An der Außenarchitektur hatten die späteren Jahrhunderte keine wesentlichen Neuerungen hinzugefügt. Anders verhielt es sich bei der Innenarchitektur. Fast jede Epoche hatte ihre Spuren hinterlassen, bestehend in einer oder mehrmaligen Übertünchung der Gewölbe und Wände. Es war sofort klar, daß der künstlerische Wert dieser Ausweißungen nicht auf der gleichen Stufe mit der vornehmen Wirkung des ursprünglichen Zustandes stehen konnte. Untersuchungen und Proben bestätigten diese Anschauung. Hiemit war die Grundlage für die Innenrestaurierung gegeben: auch im Innern war dem Bauwerk sein ehemaliges, dann durch unverständige Behandlung beeinträchtigtes Aussehen wiederzugeben. Nur wurde der Zweck durch gerade entgegengesetzte Maßnahmen erreicht: dort hieß es aufbauen, hier abnehmen.
Nach Entfernung des weißen Kleides der dicken Tünchkruste kamen eine, wenn auch nicht reiche, so doch überaus geschickt verteilte Polychromie sowohl beim romanischen Bau wie beim Ostchor und mehrere wertvolle Wandmalereien des 14. und 15. Jahrhunderts zum Vorschein. Im Westchor wurden zwei romanische Doppelfenster, welche einst die Turmhallen vom Chor aus beleuchteten, freigelegt. Zu den erfreulichen Entdeckungen kam aber zum Schluß eine höchst unangenehme Überraschung, welche die Innenrestaurierung sehr in die Länge zog. Gelegentlich der Beseitigung der Farbschichten an den beiden dem Ostchor zunächst stehenden Pfeilern des Langhauses, welche zu den ehemaligen Vierungspfeilern zählten, mußte die schlechte Beschaffenheit dieser Hauptstützen und somit ihre geringe Haltbarkeit festgestellt werden. Bei der außerordentlichen Belastung dieser konstruktiven Glieder war ihre Auswechslung unter Anwendung äußerster Vorsicht mit den größten Schwierigkeiten verbunden. Als nicht minder bedeutend ergaben sich die konstruktiven Arbeiten, welche an der unteren Ostwand des nördlichen Turmes, in dessen Mauern ursprünglich Treppenläufe angebracht waren, erforderlich wurden.
Mit der Aufdeckung der alten Polychromie und der Wandmalereien allein war die Aufgabe der Innenrestaurierung noch nicht gelöst. Es handelte sich um einen seinem Zweck nicht entfremdeten Bau, um eine noch als Gotteshaus dienende Kirche, und daraus ergab sich, daß das Innere, d. h. die bloßgelegten Malereien, Fenster usw. nicht nur durch Konservierung in einen haltbaren, sondern auch in einen das Auge der Kirchenbesucher nicht verletzenden Zustand versetzt werde.
Die erforderlichen Instandsetzungen wurden jedoch mit der äußersten Zurückhaltung und der größten Vorsicht vorgenommen. Bei alten Inventarstücken wurde unterschieden, ob es sich um Ersatz abgebrochener kleiner Details oder um Hinzufügung von selbständigen Teilen, z. B. von Türflügeln u. dgl. handelte. Im ersteren Falle wurde von Ergänzungen oft ganz abgesehen. Waren die Defekte gar zu störend und war die Ergänzung nach Vorbildern im Charakter des Originales einwandfrei herzustellen, so wurde sie dementsprechend vorgenommen. Bei selbständigen neuen Teilen aber, wie z. B. Türflügeln an Wandnischen oder vor Gemälden, Stuhlwerk, Anlage eines Wandbrunnens, Vertäfelungen der Sakristei, wurden primitive Formen ohne Zugehörigkeit zu einem besonderen Stile angewendet, die sich in die Umgebung ohne Mißklang einfügten, indem sie sich dem wertvollen historischen Bestande bescheiden unterordneten.
Die Erhaltung des gegenwärtigen Gesamtbestandes galt als Grundprinzip. Nicht das Verhältnis eines Gegenstandes in seinem Stilcharakter zur Wirkung der nächsten architektonischen Umgebung, auch nicht der Umstand, ob der Gegenstand heute noch den ihm zukommenden Zweck erfüllt, war für seine Erhaltung maßgebend, sondern einzig und allein die Tatsache seines Vorhandenseins. Bei den scheinbar unbedeutenden Gegenständen fiel das kirchen- und lokalgeschichtliche Interesse ins Gewicht. Eine besondere Beachtung wurde auch dem Standort der Gegenstände zugewendet. Gerade bei denjenigen Inventarstücken, welche ihrem ursprünglichen Zweck entfremdet sind, ist die Beibehaltung des alten Standortes von großer Wichtigkeit. Die historische Beziehung zur Kirche, welche meist nur aus dem Standorte zu erkennen ist, erhebt den Gegenstand über die Bedeutung eines bloßen Museumsobjektes.
Hervorzuheben ist, daß die Restaurierung der Statuen durch Abnahme der starken Tünchkruste mit dem Gewinn bunter Fassung und feiner Modellierung belohnt wurde, und daß bei vielen Werken Feststellungen bezüglich der Enstehungszeit und Autorschaft gemacht werden konnten. Die Ergänzungen der Bildhauerarbeiten, die Wiederherstellung der Faßmalereien und die Renovierung der Wand- und Tafelgemälde wurden vorgebildeten Kräften anvertraut. Nur zwei Gruppen von Inventarstücken mußten aus finanziellen Gründen vorerst zurückgestellt werden, die Wandteppiche und die Glasgemälde.
Den Bestand des Inventars hatte Heideloff wesentlich geschmälert. Die Mittelschiffemporen, die Kanzel und der Hauptaltar, aus der Barockzeit stammend, mußten seinen auf Stilreinheit gerichteten Wiederherstellungsabsichten weichen. Kanzel und Altar wurden durch Neuschöpfungen im Stile der Spätgotik ersetzt. Mit der Entfernung des neuen Altars erklärte sich der Bauauschuß einverstanden; man begnügte sich damit, anstatt des Altaraufsatzes einen der wertvollen Gobelins hinter der Mensa anzubringen und darüber die Kreuzigungsgruppe von Veit Stoß aufzustellen. Die reich geschnitzte Kanzel wurde belassen. Das Fehlen der langen Mittelschiffemporen wird man nicht zu beklagen brauchen. Denn nach Kupferstichen zu schließen, hatten sie keine künstlerischen Vorzüge aufzuweisen und standen der von ihnen verdeckten kunstgeschichtlich interessanten Triforiengalerie jedenfalls bedeutend nach.
