Von dem ehemaligen Franziskaner-Kloster, welches 1502 gegründet und 1540 aufgehoben worden ist, stehen nur noch geringe Ueberreste zwischen der Oberforstmeisterei und dem neuen Bezirksgericht. – Zu Annaberg hat auch von 1515–59, anfangs als Probirer und dann als Gegenschreiber, der weltbekannte Rechenmeister Adam Riese[11] gelebt, und noch jetzt heisst das Gut in der Nähe der Stadt, das er besessen, die »Riesenburg.« Ebenso ward allda 1726 der Kinderfreund Ch. F. Weisse geboren, zu dessen Ehren man bei seinem hundertjährigen Geburtstage eine milde Stiftung errichtet hat.
Ausflüge: Der Pöhlberg gewährt auf seinem Plateau eine gute Aussicht und zeigt an seinem Nordostabhange mächtige Basaltsäulen, von dem Volke »die Butterfässer« genannt. Ausser Besteigung dieses Bergkegels sind Spaziergänge nach der Wolfshöhle und der Wäsche, nach dem Markus Röhling und dem Schreckenberge, nach der Bäuerin und dem Teufelsfelsen, sowie in die Umgebung von Buchholz (s. weiter unten) anzurathen; als weiterer Ausflug empfiehlt sich ein Besuch des Greifensteins (s. S. 93) oder des unteren Pressnitzthales, von Finsterau bis Schmalzgrube (s. T. XVIII. S. 53).
Buchholz. – Nur zehn Minuten von Annaberg, am linken Ufer der Sehma, den östlichen Abhang des Schottenberges bedeckend, liegt die Stadt Buchholz, eigentlich St. Katharinenberg im Buchholz geheissen, 1793´ ü. M., mit 4854 E. Sehenswerth sind hier: Die gothisch gebaute Hauptkirche und die Begräbnisskapelle, beide mit werthvollen Gemälden aus der Wohlgemuth'schen Schule. Auch verdienen die Waldanlagen und das Waldschlösschen einen Besuch.
Die Nähe der beiden Städte Annaberg und Buchholz erklärt sich daraus, dass bei der Ländertheilung 1485 die Sehma einen Theil der Grenze zwischen dem albertinischen und ernestinischen Sachsen bildete, so dass die Gegend von Annaberg herzoglich und die von Buchholz kurfürstlich war.[12] Der angegebene Umstand ist auch der Grund, warum in Buchholz die Reformation früher (1523) als in Annaberg (1539) eingeführt wurde. Im Allgemeinen aber haben beide Städte, die fast gleichzeitig (A. 1496; B. 1504) und aus gleichem Anlass (wegen Auffindung von Silber) entstanden sind, eine gleichmässige Entwicklung gehabt. Wie Buchholz die Heimath für die Posamentirerei, so ist Annaberg die für das Spitzenklöppeln gewesen, und noch heute gelten beide für einen gemeinsamen Vorort der Spitzen- und Posamentenfabrikation.
Spitzenklöppeln: Ueber das Spitzenklöppeln sagt der Verfasser der Lebensbilder vom sächsischen Erzgebirge ungefähr Folgendes: »Im Obererzgebirge sieht man fast hinter jedem Hüttenfenster eifrige Klöpplerinnen; in der schönen Jahreszeit trifft man ganze Gesellschaften von klöppelnden Frauen, Mädchen und Kindern im Freien; im Winter kommen die Klöppelmädchen Abends zusammen und arbeiten gemeinschaftlich, wie anderwärts die Spinnerinnen. Die Haltung der Klöpplerin ist allerdings nicht sonderlich anmuthig, indem sie beim Arbeiten den Oberkörper, ähnlich wie beim Schreiben, etwas vorbeugt; die reizenden Bewegungen ihrer Hände aber lassen sich eben so schwer darstellen, wie der flüchtige Tanz der Finger des Klavierspielers. Wirklich erinnert das federleichte und blitzschnelle Spiel der klöppelnden Hände ebenso sehr an die Fingerfertigkeit der musikalischen Virtuosen, als an die der Taschenspieler. Die Handhabung der Nadeln beim Stricken ist nichts im Vergleich zum Gebrauch der Klöppel beim Spitzenanfertigen. Und die Verwunderung über die Kunstfertigkeit der Klöppelhände wird noch gesteigert, wenn man das äusserst schlichte Werkzeug sieht, dessen die Klöpplerin sich bedient. Sie sitzt vor einem walzenförmigen, einen Fuss langen, mit Kattun umhüllten Polster, dem sogenannten Klöppelkissen (Klöppelsack), das mit einer grossen Anzahl von Stecknadeln gespickt ist. Der Klöppel selbst ist ein 4–5 Zoll langes, zur Form eines Trommelklöppels gedrechseltes Holzstück, über welches das »Tütle«, eine dünne hölzerne Hülse von 2 Z. Länge, gesteckt ist, damit der um den Klöppel gewickelte Faden nicht beschmutzt wird. Einen solchen Klöppel mit Tütle kauft man um einige Pfennige. Zu schmalen Spitzen gehören 2–4, zu breiten wohl Hundert Paare. Um die Mitte des Kissens ist ein Streifen starken Papiers, auf welchem das Muster durch Nadelstiche vorgezeichnet ist, der sogenannte Klöppelbrief, geschlungen. Zunächst werden so viele Fäden, als das Muster erfordert, auf ebenso viele Klöppel aufgewunden, die freien Enden in einen Knoten geschürzt und auf dem Kissen befestigt. Dann beginnt das Klöppeln, welches im Wesentlichen nichts ist, als eine kunstvolle Art zu flechten. Die Arbeiterin fasst mit den Fingerspitzen bald der rechten, bald der linken Hand mehrere Klöppel, wickelt durch gewandte Drehung derselben etwas Faden ab und kreuzt die Fäden durch einen »Schlag« zu einer Art Knoten. Die so gebildeten Maschen werden zeitweilig durch Stecknadeln an dem Klöppelbriefe festgehalten. Rasch beseitigt nun die Hand diejenigen Klöppelpaare, welche eben gebraucht wurden und bis auf Weiteres entbehrlich sind, dadurch, dass sie dieselben mit einer grossen Aufstecknadel seitlich am Kissen feststeckt. Dann nimmt sie mit bewunderungswürdiger Sicherheit aus der Menge der Klöppel, die alle gleich aussehen und nicht an Nummern oder sonstigen Zeichen kenntlich sind, andere Paare heraus, um damit weiter zu arbeiten. – Es ist begreiflich, dass die Fertigkeit, mit welcher die Klöpplerin für jede Nadel den rechten Klöppel findet und benutzt, nur durch Uebung von frühester Jugend an errungen werden kann, weshalb auch Kinder schon im 4. und 5. Lebensjahre zu klöppeln anfangen. Auch sorgen für Erlernung der erzgebirgischen Kunst ausser den Familien mehrere vom Staate unterstützte Klöppelschulen.«
Bei'm Annaberger Schiesshause, rechts auf dem Fahrwege, zu dem vorliegenden Höhenrücken empor und dann auf einem Fusspfade hinab nach dem grossen, an den Ufern der Pöhla gelegenen Dorfe Königswalde (2454 E.). Nach Ueberschreitung der Brücke geht man links um die Kirche und steigt auf einem Feldwege das anstehende Gelände hinan; oben gelangt man in einen jungen Fichtenwald und, in diesem sich links haltend, auf die Jöhstadt-Grumbacher Chaussee, welche bald nach Grumbach (1291 E.) hineinleitet. Ohne Aufenthalt wird dieses kahle Gebirgsdorf durchwandert, um, mit einer Wendung nach rechts, zu dem malerisch an der Pressnitz gelegenen Dorfe Schmalzgrube (327 E.) hinabzusteigen. Dieser Ort erfüllt den engen, aber reizenden Thalkessel, der durch Einmündung des von Jöhstadt kommenden Schwarzwassers in die Pressnitz gebildet und fast ringsum von trefflich bewaldeten Bergwänden umgeben wird. Nunmehr wendet man sich dem Dorfe Satzungen (1088 E.) zu. Der Weg dahin, eine Halbchaussee, geht von Schmalzgrube links den Abhang hinan und ist wegen Steilheit und Länge der Berglehne anfangs etwas beschwerlich, wird aber nach Erklimmung der Höhe, wo er durch einen schönen Buchenwald führt, wieder bequemer. Von Satzungen, in dessen Nähe man den Hirtstein und Hassberg gut sehen kann, begiebt man sich, das Dorf Ulmbach links lassend, nach der böhmischen Grenzstadt Sebastiansberg (Bassberg) und erreicht hier die Reitzenhainer Strasse, welche über Krima, Domina, Schönlind und Oberdorf nach Kommotau führt und eine prächtige Aussicht auf das böhmische Mittelgebirge und die reiche Gegend zwischen Saatz und Postelberg gewährt. – Wer einen Erlaubnissschein löst, kann von Krima auch der Weipert-Kommotauer Eisenbahn folgen und so die Windungen beobachten, welche der Schienenstrang überhaupt und besonders am Borberge machen muss, um von dem Bassberger Plateau nach dem Kommotauer Flachlande hinabzusteigen.
