Das alte Zinn wurde um den Preis von 3700 Mk. verkauft.
Die nördliche Sakristei bot, feucht, halbfinster und vielfach vergittert, einen sehr unangenehmen Aufenthalt. Es wurden daher im März und April die Fenster verbreitert, die Gitter teilweise entfernt und der Fußboden ausgehoben und betoniert.
Die Modellkammer war mit der Herstellung von ornamentalen Modellen auch in diesem Jahre beschäftigt. Daneben wurden in derselben die Statuen der Jungfrauen vom Brauttor, welche sich bei dieser Gelegenheit als ehemals polychromiert erwiesen, instand gesetzt und eine derselben an Stelle eines vorhandenen alten Gipsabgusses neu gefertigt.
Dem Bildhauer Leistner wurden die Statuen Luthers und Melanchthons, welche das Portal am nördlichen Seitenschiff zieren sollten, in Auftrag gegeben.
Die Rüstung des Südturmes wurde bis zur Galerie beendet, so daß die Bauleitung noch vor Jahresschluß mit den Aufnahmen dortselbst beginnen konnte.
Schließlich sei noch erwähnt, daß innerhalb des Nordturmes größtenteils neue hölzerne Treppenläufe und unterhalb der Glocken eine Holzabdachung hergestellt wurde. Im südlichen Seitenschiff erhielten die Triforien ähnlich wie auf der Nordseite Verbindungstreppen zum Dachraum.
Beim Eintritt des Winters war die Werkhütte, deren Bestand infolge der mangelnden Mittel verringert worden war, mit den Werksteinen für den Helm des südlichen Treppenturmes beschäftigt.
1899. Die vorhandene kleine Anzahl von Steinmetzen fertigte den Winter über neben den für das südliche Seitenschiff noch fehlenden Werkstücken die Werksteine zur Restaurierung des Brauttores (Taf. IV).
Bei letzterem handelte es sich nicht nur um Auswechselung der beiderseitigen Postamentprofilierungen unter den Jungfrauenstatuen, sondern auch um Neuherstellung fast aller Baldachine. Auch das durchbrochene zierliche Maßwerk mußte in seinem Hauptteile erneuert werden.
Die Statuen Maria (Abb. 42) und Sebaldus waren schon früher in Kalkstein erneuert worden und standen zum Versetzen bereit.
Bei der in Verbindung mit der Restaurierung stattfindenden Reinigung stellte sich heraus, daß der größte Teil des Portales ursprünglich polychromiert war.
Außer an den Jungfrauenstatuen sind die Spuren hauptsächlich an der Christusfigur und an den Wappen noch sichtbar.
Das steinerne Dach wurde mit Kupferplatten überdeckt, und Ende Juli wurde nach Entfernung der Gerüste das restaurierte Portal dem Verkehr wieder übergeben.
Die noch ausstehenden Auswechselungsarbeiten am südlichen Seitenschiff, an den Mittelteilen der Pfeiler, den Fensterbögen und den Fenstermaßwerken sowie dem Portale nahmen die Arbeit einiger Steinmetzen bis in den Herbst in Anspruch.
Bei der Reinigung des südlichen Seitenschiffportales fand sich auch hier eine gut erkennbare, ehemals gewiß glänzende Polychromie vor. Selbst die Säulen waren mit einem bewegten Linienornament geschmückt.
Das Portal erhielt ein neues Kupferdach. Auch die kupfernen Dachrinnen und der Kehlanschluß am Südturme wurden vervollständigt, so daß im Herbst das südliche Seitenschiff bis auf die Erneuerung des westlichen modernen Fenstermaßwerkes und der Kaff- und Sockelgesimse fertiggestellt war.
Im März konnten schon nach den bis dahin fertiggestellten Zeichnungen die Steine für die Galerie des Südturmes bestellt werden; allein die Lieferung aus den in einen neuen Besitz übergegangenen Wendelsteiner Brüchen ging nur sehr langsam von statten. Die Zahl der Steinmetzen war im Juli auf 25 Mann erhöht worden. Ihre Arbeit bildeten die 78 großen Werkstücke der 3 Gesimsschichten an der südlichen Turmgalerie, die bis zum Ende des Jahres nahezu vollendet wurden.
Im Juli wurde das im Nordturm unterhalb der Glocken hergestellte Holzdach mit Zinn verkleidet. Auf Veranlassung und mit den Mitteln des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg wurde im November durch die Bauhütte im Ostchor eine Nachgrabung nach den Fundamenten der östlichen Hälfte der alten romanischen Kirchenanlage vorgenommen.
Vor der Türe der südlichen Sakristei gezogene Gräben legten bald die Grundmauer der südlichen Querschiffapsis bloß. Bei der Aufgrabung zwischen Sebaldusgrab und Hochaltar fanden sich Grundmauern der Hauptapsis, welche die Reste einer Mensa enthielt und den kleeblattförmigen Abschluß einer zweischiffigen Krypta bildete.
Um bei der durch Zeit und Mittel beschränkten Aufgrabung ein möglichst vollkommenes Ergebnis zu erzielen, wurden die Gräben auf die Südseite beschränkt, hier aber um so gründlicher hergestellt. Auf diese Weise konnte die ganze Längsmauer der sich bis zu den Vierungspfeilern hinziehenden Krypta aufgedeckt werden, wobei auch die aus den Schiffen hinabführenden Treppen sichtbar wurden. Von den Ergebnissen dieser Aufdeckungen wurden durch die Bauleitung Vermessungen, Aufzeichnungen und ein plastisches Modell hergestellt, welch letzteres in der Modellsammlung der Kirche seinen Platz fand (Taf. II u. III, Abb. 1).
Die aufgedeckten Mauerteile waren vor dem Zuschütten auf Einladung des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg von einer großen Zahl von Sachverständigen und Interessenten besichtigt worden.
