[152] S. abbiegen.

[153] Beschrenken bedeutet auch schließen (oder sperren) schlechthin sowie ver- od. zuschließen (daher b’schrenkt auch = verschlossen); dazu die Zus. anb’schrenke = anschließen und die Ableitg. Beschrenker = Schließer. Dagegen setzt zuschrenken = zuschließen ein einfaches schrenken = schließen voraus, das aber im Vokab. fehlt. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Schöll 272 (aufschrenken = aufmachen); Pfulld. J.-W.-B. 339, 344 (schränken = schließen, einschließen, aufschränken = eröffnen); Schwäb. Gaun.- und Kundenspr. 73 (Schränker = Hausdieb); Schwäb. Händlerspr. (in Lütz. [215]: schränke[n] = schließen, Schrenke = Tür, in U. [214]: abschränke[n] = verschließen). Zur Etymologie des zweifellos rein deutschen (mit „Schrank“ und „Schranke“ verwandten) Wortes schränken usw., das schon im Rotw. des 17. Jahrh. bekannt gewesen, s. d. Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 42, S. 73, 74 (unter „Schränker“).

[154] Das Zeitwort febere(n) (-ra) = schreiben oder beschreiben (daher gefebert = schriftlich) kommt noch vor in den Zus.: auf-, aus-, ein-, heraus-, nach-, nieder-, über-, unter- und vorfebern. Mit dem Stamm feber- sind gebildet die Subst. Feberschure = Bleistift (eigentl. „Schreibding“) und Feberklettert = Schreibtisch. Ableitungen sind: Feberer = Schreiber (dazu grandicher Feberer = Schriftgelehrter) und Feberei = Schrift oder (das) Schreiben. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.) Dolm. der Gaunerspr. 98 (febren und Febrer); W.-B. des Konst. Hans 254, 257 (febere und Feberer, ausfeberen = ausschreiben); Schöll 274 (febern = schreiben [in der Bettlerspr.]); Pfulld. J.-W.-B. 337, 341, 344 (hier ebenfalls febern, Feberer und ausfebern, ferner noch Feberei = Schreibzeug); Schwäb. Händlerspr. 480, 486 (fæ̂beren oder fêberen und Pfeberei = Brief). Vgl. auch Pfälz. Händlerspr. 437 (fêwere = schreiben). Zur Etymologie, die Fischer, Schwäb. W.-B. II, Sp. 996 als „unklar“ bezeichnet, s. Hypothesen (betr. nordischen Ursprungs) in Groß’ Archiv, Bd. 43, S. 64 ff. unter „Feberer“; vgl. dazu auch weiter unten über Fehma (unter „Hand“).

[155] Mit schallen = singen sind noch zusammengesetzt: nach- und vorschallen. Ableitungen: Schaller = Sänger (fem.: -erin, Zus.: Schallerfläderling = Singvogel, insbes. Amsel, Kanarienvogel) und Schallerei = Gesang. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 99 (schallen = singen); desgl. W.-B. des Konst. Hans 254 und Pfulld. J.-W.-B. 343 (hier [340, 342] auch: Schallen = Gesang und Schaller = Sänger); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 73, 74 (schallen, Schaller = Sänger, Schallerle = Organist, Schallerkasten = Kirche); Schwäb. Händlerspr. 483, 486 (schallen, Schaller, Duftschaller [d. h. „Kirchensänger“] = Lehrer). Zur Etymologie (von unserm deutsch. Zeitw. schallen) sowie über weitere Belege s. Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 42, S. 69-71; vgl. auch Weber-Günther, S. 180 u. 188.

[156] S. abgehen.

