Ich habe jene Erscheinung, wie gewöhnlich zu geschehen pflegt, Luftspiegelung genannt; sie gehört aber in der That der Lehre von der irdischen Strahlenbrechung an und ist am gründlichsten von Biot erklärt.[39] – Da, wie bekannt, Flüssigkeiten von verschiedener Dichtigkeit ein verschiedenes Brechungsvermögen besitzen, so hat Biot alle Erscheinungen auf mathematische Art erklärt durch die Abweichung der Lichtstrahlen, welche vom Gegenstande zum Auge gelangen, von der geraden Bahn, wodurch nach optischen Gesetzen eine Verrückung des gesehenen Bildes herbeigeführt werden muß. Über dem Wüstenboden aber, den die Sonne bescheint, sind die über einander gelagerten Luftschichten in verschiedenen Graden erhitzt, haben also auch eine ungleiche Dichtigkeit und ein ungleiches Brechungsvermögen der Lichtstrahlen. Diese letztern werden krumme Bahnen (Trajectorien nach Biot) in ihrem Laufe durch diese Luftschichten beschreiben, und da die Dichtigkeit der Luft unten, wo sie am stärksten erhitzt ist, am schwächsten ist, nach oben aber zunimmt, so entsteht von dem Gegenstande, – nämlich dem untern Theile des Himmels, der auf dem Wüstenrande zu ruhen scheint, – bis zum Auge eine nach unten gekrümmte Trajection und das Auge sieht ein doppeltes Bild: 1) das Bild, das durch dieselbe Luftschicht von gleicher Dichtheit in gerader Richtung vom Gegenstande zum Auge geht, also den wirklichen untern Theil des Himmels und 2) das Bild von diesem Theile des Himmels, das, in verkehrter Stellung, durch die gekrümmte Linie zum Auge gelangt und unter dem Wüstenrande oder in der Wüste selbst zu liegen scheint, wo es die Gestalt einer Wasserfläche hervorbringt, in welchem Wasser sich dann auf gleiche Weise das vom Wüstenrande entstandene, verkehrte Bild zu spiegeln scheint.

Die Steine, die in den verschiedenen Gegenden der Wüste, bald mehr, bald weniger zahlreich mit dem Sande vermengt waren oder auf dem Sande zerstreut lagen, waren meistens abgeplattet-kuglige, zwei bis vier Zoll dicke Geschiebe von Quarz, Feuerstein, Hornstein, Achat. Unter ihnen herrschte besonders ein gelblich-bräunlicher in Achat und Onyx übergehender Hornstein vor (s. Suez Nr. 1 im Museum zu Leyden), der sich durch concentrisch-rund um den Mittelpunkt laufende, abwechselnd hellere und dunklere bandförmige Streifen auszeichnet.

Der letzte, westlichste Theil des „Thales der Verirrungen“,[40] den wir durchschnitten, war viel unebner, wellenförmig-hügliger, als alle frühern, doch senkte er sich im Allgemeinen zum tiefer liegenden Nilthale herab. Er blieb in seiner Beschaffenheit den vorigen gleich, nämlich eben so kahl wie diese – und erst als wir diese nord-östliche Vorstadt von Cairo hindurch gefahren waren und aus dem Wirrwarr von elenden aus Erde gebauten Hütten (eigentlicher Höhlen), woraus diese besteht, in's Frankenquartier der Stadt, wo größere Wohnungen standen, gekommen waren, da sahen wir, zum ersten Male seit 22 Tagen, seitdem wir Ceylon verlassen hatten, wieder süßes Wasser, – wirkliches Wasser! – und erblickten zur Seite des gegrabenen Kanals, den dieses Wasser erfüllte, zum ersten Male wieder Bäume, – grüne Bäume! – Wir befanden uns im fruchtbaren Thale des Nil und hielten um 7½ Uhr des Abends (am 12ten October) vor dem Oriental-Hotel in Cairo still (siehe Fig. 18).

Ich hielt mich vom 12ten October an bis in den Abend des 21sten, also neun Tage lang in der Hauptstadt von Egypten, der Residenz des Pascha-Vicekönig's, auf, unterlasse es aber, mich in eine vollständige Beschreibung von Cairo einzulassen, da es, so ziemlich in allen Sprachen, schon genug beschrieben ist.

Jedem Passagier mit der Landpost ist die Freiheit gelassen, die Reise entweder sogleich nach Alexandrien fortzusetzen oder eine Zeit lang hier zu bleiben und einen der folgenden Transporte, die von Bombay aller 14 Tage anzukommen pflegen, abzuwarten und dann mit den Passagieren dieser spätern Transporte seine Weiterreise, auf kleinen Dampfschiffen den Nil herab, nach Alexandrien zu verfolgen. Die Passagescheine bleiben so lange gültig. Das Gepäck der Reisenden, das ohne deren Bemühung von Suez nach Cairo auf Kameelen angebracht wird, bleibt dann so lange in den Packhäusern zu Bulak deponirt. In diesem Dorfe, welches eine Stunde von Cairo entfernt, am östlichen, rechten Nilufer liegt, fand ich schon am Abend des folgenden Tages meine Kisten, zu denen mir der Zugang auf das Bereitwilligste gestattet wurde, um Bedürfnisse, die ich nöthig hatte, herauszunehmen.

 

fig 18

Fig. 18.     Lith. Anst. v. J. G. Bach, Leipzig.

 

Wenn man das platte Dach des Hotels betritt oder den Berg der Citadelle, den höchsten Punkt in ganz Cairo, – oder das Minaret einer Moskee ersteigt und sich auf die Gallerie, die rund um diese Thürmchen läuft, begiebt, so kann man einen großen Theil der Stadt und von der Citadelle aus sogar ganz Cairo mit seinen Umgebungen, – dem angränzenden Nilthale in Westen bis Norden, und der Wüste in Osten und Nord-Osten, – überschauen. Man sieht dann über ein Chaos von niedrigen, doch meist zweistöckigen, oben platten Häusern hin, die viereckigen Kasten mit dunklen Löchern, den Fensteröffnungen, gleichen und die eine eben so schmutzig-braune Farbe haben, wie die angränzende Wüste. Viele davon sind nur aus Erde (Nilschlamm) erbaut und als einst vor 20 Jahren ein Regenschauer fiel, was hier eine große Seltenheit ist, so lief die halbe Stadt große Gefahr, in Schutt zu versinken, nämlich in Wasser aufgelöst zu werden und die Bewohner flüchteten aus ihren Häusern. Nur hier und da schimmert ein besseres, weiß angestrichenes Haus aus dem Wirrwarr der übrigen hervor oder erhebt eine aus Stein erbaute Moskee ihre Minaret's. Das größte Privathaus in der ganzen Stadt ist das Hotel (Fig. 18), in dem wir abgestiegen sind. Es liegt im nord-östlichen Theile der Stadt und hat die Aussicht über die Gartenanlagen des Platzes Esbekieh, an die es gränzt. Dies ist der öffentliche Spaziergang der Bewohner von Cairo, wo sich die Türken des Abends unter den Bäumen mit Lautenspiel und Kaffeetrinken belustigen. Man erblickt daher hier das Grün von Bäumen und Sträuchern, fühlt aber auch den Nachtheil, den die Nähe des Wassers, der gegrabenen Kanäle, welche Esbekieh umzingeln, hat, nämlich Schwärme von Mosquiten, die auch im Innern des Gasthofes nicht fehlen. In allen übrigen Theilen der Stadt ist nirgends einiges Grün zu entdecken, außer den mehr grauen als grünen Wedeln der Dattelpalmen, die hier und da sehr vereinzelt über die Mauern hervorragen. Der Anblick über das Ganze, so wie es daliegt im blendend hellen Scheine der Sonne, wenn man es von einer Anhöhe herab beschaut, ist denn auch mehr eigenthümlich als schön. – Und wenn man sich in das Innere der Stadt begiebt und die engen Gassen durchwandert, die gewissermaßen nur Spalten zwischen den Häusermassen sind und deren Bewohner ihren Nachbarn gegenüber die Hand zureichen können, so stößt man auf den buntesten Wirrwarr, den man irgendwo erblicken kann. Man sieht die engen Kanäle (Gassen) vollgepfropft von Arabern, Türken, Griechen, Kopten, Juden, Malthesern, Franzosen, alle in ihrer Nationaltracht durch einander fluthend. – Kaufleute mit Datteln und andern Herrlichkeiten und Dutzende berittener Esel drängen sich durch's Gewühl hindurch, das an den schmalsten Stellen oft ganz in's Stocken geräth, so daß man weder vorwärts, noch rückwärts kann, – und wenn dann noch ein Kameel mit seiner Last ankommt, das auch hindurch will, ob es gleich den ganzen Raum der Gasse beinahe allein einnimmt, über deren Gewimmel es mit seinem riesenmäßigen Halse hoch hinwegschaut, so läuft man große Gefahr, zerquetscht oder zertreten zu werden. – Dessenungeachtet, als ob die Gassen nicht schon an und für sich selbst eng genug wären, erblickt man überall die Kaufwaaren in Ballen, Körben, Kisten, auf Tafeln und Gestellen vor den Thüren zur Schau ausgestellt.

