Was den geologischen Bau von Aden betrifft, so stimmen über die Zusammensetzung der Insel aus vulkanischen Gesteinen die Beobachtungen der englischen Forscher mit den meinigen überein. – Das Kesselthal aber, worin die Stadt liegt, wird von ihnen ein erloschener Krater und die ganze Halbinsel ein ehemaliger, submariner Vulkan genannt, – eine Ansicht, womit ich mich nicht vereinigen kann. Jener Thalgrund hat allerdings eine Trog- oder Kesselform und die Gehänge, die ihn umringen, sind an vielen Seiten, besonders auf der Westseite, wandartig steil; aber 1) bilden die Bergjöche, denen diese Wände angehören, nach außen zu, auf ihrer vom Kesselthale abgewendeten Seite eben so steile Wände; 2) andre, vom Thale entfernte Jöche auf Aden sind eben so steil und mauerartig; 3) nicht nur die benachbarte kleine Halbinsel Hasan, die dem Eingange der Back-Bai gegenüber liegt, sondern auch manche Bergjöche auf der Insel Socotora und fast alle Bergketten, die ich auf den Küsten von Arabien gesehen habe, haben vollkommen dieselbe schmale, auf ihrem Kamme ausgezackt-zerrissene und an den Seiten wandartig steile Form, wodurch man sie als plutonisch-vulkanische Gebilde, die gangförmig aus der Erde stiegen, auf den ersten Blick von den Flötz- oder geschichteten Gebirgsmassen unterscheiden kann. Jene bilden aufrecht stehende zackige Kämme, diese liegende Bänke oder Schollen. Man vergleiche die Figuren 11, 12, 15 und 16 mit 13 und 14, auf welchen dieser Unterschied in die Augen fällt. 4) Die Inseln des rothen Meeres, die ganz in der Nähe liegen und die bestimmt Vulkane sind, haben eine ganz andere, kegelförmige und geglättete Gestalt. Siehe Fig. 7, 8, 9 und 10. 5) In andern Welttheilen habe ich freilich keine Krater gesehen, aber auf Java und Sumatra ein halbes Hundert. So groß die Verschiedenheit dieser auch ist, man möge nun einige davon als Erhebungs- oder, wie ich thue, alle als Ausbruchskrater betrachten, so stimmen sie doch sämmtlich darin überein, daß die Gesteinschichten, bald feste Lava, bald lockere Gereibselmassen, aus denen ihre Umgebung besteht, von allen Seiten her nach einem idealen Mittelpunkte zu ansteigen und sich dann plötzlich endigen und eben dadurch den Krater, nämlich die Kreismauer des Kesselthales bilden, das man Krater nennt. Die abgebrochenen Köpfe erkennt man dann an der Mauer als quere, parallele, oft treppenartig vorspringende Streifen oder Bänder. Von einer solchen Bauart habe ich an den Wänden, welche das Kesselthal von Aden umringen, keine Spur gesehen. Ich sah nur leistenförmige Bergkämme, Jöche, die, als senkrecht emporgestiegene Gebirgsgänge, von beiden Seiten steil sind, die sich hier und da gitterartig verzweigen und durch ihre Aneinanderreihung unter andern ein trogförmiges Thal – das Thal von Aden – umschließen.
Auch hat Malcolmson wohl nicht daran gedacht, daß seine Hypothese über den Zufluß des Wassers auf unterirdischen Wegen aus den Tagereisen weit entfernten Gebirgen Jemen's oder Hadhramaut's, um die Brunnen im Kesselthale mit Wasser zu versehen, eine Unmöglichkeit sein würde, wenn der Grund, worauf die Stadt Aden steht, der Kraterboden eines ehemaligen Vulkans wäre!
Ich erkletterte am 5ten früh, um Abschied von der wüsten Halbinsel zu nehmen, noch eines ihrer höchsten Jöche. Ich übersah von dort den größten Theil der Gebirge in ihrer ganzen schauderhaften Wildheit. Übrigens, so imposant sie sich auch darstellten, so sind sie in der That doch nur winzig klein in Vergleich mit den Dimensionen der meisten Berge auf den Sunda-Inseln und es schien mir, daß es der gänzliche Mangel von höhern Bergen in der Umgegend, nebst der völligen Abwesenheit von Bäumen (also jeden Maßstabes zur Beurtheilung) war, der ihre Höhe Eindruck weckend machte. Denn wenn man nur 12 Rasamalabäume[27] von Java an den steilen Wänden übereinander stellte, so würde der oberste von diesen schon höher sein, als die höchste Zacke des Schamshan. Ja, so respectabel die Gebirgsmasse zwischen den beiden Meeresbusen in Ost und West aussah, so wahr ist es doch, daß man die ganze Halbinsel Aden, mit Allem, was sie trägt, in manche von den Kratern Java's, z. B. in den Kratern des Berges Raon oder des Tĕnggĕr bequem würde hineinstecken und darin verbergen können, ohne daß auch nur die Spitze ihres höchsten Gipfels Schamshan daraus hervorragte! – Hat doch der Boden des Kraters vom Gunung-Tĕnggĕr auf Java eine geograph. Meile im Durchmesser und ist von einer 1000–1700 Fuß hohen Ringmauer umzogen, – und ist der des Gunung-Raon doch über 2000 Fuß tief,[28] während der größte Durchmesser der Halbinsel Aden von Ost-Süd-Ost nach West-Nord-West nach Forster nur 1–1½ Stunden beträgt! –
Ich sagte der wüsten Halbinsel Lebewohl und zwar gern; denn neben ihr stiegen jene herrlichen Gebirge Java's in meiner Phantasie empor, als wollten sie fragen, wo in der Welt findet man eine so großartige und doch so wunderschöne, grünende und ewig blühende Natur, als bei uns? – Die Antwort war: vielleicht nirgends, hier aber den Gegensatz.
Wir lichteten am 5ten October des Morgens um 8 Uhr die Anker, richteten unsern Cours nach West-Süd-West und dampften zwischen der Westspitze von Aden (Ras Marbut), auf welcher jenes detachirte Fort steht, in Süden und der gebirgigen Halbinsel (Dschebel Hasan) in Norden, zum Eingange der Back-Bai hinaus. Wir ließen dieses Halbinsel-Gebirge also zur Rechten liegen und erblickten bald darauf, weiter westwärts, noch ein ähnliches, aber kleineres felsiges Vorgebirge (Ras Amran), das sich eben so isolirt aus flachen, sandigen Umgebungen erhob und sahen dann, indem wir in einem Abstande von drei bis vier englischen Meilen der Küste Arabien's entlang fuhren, nichts, wie das falbe Kolorit eines niedrigen, flachen Sandgestades, dessen Einförmigkeit wir nur um 1½ Uhr durch einige isolirte Hügel unterbrochen fanden, die nur an ihren Gipfeln dunkler, als der Sand gefärbt waren, wahrscheinlich weil nur diese aus den bedeckenden Sandmassen hervorragten. Dann kam wieder flaches Sandland, das jedoch etwas höher lag, als die vorige Sandebene und etwa, wie uns schien, 50 Fuß hoch liegen mochte, – und erst um 2 Uhr, zur Zeit, als wir unsern west-süd-westlichen Cours in west-halb-nördlichen veränderten, stellten sich auf der Küste, die stets auf unsrer (rechten) Nordseite liegen blieb, wieder Gebirge unsern Blicken dar. Es waren langgezogene Felsenketten, Dschebel Khoran u. A., von derselben umbragrauen Farbe und demselben zackig-rauhen Saume, wie alle, die wir bis jetzt auf Socotora und in Arabien gesehen hatten. Hinter den vordern, küstennächsten Zügen erhoben sich noch mehre höhere Ketten, die, immer blässer werdend, tiefer im Innern des Landes lagen, sich jedoch nicht sehr weit von der Küste zu entfernen schienen, mit welcher sie alle parallel, von Ost nach West strichen.
Dieser Theil Arabien's ist also keine flache Wüste, kein einförmiges Flachland, sondern ein gestaltenreiches Land mit Gebirgszügen und mehr oder weniger hohen Zwischenthälern und Zwischenflächen, ein Land, das, hätte es vegetabilisches Leben, zu den schönsten gehören könnte; – aber, so wie es daliegt, von aller Dammerde, von allem Pflanzenwuchse entblößt, in den Gebirgen nur nackter Fels und in den Ebenen nur nackter Sand, von keinem Grashalm geschmückt, kann man es nur eine traurige Einöde nennen.
Wenn man nach den Ursachen der Kahlheit des Landes und der Trockenheit der ewig heitern Luft forscht, – nach zwei Erscheinungen, die ohne Zweifel einen gegenseitigen Einfluß auf einander ausüben, so entsteht die Frage, welche von beiden ist die Ursache der andern, welche war die erst vorhandene Erscheinung und welche ist die Folge, die Wirkung von dieser? – eine Frage, die nur auf den ersten Blick schwer zu beantworten scheint, übrigens der Lösung fähig ist. Denn, wenn der Boden mit fruchtbaren Erdschichten und Wäldern, die auf diesem ruhn, bedeckt wäre, so könnte die Luft so trocken nicht sein, es würden sich Wolken bilden, Regen würde fallen, und Bäche würden das Land durchströmen; – und wenn jeden Tag erquickende Regen in die Sandwüsten von Arabien und Afrika herabfielen, so würde der nackte Sand und Fels bald verwittern und sich allmählig mit Wäldern schmücken. – Also muß die Nacktheit des Bodens die zuerst vorhandene Erscheinung gewesen sein, obgleich es nicht zu verkennen ist, daß die dadurch einmal bedingte Trockenheit der Luft den Boden, vielleicht noch für Tausende von Jahren, – verurtheilt, in dem Zustande, worin er ist, zu verbleiben.
