Die Geborenen nach der Geburtenfolge
(unter je 100 Geborenen).
Die Geborenen nach der Geburtenfolge (unter je 100 Geborenen)

Wie steht es nun mit der ehelichen Fruchtbarkeit? Nach dem Werke von Gruber und Rüdin läßt sich die eheliche Fruchtbarkeit der allgemeinen Berliner Bevölkerung gut überblicken. Es trafen auf hundert eheliche Geburten Erstgeburten im Jahre 1880 18 Kinder, 1886 23, 1896 27, 1906 33 und 1910 (eigene Auszählung) 34,4. Mehr als sechs Geborene waren in denselben Zeiträumen 12 %, dann 14, 10, 8 und 6 %, Wir sehen also, daß die Berliner Bevölkerung die Kinderzahl rationalisiert, es gibt immer weniger Ehen, in denen Mehrgeburten vorkommen, der Überblick über die Tabelle VI beweist dieses zur Genüge. Die Juden haben nach Auszählungen, die ich vermöge des Entgegenkommens des Berliner Statistischen Amtes (Prof. Dr. Silbergleit) vornehmen durfte, und wofür ich auch an dieser Stelle danken möchte, Erstgeborene in 34,7 %, Zweitgeborene in 30,5 %, Drittgeborene in 15 %, mehr als Sechstgeborene nur 3½ %. Die Mischehen sind, wie dieselbe Tabelle zeigt, noch mehr darauf zugeschnitten, Mehrgeburten zu vermeiden. Oder, wenn wir auf je 100 Erstgeburten die Mehrgeburten berechnen, hatten nur 44 Mütter Drittgeburten, ebensoviele Viert- und Sechstgeborene. Während bei der allgemeinen Bevölkerung 1880 auf je 100 Erstgeborene noch 66,7 Siebent- und Mehrgeborene trafen, kamen 1910 bei den Juden nur noch 9½ Siebent- und Mehrgeborene auf 100 Erstgeborene. Damit ist der Unterschied zwischen der schon niedrigen Fruchtbarkeit der allgemeinen Bevölkerung Berlins von 1880 und der der heutigen Juden wohl am besten charakterisiert.

Tabelle XIII. Geburtenhäufigkeit.

  Auf je 100 eheliche Erstgeborene kamen 1880 Auf je 100 Erstgeborene (ehel. u. unehel.) überhaupt kamen 1910
bei der Berliner allgem. Bevölkerung bei der allgem. Bevölkerung bei der jüdischen Bevölkerung
Zweitgeborene 111,0 77,2 87,0
Drittgeborene 100,0 45,0 44,0
Viert- bis Sechstgeborene 177,7 55,0 46,0
Siebent- u. Mehrgeborene 66,7 23,0 9,5

Genaue Detaillierung der Berliner Geburtlichkeit.

  Auf je 100 Erstgeburten kamen 1910
bei der allgem. Bevölkerung bei der jüdischen Bevölkerung
Zweitgeborene 77,2 87,0
Drittgeborene 45,0 44,0
Viertgeborene 28,0 23,0
Fünftgeborene 17,0 15,0
Sechstgeborene 10,5 7,8
Siebentgeborene 7,4 2,5
Achtgeborene 5,2 2,6
Neuntgeborene 3,3 2,0
Zehntgeborene 2,2 0,5
Elft- und Mehrgeborene 4,5 2,0
Die soziale Stellung.
Unter je 100 Eheschließenden waren:
Die soziale Stellung. Unter je 100 Eheschließenden waren: Ca. 9 Akademiker, 2 Fabrikanten, 38 selbständige Kaufleute, 35 kaufm. Angestellte, 6 Handwerker, 10 Arbeiter.

Danach tritt also klar zutage, daß in den Ehen eine enorme Umwälzung der Fruchtbarkeit sich vollzogen hat.

Unter 100 Erstgeborenen trafen auf: Unter 100 Erstgeborenen trafen auf: Akademiker 9, Fabrikanten 2,5, selbständige Kaufleute 42, kaufm. Angestellte 22,5, selbst. Handwerker 8, Arbeiter 16.