Sebastiansberg, Stadt, fast am Gebirgskamme gelegen, mit 2000 E., hat Grenzverkehr und viel Holz- und Viehhandel.
Kommotau s. S. 85.
Beim Annaberger Schiesshause hinaus, erst auf einem Fahr- und dann auf einem Fusswege, nach Königswalde (s. v. R.) und von da auf der Chaussee nach Jöhstadt. Von hier kann man zwei verschiedene Wege nach Pressnitz einschlagen. Der nächste Weg führt bei »Stadt Leipzig« in den Grund hinab, geht über Dürrenberg und Hegerhaus und mündet auf die Pressnitz-Satzunger Chaussee, von welcher aus, vor dem Einmarsch in Pressnitz, sich ein Abstecher auf den nahen Hassberg (3051´) empfiehlt, da dieser nicht nur eine gute Aussicht in Nähe und Ferne, namentlich auf das Pressnitzthal, sondern auch eine üppige Flora darbietet. Leider fehlt dem Gipfel ein Aussichtsthurm, welcher zur Umschau doch so nothwendig ist. Der weitere Weg führt auf der Chaussee über Schweizerhäuschen und Pleil, doch lässt sich auch dieser etwas abkürzen, wenn man bei den ersten Häusern von Pleil links den Fussweg nach dem Walde einschlägt und so erst später wieder auf die Strasse gelangt. – Von Pressnitz hat man sich nach Sonnenberg (1000 E.) zu wenden. Man wählt dazu die Strasse über Reischdorf (2000 E.) oder den näheren Fussweg, welcher bei'm Herrnhaus in Pressnitz links abgeht und erst quer durch die Wiesen und dann auf den vorliegenden Höhenrücken dahinführt. Nachdem man in Sonnenberg die grosse, schöne und weithin nach Böhmen hinein leuchtende Kirche besehen hat, steigt man rechts zur Holzmühlenbachmühle hinab und besucht darauf, unterwegs noch das aus den Hussitenkriegen merkwürdige Platz (450 E.,) berührend, die Ruine Hassenstein, welche grossartig in ihren Trümmern und reizend in ihrer Lage ist. Vom Hassenstein geht man weiter bergab und gelangt auf angenehmem Wege nach dem fruchtbar gelegenen Orte Brunnersdorf (s. R. XI. S. 84).
Jöhstadt (Josephsstadt), Stadt am Schwarzwasser, ohnweit der böhmischen Grenze, 2306´ ü. M., mit 2286 E. Fertigt Spitzen, Posamenten, Zündhölzer und Metallwaaren. Der Ort besitzt eine Anzahl »Landrasender«, d. h. Hausirer, welche mit erzgebirgischen Handelsartikeln in ganz Deutschland umherwandern.
Pressnitz, Stadt am gleichnamigen Flusse, mit 3000 E. Hauptort der »fahrenden« Musiker, welche auf Märkten und Messen, bei Vogelschiessen und anderen Volksfesten sich hören lassen und sogar nach fernen Staaten, besonders nach Russland und Schweden ziehen. Seitdem in der Stadt eine gute Musikschule errichtet worden ist, haben sich die Leistungen der Pressnitzer »Kapellen« wesentlich gehoben.
Vom böhmischen Thore rechts nach dem nahen Dorfe Kleinrückerswalde (707 E.) und dann auf die Annaberg-Weiperter Chaussee, welche auf dem Höhenzuge zwischen der Sehma und Pöhla dahinläuft. Man kommt an dem Kunnersdorfer Chausseehaus und der daneben liegenden Restauration »Zur Morgensonne« vorüber, überschreitet auf interessant construirter Brücke den tiefen Einschnitt der Annaberg-Weiperter Eisenbahn und gelangt von »Becks Gasthof« nach dem Flecken Bärenstein (1612 E.). Auf dem Marsche sieht man links im Grunde die Mildenauer Kirche und einige Häuser von Königswalde und auf der Höhe das Jöhstädter Schiesshaus; rechts im Thale hat man Buchholz, Sehma, Cranzahl und davor an der Berglehne Kunnersdorf und das Gut Königslust. Von genanntem Durchstich führt die Eisenbahn nach dem Annaberger Flossgraben[13], um auf demselben bis an Weipert zu gelangen. In Bärenstein schickt man sich zur Besteigung des gleichnamigen Berges (2762´) an. Man geht zu diesem Behufe in der Nähe der Kirche rechts von der Strasse ab und gewinnt so einen Fusspfad, welcher von südöstlicher Seite zur Höhe emporführt. Beim Steigen liest man an einer Steinplatte: »Den 22. August 1858 geruhte Se. Majestät der König Johann von Sachsen den Bärenstein zu besuchen.« Das Plateau ist gut berast und erlaubt ein bequemes Umherwandern. An der nördlichen Kante ist die Aussicht am lohnendsten: Gerade aus sieht man Buchholz und Annaberg, daneben den Pöhlberg; weiter zurück den Greifenstein, Schönfeld und Augustusburg; rechts im Grunde erscheint die Mildenauer Kirche, darüber die Höhe von Marienberg, davor das Pöhlthal mit Königswalde; weiter folgen der Grumbacher Berg, Jöhstadt, der Hassberg und der Spitzberg; nunmehr gleitet der Blick am Kamme des Gebirges hin nach dem im Süden liegenden Keil- und Fichtelberg; rechts draussen erscheint der Auersberg, westlich davon der Ochsenkopf und die Morgenleite bei Schwarzenberg, weiter herein der Plesselstein und der Scheibenberg, rechts daran liegt Schlettau und hinter ihm Hermannsdorf und Geyer, an welches sich der Greifenstein wieder anschliesst. – Bei'm Herabsteigen schaut man auf das anmuthige, an beiden Seiten vielfach mit Häusern besetzte Thal der Pöhl, welche von hier bis Wiesenthal die Grenze zwischen Sachsen und Böhmen bildet und darum nur der Grenzbach genannt wird. – Man geht nun auf der Chaussee nach Weipert, (industrielle Stadt mit 5000 E.) und wendet sich hier links einem Bergwerke zu, um an demselben vorbei zum Forsthause zu gelangen, hinter welchem ein geradliniger Waldweg nach Schmiedeberg (2800 E.) hinüber leitet. Von Schmiedeberg kann man der Strasse über Oberhals nach Kupferberg folgen; näher aber ist es, wenn man unterhalb der Kirche links den Berg hinauf geht und den Waldweg nach dem Kupferhügel (2790´) einschlägt. Auf Letzterem steht eine Kapelle, bei welcher man eine Aussicht geniesst, die von den Böhmen selbst zu den schönsten ihres Landes gezählt wird. Nach Sachsen zu ist zwar der Blick durch bewaldete Höhenzüge und Bergspitzen etwas beschränkt, nach Böhmen hin aber ist er um so freier. Man überschaut einen grossen Theil des Elbogener, des Saazer und Leitmeritzer Kreises, sammt den darinliegenden Schlössern, Dörfern und Städten, und wird von den Reizen des Egerthales und Mittelgebirges geradezu überrascht.
Von der Kapelle zu dem Städtchen Kupferberg (870 E.) hinabsteigend, bemerkt man viele Halden und Bingen, beredte Zeugen des ehemals lebhaften Bergbaues. Das Städtchen macht einen ärmlichen Eindruck, wird sich aber durch die Annaberg-Kommotauer Eisenbahn, welche in der Nähe eine Haltestelle bekommt, sicherlich heben. – Gleich unterhalb Kupferberg beginnt die südliche, steile Abdachung des Erzgebirges. Man besuche hier noch die links von der Chaussee stehenden Felsen, welche gleichfalls eine gute Ansicht des Böhmerlandes darbieten, und steige dann auf der sich vielfach windenden Strasse bergab, wende sich aber bei der letzten grossen Krümmung links auf einem Fusswege nach dem Dorfe Kunau, von welchem man auf einem reizenden Waldthalwege nach Klösterle (s. R. XI. S. 85) gelangt.
1. Ueber Weipert und Hauenstein. – Von Annaberg nach Weipert (s. v. R.) und dann auf der Strasse über Wiesenthaler Schlössel nach Stolzenhain. Bei Beginn des Dorfes wendet man sich links, um an der Kapelle vorbei den näheren Weg nach dem »Reitförster« einzuschlagen. Hier frage man genau nach dem Wege oder nehme – wenigstens durch den Wald hindurch – einen Führer mit. Man kommt an den »Wirbelsteinen« vorbei, die eine prächtige Aussicht darbieten, erreicht ein Forsthaus und tritt bald darauf aus dem Walde heraus, um die jenseitige Abdachung hinabzusteigen. Auf einem ziemlich benutzten Fahrwege, hinter zwei Dörfern (Holzbach und Hanuschgrün?) hinweg, kommt man nach dem idyllisch gelegenen Hauenstein, wo man Nachtquartier nimmt. – Am andern Morgen besucht man die reizende Umgebung des Ortes (s. S. 86) und begiebt sich dann im anmuthigen Egergrund, über Damitz und Permesgrün, nach Schlackenwerth, von wo die Strasse nach Karlsbad führt. – Nach Eröffnung der Egerthal-Eisenbahn kann man auch bis Wickwitz gehen und von hier mit dem Dampfwagen über Neuda (Schlackenwerth) nach Karlsbad fahren.