Ihrem Verlaufe nach bilden die Gassen das größte Labyrinth, das man sich denken kann, sie drehen sich zu hundert Malen, – rechteckig – in den verschiedensten Richtungen hin und her, – bald werden sie breiter, bald wieder schmäler, – bald machen sie endlose winklige Gänge und kommen dann wieder auf denselben Punkt zurück – oder sie theilen sich in zwei bis drei Gassen und diese endigen sich, nachdem sie die wunderbarsten Biegungen, jederzeit in rechten Winkeln, gemacht haben, blind, so daß der Reisende, nach viertelstündigem Wandern keinen Ausweg findend, wieder zurückkehren muß, – und daß ein Wegweiser durch die Stadt einem jeden Fremden, der nicht in der Irre herumlaufen will, unentbehrlich ist. Das schmutzigste Quartier mit den allerschmälsten, oft ganz überbauten Gassen, mit den wunderlichsten Schlupfwinkeln und schiefen Häusern, die den Einsturz drohen, ist das der Juden und aus diesen Gründen wohl besehenswerth. – Manche Theile der Stadt, wo die Häuser theils eingefallen, theils, zum Breitermachen der Straßen, eingerissen sind, liegen ganz in Schutt. – Etwas besser schon ist das Quartier der Kopten, noch besser das der Franken (europäischer Christen), deren größte Zahl hier in Cairo Franzosen sind. Unter diesen findet man besonders Krämer, Schenkwirthe, Halter von Billard- und Kaffeehäusern, Kleiderkünstler, Professoren der Haarschneidekunst und Buchhändler. Viele Franzosen befinden sich im Dienste des Pascha als Offiziere oder Beamte und tragen alsdann das gewöhnliche egyptisch-griechische Kostüm, dessen Kopfbedeckung eine rothe Kappe mit einer großen Troddel von blauer Seide ist.

Das Hotel d'Orient, in dem Theile des Frankenquartiers gelegen, der an den schon oben genannten Spaziergarten gränzt, ist ein geräumiges, vierflügeliges, rund um einen innern, viereckigen Hofraum laufendes Gebäude von drei Etagen, das luftige und reinliche Zimmer enthält. Auch findet man daselbst eine Anstalt, um warme und kalte Bäder zu gebrauchen, für deren jedes man drei Franken bezahlt, – ein Lesekabinet – einen großen Speisesaal, aber eine schlecht besetzte Tafel, auf welcher die Hauptspeisen Hühner- und Hammelfleisch, nebst in stinkendem Fett gedämpftem Reis waren. Die Kost war überhaupt sehr schmal und stand, nach meinem Geschmacke, unter der inländischen Kost der Javaner. Der Gastwirth war ein Franzose (Coulomb, frères). Der tägliche Preis für Kost und Wohnung betrug 10 Francs (8 Schilling oder 4 indische Rupien), für eine Fahrt mit dem Wagen, wenn diese auch noch so kurze Zeit dauerte, bezahlte man 15 Francs (12 Schilling oder 6 Rupien) und für einen Dragoman, einen Türken oder Griechen, der Französisch versteht und als Dolmetscher oder Wegweiser dient, 5 Francs (4 Schilling oder 2 Rupien) täglich. Ein Dutzend Stück Wäsche kostet 2½ Francs.[41] Spottwohlfeil aber waren die Esel, die denn auch zu dem gewöhnlichsten Transportmittel in der Stadt und deren Umgebung dienen und die mit eben solchen dicken, unbehülflichen Sätteln, wie zu Aden, angethan, gewöhnlich zu Dutzenden auf dem Platze vor dem Hotel bereit standen.

Die zu Cairo ansässigen, europäischen Herren, die ich kennen lernte, hatten fast alle mehr oder weniger inländische Gewohnheiten angenommen, sie saßen nicht auf Stühlen, sondern auf niedrigen, breiten Ottomanen, manche auf türkische Art mit untergeschlagenen Beinen, – und rauchten aus langen türkischen Pfeifen, die, von einem Diener schon angesteckt und dampfend, auch uns Gästen angeboten wurden. Manche hielten auch ihren Harem und blieben Christen, wie zuvor. Bei solchen Besuchen hatte ich Gelegenheit, in Erfahrung zu bringen, daß die Wohnungen im Innern doch gewöhnlich viel besser eingerichtet, – reinlicher, wohnlicher, zierlicher und schöner meublirt waren, als man nach ihrem äußern, kahlen und schmutzigen Ansehn hätte erwarten sollen. Die meisten und fast alle von den größern Gebäuden waren vierflügelig und umschlossen einen innern Hofraum, in dessen Mitte sich, oft von einem Paar Bäumen beschattet, ein Brunnen (Cisterne) befand. Um diesen, allen neugierigen Blicken von außen völlig unzugänglichen, Hofraum liefen, wenigstens auf der obern Etage, zierliche offene Galerien herum, in denen sich die Fenster der Zimmer öffneten, während die Außenseite der Häuser nach den Straßen zu nur aus kahlen Wänden bestand. Hier und da sah man auch Luxus, – Fluren und Galeriesäulen waren oft von Marmor und der Boden vieler Zimmer war getäfelt.

Eine dankbare Erinnerung für zuvorkommende Gefälligkeiten, die ich genoß, knüpft sich an die Namen: de Champion (östr. Consul), Annibal Petracchi, Leop. de Rossetti (Spanier), Dr. Bruner-Bey, ein Bayer, Dr. Gaëtani-Bey, ein Spanier, war Leibarzt von Mehmed Ali und Dr. Klot-Bey, ein Franzose, von Ibrahim Pascha.

Die hauptsächlichsten Sehenswürdigkeiten Cairo's und seiner Umgegend sind: verschiedene schöne Moskee'n, die ein jeder gute Christ besuchen darf, wenn er nur seine Schuhe im Vorportale ausziehn will, – die sogenannten Gräber der Khalifen, – die Gräber der Mammeluken, – einige Wasserleitungen auf hohen Bögen, – der Nilmesser auf der Insel (Geziret) el Rudah, Alt-Cairo gegenüber, – die weitläufigen Gartenanlagen und der Palast von Chabra (Schubra), wo Ibrahim Pascha wohnt, am Ufer des Nil zwischen Bulak und Alt-Cairo, – der Obelisk von Mataria (oder Matarieh), nord-ost-wärts ein Paar Stunden von der Stadt, an der Karavanenstraße nach Suez, wo die Ruinen von Heliopolis liegen, – der sogenannte versteinerte Wald, nämlich verkieselte (dicotyledonische) Baumstämme, der Tertiärformation angehörig, in einer drei Stunden von der Stadt entfernten Gegend der Wüste. – Ich will jedoch nur zwei Gegenstände einigermaßen näher hervorheben, die Citadelle und die Pyramiden.

Die Citadelle liegt am süd-östlichen Ende der Stadt auf einem mehre hundert Fuß hohen Felsberge, der sich auf drei Seiten isolirt aus der Fläche erhebt. Nur in Süd-Ost hängt er durch einen etwas tiefern Einschnitt mit dem letzten ziemlich schroff gesenkten Nord- oder Nord-West-Ende des Gebirges zusammen, das den Nil in seinem Laufe auf der Ostseite begleitet und das wegen der steilen, mauerartigen Senkung, die es auf der rechten Seite, nach dem Nilthale zu, bildet, von Cairo an, Tagereisen weit den Namen Dschebel Mokattam (steile Felswand) trägt. Außer den sehr alterthümlichen Festungswerken selbst, den Kasernen und einigen tiefern Brunnen, ist die neue prachtvolle, sehr hoch gewölbte Moskee sehenswerth, welche Mehmed Ali auf dem höchsten Scheitel des Bergs, im Innern der Festung, hat erbauen lassen, und außerdem die Wohnung von Mehmed Ali selbst, die sehr bescheiden ist und in keinem Verhältniß steht zu dem, wenn auch von außen nicht schönen, Palaste seines Harem's, der sich ebenfalls, nebst noch andern Wohnungen oder Palästen, in der Festung befindet. Ibrahim Pascha regierte damals schon, Mehmed Ali hatte abgedankt und galt für blödsinnig. Man sah ihn in einem Zweispänner oft in der Stadt spazieren fahren und die Umstehenden höflich grüßen. Seine Diener machten keine Schwierigkeiten, mich während einer solchen Abwesenheit ihres Herrn in seinem Palaste herumzuführen, der nur ein einstöckiges, ziemlich niedriges Haus war. Selbst in sein Schlafgemach wurde ich gebracht. Die Zimmer sehen ziemlich gut aus, doch war die Pracht, die man erblickte, für einen König von Egypten – den Nachfolger einer Kleopatra – nicht groß. Sie waren übrigens bequem eingerichtet und auf türkische Art mit niedrigen, breiten Bänken versehen, die an den Wänden rund um das ganze Zimmer liefen. Ein Überfluß von seidenen Kissen bedeckte diese Bänke. Auch ein Billard war in einem der Zimmer vorhanden. Mehr, als die Besichtigung dieser Gebäude aber, belohnt den Reisenden die Aussicht, die er von der Citadelle, diesem höchsten Punkte der Gegend, aus gewahrt, für die Mühe der Besteigung. Wenn ich nicht irre, so ist das Telegraphenthürmchen der höchste Punkt des Festungsberges. Man sieht von dort weit über die Stadt hin, in die Wüste hinein, nach Ost und Nord-Ost, wo man mit dem Fernrohr, in der Nähe von Heliopolis, den zweiten Telegraphenthurm erblickt; im Westen liegt das Nilthal, von dem ich aber nur einen bräunlichen Wasserspiegel sah, der sich weit nach Norden in das Delta hineinzog. Es war die Zeit der Überströmung und schon in einer Entfernung von ¾–1 engl. Meile vom westlichen Theile der Stadt fing der Wasserspiegel an, der den ganzen Raum erfüllte bis an den gegenüberliegenden Wüstenrand, worauf sich in West-Süd-West von der Citadelle, zwei schräg hinter einander stehende, spitze Hügel erhoben, die, wenn man sie einmal gesehen hat, nie wieder aus der Erinnerung verschwinden. Es waren die beiden Pyramiden von Gizeh, die ich erblickte. Bis zum Fuße des erhöhten Wüstenrandes, auf dem sie stehn, war das ganze Nilthal nur eine Wasserfläche, ein bräunlich-gelber Spiegel, auf dem eine Anzahl langer, streifenförmiger Inseln zu schwimmen schienen. Dies waren die Dörfer, – und die vereinzelten Dattelpalmen, die sich auf diesen Landstreifen, neben oder in den Dörfern, erhoben, waren das einzige Grün, das man in der Landschaft sah, so weit das Auge reichte. Nackter, falber Sand und ein an Farbe diesem fast gleicher, gelblich-trüber Wasserspiegel war fast Alles, was ich von dem so gefeierten Egypten sah. Die ganze Landschaft war kahl und so weit das Auge reichte, jene Dattelpalmen ausgenommen, die in streifenförmigen Reihen aus dem Wasser hervorragten, ohne Grün. Aber je einförmiger der ganze Umkreis war, desto deutlicher fielen die Pyramiden in's Auge und blickten als Denkmäler, die der Vergänglichkeit trotzen, von ihrem Wüstenrande so stolz über den neun englische Meilen weiten Raum[42] herüber, daß, mit ihnen verglichen, die Inseln im Wasser und die Gebäude der Stadt in ein kleinliches Nichts versanken und man sich leicht in der Schätzung der Entfernung irrte. – Sie sind der Gegenstand, auf dem das Auge des Fremden zuerst haftet, da man sie nicht nur überall vom Nilufer aus, sondern auch vom Dache eines jeden höhern Gebäudes in Cairo erblickt. Man hält sie anfangs für kleiner, als sie sind, weil man die Entfernung zu gering anschlägt und weil alle andern hohen Gegenstände, die zur Vergleichung dienen könnten, in der Landschaft fehlen.