Das Restaurierungswerk im ganzen betrachtet muß eine hervorragende, in Anbetracht der Qualität eine vorbildliche Tat genannt werden. Mit weiser, freiwillig auferlegter Zurückhaltung, dem vornehmsten Gebot der Denkmalpflege, hat die Bauleitung bei Lösung der gestellten Aufgaben verfahren. Die hier in der Praxis verwirklichten Anschauungen wird selbst der eifrigste Gegner, wenn er im konkreten Fall Restaurierungsbedürftigkeit und vollendete Ausführung gegenüberstellt, als richtig anerkennen müssen.
Die Anhänger der absoluten Stilreinheit sind zwar bis auf einige Unheilbare, die erfreulicherweise auf die heutige Entwicklung der Restaurierungsmethode ohne Einfluß sind, ausgestorben. Aber schon machen sich ernsthafte Bestrebungen geltend, welche unter Hinweis auf das Verhalten früherer Jahrhunderte gegenüber restaurierungsbedürftigen Denkmälern einer Ergänzung im Stilcharakter der Gegenwart auch bei der Außenarchitektur unter allen Umständen das Wort reden. Es erscheint unverständlich, wie hier das Vorgehen früherer Epochen als mustergültiges Beispiel empfohlen werden kann. So sehr auch den Alten gedankt werden muß, daß sie bei dem geringen Verständnis für vorausgegangene Stilperioden keine Lust verspürten, gegebenen Falls in der ihnen fremd gewordenen Formensprache Ergänzungen vorzunehmen — solche Fälle finden sich zwar auch in der Kunstgeschichte, jedoch nur vereinzelt —, so wenig wird begriffen, warum nun mit einem Male all die vielen Erfahrungen und gründlichen Kenntnisse, die man sich im Laufe des vorigen Jahrhunderts auf dem weiten Gebiete des Restaurierungswesens durch gründliches Studium der eigenartigen mittelalterlichen Konstruktionsmethoden besonders in der Steinmetztechnik verschafft hat, beiseite zu legen sind. Man sollte sich vielmehr darüber freuen, daß solche Erfolge erzielt wurden, und durch Gründung von Schulen für Fortpflanzung, Vermehrung und weitere Verbreitung der erworbenen Fähigkeiten Sorge tragen. Angenommen, unsere Zeit wäre in der zweifellos glücklichen Lage, über eigene Ausdrucksformen in der Kunst zu verfügen, welche auf gleicher Höhe mit den historisch gewordenen früheren Stilarten stünden: was wäre mit der Anwendung dieses Stiles z. B. bei der Restaurierung des Ostchores erreicht worden? Es hätte zunächst auf die mancherlei aufgefundenen Überreste, welche eine Restauration der alten Mauerkrone leicht ermöglichten, verzichtet und, um den ästhetisch unbedingt notwendigen Abschluß herzustellen, eine Bekrönung oder ein Dachgesims geschaffen werden müssen, welche keineswegs in den günstigen organischen Zusammenhang mit der Architektur des vorhandenen Mauerwerkes zu bringen gewesen wäre wie die rekonstruierte Galerie. Anders freilich würde die Sache liegen, wenn es sich um die Neuschöpfung eines selbständigen Bauteiles, etwa einer Sakristei, oder um Anschaffung eines neuen Inventarstückes, eines Altares, gehandelt hätte. Hier müßte individuelle künstlerische Eigenart zum Ausdruck kommen.[69]
Man vergißt anscheinend auch, daß das Vorgehen früherer Zeiten bei reparaturbedürftigen Denkmälern große Nachteile hatte. Wurden Bauten in jeweils modernem Stil ergänzt oder umgebaut, dann ließ man nicht immer die gebührende Rücksicht walten und entfernte oft mehr, als der Billigkeit entsprach. Defekte Statuen vollends, auch solche in gutem Zustande, wurden dem Zeitgeschmack gemäß abgeändert, meist verstümmelt oder, wenn sie nicht mehr gefallen wollten, vernichtet, defekte Gemälde wanderten im günstigsten Fall auf den Speicher, gewöhnlich wurden sie verschleudert oder übermalt, so daß sie in dem einen wie in dem anderen Fall unrettbar verloren waren. Gewiß keine empfehlenswerten Maßnahmen!
Die Bedeutung als nachahmenswerte Leistung gebührt dem nunmehr fertigen Werke der Wiederherstellung der Sebalduskirche auch deswegen, weil sich die Restaurierung nicht nur auf den Bau und die wenigen vom protestantischen Kultus benötigten Inventargegenstände, sondern auf die gesamte ungemein reichhaltige Ausstattung erstreckt hat. Wohl selten wird Gelegenheit geboten, einen Bau von der Stellung der Sebalduskirche und zugleich eine solche Fülle von Meisterwerken nach pietätvollen Prinzipien unter berufener Leitung zu restaurieren und unter so günstigen Umständen die Arbeit zu vollenden. Ein ganz besonderes Verdienst gebührt hiebei dem kunstsinnigen Pfarrer von St. Sebald, Kirchenrat Friedrich Michahelles, der die Vollendung des Werkes nicht mehr erleben sollte. Einen wesentlichen Beitrag zu dem Werke lieferte im übrigen die Unterstützung des Nürnberger Patriziats. Ist es ihm schon zu danken, daß in den späteren Jahrhunderten, als der stets wechselnde Zeitgeschmack, namentlich in den Gegenden des Protestantismus, zu ungunsten der Kunsterzeugnisse des Mittelalters sich äußerte, in Nürnberg soviel wie möglich von den Werken der Väter gerettet wurde, so war es diesmal ebenfalls Lokalpatriotismus im besten Sinne des Wortes, welcher es, ohne große Opfer zu scheuen, zustande brachte, die prächtigen Familienstiftungen in ihrer Gesamtheit in altem Glanze erstehen zu lassen.
