Title: Zwei Jahre in New-York
Author: Christoph Vetter
Release date: October 9, 2014 [eBook #47079]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Credits: Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
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images generously made available by Bayerische
Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)
Schilderung einer Seereise von Havre nach
New-York
und
Charakteristik des New-Yorker politischen
und socialen Lebens.
Nach eigenen Erfahrungen
dargestellt
von
Christoph Vetter.
Hof.
Im Selbstverlage des Verfassers.
1849.
Den Freunden zur Erinnerung!
Den Lesern zur Unterhaltung!
Den Auswanderern zur Belehrung und Warnung!
von
dem Verfasser.
Es wird keiner Entschuldigung bedürfen, daß der Verfasser der folgenden Bogen mit einer Charakteristik des New-Yorker politischen und socialen Lebens vor das Publikum tritt. In dieser Zeit ernster Kämpfe hat Alles, was sich auf Amerika bezieht, einen doppelten Reiz erhalten, da Tausende auf dem westlichen Festlande allein Freiheit, Ruhe und Bürgerglück zu finden hoffen.
Bei meiner Arbeit hat mich die Ueberzeugung geleitet, daß mancher Leser, der sein Vaterland nicht zu verlassen gedenkt, nicht ohne einiges Interesse Kunde von einer Stadt erhalten wird, in der sich großentheils das ganze amerikanische Leben concentrirt; Auswanderer werden manchen Rath und manche Anweisung finden, deren Befolgung ihnen um so mehr von Nutzen sein wird, als den Verfasser die strengste Wahrheitsliebe geleitet hat. Für sie ist besonders die Schilderung der Seereise geschrieben.
Wenn ich in dem Büchlein hie und da meiner Person Erwähnung that, so möge dies der Leser nicht etwa einer kleinlichen Eitelkeit, sondern vielmehr dem aufrichtigen Wunsche zuschreiben, durch eine Darstellung meiner eigenen Erlebnisse den Auswanderer auf die Gefahren aufmerksam zu machen, welchen er entgegengeht; er soll durch die Erzählung meiner Schicksale und Erfahrungen lernen, den Muth bei getäuschten Hoffnungen zu behaupten, da Ausdauer immer, wenn auch spät, zum Ziele führt.
Diese Blätter machen keinen Anspruch auf einen höheren Werth; ihr Zweck ist vollkommen erreicht, wenn sie dem Freunde ein Lächeln entlocken, dem Leser einige Stunden Unterhaltung bereiten und die Auswanderer zur Vorsicht ermahnen. Mit der Bitte um eine wohlwollende Beurtheilung sende ich sie wenige Wochen vor meiner Rückreise in die Welt; ein theurer Wunsch ist mir erfüllt, wenn sie dazu beitragen, daß mir auch in die Ferne das Wohlwollen der Leser, wie die Liebe und Erinnerung meiner Freunde und Bekannten folgt.
Rehau, im October 1849.
Der Verfasser.
| 1stes Capitel. | Seite |
| Havre. Eine Landsmännin. Elend armer Auswanderer. Die Makler im Havre. | 1-6 |
| 2tes Capitel. | |
| Die Einschiffung. Der Capitain und der Schnurrbart. | 6-10 |
| 3tes Capitel. | |
| Die Einquartierung. Die Seekrankheit. Mittel gegen dieselbe. | 10-14 |
| 4tes Capitel. | |
| Angst und Vaterfreuden. Eine Kindtaufe und ein Taufschein. | 15-19 |
| 5tes Capitel. | |
| Ein Sturm. Damenhüte. Bemerkungen über die Einwanderung in Nord-Amerika. | 19-25 |
| 6tes Capitel. | |
| Napoleon. Baldiges Ende der Seereise. Unerwarteter Aufenthalt. Land. Die New-Yorker Piloten. | 25-31 |
| 7tes Capitel. | |
| Schilderung der Küste. Staatenisland. Die Makler in New-York. | 31-41 |
| 8tes Capitel. | |
| Die deutsche Gesellschaft und der deutsche Volksverein. | 41-45 |
| 9tes Capitel. | |
| New-York. Die Battery oder der Castlegarden. Der Broadway. Astorhaus. Das Amerikanische Museum. Der Park und City-Hall. Die Vorfeier des vierten Juli. | 46-54 |
| 10tes Capitel. | |
| Die Feier des vierten Juli. Frechheit eines englischen Matrosen. | 54-60 |
| 11tes Capitel. | |
| Eine Betrachtung über die Thätigkeit der Amerikaner. Die Erlangung des Bürgerrechts. | 61-68 |
| 12tes Capitel. | |
| Die amerikanische Demokratie. Beurtheilung derselben von Seite der in Deutschland existirenden Parteien. Demokraten und Whigs. | 68-79 |
| 13tes Capitel. | |
| Die Nationalreformer. Deutsche communistische Colonieen. | 80-87 |
| 14tes Capitel. | |
| Eintritt in ein neues Geschäft. Eine alte und eine neue Bekanntschaft. Amerikanische Stutzer und Beutelschneider. Die New-Yorker Polizei. | 88-94 |
| 15tes Capitel. | |
| Künstlerlaufbahn. Der Marmorpalast. | 95-99 |
| 16tes Capitel. | |
| Deutsches Leben in New-York. Geselligkeit. Wirthschaften. Brauerei. Ausflüge. Kirchweihen. | 99-108 |
| 17tes Capitel. | |
| Die Feier des Maifestes in New-York. Gesangvereine. Deutsche Bälle. | 108-114 |
| 18tes Capitel. | |
| Das Leben und die Sitten der Amerikaner. Ihre Religiosität. Temperenzmänner. Rechte der Frauen. | 115-129 |
| 19tes Capitel. | |
| Die Küche der Amerikaner. Der Neujahrs- und der Valentinestag. Ihre Gastfreundschaft. | 130-135 |
| 20stes Capitel. | |
| Die New-Yorker Presse. | 135-142 |
| 21stes Capitel. | |
| Kunst. Theater. Musik. | 143-148 |
| 22tes Capitel. | |
| Lasterhöhlen. Washington-Street. Die Five-Points. Die Hinrichtungen. | 149-155 |
| 23stes Capitel. | |
| Allgemeine Notizen für Auswanderer. | 155-164 |
Die kurze Zeit, die der Verfasser dem Aufenthalte in Paris widmen konnte, war um und der Tag der Abreise erschienen. Die wenigen Freunde, an die er empfohlen war, gaben ihm beim Scheiden den Rath, die Reise von Rouen in's Havre zu Fuße zu machen, da die Schönheiten des Rhonethales in vieler Hinsicht denen des Rheinthales gleich kämen. Ich folgte der freundlichen Mahnung, die zu bereuen ich keine Ursache gehabt haben würde, wäre ich nicht am zweiten Tage von einem nebligen Regenwetter in Empfang genommen worden, das mich nicht allein bis auf die Haut durchnäßte, sondern mir auch den Genuß der reizenden Landschaft gänzlich verkümmerte.
Müde und erschöpft erreichte ich endlich das langgedehnte Incouville, eine Vorstadt des Havre. Die erste Person, die mir in den menschenleeren Straßen aufstieß, war ein junges Mädchen, welches trotz des Regens an einem Brunnen mit Waschen beschäftigt war. »La couronne d'or, s'il vous plait, mademoiselle?« fragte ich, mein Bischen Französisch und meine ganze mir im Momente zu Gebote stehende Freundlichkeit zusammennehmend, um baldmöglichst unter Dach und Fach zu gelangen. »Dös versteh' i net, i seyn erst acht Täg hie!« war die naive Antwort, die mich eine Landsmännin erkennen ließ. Nachdem ich für ihre freundliche Auskunft in gutem Deutsch auf's Herzlichste gedankt hatte, gelangte ich endlich nach langem Hin- und Herwandern in's ersehnte Gasthaus. Eine eigenthümliche Ueberraschung ward mir gleich beim Eintritt in's Wirthszimmer, denn Gastzimmer will ich es doch nicht nennen, zu Theil; ohngefähr 80-100 Personen jeden Alters, Standes und Geschlechtes saßen an zwei langen Tafeln und verzehrten ziemlich laut ihre Abendkost. Ich konnte mir nun schon eine Vorstellung von der Gesellschaft machen, mit der ich für 5-6 Wochen in einen engen Raum zusammengepfercht werden sollte.