Um die Kolosse in der Nähe zu betrachten, begab ich mich am 15ten October des Nachts um 3½ Uhr in Begleitung eines Dragoman auf die Reise. Wir setzten uns auf unsre Esel und ritten durch die engen Straßen der Stadt, von denen nur eine belebt und mit einer Art von Kronleuchtern beleuchtet war, die von quer über die Straße ausgespannten Tauen herabhingen. Es wurde hier eine Hochzeit gefeiert, es wurde geschmaust und gespielt. Alle andern Straßen waren einsam und todtenstill. Der Mond aber schien so hell gegen die kahlen Mauern der oft klosterartigen Gebäude an, daß es auch in den schmalsten Gassen hell genug war, um ohne Straucheln fortkommen zu können.

Wir erreichten nach einem halbstündigen Ritt durch die Stadt, die in einem tiefen Schlummer lag, das Thor Bab el Seydeh, wo uns augenblicklich eine Wache entgegentrat.

Wie sich in dem Mährchen von Tausend und eine Nacht die Thore bezauberter Burgen öffnen, sobald der Glückliche, der das Geheimniß kennt, das rechte Wort ausgesprochen hat, so geschah es auch hier. Ich sprach nur leise das Wort Derbiel Gamiez (dessen Bedeutung ich gar nicht kannte), – und die Pforte Bab el Seydeh flog knarrend in ihren Angeln vor mir auf. Die Wache trat respectvoll zur Seite und wir schritten zum Thore der Stadt hinaus. Es war nämlich das Wachtwort, das ich vom Befehlshaber der Citadelle erhalten hatte, und das ich dem commandirenden Offizier der Thorwache ganz leise in's Ohr flüstern mußte.

Wir verfolgten nun unsren Weg auf sandigem Grunde zwischen Gartenmauern und anderm Gemäuer, ritten durch den Thordurchbruch unter einer sehr hohen und schmalen Wasserleitung hin, die nur von sehr schmalen, nicht bis zum Grunde reichenden Öffnungen, wie von hohen Bogenfenstern durchbrochen war und setzten unsre Reise dann von Neuem in Winkeln hin und her, zwischen den kahlen Mauern von Gärten fort, über welche, im Mondlichte glänzend, hier und da der Wipfel einer vereinzelten Dattelpalme herüberblickte. Die Wasserleitung ist die Ruine eines sehr alten Werkes, das aber auch jetzt noch dient, um die Citadelle mit Nilwasser zu versehn und sich fast 3000 Meter weit von West nach Ost hinzieht.

Wir kamen ein Viertel vor 5 Uhr am rechten Nilufer an, im Flecken Masr el Antikah, gewöhnlich Alt-Cairo genannt, und suchten uns eine von den vielen Barken aus, die am Ufer lagen. Wir befanden uns oberhalb, südwärts, von der sogenannten Herodes-Insel, Geziret el Rudah, die mit den Gärten und Gebäuden des Ibrahim Pascha bedeckt ist und auf ihrer Südspitze den Nilmesser trägt. Hier schifften wir uns mit unsern zwei Eseln ein und kamen nach viertelstündigem Rudern über den daselbst etwa drei Viertel engl. Meilen breiten Nil im Dorf el Gizeh an, am linken Ufer, das wegen seiner höhern Lage eben so wenig, wie das rechte, in dieser Gegend überschwemmt war. Wir vertauschten die Barke nun wieder mit unsern Eseln, kamen durch ein Campement von Cavalleristen, die in niedrigen Zelten wohnten oder ganz im Freien auf dem Sande umherlagen, neben ihren Pferden, welche mit Sätteln und Allem angethan, ebenfalls in freier Luft campirten, nämlich auf türkische Art mit den Füßen angebunden waren an kurzen Pfählen, die im Sande staken. Wir ritten dann auf schmalen, oft sehr schlammigen Dämmen hin zwischen Feldern, die unter Wasser standen, bis nach 5½ Uhr die mehr und mehr vom Wasser eingeengten Dämme zwangen, wieder eine Barke zu besteigen und unsre Reise bald in tiefen, schlangenförmigen Kanälen zwischen fruchtbaren Feldern von Reis und Mais, die nur zum Theil überschwemmt waren, – bald in dem untiefen Wasser über die inundirten Felder selbst fortzusetzen. Um 6½ Uhr kamen wir rudernd zwischen zwei Dörfern mit viereckigen Steinhäusern hindurch, Thormes und Saft, von deren Straßen viele ganz unter Wasser standen, eben so wie die Dattelpalmen, wovon hier ganze Wälder zu sehen waren. Ihre Stämme, die man in Beziehung zur Kleinheit des Baumes dick nennen konnte, ragten wie graue Säulen empor und waren ganz vom Wasser umfluthet. Ihre Wipfel aber, die mit goldgelben Fruchttrauben überladen waren, blickten freundlich auf den Spiegel des Wassers herab, gleichsam dankbar für den fruchtbaren Schlamm, den dieses Wasser auf dem Boden absetzt. – An andern Stellen, wo das Wasser schon wieder abgezogen war, sah man die Stämme auf dem Schlamme selbst sich erheben, der eine ganz ebne, gelblich-braune Oberfläche bildete. Indem wir so bei nächtlicher Weile unsre Wasserfahrt fortsetzten und uns den westlichen Gegenden des Nilthales mehr und mehr näherten, wurden die überschwemmten Gegenden immer größer, flossen mehr und mehr zusammen, so daß wir bald nur einen meilenweiten See vor uns erblickten, in dem die Dörfer und die Landstreifen, auf welchen Dattelpalmen standen, nur noch isolirte Inselchen bildeten. An allen diesen über das Wasser hervorragenden Stellen war grünes Gras und das Grün der Dattelpalmen sichtbar, außerdem aber sah man ringsherum nichts, wie den Spiegel des bräunlich-gelben Wassers, das bis an den Fuß der Wüstenterrasse, weit von hier in West und Süd-West, reichte. – Zwischen den inselförmigen Dörfern, die durch Erdwälle vor der Überströmung geschützt waren und den schmalen Landstreifen und Dämmen, die hier und da ein bis zwei Fuß hoch aus dem Wasser hervorragten, war die Strömung so stark, daß wir oft vergebens ankämpften und unsre Barke mehr als einmal Gefahr lief, umgeworfen zu werden oder zu scheitern.

 

fig 19

Fig. 19.     Lith. Anst. v. J. G. Bach, Leipzig.

 

In der Ferne sahen wir den breiten Bergrücken, der die Wasserfläche auf der Westseite begränzt; er erhob sich wie eine Stufe, die oben flach und ausgebreitet ist und von seinem Rande in Süd-West blickten die Pyramiden herab. Sie erschienen in ihrem nächtlichen Kleide schwärzlich-grau von Farbe, mit Ausnahme der einen Seite, die, vom Monde beschienen, hellgrau war und weit in die Ferne schimmerte.

Wir kamen näher, sie wurden größer. Als endlich die Sonne über der Wüste aufgegangen war und ihre ersten Strahlen auf die Steinkolosse warf, da fing die eine Seite derselben an, in einem gelblich-falben Lichte zu erglühen, während die andere Seite noch in tiefem schwärzlich-braunen Schatten lag, – und diese Licht- und Schattenseiten standen so grell einander gegenüber, sie waren durch so scharfe Gränzlinien von einander getrennt und eben so grell, mit eben so scharf gezogenen Linien, von dem hellen Blau des heitren Himmels hinter ihnen abgeschnitten, daß wir anfingen, außer von der Heiterkeit des egyptischen Himmels, allmählig auch von der Größe der Pyramiden eine richtigere Vermuthung zu bekommen. – Sie warfen zwei unabsehbar lange schwarze Schlagschatten hinter sich hinaus, zwischen denen der Sonnenschein, indem er zwischen den beiden Pyramiden hindurch auf die Wüstenplatte fiel, einen schmalen Streif bildete.

Man werfe einen Blick auf die kleine Ansicht Fig. 19, welche die Pyramiden so darstellt, wie ich sie zwischen 7 und 7¼ Uhr in Süd-West erblickte, ehe wir das Dorf Kafrah erreichten. Sie lagen etwa noch drei englische Meilen von uns entfernt. Ich habe mich bemüht, die scheinbaren Größenverhältnisse, das Grelle der Beleuchtung und das eigenthümliche Kolorit sowohl der Pyramiden und des Wüstenrandes, als auch des Nilwassers so getreu wie möglich nachzuahmen. Man sieht, daß mit nur geringen Nüancen fast alles falb, bräunlich-gelb ist und daß nur Dattelgrün und Himmelsbläue einige Verschiedenheit von Farbe in die Scene bringen.[43]

Der Mangel aller Verzierungen, die einfache Form der Denkmäler, so wie auch der einförmig-flache Charakter des umringenden Landes, wo man vergebens nach Gegenständen zur Vergleichung sucht, bringen in der Beurtheilung der Größenverhältnisse der Pyramiden eine ungemeine Täuschung hervor. Man hält sie für viel kleiner, als sie wirklich sind, glaubt, daß sie viel näher liegen und kann sich nur mit Mühe überreden, daß diese plumpen Körper höher, als der Dom von Antwerpen sein sollen. Sie scheinen dem Reisenden anfangs nur 70–100 Fuß hoch zu sein und es ist einige Zeit dazu nöthig, bis der Eindruck ihrer Größe seine volle Höhe erreicht hat.

