Grüß dich Gott, herzlieber Schatz,

Dich und deine Besen! —

Grüß dich Gott, du schlimmer Wicht!

Wo bist du gewesen? —

Schatz, wo ich gewesen bin,

Darf ich dir wohl sagen:

War in fremde Lande hin,

Hab’ gar viel erfahren.

Sah am Ende von der Welt,

Wie die Bretter paßten,

Noch die alten Monden hell

All’ in einem Kasten:

Sahn wie schlechte Fischtuch aus,

Sonne kam gegangen,

Tupft’ ich nur ein wenig drauf,

Brannt’ mich wie mit Zangen.

Hätt’ ich noch ein’ Schritt getan,

Hätt’ ich nichts mehr funden.

Sage nun, mein Liebchen, an,

Wie du dich befunden!

In der kalten Wintersnacht

Ließest du mich sitzen:

Ach, mein’ schwarzbraun Äugelein

Mußten Wasser schwitzen!

Darum reis’ in Sommernacht

Nur zur all’r Welt Ende!

Wer sich gar zu lustig macht,

Nimmt ein schlechtes Ende.

Mit diesem Abschiedsgruß ließ sie ihn stehen. Er spielte, der Dirne gelassen nachschauend, seine Weise noch vollends hinaus, stieß sich den Hut aufs linke Ohr und lief hinweg.

Es traten ferner ein fünf Wurstelmaukeler. Das waren von alters her bei der Stuttgarter Faßnacht fünf Metzgerknechte, mit Kreuzerwürsten über und über behangen, daß man sonst nichts von ihnen sah. Sie hatten jeder über das Gesicht eine große Rindsblase gezogen, mit ausgeschnittenen Augen, das Haupt bekränzt mit einem Blunzenring. Wenn es nachher zur Mahlzeit ging, dann durften die Kinder der Stadt, für die kein Platz war an den Tischen, kommen und durfte sich jedes ein Würstlein abbinden, der Maukeler hielt still und bückte sich, wenn es nötig war; dazu wurden Wecken in Menge verteilt.

Noch gab es viel mutwillige und schöne Stampaneyen, deren ich ungern geschweige.

Nachdem der ganze Mummenschanz an den drei Seiten des Markts langsam heruntergekommen und links vom Rathaus abgezogen war, dem Hirschen zu, bestiegen die Springer und Tänzer das Seil.

Der Seppe war die ganze Zeit an seinem Platz verharrt, auch hatte er sich lang’ nicht offenbar gemacht, doch endlich tat er dies auf schlaue Art, indem er sich geheim zur Erde bückte und sichtbarlich aufstand, dadurch es etwa denen, so zunächst an ihm gestanden, schien, als schlupfet’ er unter den Planken hervor. Von wegen seiner edlen Kleidung wiesen ihn die Wärtel auch nicht weg, deren keiner ihn kannte; nur seine alten guten Freunde grüßten ihn von da und dort mit Winken der Verwunderung.

Der Seppe hatte bis daher alles und jedes, die ganze Mummerei, geruhig, obwohl mit unverwandtem Aug’ und Ohr an ihm vorbeiziehen lassen. Wie aber jetzt die fremden Gaukler, lauter schöne Männer, Frauen und Kinder, in ihrer lüftigen Tracht ihre herrliche Kunst sehen ließen und ihnen jegliche Verrichtung, als Tanzen, Schweben, Sichverwenden, Niederfallen, Knien, so gar unschwer von statten ging, als wär’ es nur geblasen, kam ihn auf einmal große Unruh an, ja ein unsägliches Verlangen, es ihnen gleich zu tun. Er merkte aber bald, daß solche Lust ihm von den Füßen kam, denn alle beede, jetzt zum erstenmal einträchtig, zogen und drängten ihn sanft mit Gewalt nach jenem Fleck hin, wo das Seil an einem starken Pflock am Boden festgemacht war und schief hinauflief bis an die vordere Gabel. Der Seppe dachte: Dieses ist nur wieder so ein Handel wie mit der Dreherei, und fiel ihm auch gleich ein, daß Meister Hutzelmann, auf dessen Geheiß er heut’ die Glücksschuh alle zween anlegen müssen, das Lachen habe fast nicht bergen können. Er stieß die Zehen hart wider das Pflaster, strafte sich selbst mit innerlichem Schelten ob solcher törichten, ja gottlosen Versuchung und hielt sich unablässig vor im Geist Schmach, Spott, Gelächter dieser großen Menge Menschen, dazu Schwindel, jähen Sturz und Tod, so lang’ bis ihm der Siedig auf der Haut ausging und er seine Augen hinwegwenden mußte.

Nun aber zum Beschluß der Gauklerkünste erschien in Bergmannshabit, mit einer halben Larve vorm Gesicht, ein neuer Springer, ein kleiner, stumpiger Knorp; der nahte sich dem Haupt der Tänzer, bescheidentlich anfragend, ob ihm vergönnt sei, auch ein Pröblein abzulegen. Es ward ihm mit spöttischer Miene verwilligt, und alsbald beschritt er das Seil, ohne Stange. Er trug ein leines Säcklein auf dem Rücken, das er an eines der gekreuzten Schlaghölzer hing, dann prüfte er mit einem Fuß die Spannung, lief vor bis in die Mitte und hub jetzt an so wunderwürdige und gewaltige Dinge, daß alles, was zuvor gesehen war, nur Stümperarbeit schien. Kopfunter hing er plötzlich, der kurze Zagstock, an dem Seil herab und zangelte sich so daran vorwärts und auf das behendeste und wiederum zurück, schwang sich empor und stand bolzgrad, fiel auf sein Hinterteil: da schnellte ihn das Seil hinauf mit solcher Macht, daß er dem Rathausgiebel um ein kleines gleichgekommen wär’, und dennoch kam er wieder jedesmal schön auf denselben Fleck zu stehen und zu sitzen. Zuletzt schlug er ein Rad von einem End des Seils zum andern, das ging — man sah nicht mehr, was Arm oder Bein an ihm sei! So oft auch schon seit dreien Stunden der Beifallsruf erschollen war, solch ein Gejubel und Getöbe, wie über den trefflichen Bergmann, war noch nicht erhört. Die Gaukler schauten ganz verblüfft darein, fragten und rieten untereinander, wer dieser Satan wäre, indes die andern Leute alle meinten, dies sei nur so ein Scherz, und das Männlein gehöre zu ihnen. Hanswurst insonderheit stand als ein armer, ungesalzener Tropf mit seinem Gugel da: sein Possenwerk war alles Leiresblosel neben solchem Meister, ob dieser schon das Maul nicht dabei brauchte.