Zur Erhaltung der ruinösen Originale, Statuen, Reliefs und der kleineren Bauglieder, welche durch Kopien ersetzt werden mußten, wurde von der Bauleitung ein kleines Museum gegründet, welches in der Westkrypta als Lapidarium und im oberen Stockwerke der großen Sakristei Unterkunft gefunden hat. Ein anderer Teil der Statuen ist in der Kirche selbst untergebracht. Im oberen Stockwerke der Sakristei wurden als weitere Sammlungsgegenstände Modelle, zeichnerische und photographische Aufnahmen der Kirche in ihrem vorgefundenen Zustand beigefügt. Das angehäufte und systematisch geordnete Anschauungsmaterial gestattet einen vortrefflichen Einblick in die Tätigkeit der Bauleitung und die von ihr angewendeten Grundsätze und Methoden.[70] Über dieses kleine Museum der Denkmalsplage, wie man es nennen könnte, wird etwas ausführlicher noch weiter unten zu handeln sein.
Wir lassen nunmehr die Berichte der Bauleitung über die Wiederherstellungsarbeiten in ihrem Wortlaute folgen.
1888–1889. Die seit dem Jahre 1882 im Gange befindlichen umfangreichen Vorarbeiten zur Wiederherstellung der Sebalduskirche waren im Jahre 1888 so weit gediehen, daß die Verwaltung des Vereinigten protestantischen Kirchenvermögens die Inangriffnahme des Werkes beschließen konnte.
Professor von Hauberisser in München sandte daher im Juli dieses Jahres den Unterzeichneten nach Nürnberg, um die Leitung der baulichen Arbeiten an Ort und Stelle zu übernehmen. Professor von Hauberisser selbst traf alle künstlerischen und technischen Dispositionen während periodischer Besuche in Nürnberg.
Die Kirchenverwaltung wählte aus ihrer Mitte einen Ausschuß, der über alle vorzunehmenden Bauarbeiten beraten und Beschluß fassen sollte. Es gehörten ihm unter dem Vorsitze des ersten Pfarrers von St. Sebald Friedr. Michahelles folgende Herren an: Fabrikbesitzer von Forster, Baumeister Goll, Justizrat Hilpert, Schlossermeister Leibold, Ingenieur Rupprecht und Magistratsrat Tauber.
Für die große, auf lange Jahre hinaus projektierte Unternehmung erwies sich die Errichtung einer Bauhütte als erforderlich, die als zweistöckiges Fachwerkgebäude neben dem südlichen Turm errichtet wurde und die Zeichenzimmer enthielt, während ein östlicher Flügelbau die Steinmetzwerkstätte und Schmiede aufnahm.
Ursprünglich hatte die Absicht bestanden, mit der Wiederherstellung eines Strebepfeilers am Ostchor zu beginnen. Allein die fortschreitende Verwitterung der Pfeilerendigungen dort und die Rücksicht auf eine größere Einheitlichkeit des Betriebes empfahlen, als ersten Bauabschnitt die Wiederherstellung der Chorgalerie und ihrer Pfeilerspitzen in Arbeit zu nehmen.
Es wurde daher zunächst in der Höhe des Hauptgesimses an den vier ersten Jochen bei der Brauttüre ein Gerüst und auf der Nordseite der Sakristei ein gezimmerter Treppenturm aufgestellt. Aus verschiedenen alten Nachrichten war bekannt, daß die Galerie im Jahre 1561 wegen Baufälligkeit abgebrochen worden war; an ihrer Stelle hatte man damals ein schweres steinernes Karniesgesims aufgesetzt und mittelst einer Aufschiftung das Dach darüber gezogen.
Nun wurde diese Aufschiftung und das Gesims entfernt und letzteres zur Anlage einer Umfassungsmauer um die Bauhütte benutzt. Beim Aufbrechen der frei liegenden Mauerkrone fanden sich erfreulicherweise am 7. November kleine Reste der ursprünglichen Galerie, aus deren Zusammenstellung sowohl die frühere Form der Maßwerkfüllungen wie des mit Zinnen besetzten Abdeckungsgesimses erkennbar waren (Abb. 33 und 139). In der Hoffnung auf weitere Funde wurde jetzt das bisher nur bei vier Jochen angebrachte Gerüst um den ganzen Chor geführt, und es konnten in der Tat auch die verschiedenen Formen, welche im Maßwerk bei den einzelnen Jochen abwechselten, genau festgestellt werden.
Nach Beendigung der nötigen Aufnahmen und Vermessungen sowie der Herstellung der Werkzeichnungen für die neuen Bauteile wurde mit der Steinmetzarbeit begonnen, die für den Umfang der Galerie der Firma Göschel & Alt, von welcher Joh. Göschel durch seine Arbeiten an der Frauenkirche und dem Germanischen Nationalmuseum schon viele Erfahrungen gesammelt hatte, in Akkord gegeben wurde. Es zeigte sich aber, daß für solche Arbeiten der Regiebetrieb unter Verrechnung der Selbstkosten seitens des ausführenden Meisters und mit prozentualem Zuschlage einer Meistergebühr geeigneter ist; daher wurde in der Folge die Akkordarbeit wieder aufgegeben. Die Werkhütte, die Gerüste und die hauptsächlichsten Arbeitsgeräte waren ohnehin von der Kirchenverwaltung gestellt worden. Auch die Werksteine wurden von der Bauleitung direkt bezogen. Da der Stein aus der näheren Umgebung wegen seiner geringen Wetterbeständigkeit und der Schwierigkeit, guten Kernfelsen zu erhalten, nicht in Frage kommen konnte, wurde auf Grund einer von Professor Hauberrisser und einigen Sachverständigen der Kirchenverwaltung ausgeführten Inspektionsreise ein gelblicher Sandstein von Bayreuth (Buntsandstein der Triasperiode) und ein rötlicher aus der Kulmbacher Gegend verwendet.
Hauptgewicht wurde darauf gelegt, daß der Stein rauhes Korn habe, damit er in der zu erwartenden Patina sich den alten Steinen einfüge und nicht wie dies z. B. beim Mainsandstein (siehe Frauenkirche) der Fall ist, durch Beibehaltung seiner Naturfarbe einen zu großen Gegensatz zu seiner Umgebung bilde.
Für die der Verwitterung sehr ausgesetzten Werkstücke, z. B. die Maßwerke der Galerie, fand der harte und wetterbeständige Quarzit aus Wendelstein Verwendung.