 

fig 20

Fig. 20.     Lith. Anst. v. J. G. Bach, Leipzig.

 

Erst als wir näher kamen, als unten am Strande, am Fuße der Terrasse, worauf oben die Pyramiden standen, Menschen sichtbar wurden, – als wir diese Menschen nebst den Kühen, die sie vor sich her trieben, nur wie kleine schwarze Punkte zu erblicken vermochten, die sich dem Strande entlang bewegten, und als auch die Dattelpalmen, obgleich sie uns doch so viel näher lagen, noch so winzig klein blieben, während man schon am Saume der Pyramiden den Treppenbau und die einzelnen Steine zu erkennen vermochte, – da fingen sie an, uns durch ihre einfache Größe zu imponiren! – Wie kolossal, dachten wir, müssen diese Steinwürfel sein! Und hätten wir den Dom von Antwerpen neben die Pyramiden setzen können, wie würden wir erst über die ungeheuren Massen gestaunt haben! (Höhe der Pyramiden 450 Fuß, des Doms in Antwerpen 443½ und des Münsters in Straßburg 437½ par. Maaß.)

Wir landeten um 7½ Uhr nord-nord-ostwärts von den Pyramiden im kleinen Dorfe Kafrah, das nur aus ganz niedrigen, viereckigen Erdhäusern bestand und durch einen ebenfalls aus Erde, Nil-Schlamm, aufgeworfenen Ringwall vor der Überströmung gesichert war. Es lag also als Insel, ohne alles Grün, ohne eine einzige Palme, mitten im Wasser. Wir bewunderten die schönen blendendweißen Zähne der Männer, die sämmtlich in lange weiße Mäntel gekleidet waren und in Menge aus ihren Hütten kamen, um uns zu sehn. Sie waren höflich und brachten ihre sehr friedsame Beschäftigung mit heraus, nämlich drehende Spindeln, die von der Hand eines Jeden an langen Fäden herabhingen. Sie spannen Baumwolle und fuhren damit so fleißig fort, als wenn sie keinen Augenblick von ihrer Zeit zu verlieren hätten. Womit sich ihre Damen beschäftigten, ist mir nicht bekannt, denn diese blieben unsichtbar.

Indem wir von Kafrah weiter durch die Wasserfläche fuhren, sahen wir noch viele Dörfer, die alle eine und dieselbe Physiognomie hatten, nämlich viereckige, platte, bald nur aus Erde gebaute, bald steinerne und dann gewöhnlich weiß angestrichene Häuser mit dunkeln Fensterlöchern, – nebst Dattelpalmen, die um sie herum standen und die sich auch zuweilen mit ihren geraden Stämmchen waldähnlich am Ufer zusammendrängten. – Alle waren Inseln in einem See und zogen sich immer kleiner, streifenförmiger werdend, bis fern an den Fuß der Wüstenterrasse hinter einander hin.

Wir erreichten diese ein Viertel nach 8 Uhr und stiegen – nach einer bald zu Wasser, bald zu Esel, bald zu Fuß fortgesetzten Fahrt von 4¾ Stunden – am Ufer unterhalb der Pyramiden an's Land.

Das Felsgehänge, das hier vor uns lag, ist von der Wüste her größtentheils mit Sand überschüttet und in Rippen von Sand verwandelt, die, nach unten breiter werdend, sich vom Rande der Terrasse herabziehn. In den obern Gegenden des Gehänges aber sind zwischen den Rippen hier und da die Felswände entblößt und hier öffnen sich an mehren Stellen eine Menge kleiner, viereckiger in den Fels gehauener Kammern, die Katakomben, die aber ihres Inhaltes – der Mumien – gewiß schon seit langer Zeit beraubt waren. Das Gestein, das in horizontalen Bänken liegt, ist ein bleicher, gelblich-weißgrauer, mürber, grober, sehr ungleichförmiger, leicht zerbröckelnder, tertiärer Kalkstein, der fast ganz aus zusammengebackenen fossilen Seethieren, Balanen, Korallen, Muscheln, besonders Nummuliten zusammengesetzt ist (Nummulitenkalk). Siehe Pyramiden Nr. 1 im Leyd. Reichs-Museum. Aus demselben Stein gehauen liegen hier ungeheure, würfelförmige Blöcke, die fast die Höhe eines Menschen haben, auf einander gethürmt; sie bilden einen Damm, der von Ost nach West aus dem Nilthal hinauf zu dem Theile der Wand führt, wo sich die Katakomben befinden. Weiter aufwärts ist auch er mit Sand überschüttet.

Wir kamen nach viertelstündigem Klimmen um 8½ Uhr oben am Rande der Wüstenplatte an und sahen nun die östlichste der Pyramiden von Gizeh, die Pyramide von Cheops, in geringer Entfernung von uns. Eine Menge Araber waren uns aus den benachbarten Dörfern des Nilthales gefolgt, Alte und Junge, deren Jeder etwas verdienen wollte. Einige boten sich an, mich beim Ersteigen der Pyramiden zu unterstützen, – andere trugen Fackeln, um diese beim Besuche des Innern der Pyramiden anzuzünden, andere hatten Trinkwasser in Flaschen und Krügen mitgenommen; – alle aber wollten sie für die Hülfe, die sie dem Reisenden aufdrangen, so theuer, wie möglich, bezahlt sein.

Ich besuchte zuerst das Innere und erkletterte nachher den Gipfel der östlichsten Pyramide, welche für die höchste in Egypten gilt und 450 par. Fuß hoch ist. Ich enthalte mich jedoch einer Beschreibung dieses durch den Besuch großer Alterthumsforscher so bekannt gewordenen Monuments. Mein Zweck konnte nur sein, den Leser mit der äußern Physiognomie des Landes überhaupt und dieser Denkmäler in's Besondere bekannt zu machen. Man klettert über Haufen von Sand und zerbrochenen Steintrümmern etwa bis ein Fünftel der Höhe hinan, wo sich in der nord-östlichen Wand der Pyramide der Eingang zum Innern befindet. Über diesem Eingange war in bunten Farben die Hieroglyphenschrift zu lesen, die R. Lepsius nach seiner Ersteigung der Pyramide (am 15ten October 1842) hier hat einhauen lassen, zum Beweise, daß dem Scharfsinn wissenschaftlicher Forschung auch die Entzifferung der räthselhaftesten Zeichen möglich ist, deren mystische Unauflösbarkeit zum Sprüchwort geworden war.

Beim Besuche des Innern muß man in sehr gebückter Stellung in einem langen, engen und kanalartigen Gange, dessen vier Wände aus geglätteten, polirten Steinplatten bestehen, hinabsteigen oder besser, hinabrutschen, denn der Kanal führt sehr steil und schnurgerade abwärts, und muß nachher auf einem ähnlichen glatten Grunde, auf dem es schwer ist, festen Fuß zu fassen, fast eben so hoch wieder hinaufklimmen und über mehre gefährliche Stellen auf schmalen Vorsprüngen hinwegklettern, um beim trüben Scheine der Fackeln den innern viereckigen Raum zu erreichen, der die Größe eines mäßigen Zimmers hat. Hier steht ein länglich-viereckiger Sarkophag, ohne Deckstück, einer Badewanne ähnlich, der aus einem Stücke desselben Gesteins gearbeitet ist, womit die vormals polirten Wände umher belegt sind, – nämlich aus einem schönen, großkrystallinischen Granit, der, außer röthlichem Feldspath und weißem Quarz, viel schwarze Hornblende und keinen Glimmer enthält, also syenitartig ist (s. Museum in Leyden, Pyramiden Nr. 4[44]). – Überall sieht man die deutlichsten Spuren, daß sich frühere Reisende Stücke von diesem Gestein abgehämmert haben, das schon vor drei- bis viertausend Jahren einmal von der Hand des Menschen bearbeitet wurde, – und ich nahm mir dieselbe Freiheit.

Ich bin zweifelhaft, ob ich das Besuchen des Innern der Pyramiden oder das Ersteigen ihrer Spitze für schwieriger halten soll; letzteres verlangt mehr Kraftentwickelung, das erstere aber ist beschwerlicher, da es zum Theil in gebückter Stellung geschehen muß, im Rauche der Fackeln und zwischen Beduinen. Diese bemühen sich allerdings, es dem Reisenden so leicht wie möglich zu machen und ihn deswegen von aller unnöthigen Last zu befreien, z. B. von seinen Taschentüchern, die sie ihm mit dem, was sie sonst noch kriegen können, hinten aus seiner Tasche ziehn, – aber als Fremder, – gänzlich Unbekannter, in so einsamen abgelegenen Räumen unter einigen Dutzend Banditen zu athmen, kam mir unsichrer vor, als 200 Fuß hoch in der Luft an der schroffen Wand der Pyramiden zu kleben.

Als ich in dieser Höhe angekommen war und mich ermüdet auf einem der schmalen Vorsprünge niederkauerte, als ich von da an der steilen Wand 200 Fuß tief hinabschaute und das weite Nilthal mit seinen Inseln nebst der Wüste so tief unter mir erblickte und – über mir noch 250 Fuß hoch zur obern Hälfte der Pyramide, die ich noch zu ersteigen hatte, hinansah, – da erst steigerte sich das Bewußtsein der Größe von diesen Denkmälern menschlicher Kunst zur Empfindung und es war ganz unwillkührlich, daß sich ein Gefühl der Bewunderung, des Staunens meiner bemächtigte.