Nachdem der Bergmann so geendigt und sich mit unterschiedlichen Scharrfüßen allerseits verneigt, sprang er hinab aufs Pflaster. Auf seinen Wink kam der Hanswurst mit Schalksehrfurcht zu ihm gesprungen, fing einen Taler Trinkgeld auf in seinem spitzigen Hut und nahm zugleich, höflich das Ohr herunter zu dem Männlein neigend, einen Auftrag hin, welchen er gleichbald vollzog, indem er rund herum mit lauter Stimme rief: „Wer will von euch noch, liebe Leut’, den hänfenen Richtweg versuchen? Es ist ein jeder freundlich und sonder Schimpf und Arges eingeladen, wes Standes und Geschlechts er sei, das Säcklein dort am Schragen für sich herabzuholen. Es sind drei Hutzellaib darin. Er möge aber, rat’ ich ihm, in der Geschwindigkeit sein Testament noch machen — des Säckleins wegen, mein’ ich nur — denn der Geschickteste bricht oftermals den Hals am ersten; es ist mir selbst einmal passiert, in Bamberg auf dem Domplatz — ja lacht nur!“

Jetzt aber, liebe Leser, möget ihr euch selbst einbilden, was für Gemurmel, Staunen und Schrecken unter der Menge entstund, als der Seppe vortrat bei den Schranken und sich zu dem Wagstück anschickte! Mehr denn zehn Stimmen mahnten eifrig ab, ernsthafte Männer, mancher Kamerad, zumal einige Frauen setzten sich dawider: allein der Jüngling, dem der Mut und die Begier wie Feuer aus den Augen witterte, sah fast ergrimmt und achtete gar nicht darauf. Hanswurst sprang lustig herzu mit der Kreide, rieb ihm die Sohlen tüchtig ein und wollt’ ihm die Bleistange reichen; doch wies der Gesell sie mit Kopfschütteln weg. Bereits aber wurden die Dienste des Narren am andern Ende des Seils auch nötig. Denn zum größten Verwundern der Zuschauer trat dort auch eins aus den Reihen hervor: man wußte nicht, sei es ein Knabe oder eine Dirne. Es trug ein rosenrotes, weißgeschlitztes Wams von Seiden zu dergleichen lichtgrünen Beinkleidern samt Federhut und hatte eine feine Larve vor.

Die Spielleute, Bläser und Pauker, die Gaffens wegen ihres Amtes gar vergessend saßen, griffen an und machten einen Marsch, nicht zu gemach und nicht zu flink, nur eben recht. Da traten die beiden zugleich auf das Seil, das nicht zu steil anstieg, setzten die Füße fest und zierlich einen vor den andern, vorsichtig, doch nicht zaghaft, die freien Arme jetzt weit ausgereckt, jetzt schnelle wieder eingezogen, wie es eben dem Gleichgewicht diente.

Kein Laut noch Odemzug ward unter den tausend und tausend Zuschauern gehört, ein jedes fürchtete wie für sein eigen Leben; es war, als wenn jedermann wüßte, daß sich dies Paar jetzo das erstemal auf solche Bahn verwage.

Die junge Gräfin bedeckte vor Angst das Gesicht mit der Hand; den Grafen selber, ihren Vater, den eisenfesten Mann, litt es nicht mehr auf seinem Sitz; gar leise stand er auf. Auch die Musik ging stiller, wie auf Zehen, ihren Schritt, ja, wer nur acht darauf gegeben hätte, der Rathausbrunnen mit seinen vier Rohren hörte allgemach zu rauschen und zu laufen auf, und der steinerne Ritter krümmte sich merklich. — — — Nur stet! nur still! drei Schritt noch und — Juchhe! scholl’s himmelhoch: das erste Ziel war gewonnen! Sie faßten beiderseits zumal, jedes an seinem Ort, die Stangen an, verschnauften, gelehnt an die Gabel.

Der unbekannte Knabe wollte sich die Stirne wischen mit der Hand, uneingedenk der Larve: da entfiel ihm dieselbe zusamt dem Hut und — ach! ein Graus für alle Gefreundete, Vettern und Basen, Gespielen, Bekannte, so Buben als Mädchen — die Vrone ist’s! „Die Vrone Kiderlen, einer Witwe Tochter von hier!“ so ging’s von Mund zu Mund. „Ist es denn eine Menschenmöglichkeit?“ rief eine Bürstenbindersfrau. „Das Vronele, meiner nächsten Nachbarin Kind? Je! Gott sei Dank, bärig vor einer halben Stund’ ist ihre Mutter heim — es ward ihr übel schon über den vorigen Künsten — und jetzt das eigne Kind — der Schlag hätt’ sie gerührt, wenn sie das hätte sehen sollen!“ — Schon erhoben sich wiederum Stimmen im Kreis, und noch lauter als vorhin beim Seppe, mit Drohen, Bitten und Flehn an die Dirne, nicht weiter zu gehen. Sie aber, ganz verwirrt, flammrot vor Scham, nicht wissend selbst, wie ihr geschehn, wie sie’s vermocht, stand da, wie am Pranger, die Augen schwammen ihr, und ihre Knie zitterten. Ein Mann lief fort, eine Leiter zu holen.

Derweil war aber schon der flinke Bergmann an der andern Seite zum Seppe auf das Seil gekommen und hatte ihm etwas ins Ohr geraunt, worauf der ungesäumt den linken Schuh abzog und seiner Partnerin mutig die Worte zurief: „Komm, Vrone, es hat keine Not! Trau auf mein Wort, faß dir ein Herz und tu mit deinem rechten Schuh, wie du mich eben sahst mit meinem linken tun, und wirf ihn mir keck zu!“

Sie folgte dem Geheiß, mit Lächeln halb und halb mit Weinen, warf — da flog der Schuh dem Burschen wie von selber an seinen ausgestreckten Fuß. Nun warf er ebenfalls, und ihr geschah dasselbe.

„Jetzt, Vrone, mir entgegen! Es ist nur, bis ich dich einmal beim kleinen Finger habe, und wenn du mit der Patschhand einschlägst, dann soll es mir und dir etwas Gutes bedeuten! Frisch dran, ihr Spielleut, macht uns auf, und einen lustigen!“

Das fehlte nicht. Die vier Füße begannen sich gleich nach dem Zeitmaß zu regen, nicht schrittweis wie zuvor und bedächtig, vielmehr im kunstgerechten Tanz, als hätten sie von klein auf mit dem Seil verkehrt, und schien ihr ganzes Tun nur wie ein liebliches Gewebe, das sie mit der Musik zustand zu bringen hätten. Von nun an waren alle Blicke sorglos und wohlgefällig auf das hübsche Paar gerichtet und gingen immer von einem zum andern. Der Mann auf dem Brunnen hatte längst wieder den Atem gefunden und das Wasser sprang aus den vier Rohren noch einmal so begierig als sonst. Auf jedem Mädchenantlitz, unten auf dem Platz und oben in den Fenstern, war aber recht der Widerschein der Anmut zu erblicken, die man vor Augen hatte. Kein Kriegsmann war so trutzig und kein Graubart von der Ratsherrnbank so ernsthaft und gestreng, daß ihm das Herz dabei nicht lachte, und die Handwerksgesellen der Stadt waren stolz, daß einer von den Ihren vor all den fremden Gästen so herrlichen Ruhm davontrage.