Da man selbst in den Wüsten Egypten's fossile Baumstämme von großer Dicke, also den Beweis des ehemaligen Vorhandenseins von Wäldern findet, so ist es offenbar, daß diese Gegenden von Arabien und Afrika erst durch irgend eine Naturrevolution ihrer Pflanzendecke beraubt und in Sandwüsten verwandelt wurden, deren Erhitzung nun, durch aufsteigende vertikale Luftströme, alles vorüberziehende Gewölk verscheucht.
Um 3 Uhr traten in weiterer Entfernung von diesen Küstenketten innere, tiefer im Lande gelegene Ketten hervor, – die Küstenkette aber endigte sich und das zunächst an's Meer gränzende Land wurde nun wieder eine flache Sandwüste, die mehre englische Meilen breit zu sein schien und die in manchen Gegenden mit einzelnen dunkeln Tüpfelchen besetzt war. Ob dies Sträucher waren? – Um 4 Uhr aber, – während wir fortwährend an der Küste hin nach West dampften, – erhob sich wieder ein niedriger, auf seinem Kamme, wie gewöhnlich, ausgezackter Bergzug, der der Küste näher lag und etwa nur eine englische Meile von ihr entfernt sein mochte, und hinter dem vordern blieben, wie seit 2 Uhr der Fall gewesen war, die innern Züge sichtbar in doppelten, ja drei- und vierfachen Reihen, die alle von Ost nach West strichen. Erst der fallende Abend entzog uns den wechselnden Anblick dieser abgebrochenen, am Gestade bald verschwindenden, bald wieder auftretenden, doch im Innern stets sichtbar bleibenden, uns also bald näher, bald ferner liegenden, gleichsam alternirenden Parallelketten.
Wir sahen Nichts vom letzten, westlichsten Kap und Gebirge der Südküste Arabien's, eben so wenig, als von der Insel Perim, die in der Straße liegt, – denn wir dampften im Dunkeln durch den so berüchtigten Eingang in's rothe Meer, den unser Schiffsführer übrigens doch nicht für so sehr gefährlich halten mochte, da er es wagte, mitten in der Nacht durch „das Thor der Trauer“, durch „die Pforte der Gefahr“ Bab el Mandeb[29] zu schiffen! – Kaum die näher liegenden Küstenberge und Inseln vermochten wir als schwarze Schattenrisse zu erkennen. – Auch von der Stadt Mochha, an der wir vorbeikamen, sahen wir Nichts. –
Als am folgenden Morgen (6ten October) der Tag zu grauen anfing, lag die gebirgige Küste Arabien's zu unsrer Rechten, ostwärts von uns, in undeutlicher Ferne, – links aber, in Westen, lagen in großer Nähe eine Menge großer, kleiner und sehr kleiner, meist kegelförmiger Inseln, die „Harnish Islands“,[30] deren meisten wir schon vorbeigesegelt waren, da wir sie hinter uns erblickten. Wir dampften nach Norden.
Kurz vor 7 Uhr befanden wir uns dem südlichen Ende einer größern Insel, Dschebel Zoogur (جبل لفور), unter 14° n. Br. gegenüber, die zu unsrer Linken liegen blieb (s. Fig. 7). – Wir brauchten mehr als eine halbe Stunde Zeit, um an der östlichen Seite der Insel vorbei zu dampfen. Ihre Länge konnte mehr als eine Stunde betragen. Sie war mäßig hoch und unterschied sich von allen Gebirgen, die wir auf dem Festlande von Arabien, so wie auf Socotora gesehen hatten, durch ihren zwar ungleich hohen, aber nicht ausgezackten Saum und durch die auffallend glatte Oberfläche ihrer Böschung, die sich auch ungleich sanfter, als die der Bergketten auf Aden herabsenkte. Übrigens war ihre umbragraue Farbe dieselbe, wie die der früher gesehenen Berge und war nur an einzelnen Stellen mit etwas Bräunlich-roth oder mit einem hellern Grau nüancirt. Nur vereinzelt in einigen Gegenden des Strandes bemerkt man gelbliche, falbe Sandstreifen. – Sie mußte offenbar ein Vulkan sein und die Gleichmäßigkeit ihrer Seitengehänge durch Überschütten mit Sand oder Überströmen mit Lava erhalten haben. Ein kleiner Kegel erhob sich auf ihrem linken Saume; er war glatt und dunkler gefärbt, als der Abhang, der sich vor ihm hinzog; außerdem aber sahen wir noch einen andern stumpf-abgestutzten, konischen Hügel, der mitten auf dem Gehänge der Berginsel auftauchte und der nebst dem vorigen nichts Andres, als ein seitlich aufgeworfener Eruptionskegel sein kann. Man sah, wie die Lava- oder Trümmerströme vom höher gelegenen Rande der Insel herab- und so recht um diesen Kegel herumgeflossen waren (vergleiche Fig. 7). Vegetation konnten wir nirgends entdecken.
Am Nordende dieser größern lagen vier kleinere Inseln. Eine „High Island“ direkt in Norden und drei neben einander „Aboo Eyle Islands“ (auf der oben genannten Karte) in Nord-Ost derselben. – Diesen letztern kamen wir um 7½ Uhr so nahe vorbei, daß wir einen Stein darauf hätten werfen können. Es waren kolossale Felsen, die ohne eine Spur von Strand, mit mauerartigen Wänden, senkrecht aus dem Meere emporstiegen und sich oben in eine quer-abgestutzte Plattform endigten. Sie waren vollkommen kahl. Ihre Farbe war, abweichend von allen zeither gesehenen Bergen und Inseln, ein gelbliches Weiß, das besonders auf ihrem Scheitel vorherrschte und sich von da an den Wänden herabzog, wo es mit einem hellen, gelblich-röthlichen Braun melirt war. Hier und da ging das Weiß in eine dunkle Schattirung über, etwa so, als wenn es angeraucht und von Kohlendampf geschwärzt worden wäre. – So gewährten diese Felsen, die wie Thürme, wie alte Schlösser da im Wasser standen, mit der weißen Farbe ihrer obern Gegenden, besonders ihrer Scheitelflächen, einen sonderbaren Anblick, boten uns aber auch zu gleicher Zeit die Erklärung ihrer bleichen Schminke an. Denn, auf dem Weiß der Felsen malten sich die Gestalten von einer großen Menge schwarzer Seevögel ab, die nur auf der untern Fläche der Flügel, dem Bauche und dem Schnabel weiß gefärbt waren und die das Gestein, worauf sie nisteten, ohne Zweifel durch ihren Koth so weiß übertüncht hatten. Hunderttausende dieser Vögel saßen auf den Inseln oder flogen um sie herum und ungeheure Schwärme derselben umflatterten auch unser Schiff, das, schnell dahin brausend, seine Rauchsäule an den Felswänden streifen ließ. –
Seit dieser Zeit, 7½ Uhr, sahen wir bis in den Nachmittag kein Land und fuhren durch einen Theil des rothen Meeres, wo im Bereiche unsres Gesichtskreises keine Inseln lagen.
Erst um 3 Uhr erschienen vorn, vor unserm Schiff, in der Ferne wieder Gestalten von Land, die aus dem Meere auftauchten und diese Gestalten waren von der Art, daß sie meine Aufmerksamkeit in hohem Maße erweckten. Es waren inselförmige Vulkane, deren Anblick mir um so willkommner war, je sehnlicher ich wünschte, auch einige Vulkane in andern Weltgegenden kennen zu lernen, nachdem ich deren auf der Insel Java so viele untersucht hatte.
Ich legte daher Bleistift und Papier zurecht, um beim Näherkommen sie alle abzeichnen zu können. Die Profilzeichnungen, die ich davon entwarf, theile ich dem Leser mit und glaube dies mit der Versicherung thun zu können, daß ungeachtet des beweglichen Standpunktes, auf dem Schiffe, von wo aus sie genommen werden mußten, diese Profile, mit einiger Übung, schnell, – ehe die Berge dem vorbeieilenden Schiffe wieder eine andre Seite zukehren und dadurch ihre Form verändern konnten, – gemacht, in ihren Umrissen getreu und genau sind. Wir fuhren mit nord-nord-westlichem Cours an ihrer Ostseite vorbei, die Inseln also blieben zu unsrer Linken liegen. Das erste Profil, Fig. 8, wurde um 3½ Uhr gezeichnet, als der Kegel Nr. 1 west-süd-westwärts von uns lag und die übrigen Kegel und Felsinseln Nr. 2 bis Nr. 10, West bis Nord-West von unserm Schiffe, die Lage und den Abstand von einander hatten, welche ich auf der Figur dargestellt habe. Man sieht daher von Nr. 1 die Ost-Nord-Ost- und von den folgenden die Ost-, Ost-Süd-Ost- und Süd-Ostseiten. – Wahrscheinlich ist Nr. 1 eine kleine, abgesonderte Insel auf der Süd-Westseite der größern Sebair-Inseln, – Zebayer Islands, (زبر) auf Moresby's Karte, – welcher letztern die Kegel 2, 3 u. 4 angehören. Den Namen von 5 konnte ich nicht erfahren. Nr. 6, 7, 8 und 9 aber sind ohne Zweifel die Gruppe von Inseln, welche auf der genannten Karte unter den Namen Low-, Saddle-, Table- und Rugged-Insel verzeichnet stehn, und der Table-peak ist wahrscheinlich unser 8, – Rugged-Island unser 9 – Haycock-Island unser 10. – Sie liegen unter 15° 1' bis 15° 10' nördl. Breite, der arabischen Küste viel näher, als der egyptischen. – Diejenigen Leser, welche in vulkanischen Ländern nicht unbekannt sind, werden hier auf den ersten Blick erkennen, daß die kleinen Kegel, welche man auf Fig. 8 erblickt und wovon einige isolirte Inseln für sich selbst bilden, während andre sich zu zwei oder drei in eine gemeinschaftliche Insel zusammenschaaren, daß diese Kegel echte Vulkane, wenn auch zum Theil nur die aus dem Meere hervorragenden obersten Spitzen oder Kraterränder von größern, unter dem Wasser verborgenen, vulkanischen Kegeln sind.