Schlackenwerth, Stadt, 1170´ ü. M., mit 1800 E., hat ein dem Grossherzog von Toskana gehöriges schönes Schloss mit Park und Gewächshaus.
Karlsbad, Stadt an der Tepl, 1063´ ü. M., mit 7000 E. In sehr engem Thale, doch malerisch zwischen reichbewaldeten Bergwänden und Höhen gelegen, die nach allen Richtungen hin von gut gehaltenen Promenaden durchzogen werden. In der Stadt sehenswerth: Dechanteikirche, Marienkapelle, protestantisches Gotteshaus und Standbild Karls IV., welcher als Begründer des Ortes anzusehen ist. Den grossen, ja europäischen Ruf verdankt Karlsbad seinen Heilquellen (jährlich 15–20,000 Badegäste). Obenan steht der Sprudel, welcher 59° R. heiss, fast mannsstark, in kurzen brausenden Stössen 3´ (früher 5–6´) hoch emporwallt. Sein Wasser ähnelt im Geschmacke einer dünnen Hühnersuppe. Gegenstände, welche längere Zeit im Sprudelwasser liegen, werden »inkrustirt«, d. h. von einer dünnen Steinrinde (Kalksinter) überzogen. Andere Quellen (40–50° R.) sind: der Theresienbrunnen, der Mühl-, Neu- und Bernhardsbrunnen, die Hygiea's-Quelle, der Schloss-, Markt- und Spitalbrunnen. Die Karlsbader Mineralwässer scheinen ein- und demselben Heerd zu entströmen; denn sämmtliche enthalten vorzugsweise Glaubersalz (50%) und daneben kohlensaures und salzsaures Natron und kohlensauren Kalk; auch beruht die Verschiedenheit ihrer Wirkungen weniger in den Mischungs- als in den Temperaturverhältnissen.
Mit grossem Vortheil werden die Karlsbader Quellen gegen Magen-, Leber-, Nieren- und Blasenleiden angewendet. Als Badegast soll man streng die vorgeschriebene Diät beobachten; als Wanderer nur vorsichtig von den Wässern kosten. Morgens von 6–8 Uhr, im Hochsommer schon von 5 Uhr an, ist Kurzeit. Da trinken die Badegäste von den verordneten Quellen und ergehen sich unter Musik in der Kolonade des Sprudels oder des Mühlbrunnens. Nachmittags wird auf der »Alten Wiese,« wo sich elegante Läden befinden, promenirt oder irgend ein Ausflug gemacht. In der Nähe (¼–¾ St.) liegen: Posthof, Freundschaftssaal, Panorama, Waldschloss, Dreikreuzberg, König Otto's Höhe und Hirschensprung; weiter (1–1½ St.) sind: Dorf Dallwitz, der Aberg, Hans Heiling's Felsen, Engelhaus und Pirkenhammer. – Göthe hat sich wiederholt in Karlsbad aufgehalten. – Karlsbader Beschlüsse 1819. –
Wer Karlsbad und Umgebung recht geniessen will, hat zwei Tage darauf zu verwenden.
2. Ueber Oberwiesenthal und Joachimsthal. – Von Annaberg nach Buchholz und dann im Sehmathale aufwärts durch die sauberen und netten Ortschaften: Sehma (1380 E.), Cranzahl (1293 E.) und Neudorf (1995 E.). Bis Cranzahl sieht man sich von der Annaberg-Weiperter Eisenbahn begleitet, welche hier aber mittelst hohen Viadukts von dem linken nach dem rechten Thalhang übersetzt, um in weitem Bogen – unter der Annaberg-Weiperter Strasse hin – den Flossgraben (s. S. 110) zu erreichen. Am Ende von Neudorf, unmittelbar vor der letzten Mühle, wendet man sich rechts über die Brücke und gelangt so auf den Vierensteig, welcher über das »rothe Vorwerk« nach Oberwiesenthal leitet. Nachdem man allda etwas gerastet hat, besucht man den Jungferngrund mit dem Goldborn und verschreitet dann zur Besteigung des Fichtelberges. In ¾ Stunden ist der mit einem Thurm gekrönte Gipfel erreicht. Die Aussicht hat mit der des Bärensteins Aehnlichkeit (s. S. 111), doch ist sie grossartiger und umfassender. Man überschaut das ganze Erzgebirge und einen grossen Theil des sächsischen Niederlandes bis zu den Rochlitzer und Hohburger Bergen (bei Wurzen); auch schweift der Blick nach S. W. in das Egerthal und die Gegend von Waldsassen und nach O. auf das böhmische Mittelgebirge, den Milleschauer und den Biliner Borzen, nach S. hin aber wird er durch den anliegenden Keilberg gehemmt. – Nach genossener Aussicht schlägt man den auf der Höhe des Fichtelberges hinlaufenden Weg ein und gelangt nach dem Gasthofe: »Neuhaus« an der Wiesenthal-Gottesgaber Strasse. Von hier hält man sich links nach dem bereits sichtbaren »Sonnenwirbel«, nimmt aus den dort befindlichen Häusern – sie sind die höchste (3500´) Ansiedelung im ganzen Erzgebirge – einen Führer mit und wendet sich nach der Spitze des Keilberges, welche, zumal wenn der ausgebrannte Thurm wieder hergestellt ist, eine wundervolle Aussicht auf das Böhmerland gewährt. – Vom Keilberg geht man zurück nach Gottesgabe und von da, die vielfachen Krümmungen der Chaussee auf einem betretenen Fusswege abschneidend, hinab nach dem an der Südseite des Gebirges gelegenen Joachimsthal, dem diesmaligen Stationsorte. – Am andern Morgen besucht man die Merkwürdigkeiten der Stadt und begiebt sich dann über Ober-Brand u. Schlackenwerth nach Karlsbad (s. S. 113).
Fichtelberg und Keilberg sind die höchsten Gipfel des Erzgebirges; jener ist 3708´, dieser 3812´ hoch. Am Fichtelberge entspringen vier Flüsse: das Schwarzwasser (Schwarzenberg), die Mittweida, die Zschopau und die Sehma. Dem Keilberge, welcher auf böhmisch Bartum, d. i. Bartholomäusberg, heisst, entquillt die an Weipert vorbeirinnende Pöhl (der Grenzbach). Die Abhänge beider Bergriesen sind meist mit prächtigen Wäldern bedeckt und bieten dem Botaniker eine reiche Ausbeute an Moosen und subalpinen Pflanzen.
Oberwiesenthal, Stadt, 2777´ ü. M., mit 2022 E. Treibt Klöppelei, Posamentenfabrikation und Nadlerei. Ist mehrmals, besonders 1851 und 1862, durch Brandunglück betroffen worden. Neue, schöne Kirche. – An Ober-Wiesenthal stösst Unterwiesenthal mit 870 E., thalabwärts liegt Hammer-Unterwiesenthal mit 687 E., und nur durch die Pöhl von Ober-Wiesenthal getrennt ist Böhmisch-Wiesenthal mit 1000 E.
Gottesgabe, höchstgelegene (3161´) und rauheste Stadt des Erzgebirges mit 1600 E. – Bergbau, Spitzenklöppelei und Tüllnäherei. – Der Ort ist von 1459–1547 sächsisch gewesen.
Joachimsthal, Stadt, 2218´ ü. M., mit 6000 E. Gehört zur sogenannten heiligen Familie der Bergstädte, von denen Marienberg und Jöhstadt nach Christi Eltern, Annaberg und Joachimsthal nach den Grosseltern benannt sind. – Beschäftigt sich mit Bergbau, Spitzenklöppelei u. Handschuhnäherei. – Sehenswerthe, ursprünglich protestantische Dekanatskirche mit Bildern – auf einem Altarblatte auch das Portrait Luthers – von Kranach u. Dürer. Um die Stadt herum noch vier Kapellen; auf dem Schlossberge Trümmer der Burg Freudenstein. – Zur Zeit der Reformation haben Matthesius als Pfarrer und Nik. Hermann als Kantor in Joachimsthal gewirkt. – Von dem Orte soll der Name »Thaler« (Joachimsthaler) herstammen.
Diese Route wird am vortheilhaftesten mit Dampfwagen zurückgelegt. Die Eisenbahn geht im Egerthale hinauf, hat interessante Dämme und Viadukte zu passiren und bietet, ausser auf den Fluss, angenehme Aussichten auf nahe Wälder und die fernen Höhen des Erzgebirges. Bei Elbogen (2500 E.) unterbricht man die Fahrt, um diese Stadt in Augenschein zu nehmen. Sie hat altersgraue Mauern, Zinnen und Thürme und ist höchst malerisch auf einem steilen Felsenvorsprung gelegen, der von der Eger in elbogenartiger Biegung umflossen wird. Das Schloss steht seit 870. Auf dem Rathhause zeigt man einen bei der Stadt niedergefallenen Meteorstein.[14] Sehenswerthe, von 1833–36 erbaute Kettenbrücke: 100´ hoch, 200´ lang mit einem Eisengewichte von 1200 Centnern.