Diese Empfindung spannte mich an, meinen Vorsatz zum Erklettern der Spitze nicht aufzugeben, so gefährlich und so schwindel-erregend dieses Geschäft auch war. Die würfelförmigen Steinblöcke, aus denen die Pyramiden emporgethürmt sind, waren derselbe mürbe, mit dem Hammer leicht zertrümmerbare Nummulitenkalk (Pyramide Nr. 1, Reichs-Museum), dessen ich schon oben gedachte. Die Blöcke waren drei bis vier Fuß hoch und darüber; sie waren treppenartig an einander gereiht, so daß man stets von einer Stufe auf die andre klettern mußte. Da aber die Vorsprünge nur schmal und oft nur zwei Fuß breit waren, die Wand der nächsten Stufe sich aber oftmals so hoch erhob, als die Größe eines Menschen beträgt, so würde es unmöglich gewesen sein, sie ohne Leitern zu erklettern, wenn das Gestein an vielen Stellen nicht wäre zerfressen gewesen und Lücken geformt hätte, die in den vormals scharfen Rand der Treppen einschnitten, – ihn rauh, uneben und dadurch zugänglich machten. Oft mußte ich 25–50 Fuß weit auf den schmalen Vorsprüngen in einer horizontalen Richtung hinschreiten, bis ich eine zugängliche Stelle, Lücke, des Randes antraf, durch welche ich auf die höher liegende nächste Stufe gelangen konnte. Auch dieses würde nicht möglich gewesen sein ohne Hülfe der Führer, welche die zugänglichen Stellen kannten und mich im Zickzack hin und her von der einen Stufe auf die andre immer höher hinaufbrachten, bis auf die 450 Fuß hohe abgestutzte, zertrümmerte Spitze der Pyramide, wo ich noch Zeichen vom Besuche des Herrn Lepsius fand, wahrscheinlich dem letzten, welcher diesem Denkmal geworden.

Das Eigenthümliche, zwar weniger Schöne, aber ungemein Großartige der Aussicht, die sich von diesem[45] Standpunkte aus darbot, will ich nicht versuchen zu beschreiben; denn ich befürchte, daß mir dies eben so wenig gelingen würde, als mir die Entzifferung der Hieroglyphen gelang, die man am Fuße der Pyramide eingegraben sieht. – Zur Seite sah man nach Süd-West, West und Nord-West weit in die starre Wüste hinein, nach Süd reichte der Blick aufwärts im Nilthale bis jenseits der Pyramiden von Sakara über Memphis hinaus, – und nach Nord und Nord-Ost blickte man weit in das überschwemmte Delta hinein, über Cairo hinweg bis zu den Ruinen von Heliopolis.

Der Gedanke, auf der Spitze eines Monuments zu stehen, das sowohl das größte und höchste in der Welt ist, als auch das älteste, – dessen Gründung und Bestimmung in ein mystisches Dunkel gehüllt bleibt, – das aber drei bis vier Jahrtausende an sich vorüberfliegen sah, – und von diesem Denkmal herabzublicken auf ein durch Natur sowohl, als Menschenbildung so merkwürdiges, räthselhaftes Land, das die Wiege war uralter Wissenschaft und Kunst und das seit den Zeiten der Pharaonen bis zu dem Helden von der Schlacht an den Pyramiden, der Schauplatz war so mancher welthistorischen Begebenheit, – dieser Gedanke gab der Aussicht, die ich genoß, einen ganz eigenen, träumerischen Reiz, dem ich mich noch länger würde überlassen haben, wenn nicht der kalte Nordwind, der über die Spitze der Pyramide unsanft hinwegpfiff, mich an das Herabsteigen gemahnt hätte.

Ich kam mit zerrissenen Kleidern, doch unzerbrochenen Gliedern, wieder am Fuße der Pyramide an und stieg von da an einer andern, mehr südlich gelegenen Stelle des Wüstenrandes in's Nilthal hinab; ich nahm diesen Umweg, um den großen Sphinx zu besuchen, der eigentlich nur ein stehen gebliebenes Stück ist von der Felswand selbst. Man hat diese ringsherum auf die Art ausgebrochen, daß allein der Theil davon stehen geblieben ist, welcher durch weitere Bearbeitung die Gestalt erhalten hat, die schon sein Name anzeigt. Ich erkannte deutlich die horizontalen Streifen der verschiedenen Schichten, woraus die ursprüngliche Felswand bestand, – das Gebild aber war so kolossal groß, daß ich anfangs von der hintern Seite nichts sah, wie einen unförmlichen Felsthurm und mich auf der Seite des Nilthales, der Ostseite, in eine gewisse Entfernung begeben mußte, um die Züge der Figur zu erkennen, die dann um so frappanter hervortraten, je weiter ich mich davon entfernte.

Von da trat ich meine Rückreise nach Cairo an; die Reise nach den Pyramiden kostete: zwei Esel 4, – eine Barke 2, – zwei Araber, die bei der Ersteigung der Pyramide behülflich waren 4, – zwei andere, die Fackeln und Trinkwasser lieferten 2, – zusammen 12 Schilling.

Nachdem in der Nacht vom 20sten bis 21sten October der Transport der Passagiere von Bombay angekommen war, mit dem ich beschlossen hatte, meine Reise fortzusetzen, begab ich mich am 21sten gegen Abend um 5 Uhr nach Bulak und schiffte mich auf dem kleinen Flußdampfschiffe ein, das diesmal nur 35 Passagiere nach Alexandrien zu bringen hatte.

Von hier schien sich bis zum Fuße des Wüstenrandes nur eine Wasserfläche auszudehnen, die voll von Inseln mit Dattelpalmen war. Ich warf noch einen letzten Blick auf die Pyramiden, die sich auf dem Wüstenrande erhoben und die im falben Grau der Abenddämmerung, 9–10 engl. Meilen weit, zu uns auf die Transitroad herüberblickten, – und überließ mich dann, nachdem unsre Dampfmaschine um 6¼ Uhr in Bewegung gesetzt war, der Zeit und dem Strome, die beide unaufhaltsam dahinflutheten. Wir trieben, oder besser, flogen, von inländischen, arabischen, Lootsen geleitet, pfeilschnell den reißenden Strom hinab, der nirgends ein Ufer mehr hatte, da die ganze nun immer breiter werdende überschwemmte Fläche des Delta's nur ein Wasserspiegel war. Bald hüllte die fallende Nacht alle Gegenstände in ihren grauen Flor und wir mußten die Lokalkenntniß des Lootsen bewundern, der, ungeachtet der weit und breit überschwemmten Ufer und, wie es schien, des Mangels aller sichtbaren Marken, dennoch das mit unglaublicher Schnelligkeit dahin fliegende Schiff im Fahrwasser zu halten wußte.

Wir schifften im westlichen Arme des Nils, der bei Rosette mündet, hinab und kamen um 4½ Uhr des Nachts oder besser des Morgens am 22sten zu Atféneh, oder Atfieh, an, in der Nähe der großen Stadt Fuah, wo wir mit unsrer Bagage in noch kleinern Barken übergeschifft wurden. Denn wir lagen hier am Eingange des schmalen künstlichen Kanales, durch den wir nun bis Alexandrien weiter gebracht werden mußten. – Die Mündung des Kanals liegt nur noch 3½ geogr. Meilen von Rosette entfernt, und 1° 15' nördlicher, als Bulak, bis zu welchem Orte der gradlinigte Abstand 19 geographische[46] Meilen, die vielen großen Krümmungen des Nil aber mit in Anschlag gebracht, gewiß das Doppelte beträgt. Wir hatten also ganz Unter-Egypten (das ganze Delta) von Cairo bis in die Nähe des mittelländischen Meeres in weniger als einer Nacht durchschifft.

Es war 5½ Uhr, als uns ein kleines, seiner Form nach von den übrigen abweichend gebautes Schiff, das nur eine Dampfmaschine mit Schrauben enthielt, an's Schlepptau nahm, um uns durch den engen Kanal zu ziehen, der für die Bewegungen eines Dampfschiffes von größerm Umfang zu klein gewesen sein würde. – Der Kanal macht von hier einen großen Umweg und geht erst wieder rückwärts in einem halbkreisförmigen Bogen nach Süden, um die niedrigen, zum Theil unter Wasser stehenden Umgebungen des See's Etku herum, ehe er sich west-nord-westwärts nach Alexandrien richtet.

Ich muß hier ausdrücklich bemerken, daß am Bord der kleinen, schmalen Flußdampfboote von Cairo bis Atféneh und in den noch kleinern Barken von da bis Alexandrien an kein Schlafen zu denken war, weil 1) der Schiffsraum so vollgepfropft von Reisenden war, daß man froh sein mußte, einen Sitzplatz an einem Tische erhalten zu können und 2) auch keine andern Räume, viel weniger Betten vorhanden waren. Essen und Trinken wurde oft gereicht oder, besser gesagt, die Tafel war die ganze Nacht hindurch gedeckt, aber auf egyptische Art; wenigstens ich dachte dabei immer an Pharao's magere Kühe, deren Fleisch vielleicht noch besser würde gewesen sein, als die Herrlichkeiten, die hier aufgetischt wurden: dünner Thee, schwacher Kaffee, Reis mit stinkendem Fett angerührt, harter Schiffszwieback, magere, halb gargekochte oder gebratene Hühner, – das war so ziemlich Alles. Die Engländer aßen von diesen Leckerbissen mit musterhaftem Appetit und hielten sich auch hier, wie überall, streng abgesondert von andern Nationen, als wenn sie alle nicht britischen Menschen für Ketzer oder alle andern Völker – Franzosen, – Spanier, – Holländer ganz unwürdig ihres Umganges hielten, – eine, wie mich dünkt, nicht sehr liebenswürdige, aber von ausgezeichnetem Eigendünkel zeugende Eigenschaft. Die Franzosen betrugen sich viel mehr als Weltmänner und legten offenbar eine viel feinere, gewandtere Bildung an den Tag, als jene, auf ihre – angelsächsische oder normännische – Nationalität stolzen Söhne Old-England's. Die Römer, bis anno 1 nach Christus und noch etwas später, waren eben so hochmüthig und dachten, das «civis romanus sum» aussprechend, nicht an ihren Fall. – Was ist aus ihrem Reiche geworden? u. s. w.