Ich versuchte aber die Konstruktion der Natalität noch weiter zu ergründen, bestimmte den Prozentsatz, den die einzelnen Berufe an der Eheschließung und an der Vermehrung nahmen, danach gab es Akademiker unter den Heiratenden knapp 10 %; diese hatten einen entsprechenden Prozentsatz unter den erstgeborenen Kindern, unter den mehr als Drittgeborenen aber nur 1,4 %, und es ist wohl auch kein Wunder oder Zufall, daß der einzige Akademiker, der mehr als sechs Kinder hatte (im Jahre 1910) ein aus dem Auslande stammender Rabbiner war, wie überhaupt bei den Rabbinern die Mehrgeburten noch vielfach vorkommen. Auch die selbständigen Kaufleute wiesen ebenso wie die Handelsangestellten eine immer schwächer werdende Beteiligung an den Mehrgeburten auf. Die Arbeiter, die unter den Eheschließenden dieselbe Zahl wie die Akademiker aufwiesen (10 %), waren in 34 % der Fälle Väter der Kinder, die Viertgeborene und mehr waren. Es zeigt sich also auch hier, daß das Proletariat die Art erhält.

Unter 100 jüdischen Mehrgeborenen trafen auf: Unter 100 jüdischen Mehrgeborenen trafen auf: Akademiker 1, Fabrikanten 3, selbst. Kaufleute 33, kaufm. Angestellte 13, selbst. Handwerker 17, Arbeiter 33.

Tabelle XII. Soziale Stellung der jüdischen Väter
der 1910 in Berlin in jüdischen Ehen geborenen Kinder.

  Akademiker
Fabrikanten
Bankiers
Selbständige Kaufleute Kaufm. Angestellte
subalterne Beamte
Selbständige Handwerker Arbeiter Insgesamt in %
Insgesamt 105 439 220 95 237 1107 100,0
Repräs. Geburten 297 1023 496 300 735    
Von den Erstgeborenen 48,0 166 85 25 61 386 34,7
" " Zweitgeborenen 29 146 78 22 61 336 30,5
" " Drittgeborenen 18 66 26 18 42 170 15,4
" " Viertgeborenen 4 34 9 11 29 87 8,0
" " Fünftgeborenen 4 21 8 8 18 59 5,2
" " Sechstgeborenen 1 10 6 3 10 30 2,7
" " Siebentgeborenen 1 7 8 8 16 40[13] 3,5

Tabelle XII. Beteiligung der Berufe an den Geburten in %.
(Juden, Berlin 1910).

Von den Die Väter waren
Akademiker Bankiers
Fabrikanten
Kaufleute Angest. Kaufleute Selbst. Handwerker Arbeiter Insgesamt
Erstgeborenen 9,3 2,3 42,2 22,2 7,2 16,8 100,0
Zweitgeborenen 4,9 3,5 43,3 22,2 7,1 19,0 100,0
Drittgeborenen 6,9 3,9 38,1 14,5 11,9 25,3 100,0
Viert- u. Mehrgeboren. 1,4 2,8 33,3 14,35 14,35 33,8 100,0

80Tabelle VIII. Eheschließende in %.

Von den 1909 eheschließenden Juden waren
Berufsverteilung: Akademiker Fabrik. Selbst. Kaufleute Angest. Kaufleute Handwerker Arbeiter
 von den rein jüd. Ehen 9,5[14] 2,0 37,4 35,6 5,6 9,5
 von den Mischehen 8,5   22,0 34,5 3,0 29,0
Herkunft: aus Berlin aus übrigem
Deutschland
Ausland      
 in jüdischen Ehen 295 643 184 1122    
in % 26,2 57,4 16,4      
 in Mischehen 87 171 31 289    
in % 30,0 59,2 10,8      
 zusammen 382 814 215 1411    
Geburten aus jüdischen Ehen (1910 in Berlin) nach dem Stande des Vaters. Geburten aus jüdischen Ehen (1910 in Berlin) nach dem Stande des Vaters.