[157] Begeren bedeutet: sterben, umkommen, auch spezieller ersticken. Dazu das Partiz. begert = gestorben, verstorben (entleibt, entseelt, leblos, starr, tot) sowie die Negation begert nobis (eigtl. „stirbt nicht“) = unsterblich und die Zus. Begertflössling (d.h. „toter Fisch“) = Hering. Als Subst. gebraucht ist Begert = Leiche. Die dafür sonst im Rotwelsch vorkommende Vokabel Beger u. ähnl. (auch = Tod), das Stammwort für das Zeitw. begern (vgl. unter „Etymologie“), ist für sich allein in Wittichs Vokabular nicht angeführt, wohl aber sind damit (od. vielleicht auch bloß mit dem Stamme beger- des Zeitw. begeren) zahlreiche Zusammensetzgn. gebildet worden, so Begersins = Arzt (Doktor), auch bes. Wundarzt (u. dazu die Verbdg. schofler Begersins = Quacksalber), Begerschure = Gottesacker (Kirchhof), auch Grab, Gruft, Begerkies = Grabstein, Leichenstein, Begerfläderling = Käuzchen, Steineule (vgl. dazu betr. die Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr. schon „Vorbemerkung“, S. 18 sowie unter „Käuzchen“), Begerkitt = Krankenhaus (Siechenhaus, Spital) u. Leichenhaus (vgl. grandiche B. = Hospital, Lanenger B. = Lazarett, u. das Dim. Begerkittle = Sarg [s. dazu schon oben S. 44, Anm. 147 unter „Abort“]), Begergadscho od. Begerkaffer = Leichenbeschauer, letzteres auch Totengräber, Begersauft = Leichenbett (Sterbe-, Totenbett), Begermoss = Leichenfrau, Begerbikus = Leichenschmaus, Begerbochdam = Leichentuch, Begerkluft = Sterbekleid, Begersore = Totenbahre, Begerkritzler = Totenschein. Ableitungen (von begeren) sind: das Subst. Begerei = (das) Sterben, Krankheit, auch speziell Seuche, u. das Adj. begerisch = sterblich, krank (gebrechlich, leidend, unpäßlich) u. speziell lahm (daher: begerisch bosten = lahm gehen; vgl. ferner die Negat. nobis begerisch = wohl [gesund], die Verbdg. begerische Mufferei = Totengeruch u. die Zus. Begerischsauft = Krankenbett). Auch als Subst. wird Begerisch gebraucht = Siechtum oder spezieller: Epilepsie (Fallsucht), während grandich Begerisch die Schwindsucht bedeutet. Zu vergl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 95 (begerisch = krank, vgl. auch 98: begerisch gekeilt werden = hart geschlagen werden); Schöll 271, 273 (Beger = Tod, begern = sterben); Pfulld. J.-W.-B. 341, 345 (bäkeren = sterben, bägeret = gestorben, bäkeret = tot, Bäkerei = Krankheit, bäkerisch = krank, Bäkerischkitt = Krankenhaus); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 67, 72, 76 (begern = sterben od. krank sein [hierfür auch bechern], abgebegert = gestorben, Begerer = Arzt, Begerwinde = Krankenhaus); Schwäb. Händlerspr. 486, 487 (bêkeren = sterben [vgl. in Pfedelb. (213): bägert u. beechert = gestorben], bêkerisch [in Pfedelb. (213): beecherisch] = sterbenskrank, todkrank, Bêkerwinde = Spital). Zur Etymologie (vom hebr. peger = „Leichnam“) sowie über weitere Belege im Rotw. s. Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 42, S. 69 u. Anm. 1 (unter „Begerschaberer“) vbd. mit Bd. 43, S. 29 (unter „Pöckerer“). Vgl. auch noch Fischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 576 vbd. mit Sp. 363/64 (unter „auf-bägere[n]“).

[158] Mit bugle (-la) od. buk(e)le(n) (-la) = tragen, bringen, holen (Spr.) finden sich noch die Zusammensetzungen: fortbugla = fortbringen, forttragen, herausbukla = heraustragen, mitbukle = mitbringen, umher-, wegbukle = umhertragen, wegtragen sowie die Verbindung schiebes bukle = davontragen. Ableitungen sind: die Subst. Bukler (in der Zus. Kritzlerbukler = Briefträger, Postbote) u. Buklete = Last, Traglast. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 100 (buckeln = tragen); Schöll 272 (buklen); Pfulld. J.-W.-B. 345 (ebenso); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 76 (buckeln); Schwäb. Händlerspr. (in Pfedelb. [213] bukeln, in Lütz. [215] buckle[n]). Zur Etymologie (vom deutsch. Buckel od. Puckel) sowie über weitere rotw. Belege s. Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 47, S. 209 u. Anm. 2. Vgl. auch Fischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1504 (mit weiteren Angaben).