An der nächsten Stadt, an Falkenau (2500 E.), fährt man am besten vorüber, denn ausser einer schönen Lage, deren schon Göthe gedenkt, indem er sagt: »es ist der Hopfenbau, der die gestreckten Hügel hinter der Stadt in stundenlangen Reihen ziert, ein unübersehbarer Garten in der Nähe, ein weitverbreitetes Buschwerk in der Ferne,« bietet sie wenig Bemerkenswerthes. Aber die Station Königsberg eignet sich wieder zum Absteigen, da man von hier aus die Probstei Maria-Kulm (vielbesuchter Wallfahrtsort mit guter Aussicht auf das Fichtelgebirge und die Gegend von Karlsbad) leicht erreichen kann. – In ununterbrochener Fahrt braucht man von Karlsbad bis Eger 2 Stunden. (II. Kl. 1 Fl. 79 Kr. III. Kl. 1 Fl. 8 Kr).
Eger, Stadt, am gleichnamigen Flusse, 1305´ ü. M., mit 13,000 E. Ehedem freie Reichsstadt; bis 1809 starke Festung. Im Stadthause (früher Pachhäbel'schen Hause) wurde Wallenstein am 25. Febr. 1634 durch den Irländer Deveroux mit einer Partisane erstochen, die man allda nebst einigen bezüglichen Gemälden noch zeigt. Auf der kaiserlichen Burg, an der nordwestlichen Seite der Stadt gelegen, waren kurz vorher die Freunde Wallensteins: Terzky, Illo, Kinsky und Neumann ermordet worden. Von dem Banketsaale, in welchem die That geschah, stehen nur noch einige Fensterbogen. Sonst enthält die Burg eine herrliche Doppelkapelle, welche im unteren Theil romanisch und im oberen Theile gothisch ausgeführt ist, und den schwarzen Thurm, welcher mit seinen Lavablöcken aus den Römerzeiten herstammen soll. – Von der Burg und von Krämlings Bastei treffliche Aussicht auf das Egerthal und dessen Umgebung.
Von Eger kann man sich mit Eisenbahn nach Franzensbad begeben, viel lohnender aber ist es, den Weg dahin (2½ St.) zu Fuss zurückzulegen. Zu dem Ende geht man vom Ringe (Markte) nach der Kunstmühle, passirt zwei hintereinander liegende Stadtthore und wendet sich, rechts vom Egerflusse, einem Promenadenwege zu, der durch den Wald nach dem Siechenhause (Versorgungsanstalt und Jägerhaus mit Restauration) führt. Dieses bietet eine gute Aussicht auf die Stadt Eger und die dahinter liegenden Höhen und wird wegen seiner trefflichen Lage von den Franzensbader Kurgästen und den Bewohnern Egers viel besucht. Umfassender ist der Blick von der St. Anna-Kapelle, welche ¼ St. ob dem Siechenhause, links von der Chaussee nach Wunsiedel, gelegen ist. Hier sieht man Franzensbad und Mariakulm, sowie den Südabhang des Erzgebirges, ferner (nach Marienbad hin) die Königswarther Höhen und den Dillenberg und weiter rechts endlich das Fichtelgebirge mit dem Ochsenkopf, Schneeberg, Waldstein und der Kösseine. – Von der Kapelle zur Chaussee zurückgekehrt, wendet man sich links auf einem Waldpfade hinab zur Eger und überschreitet dieselbe auf einem Stege. Nun gelangt man nach dem Dorfe Stein und von diesem auf gut gehaltenem Wege nach dem Kammerbühle, einem erloschenen Vulkane, der sowohl wegen des Baues seines Kraters, als wegen der Schichtung und Beschaffenheit seiner Gesteine bei den Geologen (Göthe, Humboldt, Cüvier, Bonpland) in grossem Ansehen steht. – Vom Kammerbühl führt ein angenehmer Promenadenweg nach Franzensbad, dessen Sehenswürdigkeiten in wenig Stunden in Augenschein genommen sind. Endlich fährt man mit dem Dampfwagen bis Station Mühlhausen, von welcher Bad Elster bald erreicht wird.
Franzensbad, auf einer moorigen Hochebene, 1281´ ü. M., mit 90 Häusern, gehört zu den berühmten böhmischen Kurorten, hat aber wenig Naturschönheiten, für die man indess durch künstliche Anlage (Park, Loimannscher Park, Neue Anlagen) zu entschädigen gesucht hat. Seine Heilquellen (Franzensquelle, Salzquelle, Wiesenquelle, Neuquelle, Luisenquelle, kalter Sprudel) sind sämmtlich eisenhaltige Glaubersalzwässer mit starkem Gehalt an Kohlensäure und werden besonders zur Reinigung des Blutes und zur Belebung des Magens und der Schleimhäute verordnet. Ausgezeichnete Moorbäder. – Bei Besuch der Quellen und Wandelbahnen (vor der Franzensquelle und zwischen der Salz- und Luisenquelle) staunt man über die Pracht der Kaiserstrasse und der Morgenzeile, namentlich zeigen in Letzterer die Häuser und Läden eine Eleganz, wie sie wohl kaum in einem anderen Bade wiedergefunden wird. Im Park das von Schwanthaler modellirte Bronzestandbild des Kaisers Franz I., des Wohlthäters von Franzensbad.
Elster, besuchtester Kurort Sachsens, an der weissen Elster, 1464´ ü. M. Anmuthige Lage in einem von bewaldeten Höhen umsäumten Thalkessel. Geschmackvolle Häuser und Parkanlagen. Am Brunnenplatze das königliche Badegebäude und die durch Verkaufsgewölbe geschmückte Wandelbahn, welche in ihrer Mitte eine grosse Trinkhalle mit der Marien-, Königs- und Albertsquelle enthält. Hinter der Kolonade führen gut gehaltene Wege auf den Brunnenberg, während andere Spaziergänge im Thale fortleiten und auch den tempelartigen Ueberbau berühren, unter dem die Salz- und Johannisquelle liegen, welche durch eine zweite Wandelbahn mit der Moritzquelle verbunden sind. Die Quellen des Bades gehören zu den alkalisch-salinischen Eisenwässern und gleichen in ihren Wirkungen denen von Franzensbad. – Zu Ausflügen eignen sich in der Nähe, ausser Mühlhausen und dem Brunnenberg, das Bergschlösschen, die Schwedenschanze, Waidmannsruhe, der Friedrichstein, Carolaruh und Albertshöhe; etwas weiter (½–1 St.) das Dorf Grün mit der Drahtmühle und den Restaurationen: »Zum grünen Thal« und »Zum weissen Schwan« und nach Adorf zu die Wirthschaft: »Zur Ziegelei« und die Arnsgrüner Kuppe.
1. Ueber Scheibenberg und Raschau. – Von Annaberg nach Buchholz und hier rechts die alte Schlettauer Strasse hinaus nach Schlettau. Dieser Ort wird auf der Hauptstrasse fast durchschritten, bei der Kirche aber wendet man sich rechts, um auf einem Feldwege einen Bogen der Chaussee abzuschneiden und so etwas rascher nach Scheibenberg zu gelangen. Hier gute Gelegenheit zur Besteigung des gleichnamigen Basaltkegels, der ähnliche Aussicht wie der Bärenstein darbietet. Von der Stadt Scheibenberg immer auf der Strasse hinab in das Mittweidathal, in den sogen. Raschauer Grund, und durch die daselbst liegenden Dörfer und Grünstädtel nach Schwarzenberg. Man wandert hierbei 1½ St. lang zwischen Häusern, da die Ortschaften Oberscheibe, Unterscheibe, Markersbach, Mittweida und Raschau sich dicht an einander schliessen. Bei Bad Raschau nimmt die Mittweida die von Rittersgrün kommende Pöhla auf, während sie selbst bei Schwarzenberg in das Schwarzwasser fällt. – Zwischen Annaberg und Schwarzenberg täglich 3mal Postverbindung; Fahrgeld 15 Ngr.
Buchholz (s. R. XX. S. 103.)
Schlettau, Stadt an der obern Zschopau, 1754´ ü. M., mit 1231 E. Treibt Posamentirerei und Schuhmacherei und hat eine Flachsbereitungsanstalt.
Scheibenberg, Stadt am gleichnamigen Berg, 2094´ ü. M., mit 2231 E. Hatte früher viel Bergbau, dem es auch seine Gründung verdankt; treibt jetzt besonders Posamentenfabrikation u. Klöppelei.
Schwarzenberg[15], alte Bergstadt, auf einer Felsenrippe ob dem Schwarzwasser, 1406´ ü. M., mit 3259 E. Endpunkt der Obererzgebirgischen Eisenbahn. Hat ein altes, doch vielfach umgewandeltes Schloss, dessen Verliessthurm aus dem 11. oder 12. Jahrhundert stammen mag. Einen guten Eindruck macht das vor der Stadt gelegene Bad Ottenstein (Wasserheilanstalt) mit seinen Felspartien und Promenaden. Nicht weit davon ist das Rettungshaus »Albert-Stift«. Die Stadt hat wiederholt, so noch 1824, von grossem Brandunglück zu leiden gehabt.