Nachdem ich mich von den Reisestrapatzen in Etwas erholt hatte, machte ich mich auf den Weg, um ein Paar alte Freunde und Landsleute aufzusuchen, welche mir gleich nach dem Empfange die angenehme Eröffnung machten, daß ich vor 8-10 Tagen an eine Abreise gar nicht denken dürfe, indem seit längerer Zeit an 3000 Menschen ihre Einschiffung erwarteten. Diese Leute hatten sich ihre Plätze bereits contractlich gesichert, was ich zu thun unterlassen, späterhin aber auch nicht zu bereuen hatte, indem mir durch gütige Vermittelung meiner Freunde nicht allein ein Platz auf einem guten Schiffe, sondern auch eine einzelne Bettstelle ausgewirkt wurde, wofür ich jenen noch heute zum freundlichsten Danke verpflichtet bin, da ich durch letztere Begünstigung der Gefahr entgieng, von meinen seekranken Bettgefährten mit unangenehmen Expektorationen belästigt zu werden.
Die Tage im Havre verflossen allmählig; so angenehm manche Stunde dahin schwand, so schmerzlich wurde das Herz oft von den Leiden und Drangsalen armer Landsleute berührt. Mancher wenig bemittelte Familienvater hatte sich mit Weib und Kind aus ferner Heimath nach der weitentlegenen Hafenstadt durchgeschlagen, um dort nach Aufzehrung der wenigen Habe am fremden Strande liegen bleiben zu müssen, ohne die Weiterreise zur See antreten zu können. Einzelne dieser Unglücklichen sind wieder nach Deutschland zurückgekehrt; mancher Leser wird ihre zweirädrigen Karren an den Straßenecken stehen sehen haben, welche nichts enthalten, als Lumpen und – arme halb verhungerte Kinder.
Vielfach wurde von fühlenden Menschenfreunden vor unbedachtsamer Auswanderung mittelloser Personen gewarnt, die, wenn sie auch zum ersehnten Hafen gelangt sind, bei dem Ueberflusse von Arbeitern und ihrer Unkenntniß der Sprache Nichts als ein Leben voll des größten Elendes, des drückendsten Mangels und der schmerzlichsten Entbehrungen und Täuschungen erwartet. Die Zahl dieser Unglücklichen ist so groß, daß trotz aller Unterstützung von Seite mitleidiger Personen an eine gründliche Hülfe nicht zu denken ist. Ich sah abgemattete und abgemagerte Auswanderer mit Weib und Kind in den Straßen des Havre liegen und die Vorübergehenden anbetteln. Wurde ihnen ein Sous zugeworfen, so beeilten sie sich, sich warme Kartoffeln, die man gekocht auf den Straßen haben kann, einzukaufen, um den Heißhunger zu stillen. Der Mensch ist gewiß spekulativ, da er selbst noch aus der schrecklichsten Noth seinen Gewinn zu ziehen weiß!
Möge diese kurze, aber wahre Schilderung eine Warnung für unbemittelte Personen seyn, welche leichtsinnig über die Noth und die Entbehrungen hinwegsehen, die ihrer nothwendig auf so weiter Reise warten!
Selbst dem vermögenden Auswanderer drohen Gefahren von Seite betrügerischer Wirthe und lügenhafter Beutelschneider. Es ist eine Schmach für den deutschen Namen, daß unter allen Blutsaugern in der Fremde die Deutschen bei weitem die ersten und gewandtesten sind, und jeder Reisende thut wohl, dem Deutschen, der ihm seine Dienste freundlich und zuvorkommend anbietet, von vorn herein unbedingt zu mißtrauen. Durch alle mögliche Kniffe, Ränke und Vorwände wird den Auswanderern das Geld aus der Tasche gelockt. Ein Beispiel, das ich selbst erlebte, möge zur Vorsicht mahnen!
In einer Restauration, die ich öfter besuchte, bearbeitete ein deutscher Makler einen ziemlich viel Geld führenden jungen Mann, im Havre auf Spekulation Uhren einzukaufen, da er dieselben bei dem billigen Preise am dortigen Platze in New-York hoch verwerthen könnte. Dieser wollte Anfangs auf die Sache nicht eingehen, versprach aber, verlockt durch die Aussicht auf einen schönen Gewinn, mit seinem Wirthe, der ihm wegen seines gespickten Geldbeutels immer freundlich und herzlich entgegengekommen war und ihm daher Vertrauen eingeflößt hatte, Rücksprache zu nehmen. Dieser aber, ein Bundesgenosse sowohl des Maklers, als des Uhrhändlers, malte ihm den Gewinn noch bedeutender vor, und der arme Jüngling gieng in die ihm künstlich gelegte Falle. Er kaufte für circa 800 Franken Uhren, die er in New-York kaum für den vierten Theil wieder los werden konnte, da er in jeder Art und Weise auf's Vollkommenste betrogen war.
Reisende, die Rath und Hülfe gebrauchen, thun am besten, wenn sie sich an ihre betreffenden Consuln wenden, von denen namentlich der b.....sche, Herr M....l, wegen seiner Gefälligkeit und oft bewiesenen Humanität eine ehrenvolle und anerkennende Erwähnung verdient. –
Der Tag der Einschiffung nahte allmählig heran. Die Lebensmittel, für die man im Havre selbst sorgen muß, nebst Bett und dem nöthigen Kochgeschirr wurden an Bord gebracht. Wie freudig schlug mir das Herz, als ich das schöne neubemalte Schiff bestieg, auf dem das bunteste und lebendigste Treiben herrschte. Die poetischen und romantischen Empfindungen, die sich mir für den Augenblick aufgedrängt hatten, sollten aber sofort in Nichts zerrinnen, als ich über eine schlüpfrige Stiege in einem finstern Raum hinabstieg, in dem ich erst nach mehreren Minuten die Gegenstände um mich her erkennen konnte. Geschrei, Gekreische und Gezänke von Männern und Weibern und die schrillenden Töne kleiner Kinder empfiengen mich von allen Seiten und gaben mir bereits einen Vorgeschmack von dem, was ich in der nächsten Zeit zu bestehen haben sollte.
Nachdem ich mich mit Mühe und Noth bis zu meiner Schlafstelle, die im hintern Raume in der Nähe des Steuerruders war, hindurchgedrängt hatte, richtete ich mich so gut wie möglich in meiner neuen Wohnung ein. Gegen Mittag wurden die Anker gelichtet, und mit einem fröhlichen Hurrah begrüßten Viele die Abfahrt, welche gewiß nicht so fröhlichen Muthes gewesen wären, wenn sie eine Ahnung von dem gehabt hätten, was ihrer in Amerika wartete. Manch feuchtes Auge aber blickte nochmals nach der Küste und dachte des Vaterlandes und der daheim zurückgebliebenen Lieben, die es vielleicht nicht mehr schauen sollte.
Ein Dampfschiff bugsirte uns aus dem Hafen; außer dem Lotsen, der im Havre nie fehlen kann, hatten wir als Begleiter noch mehrere Gensdarmen an Bord, welche ohngefähr fünf englische Meilen von der Küste die Pässe sämmtlicher Passagiere untersuchten. Zugleich mußten die quittirten Ueberfahrtsverträge vorgezeigt werden. Während dieses Aktes war die ganze Reisegesellschaft auf dem Verdecke, damit von den Matrosen und den Dienern des Gesetzes das Zwischendeck durchsucht werden könnte, um eingeschlichene Individuen, welche entweder die Ueberfahrt nicht bezahlt haben oder den Händen der Gerechtigkeit verfallen sind, aufzufinden. In der That brachten sie auch einen armen deutschen Handwerksburschen in einem abgeschabten Sammetrocke zum Vorschein, der die Passagekosten zu berichtigen vergessen hatte und von einem weichherzigen Bauer unter sein Bett versteckt worden war. Trotz seines Bittens und Flehens mußte er mit den Gensdarmen die unfreiwillige Rückreise nach dem Havre machen, das er so bald wieder zu sehen sich wohl nicht hatte träumen lassen.