[159] Mit pfladere(n) (-ra) = waschen (auch: baden, ferner putzen, reinigen, säubern, wischen) sind noch zusammengesetzt: auf- u. auspfladere(n) (-ra) = auf- u. auswaschen (ausspülen). Mit dem Stamme pflader- zusammenges. Hauptwörter sind Pfladerschottel = Waschbecken, Pfladersore = Wäsche, Pfladermoss = Wäscherin, Pfladerkitt = Waschhaus, Pfladerflu(h)te = Waschwasser. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 89, 91, 101 (Fladerei = Wäsche, Fladerer = „Balbierer“, Doktor); Pfulld. J.-W.-B. 343, 346 (fladeren = waschen, Flader-Schury = Schermesser); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 77 (flattern = waschen); Schwäb. Händlerspr. 488 (pfladere); vgl. auch Pleißlen der Killertaler 435 (fladere[n]) u. Metzer Jenisch 207 (flādere). Zur (nicht ganz sichern) Etymologie sowie über weitere rotw. Belege s. Groß’ Archiv, Bd. 42, S. 44, 45 u. Anm. 1, 2. — Fischer, Schwäb. W.-B. II, Sp. 1537 gibt keine Erklärung.

[160] S. Abort.

[161] S. abbiegen.

[162] Mit pfreimen (-ma) = bezahlen (zahlen), vergüten ist noch zusammenges. auspfreimen = auszahlen; als Subst. gebraucht: Pfreimen = Steuern. Ableitung: Pfreimerei = Zahlung (Sold, Verdienst). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Pfulld. J.-W.-B. 337, 338, 346 (pfräumen = auszahlen, bezahlen, zahlen); Schwäb. Händlerspr. 479, 488 (pfreimen = bezahlen, zahlen). Zur Etymologie: Nach Fischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1078 ist pfreimen wohl nur eine Nebenform von bereimen (s. darüber das Näh. weiter unten unter „bezahlen“), wozu die (z. B. bei Karmayer 17 vorkommende) Form bepreimen (vgl. Groß’ Archiv, B. 33, S. 305, Anm. 3, lit. a) den Übergang zu vermitteln scheint.

[163] Mit zaine[n] (od. zeine[n]) = bezahlen (zahlen) sind noch zus. an- u. auszeine[n] (-na). Als Subst. gebraucht ist Zeine = Zahlung. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): W.-B. des Konst. Hans 259 (zainen = zahlen); Schwäb. Händlerspr. in U. [214]: zaine[n]= bezahlen). Die Etymologie ist unklar.

[164] S. abbiegen.

[165] Grandicher Flederling heißt wörtlich „großer Vogel“, während grandich Flederling = Storch, eigentlich wohl durch „größter Vogel“ (d. h. der in Deutschland bekannte größte Vogel) wiederzugeben sein dürfte mit Rücksicht auf das, was Wittich an anderer Stelle (s. unter „Bischof“) über den Gebrauch von grandich (im Gegensatz zu grandicher) als Superlativ im Jenischen ausgeführt hat (vgl. dazu auch schon „Vorbemerkung“, S. 17, Anm. 42 u. Näh. noch in m. Anm. zu „Bischof“). — Mit Flederling (od. Fläderling) schlechthin werden auch einzelne Vogelarten bezeichnet, so die Elster, der Kuckuck, der Star und die Taube (vgl. dazu „Vorbemerkung“, S. 16). Aber auch manche Zusammensetzungen mit dem Worte finden sich sowohl für bestimmte Gattungen von Vögeln (s. Schallerflederling = Singvogel, Flu[h]teflederling = Wasservogel) als auch für einzelne Arten. So kommt Schallerflederling auch spezieller für die Amsel und den Kanarienvogel und Flu(h)teflederling für die Bachstelze (als e. Art Übersetzung) vor (neben der Bezeichng. jenischer Flederling, worüber das Näh. noch weiter unten bei „Bachstelze“); vgl. ferner: Stämpfflederling (eigtl. „der schimpfende Vogel“) = Elster (s. d. betr. Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr.), Leile- od. Ratteflederling (d. h. „Nachtvogel“) = Eule (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeunerspr., vgl. auch oben S. 37, Anm. 127), Begerflederling (d. h. „Totenvogel“) = Käuzchen, Steineule (vgl. dazu schon oben S. 98, Anm. 157), Schmuserflederling (d. h. „der sprechende Vogel“) = Papagei (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeunerspr., vgl. auch schon „Vorbemerkung“, S. 18), Dofeflederling (d. h. „der schöne Vogel“) = Pfau (s. d. betr. Analogie im Zigeun., vgl. auch „Vorbemerkung“, S. 18, Anm. 47), Schofeleiflederling (d. h. „Unglücksvogel“) = Rabe (vgl. „Vorbemerkg.“, S. 19, Anm. 49) u. Furschetflederling (d. h. „Gabelvogel“) = Schwalbe (nach deren gabelförmigem Schwanze; s. betr. die Übereinstimmg. mit d. Zigeun. unter „Schwalbe“). Beachtenswert ist, daß Flederling in gewiss. Zus. auch für andere Tiere (Insekten) vorkommt, so in Kupferflederling = Heuschrecke und Schundflederling = Mistkäfer. Seltener sind endlich Zus., in denen das Wort vorangesetzt ist, so: Flederlingskitt = Vogelbauer, Fl.-bäzeme = Vogeleier, Fl.-nolle = Vogelnapf u. Fl.-schnellen = Vogelschießen. — Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 101 (Fletterling = Vogel); Schwäb. Händlerspr. 488 (Fläterling = Vogel [in Pfedelb. (213): Flätterling auch spezieller = Taube, wozu noch bemerkt sei, daß gerade diese engere Bedeutg. im alten Rotw. zuerst vorkommt; s. z. B. Hildb. W.-B. 1753ff (227) u. Rotw. Gramm. n. 1755 (18. u. D.-R. 47)]). Seiner Etymologie nach gehört das Wort natürlich zu „flattern“; s. Günther, Rotwelsch, S. 60 vbd. mit Fischer, Schwäb. W.-B. II, Sp. 1545 (unter „Flätterling“). —