Als am 22sten October der Tag graute, waren wir noch im Kanale und sahen uns von einer erbärmlich-öden Landschaft umgeben, denn wir erblickten Nichts, wie braune Erdufer und Dämme, die hier und da mit einer ebenfalls aus brauner Erde erbauten Hütte bedeckt waren. Manche dieser Hütten waren viereckig, andere hemisphärisch von Gestalt. Sie waren nur mit einer kleinen Öffnung, nämlich der Thüre, versehen und schwerlich hoch genug, daß die Beduinen, die aus den Löchern hervorkrochen – lauter schmutzige, zerlumpte Gestalten, – aufrecht im Innern stehen konnten. Man hätte sie aus der Ferne für Bienenkörbe halten können, denen sie ihrer Form nach glichen, wenn sie nicht ein wenig größer gewesen wären.

Zu beiden Seiten des Dammes, der nur selten die Spuren von Pflanzenwuchs trug, sahen wir weite kahle Flächen, die bald trocken und sandig oder noch mit feuchtem, braunem Schlamm bedeckt, bald, jedoch sehr untief, oft nur einige Zoll hoch, mit Wasser überschwemmt waren. Es gehörten diese Gegenden dem fast ganz trocken liegenden See Mariut (Mareotis) in Süd-West und dem See Etku, so wie später dem See Abukir, beide in Norden, an, von denen der letztgenannte auch fast ganz ausgetrocknet war. Die beiden letztern blieben also zur Rechten, der erste zur Linken liegen, während wir im engen Kanale von unserer kleinen Dampfmaschine dahingezogen wurden. Etwas Häßlicheres kann man nicht sehen, als diese ganz horizontalen Schlammflächen oder untiefen Wasserlachen, durch die der braune Boden überall hindurchschimmert und die, so weit das Auge reicht, auch nicht die geringste Abwechselung darbieten. Kaum, daß hier und da ein Vogel darin herumwadet. Die Luftspiegelung allein war es, welche der Landschaft einigen Reiz verlieh und hier war es in der That schwer, zu unterscheiden, wo man wirkliches Wasser oder wo nur den Schein von Wasser sah.


Der Erdwall des Kanals ging endlich in Mauerwerk über und es erschienen wieder Dattelpalmen in Gärten, die mit Mauern umgeben waren. Diese lehnten sich einem niedrigen Hügelrücken an, der sich von Süd-West nach Nord-Ost in weite Ferne hinzog. Wir sahen nämlich den schmalen, erhöhten Landstreifen vor uns, der zwischen den überschwemmten Flächen Egypten's und dem mittelländischen Meere als Bollwerk daliegt, – wir erblickten immer mehr und mehr Spuren menschlicher Kunst, – Gebäude, Pflanzungen, – und kamen um 11¾ Uhr zu Alexandrien an, das auf einem in's Meer hinausragenden Felskap dieses Bergstreifens erbaut ist.

Wir konnten von dem Ende des Kanals, wo unsre Barke anlegte, die Wanderung in die Stadt nach Belieben auf Eseln machen oder auch eine Art von Omnibus besteigen, die sich zu dem Behufe eingefunden hatten. Auch unser Gepäck wurde auf Eseln oder Kameelen in die Stadt gebracht, die viel größere palastähnliche Gebäude, zahlreichere Gasthöfe enthält, und als viel besuchter Hafenort, als der Sitz der fremden Gesandten, – als Wohnplatz vieler europäischer Kaufleute, auch ein ungleich mehr europäisches Ansehn hat, wie Cairo. Die Umgebungen der Stadt sind aber viel weniger schön, viel öder und einförmiger und bieten, außer einigen Obelisken und andern Ruinen, dem Reisenden weniger Sehenswerthes an, als die erstgenannte Stadt.

III. Von Egypten bis nach Holland.

Ich hatte zu Alexandrien die Wahl, meine Reise nach Europa mit einem englischen, französischen oder deutschen Dampfschiffe nach Southampton, Marseille oder Triest fortzusetzen; ich wählte den letztern Weg und schiffte mich den folgenden Tag (23sten October) um 2 Uhr am Bord der Germania ein. Es war nämlich das Schiff Nr. XXV. von der österreichischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft: Lloyd. Das Schiff war vortrefflich eingerichtet, selbst prachtvoll und übertraf sowohl an Glanz, als an Bequemlichkeit die englischen, auf denen ich von Singapur bis Suez gefahren war. Die Tafel war ausgezeichnet, die Offiziere und übrigen Schiffsleute waren höflich, zuvorkommend, – leider aber fehlte es an Gesellschaft; denn außer einem jungen Italiener war ich der einzige Passagier, der sich nach Germania hatte wagen wollen! – Ein Dutzend Engländer hatten allerdings wohl Lust gehabt, die Reise durch Deutschland zu machen, sich aber durch die Furcht, zwischen Windischgrätz und der deutschen Nation in die Klemme zu gerathen, davon abschrecken lassen. – Eine solche Aussicht war für mich freilich auch nicht sehr einladend, aber heiligere Pflichten und Gefühle zogen mich dorthin und stählten meinen Vorsatz, ungeachtet der Gefahr, durch politische Wirren aufgehalten zu werden.

Den 24sten durch das mittelländische Meer nach Nord-West dampfend, sahen wir kein Land; – den 25sten früh aber waren wir der Insel Candia (dem alten Kreta) gegenüber, deren hohe Gebirgszüge fast den ganzen Tag sichtbar blieben. Ihr eingerissenes durchschluchtetes Gehänge stieg steil aus dem Meere empor und erhob sich zu einem schroffen Kamm, der weißlich in die Ferne schimmerte, während das Ganze ein mehr grau-falbes, kahles, sehr steriles Ansehn hatte. Wir blieben stets zu weit vom Lande entfernt, um den Küstensaum erblicken zu können, sahen daher nichts, wie diese schroff durchfurchte, bleiche Gebirgskette, die sich Tagereisen weit auszudehnen schien. – Theils auf dem höchsten Kamme der Kette selbst, theils mehr unter diesem, sahen wir einen streifenförmigen Zug von geballten Wolken hängen, der so lang wie die Kette selbst war und unbeweglich starr am Gehänge gelagert blieb, während sich der ganze übrige Himmel durch eine vollkommene Heiterkeit auszeichnete. Dies waren die ersten Wolken, die ich seit meiner Abreise von Ceylon wiedersah.

Am Morgen des folgenden Tages (den 26sten October) war es der südliche Theil von Morea (der Pelopones), dessen mäßig hohe, in vielen Reihen hinter einander liegende Gebirgszüge wir zu unserer Rechten erblickten und am fernen Horizont zur Linken zeigten geballte Wolkenlagen, bei übrigens heitrem Himmel, das Vorhandensein von Land an der Stelle an, nämlich von Calabrien, über dessen Gebirge sie sich verdichtet hatten.

Wir fuhren zwischen 10 und 11 Uhr vor dem Meerbusen von Arkadien hin, dessen mäßig hohe Bergzüge zur Rechten sichtbar waren und näherten uns der Straße zwischen dem nördlichen Theile von Morea und der ionischen Insel Zante, deren Südküste als steile Mauer von bleicher Farbe aus dem Meere emporstieg. Wir schifften nun durch klassische Gewässer und sahen den klassischen Boden von Griechenland, von dessen alter Größe aber leider nur Ruinen zurückgeblieben sind und hier und da ein Name, der wie ein verlorener Schall aus dem romantisch-schönen Alterthume heraufklingt. Zwischen 1–2 Uhr hatten wir die Hauptstadt der Insel Zante zur Linken. Wir sahen ein Chaos weißlicher, viereckiger Häuser am steilen Südfuße eines Berges liegen, an dessen Gehänge – amphitheatralisch über einander erbaut – sich noch viele Gebäude hinanzogen, während vom Scheitel des Berges selbst die Mauern der Festung niederschauten, welche die Stadt beherrscht. Nach Norden verlängert sich dieser Festungsberg in einen Rücken, der sich allmählig tiefer senkt und noch mit vielen weißen Gebäuden bedeckt ist, die aus dem Gebüsche der Oliven und anderer pyramidaler (cypressenartiger) Bäumchen hervorschimmern. Dazwischen sieht man auf geebneten Terrassen auch gelbe Streifen, die wahrscheinlich reifes Getreide sind und hinter den vordern Bergen ragt noch eine fernere, höhere Bergkette empor.