Der Seppe sah im Tanz nicht mehr auf seinen schmalen Pfad noch minder nach den Leuten hin: er schaute allein auf das Mädchen, welches in unverstellter Sittsamkeit nur je und je seine Augen aufhob.

Als beide in der Mitte jetzt zusammenkamen, ergriff er sie bei ihren Händen. Sie standen still und blickten sich einander freundlich ins Gesicht; auch sah man ihn ein Wörtlein heimlich mit ihr sprechen. Danach auf einmal sprang er hinter sie und schritten beide, sich im Tanz den Rücken kehrend, auseinander. Bei der Kreuzstange machte er Halt, schwang seine Mütze und rief gar herzhaft: „Es sollen die gnädigsten Herrschaften leben!“ — Da denn der ganze Markt zusammen Vivat rief, dreimal, und einem jeden Teil besonders. Inwährend diesem Schreien und Tumult unter dem Schall der Zinken, Pauken und Trompeten lief der Seppe zur Vrone hinüber, die bei der andern Gabel stand, umfing sie mit den Armen fest und küßte sie vor aller Welt. Das kam so unverhofft und sah so schön und ehrlich, daß manchem vor Freude die Tränen los wurden, ja die liebliche Gräfin erfaßte in jäher Bewegung den Arm ihres Manns und drückt’ ihn an sich. Nun wandte sich die Vrone, und unter dem Jauchzen der Leute, dem Klatschen der Ritter und Damen wie hurtig eilte sie mit glutroten Wangen das Seil hinab! der Seppe gleich hinter ihr drein, das leinene Säcklein mitnehmend.

Kaum daß sie wiederum auf festem Boden waren, kam schon ein Laufer auf sie zu und lud sie ein, auf die Altane zu kommen, das sie auch ohnedem zu tun vorhatten.

Sämtliche hohe Herrschaften empfingen sie im Angesicht des Volks mit Glückwünschen und großen Lobsprüchen, dabei sie sich mit höflicher Bescheidung annoch alles weiteren Fragens enthielten, indem sie zwar nicht zweifelten, daß es mit dem Gesehenen seine besondere Bewandtnis haben müsse, doch aber solchem nachzuforschen nicht dem Ort und der Zeit gemäß hielten. Der Seppe nahm bald der Gelegenheit wahr, ein wenig rückwärts der Gesellschaft den zwilchenen Sack aufzumachen, nahm die Laiblein heraus und legte sie, höfischer Sitte unkundig, nur frei auf die Brüstung vor die Frau Gräfin Mutter als eine kleine Verehrung für sie, vergaß auch nicht dabei zu sagen, daß man an diesem Brot sein ganzes Leben haben könne. Sie bedankte sich freundlich der Gabe, obwohl sie, des Gesellen Wort für einen Scherz hinnehmend, den besten Wert derselben erst nachderhand erfuhr. Dann zog er sein Geschenk für den erlauchten Herrn heraus. Wie sehr erstaunte dieser nicht bei der Eröffnung der Kapsel! und aber wieviel mehr noch, als er das goldene Büchslein aufschraubte! Denn er erriet urplötzlich, was für ein Zahn das sei, bemeisterte jedoch in Mienen und Gebärden Verwunderung und Freude. Er wollte den Gesellen gleichwohl seines Danks versichern, tat eben den Mund dazu auf, als an der andern Seite drüben der schönen Irmengard ein Freudenruf entfuhr, daß alles auf sie blickte. Die Vrone nämlich hatte ihr ein kleines Lädlein dargebracht, worin die verlorene Perlenschnur lag. (Der kluge Leser denkt schon selbst, wer früh am Morgen heimlich bei der Dirne war.) Nicht aber könnte ich beschreiben das holde Frohlocken der Dame, mit welchem sie den Schmuck ihrem Gemahl und den andern der Reihe nach wies. Er war unverletzt, ohne Makel geblieben, und jedermann beteuerte, so edle große Perlen noch niemals gesehen zu haben. Nunmehr verlangte man zu wissen, was Graf Eberhard bekam. „Seht an!“ sprach er, „ein Reliquienstück, mir werter als manch köstliche Medey an einer Kleinodschnur: des Königs Salomo Zahnstocher, so er im täglichen Gebrauch gehabt. Mein guter Freund, der hochwürdige Abt vom Kloster Hirschau sendet ihn mir zum Geschenk. Er soll, wenn man bisweilen das Zahnfleisch etwas damit ritzet, den Weisheitszahn noch vor dem Schwabenalter treiben. Da wir für unsere Person, so Gott will, solcher Fördernis nicht mehr bedürfen, so denken wir dies edle Werkzeug auf ausdrücklich Begehren hie und da in unserer Freundschaft hinzuleihen, es auch gleich heut’, da wir etliche Junker zu Gast haben werden, bei Tafel mit dem Nachtrunk herumgehen zu lassen.“ — So scherzte der betagte Held, und alles war erfreut, ihn so vergnügt zu sehen.

Jetzt wurde den Bürgern das Zeichen zum Essen gegeben. Für jede Gasse, wo gespeist ward, hatte man etliche Männer bestellt, welche dafür besorgt sein mußten, daß die Geladenen in Ordnung ihre Sitze nahmen. Solang, bis dies geschehn war, pflogen die Herren und Damen heiteren Gesprächs mit dem Gesellen und der Vrone. Ein Diener reichte Spanierwein in Stotzengläsern, Hohlippen und Krapfen herum, davon die beiden auch ihr Teil genießen mußten. — „Ihr seid wohl Bräutigam und Braut?“ frug die Frau Mutter. — „Ja, Ihro Gnaden,“ sprach der Seppe, „dafern des Mädchens Mutter nichts dawider hat, sind wir’s seit einer halben Stunde.“ — „Was?“ rief der Graf, „ihr habt euch auf dem Seil versprochen? Nun, bei den Heiligen zusammen, der Streich gefällt mir noch am allerbesten! So etwas mag doch nur im Schwabenland passieren. Glückzu, ihr braven Kinder! Auf einem Becher lieset man den Spruch: Lottospiel und Heiratstag Ohn’ groß’ Gefahr nie bleiben mag. Ihr nun, nach solcher Probe, seid quitt mit der Gefahr euer Leben lang.“ — Dann sprach er zu seinem Gemahl und den andern: „Jetzt laßt uns in die Gassen gehn, unsern wackeren Stuttgarter Bürgern gesegnete Mahlzeit zu wünschen! darauf wollen wir gleichfalls zu Tisch. Das Brautpaar wird dabei sein; hört ihr? Kommt in das Schloß zu uns! Ihr habt Urlaub auf eine Stunde; das mag hinreichen, euch den mütterlichen Segen zu erbitten; wo nicht, so will ich selbst Fürsprecher sein.“


Begehrt nun der Leser noch weiteres zu wissen, als da ist: wie sich das Brautpaar heimgefunden? ob sie von Freunden und Neugierigen nicht unterwegs erdrückt, zerrissen und gefressen worden? was Mutter Kiderlen und was die Base sagte? wie es denn bei der gräflichen Tafel herging? auch was nachher der Graf mit dem Seppe besonders verhandelt und so mehr — so würde ich bekennen, daß meine Spule abgelaufen sei bis auf das wenige, das hier nachfolgt.