Als uns der Lotse und die Gensdarmen mit ihrer Beute verlassen hatten, gab der Capitain Befehl, das Schiff zu reinigen, was uns selbst sehr nothwendig schien, da durch das Einladen und Einpacken bis fast zum letzten Augenblicke der Abfahrt viel Unreinlichkeit und Schmutz auf das Verdeck und in die unteren Räume gebracht worden war. Nach Beendigung dieser Arbeit, der auch ich mich unterziehen mußte, da im Zwischendeck vollständige »Freiheit und Gleichheit« herrscht, machte ich mich auf den Weg, um meine Schiffsgesellschaft zu mustern. Mein nächster Nachbar war ein junger Rheinbaier, Namens W......., der bereits fünf Jahre in Amerika gelebt und das amerikanische Bürgerrecht erlangt hatte. Wir schlossen bald Freundschaft, was das Angenehme für mich hatte, daß ich durch ihn, da er von der ganzen Reisegesellschaft allein der englischen Sprache mächtig war, bald in nähere und sehr angenehme Beziehungen zu dem Capitaine kam, welcher sich durch Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit auszeichnete und sämmtliche Passagiere ohne Ausnahme mit viel Humanität und Güte behandelte. Dieses ist um so mehr von ihm zu rühmen, als man dergleichen nicht auf allen Schiffen findet.
Durch meinen neuen Freund W....... als Dollmetscher erfuhr ich von unserem Capitaine Higgins, daß seine Lila (so hieß das Schiff) in Baltimore gebaut und ein sehr gutes Fahrzeug sey und er mit demselben schon die Reise von Havre nach New-York in 20 Tagen gemacht habe, was für uns Beide nicht unangenehm zu hören war.
So zuvorkommend sich der Capitain im Ganzen gegen mich benahm, so fiel mir doch sehr auf, daß er gleich im Anfange unserer Bekanntschaft mit lautem Lachen ausrief: »the mustaches!« Unangenehm berührt fragte ich meinen Freund W......., was dieses Benehmen zu bedeuten habe? Noch lauter lachend setzte mir dieser nun auseinander, daß der gute Higgins sich über meinen »Schnurrbart« freue, der in New-York gewiß viel Aufsehen erregen werde. Obschon ich bereits aus dem Spiegel die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß der Schmuck meiner Oberlippe keine besondere Bewunderung verdiene, so verdroß mich doch der Scherz, der mir von einem Fremden unartig schien, was Beider Heiterkeit nur noch mehr steigerte. Endlich theilte mir W....... mit, daß kein Amerikaner einen Schnurrbart [1] trage, und dem Inhaber eines solchen die Kinder in New-York ebenso nachliefen, wie deutsche Dorfjungen einem Mohren. Diese Auseinandersetzung bewog mich, sofort in's Zwischendeck hinabzusteigen und mich meiner Zierde zu entledigen.
[1]: Der Schnurrbart ist seit jener Zeit auch in Amerika emancipirt worden, da sich viele Europäer, namentlich die Franzosen, mit stoischem Gleichmuth über den Spott der Amerikaner hinwegsetzten.
Die Schiffsgesellschaft bestand nur aus Deutschen (hauptsächlich Baiern, Hessen, Würtembergern und Elsässern). Der sogenannte gebildete Stand war unter ihnen gar nicht vertreten, da außer einem katholischen Geistlichen aus Tyrol nur Bauern und einige junge Handwerker an Bord waren. Unter ihnen fand ich jedoch ganz wackere und brave Leute, mit denen man recht gut verkehren konnte. Diese wurden zufälligerweise größtentheils meine Bettnachbarn.
Die ersten Unannehmlichkeiten hatten wir mit einem Elsässer Bauern, der im Vereine mit seinem Knechte eine unübertreffliche Grobheit zu entwickeln verstand. Dieser Mann hatte nämlich die appetitliche Einrichtung getroffen, daß seine Frau die theuern Häupter ihrer lieben Kinderchen auf einem Koffer in der Nähe unserer Bettstellen auf's sorgfältigste untersuchte, da sie gewissen kleinen Thierchen, die man nicht gerne nennt, einen blutigen Tod geschworen hatte. Erst nach Beschwerdeführung beim Capitain wurde der Schauplatz dieser unterhaltenden Beschäftigung an einen anderen Ort verlegt; wir sollten aber unserem Geschicke trotz aller Vorsicht doch nicht entgehen, denn wir erhielten, da an strenge Erhaltung der Reinlichkeit bei dem Zusammendrängen so vieler Menschen auf einen so kleinen Raum nicht zu denken ist, späterhin dieselbe Einquartierung, die sich bereits bei unserer guten Elsässer Bauersfrau so mißliebig gemacht hatte. Das ist eines von den kleinen Leiden des menschlichen Lebens, dem ein Zwischendecks-Passagier nicht wohl entgehen kann.
Eine weitere Unannehmlichkeit, von der jedoch Manche, wie der Verfasser selbst, verschont blieben, ist die schon oft beschriebene Seekrankheit. Gegen diese gibt es leider kein Cardinalmittel! der Kranke muß sich eben geduldig in sein Schicksal fügen. Jedoch will ich hier nicht unterlassen, meinen Lesern, die allenfalls noch eine Seereise zu machen gedenken, meine Erfahrungen über die Art, wie man ihr wenigstens in Etwas begegnen kann, mitzutheilen. Der Zwischendecksreisende suche seinen Platz in der Mitte des Schiffes zu erhalten, da hier bei unruhiger See immer die wenigste Schwankung und geringste Erschütterung ist. Ferner halte man sich so wenig als möglich im Zwischendecke auf, weil in diesem trotz aller Fürsorge bei der Ausdünstung so vieler Menschen nie die Luft ganz rein seyn kann. Selbst wenn die See stürmisch geht, bleibe man auf dem Verdecke und sehe der wilden Bewegung der Wasser möglichst ruhig zu, damit der Schwindel ferne bleibt. Als sehr praktisch habe ich auch gefunden, den Bewegungen des Schiffes, namentlich wenn sie heftig sind und von der Seite kommen, mit dem Körper nachzugehen, damit der Magen nicht zu sehr erschüttert wird. Läuft das Schiff unter günstigem Wind, so kann ich das Hinabschauen von den Seiten des Schiffes in die See als ein Mittel empfehlen, welches ebenfalls den Schwindel entfernt hält. Viele haben als Präservativmittel einen äußerst mäßigen Genuß von Speisen und Getränken empfohlen; ich habe aber hiervon eher die entgegengesetzte Wirkung beobachtet. Der beste Rath ist wohl der, sich zur See aller der Speisen zu enthalten, zu denen man keinen Appetit hat oder vor denen man gar Ekel empfindet. Obschon ich gänzlich von der Seekrankheit befreit blieb, mußte ich mir doch den Genuß von Kaffee und Wein versagen, da ohnfehlbar Erbrechen erfolgt wäre. Gutes Bier ist den Seekranken am willkommensten, da es der Magen am wenigsten wieder ausstößt; leider ist der Transport beschwerlich, da man es nur in Flaschen mit sich führen kann.
Wer von der Seekrankheit verschont bleibt, hat wirklich alle Ursache, sich zu gratuliren, denn abgesehen davon, daß dieser Zustand mit vielen Leiden verbunden ist, entzieht er uns den Genuß aller Reize und Schönheiten, die die See darbietet. Am meisten überraschte mich ihr schneller Eintritt bei vielen meiner Mitreisenden. Kaum hatte uns das Dampfschiff, welches uns aus dem Hafen des Havre gebracht hatte, im Canale unserem Schicksale überlassen, als sich mit dem Schwanken des Schiffes die von Allen gefürchtete Seekrankheit einstellte. Freund W....... und ich hatten uns zu einem jungen Tischler gesellt, welcher mit einem schönen reinen Tenor Prochs Alpenhorn mit Guitarrebegleitung zum Besten gab. Der größte Theil der Passagiere lauschte den schönen Tönen; aber noch war das Lied nicht zur Hälfte beendigt, als von jeder Seite des Schiffes 10-12 Köpfe in die See hinabschauten, um die von ihnen ohnlängst genossene Nahrung den Fischen als willkommenes Futter zu spenden.
Einige wurden gleich am ersten Tage von der Seekrankheit mit solcher Heftigkeit befallen, daß sie während der ganzen Reise das Bett nicht verlassen konnten, und bei der Ankunft in New-York so matt waren, daß sie nicht aufrecht zu stehen vermochten. Selbst der geistliche Hirte blieb von der Krankheit, die den größten Theil seiner Heerde befallen hatte, nicht verschont, und es nahm sich gar possirlich aus, wenn er mit langem schwarzen Rock, schwarzen kurzen Hosen und Kanonenstiefeln angethan sein Haupt neigte, um der Urquelle ihre Spenden zurückzugeben.