Das (in der Verbindg. grandich[er] Flederling enthaltene) Adj. grandich (oder grandig) hat außer der häufigsten und allgemeinsten Bedeutung „groß“ noch folgende: bedeutend, begütert, dick, erwachsen, gewichtig, hoch, hochherzig, lang, mächtig, prächtig, reich, viel, voll, vorzüglich, endlich auch noch „wütend“ (doch geht es in diesem Sinne wahrscheinl. auf einen anderen Stamm zurück; s. d. Näh. unten bei der „Etymologie“ a. E.); mit vorgesetzter Verneinung (nobis grandich) ist es = wenig, winzig, als Adverb gebraucht bedeutet es: oft (häufig), als Subst. (Grandich): Gewalt, Höhe. Der Komporat. grandicher kommt nicht nur für „größer“, sondern auch für „mehr“ („mehrfach“, „vielmals“) vor. In Verbindungn. erscheint grandich: a) zuweilen mit einem Zeitw., so grandiche pflanzen (eigtl. etwa „den Großen spielen“) = hoffärtig (aufgeblasen, stolz, übermütig) sein (wogegen grandicher pflanzen nur durch „verlängern“ wiedergegeben ist), viel häufiger aber natürlich: b) mit Hauptwörtern, und zwar in d. R. (und nicht selten in unmittelbarem Anschluß an die Zigeunersprache) als umschreibender Ersatz für Begriffe, für die es im Jenischen keine besonderen selbständigen Bezeichnungen gibt (vgl. „Vorbemerkung“, S. 17ff.), so α) für Sachen im weit. S. (einschl. z. B. Gebäude u. dergl.): grandiche Jahre- od. Krachersäftling (d. h. „große Waldtraube“) = Ananas, grandiche Duft (d. h. „große Kirche“) = Dom (s. d. betr. d. Zigeun.), grandicher Kies (d. h. „großer Stein“) = Felsen (s. d. betr. d. Zigeun.), auch Quaderstein, grandiche Kitt (d. h. „großes Haus“) = Hof, grandiche Kolbekitt (d. h. „großes Pfarrhaus“) = Kloster (s. d. betr. d. Zigeun.), grandiche Schoflerei (d. h. „großes Gericht“) = Kreis- (Land-, Kriminal-) Gericht (s. betr. d. Zigeun. unter „Kreis-“ u. „Kriminalgericht“), grandicher Sins-Obermann (d. h. etwa „des großen Herrn- [des Landesherrn] Hut“) = Krone (s. d. betr. d. Zigeun.), grandiche Lobekitt (d. h. „großes Geldhaus“) = Münze, Münzwerkstätte, grandiche Hegerle (d. h. „große Knödel“) = Nudeln, grandiche Kaflerkitt (d. h. „großes Metzgerhaus“) = Schlachthaus, grandiche Schrende (d. h. „große Stube“) = Saal (s. d. betr. d. Zigeun.), grandicher Spraus (d. h. „großes [langes] Holz“) = Stange (s. d. betr. Analog. im Zigeun.); ferner β) auch für — mehr od. weniger — abstrakte Begriffe; so: grandich Flu(h)te (d. h. „großes“ [od. größtes] Wasser) = Meer (vgl. schon oben S. 36, Anm. 126), grandich Ulma (d. h. „viele Leute“) = Menge, grandich Lanenger („viele Soldaten“) = Heer (s. d. betr. d. Zigeun.), ferner grandicher Funk (d. h. „großes Feuer“) = Feuersbrunst (s. d. betr. d. Zigeun.), grandich Bogelo (d. h. „großer Hunger“) = Heißhunger, grandich Begerisch (d. h. „großes [schweres] Siechtum“) = Schwindsucht, grandich Schure od. Sore (d. h. „viele Dinge“) = Reichtum, Überfluß, Vermögen; sodann γ) für Tiere: so (außer