Sie unterscheiden sich von den Vulkanen Java's durch die schnurgeraden, wie mit einem Lineale hingezogenen Linien ihrer Umrisse (die Linien, welche das Profil ihrer körperlichen Gestalt ausdrücken), – durch die scharfen Ecken, worin diese Linien, z. B. die Linie des abgestutzten Gipfels und die Seitenlinien zusammenlaufen und durch die glatte Beschaffenheit ihrer Gehänge, an denen sich von der Hälfte ihrer Höhe an nur ganz kleine, feine Furchen herabziehn, während die Gipfel vollkommen glatt sind. – Eigenthümlich ist die schiefe Gipfellinie von Nr. 1 und Nr. 10 auf Fig. 8 und von Nr. 9 auf Fig. 10, die man dennoch durch den geringen Grad ihrer Neigung deutlich vom eigentlichen Gehänge, das unter einem größern Winkel fällt, unterscheiden kann, – und eigenthümlich geformt ist auch der Fuß dieser Kegel. Denn nachdem sich das Gehänge derselben anfangs mäßig steil und gleichmäßig bis nahe an's Meer herabzog, so endigt es sich in einer gewissen, doch nicht bedeutenden Höhe über dem Meeresspiegel plötzlich und stürzt sich von diesem Punkte an, indem es glatte Mauern bildet, völlig senkrecht hinab. Nirgends sieht man an den Seitengehängen der Kegel hervortretende Rippen, noch Zwischenklüfte (sogenannte Baranko's) zwischen solchen Rippen. In dieser Regelmäßigkeit, ich möchte sagen, geometrischen Schärfe oder Bestimmtheit ihrer Form, die das Resultat ist von allein herrschenden und hier nicht, wie auf Java, durch die Wirkung von Regenwasser gestörten vulkanischen Kräften, bieten sie einen höchst merkwürdigen – scharfeckigen – Anblick dar, der durch die gänzliche Abwesenheit von Pflanzenwuchs noch bizarrer wird. Sie machen uns mit der reinen, nackten Form vulkanischer Ausbruchskegel bekannt, so wie sich diese durch Überströmen von Lava oder Überschütten mit Sand, von einem Mittelpunkt aus, gestalten müssen, da, wo die ausspülende, furchende und mannichfach umgestaltende Kraft des Regenwassers fehlt. – Im Kolorit unterscheiden sie sich nicht von den früher gesehenen Bergen Arabien's, sie sind, wie diese, umbragrau, öde und kahl. – Es ist offenbar, daß die queren oder schiefen Gipfellinien der Kegel Nr. 1, 2 und 3 die Ränder von eben so vielen Kratern sind, welche dahinter liegen und noch augenscheinlicher ist dies bei Nr. 5 der Fall.
Um 3¾ Uhr kamen wir bei einer ganz kleinen und platten Felsinsel vorbei, deren Oberfläche kaum zwei Fuß über dem Wasser lag, so daß ich sie anfangs für ein schwimmendes Floß hielt. Des Nachts hätten wir sie unmöglich sehen können.
Um 4¼ Uhr waren wir, indem wir nord-nord-westwärts dahin dampften, den Inseln Nr. 6, 7 und 8 näher gekommen, die in Fig. 8 um 3½ Uhr abgebildet wurden, welche wir nun aber in einer veränderten Richtung, nämlich so erblickten, wie ich sie in Fig. 9 dargestellt habe; – und noch etwas später, um 4½ Uhr, erblickten wir die Insel Nr. 9, die viel weiter entfernt lag, als 7 und 8, so wie sie in Fig. 10 abgebildet ist. Die Sonne stand hinter den Inseln, deren von uns gesehene Ostseite also sehr dunkel war und sich scharf am Himmel abzeichnete.
Diese drei so sonderbar gestalteten, fast rhombischen Felsinseln 7, 8 und 9, die unzugänglich-steil, wie Mauern aus dem Meere emportauchen, haben eine solche gegenseitige Stellung, daß, wenn man sie durch Linien verbindet, ein Dreieck entsteht und Nr. 8, der Table-peak, am weitesten nach Osten, in der Ostecke des Dreiecks, liegt. – Nr. 9, „Rugged-Island“ nebst den übrigen, liegen westlicher. Diejenigen ihrer Seiten, welche von der Mitte dieses Dreiecks abgewendet sind, ihre Außengehänge, fallen etwas sanfter, ihre innern, der Mitte des Dreiecks zugekehrten Seiten aber stürzen sich mauerartig steil, fast ganz senkrecht in's Meer hinab und bilden mehr oder weniger halbkreisförmige (concave) Wände, die einander entgegenblicken (vergl. die innere Wand † von Nr. 7 auf Fig. 9). Sie scheinen also die höchsten, aus dem Meere hervorragenden Zacken der Kratermauer eines großen Vulkan's zu sein. Der innere Meeresraum, der zwischen ihnen bleibt, mag vier oder fünf englische Meilen im Durchmesser haben, während der Abstand der drei Bruchstücke (Inseln) von einander von ungleicher Länge ist, doch von Nr. 7 und von Nr. 8 bis zu Nr. 9 nicht weniger, als zwei bis drei englische Meilen betragen kann.
Ich glaubte in diesen drei Felsinseln einen sehr ausgebreiteten, noch halb unter dem Meere verborgen liegenden, zur Zeit nicht thätigen Ausbruchskrater zu erkennen, eine ähnliche Erscheinung, wie die Insel Santorin im griechischen Archipel, obgleich diese als „Erhebungskrater“ beschrieben wird. Nachher kamen wir noch mehren Felsen vorbei, – ganz kleinen Bergspitzen, die aus dem Meere ragten, – bis die fallende Nacht ihren Vorhang vor der Schaubühne des heutigen Tages fallen ließ.
Nur ein Gegenstand machte sich auch im Dunkel der Nacht bemerkbar und malte sich schwarz auf dem heitern Sternenhimmel ab, nämlich die Rauchsäule eines dampfenden Vulkans! – der zu unsrer Rechten liegen blieb. Es war der schon den Alten bekannte Dschebel Tair[31] (die insula exusta des Periplus vom rothen Meere), aus dessen Krater der Pascha von Egypten seinen Bedarf von Schwefel holen läßt. Alle die vorigen vulkanischen Kegel, die wir im rothen Meere gesehen hatten, schienen erloschen zu sein, wenigstens zur Zeit nicht zu dampfen, obgleich die Schiffsoffiziere behaupteten, auf frühern Reisen aus einem von ihnen hervorwirbelnde Dampfsäulen bemerkt zu haben. Auf jeden Fall beweist das Vorkommen dieser Kegel, welche in Gruppen, mehr oder weniger reihenförmig dem Busen des rothen Meeres, d. i. der tiefen Erdspalte, welche von diesem ausgefüllt wird, entsteigen, den großen Antheil, den in einer neuern geologischen Zeit vulkanische Kräfte an der Bildung und Umbildung der angränzenden Länder, von Aden an über den Sinai hinaus bis zum todten Meere, genommen haben.[32]
Der Vulkan Tair, in der Nacht vom 6ten zum 7ten October, war die letzte Insel, die wir im rothen Meere sahen.
Vom Morgen des 7ten October an bis zum Abend des 10ten, also vier volle Tage lang, erblickten wir auf unsrer Fahrt durch den Golf in seiner Längenausdehnung nach Nord-Nord-West zu kein Land, keine Küste, keine Insel mehr. Wir sahen Nichts, wie einen heitern Himmel, eine spiegelglatte See und standen eine drückende Hitze aus, die nur selten durch ein schwaches Windchen etwas gemäßigt wurde. Kein Fisch, viel weniger ein Seekameel (Naqua el Bahr[33]), ließ sich sehen, um uns einige Abwechselung zu verschaffen und vergebens blickten wir während dieser langen Fahrt von der Verschanzung unsres Schiffes herab wohl zu hundert Malen nach allen Seiten hin auf's Meer, in der Hoffnung, irgendwo eine Spur von der rothen Alge zu entdecken, welcher der arabische Meerbusen wahrscheinlich seinen Namen, „rothes Meer“, zu verdanken hat. Doch wir sahen nur immer bläuliches Wasser.