Mit der Herstellung der Modelle zu den ornamentalen Skulpturen, die in einer der Bauhütte angefügten Modellkammer zur Ausführung kamen, wurde der Bildhauer und Lehrer an der Kunstgewerbeschule G. Leistner betraut.
Die Untersuchung der oberen Chormauer führte auch zu einer unliebsamen Entdeckung.
Aus den Balken, welche, auf der Mauerkrone aufliegend, den Dachstuhl tragen, waren zu irgend einer Zeit in der Mitte größere Stücke herausgeschnitten worden, so daß der gewaltige Dachstuhl durch den radialen Schub die Mauern hinausgedrückt hatte. Schon zeigten sich bei den Gewölben klaffende Risse. Es war daher notwendig, die Balken wieder zu ergänzen und mit ihnen bei jedem Joch eiserne Verschlauderungen in Verbindung zu bringen.
Auch den großen Westgiebel entlang wurden die auf beiden Seiten ausgewichenen Strebepfeiler durch eine starke Verschlauderung wieder verbunden.
In der Werkhütte nahmen die Steinmetzarbeiten Winter und Sommer über einen guten Fortgang, so daß am 14. Oktober 1889 der erste Stein zur Galerie bei der Ecke über dem Brauttor versetzt werden konnte. Die übrigen Versetzarbeiten wurden bis zum Ende des Jahres fortgesetzt.
1890. Die Versetzarbeiten an der Chorgalerie wurden durch die Witterungsverhältnisse so begünstigt, daß selbst den Winter hindurch keine Unterbrechung stattfand.
Im Februar konnten schon an den ersten Jochen die neuhergestellten Arbeiten von den Gerüsten befreit werden. Der fahrbare Aufzugskran wurde jeweilig zu den neuen Arbeitstellen weiter geschoben.
Die Rinnenanlage hinter der Galerie war in solidester Weise unter Verwendung von starkem Kupfer herzustellen und wurde zum Schutze mit Holzrosten belegt. Auch die Wasserspeier erhielten eine Kupferausfütterung.
Entsprechend den äußeren Arbeiten mußte auch der Betrieb in der Hütte gefördert werden. Dazu erwies sich eine Erweiterung der Bauhütte als erforderlich, die als ein seitlicher Anbau an der Ostseite der Bauhütte zur Ausführung kam, so daß etwa 46 Steinmetzen untergebracht werden konnten.
Da unter den bezogenen Werksteinen viele vorhandener Stiche und gröberer Toneinsprengungen wegen ausgeschossen werden mußten, wurden verschiedene Versuche mit neuen Bezugsquellen aus der Gegend von Aschaffenburg und von Lahr in Baden, und zwar mit wechselndem Erfolg gemacht. Am besten bewährte sich immer der Wendelsteiner Quarzit, dessen Bearbeitung jedoch wegen seiner Härte große Kosten verursachte.
Im Juni war die Chorgalerie schon zur Hälfte fertiggestellt. Professor Hauberrisser war wiederholt zur Besprechung aller baulichen Dispositionen anwesend; auch fanden zu gleichem Zwecke verschiedene Sitzungen des Bauausschusses statt. Im November besichtigte Kultusminister von Müller die Bauarbeiten. Am 4. Dezember konnte in feierlicher Weise die Aufsetzung des letzten Steines der Galerie beim westlichen Pfeiler an der Südseite stattfinden. Stadtpfarrer Lotholz legte als Vorstand der Kirchenverwaltung bei dieser Gelegenheit eine Urkunde über dem nunmehr vollendeten ersten Bauabschnitt der Wiederherstellung in den Schlußstein ein.
Die Bauleitung, welche mit ihren zeichnerischen und Projektierungsarbeiten naturgemäß den Ausführungsarbeiten stets voraus sein mußte, hatte unterdessen die Aufnahmen der Strebepfeiler am Ostchor hergestellt und für diese Abwechslungsarbeiten die erforderlichen Vorarbeiten eingeleitet.
Zimmermeister Steger, der die Gerüstarbeiten bisher ausgeführt hatte, war in diesem Jahre gestorben. An seiner Stelle wurde Zimmermeister F. Birkmann mit den weiteren Zimmerarbeiten beauftragt.
1891. Bezüglich der Wiederherstellung der Strebepfeiler am Ostchor war ursprünglich geplant, nur einzelne schadhafte Stellen durch Einsetzen von mehr oder weniger großen „Vierungen“ auszubessern. Es stellte sich jedoch bei näherer Untersuchung eine so starke Verwitterung aller Profilierungen und Skulpturen heraus, daß bei jedem Pfeiler ungefähr fünfzig Werkstücke ganz neu ersetzt werden mußten (Abb. 34), wobei jedesmal 2½–3 m hohe Teile des Pfeilers bis in die eigentliche Umfassungsmauer hinein auszubrechen waren.
Da hierdurch der Strebepfeiler, der die Gewölbe stützen sollte, jeden Halt verloren haben würde, so war die Anbringung einer eisernen Stützkonstruktion erforderlich, zu welcher Direktor Rieppel einen Entwurf herstellte. Derselbe gedachte zuerst mit einer 10 m hohen eisernen Stütze vom Straßenniveau aus den oberen Pfeiler abzufangen, hielt aber dann den Gedanken Professor Hauberrissers fest, den oberen Pfeiler auf den unteren mittels einer Eisenkonstruktion abzustützen, welche jedesmal nur die Höhe des erforderlichen Ausbruches hatte.
Die Hütte hatte schon im Anfang des Jahres mit der Bearbeitung der Werkstücke zu den Pfeilern, und zwar zunächst der großen Kreuzblumen und Riesen begonnen.
Im Oktober waren alle Vorbereitungen so weit gediehen, daß auf der Nordseite die Abstützung zum ersten Male aufgestellt werden und die Auswechslung vor sich gehen konnte. Im Inneren sollte ein Zeiger, der sich mittels Hebelübersetzung einer Millimeterteilung entlang bewegte, jede kleinste Veränderung des Mauerwerkes anzeigen.
Mit Steinmetzmeister Göschel war schon im Jahre 1890 ein Vertrag über die Wiederherstellung eines Pfeilers abgeschlossen, welcher im April auf vier weitere und im Oktober auf sämtliche Pfeiler ausgedehnt wurde.
Die vielen Abweichungen in den architektonischen Formen sowohl wie in den Maßverhältnissen der Strebepfeiler wurden bei der Erneuerung sorfältig festgehalten, wobei auf charakteristische Wiedergabe der Profilierungen wie der Ornamentation großer Wert gelegt wurde.