Die deutschen Juden besitzen aber nur ein geringes Proletariat, von ihren Ehen (1909) trafen auf die Akademiker 54, selbständige Kaufleute und Fabrikanten 223, angestellte Kaufleute und mittlere Beamte 201, Handwerker (Meister) gab es nur 32 und Arbeiter 54 Ehen (davon etwa die Hälfte Ausländer). Es ist müßig, dagegen den allgemeinen Bevölkerungsaufbau anzuführen. Heutzutage weiß jeder Mensch, wie die Verhältnisse liegen, daß der vierte Stand im geraden umgekehrten Sinne bei der allgemeinen Bevölkerung vertreten ist wie bei den Juden. Man kann zu demselben Resultat gelangen, wenn man die in einer anderen Tabelle zusammengestellte Steuerkraft der Juden überblickt. Auch danach sind es verhältnismäßig ganz geringe Prozentteile, die das Durchschnittseinkommen der Berliner teilen. Das Gros der Berliner Juden ist viel wohlhabender.

Tabelle XV. Der Volkswohlstand der Berliner Juden.

  Das Steuersoll der Stadt Berlin betrug
  1893 1895 1896 1897 1898 1899
bei den Evang.   10289746 11456605 13362106 14893327 15340352 16388329
" " Kathol.   774026 776970 931148 1042407 1120153 8005008
" " Juden   5981109 5929431 6604113 6807013 7432049 8005008
Insgesamt   18383880 18676552 21648640 23157360 24789021 26573415
  Das Steuersoll der Stadt Berlin betrug
1900 1901 1902/03 1903/04 1904/05 1905/068  
      17338444 18344994 18715000 18812477 19005042    
      1290293 1400452 1450000 1497754 1589443 1641917  
      8769963 9208286 9165000 9220890 9554392 10517535  
Insgesamt 28423937 30023389   30620433 31568882 34182931  

Tabelle XV.

  In % partizipierten also an dem Einkommensollin Berlin
1892 1895 1896 1897 1898 1899 1900 1901 02/03 03/04 04/05 05/06
Die Evangel. 56,0 61,3 61,7 62,2 61,9 61,7 61,0 61,1 61,5 61,4 61,2 60,9
" Kath. 4,1 4,2 4,3 4,5 4,5 4,5 4,5 4,7 4,8 4,9 5,0 4,8
" Juden 32,5 31,7 30,5 29,4 30,0 30,1 30,9 30,7 30,1 30,1 30,3 30,8
Insgesamt 100,0 100,0 100,0 100,0 100,0 100,0 100,0 100,0 100,0 100,0 100,0 100,0

Zahl der Steuerpflichtigen.

  Über 21 Mark Steuer bezahlten:
1895 1896 1897 1898 1899 1900 1901 03/04 04/05 05/06
Evangel. 86252 95729 104152 106489 112909 118710 127765 138882 144797 156590
Kath. 7641 8416 9141 9381 10172 10848 11903 13909 14729 14756
Juden 19044 20819 21285 21821 23162 24411 25884 27958 29049 29426
Insgesamt 141988 150610 158279 169829 185070 193088 206128
In % der Steuerpflichtigen (Zensiten)
Evangel. 74,6 74,6 75,0   75,0 75,0 75,2 75,0   76,0
Kath. 6,6 6,5 6,6   6,8 6,8 7,0 7,5   7,2
Juden 16,5 16,1 15,3   15,4 15,4 15,2 15,0   14,3
Insgesamt 100,0 100,0 100,0   100,0 100,0 100,0     100,0

Tabelle XV.