Während dieser Golf in der Bibel nur unter dem Namen Bahr Suph (algenreiches Meer) vorkommt, so hieß er bei den Griechen und Römern bekanntlich schon seit Herodot's Zeiten mare erythraeum, unter welchem Namen gewöhnlich auch die Theile des indischen Meeres mit inbegriffen wurden, welche die Südküste von Arabien bespülen, ohne daß man den eigentlichen Ursprung dieser Benennung kannte. Denn erst Ehrenberg[34] beobachtete im December 1823, als er sich am Süd-West-Fuße des Sinai in der kleinen Bai von Tor befand, eine Erscheinung, die im Stande war, über jenen Namen und die Berechtigung des Meeres zum Tragen dieses Namens, ein helles Licht zu verbreiten. Er sah nämlich den Meerbusen auf beträchtliche Strecken weit roth oder röthlich gefärbt und fand durch angestellte Untersuchung, daß diese Färbung des Wassers verursacht wurde durch eine mit dem bloßen Auge kaum unterscheidbare und auf der weißen Leinwand, durch welche das Wasser geseihet wurde, nur in Gestalt des feinsten Pulvers oder der dünnsten Härchen hängenbleibenden Alge, die in Millionen und abermal Millionenzahl anwesend sein mußte, da sie als ein so kleiner Körper so ausgedehnte Stellen des Meeres roth zu färben vermochte. Es war eine Oscillatorie (gegliederte Fäden, zu einzelnen Bündeln zusammengruppirt), die er deßhalb Trichodesmium erythraeum nannte (a. a. O.). – Zum zweiten Male wurde, nach der Mittheilung von M. C. Montagne[35], die Erscheinung, und zwar in einem noch viel ausgezeichnetern Grade, beobachtet von M. Evenor Dupont, als dieser im Juli 1843 auf einem Landmail-steamer von Bab el Mandeb nach Suez reiste. Er brachte den färbenden Gegenstand, die Oscillatorie, mit, so wie sie auf einem weißen Taschentuche kleben geblieben war, nachdem er das Meerwasser hindurchgeseihet hatte, so daß sich Montagne durch Untersuchung von der Identität derselben mit Trichodesmium erythraeum Ehrenb. überzeugen konnte. Es war ebenfalls im nördlichen Theile des arabischen Meerbusens, dem Golf von Suez, wo Dupont die Erscheinung beobachtete, und hier sah er das Meer in einer räumlichen Ausdehnung, die nach seiner Berechnung 85¼ Lieues oder 256 engl. Meilen betrug, nämlich 32 Stunden, also mehr als einen ganzen Tag lang, während der schnell fortgesetzten Fahrt des Dampfschiffes, ununterbrochen rothgefärbt. – Wir, auf unsrer Fahrt, sahen uns vergebens nach einer ähnlichen Erscheinung um; es ist aber wahrscheinlich, daß sie seit den ältesten Zeiten zuweilen beobachtet worden ist und die Veranlassung zu dem Namen «mare erythraeum» (rothes Meer) gegeben hat.
Erst am 10ten October, um 6 Uhr des Abends, als wir bereits dem immer schmäler zulaufenden nord-westlichen Ende des rothen Meeres, der Bucht von Suez, nahe gekommen waren und der Wind etwas frischer aus Nord-West zu wehen anfing, bekamen wir, auf unsrer linken Seite, wieder Land zu Gesicht, nämlich Gebirgsketten von Oberegypten, die sich in blauer Ferne hinzogen und einen eben solchen, eingerissenen, zackig-gezähnten Kamm hatten, wie alle Bergketten, die wir vorher in Arabien gesehen hatten. Die Sonne war so eben hinter diesen Ketten untergegangen; vor den Bergen zog sich der stahlblaue, glänzende Spiegel des Meeres hin, – dann kam, in der Aussicht, die wir hatten, aufwärts ein bräunlich-heller Dunst, welcher den Fuß und die untere Hälfte der Bergketten umnebelte, und dieser hellere Dunst ging über in ein Bergblau, das nach dem ausgezackten Saume der Ketten zu immer dunkler und deutlicher wurde. Wie mit dunkelblauer Farbe auf Goldpapier gemalt, zogen sich die Zacken und Nadeln dieses Bergkammes in einer langen Reihe am Horizonte hin. Denn hinter dem Bergsaume lag ein wunderschönes Abendroth, das von kleinen goldnen und und feuerfarbnen Wölkchen durchflammt und durchflickert war, und dieses Abendroth floß nach oben zu in den hell blauen Schmelz des reinsten Äthers über. – Der Farbentöne in diesem Gemälde waren nur wenige, aber der Glanz und die Reinheit der Farben war prachtvoll, – vielleicht der trocknen Luft und Landschaft eigenthümlich, – egyptisch.
Am folgenden Morgen, 11ten October, früh befanden wir uns schon in der schmalen Bucht von Suez und erblickten Land zu beiden Seiten, nämlich links in der Morgensonne, bräunlich-gelb und hell, die Bergketten Egypten's und rechts, noch in tiefem Schatten liegend und bräunlich-dunkel, den Berg Sinai – Horeb's Höhen! Dieses Sinai-Gebirge, oder besser, diese Bergketten, wovon nur ein kleiner Theil, Sinai und Horeb, oder Dschebel Musa, d. i. Mose-Berg, genannt wird, zogen sich in mehren alternirenden Reihen unabsehbar weit hinter einander hin und hatten einen eben solchen gezähnten, zackig-zerfressenen Saum, wie alle früher von uns gesehenen. Obgleich wir keinen Küstensaum an ihrem Fuße zu erkennen vermochten, also weiter von ihnen entfernt waren, so erschienen sie doch doppelt so hoch, als die egyptischen Bergketten zu unsrer Linken in Westen, die uns näher lagen und vor denen sich ein flaches, sandiges Vorland, eine Küstenterrasse, hinzog. – Fig. 15 stellt einen Theil der Bergketten auf der Halbinsel Sinai, in der ausgezackten Form ihres Saumes getreu nachgeahmt, dar. – Schon seit gestern Abend war es merkbar kühler geworden und jetzt wehte aus einer Richtung, die unserm Cours direkt entgegengesetzt war, nämlich aus Nord-Nord-West, also vom mittelländischen Meere her, ein ziemlich starker Wind, der wenigstens in Vergleich mit der Backofengluth, die wir an den vorhergehenden Tagen und erst gestern noch ausgestanden hatten, kalt zu nennen war. Freudig begrüßten wir diesen kühlen, ich möchte sagen, europäischen Wind, als das Zeichen unsrer baldigen Erlösung aus dem glühenden Tropenklima und unsrer Annäherung an das Vaterland.
Um 7½ Uhr befanden wir uns einem Theil der Küste, auf der Halbinsel Sinai, gegenüber, der wandartig steil emporstieg und ein sonderbares, zackig-geschupptes Ansehn hatte, so wie ich es in Fig. 12 dargestellt habe. Alle Schuppen liefen nach oben spitz zu und vereinigten sich in eine Anzahl ähnlich gestalteter, nur größerer Hauptabtheilungen oder Hauptschuppen, zwischen denen kluftförmige, tiefe Zwischenräume, zurückspringende Theile der Wand lagen, und diese Hauptabtheilungen liefen auf dem gezähnten Kamme der Wand in die höchsten Spitzen aus. Die Küstenberge der Sinai-Halbinsel aber, die später, nord-westwärts, auf diese folgten, wurden niedriger; sie gestalteten sich um 9 und 10 Uhr, wie in Fig. 13 abgebildet ist und stellten uns die eigenthümliche Configuration neptunischer Gebirge, im Gegensatz zu jenen plutonisch-vulkanischen, die man in Fig. 12 erblickt, recht anschaulich vor. Denn sie bildeten nun (Fig. 13) einen ebenen, nicht ausgezackten, nur sanft gehobenen oder gesenkten Saum; sie waren oben dunkel gefärbt, unten aber, und mehr als zur Hälfte hinan, mit Sand überschüttet, der eine helle, gelblich-bräunliche Farbe hatte, glatt von Oberfläche war und sich auch noch an den Wänden selbst, in nach oben zu schmäler werdenden Rippen, hinanzog. Offenbar bestanden diese so geformten Gebirge (Fig. 13, 14) aus geschichtetem Gestein, sie waren entweder horizontal-liegende oder nur sanft einfallende Flötzbildungen, die seewärts steil abgebrochene, jedoch nicht so hohe, bis zur halben Höhe herauf mit Sand überschüttete und von diesem Sand geglättete, Wände bildeten.
Und nur solche neptunische Bergplatten, die sich auf den ersten Blick von jenen plutonischen Felskämmen unterschieden, sahen wir nun noch, besonders an den Küsten der östlichen Seite, der Sinai-Halbinsel, im Verlaufe des heutigen Tages, während wir nord-nord-westwärts immer tiefer hinein in den Golf von Suez dampften und während uns ein immer stärkerer Wind entgegenblies, nämlich die kühlere Luft, welche vom mittelländischen Meere zuströmte, um die luftverdünnteren Räume entlang den arabischen Küsten auszufüllen.