Gegen Ende des Jahres begann die Hütte mit der Herstellung der durchbrochenen Brüstungsstücke der Galerie für den Südturm.
1900. Im Frühjahr 1900 konnte mit dem Versetzen der Gesimsstücke und der Galerie am südlichen Turm begonnen werden. Die Arbeit ließ sich nur auswechslungsweise vornehmen, wobei die in der Mauer liegenden vier Schlaudern, die übrigens unter sich nicht verbunden waren, eine Erschwerung bildeten. Am Turmaufbau oberhalb der Galerie mußten auf allen vier Seiten eine große Anzahl von Werkstücken, Bogenfriese, Gesimsstücke, Fenstergewände und auch glatte Quadern wegen der vorhandenen großen Verwitterung erneuert werden.
Beim kupfernen Dachhelm, dessen Blechtafeln von sehr ungleicher Stärke waren, fand sich der Verband gelockert, das Blech durchlöchert und sehr beschädigt vor, so daß eine gründliche Reparatur unter Verwendung einer größeren Anzahl neuer Platten erforderlich wurde; auch der Blitzableiter und die Wetterfahne kamen zur Ausbesserung.
Am südlichen Seitenschiff wurde in das westliche große Fenster ein neues Maßwerk eingesetzt. Das alte war erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Verbindung mit dem Abbruch der damals im Innern der Kirche befindlichen Mesnerwohnung zur Ausführung gelangt, aber in den unverstandenen Formen der damaligen Zeit. Außerdem wurden in der zweiten Jahreshälfte nach den unterdessen ausgearbeiteten Plänen die für die Erneuerung des Dreikönigschores erforderlichen Werkstücke in Arbeit genommen und im Laufe des Jahres zum größten Teil fertig gestellt.
Die Instandsetzung des Kaffgesimses und der Sockelpartien am südlichen Seitenschiff mußte jedoch, weil diese Wände mit Schuppen, Werksteinen und Gerüsthölzern verstellt waren, auf spätere Zeit verschoben werden.
Nachforschungen nach einem ehemaligen inneren Eingang zur Westchorkrypta hatten keinen Erfolg.
1901. Die nächste Aufgabe des Jahres bestand in der Weiterführung der Arbeiten am südlichen Turm.
Es stellten sich — wie so oft — die Schäden an den Fenstern der Glockenstube als viel schlimmer heraus, als bisher angenommen war. Die freistehenden Mittelpfeiler der Fensteröffnungen zeigten sich auf der Nord- und Westseite vollständig zerrissen, so daß ein Herausnehmen derselben und ein Ersatz durch neue Pfeiler unabweislich war. Die Wegnahme einer solchen Stütze in einer Höhe von 40 m über der Erde und bei den in einem vielhundertjährigen Mauerwerk nicht mit absoluter Sicherheit festzustellenden Druck- und Schubverhältnissen erforderte natürlich große Vorsicht.
Nach eingehenden Beratungen auch im Bauausschuß wurde beschlossen, vor der Herausnahme der Pfeiler die Fensteröffnungen provisorisch zu vermauern.
Mit Hilfe dieses zwar nicht billigen, jedoch in Hinsicht auf den Zweck verhältnismäßig einfachen und dabei sicheren Mittels ging die Auswechslung ohne Störung vonstatten, so daß Mitte Juli der letzte Stein der provisorischen Ausmauerung wieder entfernt werden konnte. Das nordöstliche Turmeck, welches in der Kämpferhöhe des Mittelschiffes durch die schon früher aufgefundene Treppe in seinem Querschnitt bedenklich reduziert war, hatte vor diesen Arbeiten an der Glockenstube durch Ausmauerung die nötige Verstärkung erfahren.
Danach handelte es sich um die Wiederherstellung des oberen Teiles der beiden Strebepfeiler auf der Südseite des Turmes.
Bei dem westlichen dieser Pfeiler befand sich unter einem tief in die Mauer einbindenden und den oberen Teil des Pfeilers tragenden Baldachine ein überlebensgroßer Kruzifixus, der ebenso wie die Skulpturen an den Wimpergen der Pfeiler fast bis zur Unkenntlichkeit verwittert war. Der Kruzifixus wurde daher schon Anfang März heruntergenommen und in der Hütte erneuert.
Da der Baldachinstein aber unmöglich ohne Gefahr für den oberen Pfeiler in seiner ganzen Größe herausgebrochen werden konnte, so mußte er in einzelnen Stücken zum Teil in schwalbenschwanzförmigem Verbande ausgewechselt werden.
Auch der östliche Pfeiler erwies sich als so schlecht, daß er auf eine Höhe von 11 m vollständig abzubrechen und zu erneuern war, was besondere Rücksicht auf guten Verband mit dem Turmmauerwerk erforderte.
Im Oktober waren diese Arbeiten am Turme beendet, so daß die Gerüste, die auf mehreren durch die Fenster der Glockenstube laufenden Balken aufruhten, entfernt werden konnten.
Jetzt wurde auch das bisher eingestellte Geläute wieder in Tätigkeit gesetzt und die feststehende Feuerglocke, die als solche nicht mehr benutzt wurde, wieder läutbar gemacht.
Unterhalb der Glocken war ebenso wie auf dem Nordturm ein mit Zinn gedecktes Schutzdach zur Wasserabführung anzubringen.
Die hölzernen Treppenaufgänge im Innern des Turmes wurden verbessert.
Daneben hatte die Hütte anfangs Juni mit den Versetzarbeiten an dem ganz zu erneuernden Dreikönigschore begonnen. Er wurde mit einem neuen Kupferdach versehen und konnte nach Aufstellung der gleichfalls erneuerten Statuen im August abgerüstet und dem Gebrauch wieder übergeben werden.
Auch wurde den Sommer über das große Mittelschiffdach nach vorhergegangener Erneuerung der Lattung unter Ersatz vieler verwitterter Dachziegel umgedeckt.