Die Gegend von Schwarzenberg ist ein Hauptquartier der sächsischen Eisenindustrie. Bei Bermsgrün, Erla und Crandorf, sowie bei Breitenbrunn, Grosspöhla und Rittersgrün treffliche Eisensteinlager und Verhüttung von Eisenerzen. Die Hohöfen, in denen das Feuer ein halbes Jahr nicht auszugehen pflegt, sind meist mit Giessereien, Hammer-, Walz- oder Drahtwerken verbunden. Die geschmolzene Eisenmasse wird aller 12 Stunden »abgestochen«, d. h. aus dem Hohofen abgelassen, und fliesst dann einem Feuerstrom gleich in trogartige Sandgräben, wo sie zu ungefügen Stücken, sogenannten »Gänzen«, erstarrt. Die Hammerschmiede sind derbe, kräftige Leute – ihr Körper scheint fest zu sein, gleich dem Eisen, das sie bearbeiten – und dabei voller Treuherzigkeit, wie die vielen über sie umgehenden Redensarten und Schwänke beweisen.
Durch die Eisenwerke ist eine besondere Industrie, die Blechlöffel-Fabrikation, hervorgerufen worden. Von den Orten Grünhain, Bernsbach[16], Lauter und namentlich Beierfeld werden jährlich gegen 300,000 Dutzend Löffel in mehr als 70 Sorten geliefert. Zunächst fertigt der »Plattenschmied« die Platten, d. h. ebene, spatelähnliche Eisenstücke, welche kaum im Groben den Umriss eines Löffels darstellen. Dann teuft der Löffelschmied (»Hohlmacher«) diese Platten aus, wozu er einen Ambos mit stählernen Modellen und verschiedene Teufhämmer gebraucht. Endlich werden die so entstandenen Löffel noch beschnitten, befeilt, gebeizt, gescheuert, verzinnt und polirt: in Allem hat ein Löffel, wenn er fein sein soll, 23mal durch die Hand zu gehen. – Zur Zeit des 7jährigen Krieges war dieser Industriezweig in der höchsten Blüthe: da wurden jährlich 18–20 Millionen Löffel fabricirt.
2. Ueber Elterlein und den Fürstenberg. – Von Annaberg nach Frohnau, in dem Dorfe aufwärts und beim Wegweiser rechts hinaus auf die Fahrstrasse nach Dörfel. Nach Ersteigung der vorliegenden Höhe eine prächtige Rückschau auf Annaberg und die dahinter liegenden Berge. In Dörfel über die Zschopau und dann durch das langgestreckte Hermannsdorf nach Elterlein. Von hier auf einem Fusssteige, erst Schwarzbach links und darnach Waschleite rechts lassend, nach dem Fürstenberge, an welchem den 8. Juli 1455 die Befreiung des Prinzen Albert stattfand. Zur Erinnerung an diese Begebenheit hat man 1822 über dem sog. Fürstenbrunnen einen Granitobelisk errichtet. – Im Walde brauchbare Marmorblöcke. – Unten bei dem Dörfchen Haide die Ruinen der von der Sage umrankten Dudels- – d. h. St. Oswaldskirche. Dem Fürstenberge gegenüber der »Graul« mit vielen Berg- und Hüttenwerken. – Zuletzt über Wildenau nach Schwarzenberg.
Elterlein, Stadt, 1919´ ü. M., mit 2307 E. Wahrscheinlich Geburtsort der Barbara Uttmann, der Erfinderin des Spitzenklöppelns.
3. Ueber Grünhain. – Wiederum nach Elterlein, von da aber auf den Ziegenberg und den noch weiter nordwestlich gelegenen Schatzenstein (2361´) und von diesem über Grünhain und Beierfeld (1245 E.), wo viele Löffelschmiede wohnen, nach Schwarzenberg.
Grünhain, Stadt, 1911´ ü. M. mit 1694 E. Von dem früheren, 1238 gestifteten und 1553 säkularisirten Benediktinerkloster stehen noch einige Mauern. Die Klosterbibliothek ist nach Leipzig und Jena, das Archiv nach Kadan gebracht worden. 1429 haben die Hussiten, 1525 die Bauern, 1547 die Kaiserlichen die Stadt geplündert.
1. Ueber Rittersgrün. – Man besteigt von Oberwiesenthal, gleich oberhalb der Stadt auf einem Fusswege, den Fichtelberg, geniesst die Aussicht und wendet sich dem Gasthause »Neuhaus« zu, um rechts von Gottesgabe die Fahrstrasse einzuschlagen, welche über Tellerhäuser und Ehrenzipfel nach Rittersgrün führt. Aechte Gebirgswanderung; oft ringsum Wald und weithin nichts als Wald! Auf der Höhe geht es durch dichten Tann', sobald der Weg sich senkt, unter schattigen Buchen hin; eine ziemliche Strecke vor Rittersgrün schäumt immer zur Seite der Pöhlbach (nicht zu verwechseln mit der Pöhla bei Königswalde), von Absatz zu Absatz sich stürzend. Das grosse, etwas zerstreut gebaute Dorf Rittersgrün (2500 E.) wird durchschritten und im Pöhlthal entlang bis Raschau (2297 E.) gegangen, wo der uns begleitende Bach sich mit der Mittweida vereinigt. Dabei berührt man das reizend gelegene, einem Schweizerdorf ähnliche Klobenstein und das durch seine Eisenindustrie bekannte Grosspöhla (1235 E.). In Raschau trifft man die Annaberg-Schwarzenberger Chaussee, auf welcher man über Grünstädtel die Stadt Schwarzenberg in einer Stunde erreicht.
2. Ueber die Crottendorfer Marmorbrüche und Markersbach. – Man besteigt von Wiesenthal wiederum den Fichtelberg, wendet sich aber dann (am besten mit Führer) dem »Reitsteig« zu, den man von dem Aussichtsthurm, mit der Richtung nach Grünhain hin, in ungefähr 10 Minuten erreicht. Auf dem Reitsteig geht man rechts fort, bis ein (in ¼ St.) breiterer Weg fast senkrecht auf ihn stösst. Dies ist der Hirschfalzer Weg, den man gleichfalls rechts verfolgt, um auf die alte Joachimsthaler Fahrstrasse zu kommen. Nunmehr geht es links auf der gewonnenen Strasse, immer im Holze, gegen 2 Stunden dahin. Prächtige Waldwanderung: viele Nebenwege und Schneissen, welche zu benachbarten Revieren, wie »Katzenstein«, »Erbisleite« und »Thalerhaid« führen, kreuzen die Strasse, beirren aber nicht. Bei der ersten Lichtung kann man links in das schöne Mittweidathal hinabsteigen, wir aber bleiben auf unserer Strasse, bis ein Wegweiser rechts nach den Crottendorfer Marmorbrüchen zeigt. Diese Brüche, zu Christian des I. und August des Starken Zeit so geschätzt, sind jetzt ziemlich vernachlässigt und werden erst wieder in Schwung kommen, wenn die Eisenbahn an sie heranreicht. Von den Marmorbrüchen begeben wir uns nach dem im Mittweidathal gelegenen Nitzschhammer und von diesem nach Markersbach, wo wir die Chaussee gewinnen, welche von Annaberg nach Schwarzenberg führt.
Der Weg von Schwarzenberg nach Johanngeorgenstadt geht durch das hochromantische Schwarzwasserthal und lässt sich mit Post, genussreicher aber zu Fuss zurücklegen. Zunächst kommt man nach Erla, wo sich grossartige Schmelzhütten mit Giesserei und Walzwerk befinden. Darnach berührt man Antonshütte und Breitenhof. Bald nach letzterem Ort macht das Wasser eine scharfe Wendung und lässt so die Reize des Thales vortheilhaft hervortreten. Später erweitert sich das Thal, worauf man rechts nach Johanngeorgenstadt hinaufsteigt, während die Strasse im Grunde weiter, am Schiesshaus vorüber, nach Wittigsthal führt. Nachdem man Stadt und Umgegend betrachtet hat, begiebt man sich über Steinbach nach der sog. Sauschwemme, um von da, auf angenehmer Waldstrasse, dem majestätischen Auersberg (3134´), dem dritthöchsten Berge Sachsens, einen Besuch zu machen. Auf dem Gipfel ein dem früheren Oberforstmeister v. Lindenau errichtetes Denkmal. Von dem vorhandenen Aussichtsthurm ein prächtiger Blick auf Böhmen, das Voigtland, die Muldengegend und das sächsische Niederland. Man sieht den Fichtel- und Keilberg mit den umliegenden Genossen, den Rochlitzer Berg, den Petersberg bei Halle, den Kuhberg bei Rothenkirchen, die Schnarrtanner Höhe, den Hirschberg bei Karlsfeld und den Spitzberg bei Friebus, sowie dazwischen viele Dörfer und Städte. In der Nähe dichtes Fichtengrün, allseitig Berg und Hang bedeckend. – Vom Auersberg geht man hinab nach Wildenthal (517 E.) und hat damit das Tagesziel erreicht.
Johanngeorgenstadt, Stadt am Fastenberge, ob der Vereinigung des Breitenbaches und Schwarzwassers, 2267´ ü. M., mit 2402 E. Verdankt seine Entstehung evangelischer Glaubenstreue und ist, die jüngste Stadt Sachsens, von böhmischen Exulanten (namentlich aus Platten und Gottesgabe) 1654 erbaut worden. Hatte früher viel Bergbau; treibt aber neuerer Zeit besonders Handschuhmacherei, Bandzäckchenfabrikation und Kunsttischlerei. In der Nähe interessante Felspartien, so die »Teufelskanzel«, der »Schneiderfels« und die »Hefenklöse«. Die Stadt wurde 1867 durch eine grosse Feuersbrunst betroffen, hat sich aber seitdem so ziemlich wieder emporgearbeitet.