Aber viel höher als diese und in ihren Umrissen noch mehr an die Form von Kegelbergen erinnernd, sind die Gebirge der Insel Cephalonia, die uns, vorn zur Linken, allmählig näher rückte, je weiter wir zwischen den ionischen Inseln und dem Eingange zu dem Meerbusen von Corinth (dem Golf von Lepanto) dahin dampfend nach Norden kamen. Es war von 3½–5 Uhr, als wir dieser Insel auf der Ost- (Nord-Ost-) Seite vorbeifuhren. Ihre doppelten Bergzüge stiegen zu einer imposanten Höhe empor und die weißlichen Häuser und dunklen Bäume erschienen ihren bräunlichen Böschungen wie angeklebt. Sie lagen schon im Schatten der hinter ihnen stehenden Sonne und blickten düster und steil auf uns herab. – Wir hätten zwischen 5–6 Uhr glauben können, uns in einem Gebirgssee zu befinden, denn wir waren ringsherum auf allen Seiten von hohen gebirgigen Ländern eingeschlossen, – hinten und zur Linken lag Cephalonia, links und vorn Ithaka, rechts die kleine Insel Atako, hinter ihr die viel höheren Gebirge von Griechenland (Akarnanien) und vorn, die Aussicht schließend, die Insel Leucadia (Sta Maura). Es war ein malerischer, schöner Anblick. Auf unserer linken Seite, wo die Gebirge im Schatten lagen, war alles bräunlich dunkel und an den Gehängen von Ithaka wechselten viereckige, bräunliche (kahle) und dunkle (begrünte) Felder mit einander ab, – aber auf unserer rechten Seite, in Ost, lächelte auf dem Berggehänge noch der helle Schein der immer tiefer sinkenden Sonne und hier konnten wir die Olivenwälder deutlich erkennen, die dem hellern (hellfalben oder bräunlich-grauen) Grunde ein grün beflecktes und betüpfeltes Ansehn gaben. Und es schien uns, daß Alles Waldige, Dunkle, das wir, selten in zusammenhängenden, größern Flecken, sondern meistens nur in mehr oder weniger gedrängten, runden Tüpfelchen (Punkten) auf den ionischen Inseln sahen, stets Olivenbäume waren. Der Boden dazwischen schien eine helle Farbe zu haben und gelblich, bräunlich-grau oder hellbraun zu sein; da, wo sich Wege befanden, erkannte man diese als weiße, gerade oder geschlängelte Linien, die sich an den Wänden hinzogen.

Die kleine Insel Atako, die uns um 5½ Uhr gerade rechts gegenüber lag, erhob sich steil als eine hellfarbige Felsmauer aus dem Meere und bildete dann einen gerundeten Bergwulst, der waldbetüpfelt war, und noch mehr so betüpfelt zeigte sich Ithaka zu unserer Linken. Wir sahen um 6 Uhr noch die weißlichen Häuser eines Dorfes, das dem Berggehänge der letztgenannten Insel angebaut war und kamen ihm so nahe vorbei, daß eine Anzahl von gelblich gefärbten Windmühlen, die theils am Abhange, theils oben auf der Firste des Bergrückens ihre großen Flügel herumdrehten, einen recht sonderbaren, bizarren Effect auf uns hervorbrachten, die wir in schneller Fahrt dahinschifften.

Das nördliche Ende von Ithaka, hinter dem sich Cephalonia eben so weit nach Norden fortsetzt, lag uns um 7 Uhr zur Linken, während wir zwischen den Inseln hinaus nach Westen steuerten; zur Rechten hatten wir das Südende von Leucadia; das Meer wurde nun wieder weiter, die Ufer traten zurück und entzogen sich bald in der Dämmerung der fallenden Nacht gänzlich unsern Blicken. Das Wetter war fortwährend heiter, die Luft still.

Erfreulicher noch, als der Anblick der obengenannten Insel von mehr europäischer Physiognomie, war für mich der Eindruck der größern Kühle, die sich nun erst, am Abend des heutigen Tages, recht deutlich fühlbar machte; – das Abendroth war weniger farbig, als ich es zwischen den Wendekreisen zu erblicken gewohnt war, – es sah gleichsam frostiger aus und es war mit innigem Behagen, daß ich die wohlthätige vaterländische Luft athmete!

Ich hatte nun seit meiner Abreise aus Ostindien, von Java auf der Südseite des Äquators bis hierher 45 Breitengrade durchschnitten und Gegenden durchreist, deren Naturphysiognomie mit der Annäherung an den Pol sich mehr und mehr veränderte. Es waren besonders drei Kulturgewächse, die ich in dieser Ausdehnung des Erdballes gesehen hatte, wo sie eben so eigenthümlich für die Physiognomie des Landes auftreten, als sie für die Bewohner desselben von unentbehrlicher Wichtigkeit sind: die schlanken Kokospalmen in Indien, wovon ich noch auf der Südküste von Ceylon ganze Wälder sah, – die Dattelpalmen in Arabien und Egypten – und die kleinen graugrünen Olivenbäume, nebst den Reben in Süd-Europa. – Die Kälte nimmt von jenen bis zu diesen allmählig zu, die Üppigkeit der Natur nimmt ab und in gleichem Maaße erheben sich stolzer die Werke von Menschenhand. – Errichtete Kreuze und Kapellen blicken bedeutungsvoll nieder von den bebauten Höhen, – und anstatt der üppigen Urwälder Indien's treten Kirchen und Kirchthürme auf mit Glocken, gleichsam um uns den nahen Eintritt zu verkündigen in eine vierte noch nördlicher liegende Zone von Kulturbäumen, – ich meine die Obstgärten der heimathlichen Äpfel und Birnen.

Auf unserer Weiterreise durch's adriatische Meer sahen wir den folgenden Tag (27sten October) das hochgebirgige Land der Türkei (Epirus und Albanien), das aber oft in weiter Entfernung vor unsern Blicken verschwand und auch den 28sten waren die viel weniger hohen Bergzüge an der Küste von Dalmatien sichtbar. Wir erblickten von der großen Menge Inseln, welche dieser Küste vorliegen, des Morgens früh zuerst Busi und St. Andrea, die zur Linken und die größere Insel Lissa, die zur Rechten liegen blieb, während wir zwischen beiden hindurchfuhren.

Als ich am Morgen dieses Tages die Sonne anstatt, wie seit einem Dutzend Jahren immer, um 6 Uhr, erst um 7 Uhr aufgehn sah, als ich den Himmel, der seit meiner Abreise von Ceylon stets heiter geblieben war, zum ersten Male wieder voll von grauen Wolken erblickte und dabei die immer mehr zunehmende Kühle der Luft empfand, – kam es mir vor, als wenn Alles, was mich umgab, Luft, Wasser und Land, die Sterne des Himmels nicht ausgenommen, anfinge zu sprechen und mir in einer stummen, aber allerverständlichsten Sprache zuzurufen, daß ich mich nun an der andern Hälfte des Erdballes befände, fern, fern vom Äquator. – Besonders das späte Aufgehn der Sonne, das, die größere Annäherung an den Pol kund gebend, im nördlichen Theile des adriatischen Meeres immer mehr auffiel, war es, das einen tiefen, nicht leicht zu beschreibenden Eindruck auf mich machte.

Doch sollte ich auch hier etwas sehen, das mich lebhaft an Java erinnerte. Es waren die Berge Dalmatien's, die von des Morgens an bis in den Mittag sichtbar waren. Sie sahen dem java'schen „Tausend-Gebirge“ (Gunung-Sewu), das auf der Südküste zwischen Jogiakĕrta und Patjitan liegt, so außerordentlich ähnlich, daß ein Ei dem andern nicht besser gleichen kann und daß ich mich sehr irren würde, wenn beide nicht auch ganz und gar dieselbe petrographische Zusammensetzung hätten, nämlich aus Kalkstein bestehn. So viel ich weiß, ist in Dalmatien die Juraformation verbreitet. Jene auf Java aber sind tertiärer, dichter Kalkstein, ganz von Höhlen durchzogen. Und so wie diese sind auch die Berge Dalmatien's ihrer Form nach lauter isolirte, hemisphärische Hügel und Hügelwellen, zu Tausenden neben einander liegend, alle abgerundet und durch mehr oder weniger hohe Zwischenräume mit einander zu einem Ganzen verbunden, gleich runden Höckern, Warzen auf der Oberfläche eines Körpers. Hier und da senkten sie sich in eine schroffe Küstenmauer herab. Sie lagen in einer bräunlich-fahlen, olivenfarbenen Schminke da. – Von den Bergzügen Italien's bekamen wir auf unsrer Reise durch das adriatische Meer nichts zu sehen, weil unser Cours der östlichen Küste entlang ging.

Ein trüber, bewölkter Himmel hatte uns gestern schon in die Nähe der Küsten von Europa eingeführt und ein echtes, europäisches Regenwetter bewillkommnete uns am Morgen des 29sten October daselbst. Es war der erste Regen wieder seit Ceylon, den wir beobachteten. Weil in der feinen Regenluft alle Signale an den Ufern unsichtbar waren, so hatten wir uns schon in der Nacht genöthigt gesehen, uns vor Anker zu legen und es war schon 7 Uhr vorbei, als wir unser Schiff wieder in Bewegung setzten.

Wir befanden uns um 8 Uhr dem Leuchtthurm auf Cap Salvore (Punta di Salvore) gegenüber, – es war ein flach convexes Land, olivenfarbig mit Bäumen, Dörfern und einzelnen Gebäuden besetzt, – darauf folgte eine tiefe Bucht, worin mehre große Schiffe lagen, – dann kam ein zweites Cap mit der Stadt Pirano, die am Fuße und Abhange des vorspringenden Gebirges lag, – der Anblick des Landes und der Wohnungen, die es bedeckten, wurde immer europäischer – dann kamen wir einer zweiten Bucht vorbei, in deren Hintergrunde die Stadt Capo d'Istria lag, – wir näherten uns also immer mehr dem nord-östlichen Ende des Meerbusens zwischen dem Flachlande von Venedig und der Halbinsel Istrien – und ließen um 9½ Uhr unsre Anker fallen auf der Rhede von Triest.

Da lag die prächtige Stadt. Ihre weißen Häuser und Paläste erhoben sich im Amphitheater, bis zur Citadelle hinauf, das eine über dem andern und erschienen dem olivengrünen Gebirge wie angeklebt. Noch hoch am Gehänge ragten stolze Kirchen und Klöster empor und kleine Villen zogen sich hinan bis dicht unter den Saum der lang hingestreckten Kette, die steil und schroff auf die Schiffe an ihrem Fuße herabsah. – Dieses stolze, doch freundliche Bild traf unser Auge!