Die beiderseitigen Küsten traten immer näher zusammen, der Golf wurde schmäler, die Gebirge niedriger und der Sand fing immer mehr an vorzuherrschen. Die Bergplatten, die wir um 2 Uhr auf der egyptischen Seite erblickten, waren deutlich terrassirt, bestanden also aus geschichteten Massen, die sich nach dem Ufer des Meerbusens zu in mehren Absätzen herabsenkten. Auch auf der Halbinsel rechts waren die Bergmassen deutlich geschichtet und viel heller gefärbt, selbst weißlich, – jedoch wahrscheinlich nur deßhalb, weil die dunklern Abhänge der Berge auf der linken Seite schon im Schatten lagen. – Um 4 Uhr bemerkten wir auf der linken Seite einen weiten, flachen Zwischenraum zwischen den Gebirgen, dann aber nordwärts von diesem erhob sich wieder ein höherer sargartiger Rücken. Auf der rechten (Sinai-) Seite trat nur hier und da noch eine geschichtete Gebirgsscholle, wie Fig. 14, bis zum Meere hervor und senkte sich dann schroff, mauergleich, zum Gestade herab, in allen übrigen Gegenden sah das Auge nun nichts mehr, wie Sandflächen oder niedrige, weit ausgebreitete Sandrücken, die in ihrer licht-falben Schminke, von aller Vegetation entblößt, glatt, kahl, einförmig und öde dalagen. – Einige von den gestreiften, geschichteten Wänden der Bergplatten waren bis oben hinauf mit Sand überschüttet, andere nur bis zu drei Viertel oder, wie Fig. 14, nur bis zur Hälfte und dann waren sie durch ihre dunklere Farbe und gestreifte Beschaffenheit schon aus der Ferne von der geglätteten Oberfläche der Sandmassen zu unterscheiden.
So sahen wir fast Nichts mehr wie Sand, – dürren Sand, der durch seine helle Farbe, da, wo ihn die Sonne beschien, die Augen blendete und die Frage hervorrief: ist das der gefeierte Anblick Arabien's? – sieht so Egypten aus?
Um 7½ Uhr des Abends (den 11ten October) wurde die Küste auf der rechten, östlichen Seite noch niedriger, flacher, – auf der linken, egyptischen Seite aber sahen wir vor uns noch eine, nämlich die letzte, nördlichste von jenen Landplatten, die von West, oder Süd-West, her schief ansteigen, in's Meer vorspringen und sich dann, nach Osten zu steil, terrassenförmig hinabsenken.
Eine halbe Stunde später ließen wir im nördlichsten Theile der Bucht unsern Anker fallen, direkt in Süden der Landenge von Suez; wir waren aber noch drei englische Meilen vom Ufer, das die gleichnamige Stadt trägt, entfernt, weil der untiefe Korallengrund des Meeres allen größern Schiffen die weitere Annäherung verbietet.
Ich habe bis jetzt bei den verschiedenen Ländern und Gegenden, die ich auf dieser Reise Gelegenheit hatte, zu besuchen, die Literatur angegeben, so weit mir diese bekannt geworden war. – Ich that dies zur Bequemlichkeit derjenigen Leser, welche sich über diese Länder, an denen ich gewissermaßen nur vorübergestreift bin, gründlicher zu unterrichten wünschen möchten, und brachte ihnen deßhalb die durch den Druck bekannt gemachten hauptsächlichsten Werke, die von diesen Ländern handeln, kürzlich in Erinnerung. – Wollte ich aber eben so in Beziehung auf Arabien und Egypten handeln, so könnte ich einen halben Bogen voll schreiben, allein mit den Titeln der Werke, welche über diese viel bereisten, besser als Indien bekannten, Europa nahe liegenden Gegenden des Erdballs in englischer, französischer und deutscher Sprache erschienen sind.
Befinden wir uns doch hier auf dem klassischen Boden, den, außer noch frühern Reisenden, von 1763–1845, so viele tüchtige Forscher durchkreuzt haben, – in einem Lande, das der Schauplatz der Untersuchungen war eines Niebuhr, Seetzen, Burckhardt, Rüppell, Ehrenberg und Hemprich, Laborde, Wellstedt, Schubert, Robinson, Russegger, Lepsius! – und das noch jährlich viele Reisende durchkreuzen, die zum Theil nur zu ihrem Vergnügen den Sinai ersteigen oder aus Egypten bis nach Nubien vordringen.
Ich will mich daher von Suez an auf die kurze Erzählung meiner Reise beschränken und nur die Erscheinungen, die ich selbst beobachtete, so wie sie flüchtig an mir vorüber flogen, mittheilen.
Ich setzte mich bald nach unsrer Ankunft in einen kleinen Kahn, den zwei Araber fortruderten. Das Meer war bis auf meilenweite Entfernungen vom Ufer so seicht, daß ich im Mondschein überall den weißen Korallengrund sehn und nachher selbst mit meinem Spazierstocke auf den Meeresboden aufstoßen konnte.
Wir kamen dann auch erst eine gute Stunde später an's Land, – der Anblick aber, der sich mir daselbst, in der Nacht vom 11ten zum 12ten October, darbot, war so höchst eigenthümlich, so bizarr, die ganze Scene war so spukhaft und so voll romantischer Contraste, – daß sie nimmer wieder aus meiner Erinnerung verschwinden wird.
Mein Kahnführer setzte mich an einem großen, zweistöckigen Gebäude ab, das noch zwei Flügel hatte und dessen Hauptfront an's Meer gränzte; hier stieg ich auf breiten Treppen hinan zu einer überdeckten Galerie und gelangte aus dieser durch einen Thoreingang in den innern, viereckigen Hofraum des Hotel's von Suez, das seiner Form nach eher einem Kloster, als einem Gasthause glich. Hier war Alles voll Leben und Menschengewimmel. – Wir waren fast anderthalbhundert Passagiere, die wir uns ausschifften und aus Indien im Hotel ankamen, – 160 andere aber, aus Europa angekommene, warteten schon im Hotel und standen reisefertig da, oder waren mit dem Einpacken ihrer Güter und dem Ordnen ihrer Koffer beschäftigt, um sich auf dem Bentinck einzuschiffen und nach Indien zu gehen. Also, außer den Dienern des Hotels, den Officianten, Gepäckbesorgern, Lastträgern, Kahnführern, wimmelten und flutheten hier mehr als 300 Reisende, deren Interessen sich regelrecht durchkreuzten, weil die eine Hälfte derselben gerade dahin wollte, wo die andere herkam, durch einander. Dazu kam noch, daß die Cholera, die in Cairo aufgehört hatte zu wüthen, hier noch täglich ihre Opfer fraß und daß ein Jeder verlangte, so schnell wie möglich von hier wegzukommen, nämlich anderthalbhundert vom Hotel auf's Schiff und anderthalbhundert, so schnell wie möglich, vom Schiffe in's Hotel und aus dem Hotel nach Cairo. Hier hatte Keiner Lust, zu bleiben, ein Jeder hatte Eile, das Wachtwort aller war nur „für sich selbst zu sorgen,“ und so sah man in dem engen Raume des Hotels das Schauspiel von anderthalbhundert Doppel-Interessen, die mit einander in Conflict geriethen. So zahlreich die Zimmer des Hotels auch waren, so hatte die erste Hälfte der Reisenden, die nach Indien verlangten, doch bereits alle vorhandenen Räume in Beschlag genommen; ja, wenn noch leere Zimmer vorhanden gewesen wären, so würde es an Dienern gefehlt haben, um sie dem Reisenden anzuweisen, da das Personal dieser letztern der Dienerschaft weit überlegen war. Man mußte selbst suchen und nehmen, was man haben wollte. Wenn die Passagiere eine Räuberbande gewesen wären, so hätten sie das Hotel nebst der ganzen Stadt Suez bequem ausplündern können. Als ich in den weiten Corridoren des Gebäudes herumschritt, dessen weiße Gemäuer von dem Mondschein hell beleuchtet waren, traf ich wirklich leere Zimmer an, die von den Reisenden, die sich auf's Schiff begeben hatten, schon verlassen waren. In einigen brannten auf Waschtafeln, oft mitten zwischen Bettvorhängen, noch Kerzen, welche der vorige Bewohner in der Eile vergessen hatte, auszulöschen, und in andern lagen zwischen nur halb erloschenen, noch glimmenden Kerzen die Betten auf der Flur. – Malerische Unordnung! – In dem allgemeinen Gelag- oder Speisezimmer, das in der untern Etage war, konnte man Wein, Bier, Milch, Kaffee, Thee, Bouillon, Brot u. dergl. erhalten, aber hier war das Gedränge derjenigen, die anderwärts keinen Platz hatten finden können, so groß, daß sich ein Jeder selbst nehmen mußte, was er haben wollte, und daß die Kränklichen oder Müden der Passagiere froh waren, in irgend einer Ecke noch eine unbesetzte Bank oder einen Stuhl anzutreffen, um daselbst ausruhn zu können. Draußen, im Freien, war es empfindlich kalt und man hörte viele von denen mit den Zähnen klappern, die aus Indien gekommen waren.