  Pro Kopf versteuerten (in Mark) durchschnittlich:
1896 1897 1898 1899 1900 1901 02/03 03/04 04/05 05/06
Evangelische 138,1 138,2 144,0 145,2 146,1 143,6 140,0 135,5 133,4 132,9
Katholiken 110,6 114,0 120,0 118,3 118,9 117,7 110,0 107,7 108,0 111,3
Juden 317,2 319,8 340,6 345,6 359,3 355,4 340,3 329,8 329,0 357,4
Insgesamt 166,9 166,8 174,6 176,4 179,6 176,8 171,8 165,5 163,4 165,8
82 Beteiligung der Juden in Berlin
1. an der Gesamtbevölkerung
1. an der Gesamtbevölkerung 5 %
2. unter den Zensiten
(= Steuerzahler über 21 M.)
2. unter den Zensiten (= Steuerzahler über 21 M.) 14-16 %
3. am Steuersoll
(Gesamtsumme der Steuer)
3. am Steuersoll (Gesamtsumme der Steuer) 30-32 %

Es waren noch einige Fragen, die hier einschlägig sind und denen eine gewisse Beweiskraft zukommt, anzuführen. Danach waren von den über 15 Jahr verstorbenen Juden nach meinen Auszählungen in den letzten Jahren (1905–1909) knapp ein Fünftel ledig. Die Behauptung, daß ein Teil der jüdischen Bevölkerung nicht mehr Anteil an der Fortpflanzung nimmt, wird auch hierdurch gestützt. Andererseits hat die Kindersterblichkeit und besonders die Säuglingssterblichkeit, die schon bei den Israeliten Deutschlands, besonders aber Berlins vor 100 Jahren eine sehr glückliche genannt werden kann, in unserer Zeit einen so hervorragenden Stand erreicht, daß sie schlechterdings nicht mehr viel herabgesetzt werden kann. Es trafen auf hundert Geburten im Jahre 1910 nur noch 13,5 gestorbene 0–15 Jahre alte Kinder. Das ist ein so günstiges Resultat, wie ich mich nicht erinnere, anderswo angetroffen zu haben.[15] Daß diese Sterblichkeit nur die in Berlin geborenen Kinder betrifft, bewies eine von mir diesbezüglich vorgenommene Auszählung. Es waren von den 1909 gestorbenen jüdischen Kindern nur drei Kinder außerhalb Berlins in Deutschland und 13 im Auslande geboren. Da ja auch einzelne Berliner Familien verziehen, so kann man wohl sagen, daß das Resultat einwandsfrei die Sterblichkeit der Berliner jüdischen Jugend wiedergibt. Aber auch die verstorbenen Erwachsenen wurden nicht ungünstig von der Beteiligung ausländischer Juden beeinflußt, wir haben gesehen, daß dieselben sich an den Eheschließungen mit 17 % beteiligen, an der Mortalität beläuft sich ihr Anteil auf 19 %.

Gerade die hervorragende Verbesserung der Mortalität bezeugt das soziale Aufsteigen der Juden. Diese überaus sympathische Erscheinung braucht nicht fortzudauern, da es fraglich ist, ob der großstädtische Nachwuchs aus den modernen Ehen, in welche angealterte Männer Geschlechtskrankheiten, Nervenleiden, Alkoholismus usw. mit sich bringen, dieselbe Lebensdauer erreichen werden. Der soziale Aufstieg bedingt noch keine konstante Verbesserung der Vitalität. Kommunale, nationale oder religiöse Vorkehrungen müssen wachthalten, daß die sozial günstig gestellten Klassen nicht degenerieren.

Tabelle IIb. Jüdische Sterblichkeit

  der Säuglinge
(unter 1 Jahr)
in % der Geburten der Kinder
(0–15 Jahre)
in % der Geburten
1816–20 16 17,4 nicht ermittelbar
1821–30 17 17,0 "            "
1831–40 23 16,8 "            "
1841–50 43 16,8 "            "
1851–60 61 16,3 "            "
1861–66 125 19,0 "            "
1880–84 nicht ermittelbar 1895 26,9
1885–89 "            " 1770 22,0
1890–94 "            " 1741 21,6
1895–99 "            " 1473 19,0
1900–04 "            " 1349 17,0
1905–09 "            " 1183 16,0
[1910 "            "   13,5[16]]

Tabelle IIc. Es starben ledige Juden in Berlin über 15 Jahre:

1905 197
1906 190
1907   231
1908   186
1909   202
  zusammen 1006

Tabelle IId. Sterblichkeit und Herkunft bei der jüdischen Bevölkerung Berlins.