Vierzehn Tage lagen hinter uns, als uns ein Ereigniß überraschte, welches viele Heiterkeit erregte. Wir hatten nämlich auch einen Bauernburschen mit an Bord, der mit seiner Geliebten, einer runden Dorfschönen, sein Heil in Amerika versuchen wollte, da ihre Liebe Früchte zu tragen versprach, und ihnen die Erlangung des Heirathsconsenses zu Hause unmöglich war. Wider Erwarten des Mädchens stellten sich in Folge der Reise etwas früher die Wehen ein, welche ihren getreuen Liebhaber, der mit geistigen Gaben nicht besonders gesegnet war, und in dieser Hinsicht wohl auch noch keine besonderen Erfahrungen gesammelt haben mochte, in nicht geringe Angst und Verlegenheit versetzten. Freund W....... erbarmte sich seiner und nahm mit unserem menschenfreundlichen Capitain Rücksprache, welcher sofort dem Schiffszimmermann die Errichtung einer Bettstelle befahl, welche durch umhergehängte Segeltücher von dem übrigen Zwischendecke abgeschlossen wurde. Kurze Zeit darauf hörten wir einen jungen Republikaner und Bürger der Vereinigten Staaten [2] in dem künstlich geschaffenen Kabinette schreien, und unsere Reisegesellschaft hatte nun trotz aller Matrosen und Gensdarmen ein Mitglied unter sich, welches keine Ueberfahrtskosten zu entrichten hatte.
[2]: Kinder, welche auf amerikanischen Schiffen geboren werden, haben dieselben Rechte, wie diejenigen, welche in Amerika das Licht der Welt erblicken.
Bald nach der Geburt kam der glückliche Vater auf Freund W....... und mich zu, um von uns in Betreff der Taufhandlung sich einen Rath zu erbitten. Wir zeigten auf den katholischen Priester hin, der gemächlich, die Hände auf den Rücken gelegt, auf dem Verdecke hin und her gieng. Aber ein frommes Entsetzen ergriff den guten Menschen bei dem Gedanken, daß er als Protestant sein Kind von einem römisch-katholischen Geistlichen taufen lassen sollte. »Sind Sie denn evangelisch?« fragte er uns ängstlich, und erst, als wir Beide bejaht hatten, klärte sich sein Antlitz wieder auf. »Kann denn der das Kind evangelisch taufen?« fragte er abermals. Da wir der Ansicht waren, daß wir ihm nur mit großer Mühe eine richtige Anschauung der Sachlage eintrichtern könnten, erklärten wir ihm, daß wir es statt seiner besorgen wollten, daß der »katholische« Pfarrer sein Kind »evangelisch« taufe. Wir wandten uns nun mit der Bitte an den Priester, daß er das Kind in die »christliche« Kirche aufnehmen möge, was er denn auch für den nächsten Sonntag richtig zusagte.
Der hohe Festtag war erschienen, und das Schiff lag wegen eingetretener Windstille ruhig auf der spiegelglatten See. Der Capitain hatte sich selbst zu Gevatter gebeten, was der Bauer als eine große Ehre freudig annahm. Eine Tonne wurde auf dem Raume vor der Cajüte aufgestellt, mit Brettern belegt und mit einem großen weißen Tuche bedeckt. Ein Crucifix wurde ebenfalls mit dem nöthigen Taufgeschirr herbeigeschafft, welches seine Dienste that, obschon es nur aus einem Waschbecken und einer Obertasse bestand. –
Indessen gieng es im Zwischendecke munter zu. Alles, was gesund war, machte sich an seine Toilette; die Männer rasirten sich, die Weiber flochten sich die Haare, der Herr Pfarrer wichste die Kanonenstiefeln und packte seinen neuen schwarzen Anzug aus, und der Capitain warf sich in der Cajüte in fashionablen Frack und »Unaussprechliche.«
Als Alles zum feierlichen Akte vorbereitet war, ließ der Capitain mit der Schiffsglocke ein Zeichen geben, und langsam gieng es aus dem unteren Raume auf das Verdeck, auf dem sich die Versammlung in zwei langen Reihen aufstellte.
Die Rede des Geistlichen und die Taufhandlung war einige Stunden vorüber, als unser Bauer mit rothem Kopfe und einem Blatt Papier in der Hand auf W....... und mich zukam und uns einen Taufschein überreichte, der ihm auf sein Verlangen vom Pfarrer ausgestellt worden war. Derselbe enthielt die Bestätigung, daß das Söhnlein des Bauern N. N. in die Gemeinschaft der heiligen römisch-katholischen Kirche aufgenommen worden sey. Nun war uns die Sache doch nicht mehr zum Spaßen, als wir sahen, daß uns ein Jesuitenstücklein gespielt worden sey, welches der Herr Pfarrer in Innsbruck erlernt haben mochte; wir nahmen deßhalb den Taufschein zu uns, und ich schrieb einen zweiten, in welchem ausdrücklich bemerkt war, daß von dem katholischen Priester N. N. das Kind in die Gemeinschaft der »christlichen« Kirche aufgenommen worden sey. Nachdem dieses neugeschaffene Dokument vom Capitain als Pathen, von dem Vater und der Mutter des Kindes als Eltern und von W....... und mir als Zeugen unterschrieben war, gaben wir es erst dem Herrn Pfarrer zur Unterschrift, der sich dem Geschäft mit saurem Gesichte unterzog, worauf in seiner Gegenwart der von ihm geschriebene Taufschein über Bord flog.
Jetzt erst war das tiefgeängstigte Elternpaar wieder guten Muthes. Die ganze Geschichte wurde aber, trotz aller Bemühungen, sie geheim zu halten, auf dem Schiffe ruchbar, und die nächste Folge davon war die, daß, als eine zweite Frau 14 Tage später ebenfalls gebar, der Vater des Kindes dasselbe um keinen Preis von dem Pfarrer taufen ließ, sondern fest erklärte, ihm erst in Cleveland, seinem künftigen Wohnsitze, von einem evangelischen Prediger die Weihe der Kirche ertheilen lassen zu wollen.
Bis hieher war unsere Reise eine durchaus angenehme; wir hatten immer gutes Wetter und einige Tage Windstille ausgenommen immer günstigen Wind, so daß die Hälfte der Reise wider Erwarten rasch gemacht war. Wir sollten aber auch etwas von den ernsten Unannehmlichkeiten und Gefahren des Seelebens kosten, nämlich einen Sturm. – Schön hatte der Tag geendet, und Alles war bis auf die Matrosen in tiefen Schlaf versunken, als sich der Wind drehte. Gegen Morgen war der Sturm in vollem Anzuge. Das laute Commando des Capitains, das Geschrei und der Gesang der Matrosen, die bei dem Nahen der Gefahr eine ganz besondere Munterkeit befällt, wie das schrille Pfeifen des Windes weckten Alles im Zwischendecke. Jedes fuhr schnell in die Kleider, um sich auf dem Verdecke von dem Gange der See zu überzeugen. Die neugierigere und zartere Hälfte des menschlichen Geschlechts kam zuerst im Negligé die Schiffstreppe hinauf. Kaum aber hatten die Weiber die Köpfe aus den Lucken gesteckt, und das Aechzen der Masten und Raaen, sowie das Brausen der daherrollenden Wogen gehört, als sie sämmtlich nach Unten eilten, und durch ihr furchtbares Zedergeschrei alle noch schlafenden Kinder aufweckten, welche den Chorus nach Leibeskräften verstärken halfen. Rasch stieg ich nun auf das Verdeck, um zu sehen, ob Gefahr vorhanden sey; aber kaum war ich oben angelangt, als ich mir beim Anblick der tobenden See meine Unerfahrenheit in solchen Dingen sofort eingestehen mußte.
Mein Freund W....... kam auf mich zu und theilte mir mit, daß der Capitain guter Dinge sey und ihm versichert habe, daß sein Schiff dergleichen Stürme auf jeder Reise zu bestehen hätte. Ganz ermuthigt versuchte ich nun, auf dem Verdecke, das von hereingeworfenem Seewasser so schlüpfrig geworden war, daß man kaum darauf gehen konnte, in die Nähe einiger Passagiere zu gelangen, als auf einmal eine große Welle gegen die linke Seite des Schiffes heranrollte, dasselbe in die Höhe hob, das ganze Verdeck mit Wasser überschüttete und mich auf die rechte Seite des Schiffes hinabschleuderte, daß ich in die tobende See hinausgestürzt wäre, hätte ich mich nicht noch instinktartig an der Gallerie, die um die Cajüte lief, angeklammert. Ein Matrose sprang mir zur Hülfe und brachte mich zur Lucke, durch die ich sehr kleinlaut und gequält von Schmerzen am ganzen Körper hinabstieg, um mich auf meine Matratze von Seegras zu begeben und daselbst über meine unberufene Neugierde nachzudenken.