In demselben Gebäude befand sich das Bureau der Landmail-Beamten, wo diejenigen Reisenden, die, wie ich, nicht bis England Passage genommen hatten und deßhalb nur bis Suez hatten bezahlen können, sich für 12 Pf. Sterling mit einem Passagescheine bis nach Alexandrien versehen mußten. Auch hier war das Gedränge groß und die Bänke im Vorzimmer waren mit Reisenden besetzt, die sich sitzend oder liegend einige Ruhe zu verschaffen suchten. – In dem kahlen Sandgrunde des Hofraumes lagen Kisten und Waarenballen in wilder Unordnung umher und außerhalb des Gebäudes lagen sie nach dem Strande zu in ganzen Bergen auf einander gestapelt.
Der Transport der Reisenden durch die Wüste geschieht von hier in zweirädrigen Wagen, in deren jedem sechs Mann Platz haben. Damit sich die Zahl der Reisenden in den kleinen Stationen, die in der Wüste liegen, nicht zu sehr anhäufe, so werden jedes Mal nur vier Wagen zugleich befördert und die verschiedenen Züge oder Transporte, deren Zahl sich nach der Zahl der Reisenden regelt, folgen einander in Zwischenzeiten von 1½–2 Stunden. Die, welche Passage bis England genommen haben, haben den Vorrang und von den übrigen werden Diejenigen zuerst befördert, die sich am Bureau von Suez zuerst gemeldet haben und sich zuerst in die Liste haben einschreiben lassen. Da ich zu keinen von beiden gehörte, so wurde mir mitgetheilt, daß ich unter die Zahl derjenigen Reisenden eingeschrieben sei, die mit dem Transporte um 4 Uhr von Suez abreisen würden.
Ich hätte also Zeit genug gehabt, einiger Nachtruhe zu pflegen. Da aber vor der Abreise der früher angekommenen Gäste auf's Schiff keine Zimmer mit frischen Betten zu bekommen waren, und das Ausruhn auf Bänken oder aneinander gesetzten Stühlen, dem sich manche überließen, mir nicht behagte, so zog ich es vor, dem Gewühle des Hotels zu entfliehen und ungeachtet der Kälte und der Cholera, meine Zeit auf Spaziergänge durch die Stadt zu verwenden.
So glühend die Hitze ist, welche die Sonnenstrahlen über Tag auf der Oberfläche von Sand und Fels hervorrufen, so groß ist die Abkühlung der starren Wüste des Nachts. Die Kälte war daher empfindlich und ich bedauerte, meine leichte, indische Kleidung nicht sogleich mit wärmerer, europäischer Bedeckung verwechseln zu können. Der Mond schien so hell durch die heitre Wüstenluft herab, daß auch im Schatten der Mauern alle Gegenstände deutlich sichtbar waren. Die Todtenstille, in welcher die Stadt dalag, machte einen tiefen Eindruck auf mich, der ich so eben erst das lärmerische, von Leben wimmelnde Gasthaus verlassen hatte. Ich sah auf dem Kai und in den benachbarten Straßen Hunderte von plumpen Massen liegen, die mit den Mauern der Gebäude und dem Sande, woraus der Boden bestand, so vollkommen ein und dieselbe fahlgraue Farbe hatten, daß ich sie für Felsblöcke oder große Waarensäcke hielt. Zwischen ihnen waren hier und da pyramidenförmige oder längliche Gestalten von völlig weißer Farbe sichtbar, die wie Gespenster und schweigsam wie diese, hin- und herschlichen. – Alles war still. – Man konnte kein Athmen, kein Geräusch hören, und erst als ich mich mitten unter jenen plumpen „Felsblöcken“ oder „Säcken“ befand und als lange, gebogene Körper, wie krumme Baumstämme, mir zur Seite und höher, als ich selber war, emporragten, da erkannte ich erst, daß jene schleichenden Gestalten Beduinen mit ihren weißen Mänteln waren, aus deren Kappe oben ein schwarzer Bart und zwei funkelnde Augen hervorguckten, – und ich erschrak fast, als einer von jenen lang emporgereckten Körpern an seiner Spitze anfing, sich langsam zu bewegen und mir – einen Kopf zudrehte, mit Augen darin und einem käuenden Gebiß – – –; ich schritt zwischen Kameelen, dem Bilde der Geduld, dahin. Diese Thiere, Dromedare oder einbucklige Kameele,[36] lagen in der That eben so unbeweglich wie Felsblöcke im Sande hingestreckt, und der einzige Theil ihres Körpers, an dem man zuweilen eine leise Bewegung spüren konnte, war der Kopf, den sie langsam zur Seite drehten, wenn ein Araber oder ein fremder Reisender vorüberschlich. Man hätte dann diesen so unverhältnißmäßig kleinen Kopf, wenn er sich auf dem ungeheuer langen Halse nach einer Seite zu bewegte und sich allein bewegte, während kein andres Glied des Körpers Zeichen von Bewegung gab, leicht für einen ganz andern Gegenstand, für ein Thier an und für sich selbst, oder auch für eine Windfahne halten können.
Ich wandelte durch die engen Straßen zwischen den Häusern dahin, die schmutzig-grau oder bräunlich, wie der Sand des Bodens, sind, platt von oben, kahl und einförmig an ihren Wänden, die aber durch ihre kleinen, sehr vereinzelten, regellos angebrachten und dann noch gewöhnlich mit Gitterwerk geschlossenen Fensteröffnungen ein fremdes, geheimnißvolles Vorkommen erhalten. Manche Gassen sind so eng, daß nicht zwei Menschen neben einander gehen können. Die Häuser sahen aus, wie aus der Wüste herausgewachsene Erd- oder Felsstücke, von kubisch-plattgedrückter Form und ihre Vereinigung zu einem Ganzen glich einer platten Bergmasse, durch welche man schmale, sich regellos durchkreuzende Gassen hindurchgehauen hat. Alles war kahl und staubig. Nur hier und da blickte aus dem innern Hofraume, deren ein jedes größere Haus einen hat, eine Dattelpalme hervor und in dem Hintergrunde einer schmalen Gasse machte sich zuweilen die weiße, unheimliche Gestalt eines Beduinen kenntlich, die schnell hinter der Ecke verschwand. Sonst war Alles einförmig und bewegungslos. – Nackte äußere Wände der Häuser, mit kleinen vergitterten Gucklöchern, – viereckige innere Hofräume, nach welchen die Fensteröffnungen hingerichtet sind, – Cisternen in diesen Höfen, – hier und da die Minaret's einer Moskee, ähnlich den cylindrischen Schornsteinen europäischer Fabriken, – platte Dächer – Alkoran und – Harem! – das sind hier unzertrennliche Sachen.
Auf meinem Spaziergange durch dieses Chaos, diesen regellosen und schmutzigen Schutthaufen von Mauern, (als solcher erscheint die Stadt dem Reisenden auf den ersten Blick) – empfanden auch meine Geruchsnerven den bündigen und anhaltenden Beweis, daß das Wort schmutzig kein unverdientes Prädikat von Suez sei. Denn Kothhaufen und todte Ratten waren aller Ecken zu sehen, halb verfaulte Kadaver von Eseln lagen hier und da umher, sogar ein todtes Kameel zwang mich zur Rückkehr aus einer von den engen Gassen, die es ganz versperrte, – vielleicht lagen auch menschliche Leichen, die an der Cholera gestorben waren, noch unbegraben in den Häusern, oder nur lose verscharrt unter dem Sande, – und ein gräulicher, allerwidrigster, süß-fauler Gestank erfüllte, als ein nicht unpassender Duft für das Heimathland der Pest, – weit und breit alle Räume der Stadt.
Doch hatte die Landschaft und Stadt mit der eigenthümlichen Bauart ihrer Häuser, mit ihren Kameel- und Beduinengestalten, ihren regellos aufgehäuften Transportwaaren und Kisten und eben so regellos umhergestellten zweirädrigen Karren, und mit ihrem klosterartig abgesonderten Hotel, worin mehr als 300 Fremdlinge durch einander wogten, – so wie sie da lag bei nächtlicher Weile, hell vom Mond beschienen, – einen, wo nicht schönen, doch desto eigenthümlichern Reiz.
Für unsere Bagage brauchten wir nicht zu sorgen; diese wurde ohne unser Zuthun an's Land geschafft und auf Kameelen durch die Wüste transportirt. In den Wagen aber, während der Reise durch die Wüste, war es den Passagieren nicht erlaubt, mehr als ein ganz kleines Päckchen, so viel nämlich ein Jeder unter der Bank zwischen seinen Füßen verbergen konnte, bei sich zu behalten, und ich war froh, daß mir meine Wagengefährten zugestanden, mein Barometer mitzunehmen. Die Wagen, die sich auf zwei Rädern bewegen, sind auf allen Seiten mit Fenstern versehen, die man nach Belieben aufschieben oder schließen kann und haben in ihrem Innern für sechs Reisende Platz, enthalten nämlich zwei seitliche Bänke, auf deren jeder drei Personen, also einander gegenüber, Gesicht gegen Gesicht, zu sitzen kommen, – die Räume sind aber so eng, daß man des Gepäcks wegen, wovon ein Jeder gern so viel wie möglich mitnimmt, sehr gedrängt sitzt. Die Thüröffnung befindet sich also auf der hintern Seite, zu welcher man auf einer Art von Treppe hinansteigt.