Hieran schloß sich die Umdeckung des Daches auf dem Löffelholzchor, wobei durch eine Umänderung des Dachstuhles zwischen den beiden Türmen die dortigen Dachanschnitte verbessert wurden. Bei dieser Gelegenheit fand sich innerhalb des Dachraumes der Giebel zwischen Chor und Mittelschiff mit einem Bogenfries geschmückt vor, so daß anzunehmen ist, daß das Chordach früher unterhalb des Giebels anschloß. Rinne, Abfallrohre und Blitzableiter wurden auf diesen Dächern in Kupfer wieder erneuert.
Im Mittelschiff wurde auch der Dachstuhl selbst ausgebessert, der Schutt aus dem Gewölbezwickeln entfernt und der Boden gebrettert.
Eine im April angestellte Untersuchung des Löffelholzchores hatte ergeben, daß im Innern einzelne Steinstücke herunterzufallen drohten, so daß eine Absperrung für nötig gehalten wurde. Als im November mit unterdessen aufgestellten Gerüsten genauer untersucht werden konnte, ergab sich als Ursache eine Anzahl von Bewegungen, die in den fünf Seiten des Chorabschlusses stattgefunden hatten. Nach Wegnahme des auf den Gewölben lastenden Schuttes ließen sich vom Hauptgesims bis zum Erdboden laufende Risse verfolgen, deren Breite bis zu 10 cm betrug.
Eine alte hölzerne Verschlauderung fand sich denn auch auf dem Engelschor, hatte sich aber als ganz unzureichend erwiesen.
Daher beschloß der Bauausschuß, im Innern eine neue radiale und im Äußern zwei Ringschlaudern von Eisen anzubringen, jedoch so, daß dieselben äußerlich nicht sichtbar sein sollten.
Im übrigen waren für die Instandsetzung des Löffelholzchores bereits eine Anzahl von Werkstücken fertiggestellt. Die Versetzarbeiten sollten aber erst im nächsten Jahre beginnen.
Von den an der Kirche befindlichen Grabdenkmälern wurden im laufenden Jahre mehrere erneuert.
Dem Stadtmagistrat wurden eine Anzahl interessanter Steinstücke vom Dreikönigschor und der südlichen Turmgalerie zur Aufstellung an der Stadtmauer überlassen.
1902. Das neue Jahr wurde in der Hauptsache durch die Wiederherstellung des Löffelholzchores in Anspruch genommen.
Im Innern wurden die Risse gereinigt und ausgemauert sowie eine große Zahl zersprengter Werkstücke erneuert. Im Frühjahr konnten die Gerüste wieder entfernt werden, doch blieb die Instandsetzung der unteren Wandflächen, an denen des Gestühles wegen viele Gesimse abgeschlagen waren, ebenso wie die des Engelchores der späteren Innenrestauration vorbehalten.
Auch im Äußern begannen im Frühjahr die Versetzarbeiten. Trotzdem viele Werkstücke schon im Winter fertiggestellt waren, konnte die benötigte Anzahl nicht mehr in diesem Jahre bearbeitet werden.
Während der Versetzarbeiten fand auch die Verlegung der Schlaudern statt. Zunächst wurden die beiden Ringschlaudern oberhalb und unterhalb der Engelschorfenster, welche aus einzelnen mit Bolzen verbundenen Eisengliedern bestanden, in die Mauer eingelegt und mit Steinplatten verkleidet. Auf der Nord- wie auf der Südseite fanden die Schlaudern ihren Halt in den starken Turmmauern.
Danach wurde die Radialschlauder in der Fußbodenhöhe des Engelschores verlegt. Diese, welche aus einzelnen Gabelschlaudern bestand, die die Ecken des Chores faßten und sich in der Mitte vereinigten, fand ebenfalls ihren Halt in den Turmmauern.
Die äußere Wiederherstellung des Westchores nahm dann ihren Fortgang und war bis zum Ende des Jahres bis zur Höhe des ehernen Kruzifixus fortgeschritten.
Am südlichen Seitenschiff waren noch die Arbeiten vom Kaffgesims ab zu vollenden. Die Schuppen und Gerüste, welche dies bisher verhindert hatten, wurden im Juni abgebrochen, so daß auch diese Arbeiten und daneben die Herstellung neuer kupferner Abfallrohre und einer neuen Kanalisation zu Ende geführt werden konnten.
In Verbindung damit wurde auch der untere Teil der Südseite des südlichen Turmes in Stand gesetzt. Doch zeigten sich hier wieder bedenkliche Risse, welche die Anbringung einer größeren (übrigens zum Teil im Äußeren sichtbaren) Schlauder erforderlich machten; größte Vorsicht war bei den Auswechslungsarbeiten geboten. Diese Arbeit währte bis in den Dezember hinein.
Das Relief „Mariä Verkündigung“, bisher am Nordturme, wurde an die nördliche Sakristei versetzt.
Da nun bald mit der Wiederherstellung des Innern der Sebalduskirche begonnen werden sollte, nahm Professor von Hauberrisser mit Rücksicht auf die hierbei erforderliche ununterbrochene Anwesenheit des leitenden Architekten Veranlassung, der Kirchenverwaltung vorzuschlagen, den mit ihm bestehenden Vertrag zu lösen und denselben vom 1. Januar 1903 ab für alle weiteren Arbeiten mit dem Unterzeichneten abzuschließen, was geschah.
1903. In diesem Jahre fand zunächst die Beendigung der Auswechslungsarbeiten am unteren Teile des Westchores statt, die von der Höhe des Kaffgesimses an bisher noch zurückgeblieben waren.
Der bestehende Eingang in die Krypta, dessen reich profilierte Umrahmung aus dem 19. Jahrhundert stammte, wurde durch Wegmeißeln der stillosen Profile vereinfacht. Das Gleiche geschah mit der Türe, die reiche pseudoromanische Bänder aus dünnem Blech zeigte.