Am Markt gegen dem Adler über sieht man dermalen noch ein merkwürdiges altes Haus, vornher versehen mit drei Erkern, davon ein paar auf den Ecken gar heiter wie Türmlein stehn mit Knöpfen und Windfahnen, hüben und drüben unterhalb der Eckvorsprünge zwei Heiligenbilder aus Stein gehauen, je mit einem kleinen Baldachin von durchbrochener Arbeit gedeckt: Maria mit dem Kind samt dem jungen Johannes einerseits und St. Christoph, der Riese, andrerseits, wie er den Knaben Jesus auf seiner Schulter über das Wasser trägt, einen Baumstamm in der Faust zum Stab. Dies Haus — in seinen Grundfesten samt dem Warengewölb vermutlich noch dasselbige — gehörte von Voreltern her dem Grafen eigentümlich und ward von ihm auf jenen Tag unserem Schuster in Erkenntlichkeit für seine kostbare Gabe und zum Beweis besonderer Gnade als freie Schenkung überlassen, nebst einem Teil des inbefindlichen Hausrats, welchem der Graf schalkhaftigerweise noch einen neuen Schleifstein mit Rad beifügte. Die Vrone bekam von den gnädigen Frauen einen künstlich geschnitzten Eichenschrank voll Linnenzeug zu ihrer Aussteuer.

Am Hochzeittag gaben sich beide das Wort, ihre Glücksschuh zwar zum ewigen Gedächtnis dankbar aufzuheben, doch nie mehr an den Fuß zu bringen, indem sie alles hätten, vornehmlich aneinander selbst, was sie nur wünschen könnten, auch überdies hofften, mit christlichem Fleiß ihr Zeitliches zu mehren.

Der Seppe, jetzt Meister Joseph geheißen, blieb seinem Gewerbe getreu noch über achtundzwanzig Jahr; dann lebte er als ein wohlhabender Mann und achtbarer Ratsherr, mit Kindern gesegnet, seine Tage in Ruh mit der Vrone.

Unter seinen Hausfreunden war einer, man hieß ihn den Datte, der kam an jedem dritten Samstagabend auf ein Glas Wein und einen guten Käs zu ihm mit dem Beding, daß niemand sonst dabei sei als die liebwerte Frau und die Kinder (diese hatte er gern, und sie taten und spielten als klein mit ihm, wie wenn er ihresgleichen wäre). Da ward alsdann geschwatzt von Zunftgeschäften und von den alten Zeiten, ingleichen gern von einem und dem andern ein starker Schwank erzählt. Derselbe Hausfreund brachte den werten Eheleuten an ihrem goldenen Jubeltag ein silbernes Handleuchterlein, vergoldet, in Figur eines gebückten Männleins, so einen schweren Stiefel auf dem Haupte trägt und einen Laib unter dem Arm. Rings aber um den Fuß des Leuchters waren eingegraben diese Reime:

Will jemand sehn mein frazzengsicht,

ich halt ihm selbs darzu das licht.

mich kränket nur daß noch zur stund

mich geküßt kein frauenmund.

die mir allein gefallen hat

ein cron und schaufalt dieser stadt

hab ich vor funfzig jaren heunt

müeßen lassen meinem freund.

zum datte hant sie mich erkorn

zu schlichten zwilauf hadder zorn.

deß gieng ich müeßig all die jar

mag es auch bleiben immerdar.


Und nun, mein Leser, liebe Leserin, leb’ wohl! Deucht dir etwa, du habest jetzt genug auf eine Weile an Märchen: wohl, ich verspreche, dergleichen sobald nicht wieder zu Markte zu bringen; gefiel dir aber dieser Scherz, will ich es gleichwohl also halten. Es gelte, wie geschrieben steht zum Schluß des andern Buchs der Makkabäer: „Allezeit Wein oder Wasser trinken ist nicht lustig, sondern zuweilen Wein, zuweilen Wasser trinken, das ist lustig; also ist es auch lustig, so man mancherlei lieset. Das sei das Ende!“

Anhang Mörikes zum Stuttgarter Hutzelmännlein.

Seite 5. Zochen, Docht.

S. 6. Unbeschrien, ohne daß dich jemand darüber anredet. — Hutzelbrot, Schnitzbrot, ein Backwerk, hauptsächlich aus gedörrten Früchten, Birnen (Hutzeln), Feigen, Nußkern usw. bestehend, in Schwaben gewöhnlich zu Weihnachten beschert.

S. 7. Eine Ungüte, unvergleichlich gut; wie man sagt: eine Unmenge, ein Unlärm usf.

S. 8. Hepsisau, ein Dörfchen unweit Kirchheim unter Teck. — Guckigauch, Kuckuck. Dieser Scherz ist auch in E. Meiers schöner Sammlung von Sagen, Sitten und Gebräuchen aus Schwaben (S. 448) angeführt. — Urdrutz, Urdruß, Widerwille gegen eine Speise, an welcher man sich übergessen hat.

