Jahrh. v. Chr.) zugeschrieben von Stobaeus ("Florileg." 12, 18).—
Behandelt ein äusserst Minderwertiger eine gefallene Grösse schlecht, so reden wir vom
Eselstritt;
denn, als der Esel sah, wie Phaedrus (1, 21) erzählt, dass Eber und Stier den sterbenden Löwen ungestraft misshandelten, da schlug er ihm mit den Hufen ein Loch in die Stirn.—
In der Fabel des Phaedrus (1, 24) "Der geplatzte Frosch und der Ochse" (Rana rupta et bos) heisst es vom Frosch, dass er, "vom Neid über solche Grösse erregt" (tacta invidia tantae magnitudinis), sich so lange aufgebläht habe (inflavit pellem), um ihr gleichzukommen, bis er "mit geplatztem Leibe dalag" (rapto iacuit corpore). Daher sagen wir von einem Dünkelhaften, er sei wie ein