Am südlichen sowohl wie am nördlichen Turm harrten noch die romanischen Portale der Restaurierung (Abb. 15, 16, 17, 18). Bei beiden Portalen, die ohne organische Verbindung mit dem eigentlichen Baukörper der Kirche sind, waren die Bogensteine nicht eigentlich verwittert, aber an den Kanten bei den Stoßfugen stark verletzt, die Kapitäle teils schlecht erneuert, teils fast ganz unkenntlich geworden und auch die Säulenschäfte in schlechtem Zustand.
Wegen der unterdessen bei der Innenrestaurierung aufgedeckten Schäden am nördlichen Turm mußte jedoch die Restaurierung des dortigen Portales, damit der Turm nicht gleichzeitig an mehreren Stellen durch Ausbrüche geschwächt würde, vorläufig zurückgestellt werden.
Im April wurde mit den Versetzarbeiten am südlichen Portal begonnen. Im November war dasselbe erst vollendet.
Die Hütte war hauptsächlich mit der Innenrestaurierung beschäftigt, daher waren für die äußeren Arbeiten weniger Steinmetzen tätig als bisher.
1904. Die Aufgabe, welche für das letzte Baujahr der äußeren Wiederherstellung noch verblieb, bestand in der Restaurierung des nördlichen Turmportals und des unteren rings um die Kirche laufenden Sockels, der viele Schäden zeigte und in früheren Jahren wohl oft, aber niemals gründlich ausgebessert worden war.
Die Restaurierung am nördlichen Turmportale wurde im März begonnen und fand in der gleichen Weise wie am Südturm statt. Sie war im Juni vollendet.
Dann begannen die Ausbesserungen des Sockels, der besonders am Ostchor eine große Anzahl neuer Quadern und sorgfältiges Ausstopfen der vielen ohne Mörtel vorgefundenen Lagerfugen erforderte.
Mit dem Ende des Jahres war auch diese Arbeit beendet und die Restaurierung konnte als abgeschlossen gelten. Die Hütte wurde nunmehr im ganzen Umfange für die Zwecke der Innenrestaurierung verwendet.
Daher mußte auch die Regulierung der Umgebung der Kirche auf der West- und Südseite, die besonders einer Verbesserung bedürfte, vorläufig zurückbleiben.
Die Bausammlung der Kirche, zu welcher der Anfang schon im Jahre 1889 durch Aufbewahrung der aufgefundenen Reste der Ostchorgalerie gemacht worden war, hat im Laufe der Jahre einen ziemlichen Umfang angenommen; sie enthält nicht nur von fast allen Teilen der Außenfassaden in einzelnen Stücken die hauptsächlichsten Originalreste, welche für die Wiederherstellung maßgebend gewesen sind, sondern auch eine große Anzahl von Modellen und mancherlei Fundstücke.
Die Hauptpläne der Restaurierung überwies Professor von Hauberrisser dem städtischen Archiv. Die große Zahl der gefertigten Detail- und Werkpläne sind jedoch gleichfalls der Sammlung einverleibt. Diese selbst ist an zwei getrennten Orten untergebracht: zum Teil in der Westchorkrypta (Abb. 139), zum anderen Teil im Obergeschoß der nördlichen Sakristei.
Von den Mitgliedern des Bauauschusses war im Laufe der Jahre Magistratsrat Tauber gestorben und Fabrikbesitzer von Forster und Ingenieur Rupprecht wegen Wohnungswechsels ausgetreten. Die Lücken wurden ergänzt durch Kommerzienrat Liebel, an dessen Stelle später Magistratsrat Häberlein trat, ferner durch Großhändler und kgl. Handelsrichter Heerdegen und Fabrikbesitzer Thäter.
In der Vorstandschaft der Kirchenverwaltung war Stadtpfarrer und Dekan Heller durch Stadtpfarrer Lotholz abgelöst worden. Seit dessen Erkrankung führt Stadtpfarrer Schiller den Vorsitz.
Stadtpfarrer Lotholz ist unterdessen gestorben, Kirchenrat Heller [† 1907] steht heute der Restaurierung der Schwesterkirche St. Lorenz vor.
Für die Beschaffung der Mittel, welche abgesehen von drei Lotterien aus den namhaften Unterstützungen seitens deutscher Fürsten, dann der Stadt und vieler kunstsinniger Familien und anderer Personen flossen, war der Verein für die Restaurierung der Sebalduskirche tätig, in dessen Vorstandschaft Justizrat Freiherr von Kreß, Justizrat Vollhardt und Kommerzienrat Schwanhäußer die Verwaltung führten unter dem Vorsitze des Kirchenrates Michahelles, des eifrigsten Freundes und Förderers des ganzen Wiederherstellungswerkes.
Nürnberg, den 31. Dezember 1904.Prof. J. Schmitz, Architekt.
Bei einem Besuche der Sebalduskirche wird sogleich die Verschiedenartigkeit der baulichen Anlage ins Auge fallen. Denn die noch bestehenden Teile der engen romanischen Basilika bilden einen großen Gegensatz zum weiten gotischen Hallenchor: es mangelt daher die Einheitlichkeit der Raumwirkung. Auch in der formalen Detailausbildung kommt jede der beiden Hauptbauperioden charakteristisch zur Erscheinung, doch verleiht dies der Kirche neben dem kunstgeschichtlichen Interesse einen außerordentlichen malerischen Reiz. Erhöht wurde dieser noch durch die Fülle von wertvollen Kunstwerken, mit denen die folgenden Jahrhunderte die Kirche schmückten.