Professor Hauberrisser lud den Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg im April zu einer Besichtigung der Arbeiten in der Bauhütte ein, und im August stattete die in Nürnberg tagende Hauptversammlung der deutschen Architekten der Sebalduskirche einen Besuch ab.
1892. Die Wiederherstellungsarbeiten an den Ostchorpfeilern wurden in diesem Jahre in der Weise fortgeführt, daß zu gleicher Zeit an den Pfeilern selbst die fertigen Werkstücke unter jedesmaliger Verwendung der Stützkonstruktion versetzt und in der Hütte für die weiteren Pfeiler die neuen Werksteine bearbeitet wurden.
Daneben wurden auch die vielen außerordentlich reich durchgebildeten Baldachine, von welchen jeder Pfeiler sieben Stück aufweist, und die nachträglich leicht versetzt werden konnten, in Arbeit genommen. Als Steinmaterial kam hiezu der in Obernkirchen bei Bückeburg gebrochene harte und wetterbeständige, dabei ziemlich feinkörnige Sandstein zur Verwendung.
An Statuen fanden sich unter den Baldachinen im ganzen nur vier vor. Nämlich auf der Vorderseite zwei Propheten, die stark verwittert waren und nach erfolgter Ergänzung kopiert wurden, sowie im Osten Maria und Sebaldus an einem Joche, welches ursprünglich durch eine vor dem Fenster angebrachte plastische Darstellung ausgezeichnet gewesen zu sein scheint. Diese beiden Statuen, welche in Anbetracht ihres guten Erhaltungszustandes unverändert blieben, zeigen farbigen Hintergrund mit aufgemalten Engelfiguren. Für die unter den übrigen Baldachinen fehlenden Statuen fertigte Stadtpfarrer Michahelles ein Verzeichnis an, nach welchem in der unteren Reihe die Hauptpersonen des Alten und in der oberen Reihe die des Neuen Testamentes zur Darstellung kommen sollten. Als im November der Kultusminister die Kirche wieder besuchte, waren auf der Nordseite die Auswechslungsarbeiten an sechs Pfeilern bereits vorgenommen, jedoch fehlten noch die neuen Baldachine, die sehr viele Arbeit erforderten.
Da eine Reihe von Familien und Privatpersonen die Stiftung je eines Pfeilers übernahm, so wurde an jedem Pfeiler eine diesbezügliche Inschrift oder ein Wappen angebracht, während die wertvollsten alten Steinreste in der Westkrypta zu einem Lapidarium vereinigt wurden (Abb. 139).
Beim Abbruch eines der großen Baldachine auf der Nordostseite fand sich eingeklemmt in der zwischen Baldachin und Wand befindlichen Spalte ein kleines Erzgußwappen mit Steinmetzzeichen (Abb. 26). Allem Anscheine nach ist das Wappen durch Zufall in diese Vertiefung hineingefallen, nachdem es zuvor an der 1561 abgebrochenen Galerie befestigt war. Bei dem dargestellten Steinmetzzeichen kann es sich nur um den Meister des Ostchores handeln.
1893. Auch das Jahr 1893 wurde durch die umfangreichen Arbeiten an den Ostchorstrebepfeilern ausgefüllt, ohne daß sie ganz beendigt werden konnten. Doch ging alles in bester Weise ohne Störung und Unfall von statten.
Zu den Statuen an den Pfeilern fertigte, nachdem Stadtpfarrer Michahelles sein Verzeichnis auf eine Anregung des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg einer Änderung unterzogen hatte, Bildhauer Leistner die Modelle. Die Ausführung geschah in der Hütte in Kelheimer und Offenstettener Kalkstein (Abb. 35).
Am Ende des Jahres waren bis auf die aus dem nördlichen Sakristeidach herausragenden Pfeiler die Hauptauswechslungsarbeiten an den Ostchorstrebepfeilern fertiggestellt. Nur fehlten noch die meisten Baldachine.
Die Bauleitung hatte sich unterdessen schon seit einiger Zeit mit den Aufnahmen und Plänen für die Wiederherstellung des nördlichen Seitenschiffes beschäftigt (Abb. 38, 39). Die Untersuchungen ergaben über die frühere Gestalt interessante Aufschlüsse.[17] Das Seitenschiff war nämlich ursprünglich mit einer durchbrochenen Galerie bekrönt und mit Kapellendächern versehen, d. h. hinter den die einzelnen Joche abschließenden Giebeln waren Satteldächer angebracht, die an ein das ganze Seitenschiff überdeckendes Pultdach anstießen. Es wurden sowohl die Form dieser Dächer wie auch ihre eigenartigen Entwässerungsanlagen nach Entfernung der Backsteinmauerungen aufgefunden. Leider waren diese Abwässerungen, besonders dem Schnee gegenüber, nicht praktisch. Die Dächer wurden nach den vorhandenen Spuren bald, wahrscheinlich im 16. Jahrhundert, abgetragen, und an ihre Stelle trat ein einziges großes Pultdach, das jedoch die Fenster des Mittelschiffes zu drei Vierteln verdeckte und den inneren Raum stark verdunkelte.
Zu jener Zeit werden wohl auch die Galerie- und Giebelspitzen ähnlich wie beim Ostchor wegen der auf das mangelhafte Material zurückzuführenden Baufälligkeit abgetragen worden sein.
Über die Form der Galerie gaben nur mehr Kalkspuren an der östlichen und westlichen Abbruchstelle Auskunft. Aber ein Hauptgesimsstück, das den Anstoß an das Wimperggesims zeigte, war neben dem Brauttor glücklicherweise erhalten geblieben und bildete für die Neuherstellung wertvolle Anhaltspunkte.
Unterhalb des abgetragenen Daches fanden sich auch bei den beiden mittleren Mittelschiffpfeilern die Ansätze von ehemaligen romanischen Strebebögen, die vom Seitenschiff aus das Mittelschiff stützten.
Außerdem beschäftigte die Bauleitung die Anfertigung der Pläne für die Wiederherstellung des großen Giebels und der Galerie am Ostchor.