Inzwischen hatte der Sturm zugenommen. Weiber und Kinder schrieen nach Leibeskräften; eine Wassermenge um die andere stürzte durch die Lucken, die man nicht verschließen durfte, wollte man uns nicht der Gefahr des Erstickens Preis geben. Durch das heftige und rasche Hin- und Herschwanken des Schiffes machten sich, um die Verwirrung und den Lärmen noch größer zu machen, auch noch Koffer, Kisten und sonstige Reiseeffekten von den Stricken los, mit denen sie befestigt waren, und rollten von einer Seite zur andern. Zugleich rauschte bei jeder Bewegung des Schiffes das Wasser im Zwischendeck herüber oder hinüber, was für die meisten Ohren keine sehr erfreuliche Musik war.
36 Stunden hatte der Sturm so getobt, während welcher Zeit ich mich nur von rohem Schinken und Schiffszwieback nährte, da man an Kochen gar nicht denken durfte. Die meisten Passagiere, namentlich die Weiber und die Kinder, genossen aber, so lange das Unwetter währte, aus Angst und Jammer gar nichts und viele Andere konnten das wenige Genossene nicht bei sich behalten, da sie von der Seekrankheit im höchsten Grade befallen waren.
Als ich das Verdeck wieder betrat, war bereits wieder ein Segel an dem Hauptmast erschienen. Die See ging aber, obschon der Wind bedeutend von seiner Heftigkeit verloren hatte, noch volle 24 Stunden hoch, und löschte uns einmal um's anderemal unser mühsam gemachtes Feuer wieder aus, das dem öden Magen eine warme Suppe verschaffen sollte. –
Aber welches Schauspiel wäre Dir, lieber Leser, geboten worden, hättest Du jetzt einen Blick in das Zwischendeck werfen können! Blasse Gestalten krochen hie und da aus den Bettstellen, um in allen Winkeln des Schiffes ihre entführten Siebensachen aufzusuchen. Nun entstand erst das rechte Seufzen und Wehklagen, als Viele, die ihre Vorräthe und ihr Gepäcke nicht vorsichtig genug befestigt hatten, den ungeahnten Schaden bemerkten. Namentlich gieng viel Wein verloren, den man in großen eingeflochtenen gläsernen Flaschen mitgenommen hatte, die natürlich eine Carambolage mit einem Koffer oder einer Kiste nicht auszuhalten vermochten. Schiffszwieback, vom Seewasser durchweicht, und Unrath aller Art war über den ganzen Boden verstreut, und gab uns eine angenehme Aussicht auf appetitliche Beschäftigung. Mehrere Tage vergiengen, ehe Alles wieder im alten Gleise war.
Den größten Verlust hatte aber unstreitig eine deutsche Putzhändlerin aus Paris erlitten, die mit mehreren Dutzend Damenhüten vom feinsten Stoffe, welche mit täuschend nachgemachten Blumen verziert waren, nach New-York auszuwanderen beschlossen hatte, um die amerikanischen Ladys mit den Erzeugnissen ihrer Kunst zu beglücken. Sie hatte die Unvorsichtigkeit begangen, die in einfache Pappschachteln verpackten Hüte unter ihrem Bette zu verwahren, wo sie von dem Seewasser total verdorben wurden. Manches Frauenherz wäre gewiß bei dem Anblick des so unbarmherzig vernichteten Putzes tief bewegt worden! Das ist das Loos des Schönen auf der Erde.
Die Passagiere waren fast ohne Ausnahme vermögende Leute; Einzelne führten sogar Reichthümer mit sich. Manchem Finanzmanne möchte ich den Rath geben, einmal auf einem Auswandererschiffe die Reise nach New-York mitzumachen, damit er nach der Ankunft in Amerika bei der Visitation des Gepäckes durch die Zollbeamten die großen Geldsäcke mit eigenen Augen sehen könnte, welche durch die Auswanderer in die Fremde geschafft werden. Die Amerikaner haben nur zu wohl die ungeheuere Wichtigkeit der Einwanderung erkannt und begünstigen sie auf alle Weise. Ihnen ist der Reiche wie der Arme willkommen; der erstere bringt Capitalien, der letztere Arbeitskräfte mit, die in diesem Lande, in welchem noch so Manches in der Kindheit liegt, trotz der täglichen Ankunft so vieler Menschen immer noch ihren Werth behauptet haben, wenn sie sich nur geschickt zu vertheilen wußten.
Nach einer Berechnung soll im Jahre 1847 eine Baarsumme von 5,000,000 fl. allein von Deutschen in Amerika eingeführt worden seyn, was Niemand Wunder nehmen wird, der weiß, wie viel reiche Grundbesitzer in diesem Jahre auswanderten. Jedes Jahr nimmt die Auswanderung zu, und hat selbst im Jahre 1848, wo sich doch der Verwerthung von Gütern und Grundbesitz so bedeutende Schwierigkeiten entgegensetzten, einen so hohen Grad erreicht, daß die Bevölkerung Nord-Amerikas in diesem Einen Jahr um 10 Prozent stieg.
Die große Ausfuhr von Baargeld wird mit der Zeit ohne Zweifel sehr fühlbar werden, denn wenn wir auch gerne zugestehen, daß der Hauptreichthum unserer Nation in dem Ackerbau besteht, so wird doch Niemand behaupten wollen, daß wir die Industrie entbehren können und diese ohne flüssige Capitalien arbeiten kann.
Gerne verkehrten W....... und ich mit einem Bauer aus Schwaben, der eine große Gemüthlichkeit, einen guten Humor und einen gesunden Menschenverstand besaß. Er hatte lange als Bauernknecht im Würtembergischen gedient und sich durch Sparsamkeit ein kleines Vermögen erworben. Auf unsere Frage, was ihn zur Auswanderung bestimmt hätte, erzählte er uns, daß ein Schul- und Ortskamerade von ihm vor Jahren nach Amerika ausgewandert sey und ihm geschrieben habe, daß er hinüberkommen solle, da er in Deutschland doch nur ein Lump bleibe, während er drüben wie Napoleon leben könne. Von jenem Augenblicke an hieß er, da uns einige Spottvögel zugehört hatten, allgemein der Napoleon, und wir lachten oft auf's Herzlichste, wenn ein deutscher Matrose aus dem Holsteinischen, mit dem er enge Freundschaft geschlossen hatte, in's Zwischendeck hinabrief: »Napoleon! gehe herauf! Du mußt Holz hauen und Erdäpfel abschälen.«
Wir näherten uns allmählig dem Ende unserer Reise. Ohne zu wissen, unter welchem Längen- und Breitengrade wir schwammen, bemerkten wir doch, als wir noch ungefähr 2-300 engl. Meilen von der Küste entfernt waren, daß die Küste nahe sein müsse, da eine auffallende Menge von Schiffen in unserem Gesichtskreise segelte, während wir früher oft in 8 Tagen nur 2-3 Schiffen begegnet waren.
Endlich gab uns der Capitain die längst ersehnte Kunde, daß wir am anderen Tage Land erblicken würden. Nun war Alles in der freudigsten Bewegung; bessere Kleider wurden aus den Koffern genommen; alte, auf der Reise abgebrauchte Gegenstände flogen in die See und ringsherum sah man fleißige Hände, die sich eigener und fremder Verschönerung beflißen. Die meiste Mühe machte die Reinigung der Haut von einem fettigen Schmutze, den das Seewasser beim Waschen zurückläßt, da Süßwasser hiezu nicht verwendet werden darf. Ich machte lange vergebliche Versuche mit einem Handtuch und einem großen Stück Seife zum allgemeinen Ergötzen der Matrosen, die laut auflachten, daß ich mich vergeblich roth wie ein gesottener Krebs gerieben hatte, und meine Bemühungen wären wohl erfolglos geblieben, hätte sich der Landsmann aus Holstein nicht erbarmt und mir eine eigene Art Seife und einen wollenen Fleck gebracht, welche allein dem Körper die lange entbehrte Reinlichkeit wieder geben können.