Schon die Gotik hat ein Dekorationsmotiv ihrer Art in den romanischen Bau hineingetragen, indem sie, abgesehen von anderem statuarischem Schmuck, an den Pfeilern des Mittelschiffes unter Baldachinen zwölf Apostelstatuen anbrachte. Daneben wurde, wie sich im Laufe der Restauration erwiesen hat, in jener Zeit fast die ganze Kirche an Wänden und Gewölben mit einer einheitlichen Polychromie versehen, die an verschiedenen Stellen durch figürliche Darstellungen eine Steigerung erfuhr.
Das 15. und 16. Jahrhundert haben sodann eine Reihe weiterer Schmuckstücke an kostbaren Bildwerken, Epitaphien und Einrichtungsgegenständen hinzugefügt, welche der Verehrung des Kirchenpatrons, den gottesdienstlichen Zwecken und dem Gedächtnisse der Patrizierfamilien, die hier ihre Grabstätten besaßen, ihre Entstehung verdanken.
Tafel XI.
see captionRomanisches Dienstkapitäl des Mittelschiffes mit später angesetztem gotischen Baldachin.
In der Barockzeit ging freilich von der mittelalterlichen Erscheinung vieles — unter anderm durch Übertünchung die farbige Wirkung des Innern — verloren. Auch die hauptsächlichsten Mobiliarstücke wurden entfernt. Es entstand ein anderes Bild durch die Errichtung eines neuen mächtigen Hauptaltares, neuer Seitenaltäre, einer neuen Kanzel und hölzerner Emporen, welch letztere, zum Teil an den Wänden des Mittelschiffes angebracht und von den Triforien aus zugänglich, das Mittelschiff noch mehr einengten und verfinsterten.
Tafel XII.
see captionStatue des Apostels Johannes im Mittelschiff.
Engelsstatue von der Volckamerschen Verkündigung mit Baldachin und Konsole.
C. Heideloff, einem Hauptvertreter mittelalterlicher Romantik in der Architektur des 19. Jahrhunderts, blieb es vorbehalten, die Kirche von barocken Zutaten zu purifizieren, den Hauptaltar und einen Teil der Emporen zu entfernen und an Stelle des ersteren ein Werk eigener Erfindung aufzustellen. Bei der Orgel und beim Stuhlwerk schienen ihm Änderungen unerläßlich. Auch sonst wurde den noch vorhandenen nachmittelalterlichen Kunstwerken in dieser Zeit eine besondere Wertschätzung nicht zuteil. Die neugotische Kanzel entstand an Stelle der barocken als ein gemeinsames Werk von Heideloff und A. Kreling.
Nunmehr sollte im Anschlusse an die 1888–1902 stattgehabte Restauration des Äußeren, die bereits durch Freilegung der Mittelschiffenster der Kirche eine größere Lichtzufuhr gebracht hatte, auch eine Instandsetzung des Innern der Sebalduskirche erfolgen. Mit der Leitung derselben betraute die Verwaltung des Vereinigten Protestantischen Kirchenvermögens auf Empfehlung Prof. von Hauberrissers den Unterzeichneten und schloß einen diesbezüglichen Vertrag am 12. Dezember 1902 mit ihm.
Niemand war darüber im Zweifel, daß es sich um eine umfangreiche und mehrjährige Arbeit handle, denn der Zustand der Kirche war ein sehr bedauernswerter. Die in den letzten Jahrhunderten ganz vernachlässigten Altäre, Statuen und sonstigen wertvollen Bildwerke waren zum guten Teil zerbrochen und ihres Schmuckes beraubt. Die Vergoldungen und die farbigen Gewänder der Statuen fanden sich dick mit weißer Ölfarbe überstrichen. Wertvolle Holzornamente sowie zierliche Eisenteile des 15. Jahrhunderts lagen mit Unrat vermengt in offenen Schränken und Kästen; dazwischen Stoffteile von alten gewebten und gestickten Paramenten. Schon vor einigen Jahren hatte Kirchenrat Michahelles, dem die Abstellung solcher Mängel sehr am Herzen lag, durch Prof. von Hauberrisser einen 4 m breiten neuen Schrank herstellen lassen und in diesem die vorhandenen kostbaren Gobelins, nachdem ein Verzeichnis derselben angefertigt worden war, unter sicheren Verschluß gebracht. Zur gleichen Zeit gelang es dem Unterzeichneten noch eben, aus einem zur Abfuhr bestimmten Schutthaufen ein steinernes Relief, die Auferweckung des Lazarus, dem Anschein nach von Veit Stoß, zu retten.
Die Wände der ganzen Kirche zeigten eine gleichmäßige Tünchung in zwei Tönen: gelblich und violett. Die Hunderte von Totenschildern, welche die Kirche ehemals schmückten, waren bei einer beim Übergang Nürnbergs an Bayern stattgehabten „Säuberung“ hinausgeschafft und zum Teil den betreffenden Familien zurückgegeben worden. Daß unter der geschmacklosen Tünchung mittelalterliche Malereien verborgen seien, die der Auferstehung harrten, mußte jedem mit der mittelalterlichen Kunst Vertrauten zweifellos scheinen.
So wurde denn am 1. Januar 1903 mit den Arbeiten begonnen und zunächst, um während der Restaurierung den Gottesdienst möglichst wenig zu beeinträchtigen, die basilikale westliche Kirchenhälfte vom Ostchor, in welchem der Gottesdienst stattfinden sollte, durch eine Holzwand getrennt. Durch das Baugeschäft von G. Goll & Söhne erfolgte sodann die Einrüstung der Kirche, und zwar des Mittelschiffes und der Seitenschiffe des Löffelholzchores und der Turmhallen vom Boden bis zum Gewölbe. Von den Gemälden wurden die nachfolgenden zur kgl. Gemäldegalerie nach Augsburg gesendet, um dort von Konservator A. Mayer teils gereinigt und aufgefrischt, teils restauriert zu werden: Die Flügeltafeln des Löffelholzaltares (des Schreines und der Predella) (Abb. 43), die drei Tafelbilder im Löffelholzchor, die Tafel Mariä Krönung, der Hallersche Altar, die Geburt Christi (von 1478) und die Auferweckung des Lazarus von Ruprecht oberhalb der Nordtüre. Die übrigen kleineren Bildwerke und Skulpturen wurden in die Arbeitsräume der Bauhütte gebracht, während die größeren an Ort und Stelle vorläufig durch Einpackungen vor dem zu erwartenden Baustaub zu schützen waren.