grandich[er] Flederling noch); grandiche Gachne (d. h. „großes Huhn“) = Hahn, grandich Jerusalemsfreund (d. h. „großes Schaf [Hammel]“) = Schafbock, grandich Babing od. Strohbuzer (d. h. „große Gans“) = Schwan (s. d. betr. d. Zigeun.); endlich δ) für Menschen, und zwar: aa) nach deren Eigenschaften, wie grandicher Kaffer (d. h. „großer Mann“) = Riese (s. d. betr. d. Zigeun.) bezw. nobis grandicher Kaffer = Zwerg; zu vgl. auch die (wohl als partes pro toto für die Personen selbst gebräuchl.) Bezeichngn. grandicher Rande = Dickbauch, grandicher Ki(e)bes = Dickkopf oder Starrkopf u. grandicher Giel (Grandichergiel) = Großmaul (wobei noch zu erwähnen, daß solche Verbindungen auch als Adjektive gebraucht vorkommen, s. z. B. grandicher Rande = beleibt, wohlbeleibt, bes. auch schwanger, trächtig, grandicher Muffer = großnasig; vgl. auch grandich Sore (s. oben) = vermögend; bb) nach dem Stande od. Beruf, wie z. B. grandicher Sins (d. h. „großer Herr“) = Amtmann, Richter (s. d. betr. d. Zigeun.), aber auch Fürst, Herrscher u. dgl. m. (s. d. betr. d. Zigeun.), grandicher Feberer (d. h. „großer Schreiber“) = Schriftgelehrter u. a. m. Auf die weiteren Beispiele dieser Art ist — um Wiederholungen zu vermeiden — ausführlicher erst in der Anm. zu dem Worte „Bischof“ eingegangen, da dort Wittichs Bemerkung über die in seinem Jenisch eigentümliche Art steht, die Steigerung von Rangstufen durch Hinzufügung von grandicher (als Komparativ) u. grandich (als Superlativ) vorzunehmen (vgl. S. 101). Als bloße wörtl. Übersetzungen unserer deutsch. Bezeichnungen erscheinen natürlich Grandicher-Patres u. Grandichemamere = Großvater, -mutter. — Zu vgl. betr. grandich (aus dem verw. Quellenkr.): W.-B. des Konst. Hans 256, 259 (grandig = gewaltig, stark); Schöll 271 (grandig = groß, stark, viel); Pfulld. J.-W.-B. 339, 340, 342, 344, 345 (grandig = groß, grandiger Kanoffer od. Gschor = „Erzdieb“, grandiges Schuberle od. Balderle = Gespenst, grandig Flotte = Meer, grandige Kehr = Schloß [Gebäude], grandige Duft [od. Kangeri (aus dem Zigeun.)] = Tempel); Schwäb. Händlerspr. 481 (grandig = groß); auch dem Metzer Jenisch (216) bekannt. Der Etymologie nach geht das (schon zu Beginn des 17. Jahrh. im Rotw. auftretende) Wort wohl unmittelbar auf roman. Ursprung, und zwar noch eher auf das italien. grande als auf das französ. grand, zurück. S. Näh. in Groß’ Archiv Bd. 38, S. 270 (unter „Sens“) u. dazu noch Weber-Günther, S. 173 (unter „garant“) sowie Fischer, Schwäb. W.-B. III, Sp. 790. Nur in dem Sinne „wütend“ — wozu das bes. in der bayr. Mundart allgemeiner gebräuchl. grandig = „mürrisch, verdrießlich, übel aufgelegt“ u. dergl. zu vergleichen ist — dürfte es wohl auf einen anderen Stamm zurückgehen. S. dazu d. Näh. bei Fischer, a. a. O. unter u. zu „grandig“, Nr. 2, c verbd. mit Schmeller, Bayer. W.-B. I, Sp. 1003 (unter „Grand“) sowie Sp. 999 (unter „grennen“).