Unter 100 verstorbenen Juden waren
    von den Kindern über 15 Jahre alt zusammen
  geboren in Berlin 152 (90½ %) 83 (10,5 %) 235 (24,6 %)
  sonst in Deutschland 3 (1½ %) 553 (70,2 %) 556 (68,1 %)
  im Ausland 13 (8 %) 153 (19,3 %) 166 (17,3 %)

Der Umstand, daß trotz des erheblichen Zuzuges tausender fremder Juden die Besetzung der oberen Altersklassen, wie sich aus der Tabelle über den Bevölkerungsaufbau ergibt, abgenommen hat, gibt zu dem Bedenken Anlaß, das auch schon anderweitig bezüglich der Lebenskraft der deutschen Juden ausgesprochen worden ist: es könne unter den großstädtischen Juden die sprichwörtlich bekannte Lebensdauer herabgesetzt werden. Eine Durchforschung der Krankheitsursachen der Verstorbenen pro 1910 ergab eine unheimliche Anzahl von Gehirn- und Herzschlag und Nierenleiden bei den jüngeren Leuten. Zuckerkrank waren unter den 1000 verstorbenen Erwachsenen allein gegen 80, für die luetische Infizierung sprach der Umstand, daß allein 18 an Tabes zugrunde gingen, wobei die in den städtischen Anstalten untergebrachten Tabiker in Buch usw. leider nicht mehr in Anrechnung gebracht werden können. Wer daher auf eine durchgreifende Besserung der Mortalitätsverhältnisse der Großstadtjuden rechnet, kann in dieser Hoffnung leicht getäuscht werden. Ja, es liegt wohl eher Grund zur Annahme vor, daß eine Verschlechterung der Mortalität in nächster Zeit zu erwarten ist.[17]


Es ist hier nicht der Platz, eingehend über die Geburtenberechnung zu sprechen. Schon Prinzing hat darauf hingewiesen, daß die Berechnung der Geburten auf je tausend der Bevölkerung ein falsches Verfahren darstellt. Die Ausscheidung der Geburten nach der Reihe, die sie einnehmen, kennzeichnet bedeutend besser den Fruchtbarkeitsstand. Eine Bilanz läßt sich aber nur folgendermaßen ziehen:

Wir nehmen 1000 Frauen im gebärfähigen Alter (15–50 Jahre), ohne dabei zu berücksichtigen, ob sie ledig oder verheiratet sind. Und wir stellen demgegenüber den entsprechenden Geburtenprozentsatz ein; in unserem Falle haben wir 1905 28734 gebärfähige Jüdinnen. Dieselben müssen, um die Rasse zu erhalten, innerhalb 35 Jahren so viel Kinder zeugen, daß diese imstande sind, nach Abzug der Kindersterblichkeit später die 28700 Frauen und die dazu gehörigen Männer zu ersetzen.

Die Fruchtbarkeitsziffer läßt sich also leicht bestimmen, und zwar aus dem Fruchtbarkeitsfaktor, der erstens 1:35 der im Fruchtbarkeitsalter stehenden Frauen darstellt und zweitens aus dem Prozent der im Unfruchtbarkeitsalter sterbenden Personen besteht. Nehmen wir an, 1000 gebärfähige Frauen haben nur pro Jahr 1:35 Geburten = 59,2 ‰. Dann wird natürlich diese Zahl nicht genügen, die Bevölkerung zu ersetzen, denn von diesen 59 ‰ gehen noch etwelche ab, die im Kindesalter sterben, und hochgerechnet 50 erreichen nach 15 Jahren das gebärfähige Alter. Also durch diese tausend gebärfähigen Frauen werden pro Jahr zu wenig Kinder das Licht der Welt erblicken. Die Zahl 59 ‰ stellt einen »Idealwert« dar, der ausdrückt, daß ohne Kindersterblichkeit diese Ziffer genügen würde, eine Bevölkerung zu erhalten. Der »adäquate« Fruchtbarkeitswert wäre bei der jüdischen Bevölkerung ca. 72 Geburten auf 1000 gebärfähige Frauen.[18]

Es kann an dieser Stelle nicht so sehr auf die Theorie dieser neuen Berechnungsmethode eingegangen werden, es würde sonst den Gang unserer Ausführungen zu sehr aufhalten, aber es mag gestattet sein zu bemerken, daß die Methode bekannten Statistikern vorgeführt und als richtig befunden worden ist.