Die geehrten Leser werden der Versicherung wohl Glauben schenken, daß wir Alle ohne Ausnahme die Nacht in großer Unruhe hinbrachten. Eigene Gefühle belebten das Herz bei dem Gedanken, in Bälde das neuerwählte Vaterland, dem Alle hoffnungsvoll entgegeneilten, vor Augen zu haben. Dazu kam noch die Freude, die lange, wenn auch immerhin glückliche Seereise mit ihren Gefahren und Entbehrungen überstanden zu haben; W.......s, wie meine eigene poetische Natur, deren kühner Flug sich auf der Reise manchmal zum Ueberirdischen aufzuschwingen versucht hatte, sank jetzt auf einmal zum Gemeinen herab und freute sich auf ein Stück frisches Rindfleisch und ein gutes Glas Bier, während die Frauen laut jubelten bei der sich öffnenden frohen Aussicht auf – Milch zum Kaffee.
Fröhlich sprangen wir schon Morgens 4 Uhr aus den Betten, um das gelobte Land zu erblicken; aber leider war unsere Hoffnung zu Wasser geworden, denn in der Nacht hatte sich ein neidischer Nebel über die See gelagert, der uns die Aussicht gänzlich versperrte. Traurig stand ich auf dem Verdeck, als Freund W....... meinen Aerger noch durch die Mittheilung vermehrte, daß der Capitain Befehl gegeben habe, Anker auszuwerfen, da er um keinen Preis bei dem trüben Wetter näher an die gefährliche und klippenreiche Küste fahren, sondern einen Piloten erwarten wolle. Den ganzen Tag mußten wir so in einer unerträglichen Langeweile hinbringen, ohne einen Fußbreit vorwärts zu kommen, da es sich durchaus nicht aushellte. Als der Abend hereingebrochen war, ließ der Capitain einige Raketen steigen, um einen Lotsen an Bord zu bekommen, was denn auch zu Aller Freude in der Nacht gelang.
Dieser unvermuthete Aufenthalt in der Nähe der Küste war uns um so unangenehmer, als wir gerne am 3. Juli in New-York angelangt wären, um am nächsten Tage das große Fest mitzufeiern, welches die Amerikaner zu Ehren und zum Gedächtnis der am 4. Juli 1776 von ihren Vätern in Philadelphia gegebenen Unabhängigkeitserklärung von England mit großem Pompe begehen.
In der Nacht des 2. Juli war der Pilot erst an Bord gestiegen, und es fragte sich sehr, ob uns ein günstiger Wind in den nächsten 48 Stunden an's Land treiben würde. Der Capitain lächelte stillvergnügt zu unseren betrübten Gesichtern, hatte aber ganz im Geheimen bereits Vorsorge getroffen, sie bald wieder aufzuklären.
Als wir am anderen Tage von unseren zerlegenen und sehr hart gewordenen Matratzen auf das Verdeck eilten, hatte sich der Nebel gänzlich gelegt, und – ein lauter Schrei des Entzückens entfuhr uns, als wir im herrlichsten Sonnenschein Sandy Hook mit seinen 3 Leuchtthürmen vor uns erblickten. Reichlich waren wir für das Unangenehme der letzten Tage entschädigt. Die Staffage dieser herrlichen Seepartie bildeten Hunderte von Schiffen, welche theils wie wir vor Anker lagen, theils von Dampfschiffen der Bay von New-York zugeführt wurden. Weithinaus war das Meer, so weit nur das Auge reichen konnte, mit kleinen Fahrzeugen übersäet, welche theils Pilote, theils rüstige Fischer trugen, die die ungeheure Stadt täglich mit frischen Seefischen versehen.
Es sey mir gegönnt, hier Einiges über die New-Yorker Piloten zu sagen. Diese kühnen Männer, welche nicht allein die genaueste Kenntniß der Küste mit ihren Klippen und Untiefen, sondern eine eben so gute seemännische Bildung, wie die Capitaine selbst, haben müssen, da sie sofort nach ihrer Ankunft an Bord das Commando des Fahrzeugs übernehmen, bilden in New-York ein wohlorganisirtes Corps. Ihre Dienstzeit ist ihnen regelmäßig vorgeschrieben und ihr Nahrungsstand gesichert, ob sie nun im Jahre viele oder wenige Schiffe einbringen. In kleinen, aber scharf und schlank gebauten, daher auch sehr schnell segelnden Fahrzeugen kreuzen sie oft mehrere Tage und Nächte in der Nähe der Küste, ja sie wagen sich oft 3-400 engl. Meilen in die offene See hinaus, um ihr menschenfreundliches Geschäft auszuüben. Selbst beim stürmischsten Wetter halten sie das hohe Meer, um hülfsbedürftigen Schiffen Rettung bringen zu können. Der Muth und die Verwegenheit dieser Männer übersteigt allen Glauben, sowie ihre Erfahrung und Sicherheit allgemeine Bewunderung erregt.
Hier möge auch einer That Erwähnung geschehen, welche nicht allein Amerika, sondern auch Europa mit gerechtem Erstaunen erfüllte. Ein New-Yorker Pilot unterzog sich dem gefährlichen Geschäfte, mit seinem Boote [3] Nachrichten von Wichtigkeit eher nach dem 3000 engl. Meilen entfernten Liverpool zu bringen, als es dem abgehenden Dampfschiff, welches die Reise gewöhnlich in 13-14 Tagen macht, möglich wäre. Er kam nun zwar später als das Dampfschiff in England an, aber die in Liverpool anwesenden Seeleute von allen Nationen der Erde staunten über die Kühnheit einer That, die auszuführen bis zu dieser Stunde noch keiner für möglich gehalten hatte.
[3]: Pilotboat.
Die New-Yorker Piloten sind, da viele von ihnen als Capitaine weite und gefahrvolle Reisen nach allen Welttheilen gemacht haben, nicht allein kühne, sondern auch sehr gebildete Leute, und unterscheiden sich darin wesentlich von den Lotsen anderer Länder, die zwar auch eine genaue Kenntniß ihres Terrains, aber nicht den Takt und das Benehmen haben, welches bei den New-Yorker Piloten einen so wohlthuenden Eindruck macht.
Wir waren sämmtlich noch im Anschauen der reizenden Küste versunken, als sich uns ein Dampfschiff näherte, welches uns in den Hafen schleppen sollte. Es hatte den Quarantainearzt an Bord, der den Gesundheitszustand unseres Schiffes untersuchte und denselben bis auf wenige Seekranke vortrefflich fand, weßhalb er uns sofort die Erlaubniß zum Einlaufen ertheilte. Nun war Alles von frohen Empfindungen bewegt; selbst Diejenigen, welche seit vielen Wochen nicht auf das Verdeck gekommen waren, ließen sich heraufführen, um mit den Anderen die herrliche Küste und die Bay von New-York zu bewundern, in die wir bald gelangen sollten.
Plötzlich brauste der Dampf aus dem Rauchfange des Steamers und vorwärts gieng es dem Lande zu. Wir kamen an mehreren Schiffen vorüber, die ebenfalls Auswanderer an Bord hatten; ein fröhliches, herzliches Hurrah, welches wir jedesmal munter erwiderten, ertönte, so oft wir vorbeifuhren. Als wir Coonyisland, eine kleine Insel, welche die New-Yorker im Sommer fleißig zum Gebrauche der erfrischenden Seebäder besuchen, aus den Augen verloren hatten, näherten wir uns allmählig der schmalen Einfahrt (Harbour), die man nothwendigerweise passiren muß, wenn man in die Bay von New-York gelangen will. Dieser wichtige Punkt, der Schlüssel von New-York, ist von den Amerikanern natürlich bedeutend befestigt worden. Zu unserer Rechten erblickten wir auf einem ziemlich steilen Hügel das Fort Hamilton mit seinen Casematten und bombenfesten Kasernen, dessen Kanonen drohend auf uns herabblickten. Lustig flatterte von den Batterieen das stolze Sternenbanner der Republik. Zur Linken waren ebenfalls dicht an der Küste starke Werke sichtbar, und um jedes Eindringen von der Seeseite unmöglich zu machen, liegt fast in der Mitte der Einfahrt ein anderes massives und bombenfestes Fort, welches im Vereine mit den Strandbatterieen feindlichen Schiffen sicheres Verderben droht.
Als wir endlich in die Bay selbst gelangten, erblickten wir das liebliche Staatenisland mit seinen freundlichen Villen und Gartenanlagen, welches nebst Hoboken der Haupt-Sommeraufenthalt der New-Yorker ist. Fast alle vermögenden Kaufleute bringen hier mit ihren Familien die heißen Sommermonate zu. Jeden Morgen fahren sie von da mit den regelmäßig gehenden Dampfschiffen zur Stadt, um ihre Geschäfte zu besorgen, und kehren dann um 3 Uhr, zu welcher Stunde die größeren Geschäfte geschlossen werden, zurück.