[166] S. abbiegen.

[167] Über die Adj. ni(e)sich, nillich od. nuschich s. d. Näh. schon oben unter „aberwitzig“. Giel bedeutet: Maul (Schnauze), Mund (Lippe), dann auch allgemeiner (gleichsam als pars pro toto) Gesicht, Miene, Signalement (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeunerspr.). Andere Zus. bzw. Verbdgn. mit Giel sind noch Grandichergiel = Großmaul (s. dazu schon oben S. 100, Anm. 165), Schmusichergiel = Plappermaul sowie oberkünftiger Giel (d. h. eigtl. etwa „Obermaul“) = Gaumen (s. d. betr. Übereinstimmg. m. d. Zig., vgl. auch „Vorbemerkung“, S. 17). Vielleicht dürften als Ableitungen von Giel auch das Zeitw. giele(n) (-la) = (sich) erbrechen, übergeben (auch als Subst. gebr.) u. das Adj. gielerich = übel („zum Übergeben [Erbrechen] schlecht“ [Spr.]) betrachtet werden. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Pfulld. J.-W.-B. 338, 342, 345 (Giel = Maul, gillen = erbrechen, speien); Schwäb. Händlerspr. 4841 (Gîl = Mund). Der Etymologie nach gehört das (als rotw. schon im Lib. Vagat. [54] bekannte) Wort zu dem bereits mhd. giel = „Maul, Rachen, Schlund“ (s. Lexer, Mhd. Hand-W.-B. I, Sp. 1011; vgl. auch Schmeller, Bayer. W.-B. I, Sp. 892), bildet also „einen der nicht häufigen Fälle der Erhaltung von Archaismen im Rotwelsch“ (so: Fischer, Schwäb. W.-B. III, Sp. 651; vgl. auch schon Wagner bei Herrig, S. 207 u. Behaghel in d. Z. der Allg. Deutsch. Sprachver. Jahrg. 1905, Sp. 158). Das Zeitw. gil(l)en = erbrechen usw. hat Fischer, a. a. O., Sp. 658 — freilich nur mit einen Fragezeichen — zu dem hebr. gilla = „enthüllen“ in Beziehung gesetzt.

[168] Als eine Zus. mit Bos = After (Hinterer) könnte vielleicht aufgefaßt werden Boslem = Exkremente (das wäre dann eigtl. — da Lehm auch im Wittich’schen Vokabular für „Brot“ vorkommt — soviel wie „Afterbrot“). Ebenso scheint ein gewisser Zusammenhang vorzuliegen zwischen Bos u. dem Zeitw. bosen od. bosme = lecken, zu dem möglicherweise die Redensart jann’ mei Bos = „leck mich (im A....)“ (s. d. W.-B.) den Übergang gebildet hat. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 74 (Bos = Podex [ganze Hinterseite]); Schwäb. Händlerspr. 485 (Boß = Podex; vgl. dazu noch in Pfedelb. [211]: muff mei Boß = „l. m. i. A.“). Die Etymologie ist unsicher. Fischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1303 hat das hebr. bōš = „sich schämen“ herangezogen, jedoch nur mit einem Fragezeichen. Weniger gesucht erscheint es m. E., in Bos zu erblicken nur eine Abkürzung (nach Art der sog. Aphärese) von der Zusammensetzg. Schundbos u. ä. (wörtl. etwa „Kothaus“, zu Schund = Kot u. dgl. [s. oben S. 41, Anm. 139] u. Bos = Haus, älterer rotw. Form für Bais u. ä., aus dem gleichbed. hebr. bajit [vgl. Archiv, Bd. 38, S. 221, Anm. 1]), die sich zu Anfang des 19. Jahrh. in einzelnen Sammlungen der Gaunerspr. als Bezeichnung für den „Hinteren“ findet (so z. B. bei Karmayer 150 [neben Schandbus (138)]; vgl. Pfister 1812 [303: Schonnboos] u. v. Grolman 58 u. 63 u. T.-G. 101 [Schonboos u. Schandbus od. -buß]).

[169] S. Abort.