In einer im Dezember stattgehabten Sitzung des Bauausschusses legte Professor Hauberrisser die Vorschläge für Wiederherstellung der Galerie des nördlichen Seitenschiffes und Flachlegung des Daches sowie für die Arbeiten am Westgiebel vor. Eine im März stattgehabte Untersuchung der Türme hatte auch die Baufälligkeit der dortigen Galerie und große andere Schäden des Mauerwerks wie der Dachstühle dargetan.
1894. Während des Winters 1893 auf 1894 und selbst das ganze Frühjahr hindurch bis in den Sommer hinein war die Hütte mit der Herstellung der vielen reichen Baldachine und Konsolen (Abb. 27, 36, 37) am Ostchor beschäftigt. Sobald die sieben Baldachine je eines Pfeilers fertiggestellt und versetzt waren, konnten die Gerüste entfernt werden, und so fiel von Norden nach Süden nach und nach die Hülle von Gerüsten, die den Ostchor vier Jahre hindurch verdeckt hatte. Ende Juli wurden die Baldachine und Figuren am letzten Strebepfeiler bei der Schautüre versetzt. Auch wurden die Abfallrohre bei jedem Pfeiler in Kupfer neu hergestellt.
In den Monaten April und Mai wurden die zwei aus der nördlichen Sakristei herausragenden Strebepfeiler ausgewechselt. Hierbei wurden auch die Giebelabdeckungen erneuert und das Dach, welches die Mauern bisher überdeckt hatte, tiefer gelegt, so daß die an den alten Abdeckungen schon vorhandenen inneren Gesimsprofile nun sichtbar sind. Auch die Rinne und das Abfallrohr wurden in Kupfer neu hergestellt.
Die weitere Arbeit der Hütte bestand zunächst in der teilweisen Neuherstellung und Ausbesserung der Wandflächen unterhalb des Kaffgesimses bis zum Sockel des Ostchores, die durch die früher eingebauten Kramläden erheblich gelitten hatten.
Hiermit fanden die Arbeiten am Ostchor, da die Restaurierung der Portale auf späterhin verschoben wurde, ihren vorläufigen Abschluß, und die Hütte begann mit der Anfertigung der Werkstücke für die Wiederherstellung des Westgiebels, und zwar zunächst des nördlichen Teiles desselben.
Diese Arbeit füllte den Sommer und Herbst aus; es gelang, die Neuherstellung der Galerie (an Stelle der früher vorhandenen Ziegelbedachung) sowie des Eingangstürmchens und die übrigen Ausbesserungen dortselbst bis auf das Verfugen noch vor Winter zu Ende zu führen.
Nunmehr nahm die Hütte die Werkstücke für die Galerie sowie die Giebel und Pfeilerendigungen des nördlichen Seitenschiffes in Arbeit als Aufgabe für den Winter 1894/95.
Der Fachwerkaufbau für den Sängerchor am nördlichen Seitenschiff war anfangs des Jahres abgebrochen worden.
Die Bauleitung war während des ganzen Jahres mit den Vorbereitungen für die vorbeschriebenen Arbeiten der Hütte beschäftigt.
Außerdem wurden, nachdem im August am nördlichen Turm in der Höhe der Glockenstube feste Gerüste aufgeschlagen waren, die nun zugänglich gewordenen Teile des Turmes, deren große Schadhaftigkeit früher schon festgestellt worden war, vermessen und zeichnerisch dargestellt.
Mit Steinmetzmeister Göschel war ein neuer Vertrag für die weiteren Wiederherstellungsarbeiten im März abgeschlossen worden. Das Steinmaterial wurde seit dem Frühjahr ausschließlich aus den Brüchen von Wendelstein bezogen.
Im August beschloß der Bauausschuß, sowohl die Lattung wie die Ziegeldeckung des großen Ostchordaches auszubessern und eine Anzahl neuer Dachfenster anzubringen. Im Innern des Dachbodens wurden auf allen Balkenlagen bequeme Laufgänge hergerichtet und der Boden selbst oberhalb der Gewölbe mit einer neuen Bretterung versehen. Die beiden Dachendigungen waren bei dieser Gelegenheit genau nach den vorhandenen Resten zum Teil erneuert worden.
Am Schreyerschen Grabmale (Abb. 69) wurden im Herbst zwei neue Baldachine an Stelle der alten verwitterten eingesetzt; auch die Holzdecke dieses Vorbaues und das Kupferdach wurden neu hergestellt. Im April nahm der Kultusminister von den Arbeiten Einsicht. Um einen Überblick über die Art der Wiederherstellung in späterer Zeit zu ermöglichen, richtete die Bauleitung im Laufe des Jahres in dem unbenutzten Raume oberhalb der nördlichen Sakristei (der alten Schatzkammer) eine Sammlung von Modellen, Zeichnungen und Photographien ein, welche eine Ergänzung der bereits im Lapidarium bestehenden Sammlung bildet.
1895. Nachdem die Hütte im Winter 1894/1895 einen großen Teil der für den Ausbau des nördlichen Seitenschiffes nötigen Werkstücke hergestellt hatte, konnte im Frühjahr mit dem Versetzen, und zwar bei der Galerie zunächst dem Brauttor, begonnen werden (Abb. 39).
Von Joch zu Joch wurden Galerie und Pfeiler neu aufgestellt und jedesmal dahinter der neue Dachstuhl aufgerichtet. Bei dem letzteren war eine etwas umständliche Konstruktion erforderlich, weil trotz des nunmehr viel niedrigeren Daches unterhalb desselben der Durchgang vom Turm zur Sängerbühne erhalten werden mußte.
Mit dem Niedrigerlegen des Daches wurden endlich die romanischen Fenster des Mittelschiffes wieder frei, wodurch das letztere volles Licht erhielt und die schöne romanische Architektur im Innern zur Geltung gelangte.
Ein kleiner Aufenthalt ergab sich im Juli bei der Anschreibtür, weil die dort erforderliche besonders eingreifende Abbrucharbeit der beiden Portalpfeiler große Vorsicht bezüglich des Gewölbeschubes erheischte. Es wurde aller Gefahr durch eine vom Straßenboden aus aufgestellte eiserne Stützkonstruktion vorgebeugt.
Über die ehemalige Form der Galerie dieses Portales hatten glücklicherweise ein erhaltenes Gesimsstück und der Maßwerkanschluß Aufklärung gegeben.