S. 9. Letzkopf, Querkopf; letz, verkehrt, schlimm.

S. 10. A grauße, eine große. — Stiefelszorn, gewaltiger Zorn.

S. 11. Der Blautopf. Die dunkle, vollkommen blaue Farbe der Quelle, ihre verborgene Tiefe und die wilde Natur der ganzen Umgebung verleihen ihr ein feierliches, geheimnisvolles Ansehn. Kein Wunder, wenn sie in alten Zeiten als heilig betrachtet wurde, und wenn das Volk noch jetzt mit abenteuerlichen Vorstellungen davon sich trägt. — Der Durchmesser des Beckens ist in der einen Richtung vom Wehr an 125’, in der anderen 130’, der Umfang ist also 408’. Der Prälat Weißensee nahm im Jahre 1718 eine Untersuchung vor und fand die Tiefe zu 63½ Fuß, gegen welchen Erfund, besonders von seiten des Volks, das sich die Unergründlichkeit nicht nehmen lassen wollte, mancherlei Einwendungen gemacht wurden. Das Ergebnis einer späteren Untersuchung, im Sommer 1829, war aber auch nur 71’ am Punkt der größten Tiefe. Dieselbe befindet sich ziemlich in der Mitte des Topfs; nach den Seiten nimmt sie überall ab, so daß sich daraus wirklich eine trichterförmige Gestalt des Beckens ergibt. Die Untersuchung widerlegte auch die Meinung, daß Bäume und Baumstämme auf dem Grund versenkt liegen, denn das Senkblei fand nirgends den mindesten Widerstand. Mit Verwunderung vernahmen einzelne die Messung und fragten, ob denn das Senkblei unten nicht geschmolzen sei; denn eine alte Sage sprach von glühender Hitze in den untersten Schichten. — Die schöne Bläue des übrigens kristallhellen Wassers verstärkt sich mit zunehmender Tiefe; nur an dem Rande, wo die Vegetation einwirkt, fällt sie ins Grüne. Bis jetzt ist dieses Blau noch nicht genügend erklärt. Weder in der Umgebung noch in der Farbe des Grundes kann die Ursache liegen, weil das Wasser sein bläuliches Ansehen bis zum Ausfluß in die Donau behält. Ebensowenig hat eine chemische Untersuchung durch Prof. Schübler einen Gehalt an Metallen oder andern Stoffen, wodurch die Erscheinung veranlaßt werden könnte, gezeigt: das Wasser stellte sich nur reiner als die meisten Trinkwasser dar. — Sein Spiegel ist gewöhnlich ganz ruhig, so daß man kein Hervorquellen bemerkt; dennoch ist der Abfluß so stark, daß er nicht nur mittels des an der Quelle angebrachten Brunnenhauses die ganze Stadt und das Kloster mit Wasser versieht, sondern auch ein ebenfalls daranstehendes Hammerwerk und unmittelbar darauf vier Mühlen treibt. Bei anhaltendem Regen- und Tauwetter trübt sich die Quelle, wird auffallend stärker und so unruhig, daß sie beträchtliche Wellen aufwirft und Ueberschwemmungen verursacht. Im Jahre 1641 soll die Gefahr so groß gewesen sein, daß ein Bettag gehalten, eine Prozession zum Blautopf veranstaltet und zur Versöhnung der erzürnten Gottheit (allerdings keiner Nymphe) zwei vergoldete Becher hineingeworfen wurden, worauf das Toben nachgelassen habe. Unstreitig steht der Blautopf durch unterirdische Klüfte in Verbindung mit der Albfläche und insbesondere mit den darauf befindlichen Erdtrichtern. — Einige hundert Schritte von dem Topfe ist ein ähnlicher Quell, der Gieselbach, an welchem einst die alte Niklauskapelle und ein Nonnenkloster stand. (Nach Memmingers Beschr. d. Ob.-Amts Blaubeuren.)

S. 12. Lau, von La, Wasser, welches in lo, lau, b’lau überging, daher nach Schmid[1] der Name des Flüßchens Blau (und Blautopf) abzuleiten wäre. — Gumpen (der), gewöhnlich nur eine vertiefte Stelle auf dem Grunde des Wassers, hier das ganze einer größeren Wassersammlung mit bedeutender kesselartiger Vertiefung. Wer etwa, wie einige ohne Not wollen, das Wort Topf im Sinne von Kreisel nimmt und es damit erklärt, daß das Wasser, besonders bei starkem Regen- und Tauwetter, wo es sich in der Mitte pyramidalisch erhebt, eine kreisende Bewegung macht, der wird unsern Ausdruck doppelt gerechtfertigt finden, da gumpen, gampen entschieden soviel ist als hüpfen, tanzen, mutwillig hinausschlagen. — Kleine Messer. Es war eine alte Sitte, die noch nicht ganz abgekommen ist, sich zum Zeichen der Freundschaft mit Messern zu beschenken; vorzüglich herrschte sie in den Klöstern. Der Mystiker Meister Heinrich von Nördlingen, Taulers und Susos Freund, schickte den Klosterfrauen zu Medingen öfters Messer zum Geschenke. Daher vielleicht die Redensart: Messerlein geben, d. h. nachgeben, Abbitte tun.

S. 13. Glusam, mäßig erwärmt (auch in moralischer Bedeutung: stillen Charakters). — Gänge Pfade, begangene.

S. 14. Küllhasen, Kaninchen.

S. 15. Schachzagel (das), Schachspiel.— Fernd, voriges Jahr. — Kappis, Kohl.

S. 17. Oehrn, Hausflur.

S. 18. Habergeis, von heben, wegen der hüpfenden, hoppelnden Bewegung des Kreisels. — Bauren-Schwaiger, von geschweigen, stillen. Die alten Griechen und Römer hatten magische Kreisel, Rollen und Räder, meist aus Erz, deren sich Frauen und Mädchen zum Liebeszauber bedienten, indem sie dieselben unter seltsamen Bannsprüchen herumdrehten. So in der zweiten Idylle des Theokrit. Nach einem Epigramm der griechischen Anthologie hatten vornehme Thessalierinnen dergleichen aus Edelstein und Gold, mit Fäden purpurner Wolle umwickelt, welcher besonders eine geheime Kraft inwohnen sollte. Natürlich hat man sich diese Kreisel weit kleiner, überhaupt von anderer Form als den unsern zu denken. In jenem Epigramm wird der Venus ein solches Weihgeschenk gebracht.

Nikos Kreisel, mit dem sie den Mann fern über das Meer zieht

Oder dem stillen Gemach sittige Mädchen entlockt,

Lieget, ein hell Amethystengerät und mit Gold verzieret,

Kypris, ein lieber Besitz, deinem Altare geweiht,

Mitten von Wolle des purpurnen Lamms umwunden. Larissas

Zauberin bracht’ ihn dir, Göttin, ein gastlich Geschenk.

Während der Stoff, woraus das Instrument der Larisserin bestand, zum Zweck selbst nichts beitrug, wird er in unserm Fall Hauptsache, und die von den Alten dem Amethyst zugeschriebene Wirkung, derenwegen man sonst den Stein in Schmuckform bei sich trug, ist hier an den tönenden Kreisel geknüpft. — Das Selige. Selig, berauscht, ist nicht gleichbedeutend mit glückselig, obwohl darauf hinspielend, sondern gleichen Stamms mit Sal, Rausch, niedersächsisch; soûl, betrunken, französisch. — „Als verfälschten die Bürger den Landwein auf eine so unleidentliche Weise, daß mehrere Leute das Selige berührt hätte.“ Gemeiners Regensb. Chron. zum Jahre 1474. — Söhnerin, Schwiegertochter.

S. 19. Susanne Preisnestel. Scherzhafte Bezeichnung aufgeputzter Mädchen. Preis heißt der Saum am Hemd; prisen, einfassen; mit einer Kette, gewöhnlich von Silber, einschnüren, um den bei der vormaligen oberschwäbischen Frauentracht üblichen Brustvorstecker zu befestigen; der hierzu gebrauchte seidene oder wollene Bändel hieß Preisnestel.— Aschengruttel (Aschenbrödel), sonst im Schwäbischen auch Aschengrittel und Aeschengrusel genannt.

S. 21. Einen roten Rock. Ein alter Reim, welchen die Wärterinnen hersagen, wenn sie die Kinder auf den Knien reiten lassen, enthält schon diese Vorstellung:

Hotta, Hotta, Rößle,

Z’Stuagart steht a Schlößle,

Z’Stuagart steht a Gartahaus,

Guckat drei schöne Jungfra raus:

Die ein’ spinnt Seide,

die ander’ spinnt Weide,

Die dritt’ spinnt an rota Rock

Für unsern liaba Herragott.

s. E. Meiers Kinderreime, S. 5.