[170] Dieselbe Ausdrucksweise haben auch die Zigeuner (s. Liebich, S. 139 u. 174: hakko bersch [d. h. „jedes Jahr“] = alljährlich). — Jane od. Jahne = Jahr findet sich auch noch in den Verbdgn. voriges Ja(h)ne = vorjährig u. nobis dofs Ja(h)ne (d. h. eigtl. „kein gutes Jahr“) = Mißjahr (s. d. betr. d. Zigeunerspr.) u. in den Zus. Ja(h)neschei = Jahrestag u. Neuja(h)ne = Neujahr (Spr). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 94 (Jone = Jahr, daher Jone Gschok = Jahrmarkt); W.-B. des Konst. Hans 257, 259 (Jane = Jahr, Jann = Jahre); Pfulld. J.-W.-B. 341 (Jane = Jahr). Die Etymologie bleibt zweifelhaft. Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 74 hat hingewiesen teils auf Jam = Tag (in der Form Jäm[m]chen = Jahr [s. dazu schon oben „Einleitg.“, S. 26, Anm. 70]), teils auf das hebr. schānā, jüd. schōnō = Jahr, das auch in die Gaunerspr. eingedrungen ist (s. z. B. schon Christensen 1814 [322: Schone], u. dann öfter bis zur Neuzeit [vgl. A.-L. 603 u. Groß 492 (Schono, -num), Rabben 121 u. Ostwald 137 (Schone, -num)]). Jedoch erscheint es vielleicht am einfachsten, auch hier (gleichwie möglicherweise ja bei Jäm[m]chen) nur eine absichtliche Entstellung des Auslauts von „Jahr“ anzunehmen.

[171] Auch diese Umschreibung ist bei den Zigeunern gebräuchlich (s. Liebich, S. 139 u. 174: hakko diwes [d. h. „jeden Tag“] = alltäglich). — Das jenische Schei (od. Schein) = Tag (wofür früher Jamm gebräuchlich gewesen [vgl. oben „Einltg.“, S. 26, Anm. 70]), hat noch verschiedene Nebenbedeutungen, so: Helle (auch als Adj. gebr. = hell), Licht (Wachslicht, Kerze), Fackel (Wachsfackel), Ampel, Lampe, Laterne u. endlich Fenster. Mehrere dieser Bedeutungen begegnen auch in den Zusammensetzungen mit dem Worte, so: a) = Tag (nur ans Ende gestellt) in: Nilliche-(Ni[e]siche- od. Nuschiche-)schei = Fastnacht (vgl. oben S. 39, Anm. 132), Ja(h)neschei = Jahrestag (vgl. oben Anmerkg. 170), Bäzemeschei (eigtl. „Eiertag“) = Karfreitag (s. d. betr. Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr., vgl. auch „Vorbemerkung“, S. 18), Brandlengschei (eigtl. „Kuchentag“) = Kirchweihe, Flössleschei = Regentag, Bossertschei (eigtl. „Fleischtag“) = Sonntag (vgl. schon oben S. 31, Anm. 119); b) = Licht (od. Lampe): α) vorangestellt: in Scheischure (eigtl. „Licht- [od. Lampen-] Ding“) = Docht u. Scheinpflanzer = Lichtzieher; β) ans Ende gestellt: in Schuberleschein (d. h. „Gespensterlicht“) = Irrlicht (s. d. betr. die Zigeunerspr.), Leileschei(n) = Nachtlicht, dann aber auch Mond u. Stern (vgl. dazu schon oben S. 37, Anm. 127); c) = Fenster: in Scheiglansert = Fensterglas. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): W.-B. des Konst. Hans 255, (Schaispringer = „Diebe, die bei Tag stehlen“); übereinstimmend damit in der Bedeutg.: Scheinspringer bei Schöll 269, 270 u. im Pfulld. J.-W.-B. 345 (vgl. hier [339] auch noch Prenzenschein = Feiertag, während Scheinohne Zusatz — [337] so viel wie „Auge“ bedeutet); Schwäb. Händlerspr. 487 vbd. mit 479, 480, 483 (Schein = Tag, Nebenbedtgn.: Auge, Fenster, Licht; vgl. in Pfedelb. [214]: Bichschein = Zahltag). In den übrigen rotw. Quellen findet sich Schein für „Tag“ (abges. von der oben erwähnten Zus.) m. Wiss. zuerst bei Schintermicherl 1807 (288), für „Auge“ zuerst bei Pfister bei Christensen 1814 (328), dagegen schon im Basl. Glossar v. 1733 (201) für „Glas“. Aus den Krämerspr. vgl. noch: Pfälz. Händlerspr. 438 (Schainche = Auge, Fenster, Lampe), Metzer Jenisch 216 (Scheinche = Augen), u. Winterfeld. Hausierspr. 441 (Scheincher = Fenster). Der Etymologie nach gehört das Wort wohl zweifelsohne zu unserem gemeinsprachl. Schein (in dem ursprünglichsten Sinne von „ins Auge fallende Helle“, mhd. schîn, ahd. scîn = „Glanz, Helligkeit, Sichtbarkeit“ usw. (s. Weigand, W.-B. II, Sp. 690/91); vgl. auch A.-L. 597. Über das stammverwandte Scheinling = Auge s. das Näh. unter „Augapfel“.