Wenn wir nun die Fruchtbarkeitsziffer für Berlin studieren, so finden wir, daß dieselbe betrug:

pro 1000 gebärfähige Frauen in Berlin in Preußen (Land)
jüdische Bevölkerung allgemeine Bevölkerung    
1880 100,8 1885 105,0  
1895 67,5 1895 95,8   150–160
1900 60,8 1900 84,3  
1905 56,8 1905 75,6    

Im Jahre 1910 sind die im gebärfähigen Alter stehenden Jüdinnen noch nicht ausgezählt, eine genaue Berechnung läßt sich noch nicht aufstellen. Da aber im allgemeinen die im gebärfähigen Alter stehenden Jüdinnen wie früher ca. 29% der Gesamtbevölkerung ausmachen dürften, so dürfte die Fruchtbarkeitsziffer 50 betragen.

Fruchtbarkeitstabelle. Fruchtbarkeitstabelle

Also schon im Jahre 1895 genügte die Fruchtbarkeitsziffer der Berliner Juden dem Adäquatwert nicht, im Jahre 1905 war sie um 20 % zu gering und 1910 hatte sie wahrscheinlich sich auf 30% verringert. Wir stehen also vor der Tatsache, daß schon heute die jüdische Bevölkerung Berlins nur so viele Kinder in die Welt setzt, um zwei Drittel der bestehenden Familien zu ersetzen; der andere Teil fällt schon nach einer Generation aus.

Es fragt sich nun, ob wir auf Grund des Studiums der heutigen Verhältnisse die Fruchtbarkeit der nächsten Jahre voraussagen können, ob die Fruchtbarkeit in den Jahren 1913, 1914, 1915 sinken wird und muß.

Eine Berechnung, die noch anderweitig, soviel wir wissen, auch nicht geübt wurde, aber auf die wir nicht das Anrecht der Autorschaft erheben wollen, falls dieselbe doch schon irgendwo angewandt wurde, ist folgende:

Wir haben die gebärfähigen Frauen als diejenigen bezeichnet, die 15–50 Jahre alt sind, und dementsprechend möchten wir das zeugungsfähige Alter der Männer für statistische Zwecke auf 20–55 Jahre festsetzen. (Einige Ausnahmen, die sowohl Geburten von Mädchen unter 15 Jahren oder Frauen über 50 Jahre und die Männer über 55 betreffen, glauben wir ruhig vernachlässigen zu können). Während nun bei den alten Juden die Unverheirateten in dem zeugungs- bzw. gebärfähigen Alter auf Grund hundertfältiger Überlieferung eine Seltenheit darstellen, und während auch noch bei der allgemeinen Bevölkerung in der früheren Zeit der Ledige zur Minderheit gehörte, haben sich bei den Berliner Juden folgende Verhältnisse herausgebildet: Es waren von den Männern (20–55 Jahre alt) 1895 verheiratet 48,4 %, bei den Frauen 48,8 %. Fünf Jahre später war der Prozentsatz schon wesentlich gesunken, er betrug 47,4 bzw. 47,8 %. Also nicht einmal die Hälfte der geschlechtsreifen Juden ist verheiratet. Da wir wissen, daß die außereheliche Fortpflanzung bei den Juden keine nennenswerte Rolle spielt, so können wir schon daraus schließen, daß die volle Zeugungsfähigkeit nicht ausgeübt werden kann. (Bei der allgemeinen Bevölkerung liegen die Verhältnisse noch wesentlich besser, wie unsere Berechnungen zeigen, siehe Tabelle VII.)