Endlich war der größte Theil der Nacht verflossen und die Zeit unsrer Erlösung aus Suez rückte heran. Ich glaube, es war der dritte Transport, mit dem ich befördert wurde und der aus vier Wagen bestand. Es war 4 Uhr in dem Morgen des 12ten October, als wir das öde Suez verließen und von Staubwolken umhüllt, hinein in die noch ödere Wüste rollten. Einem jeden Wagen wurden vier tüchtige arabische Pferde vorgespannt, und diese flogen mit uns in vollem Galopp dahin.
„Todt und starr liegt die Wüste hingestreckt, wie die nackte
Felsrinde
eines verödeten Planeten“.[37] –
Dies würde eine passende Inschrift sein für die Pfeiler des offenen Thores von Suez, durch welches man in die Wüste hineinfährt. Denn je mehr der Tag graute, desto deutlicher und abschreckender zeigte sich die Wüste in ihrer ganzen, traurigen Öde. Sie bestand bald nur aus feinem, beweglichen Sande, in welchen die Räder tief einschnitten, dann keuchten die Pferde, – bald aus gröberm oder mit Steingereibsel vermengtem Sand, – bald herrschte das Steingereibsel (kleine Felstrümmer, meistens abgerundet, in der Form von Geschieben, die hier und da bis zu einem Fuß Dicke anwuchsen,) vor, dann rollten die Wagen leichter darüber hin und flogen nur zuweilen, wenn die Räder auf einen der größern Steine stießen, einen kleinen Fuß hoch oder anderthalb in die Höhe, um uns durch einen zeitig angebrachten sanften Stoß vor zu großer Schläfrigkeit zu bewahren; – bald war die Wüste vollkommen horizontal, – bald wellenförmig gehoben und gesenkt, ja hier und da hüglig, dünenartig, – aber überall war sie gleich dürr.
Kahl, nackt, öde, todt, starr, aller Dammerde entblößt, allen Pflanzenwuchses beraubt, ohne Wasser, ohne Bewegung, ohne Leben, voll Sand, voll Staub, glühend heiß, verschmachtend, einförmig, unendlich, ermüdend für's Auge, trostlos für's Herz! – das ist die Wüste.
Unsre Reise dauerte von Suez bis Cairo 15½ Stunden; da hiervon aber 3½ Stunden Halt abgezogen werden müssen, so hatten wir zum Durchfahren der Wüste, das in der Richtung fast genau von Ost nach West und jederzeit im vollen Galopp geschah, nur 12 Stunden nöthig. Ist nun das ganze Traject 100 engl. Meilen lang, so legten wir 8 solcher Meilen in einer Stunde zurück. In Abständen von 5–6 engl. Meilen waren durch die ganze Wüste bis nach Cairo Pferdeställe nebst Wohnungen für die Aufseher erbaut, – Stationen, wo die Pferde gewechselt wurden. Diese standen mit Geschirr und allem angethan jederzeit schon bereit, wenn wir ankamen. Es läuft nämlich in der Richtung des Weges eine Linie von Telegraphen durch die Wüste, auf kleinen Thürmen angebracht, die öfters auf Erhöhungen des Bodens stehen, da, wo sich deren finden und deren äußerste Punkte Suez und Cairo sind.[38] Der Hauptdienst dieser Telegraphen ist, die Ankunft der Schiffe zu Suez und der Transporte von Reisenden durch die Wüste, hin und her, zu melden. Aber nur an drei Stationen, wo sich kleine Gasthäuser, Absteigequartiere (Pasanggrahan's würde man auf Java sagen), befinden, wurde für längere Zeit Halt gemacht, nämlich von 8–9, von 12–1½ und von 5–6 Uhr, und hier hatte ich Gelegenheit, den unersättlich-musterhaften Appetit der Engländer zu bewundern, die an allen diesen Orten tüchtig aßen und tranken. Die Tafeln waren bei der Ankunft der Transporte schon gedeckt und mit dem Auftragen der Speisen wurde nur so lange gewartet, als die Reisenden in kleinen Nebenzimmern, wo Waschtafeln standen, beschäftigt waren, sich Gesicht und Hände vom Staube zu reinigen und das Haupt abzukühlen. Die Speisen bestanden hauptsächlich aus Suppe, Reis, Hühner- und Schöpsenfleisch, das auf verschiedene Art zubereitet war, auch waren Kartoffeln, Gemüse, Brot und Zwieback vorhanden und den Bier- und Weinflaschen wurde fleißig zugesprochen. Nach Tisch wurde Kaffee gereicht, gewöhnlich in kleinen Nebenzimmern, welche die Überschrift: „Rauchkammer“, trugen. Andere Nebenzimmer waren mit Betten versehen zur Bequemlichkeit der kränklichen Reisenden oder der Damen, die etwa wünschen möchten, auszuruhen. Auch muß ich Mehmed Ali, der es eigentlich war, welcher uns zufolge seines mit der Compagnie geschlossenen Contractes hier bewirthete, die Gerechtigkeit widerfahren lassen, und bezeugen, daß wir in seinen Hotels in der Wüste besser aßen und tranken, wie in dem ersten Gasthofe zu Cairo, obgleich alle Bedürfnisse, das Wasser nicht ausgenommen, aus weit entfernten Gegenden hierher geschafft werden müssen. Die Hotels, die nur ein Stockwerk hatten, waren aus Stein, gewöhnlich auf plattenförmig erhöhten Räumen erbaut und waren auch an der größern Höhe, die sie selbst hatten, schon aus der Ferne von den Pferdeställen zu unterscheiden, die ihnen zur Seite standen. Alle Gebäude waren aber, wie überhaupt in Egypten, platt von oben und glichen ihrer Form nach viereckigen Kasten. Das größte unter ihnen war das Hotel, in welchem wir von 12–1½ Uhr unsre Hauptmahlzeit hielten und das sich auf einem 12 Fuß hohen Plafond erhob. Man mußte auf Treppen hinaufschreiten und genoß aus der Vorgallerie eine freie Aussicht über die angränzenden Räume der Wüste. Außer diesen kleinen Poststationen, an denen ohngefähr alle drei Viertelstunden zum Wechseln der Pferde Halt gemacht wurde, bot uns die Wüste auch noch einige andere Abwechselung dar. Ein eigentlicher Weg, eine Spur von Rädern oder Kameeltritten war freilich nirgends zu sehen und selbst die Steinhaufen oder Pyramiden, welche in manchen sehr gleichförmigen Gegenden der Wüste in gewissen Abständen angehäuft worden waren, um die Richtung des Weges zu bezeichnen, waren zum Theil wieder vom Sande verweht und überschüttet. Dasselbe war der Fall mit den gefallenen Kameelen, die wir häufig sahen und die bald noch frische Kadaver waren, bald abgenagte Gerippe, die nur halb aus dem Sande hervorragten. Aber die vielen Karavanen und beladenen Kameelheerden, an denen wir öfters vorbeiflogen, gaben der Wüste, zu dieser Zeit der Land-Transporte, doch ein gewisses belebtes Ansehen. – Auch unsre Kutscher verschafften sich selbst und uns durch den Wettstreit, den sie mit einander im Schnellfahren hielten, einige Belustigung, – bald hielten unsre Wagen lange Zeit mit einander gleichen Schritt und flogen alle vier in stätigem Tempo neben einander dahin durch den weiten Raum, bald rannte uns der eine voraus und war einige Minuten später am fernen Saume der Wüste nur noch an den Staubwolken erkennbar, die ihn begleiteten, – bald verschwand ein anderer hinter uns, der im Sande stecken blieb und uns erst später wieder einholte; – zwei Erscheinungen aber waren es hauptsächlich, die mehr, als die eben genannten, meine Aufmerksamkeit auf sich zogen, und mehr, als alles Andre, dazu beitrugen, das Bild der Wüste in meiner Phantasie unauslöschbar zu machen.
Auf der so einförmigen, gestaltlosen Oberfläche der Wüste fielen alle Gegenstände, welche die Gleichförmigkeit in Etwas unterbrachen, – ein Stein, der ein wenig größer war, als die andern, – ein Gerippe, auf die man an andern Localitäten kaum geachtet haben würde, – sogleich in die Augen; der Mangel aller andern Gegenstände aber, die zu Anhaltpunkten, zur Vergleichung bei der Beurtheilung hätten dienen können, war die Ursache, daß man hinsichtlich der Schätzung der Größe so wohl, als der Entfernung solcher Körper, die man sah, in die größten Irrthümer verfiel. Schon mehrmals waren wir an Sandabhängen vorbeigekommen, und hatten auf dem Rande dieser abschüssigen Stellen ziemlich große Körper gesehn, die fast in gleichen Abständen von einander dastanden, ohne daß wir die Natur derselben kannten. – Auch um 12 Uhr, als wir in der Hauptstation auf der Hälfte des Weges, also in der Mitte der Wüste, angekommen waren, sahen wir auf dem Rande eines erhöhten Sandwulstes nicht weit vom Hause eben solche Körper wieder hingepflanzt. Sie standen da, wie in einer Reihe neben einander und ihre Zahl betrug meistens 50. Wir vermochten nicht zu erkennen, ob es Menschen waren (Beduinen), die da standen, oder Schafe oder Sträucher oder Felsblöcke; – das Letztere war noch das Wahrscheinlichste, denn sie waren ganz unbeweglich und graubraun von Farbe, wie Alles umher. Sie standen aber in so regelmäßigen Abständen, wie man Felsen selten sieht und waren alle von vollkommen gleicher Größe. Es war ganz unmöglich, diese Größe zu beurtheilen, und zu sagen, ob sie drei oder zehn Fuß groß waren oder noch mehr und eben so unmöglich war es uns, mit dem bloßen Auge zu ermessen, ob sie sich in der Entfernung von nur 100 oder von 1000 Fuß oder mehr von uns befanden.