Verkommen, begegnen. — Baß, sehr, gut, besser. — Unwirs, unwirsch, ungehalten. — Wetterblicken, der Blick, Durnblick, Wetterblick, Blitz. — Rusenschloß oder Hohen-Gerhausen, vormals eine gewaltige Bergfeste, jetzt äußerst malerische Ruine über dem Dorfe Gerhausen gelegen, in der Nähe vom Ruck, einer minder bedeutenden Burg. — Mahd (das): 1. die zu mähende Wiese, 2. das Gemähte.

S. 22. Jäst, Jast, Gärung, aufbrausender Zorn.

S. 23. Zuberklaus, ein Mensch, der seltsame Einfälle hat; vielleicht, sagt Schmid,[3] eine scherzhafte Verstümmelung des Wortes superklug, zugleich anspielend auf den Klaus Narr. Letzterer ist ohne Zweifel in dem Worte enthalten, im übrigen hat diese Erklärung etwas zu Modernes. Ein humoristischer Etymolog nimmt die erste Worthälfte bar und will, ich weiß nicht, wo, gefunden haben, daß sich Klaus Narr eines solchen Geräts bei einem Ulmer Schifferstechen als Fahrzeugs in Ermangelung eines ordentlichen Nachens bedient habe. — Lichtkarz, Karz, entweder von garten, müßig sein, umherschwärmen, z’Garten gehen, Besuch machen oder, wahrscheinlicher, von Kerze. Versammlung von Spinnerinnen, auch Vorsitz genannt. — Spitzweise, spitzfindig; „mit spitzwysen Worten“ (Ulmer Urk.).

S. 25. Ein steinernes Haus. Es ist das der Stiftskirche westlich gegenüberstehende Mäntlersche Haus (jetzt städtische Gebäude) gemeint, das gegenwärtig noch „zum Schlößlein“ heißt. Es soll den Herrn von Kaltenthal gehört haben; Memminger, in seiner Beschreibung der Stadt, macht es aber sehr wahrscheinlich, daß das Gebäude von Anfang gräflich württembergisches Besitztum, und zwar einer der Sitze oder eine der Burgen gewesen sei, die nächst dem Stutengarten die Entstehung von Stuttgart veranlaßt haben mögen. — In natürlicher Kunst. Natürlich, naturkundig. „Von den sachen des siechtumbs nach gemainen löffen der natur schreiben die natürlichen maister“ (Steinhöwel, Ulmer Arzt). Natürliche Meister sind aber nicht bloß Aerzte, sondern auch Philosophen. In dem „Buch der sterbenden Menschheit“ heißt es: „Ein mächtiger wolgelerter man in philosophia, das ist in natürlicher kunst.“

S. 26. Imperial, war ehemals eine Goldmünze; der Name ist nur noch in Rußland üblich.

S. 27. Spiriguckes, ein wunderwitziger, neugieriger, auf Kuriositäten erpichter Mensch von sonderbarem Wesen.

S. 28. Mir nex — usganga, sagt man am Schlusse der Erzählung einer Sache, die auf nichts hinausläuft. — Bodalaus, bodenlos.

S. 29. Zuteuerst, sogar. — Irrsch, nicht recht bei sich.

S. 30. ’s leit a Klötzle, es liegt usw. Diese Zeilen finden sich ebenso in E. Meiers Kinderreimen. — Leirenbendel, langweiliges Einerlei; zunächst der schwäbische Volksname für einen Vogel, Wendehals.

S. 31. Gesetzlein, Sprüchlein, Strophe eines Lieds. — Buntüberecks, verkehrt, durcheinander.

S. 33. Sottige, söttige, sotte, solche. — Witzung, Witzigung, Warnung.

S. 35. Holdschaft, Liebschaft, zärtliche Freundschaft.

S. 36. Buksieren, necken, plagen. — Knappen, hinken.

S. 37. Ehni, Aehne, Großvater.

S. 38. Heiratstag, Verlobungstag.

S. 39. Helle Wiese, Hölle, Fegfeuer. „Der ward entzuckt vnd gefürt jn die helle wise“ (Legende). — Morgen nach dem Bad, Sprichwort: du kommst zu spät.

S. 41. Der wirtembergische Niemez (Niemer, Niemand), einer der soviel als nichts ist, kein Gewerbe versteht oder treibt.

S. 43. Bocken, mit den Köpfen aneinander stoßen, klopfen. — Durnieren, lärmen, lautähnlich mit durnen, donnern.

S. 44. Grättlein, kleiner Korb. — Wiegentag, Geburtstag (Marchthalers von Eßlingen Hauschronik).

S. 45. Irmengard, eine der vier Töchter Eberhards von seiner zweiten Gemahlin, Irmengard von Baden, „die prächtigste der Rosen“, wie ihre Grabschrift sie nennt; starb 1329. — Nuster, Halsschnur, von Pater noster; daher auch Patter.

S. 46. Wasen, Rasen, Anger (auch S. 74). — Alfanz, Gewinn, Vorteil. — Rauner (raunen, leise reden, murmeln), Beschwörer. „Dye nit will hören die stymen der rauner“ (alte Uebersetzung des Psalm 58).

S. 47. Einen ansehnlichen Weiher. In Wirklichkeit wurde dieser sogenannte mittlere See beim alten Sebastians-, nachmaligen Büchsentor (welcher seit 1700 ausgetrocknet ist) um das Jahr 1393 angelegt. Die obere Vorstadt entstand eigentlich unter Graf Ulrich dem Vielgeliebten und Eberhard im Bart (Pfaffs Geschichte der Stadt Stuttgart).

S. 48. Hatte einen Bösen getan, war unmäßig. — G’rutzelt voll, sehr voll.

S. 49. Traubenschuß, ein Schuß mit vielen Schroten aus kleinem Gewehr, hier angewendet auf grobes Geschütz, dergleichen die Quartanschlange war, welche zehnpfündige Kugeln schoß, und der Tarras, der übrigens auch als Büchse genannt wird. — Die Sach’ steht auf Saufedern, ist mißlich.

S. 50. Scharsach, Schermesser. „Als ein geschliffen Scharsach“ (Psalm 52).

S. 51. Fazvögel, von fazen, spotten. Italien. fazio, Possenreißer; lat. facetiae, witzige Scherze. — Der Holzschlegel — auf der Bühne (auf dem obern Boden unter dem Dach), ohne Aufwand und Mühe gelinge ihnen alles.

S. 52. Selletwegen, jeneswegen. — Beschreien, berufen (abergläubische Warnung vor allzugroßer Sicherheit). — Stuß, Stoß, Verdruß. — Beim Beilichen, ungefähr; die Beiliche, die Nähe. — Stiegelfizisch, naseweis.

S. 53. Grind, pöpelhaft für Kopf. — Wampel, wimbel, übel, magenschwach; ähnlich to wamble im Engl. — Triet (die), ein Magenpulver. Franz. trisenet. — Allermanns-Harnisch, runde Siegwurz (Gladiolus communis), ehemals in medizinischem Gebrauch; wurde als Amulett gegen Verwundungen und verschiedene Krankheiten, sowie zu andern abergläubischen Zwecken getragen und wird zuweilen noch vom Volke gebraucht. — Dierletey, nicht näher bekanntes Ingrediens einer Salbe; in der Mörin des Herm. v. Sachsenheim erwähnt. — Mamortica (Mamordica balsamina), der echte Balsamapfel, wunderheilendes Mittel. — Wurzler, Apotheker. — Gschwey, Schwägerin.