Von Wildenthal geht man südlich auf der Strasse nach Weitersglashütte, betrachtet daselbst die wohleingerichtete Glasfabrik und wendet sich dann, die ursprüngliche Richtung beibehaltend, nach dem böhmischen Orte Sauersack, der wegen der öden Lage und Armseligkeit seiner Häuser einen traurigen Eindruck macht. Bald kommt man jedoch wieder in angenehmere Gegend. Von Sauersack steigt man nämlich westlich in ein prächtiges Thal hinab – eine darin gelegene Försterei erinnert so recht an Wald und Waldeseinsamkeit – und geht dann, in erquicklicher Landschaft, einem munteren Bach entlang, über Nancy und Silberbach nach Graslitz, um daselbst Nachtquartier zu nehmen. – Am andern Morgen begiebt man sich über Lauterbach nach Kirchberg, besteigt den in der Nähe liegenden »hohen Stein«, welcher eine gute Aussicht darbietet, und wendet sich, nach Sachsen wieder hineinwandernd, durch Eubabrunn (1111 E.) und Erlbach (202 E.) nach Markneukirchen, dem Hauptort der erzgebirgischen Instrumentenfabrikation. Von hier fährt man mit Post (Fahrgeld 4 Ngr.) nach Adorf, von wo Bad Elster in einem Stündchen erreicht wird.
Graslitz, Stadt, an der Vereinigung des Schwader- und Silberbaches mit der Zwota, 1506´ ü. M. mit 6000 E. Hat viel Industrie: Woll- und Baumwollenweberei, Kattundruckerei, Kammgarnspinnerei und besonders Fabrikation musikalischer Instrumente (Holzblasinstrumente). Schöne Pfarrkirche mit interessantem Hochaltar. Einen Besuch verdient der benachbarte Hausberg, wo sich noch Spuren eines alten Bergschlosses befinden.
Markneukirchen, Stadt an der grossen Elster, 1575´ ü. M. mit 4000 E. Fabrikationsort für einfache und übersponnene Darmsaiten[17], für alle Sorten Streich- und Blasinstrumente und für Mund- und Ziehharmonika's. – Engelhardt sagt: »Nach den Klängen Markneukirchner Instrumente marschiren die Regimenter aller Staaten, tanzen die Balldamen aller Erdtheile, und wie sie vielen Kindern als ohrzerreissendes Spielwerk dienen, so ist andererseits kein Concert ohne sie denkbar.« Von Markneukirchen hat sich die Instrumentenfabrikation auf die umliegenden Ortschaften, wie Adorf, Schöneck, Klingenthal, Zwota und Erlbach verbreitet. – In der Umgebung Markneukirchen's zeichnet sich der Galgenberg durch eine gute Aussicht aus.
Adorf, Stadt an der Vereinigung der kleinen und grossen Elster, 1460´ ü. M. mit 3164 E. Hat zur Hebung der Instrumentenfabrikation eine besondere Musikschule. – In der Nähe die Dörfer Marienei und Würschnitz; in jenen ist 1803 der Dichter J. Mosen geboren worden und in diesem hat Ende des 17. Jahrhunderts ein Zimmergesell (Hans Wolf Löw-Kummer) die ersten Kartoffeln angebaut.
Bad Elster: s. R. XXIII. S. 120.
Von Wildenthal geht man, den Brückenberg rechts lassend, nach Karlsfeld und gelangt so in den Mittelpunkt des »sächsischen Sibiriens«, welches aber nicht so rauh und kalt ist, als angenommen wird. Ausser der kuppelartig gebauten Kirche, welche leicht in die Augen fällt, betrachtet man in Karlsfeld die Glas- und Uhrenfabrikation und wendet sich dann über die Wilzschhäuser, an einem netten Forsthause vorbei, nach Rautenkranz (347 E.), wo sich bedeutende Eisenwerke und eine Musterbretmühle befinden. In Rautenkrauz hat man die obere Muldengegend erreicht, welche wegen ihres Quellenreichthums und ihres trefflichen Tannenbestandes gern besucht wird. Von Rautenkranz wandert man über Tannebergsthal (341 E.), an den Lattermann'schen Eisenwerken und den Teichhäusern vorüber, nach Steindöbra (330 E.), wobei man zur Rechten den Schneckenstein (2690´) sieht, der als Fundort für weingelbe Topase bekannt ist. Von Steindöbra führt der Weg, eine gute Ansicht des originell und zerstreut liegenden Sachsenberg (2313 E.) gestattend, über Brundöbra (1739 E.) nach Klingenthal, dem diesmaligen Stationsorte. – Am nächsten Morgen nimmt man in Klingenthal die Instrumentenfabrikation in Augenschein und geht dann über Hammerwerk Zwotenthal nach Kottenheide (46 E.), um von da einen Ausflug nach dem Muldenteich zu machen, der als Ursprungsort der (weissen) Mulde Interesse hat. Darnach begiebt man sich, immer durch trefflichen Forst wandernd, über Tannenhaus nach Schöneck, wo mitten in der Stadt ein Fels (»der Stein«) steht, der eine gute Aussicht auf das Voigtland, sowie nach den reussischen Landen, nach Baiern und Böhmen gewährt. Nachmittags fährt man mit Post, fast ununterbrochen durch Nadelwald, über Hofmeister, Neudörfel und Poppengrün nach Falkenstein, womit das Tagesziel gewonnen ist.
Karlsfeld, Flecken an der Wilzsch, mit 1153 E. Der Ort ist dadurch entstanden, dass der Grubenherr Schnorr aus Schneeberg 1678 in der damaligen Waldwildniss – wahrscheinlich billiger Kohlen wegen – Eisenwerke anlegte und dadurch Ansiedler herbeizog. Die Kirche, für welche die Peterskirche als eine Art Muster gedient haben mag, ist 1688, gleichfalls von Schnorr, erbaut worden. Weil 1823 die Eisenwerke zum Erliegen kamen, so führte man 1830 die Schwarzwälder Uhrenfabrikation ein, die bis heute schwungvoll als Hausindustrie betrieben wird. Ausserdem treibt man Tischlerei, Nähterei und etwas Glasfabrikation. – Von Karlsfeld hat die Familie Schnorr von Carolsfeld ihren Namen.
Klingenthal, Flecken an der Zwota, mit 2318 E. Fertigt besonders Conzertino's, Zieh- und Mundharmonika's und hat zur Vervollkommnung der Instrumentenfabrikation eine Musikschule.
Schöneck, Stadt, 2176´ ü. M. mit 2895 E. War sonst ein Freistädtchen, weil es im Jahre 1370 von Karl IV. allerlei Begnadigungen erhalten hatte, wofür es dem Landesherrn bei jeweiligem Besuch 5 ℔ schwäbischer Heller überreichen musste. 1569 kam Schöneck mit dem Voigtlande an Kursachsen. Nach Einführung der sächsischen Konstitution sind die Vorrechte des Orts beseitigt worden. Schöneck lebt besonders von Instrumentenfabrikation, Fabrikation Plauenscher Waaren (Eingelesenes und Gemodeltes), Waldarbeit und Viehzucht. Im Jahre 1856 brannte der Ort fast völlig ab.
Falkenstein, Stadt an der Göltzsch, 1751´ ü. M., mit 4881 E. – Hauptort für die Fabrikation »brochirter« Gardinen. – In der Nähe der Löcherstein, durch welchen man zweimal den Himmel sieht.
1. Ueber Jägerhaus und Sosa. – Man steigt von Schwarzenberg auf der Eibenstocker Strasse aus dem Schwarzwasserthale hinaus und gelangt, Bermsgrün links lassend, nach dem sogenannten Jägerhaus, bei welchem sich unsere Strasse mit der Schneeberg-Johanngeorgenstädter Strasse kreuzt. Vom Jägerhaus, das in der Nähe des Ochsenkopfes gelegen ist, geht es anfangs allmälig, dann rascher abwärts nach dem Dorfe Sosa (1780 E.), wo sich Fusssteig und Fahrstrasse nach Eibenstock von einander trennen. Während die Chaussee über Unterblauenthal (286 E.) nach genannter Stadt führt, leitet der Fussweg hinab zum »Zimmersacher«, einem an der Bockau gelegenen Weiler, und von diesem eine sehr steile Anhöhe, »die Kniebreche«, hinaus, um dann fast eben Eibenstock erreichen zu lassen.