Was wissen wir nun von der Fortpflanzung der verheirateten Juden? Betrachten wir einmal zuerst die Eheschließungen. Eine persönlich vorgenommene Auszählung der eheschließenden Juden Berlins ergab folgende Verhältnisse: Wir treffen unter den Heiratenden (1909) 64 Akademiker, etwa 200 selbständige Kaufleute und ebensoviele bei ihnen Angestellte, 33 Handwerker und 57 Arbeiter (bei den rein jüdischen Ehen). Bei den Mischehen 24 Akademiker, 56 selbstständige und 116 angestellte Kaufleute, 10 Handwerker, 80 Arbeiter. Wir ersehen daraus, daß die Arbeiter bei den rein jüdischen Ehen ebensoviele wie die Akademiker waren, beide je 10 %, das überwiegende Kontingent stellten die Kaufleute. In den rein jüdischen Ehen haben die Akademiker fast nur berufslose Frauen erwählt, die Kaufleute meist; bei den Angestellten waren berufslose und berufstätige Jüdinnen in fast gleicher Zahl vertreten, bei den Arbeitern überwog die vorher berufstätige Frau.

Tabelle XIa. Berufsstellung der heiratenden Juden.
1. In jüdischen Ehen (1910)

Männer Frauen
Selbst. Berufe, Geschäftsinhaberinnen und Besitzerinnen Lehrerinnen Direktricen Kontoristinnen Näherinnen, Schneiderinn. Verkäuferinnen Wirtschafter. Dienstmdch. Arbeiterinnen Insgesamt mit Beruf Ohne Beruf Zusammen
zusammen 20 11 10 45 51 47 10 10 204 359 563
Akademiker 3 1[20] 4 60 64
Selbst. Kaufleute 10 4 4 13 12 13 2 1 59 153 212
Angest. Kaufleute 10 2 6 27 16 27 1 89 108 197
Handwerker 3 5 2 2 12 21 33
Arbeiter 2[19] 2 18 5 8 5 40 17 57

Tabelle XI.b. Berufsstellung der heiratenden Juden.
2. In Mischehen (Berlin 1910).

Männer Frauen
Geschäftsinhaberinnen Lehrerinnen, Schauspieler. Buchhalterinnen Verkäuferinnen Schneiderinnen Wirtschafterinnen Arbeiterinnen Insgesamt mit Beruf Ohne Beruf[21] Zusammen
zusammen 8 7 34 40 70 19 24 194 92  
Akademiker 2 2 1 2 7 17 34
Kaufleute 3 1 2 8 14 5 1 34 22 56
Angest. Kaufleute 3 6[22] 22 13 22 4 3 73 43 116
Handwerker 1 6 1 1 9 1 10
Arbeiter 1 1[23] 8 17 26 9 19 71 6 80

Bei den Mischehen waren die Gattinnen 116 Jüdinnen, davon 37 berufslos,
120 Christinnen, davon 31 berufslos.

Ein anderes Bild zeigt die Eheschließung in Mischehen. Während die Bräute in den jüdischen Ehen fast ⅔ der Fälle berufslos waren, hatten sie in den Mischehen viermal so häufig vorher einen Beruf ausüben müssen. Da aber erfahrungsgemäß (nach Statistiken Dr. Segalls u. a.) die Mehrzahl der Jüdinnen Berlins im heiratsfähigen Alter erwerbstätig ist, so mag der Schluß auch aus der Statistik zu ziehen sein, daß der Jude die berufslose Frau wählt, d. h. diejenige, die wohlhabend ist und ihn materiell unterstützen kann, vorzieht. Für ein gut Teil der jüdischen Mädchen, die nicht auf derartige wirtschaftliche Vorteile rechnen können, eröffnen sich unangenehme Perspektiven.[24]

Wo Ehen nach dem Gesichtspunkte des wirtschaftlichen Vorteiles geschlossen werden, wird es nicht ausbleiben, daß der Kindersegen unter demselben Gesichtswinkel betrachtet wird. Und ebenso wie eine mittellose Frau eine starke Belastung des Budgets (und keine Verbesserung der materiellen Leistungsfähigkeit) bedingt, so wirkt ein numerisch starker Nachwuchs in derselben Linie. Wo ein starker sozialer Auftrieb besteht, kommt die Frühehe und die Liebesheirat zu kurz. Diese Erscheinungen korrespondieren gewissermaßen mit der Geburtenbeschränkung.