Ich beschloß, mir Sicherheit zu verschaffen und ging darauf los. Als ich näher gekommen war, so unterschied ich zu meinem nicht geringen Erstaunen die regelmäßige Form von ungeheuer großen Raubvögeln, die, wie es schien, ausgestopft und vom Besitzer des Hotels zum Trocknen dahingestellt waren, – denn auch kein einziger davon ließ auch nur die geringste Bewegung spüren; sie standen alle da in gleichen Abständen von einander, sie hatten alle eine vollkommen gleiche Stellung und waren mit ihrem Vordertheile dem Abhange zugekehrt; ich kam ihnen bis auf 25 Fuß nahe, aber – wie erschrak ich! – als nun plötzlich diese ungeheuren Vögel, alle auf Einmal, wie auf Einen Schlag, aufflogen und – dahin sausten durch die Wüste, in der sie sich auf einen andern Sandhügel, in derselben Stellung, wie vorher, und eben so unbeweglich wieder niederließen. – Es war der gemeine große Wüstengeier, Vultur fulvus, der sich besonders vom Fleische der gefallenen Kameele nährt, sich daher gern in der Nähe der Karavanenstraßen aufhält und diese von seinem Standpunkte, nämlich den Sandhügeln herab, überblickt, in einer der Straße stets zugekehrten Stellung.
Die zweite Erscheinung, die eben so eigenthümlich, wie die Geier und die Kameele, zur Wüste gehört, war die sogenannte Luftspiegelung, mirage, Sehrab der Araber. – Ihr Sichtbarwerden ist abhängig vom Grade der Erhitzung der Wüste durch die Sonne, sie ist daher zur Zeit der größten Hitze von 12 bis 2 Uhr am lebhaftesten, wird nicht vor 8 Uhr des Morgens sichtbar und verschwindet allmählig wieder gegen 5 Uhr des Abends. Wir hatten daher Gelegenheit, uns fast einen ganzen Tag lang an diesem optischen Phänomen zu belustigen, das der Wüste einen merkwürdigen, zauberhaften Reiz verlieh. Wir sahen es zuweilen nur an einer, meistens aber an zwei bis drei, ja fünf und mehr Stellen auf verschiedenen Seiten zugleich, – wenn es an der einen von diesen Stellen verschwand, so erschien es an einer andern Stelle wieder, wie hingezaubert, und so dauerte das Spiel den ganzen Tag lang, – des Mittags aber am schönsten und häufigsten – fort, indem es die öde Sandwüste in eine Steppe voll von Seen, Wassertümpeln und schlängelnden Flüssen verwandelte. Manche Stellen der Wüste nämlich, die vorher, wie alles Andre rundum, in ihrer bräunlich-gelben, matten Farbe dagelegen hatten, fingen, wenn wir uns ihnen bis zu einer gewissen Entfernung genähert hatten, an, zu glänzen – sie wurden gleichsam, so schien es, in einen Spiegel verwandelt, der die Farbe und das Licht des Himmels bläulich-weiß zurückstrahlte und dadurch das Bild einer Wasserfläche hervorrief; er war aber so blinkend, wie diese, – am Saum zitternd und dadurch den Wellenschlag so täuschend nachahmend, daß wir oft anfingen, zu zweifeln, ob wir nicht das wirkliche Wasser kleiner Seen vor uns erblickten. Weil nämlich der Saum der erhitzten Wüste im aufsteigenden Luftstrome wellenförmig zitterte und die Gränzlinie, die er mit dem scheinbaren See bildete, dadurch zerrissen wurde, so veranlaßte er durch seine Spiegelung im Pseudo-Wasser das Sichtbarwerden von länglichen Gestalten, wie von Palmenstämmen, die man am Ufer zu sehen glaubte – oder das spiegelnde, umgekehrte Bild wirklicher in der Nähe liegender Felsblöcke oder andrer Unebenheiten in der Wüste wurde verlängert. – Diese spiegelnden Wasserflächen hatten meistens eine längliche, streifenartige Form, zuweilen waren sie auch rundlich, manchmal wie Flußarme geschlängelt und eben so verschieden, wie in ihrer Form, waren sie auch ihrer Größe nach und wuchsen von kleinen Tümpeln bis zu ansehnlichen Seen an. Oft sah man sie mitten in der Wüste, dann waren sie an allen Seiten von dunkler gefärbten, matten Ufern umgeben und sie schienen in sanften Vertiefungen der Wüste zu liegen; am häufigsten aber zeigten sie sich in der Nähe des Randes oder im Rande selbst der Wüste und dann floß ihr jenseitiger Rand ununterscheidbar mit der Helle des Himmels, dessen Farbe sie hatten, zusammen.
Meine Begleiter und ich, wir wurden denn auch den ganzen Tag lang nicht müde, diese Erscheinung, die der starren Fläche ein gewisses Leben, eine gewisse Bewegung verlieh, zu betrachten und zu bewundern. Schon oft hatten wir geglaubt, wirkliches Wasser zu sehn und waren getäuscht worden. Dennoch geschah es zuweilen bei unsrer Ankunft an einer Station, wenn wir einen neuen See vor uns erblickten, daß verschiedene Engländer mit andern ihrer Landsleute um mehre Pf. Sterling wetteten: Diesmal wirkliches Wasser vor sich zu haben. Da lag, wie es schien, in einer sanften und muldenförmigen Vertiefung der Wüste – ein schöner blinkender See, sein Wasser bewegte sich zitternd in sanften Wellen und von seinem Ufer zogen sich ebenfalls lange Gegenstände – zitternd und sich spiegelnd – herab in's wogende Wasser, gerade so, wie man es an wirklichen Seen bemerkt, über deren Spiegel ein sanfter Wind hinwegstreicht. Die Täuschung war so vollkommen, daß ich wohl hätte mitwetten mögen, wenn ich von der Unmöglichkeit von vorhandenem Wasser in dieser Erdgegend nicht so sehr überzeugt gewesen wäre. Viele der Passagiere glaubten es aber steif und fest und schritten, um die Wette zu gewinnen und dabei zugleich ein erfrischendes Bad im Wasser zu nehmen, muthig darauf los. Aber als wir uns dem Phänomen bis auf einen gewissen Abstand genähert hatten, so wurde es zuerst schmäler, streifenförmiger und dann verschwand es, und zwar ziemlich schnell, vor unsern Blicken. Seespiegel, Wellenschlag, Ufer, Alles verschwand, wie auf einen Zauberschlag und von der muldenförmigen Vertiefung, die wir zu erblicken geglaubt hatten, blieb nichts zurück, wie die matte Sandwüste, die an der Stelle eben so flach und gleichförmig war, wie überall. – Was uns am meisten ärgerte, war, daß wir nicht einmal die Entfernung zu bestimmen vermochten, in welcher von unsrem Standpunkte aus gerechnet, die Erscheinung sichtbar wurde und wieder verschwand, daß wir also auch nicht die Stelle bestimmen konnten, wo die scheinbare Spiegelung Statt gefunden hatte, aus dem einfachen Grunde, weil diese keine Spur hinterließ und weil es den luftigen Seen nicht beliebte, mit ihrem Vorhandensein so lange zu warten, bis wir an ihren Ufern angekommen waren. Unsre Schätzung der Abstände, in welchen wir diese scheinbaren Wasserspiegel vor uns liegen sahen, auf ein bis zwei, ja drei und mehr englische Meilen war daher gewiß auch sehr betrügerisch.
Nachdem ich diese sogenannte Luftspiegelung gesehen und so oft sie sich zeigte, mit immer erneuerter Bewunderung betrachtet hatte, so mußte ich gestehen, daß doch auch die Wüste ihre Schönheiten besaß.
Auch der Abend, nachdem er gefallen war, nachdem sich schon ein zweifelhaftes Dämmerlicht über den Sandocean verbreitet hatte, bestätigte dies. – Wir befanden uns in der vorletzten Post-Station, als uns einige Passagiere, die draußen standen, zuriefen, daß wir hinaus in's Freie kommen möchten, weil ein wundervolles Schauspiel sichtbar werde. – Draußen angekommen und auf einem Sandhügel postirt, – da sahen wir eine ungeheuer große Kugel – sie war oben halb fleischroth, halb isabellfarben, – wir glaubten, daß es ein Luftballon sei, den man in ein bis zwei engl. Meilen Entfernung von uns in der Sandfläche aufsteigen ließ, – und wir hatten einige Zeit nöthig, um uns zu überzeugen, daß das, was wir sahen, – der volle Mond war, der sich langsam – wie ein ungeheures Gespenst über den Saum der bräunlich-falben Wüste erhob. – Er schien so ungeheuer groß, daß wir hätten glauben mögen, sein Durchmesser betrage mehr, wie gewöhnlich, was natürlich nicht der Fall war und so erhielten wir einen neuen, schlagenden Beweis, wie trügerisch alle Schätzungen über die Verhältnisse von Größe und Entfernung der Gegenstände in einer Wüstenfläche sind, die sich einförmig und kahl nach allen Seiten ausstreckt. –