Nunmehr wurde vorsichtig mit dem Abschaben und Abklopfen der Tünche begonnen. Schon bald zeigten sich an den Gewölben, und zwar an den Rippen und Schlußsteinen, Spuren von Polychromie, und es dauerte nicht lange, bis das System der ehemaligen Bemalung des Kircheninnern klar gestellt werden konnte. Zwei verschiedene Arten der letzteren waren zu unterscheiden. Eine einfache Quaderbemalung in zwei Tönen (grau und rot) im Löffelholzchore, dessen Gewölbefelder außerdem einen gemalten Steinverband aufweisen, sowie die vorgefundene schwärzliche Tönung einzelner Gesimse und besonders der Säulenschäfte — ein Anklang an die Verwendung von Schiefer bei den rheinischen Bauten — dürfte als noch zur romanischen Bauperiode gehörig anzusprechen sein. Andererseits muß die in schwarz, rot, gelb und blau hergestellte Bemalung der Rippen im Mittel- und Seitenschiff (Taf. IX) und die Polychromie der Statuen und ihre teppichartigen Hintergründe (Taf. VII) dem 14. und 15. Jahrhundert zugewiesen werden. Für die vorgefundene Bemalung erscheint der Umstand bemerkenswert, daß ein einheitliches starres System nicht aufdringlich zutage tritt; vielmehr bietet eine je nach Gelegenheit und Veranlassung stattgehabte farbige Ausschmückung einzelner Teile der Kirche ein ungemein abwechslungsreiches und malerisches Bild.
Erhöht wurde dieser Reiz durch die figürlichen Wandmalereien, welche an verschiedenen Stellen aufgedeckt wurden. Von diesen sei zunächst eine Figur des Christophorus erwähnt, welche in Riesengröße fast die ganze Wandfläche des südlichen Turmes innerhalb des dortigen Seitenschiffes bedeckt. Oberhalb derselben zeigen sich Reste einer noch früher vorhanden gewesenen und gut erkennbaren Christophorusdarstellung, vermischt mit Fragmenten eines ebenfalls an der gleichen Stelle bestandenen Veronikatuches mit dem Christuskopf, welches von Engeln gehalten wird. An einem südlichen Pfeiler des Mittelschiffes fand sich ein Gemälde, den Tod Mariä darstellend, das ehemals die Rückwand eines Altares dortselbst gebildet haben dürfte. Darüber Reste von kleineren Gemälden. An einem anderen Pfeiler beim Dreikönigsportal wurde ein weiteres Gemälde, die sogenannte Gregoriusmesse, aufgedeckt. An den Brüstungen der Empore im nördlichen Seitenschiff konnten nach Entfernung einer braunen Farbschicht hübsch gemalte Maßwerke und reiche Wappen der Patrizierfamilien, welche dort heute noch ihren Sitz haben, bloßgelegt werden.
Mußte auf der einen Seite als Vandalismus empfunden werden, wie frühere Zeiten einer so kunst- und geschmackvollen Bemalung gegenüber durch rücksichtslose Übertünchungen verfahren waren, so erforderte andererseits die Stellung, welche dem nunmehrigen Befunde gegenüber einzunehmen war, Überlegung und Vorsicht.
Das farbenfreudige Mittelalter hat diese Bemalungen offenbar in frischer lebhafter Wirkung hergestellt und an dieser keinen Anstoß genommen, während unser heutiges Farbenempfinden dem gegenüber ein ganz verändertes ist. Gerade die zarte Wirkung, welche die durch Tünchung und Wiederaufschabung in ihrer Kraft gedämpften Bemalungen aufwiesen, bot einen außerordentlichen Reiz, und die Gesamtwirkung war trotz der verschiedenen Zeiten, aus denen diese stammten, von durchaus harmonischer Einheitlichkeit. Der Respekt vor der Kunst der Alten machte außerdem größte Zurückhaltung bezüglich etwaiger Erneuerungen und gleichmäßige Fürsorge für alle alten Funde — ob sie nun aus dem Mittelalter oder der Rokokozeit stammten — zur Pflicht. Unter diesen Umständen trachtete der Unterzeichnete darnach, die Malereien in ihren vorhandenen Resten und Spuren auf das gewissenhafteste festzustellen und die Restaurierung in der alten Technik lediglich auf die Ergänzung der fehlenden, mit Sicherheit zu bestimmenden Teile zu beschränken, wobei auf die Erhaltung der beschriebenen allgemeinen malerischen Stimmung sorgfältig Rücksicht genommen werden sollte.
Zur Ausführung solcher eigenartiger Arbeiten waren geeignete Kräfte in Nürnberg nicht vorhanden. Es wurde daher der als trefflicher Meister in seinem Fach bekannte Vergolder und Faßmaler Franz Ruedorfer, beziehungsweise die Firma Barth & Cie. in München, welcher er angehört, mit diesen Arbeiten betraut. Ruedorfer, der wiederholt selbst anwesend war, sandte eine Anzahl Gehilfen, die seine Schule genossen hatten und die sich, teils in Bemalung, teils in Modellieren, Formen und Gießen geschickt, im Laufe der ganzen Restaurierung als willige Hülfskräfte erwiesen.