S. 54. Ledder, statt Leder, sprechen alle gereisten Schuster in Schwaben. — Mille, Mil, Milch; ulmisch.

S. 55. Lichtbraten, Lichtgans, ein Braten, welchen Handwerker, die im Winter auch des Nachts arbeiten, Schuster, Schneider, Weber u. dergl., ihren Gesellen beim Anfang des Winters zum besten geben. Bis zu Ende des 18. Jahrhunderts bestand in Ulm dieser Gebrauch in einem mit Musik, Trommeln und Pfeifen und bisweilen mit öffentlichen Aufzügen verbundenen Schmause.

S. 56. Fürsche, vor sich, vorwärts.

S. 57. Döte, männlicher, Dot, Dote, weiblicher Taufpate. — Wunderlecker, ein Wundersüchtiger (ohne Vorgang). — Einzecht, einzeln.

S. 58. Wadelbir, eine Birnenart. „Mit manchen bieren“ (Hugo v. Trimberg). — Drudenfuß, von Drude, Trut, Unholdin; eine magische Figur, aus zwei zu einem Fünfeck verbundenen Triangeln bestehend. — Kandel, Rinne, Abzugskanal. Nachtschach, Räuber, Dieb; von Schach, Raub. — Aberschanz, das Hintere.

S. 59. Weinschröter, Weingärtner.

S. 60. Eine Stuterei. Gabelkhover (in seiner handschriftlichen Chronik vom Jahre 1621) will den Platz noch wissen, wo das alte Stutenhaus gestanden. „Zwanzig Schritt ohngefehrlich,“ sagt er, „von der jetzigen Stiftskirche gegen Mitternacht, da Paulus Sautter, Provisor, sitzt.“ Dieser Sautter saß aber, einer Hausurkunde zufolge, in dem ehemaligen Weinschenk Thumschen Haus, und nach einer bekannten Ueberlieferung wäre dies Haus das älteste der Stadt. — Zinselwerk, Gaukelwerk. „Celestinus hat den introitum mit anderm zinselwerk hin dar gesetzt“ (Spreter, Bericht von der alt. christl. Meß). — „On vnser verdienst, vergebenlich, nit durch ablas oder eygen zinselwerk“ (Spret, christl. Instruktion). — Dockenkasten, Puppentheater.

S. 61. Kräben, Tragkorb. — Schauenlichkeit, Kontemplation, beschauliches Leben. „Nit minder vorhalt mich vor disen gesellen, die allein der Schawenlichkeit gleben (geleben) wend“ (Spreter, christl. Instr.). — Drönsgen, Intensivform von trehnsen, langsam etwas verrichten; entspricht dem Franz. trainer, ziehen, dem Engl. to train, to trone und to drowse, schlummern, schläfrig sein. — Heiltum, Reliquie. Der Pfarrer zu Leipheim, im Jahre 1500, bestrich die Leute für ein Opfer mit dem Heiltum St. Veits.

S. 63. Marschloß, Maderschloß, Malschl. (Schweizerisch: Malle, Tasche; franz. malle), Vorlegschloß. — Die Eigel, der Blutigel; in den ältern Ausgaben der Lutherischen Bibel, Sprüche Sal. 30, 15.

S. 64. Ringer, mit geringerer Mühe. — Schier, bald. — Werr, Erdkrebs, ein den Fruchtfeldern schädliches großes Insekt.

S. 65. Hartselig, hartnäckig. „Durch Wunderzeichen wil Gott das hartsälig volck ziehen vnd berüffen“ (Spreter, Instr.). — Torangel, Schimpfname für grobe Bauern. — Sittich, Sitter, psittacus, Papagei.

S. 66. Wind und weh, sehr übel, sowohl im körperlichen als geistigen Sinne gebraucht; wind, wahrscheinlich von schwinden, woher auch Schwindel stammt, also schwindlig. „Ir ward so swinde und weh dar nach“ (Koloczaer Codex altdeutscher Ged., herausg. von Mailáth usw. S. 232).

S. 67. Schnorzig, verdrießlicher Laune, worin man jemand anschnurrt.

S. 68. Meineider, Meineidiger (Marchth. Chr.). — Brogl-Wenz; sich broglen, prahlen; alt brogen, sich regen, in die Höhe richten, ungestüm sein. Engl. to brag, ital. brogliare. Die Zusammensetzung mit einem Namen, als sprichwörtliche Anspielung, ist willkürlich. — Elend, ein Garten in Ulm hinter dem Hospital an der Donau, auf dessen Stelle ehemals vermutlich ein Pflegehaus für arme Pilger und Fremdlinge war. Dergleichen Anstalten hießen auch anderwärts Elendhäuser, elende Herbergen Elend, ellend, aus el, fremd, und lend, bedeutet überhaupt die Irre, Fremde.

S. 69. Pflug, Name eines Gasthofs in Ulm. — Ufam, auf dem. — Blo-Holder-Strauß, Busch von blauem Holunder, Syringe. — Vor’s, bevor es. — Nachthüehle, Nachthuhn, Käuzlein.

S. 70. Dia Gugelfuahr gang wieder an (gehe wieder an). Die Gugelnarren, d. h. die Narren mit den spitzigen Hanswursthüten, ließen sich zur Fastnachtszeit auf Karren herumführen und trieben Unfug; daher Gugelfuhr für große Lustbarkeiten und jeden lustig lärmenden Unfug.

S. 72. Herzensbrast, Beklemmung, Herzeleid; von Bresten, Gebrechen. — Scheurenburzler, Landstreicher, Zigeuner, der in Scheunen auf dem Lande das Nachtlager zu nehmen pflegt. — All Hundsodam, alle Augenblicke.

S. 73. Gen die Sperlachen (plur.), gegen das Himmelszelt; von sperren und Laken oder Lachen, Tuch, das über einen Wagen zur Bedeckung gespannt ist. „Wann got jnn den sperlachen wonet vnd sy mit seinen gnaden erleuchtet“ (Buch der sterb. Menschh.) — Hofraite (die), der ganze zu einem Haus gehörige Umfang von Hof, Bäulichkeiten usw.

S. 74. Gähnaffen (Maulaffen) feilhaben, müßig dastehen. — Den Plirum geigen, abprügeln.

S. 76. Trait mer, trägt man. — Dattern, dottern, zittern. Engl. to totter. — Jetzt ist lang Tag, Sprichw., es hat keine Not mehr.

S. 77. Wuhr (das), Wehr. „Ich hab gebawen die wasserwure“ (Buch der sterb. Menschh.). — Gottig, gotzig, gotteseinzig, einzig. — Trischacken, eine Art Kartenspiel. Ital. i tre sciacchi.