Eibenstock, Stadt auf einem wellenförmigen Plateau, 1975´ ü. M., mit 6362 E. Ist Hauptsitz des Tambourirens, d. h. des Stickens mit der Häkelnadel, welches Clara Angermann vor ungefähr hundert Jahren (1775) daselbst eingeführt hat. Bei dieser Art zu sticken wird das zu verzierende Gewebe (Tüll, Mull oder Musselin) auf einfachem, sägebockartigem Gestelle ausgespannt und von geschickter Frauenhand mit Fäden so durchflochten, dass diese Sterne, Blumen, Ranken u. s. w. in Weiss oder Bunt darstellen. Kinder werden sodann gebraucht, den überflüssigen Maschengrund hinwegzuschneiden. – Um Eibenstock herum, sowie in dem westlich sich anschliessenden Voigtlande regiert überhaupt der Stickrahmen, wie in anderen erzgebirgischen Orten der Klöppelsack. – Von dem grossen Brandunglück des Jahres 1856 hat sich die Stadt völlig erholt und fehlt ihr zu weiterem Aufschwung nichts, als dass bis in ihre Nähe endlich die von den Einwohnern schon längst begehrte Eisenbahn geführt werde.[18]
2. Ueber Aue und Bockau. – Von Schwarzenberg fährt man mit dem Dampfwagen an den Dörfern Sachsenfeld (600 E.) und Lauter (2684 E.) und dem Blaufarbenwerke Nieder-Pfannenstiel vorüber nach dem Städtchen Aue, welches an der Vereinigung des Schwarzwasser- und Muldenthales reizend gelegen ist. In der Stadt wollen mehrere wichtige Etablissements in Augenschein genommen sein und in der Umgebung verdienen einen Besuch das Dorf Zelle (979 E.) mit Klösterlein, dessen Namen von dem früheren Augustinerkloster Neuzelle (im Gegensatz zu Altzelle bei Nossen) herstammt, und die Zeche »Andreas«, welche bis vor Kurzem die Masse zu dem Meissner Porzellan geliefert hat, nunmehr aber erschöpft ist. Wenn man diesen Ansprüchen genügt hat, beginnt man die Wanderung nach Bockau. Der Weg führt in dem romantischen Muldenthale aufwärts, berührt die Argentanfabrik und Schmelzhütte, geht an der Hirschteufe und dem Teufelswehr vorüber, mitten durch den Wald, immer am Flusse hinauf und stösst zuletzt auf die bedeckte Muldenbrücke, welche – rechts unten erblickt man das Schindler'sche Blaufarbenwerk – nach dem links gelegenen Bockau hinüber leitet. Von Bockau begiebt man sich über Unterblauenthal nach Eibenstock.
Aue, Stadt an der Mündung des Schwarzwassers in die Mulde, 1062´ ü. M., mit 2040 E. Die berühmte Tausend-Gülden-Stube ist 1859 durch Feuer leider zerstört worden. Im Auerhammer hat Dr. Geitner zur Herstellung des von ihm erfundenen Argentans eine besondere Fabrik errichtet.
Bockau, grösstes Arzneidorf Sachsens, mit 1894 E. Hatte früher viel Laboranten, welche Räucher- und Zahnpulver, Pflaster, Pillen, Tropfen, Liquor, »Stockdumm«, Karmelitergeist, Universalbalsam und namentlich Schneeberger Schnupftabak fabrizirten und durch Hausirer mit sogen. Buckelapotheken im Lande vertreiben liessen. Seit Verschärfung der Medizinalpolizei ist das eigentliche Arzneigeschäft in Verfall gekommen, doch baut der Ort noch allerlei Heilpflanzen, wie Angelikawurzel (jährlich 1000 Centner), Baldrian, Rhabarber und Huflattich, auch bereitet er noch manche von der Polizei nicht beanstandete Mittel, wie allein 20,000 Schachteln Schneeberger Schnupftabak.
3. Ueber Niederschlema und Schneeberg. – Von Schwarzenberg mit der Eisenbahn über Lauter und Aue nach Niederschlema, um die daneben gelegenen Blaufarbenwerke, die bedeutendsten Sachsens, ja Deutschlands, in Augenschein zu nehmen. Genannte Werke fertigen aus dem Kobalt eine prächtige blaue Farbe, welche je nach der Nuancirung Smalte, Zaffer, Safflor oder Eschel genannt wird. Die Bereitung dieses Farbestoffs – anfangs hiess er das blaue Wunder – soll zu Anfang des 16. Jahrhunderts durch den Franken Weydenhammer aufgebracht und einige Jahrzehnte darnach durch den böhmischen Glasmacher Schürer verbessert worden sein. Ehe der Kobalt zur Farbengewinnung gebraucht werden konnte, war er wegen seiner üblen Eigenschaften bei den Hüttenleuten als »Silberräuber« und als Berggeist »Kobel« verrufen und wurde als nutzlos auf die Halden gestürzt. – Von Schlema bringt uns der Dampfwagen in wenig Minuten nach der angesehenen Bergstadt Schneeberg, deren Umgebung, Marktplatz und Kirche Beachtung verdienen. Später fahren wir mit Post über das benachbarte Neustädtel, über Zschorlau, Burkhardtsgrün und Sachsengut nach Eibenstock.
Schneeberg, Stadt, 1456´ ü. M. mit 8000 E. Verdankt seine Gründung – sie geschah 1477 – dem Bergbau, da man 1471 nicht weit von der jetzigen Hauptkirche mächtige Silberadern erschürft hatte. Am ergiebigsten war die Georgenzeche, in welcher Herzog Albrecht der Beherzte (April 1477) an einer über 400 Centner schweren Erzstufe gespeist haben soll. Auch heute wird noch etwas Bergbau getrieben und erhalten die Gruben nach wie vor ihr Aufschlagwasser aus dem bei Neustädtel gelegenen Filzteiche. Dieser sprengte 1783 die Dämme und richtete dadurch in Zschorlau und Auerhammer grosses Unheil an. – Hauptbeschäftigung in Schneeberg ist dermalen Spitzenklöppelei und Weissstickerei, wobei indess letztere das Uebergewicht zu erlangen scheint. – Die Stadtkirche, die grösste protestantische Kirche Sachsens, ist im gothischen Style erbaut und enthält am Altar das umfangreichste Gemälde von Kranach dem Aelteren. Auf dem Thurme befindet sich eine 159 Centner schwere Glocke, die sog. Donnerglocke. – Einen Besuch verdient wegen der schönen Aussicht »Herders Ruhe« am Glössberge.
Von Eibenstock geht man zunächst nach dem an der Mulde gelegenen Schönhaider Hammer und von da nach Schönhaide (4704 E.), dem grössten Dorfe des westlichen Erzgebirges. Der Ort ist über eine Stunde lang und wird, da er sich eine Berglehne hinanzieht, weithin gesehen. Neben der Weissstickerei trifft man hier noch zwei eigenartige Erwerbszweige: nämlich Bürstenbinderei und Blechwaarenfabrikation. – Der Weitermarsch führt über Schnarrtanne (593 E.) und die Schnarrtanner Höhe, welche eine prächtige Aussicht auf das Voigtland gewährt, nach Auerbach. Bei Auerbach befindet man sich im Bezirke des Pech- und Russhandels, für welchen besonders zwei Walddörfer, Beerheide und Brunn, das Material liefern. Von Auerbach geht man über Rodewisch (3386 E.), wo sich Sachsens einziges Messingwerk befindet, nach Lengenfeld und hat damit das Tagesziel erreicht.
Schönhaide, stadtähnliches Dorf mit 4704 E. Sitz der Pleinfabrikation, d. h. der Tambourirstickerei nach fortlaufenden, nicht abgezählten Mustern. Ferner wird die Verfertigung von Bürsten und Pinseln schwunghaft betrieben, so dass manche Geschäfte 100 Sorten Pinsel, Bürsten, Borstwische und Borstbesen führen. Endlich liefern Blecharbeiter allerlei Küchengeräthe, dann Ofenröhren, Giesskannen, Kuchenbleche u. s. w. – Die Schönhaider Bürstenbinder gelten für das lustigste Völkchen des ganzen Erzgebirges.
Auerbach, Stadt an der Göltzsch, 1417´ ü. M. mit 4477 E. Beschäftigt sich mit Weberei und Fertigung genadelter Mulls und gestickter baumwollener Waaren.
Lengenfeld, Stadt an der Göltzsch, 1220´ ü. M. mit 4716 E. Hat Fabrikation von Tuchen und dichten Baumwollenstoffen.
(Eisenbahnroute.)
Man geht von Elster nach Mühlhausen und fährt von da mit dem Dampfwagen bis Oelsnitz, um diese Stadt in Augenschein zu nehmen. Sie hat eine herrliche Lage, besitzt aber ausser dem neuen Rathhause und der alterthümlichen Stadtkirche keine hervorragenden Gebäude. Berühmt ist sie indess als Hauptsitz der Perlenfischerei, welche seit Jahrhunderten in der Elster und deren Nebenbächen betrieben wird. Die Elsterperlen wurden früher sehr theuer bezahlt, sind aber nach und nach im Preise so gefallen, dass für die jährliche Ausbeute nur noch einige hundert Thaler gelöst werden. – Von Oelsnitz kann man mit der Eger-Reichenbacher Bahn leicht die Städte Falkenstein, Auerbach, Lengenfeld und Treuen besuchen, wir aber fahren noch über Herlasgrün hinaus bis Netzschkau, um von da einen Abstecher nach der berühmten Göltzschthalbrücke zu machen. Dieselbe ist in ¼ St. erreicht und gewährt, besonders von der tiefsten Stelle des Thales aus gesehen, einen grossartigen Anblick. Ihre Höhe beträgt 139 Ellen, ihre Länge 1018 Ellen; die Spannweite des mittleren grossen Bogens misst 154 Ellen. Diese Riesenbrücke, zu der allein zwanzig Millionen Ziegel erforderlich waren, ist würdig der römischen Viadukte und wird für alle Zeiten den kühnsten Bauwerken der Welt beigezählt werden. – Nunmehr geht es an der Göltzsch aufwärts bis Mylau und dann links ab, auf gut gebahntem Wege, nach Reichenbach, einer bedeutenden Industriestadt. Nachdem man sich hier umgesehen, fährt man mit dem Dampfwagen über Neumark, wo die Greizer Bahn einmündet, nach der Kreishauptstadt Zwickau, welche viel Interessantes darbietet.