Die Abschabung der Tünche und die an einzelnen Stellen erforderliche Wegnahme des Verputzes hatte aber außer der Feststellung der alten Bemalung leider eine im höchsten Grade bedauerliche Entdeckung zur Folge. Es zeigten sich nämlich bauliche, den Kern des Mauerwerkes betreffende Schäden, welche von niemand bei der Inangriffnahme der Restaurierung erwartet worden waren. Zunächst war dies beim nördlichen Turm der Fall. Da, wo an der Ostseite des Turmes die später hinausgerückte Außenwand des nördlichen Seitenschiffes früher angebaut war, trat das innere Brockenmauerwerk ohne schützende Quaderverblendung zutage. Die romanischen Mauern bestehen an St. Sebald durchweg aus einer beiderseitigen Quaderverblendung; deren innerer Zwischenraum mit zum Teil sehr mangelhaftem Brockenmauerwerk ausgefüllt ist. Es zeigte sich ferner in dieser Ostmauer des Turmes oberhalb des Spitzbogens der vermauerte Zugang zu einem Treppenhause, welches sich in seiner ungefähren Lage aus dem Vorhandensein eines kleinen Fensters und eigenartiger vermauerter Öffnungen im linken Gaden des Turmes annähernd bestimmen ließ. Da dieses Treppenhaus innerhalb der Mauer lag, so war diese infolge des mangelnden Verbandes selbst bei einer nachträglichen Ausmauerung geschwächt und hatte der Belastung nicht standhalten können. Daher waren zahlreiche bis zu 12 cm breit klaffende Risse entstanden. Schleuniges Eingreifen tat not, war aber um so schwieriger, als vorerst keine sichere Kenntnis darüber bestand, ob das Treppenhaus ausgemauert oder noch hohl war. Einbrüche vorzunehmen, um hierüber Auskunft zu erhalten, erschien wegen der damit verbundenen Gefahr unmöglich. So konnte nur mit vorsichtigen Bohrungen und mit in diese eingeführter künstlicher Beleuchtung des 1·50 m starken Mauerinnern festgestellt werden, daß der Treppenraum mit schlechtem Brockenmauerwerk teils ausgemauert, teils nur zugeschüttet worden war. Bei den vorhandenen außerordentlich großen Belastungen ein wenig tröstliches Ergebnis.
Der Arbeitsplan wurde nun, wie folgt, entworfen. Zunächst war der Spitzbogen zwischen Turm und Seitenschiff mit starken Rundholzstämmen auszubolzen und darüber eine eiserne Verschlauderung anzubringen, sodann wurde in die nur mangelhaft zusammenhängende Turmmauer eine Öffnung von der Größe weniger Backsteine eingebrochen und mit harten Backsteinen in Zementmörtel wieder vermauert. Durch Wiederholung dieser Arbeit gelang es, einen horizontalen, etwa 50 cm hohen Streifen von Backsteinmauerwerk einzubringen, der innerhalb der Mauer etwa wie ein eingesetzter fester Balken wirken mußte. Solche Streifen wurden in Abständen von 50 cm sechs untereinander eingebracht, und sodann die noch bestehenden Zwischenteile durch Quadermauerwerk — natürlich kam jedesmal nur ein Quader zur Vermauerung — ausgewechselt. Hernach gelang es durch vorsichtige Einbrüche in das Treppenhaus selbst auch hier den größten Teil des schlechten Mauerwerkes nach und nach durch gutes tragfähiges Zementmauerwerk zu ersetzen.
Auch in der südlichen Wand des nördlichen Turmes zeigten sich in der Höhe des Engelchores verschiedene Treppenläufe innerhalb der Mauer, welche nicht vermauert, sondern vollständig hohl waren. Daneben fanden sich andere, vielleicht zur Aufnahme von Holzbalken bestimmte verborgene Höhlungen, welche den Querschnitt der Mauern verringerten. Es erwies sich somit, daß die romanischen Türme viele Treppenaufgänge innerhalb der Mauer besaßen, und daß man beim Aufbau des 75 m hohen nördlichen Turmes in der gotischen Zeit auf die durch die Hohlräume geschwächten Mauern unbedenklich weiter gebaut hatte. Den infolgedessen aufgetretenen Verschiebungen des Mauerwerkes war zum Teil schon bei der Außenrestaurierung durch starke Verschlauderungen entgegengearbeitet worden, ohne daß damals jedoch die Ursache schon in ihrem ganzen Umfang bekannt gewesen wäre.
Beim südlichen Turm haben die angestellten Untersuchungen eine beim gotischen Aufbau vorgenommene Verbesserung des romanischen Unterbaues ergeben.
So bedauerlich es nun im archäologischen Interesse auch war, so mußte doch der bestehenden Schäden wegen eine Einmauerung von Pfeilern und teilweise eine ganze Ausmauerung bei den hohlen Treppenräumen ausgeführt werden. Übrigens hat in jedem Falle eine genaue geometrische und, wo dies möglich war, auch photographische Aufnahme des Befundes stattgefunden.
Als noch ernster erwies sich die Lage bei den beiden romanischen Vierungspfeilern, auf denen die Hauptlasten der Kirchenmauern ruhen. Während der Abnahme des Verputzes schon fiel ein auf der Westseite des nördlichen Pfeilers angebrachter, aber von der Mauer abgerissener und nur noch lose anhaftender steinerner Baldachin herab. Es ist als ein Glück zu betrachten, daß er nicht während des Gottesdienstes auf die Kirchenbesucher herabgestürzt war. Dieser Pfeiler war im übrigen auf allen vier Seiten durch und durch zerrissen. Da im Innern nur schlechtes Brockenmauerwerk zu erwarten war und die großen Mauerlasten (etwa 620.000 kg) lediglich auf den zerborstenen Außenquadern ruhten, so mußte schleunige Abhilfe getroffen werden, wenn man nicht mit einer Katastrophe rechnen wollte, denn der Zusammenbruch des Pfeilers mußte den Einsturz der nördlichen Hälfte der ganzen Mauerwand und des Giebels zwischen Ostchor und Basilika sowie der anstoßenden Gewölbe zur Folge haben.