S. 78. Schiedfell, Zwerchfell, weil es Herz und Lunge von den andern Eingeweiden scheidet; diaphragma. — Faxen, auffallende, lächerliche Gesten.

S. 79. Seellos, ruchlos. „Die Trewloßen, Ehrloßen und Seelloßen bauren“ (Brief an Schwäb. Hall im Jahre 1525). — Ich habe Kreuz — ab. Diese Zeilen fand der Verfasser selbst an einem ähnlichen Ort auf freiem Felde von einer ungeübten Hand mit Kreide angeschrieben.

S. 82. Verbutzen, vermummen. „An Fastnacht soll sich niemand verbutzen, verkleiden, verwelchen“ (von Wale, Walch, Welscher, Fremder). Ulm, Verordn. v. J. 1612. Die Butz heißt Scherz, Betrug, Lüge; der Butz, Narr, Possenreißer, Larve.

S. 83. Verhansleartlen, auf eine einfältige Weise verlieren, versäumen. Hans Leand, Hans Leard, Johann Leonhard, wird zur Bezeichnung eines einfältigen Menschen gebraucht.

S. 84. Morgenatz, Frühstück (Marchth. Chronik).

S. 86. Bartzefant (der), Diener. Franz. poursuivant.

S. 87. Korabelle, Buhldirne, wahrscheinlich aus mia cara bella entstanden und auf Barbara, in der Volkssprache Belle, anspielend; kommt noch in Weitzmanns Gedichten vor. — Knegler, einer der stark durch die Nase redet. — Sotterer, ein siecher Mensch; von sottern, kränkeln; mit Sucht verwandt. — Ungeschaffen, ungestaltet. „Da (in Cannstatt) ist alle Jar ain tag haißt der ungeschaffene tag, vonn mannen Jungen gesellen weiber vnd Jungfraw vnnd welcher der vngestaltest ist der gewindt ain Rockh vnnd ander ding darzu vnnd welche die vngeschaffnest ist die gewindt ain Gurttl pewtel (Beutel) Handschuh vnnd ander Ding“ (Ladisl. Sunthaim, Historiograph des K. Maximil. I. S. Memmingers Cannstatt).

S. 88. Grüß dich Gott, herzlieber usw., ein altes Volkslied, aus des Knaben Wunderhorn (II, 300) mit einiger Veränderung entlehnt.

S. 89. Wurstelmaukeler, maucheln, maukeln, maunkeln, mockeln, vermockeln, verstecken, heimlich zu Werke gehen, betrügen (bemogeln); daher Butzenmaukeler, die verkleidete Person, welche ehemals an Fastnacht, an Nikolai oder zu Weihnachten, die Kinder zu erschrecken, aufgestellt wurde. Die Verbindung mit Wurst in unserm Text ist willkürlich und diese Gestalt dem Pfingstlimmel nachgebildet. Es war dies ein Knabe, welcher zur Pfingstzeit, vom Scheitel bis auf die Füße ganz mit frischem Grün und Feldblumen umflochten, entweder zu Fuß oder auf einem Pferde sitzend und von zwei andern Burschen geführt, in der Stadt oder im Dorf herumzog. Den Kopf bedeckte eine ellenlange, spitze Kappe von Laubwerk, und das Gesicht war zuweilen mit Baumrinde verlarvt. Der Verfasser fand diese Sitte noch auf der Alb, in Ochsenwang. Zu Augsburg, wo man Schilf zu der Verkleidung nahm, hieß ein solcher Knabe der Wasservogel. — Blunz (der), dicke Blutwurst. — Stampaney (die), Ersonnenes, Erdichtetes, Märchen; von Stampf, weil Bilder mit dem Stampf abgedruckt wurden. Josua Mahler (im Jahre 1551) sagt, nachdem er die in der Hauptkirche zu Aachen vorgezeigten Reliquien aufgezählt hat: „Es ist dies Münster ein rechter Kramladen zu derley Stampaneyen.“

S. 90. Der Siedig, der Angstschweiß.

S. 91. Leiresblosel, Leiresbläslein, soviel als: ein dummes Ding; mag von Leier und Blasen herkommen, zunächst also: schlechtes Geleier.

S. 93. Bärig, kaum.

S. 95. Zwilch (der), grobe Leinwand.

S. 96. Medey, ein Kleinod, vielleicht eine Medaille, zum Hutschmuck gehörig. „Ob dem stulp (des spanischen Huts) ging ein Schnur vmbher. Nicht anderst alß wenns ein Kron wer; Gar köstlich von schönen Medeyen, Orndlich gesetzet nach der Reyen, Treflich vil schöne Edel Stein Theurer art dran gestanden sein“ (Aus Fürstl. Würt. Pomp und Solennität durch M. Jo. Ottingerum beschrieben, Stuttg. 1607.) „Medeyen oder Rosen an der Cleinodschnur“ (ebendas.). — Stotzenglas, kurzes Kelchglas mit einem Fuße. — Hohlippen, hohle Hippen, gerolltes Oblaten-Gebackenes. — Krapf, mit Obst, Weinbeeren, Rosinen und dergl. gefülltes Backwerk. Im Altdeutschen bedeutet das Wort einen gekrümmten Haken.

S. 99. Schaufalt (der Falt, schwäb.), die Falte an Tüchern, die nach außenhin, um besonders gesehen zu werden, gelegt wird; daher das Vorzüglichste seiner Art, womit man prangt, z. B. eine Person in einer Familie. Aehnlich ist Ausbund: was im Zusammenbinden auswärts gerichtet wird, und ebenso das vormals gebräuchliche Ueberbund. — Datte, Vater (Kindersprache). In einigen Orten Württembergs war ehemals die Gewohnheit, daß Ehezwistigkeiten, ehe sie zu sehr überhand genommen, durch einen stattlichen, untadelhaften Mann im Dorfe, den man den Datte nannte, der aber unbekannt blieb, gerügt und bestraft wurden. Er klopfte nämlich, von zwei selbstgewählten Gehilfen begleitet, an dem Hause uneiniger Eheleute an, antwortete auf die Frage: „Wer da?“ bloß: „Der Datte kommt“ und ging ohne weiteres wieder weg. Hörte der Zwist nicht auf, so erschien er zum zweitenmal und beobachtete dasselbe. Blieb auch dies ohne Erfolg, so kam er zum drittenmal vermummt, drang in das Haus und prügelte den schuldigen Teil tüchtig ab. Der Mißbrauch hob diesen vielleicht altgermanischen Gebrauch auf. — Zwilauf, Zwist. „Peter Vngelter vf der Stette haissen gen Straßburg verritten von Irer zwilöff wegen dorvnter zu reden“ (aus e. Städterechnung).


[1] Joh. Christoph v. Schmid, Schwäb. Wörterbuch (Stuttgart 1831) S. 73.

[2] Vgl. Reclams Univ.-Bibl. 1921-24, S. 59. Anm. d. Hrsgs.

[3] A. a. O. S. 551.

Ende.

Im Weltkrieg auf K.-Papier gedruckt