Oelsnitz, Stadt a. d. Elster, 1144´ ü. M., mit 5728 E. Sitz der Voigtländischen Halbwollweberei. Seit dem Brande von 1859 fast ganz neu erbaut. ¼ St. von der Stadt liegt das Schloss Voigtsberg, in welchem sich eine Zweiganstalt des Zwickauer Arbeitshauses befindet.
Falkenstein, s. R. XXVIII. S. 132; Auerbach und Lengenfeld, s. R. XXIX, S. 137.
Treuen, Stadt a. d. Trieb, 1264´ ü. M., mit 5238 E. Beschäftigt sich mit Spinnerei, Weberei und Bleicherei.
Netzschkau, Stadt, 1109´ ü. M., mit 3170 E. Hat eine regsame Weberbevölkerung, die bereits Maschinenstühle anwendet und besonders Kattun und Futtermusselin liefert.
Mylau, Stadt a. d. Göltzsch, 937´ ü. M., mit 3170 E. Besitzt mehrere Kammgarn- und Streichgarnspinnereien und ein grosses Alaunwerk. Das Schloss, von 1212–1459 böhmisch, war einst ein Lieblingsaufenthalt Kaiser Karls IV., weshalb der hintere Hof noch jetzt Kaiserhof genannt wird.
Reichenbach, Stadt, 1034´ ü. M., mit 11,713 E. Des Ortes blühende Industrie umfasst drei Branchen: Wollkämmerei, Spinnerei und Weberei. Gefertigt werden besonders Merino's, Thibet's, Circassien's und wollene Tücher. Die Peterpaulkirche, vormals dem deutschen Orden gehörig, enthält eine vortreffliche Silbermann'sche Orgel. – Reichenbach ist Geburtsort der Schauspielerin Karoline Neuber.
Zwickau, Stadt a. d. nach ihr benannten Mulde, 800´ ü. M., mit 27,395 E. Liegt in einem ziemlich weiten, von sanften Höhen umschlossenen Becken, dem sogenannten »Schwanfelde«, welches in seinem Innern 12–14 abbauwürdige Kohlenflöze birgt, die in neuer Zeit einen unberechenbaren Werth erlangt haben. – Ausser mehreren altertümlichen Gebäuden, wie dem Anker und dem Rathhause, wenden wir unsere Aufmerksamkeit den beiden gothischen Kirchen, der Marienkirche und der Katharinenkirche, zu. Letztere enthält ein gutes Altarbild von Kranach. Erstere ein mit kunstvoller Schnitzarbeit versehenes heiliges Grab, die berühmte Kindersegnung von Kranach, ein grosses Altarwerk von M. Wohlgemuth und eine ausgezeichnet konstruirte Doppelwendeltreppe. An der Katharinenkirche war Thomas Münzer von 1520–22 als Pfarrer angestellt, und Luther selbst musste nach Zwickau kommen, um gegen diesen »Schwarmgeist« zu predigen. – Das Gymnasium, im 15. Jahrhundert wegen seiner Strenge nur die »Zwickauer Schleifmühle« genannt, besitzt eine bedeutende Bibliothek mit werthvollen Handschriften. – Im Schlosse Osterstein befindet sich seit 1833 die Arbeitsanstalt für Sträflinge. – Zwickau ist die Geburtsstadt des Komponisten R. Schumann.
Reizende Vergnügungsorte sind: Das Schwanenschlösschen, der Bergkeller und das Dorf Eckersbach mit dem »Trillergut«; weite Aussichten gewähren die Oberhohndorfer und Kainsdorfer Höhen; sehr lehrreich sind Besuche der Kohlenwerke in Schedewitz, Bockwa[19] und Planitz.
Während in Zwickau die altväterischen Gebäude und die gothischen Kirchen an das Mittelalter erinnern, deuten die zahlreichen Neubauten, die Fabrikanlagen in und neben der Stadt, die Dampfessen bei den Kohlenschächten und der Bahnhof mit seinem kolossalen Verkehr zugleich darauf hin, dass man sich in einem Bezirke der modernsten industriellen Thätigkeit befindet. Diese Thätigkeit beruht zumeist auf dem vorhandenen Kohlenreichthum. Denn wie früher die Flüsse mit ihrer Triebkraft und die Wälder mit ihrem Heizstoff die Magnete für die Fabrikanten waren, so sind es jetzt die Kohlenfelder mit ihrem billigen Brennmaterial geworden. Und so hat Zwickau – dank seinen unterirdischen Schätzen – in neuerer Zeit viel Industrie bekommen und in den letzten vierzig Jahren seine Bevölkerung mehr als vervierfacht (1834: 6127, heute: 27,395 E.) und damit ein Wachsthum gezeigt, das sich nur dem junger Städte in Nordamerika vergleichen lässt.
Geschichtliches. Zwickau, jedenfalls eine alte sorbische Ansiedelung, hatte schon im frühen Mittelalter Bedeutung. Es wurde durch die Reichsstrasse von Nürnberg nach Leipzig, welche den Verkehr zwischen Süd- und Norddeutschland vermittelte, berührt und erfreute sich als Stapelplatz eines regen Geschäftslebens. Aber mit der Entdeckung des Seewegs nach Ostindien war der Flor der Stadt dahin. Der Handel schlug andere Wege ein und Zwickau vereinsamte, wie Augsburg und Nürnberg vereinsamt waren. Die Zahl seiner Bewohner verminderte sich nach und nach von 30,000 auf 5000 und nur als schlichte Kleinstadt trat es in unser Jahrhundert ein. Doch mit Entwickelung des Kohlenbergbaues nahm es einen ungeahnten Aufschwung. Urkundlich werden die »Steinkoln« schon im 14. Jahrhundert erwähnt, aber die 1520 erlassene und bis 1740 neunmal abgeänderte Kohlenordnung schrieb die lästige Reihenladung vor, wornach der Grubeneigner nur dann ein gewisses Quantum Kohlen verkaufen durfte, wenn der Vordermann das seinige losgeworden war. Auch hatten sich die Feuerarbeiter der Umgegend im Jahre 1550 durch die sogenannte Truhenladung ermässigte Preise für die zum Handwerk erforderlichen Kohlen ertrotzt. Diese beiden Beschränkungen, sowie der Umstand, dass bis Ende des vorigen Jahrhunderts Brennholz im Ueberfluss vorhanden war, verhinderten auf lange hin die Entwickelung des Kohlenbergbaues. Als aber mit Anfang der zwanziger Jahre die Eisenwerke statt der vertheuerten Holzkohle die Steinkohle begehrten und im Jahre 1823 die Kohlenordnung sammt ihren beengenden Vorschriften fiel, auch ein rationeller Abbau eingeführt und mit 1826 die Dampfkraft zur Hebung des Grubenwassers und zur Förderung der Kohlen angewandt wurde, da wuchs die Kohlenproduktion mit ungemeiner Geschwindigkeit. Zahlen werden dies am besten bezeugen: 1820 wurden 65,000, 1830: 165,000, 1840: 780,000 Scheffel gefördert; 1850 betrug die Ausbeute 4 Millionen, 1856: 7 Millionen und 1863: schon 14 Mill. Scheffel.
Industrielles. Zwickau's grossartigste Industrie ist die Kohlenförderung selbst; doch hat das billige Brennmaterial auch manchen anderen Fabrikationszweig herbeigelockt. Das Coaksbrennen begann 1830 und hat seitdem so zugenommen, dass jährlich über 100,000 Ctr. Steinkohlen dabei verbraucht werden. Dazu gesellte sich die Ziegelbrennerei, welche im Jahre mehrere Millionen Backsteine liefert. Ferner wurde eine Porzellanfabrik, eine Fabrik für Steinzeug und Chamottewaaren und eine Glasfabrik angelegt. Das grossartigste Unternehmen aber ist die Marienhütte bei Kainsdorf, ein Eisenwerk, das sich mit jedem in Sachsen, ja in Deutschland messen kann. Hier werden Hunderttausende von Centnern Eisen geschmolzen, gegossen, gepuddelt und zu Eisenbahnschienen verwalzt. – Eine Eigenthümlichkeit findet sich bei Planitz. Da steht seit undenklichen Zeiten ein Kohlenflöz in Brand und kann trotz aller Anstalten nicht zum Erlöschen gebracht werden. Die beim Brennen entwickelte Wärme wird nun zur Heizung von Treibhäusern benutzt, in denen eine Menge seltener, besonders tropischer Gewächse gedeiht.