Bis zum Eintritt des Winters wurden von den fünf Jochen vier fertiggestellt. Zugleich mit den Arbeiten an der Galerie waren auch die Maßwerke der Fenster (Abb. 21) einer gründlichen Ausbesserung zu unterziehen. Die Gerüste konnten nun bis zur halben Fensterhöhe fallen.
Der Deckung des Daches wurde besondere Sorgfalt zugewendet. Die so charakteristische Ziegeldeckung sollte beibehalten werden, aber bei der flachen Neigung erwies sich noch ein besonderer Schutz gegen eindringendes Wasser notwendig. Daher wurde das Dach zuerst mit verbleitem Eisenblech und hierauf erst mit Ziegeln gedeckt. Die Rinne wurde ähnlich wie am Ostchor gestaltet und aus Kupfer hergestellt.
Die Anfertigung der am nördlichen Seitenschiff zu erneuernden Statuen, welche nach den alten verwitterten und ergänzten Vorbildern genau kopiert wurden, übertrug der Bauausschuß zum Teil dem Bildhauer Leistner, zum Teil dem Steinmetzmeister Göschel. Der Kultusminister besuchte die Kirche im Januar.
Am 18. Mai erhielt sie den Besuch des Prinzen Ludwig von Bayern und am 30. Juli der beiden ältesten Söhne des Deutschen Kaisers.
Unterdessen hatte sich die Bauleitung mit den Plänen befaßt, welche zur Umgestaltung, beziehungsweise zum Aufbau des Treppentürmchens am nördlichen Turm erforderlich waren. Daneben wurde die südliche Sakristei in ihrem äußeren Mauerwerk restauriert, der Kamin derselben verändert und das Dach niedriger gelegt.
In den Bauausschußsitzungen war wiederholt die Frage der Beheizung der Kirche, zunächst allerdings ohne Ergebnis, besprochen worden.
Als die Versetzarbeiten des Frostes wegen eingestellt werden mußten, war die Hütte in die Winterarbeit — Wiederherstellung des letzten Joches des nördlichen Seitenschiffes, der Wimpergkränze, der beiden Pfeiler dortselbst und der Baldachine und Konsolen des Seitenschiffes — eingetreten. Auch für den nördlichen Turm wurden schon eine Anzahl Steine bearbeitet. Für das nächste Jahr wurden außer der Beendigung des nördlichen Seitenschiffes die Arbeiten am nördlichen Turm (Abb. 28) und am südlichen Westgiebel in Aussicht genommen.
1896. Da in diesem Jahre in Nürnberg die zweite bayerische Landesausstellung stattfand, wurden die Arbeiten am westlichen Joch sowie die Auswechslung von zwei Mittelteilen der Strebepfeiler zwischen Brauttor und Anschreibtür und schließlich die Wiederherstellung der Galerie über der letzteren so beschleunigt, daß beim Besuche des Prinzregenten Luitpold am 13. Mai das nördliche Seitenschiff bis auf den Magistratschor und das Treppentürmchen am nördlichen Turm von Gerüsten ganz befreit war.
Nun wurde zunächst das Treppentürmchen ausgebessert und um ein Stockwerk erhöht zur Ermöglichung eines Austrittes in die Dachrinne des Seitenschiffes. An Stelle der alten Backsteinpyramide trat ein steinerner Dachhelm mit Kreuzblume (Abb. 39).
Zugleich wurde im nördlichen Turm der Zugang zum Seitenschiff durch Anlage neuer Treppen und Fußböden verbessert und der Gang zur Sängerbühne durch eine Rabitzwand gegen den Dachraum abgeschlossen. Die Triforien erhielten neue Zugangstreppen.
Unterdessen hatte sich herausgestellt, da die Gerüste am Treppentürmchen eine genaue Untersuchung ermöglicht hatten, daß der Turm zu beiden Seiten seiner nordwestlichen Strebepfeiler 4–6 m lange und bis zu 5 cm breite Risse aufwies. Hier befanden sich zwei vermauerte, mit Rundbögen überdeckte ehemalige Öffnungen, welche in nordwestlicher Richtung einen Schub ausübten. Die den letzteren verursachende Belastung mag vergrößert worden sein durch die Erhöhung des Turmes in der gotischen Zeit, durch Glockengeläute und Winddruck. Obschon die offenbar schon alten Risse keine augenblickliche Gefahr mit sich brachten, war dringend nötig, weiteren Bewegungen Einhalt zu tun.
Es wurde daher eine doppelte eiserne Verschlauderung hergestellt, die das ausgewichene Turmeck umfaßte und im Innern die östliche und südliche Turmwand als Rückhalt benutzte.
Unterdessen war der sehr ruinöse Magistratschor (Abb. 40, 41) bis auf den Grund abgetragen worden und wurde ganz neu wieder hergestellt mit neuen Fenstermaßwerken — die alten fehlten vollständig — und einer nach gegebenen Anhaltspunkten erneuerten Galerie.
Das Dach hinter der letzteren wurde mit Kupfer gedeckt.
Die Hauptarbeit der Hütte für den Herbst und Winter bildeten die Friese, Gesimse und Maßwerke der nördlichen Turmgalerie (Abb. 29).
Diese Werkstücke waren meist sehr umfangreich, so daß die durch die Kündigung des Lagerplatzes an der Moritzkapelle hervorgerufene Beengung des Werkplatzes sehr unangenehm empfunden wurde.
Die Gerüste des Turmes waren wiederholt geprüft und zu größerer Sicherheit möglichst bequem eingerichtet, auch mit Sprachrohr und elektrischer Glocke versehen worden.
Gegen Ende November wurde mit der Abnahme der alten Galeriemaßwerke begonnen. Diese sowie die Reste des Magistratschores wurden der Stadt überlassen und fanden an der Stadtmauer beim Walchtor Aufstellung. Die meisten Statuen am nördlichen Seitenschiff und Brauttor sowie die überlebensgroße Thomaschristusstatue an der nördlichen Sakristei waren im Laufe des Jahres erneuert worden. Die Anbringung neuer Statuen Luthers und Melanchthons an der Anschreibtüre wurde beschlossen, ihre Herstellung jedoch auf das nächste Jahr verschoben. Auch sollten die Epitaphien und sonstigen Reliefs an der Kirchenwand teils ausgebessert, teils erneuert werden. Beim Eintritt des Winters waren die Hütte mit Herstellung der noch fehlenden Werkstücke für die Turmgalerie und die Modelleure mit Ergänzung der Reliefs beschäftigt.