Die Ursachen, aus denen ein so bedrohlicher Zustand erwachsen war, sind verschiedener Art. Zunächst ist zu bedenken, daß die Vierungspfeiler ursprüglich Tragpfeiler einer romanischen Gewölbeanlage waren, die beim Umbau der Kirche in der gotischen Zeit zum Teil abgebrochen wurde, so daß sich in der Beanspruchung der Pfeiler eine Verschiebung ergeben mußte. Damals sind vielleicht schon die ersten Deformationen entstanden.
Der Anbau des Ostchores und des großen Westgiebels desselben brachte sodann den Pfeilern neue Belastungen, während andererseits durch die Verbreiterung des Seitenschiffbogens und in der Barockzeit durch Einbrüche für Balken, Emporen und Stuhlwerk der Querschnitt der Pfeiler an verschiedenen Stellen weit über das zulässige Maß geschwächt und der Verband aufgehoben wurde. Ist aber einmal der Zusammenhang eines Mauerkörpers gelockert, so wird jede weitere Schädigung von um so schlimmeren Folgen sein. Man kann daher nur staunen über die sorglose Art, in der besonders die letzten Jahrhunderte das Bauwerk, welches schon durch die mittelalterlichen Umbauten die Einheitlichkeit der Konstruktion eingebüßt hatte, vernachlässigt haben.
Der südliche Pfeiler erwies sich dem äußeren Anschein nach als in besserer Verfassung, doch ließen bereits vorhandene Backsteinmauerungen und Verschlauderungen nichts Gutes vermuten. Immerhin war am meisten der nördliche Pfeiler gefährdet; auch die Behörden forderten aus Sicherheitsgründen eine Erneuerung des Pfeilers.
So hatten sich neben den künstlerischen Aufgaben noch Arbeiten ergeben, die in konstruktiver und technischer Beziehung große Anforderungen stellten und zudem außerordentliche Geldmittel erheischten. Als ein schätzbarer Berater der Bauleitung erwies sich bei diesen Arbeiten der Ingenieur Otto Weber, welcher bei der Lösung der mannigfaltigen technischen Fragen großen Anteil hatte. Aber auch Steinmetzmeister Johann Göschel, stets gewissenhaft und unermüdlich, hat sich den ihm gestellten Aufgaben auf das beste gewidmet.
Wie sollte der nördliche Pfeiler ausgewechselt werden? Von den wenigen Beispielen einer solchen Auswechslung in der neueren Geschichte der Technik schien die Auswechslung im Bremer Dom von Interesse. Allein eine Abstützung aller in Betracht kommenden Gewölbe- und Mauerlasten, wie sie dort stattgefunden hatte, war hier sowohl wegen der großen Höhe und Unsicherheit eines Holzgerüstes als auch wegen der Feuersgefahr und Kosten nicht zu empfehlen, denn die profilierten Bögen boten für die Abstützungen nur mangelhafte Angriffsflächen und bei einem Holzgerüst waren Setzungen nicht zu vermeiden. Wurden die Lasten aber etwa durch Eisenstützen wirklich abgefangen, so ergaben sich für die Fundierung der letzteren in dem von romanischen Grundmauern durchzogenen, aufgefüllten Chorboden neue Schwierigkeiten. Aus den Beratungen erwuchs schließlich der Plan, den ganzen geborstenen Pfeiler mit einer Armierung aus eisernen Trägern ringförmig zu umgeben (Abb. 44 und 45) und innerhalb dieser Ringe unter Beobachtung der größten Vorsicht einen Quaderstein nach dem anderen auszuwechseln; dabei sollte auch in den Mauerkern möglichst tief eingedrungen und dieser durch Ausmauern und Einspritzen von Zementmörtel verbessert werden.
Der Bauausschuß, der von allen Vorgängen unterrichtet war, beschloß, die Sicherung des Pfeilers durch die beabsichtigte Armierung sofort vornehmen zu lassen, die Erneuerung selbst aber erst in Verbindung mit der Restaurierung des Ostchores zu bewirken.
Die baulichen Arbeiten in der Westhälfte der Kirche waren damit noch nicht erschöpft. Die Triforien (Abb. 4) des Mittelschiffes zeigten sich ursprünglich konstruktiv korrekt zwischen den Tragpfeilern der Joche angelegt. Sie schwächten zwar die Schildmauern, jedoch an einer Stelle, wo dies ohne Nachteil geschehen konnte. Die eigentlichen Tragpfeiler waren massiv und wurden zum Teil durch äußere Strebebögen gestützt. Bei der im Anfang des 14. Jahrhunderts stattgehabten Erweiterung der Seitenschiffe wurden die Strebebögen aber abgebrochen, und als durch die Erhöhung der Gewölbe die Triforien vom Dachboden aus nicht mehr zugänglich waren, wurden die Tragpfeiler durchlöchert, um eine Verbindung der einzelnen Triforien untereinander sowohl wie mit den Gewölbetrichtern zu schaffen. Denn letztere ermöglichten durch hölzerne Treppen wieder einen schmalen Zugang zu dem höher gelegten Dachboden. Infolge dieser Durchbrüche war aber die Sicherheit der Konstruktion des Mittelschiffes wesentlich beeinträchtigt. Noch schlimmer wurde die Sachlage, als in der Barockzeit hölzerne Emporen, deren Balken große Löcher im Mauerwerk erforderten, aus den Triforien herausgebaut und aus den letzteren selbst zur Erzielung eines bequemen Zuganges viele Säulen und Bögen entfernt wurden. Bei dem im 19. Jahrhundert erfolgten Abbruch dieser Emporen hatte zwar ein Wiedereinsetzen dieser Säulen, aber ohne jedes Verständnis für die bestehenden Schäden in der sorglosesten Weise stattgefunden, so daß diese „Restaurierung“ nichts als eine oberflächliche Kaschierung war.