Es war Sonntag – und das Erste, was unser Ohr vernahm, – seit 13 Jahren zum ersten Male wieder – war Glockengeläute! – ein so feierliches Getön aus allen Kirchen und Kapellen der Stadt, – ein so harmonischer Klang, der an sich schon mächtig, ahnungsvoll und zur Andacht stimmend, mich an die Jahre meiner Kindheit erinnerte, und mich mit einer Wonne, einer Wehmuth erfüllte, die ich nicht abzuwehren vermochte. – Glückliche Jahre des Glaubens, – des unbedingten Glaubens an die Heiligkeit, die sich mit diesem Geläute verband!

Es bannte mich denn auch jetzt noch durch seinen Zauber und hielt mich gefesselt an die Verschanzung des Schiffes, wo ich still-lauschend, mich noch länger den Eindrücken dieser Glockentöne würde überlassen haben, wenn die Welt nicht so voll von Contrasten wäre, und wenn nicht die Douanen mich aus meiner Träumerei geweckt hätten.

Diese kamen unsre Koffer zu untersuchen, die wir öffnen mußten. Sie waren jedoch sehr höflich und bescheiden und ließen selbst einige Kisten Cigaren (sonst scharf verbotene Waare in Österreich) passiren, da wir ihnen den Beweis lieferten, daß sie nur für den täglichen Gebrauch bestimmt seien. Auch die Gesundheitsbeamten, die gekommen waren, sich nach unserm Wohlbefinden zu erkundigen, fanden es gut, daß wir keine Pest aus Egypten, sondern nur Cigaren aus Manilla mitgebracht hatten, die sie schmackhaft fanden.

Ich stieg nun in einer christlichen Schaluppe an's Land gegen christliche Bezahlung und nahm meinen Einzug in ein großes drei- oder vierstöckiges Hotel, das gewiß erst seit kurzer Zeit den Namen Hotel National führte, den es, wenn ich nicht irre, jetzt (1851) nicht mehr führen wird.

Dreimal täglich, um 10, 3 und 9 Uhr geht von Triest ein kaiserlicher Postwagen ab, der die Reise nach Laibach in 12 Stunden zurücklegt. Der Preis für einen Passagier mit 40 Pfund Bagage ist 7 Fl. 52 Kr. und für jede 100 Pfund Bagage mehr 2 Fl. 40 Kr. (nämlich österreichische Gulden, deren 8 auf 10 holländische gehen). Von Laibach nach Salzburg geht nur jeden Dienstag und Sonnabend, um 1 Uhr des Mittags ein Postwagen ab. An der Eisenbahn, die, um den Karst zu vermeiden, von Triest einen weiten Umweg nach West machen muß (erst am Strande hin, dann über Monfalcone, Görz und Idria nach Laibach), wurde damals noch gearbeitet. Erst eine Tagereise weit, auf der andern (Nord-Ost-) Seite von Laibach, war sie vollendet und lief von Cilli bis Wien.

Ich ging den 31sten um 10 Uhr mit der Post von Triest weg. Das steile Berggehänge, an dessen süd-westlichem Fuße die Stadt liegt, zieht sich von Süd-Ost nach Nord-West der Küste entlang hin. Die Straße fängt gleich auf der Nordseite hinter der Stadt an emporzusteigen und windet sich bald in Schlangen-, bald in Zickzacklinien an diesem Berggehänge hinan, das bis hoch hinauf in Terrassen und Gärten umgeschaffen und mit Gartenhäusern geziert ist, die auf diesen Terrassen stehn. Es ist der seewärts gekehrte Abfall des Karstplateau's und trägt auf seinem untersten Gehänge und Fuße die Stadt.

Hier war Alles noch grün, die Matten waren mit Gras bedeckt, aber die Weinranken in den Gärten und auf den Terrassen, die Aprikosen- und andern Fruchtbäume, die dort standen, fingen doch schon an, sich zu entfärben, – denn der entblätternde Hauch des Herbstes nahte heran. Wir sahen eine Menge kleiner Steinbrüche zur Seite des Weges, in denen einige wenige Arbeiter beschäftigt waren. Man erkannte hier, daß das Gebirge vorherrschend aus einem seinen, hellgrauen Sandstein (höher oben aus Kalk) bestand, der in ½–3 Fuß dicken, gewöhnlich stark geneigten, geraden, zuweilen aber auch wellenförmig gebogenen Schichten vorkam.

Wir kamen um 11½ Uhr auf dem mehr als 1000 Fuß hohen Rande der Bergwand an.[47] Die Aussicht, die wir hier genossen, über das stolze Triest mit seinen Palästen und Gartenanlagen, der Rhede mit ihren Schiffen und über das Meer west-süd-westwärts, in der Richtung nach Venedig zu, war entzückend. Die Stadt lag im Süden von diesem höchsten Punkte des Weges. – Nach der andern Seite zu, nach Nord und Nord-West, ging der Rand nur sanft gesenkt in das unebene Plateau des Karstgebirges über. Plateau mag es im Allgemeinen genannt werden. Es ist eine rauhe, wellenförmig unebene Gebirgsfläche, in welcher häufig weißgraue Kalkfelsen hervortreten und die überhaupt ein wüstes, felsig-rauhes Ansehn hat. Hier und da sieht man horizontale oder nur sehr sanft geneigte Felsplatten (Bänke), deren steil abgebrochene treppenförmige Ränder mehr oder weniger kubisch zerspalten sind. Besonders aber zeichnet sich dieses Gebirgsland aus durch die vielen kleinen, bald flach convexen oder kesselförmigen, bald mehr hemisphärischen, bald trichterförmig tiefen und steilen Senkungen, die man überall in der Oberfläche antrifft. Manche dieser Senkungen sind im Grunde flach oder nur sanft vertieft, mit fruchtbarer Erde bedeckt, mit Gemüse, mit Wein oder andern Fruchtbäumen bepflanzt, – andere, die sich schroffer hinablassen, gleichen mit den weißgrauen Felswänden, die sie umgeben, kleinen Kratern, alle aber haben sie große Ähnlichkeit mit den kesselförmigen Vertiefungen im Kalkgebirge Gunung-Sewu auf Java und scheinen entstanden zu sein durch den Einsturz der Gewölbe von Höhlen, die sich unter ihnen befanden.

Diese Übereinstimmung zwischen zwei zu verschiedenen geologischen Formationen gehörenden Gebirgen ist bemerkenswerth. Doch fehlen dem Karstplateau (das aus Jurakalk besteht) jene Tausende von hemisphärischen Hügeln, womit die Oberfläche des – tertiären – Gunung-Sewu auf Java besetzt ist. – Diese rauhe Gebirgsplatte war nur mit einer spärlichen Vegetation bedeckt, – nämlich mit Gebüsch und mit kleinen Bäumen, unter denen eine 10–20 Fuß hohe Eiche (Quercus Cerris L.) am häufigsten war. Die baumartige Haide (Erica arborea L.) war nicht selten. Hier und da kamen liebliche Grasplätze zwischen diesen niedrigen Bäumen oder zwischen den kahlen Felsplatten und Felshöckern vor und von Zeit zu Zeit traf man ein Dörfchen oder ein kleines Gehöfte an.

Erst später, von 12 oder 1 Uhr an, ebnete sich die Gegend, die grünen Triften dehnten sich mehr und mehr aus, die fruchtbaren Felder, die Gärten nahmen an Umfang zu, – die Weinhecken wurden zahlreicher und die hübschen Dörfer häufiger, welche gute, steinerne Häuser hatten. Gewöhnlich lagen diese mehr bebauten Gegenden in sanften Vertiefungen, flachen Mulden der Bergplatte, in denen sich vorzugsweise die fruchtbare Erde schien angehäuft zu haben und diese kleinen Kesselthäler der Platte zwischen den Anhöhen, die übrigens nicht mehr so vorherrschend felsig waren, als in der Nähe von Triest, waren reich bebaut. Mein Auge weilte mit Entzücken auf diesen sanften Thalgründen, die den Reisenden um so freundlicher anlächelten, je starrer, felsiger oft die nächste Umgebung ist. Außer den wildwachsenden Bäumen, namentlich den Eichengebüschen und den überall häufig angepflanzten Reben sah ich hier zum ersten Male wieder Kirschen- und Äpfelbäume! – O, wie schön kamen sie mir vor, als ich sie nach einer 14jährigen Trennung zum ersten Male wiedersah und als ich ihnen im Stillen zurief: seid mir gegrüßt ihr alten vertrauten Gestalten, – denn mit Euch fängt meine Heimath an. – Daß ihre Blätter schon anfingen, sich zu entfärben, daß der nordische Herbst aus vielen schon zum Theil entlaubten Gebüschen hervorguckte, – das gab ihnen einen desto größern Reiz. Denn ich konnte ihren Anblick gleichsam nur genießen, indem sie entflohen, – die Zeit war kurz, – der Winter nahte. – Später erschienen Hagebutten (Rosa canina) u. s. w. Willkomm! – Evonymus europaeus trat auf, mit dessen Früchten ich als Kind die Rothkehlchen gefüttert hatte, – Brombeeren (Rubus-Arten) erschienen und ich rief ihnen zu: Ihr alten Bekannten, von Herzen willkommen!

Der Leser wird vielleicht lächeln, wie diese so wenig geachteten, europäischen Sträucher mich so zu entzücken vermochten, – und doch kann ich im Ernste versichern, daß ich nie in meinem Leben eine größere Freude empfunden habe, wie damals, als ich die stummen Gefährten meiner Jugend seit so langer Zeit zum ersten Male wiedersah.

Die Formen von Berg und Thal wurden immer sanfter, die Felder immer größer und schöner, die grünen Triften immer ausgedehnter und die Heerden zahlreicher, die auf ihnen weideten. Liebliche Dörfer mit weißen Mauern und rothen Dächern sah man in den Gründen und braune schon halb entblätterte Eichenwälder auf den Höhen. Wir näherten uns immer mehr, in der Richtung nach Nord-Ost, den so fruchtbaren, schönen Gegenden des mittlern Krain, den sogenannten Julischen Alpen.