Durch eine neue Kanalisation der Abfallrohre zum Hauptkanal auf der Nordseite wurde eine Verbesserung des Wasserablaufes hergestellt.
1897. Im Frühjahr konnte mit dem Versetzen an der nördlichen Turmgalerie begonnen werden. Ein Hindernis erwuchs durch eine vorhandene starke Verschlauderung der alten Gesimsstücke, welche während der Bauarbeiten in Funktion erhalten werden mußte, anderseits aber die Auswechselungsarbeiten sehr erschwerte. Es gelang durch eine besondere Art des Zusammengreifens der neuen Werkstücke die Schwierigkeit zu überwinden.
Ende Mai konnte schon mit Herstellung der breiten Kupferrinne begonnen werden. Dann wurden die durchbrochenen Brüstungen versetzt und die oberen Blattkonsolen der Bogenfriese teilweise erneuert. Im Juli begann die Abrüstung.
Zugleich mit dem Abrüsten fand eine umfangreiche Auswechselung von Werkstücken auf den vier Seiten des Turmes von der Galerie abwärts statt, so daß abgesehen vom Dachhelm der Turm Ende November frei von Gerüsten war. Die Restauration des Portals wurde, wie die der Portale überhaupt, auf später verschoben.
Die Bauhütte hatte schon seit dem Frühjahr Werkstücke zum Ausbau der Südseite des Querschiffsgiebels in Arbeit genommen.
Es handelte sich hier um Neuherstellung der Giebelabdeckung, eines Fensters, der Maßwerkgalerie und der Endigung des romanischen Strebepfeilers. Im Juli konnte mit dem Versetzen begonnen werden; im November war der ganze südliche Westgiebel wieder abgerüstet.
Zur Instandsetzung des mit Zinn gedeckten Dachhelmes des nördlichen Turmes wurde bereits im Sommer ein leichtes Gerüst gebaut, da ohne Gerüst über den Umfang der Ausbesserung kein Urteil gewonnen werden konnte. Der Zustand erwies sich als so mangelhaft, daß der Bauausschuß beschloß, die Deckung ganz zu erneuern. Zugleich sprach er sich aus historischen Gründen für Beibehaltung von Zinn als Deckungsmaterial aus. Dieser Beschluß wurde jedoch nochmals schwankend, als sich herausstellte, daß eine große Anzahl von Löchern im Zinn auf eine eigentümliche Art von Korrosion zurückzuführen war, die nach Ansicht von Sachverständigen durch den Einfluß großer Kälte entsteht und sich wie eine Infektion auf andere Zinnteile überträgt.
Die Entscheidung der Materialfrage wurde daher bis zum nächsten Frühjahre verschoben.
Im Oktober wurden die Glocken im nördlichen Turme, deren Geläute während der dortigen Bauarbeiten unterblieb, untersucht und ebenso wie die Glockenstühle ausgebessert.
Um beim Gerüstabbruch am nördlichen Turm das Holzwerk zur Wiederverwendung am südlichen Turm leicht transportieren zu können und für den Arbeitsbetrieb eine bequemere Verbindung zu erhalten, wurden im Sommer beide Türme durch eine hölzerne Brücke verbunden.
Über die Anlage einer Heizung der Kirche wurde im Bauausschuß im Laufe des Jahres wiederholt, jedoch ohne Erfolg beraten. Eine weitere Frage bildete die Restaurierung der wertvollen Glasmalereien. Vorderhand waren jedoch keine Mittel da, um dieser Aufgabe näher zu treten. Unterdessen hatte die Bauleitung alle Vorarbeiten gefertigt, damit die Hütte während des Winters die Werkstücke zur Restaurierung des südlichen Seitenschiffes herstellen konnte.
Am südlichen Turm und am Löffelholzchor wurden Gerüste aufgeschlagen (Abb. 32).
1898. Bei den Wiederherstellungsarbeiten am südlichen Seitenschiff handelte es sich zunächst um die Tieferlegung des Daches und die Instandsetzung der halbvermauerten Mittelschiffenster, ferner um die Neuherstellung der nur als Reste vorhandenen Strebepfeilerendungen, um Ersatz des unförmlichen den Blasbalg der Orgel enthaltenden Fachwerkaufbaues durch einen kleinen steinernen Aufbau sowie um einen neuen Steinhelm auf dem Treppentürmchen am Südturm, schließlich um Restaurierung der Fenstermaßwerke und des Portales.
Der größte Teil dieser Arbeiten konnte im Laufe des Jahres vollendet werden. Im Frühjahre wurden die Mittelschiffenster ausgebrochen, im Juli mit dem Aufschlagen des neuen Dachstuhles beim Orgelaufbau begonnen.
Eine Verzögerung trat jedoch ein, als sich herausstellte, daß in früherer Zeit der Querschiffgiebel der Orgel wegen durch Ausbrüche so geschwächt worden war, daß mehrere handbreite Risse entstanden waren. Auch war der Steinverband in bedrohlicher Weise gelockert.
Die dem Absturz nahen Werksteine wurden durch eine Zementbacksteinwand unterfangen und der ganze Giebel durch zwei miteinander verbundene horizontale Schlaudern, die vom Mittelschiff bis zur Außenwand reichten, zusammengehalten. Im August wurde der Blasbalg in dem neuerrichteten Dachaufbau wieder hergestellt. Auch das Versetzen der neuen Pfeilerendigungen, Fialen und Riesen war vor Eintritt des Winters beendet.
In einer Ecke des Südturmes innerhalb des Mauerwerkes fand sich eine mit Schutt angefüllte Treppe, die vom Turm in die Gewölbezwickel des Mittelschiffes führte.
Zur Neuherstellung der Dachdeckung am nördlichen Turm hatte der Bauausschuß sich unterdessen für die Verwendung von reinem Zinn ausgesprochen. Bei der im Mai begonnenen Abdeckung des alten Zinns zeigte sich, daß mehrere Hölzer des Dachstuhles angefault waren und ausgewechselt werden mußten.
Im Juni konnte die neue Holzverschalung aufgebracht werden. Die Neudeckung des Helmes, welche Flaschnermeister Orelli ausführte, war bis zum Herbst vollendet.
Auch die Wetterfahne hat derselbe nach dem Muster der alten, die verrostet war, neu hergestellt.