In Staatenisland muß die Quarantaine abgehalten werden, wenn dem Quarantainearzt der Gesundheitszustand der Passagiere nicht befriedigend scheint. Die auf der Insel befindlichen Hospitäler, die eine große Anzahl Kranker aufnehmen können, sind oft überfüllt, namentlich war dies im Jahre 1847 der Fall, in welchem hauptsächlich in den von England und Irland kommenden Schiffen das Schiffsfieber in grauenerregender Art grassirte.
Ohngeachtet unsere Aufmerksamkeit jeden Augenblick auf einen neuen interessanten Gegenstand hingelenkt wurde, fiel uns doch der geringfügige Umstand auf, daß 4-5 Kähne unserem Schiffe beständig zur Seite blieben. Mein Freund W......., wie immer thätig und wacker für mich sorgend, theilte mir mit, daß sich in diesen Booten die verrufenen und berüchtigten deutschen Makler befänden, welche den ankommenden Schiffen 5-6 Meilen entgegenfahren, um sich ihre Opfer schon auszusuchen, ehe sie nur das Land betreten haben. Viele Capitaine erlauben ihnen, an Bord zu kommen, damit durch sie die Passagiere möglichst rasch vom Schiffe geschafft werden; unser Higgins aber war zu redlich und brav, um diesen unsauberen Gesellen den Zutritt zu seiner Lila, deren reinen Namen er nicht von ihnen beflecken lassen wollte, zu gestatten. Ihre anfängliche Höflichkeit verwandelte sich nach erhaltener abschläglicher Antwort sofort in die gemeinste Rohheit, und unser guter Capitain würde sich wohl über den Reichthum unserer Muttersprache an Schimpfwörtern gar sehr gewundert haben, hätte er dieselbe verstanden.
Bald erblickten wir auch das freundliche New-Jersey und die Castelle von Governers-Island und Battery, sowie die Masten unzähliger Schiffe, welche uns die Aussicht auf die Stadt versperrten. Gelingt es auch dem Feinde, durch die Einfahrt in die Bay zu dringen, so erwartet ihn ein zweites verheerendes Kreuzfeuer in derselben, welches ihm die Einnahme wohl unmöglich machen dürfte, obschon die Stadt an und für sich gänzlich frei und offen daliegt.
Endlich waren wir in dem Northriver, dem einem Arme des Hudson, eingelaufen; unser Schiff machte eine Wendung und wir lagen am Docke. Kaum aber hatten die Matrosen die Schiffstreppe an der einen Seite hinabgelassen, als die uns treu zur Seite gebliebenen Makler an Bord kamen und ihr feines Gewerbe begannen. Wie diese Art Menschen ihren Köder auswirft, um gutmüthige Leute zu fangen, welche von ihren Prellereien nichts ahnen, will ich aus eigner Erfahrung erzählen.
Nach ihrer Ankunft auf dem Schiffe stellten sie zuerst gleichgültige und unbedeutende Fragen an die Passagiere, um aus dem Dialekte zu errathen, aus welchem Theile Deutschlands sie kämen. »Ah! Sie sind auch ein Sachse, Preuße, Bayer, Hesse u. s. w. Das ist schön, da sind wir ja Landsleute!« Dann vertrauten uns diese edlen uneigennützigen Seelen das schon bekannte Geheimniß an, daß Makler am Bord seyen. »Nehmen sie sich in Acht vor diesen verrufenen Menschen! Mir können Sie Ihr Vertrauen schenken, da mich einzig und allein die Sehnsucht nach Landsleuten auf das Schiff geführt hat, die mir etwas Neues aus der theuern Heimath melden könnten. Ach, Deutschland bleibt doch immer schön!« Auf diese Weise ist nicht allein der Angesprochene, sondern auch jeder Unerfahrene gefangen, der im Kreise um den Gauner herumstand, um seinen gemüthlichen Worten zu lauschen.
Die Makler sind fast ohne Ausnahme in den Diensten derjenigen Wirthe, welche in der Nähe des Hafens wohnen und einzig und allein von den Einwanderern leben. Sie suchen daher durch alle möglichen Kunstgriffe die neuen Ankömmlinge in das Haus desjenigen Gastwirths zu locken, mit dem sie in Geschäftsverbindung stehen. Diese Menschen verlangen natürlich für ihre Leistungen eine gute Bezahlung, die ihnen der Wirth leisten muß, da durch Geldforderung von ihrer Seite die Auswanderer mißtrauisch werden würden. Es ist nicht selten, daß ein gewandter Makler monatlich von dem Wirth, dem er die Opfer liefert, 30 Dollars [4] nebst Kost und Logis erhält, die natürlich wieder den Einwanderern abgenommen werden. Nebenbei wissen sie auf die gewandteste Weise den Ankömmlingen das Geld aus der Tasche zu spielen und sie in verdrießliche Händel zu verwickeln, um ihre Hülfe und Unterstützung in Anspruch genommen zu sehen, die natürlich reichlich bezahlt werden muß, wie überhaupt alle ihre Dienste sechsfach vergütet werden müssen; so sah ich z. B., wie sie einem Landmann das halbvolle Glas zum Trinken reichten, für welche Ehre demselben eine volle Flasche Rheinwein abgepreßt wurde.
[4]: Ein Dollar = 2 fl. 30 kr. oder 1 Thlr. 13 Ngr.
Für das Eigenthum sind sie theilweise äußerst gefährliche Menschen; am besten thut man, wie dies allen Reisenden immer wieder empfohlen werden darf, durchaus kein Geld sehen zu lassen, denn sie liegen dem, bei welchem sie edles Metall vermuthen oder erblickt haben, in ihrer zudringlichen und ekelhaft widrigen Manier so auf dem Halse, daß er ihnen nur durch eine Wohnungsveränderung entgehen kann.
Eine weitere Erwerbsquelle dieser Menschen ist ihre Verbindung mit den verschiedenen Dampfschifffahrts-Gesellschaften und Eisenbahn-Compagnien, welche unter sich concurriren und deßhalb auf das Capern von Passagieren ausgehen, welches ebenfalls von den Maklern besorgt wird. Dieses Geschäft ist für sie das einträglichste, da sie oft 20-30 Passagiere in die Comptoirs dieser Gesellschaften führen, um Fahrbillets nach allen Theilen der Vereinigten Staaten zu lösen, für welchen Dienst sie pro Kopf je nach Verhältniß einen halben oder einen ganzen Dollar erhalten. Einzelne Makler haben sich auf diese Weise schon ein hübsches Vermögen gesammelt, obschon die meisten von ihnen liederliche und arbeitsscheue Gesellen sind, welche in den Wintermonaten, in denen bei weitem weniger Einwanderer ankommen und ihr Verdienst daher sehr geschmälert ist, das wieder durchbringen, was sie im Sommer gesammelt haben.
Ihr Aeußeres ist großentheils anständig, um aus dem Anzuge nicht sogleich die Erbärmlichkeit ihres Geschäftes errathen zu lassen. Unerfahrene werden daher um so leichter getäuscht, da der erste Eindruck bei ihrem Erscheinen kein abstoßender ist. Der Ankömmling thut am besten, wenn er sogleich ein gutes Gast- oder Privathaus bezieht, da er dadurch der Pest entgeht, die ihn in der Person der Makler und betrügerischen Wirthe beständig verfolgt. Außerdem lebt man in der Stadt billiger, reinlicher und ruhiger. Die Wirthe am Hafen verlangen ohne Ausnahme für Kost und Logis 3 Dollars die Woche, während man in der Stadt für dieselbe, ja noch bessere Qualität nur 2½ Dollar bezahlt. Es versteht sich wohl von selbst, daß von Reinlichkeit in Häusern keine Rede seyn kann, die in verhältnißmäßig sehr beschränkten Räumen manchmal an einem Tage mehrere Hundert Personen mit Kisten und Kasten aufnehmen. Der damit verbundene Lärmen, der am frühen Morgen beginnt, um erst am späten Abend wieder aufzuhören, ist auch eine von den Annehmlichkeiten, auf die gewiß jeder Reisende gern Verzicht leistet!