Das Alter der jüdischen Eheschließenden im Jahre 1909 ist auf der Tabelle IX wiedergegeben, diese Tabelle ist so übersichtlich, daß wohl kaum ein ausführlicher Kommentar dazu gehört. Beachtenswert ist nicht allein das späte Alter der heiratenden Akademiker und Kaufleute, vielmehr noch das höhere Brautalter der Jüdinnen, die Handwerker und Arbeiter heiraten. Entsprechend dem späten Alter der Heiratenden stellt sich auch die erste Geburt bei ihnen spät ein, und es ist doch ganz klar, daß eine Bevölkerung, die mit durchschnittlich 30 Jahren heiratet, eine viel geringere Fruchtbarkeit haben muß als eine andere, die früher zur Ehe schreitet; denn wenn wir z. B. das Durchschnittsalter der jüdischen Ehen, bei denen 8 und 9 Kinder vorkamen, betrachten, so war dasselbe 40 bis 42 Jahre. Daß natürlich Ehen, die mit 30 Jahren geschlossen werden, in 10 Jahren kaum 8–9 Kinder bekommen, ist fast selbstverständlich, aber es bedarf überhaupt nicht langer Erklärungen für die Tatsache, daß eine Großstadtbevölkerung, bei der die Männer durchschnittlich über 30 Jahre alt sind, wenn sie heiraten, eine geringe Kinderzahl besitzen wird, und es ist ganz selbstverständlich, daß bei dem großstädtischen Milieu das späte Alter der Eheschließenden doppelt ins Gewicht fällt. Nun bezeugen die Ehen, in denen im Jahre 1910 noch mehr als sechs Kinder vorkamen, nicht die heutigen Verhältnisse, sie sind, soweit sie nicht Ausländer betreffen, durchschnittlich vor 20 Jahren geschlossen worden und der damaligen Sitte entsprechend noch früher denn jetzt. Wir gehen wohl nicht zu weit, wenn wir behaupten, daß von den heute geschlossenen Ehen eine geringere Fruchtbarkeit ausgehen wird, als wir sie bei den Ehen konstatieren konnten, die vor 20 Jahren geschlossen wurden. Es wurde schon betont, daß das Durchschnittsalter der Eheschließenden heute ein viel späteres ist, und ein Blick auf unsere Tabellen zeigt die enorme Verschiebung. 1873 waren bis zum 30. Lebensjahr 55 % aller Heiratenden schon in die Ehe getreten, bei den Frauen gab es 10 %, die schon bis zum 20. Lebensjahr dem Manne folgten, während es heute knapp 2 % sind. Und wenn wir auf 1871 zurückgehen, so waren es 60 % männliche Juden, die bis zum 30. Jahre heirateten, und 20 % weibliche, die vor dem 20. Lebensjahr Gattinnen wurden. Leider besitzen wir keine Statistik, wieviel Prozent der Juden vom 20.–40. Lebensjahre aus Berlin stammen. Wir gehen wohl kaum zu weit, wenn wir behaupten, daß die in Berlin geborenen Juden nur zum geringen Teil auswandern. Wenn wir dagegen die Ziffer der Eheleute, die aus Berlin stammen, ansehen, so müssen wir wohl sie als zu gering bezeichnen. So fanden wir 1910 nur 382 geborene Berliner, die eine Ehe schlossen.[25] Die Betrachtung der Totenscheine, wonach gerade ein hoher Prozentsatz der ledigen Juden in höherem Alter aus Berlin stammte, bestätigt die Behauptung, daß die eingesessene Berliner jüdische Bevölkerung die geringste Tendenz zur Heirat und Fortpflanzung besitzt. Von den kinderreichen Familien, die ich anläßlich einer neuen Geburt im Jahre 1910 auszählte, waren nur 6 % der Väter aus Berlin.