In den meisten Gasthäusern dieser Art kann man nur äußerst selten einzelne Zimmer bekommen. In vielen stehen 10-12 Betten, von denen jedes seine zwei Individuen aufnehmen muß, was nicht Jedermanns Vergnügen ist. Da die wenigsten Personen, die hier neben einander zu schlafen gezwungen sind, sich auf ihrem Lebenswege schon einmal begegnet sind, so ist man in beständiger Gefahr, bei der Rückkehr von einem Gange auswärts sein Gepäcke nicht mehr zu finden.
Am meisten werden die unerfahrenen, gutmüthigen deutschen Landleute geprellt; eines traurigen Falls möge hier Erwähnung geschehen. Ein churhessischer Bauer schenkte einem Makler sein Vertrauen, der ihm eine Wohnung in einem Privathause zu verschaffen versprach, da die meisten Gasthäuser übersetzt waren. Als derselbe den Koffer des Einwanderers, in dem seine ganze Habseligkeit eingeschlossen war, in dem neuen Quartier niedergesetzt hatte, lud er den Bauer auf's Freundlichste zu der Besichtigung der Merkwürdigkeiten New-Yorks ein, was dieser dankbar annahm. Er führte ihn in eine der belebtesten Straßen der Stadt, und, als sie sich im dichtesten Gedränge und Getümmel befanden, war er mit einem Male spurlos verschwunden. Der arme Betrogene kannte weder die Nummer des Hauses, noch den Namen der Straße, in der er seinen Koffer zurückgelassen hatte, und seine sämmtlichen Kleider, seine Wäsche, sowie seine ganze Baarschaft waren verloren. Einige Mitglieder des deutschen Volksvereins [5] begegneten dem weinenden Manne, brachten ihn für die Nacht unter und verschafften ihm am nächsten Tage Arbeit an einer Eisenbahn.
[5]: Siehe das nächste Capitel.
So viel von dieser Klasse von Menschen, vor denen schon so oft gewarnt wurde. Trotzdem beklagen es täglich neue Opfer, den gutgemeinten Rath erfahrener Männer nicht befolgt zu haben.
Am passendsten geschieht jetzt, nachdem wir eine Characteristik der Makler gegeben haben, zweier Vereine in New-York Erwähnung, welche sich die doppelte Aufgabe gestellt haben, einerseits dem von diesen Menschen verübten Unfuge mit aller Energie entgegenzutreten, andrerseits die Einwanderer mit Rath und That zu unterstützen; es sind dies die schon lange bestehende »deutsche Gesellschaft« und »der deutsche Volksverein zur Wahrung der Rechte und Interessen deutscher Einwanderer«, welcher erst vor einigen Jahren in's Leben getreten ist. Beiden Vereinen stehen die angesehensten und achtbarsten deutschen Bürger New-Yorks vor, wodurch ihre Wirksamkeit eine beträchtliche Ausbreitung, sowie die energischste Unterstützung der amerikanischen Behörden erhalten hat.
Die deutsche Gesellschaft verausgabt für gänzlich hülfs- und mittellose deutsche Einwanderer in kleinen Geldunterstützungen jährlich eine nicht unbedeutende Summe; aber einen noch viel wirksameren Dienst leistet ihnen dieser Verein durch Anweisung von Arbeit. Ein Sekretair ist eigens angestellt, welcher in einem in der Nähe des Hafens eingerichteten Bureau alle Anfragen beantwortet, alle Klagen anhört und zu beseitigen sucht. Es versteht sich wohl von selbst, daß dieser nicht im Stande ist, allen Denen zu helfen, welche zu ihm kommen, da manchmal Unmögliches gefordert wird, und er nur das wirkliche Unglück berücksichtigen kann und darf.
Die deutsche Gesellschaft besitzt ein ziemliches Capitalvermögen, welches durch viele Beiträge der Mitglieder und namentlich durch eine bedeutende Schenkung unseres verstorbenen reichen deutschen Landsmannes Johann Jacob Astor begründet wurde. Ihre Wirksamkeit beschränkt sich aber nicht allein auf die Unterstützung armer Einwanderer; auch unglücklichen deutschen Stadtbewohnern tritt sie helfend zur Seite und berücksichtigt namentlich auch verschämte Arme. Um die Geschäfte der Gesellschaft in Bezug auf diesen Theil ihrer Thätigkeit zu vereinfachen, ist New-York in Bezirke getheilt worden, zu deren Vorständen zuverlässige und menschenfreundliche Mitglieder gewählt werden, die die Bittgesuche Hilfsbedürftiger entgegennehmen und möglichst zu befriedigen suchen.
Die bedeutendsten deutschen Aerzte New-Yorks haben sich der deutschen Gesellschaft angeschlossen, und diese ist dadurch in den Stand gesetzt, unbemittelten Kranken und Leidenden nicht allein vorzügliche, sondern auch unentgeldliche Behandlung zukommen zu lassen.
Dieser Verein ist öfters der Gegenstand lauten Tadels und bitterer Schmähungen gewesen; wer aber die Masse des Elendes und der Noth kennt, die täglich von ihm gelindert werden soll, und seine wirkliche Leistungen dagegen hält, wird sich gewiß nur ehrend und anerkennend über einen Verein aussprechen, der so manche Thräne getrocknet und so manchen Hunger gestillt hat.
Der deutsche Volksverein hat sich eine andere Aufgabe, als die deutsche Gesellschaft gestellt; er gibt nämlich keine Unterstützung an Geld, sondern beschäftigt sich, wie seine Name schon beurkundet, nur mit der Wahrung der Rechte und Interessen der Einwanderer. Sein Hauptaugenmerk war seit seiner Gründung darauf gerichtet, die Makler in der Ausübung ihres schändlichen Gewerbes zu hindern, erwiesene an den Einwanderern begangene Betrügereien gerichtlich zu verfolgen, Arbeit an Arbeitslose zu geben und Rath und Auskunft über amerikanische Zustände zu ertheilen. Ein Ausschuß, welcher jede Woche wechselt, ist täglich Nachmittags zu bestimmten Stunden in einem Lokale in der Nähe des Hafens in Sitzung, welches regelmäßig den Einwanderern in der New-Yorker Staatszeitung und der deutschen Schnellpost bekannt gemacht wird.
Alle Beschwerden und Klagen über Makler, Wirthe und andere Betrüger werden dort angenommen und entweder auf gütlichem, polizeilichem oder gerichtlichem Wege bereinigt. Diese Leute sind daher die erbittertsten Feinde dieses Vereins geworden, und verfolgen namentlich die thätigen Mitglieder desselben auf alle ihnen nur immer mögliche Weise, sowie sie natürlich auch durch Verbreitung von Lügen, Entstellungen und Verläumdungen die moralische Kraft des Vereins zu brechen suchen.
Im Anfange seines Entstehens suchte der deutsche Volksverein die Aufmerksamkeit der Einwanderer hauptsächlich durch große Plakate auf sich zu ziehen, welche an die Ecken der verschiedenen Hafenstraßen angeschlagen wurden. Er mußte sich aber bald von der Untauglichkeit einer Maßregel überzeugen, welcher die Makler nur mit dem einfachen Abreißen der Zettel zu begegnen brauchten, um sie gänzlich wirkungslos zu machen.
Eine Thatsache will der Verfasser hier nicht unerwähnt lassen, da sie am besten geeignet ist, einen klaren Begriff von dem Treiben der Makler den Vereinen gegenüber, welche sie beaufsichtigen, zu geben.
Das Directorium des Volksvereins hatte eine Vereinsversammlung ausgeschrieben, in welcher verschiedene Beschlüsse gefaßt werden sollten, die man später zum Schutze der Einwanderer in Ausführung bringen wollte. Zu dieser fanden sich eine bedeutende Anzahl Makler mit Knitteln bewaffnet in der Absicht ein, die Versammlung zu stören und Diejenigen zu bedrohen und zu mißhandeln, welche als Redner auftreten würden. Es gelang ihnen auch, die Abhaltung der Berathung zu verhindern, indem sie einen ungeheuren Skandal anfiengen, so oft Jemand den Mund zu einem Vortrage öffnete. Zuletzt konnten nur von dem Präsidenten requirirte Constabler einen Theil der Mitglieder vor wirklichen Angriffen schützen.
Die vielen lauten Klagen, die gegen jene Menschen erhoben wurden, haben endlich auch die amerikanischen Behörden veranlaßt, ernstlich gegen sie einzuschreiten, und die Zeit ist wohl nicht mehr ferne, in welcher man von ihrem Gewerbe als von einem, das der Vergangenheit angehörte, sprechen wird.