[172] Dieselbe Umschreibung kennt auch die Zigeunersprache; s. Liebich, S. 145 u. 174 (mangamáskero lowo, d. h. eigtl. „Bettelgeld“ = Almosen). — Betr. Dercher- s. das Näh. unter „abbetteln“. Das jenische Bich = Geld (Geldstück, Kupfergeld), Münze, dann auch Barschaft, Gehalt (Sold), Summe kommt in mancherlei Zusammensetzgn. vor, so a) am Anfang stehend: α) für Personen: in Bichsins = Bankier, aber auch Münzmeister, u. Bichschenegler = Münzarbeiter (auch wohl Bichpflanzer, argum.: Bichpflanzerskitt = Münzwerkstätte, vgl. auch noch die Umschreibg. nobis dufter Bichpflanzer [d. h. eigtl. „kein guter Geldmacher“] = Falschmünzer); β) für Sachen: Bichkitt = Bankhaus, Bichschure = Geldkasse od. -kasten, Bichrande = Geldsack; b) ans Ende gesetzt: (außer in Dercherbich noch) in Stradebich = Chausseegeld (Pflaster-, Wegegeld), Schenagelsbich = (Arbeits-) Lohn, Duftbicht (eigtl. „Kirchengeld“) = Opfergeld, Kritzlerbich = Papiergeld. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): nur Schwäb. Händlerspr. 481 (Bich, Pich od. Spich = Geld; dazu [in Pfedelb. (214): Bichschein = Zahltag]); die Pfälz. Händlerspr. 438 hat die Form Pech. Über sonstige Belege im Rotwelsch usw. (wo die Form Pich od. Picht — neben Bicht — vorwiegt) sowie die (nicht sichere) Etymologie des Wortes s. Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 33, S. 279, 280 u. Anm. 1 u. 2 (im Anschluß an A.-L. 583 [unter „Pich“]). — Fischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1094 gibt keine Erklärung.

[173] Auch hiermit (wie schon in der „Vorbemerkung“ S. 18 erwähnt) sachlich übereinstimmend die Zigeunerspr.; s. Liebich, S. 174 (tschutschĭnéngĕri dai, d. h. „die Brustmutter“ = Amme; doch wird dai dabei auch wohl weggelassen [s. S. 166, vgl. auch Finck, S. 93]). Das jenische Wort Schwächerle = Brust (bes. Weiberbrust), bei Tieren = Euter (daher Horbogen-, Trabert-, Groenikelsschwächerle = Kuh-, Pferdeeuter, Schweinezitzen), dann auch = Herz, geht zurück auf das Zeitw. schwächen = trinken (saufen, zechen), aber auch = dursten (in der Wendg. mich schwächert’s). Zu ersterer Bedtg.: geschwächt = betrunken, berauscht, halbgeschwächt = halbtrunken sowie die Zus.: ausschwächen = austrinken (aber schwäch’ [a]uf = trink’ aus), beschwächen = betrinken, ver- u. vorschwächen = ver-, vortrinken. Zu beachten ist, daß das (unverkleinerte) Subst. Schwächer nur so viel wie „Rausch, Trunkenheit“ (auch wohl „berauscht, betrunken“) bedeutet (vgl. „Vorbemerkg.“, S. 13, Anm. 33). Weitere Ableitungen (von schwächen) sind dann noch: d. Adj. schwächerich = durstig (Spr.), als Subst. = Durst, u. d. Subst. Schwäche = Tränke, Viehtränke (daher Trabertschwäche = Pferdetränke), Schwächet = Getränk, Schwächerei = Sauferei, Trank, Trinkgelage, Zeche. Zusammensetzgn. mit dem Stamm schwäch- (des Zeitworts schwächen) sind endlich: Schwächglansert, -nolle, -schottel = Trinkglas, -schale, -schüssel, alle drei aber auch (allgemeiner) = Trinkgefäß. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 91 u. 100 (schwächen = trinken, Dobrisch schwächen = Tabak rauchen; es schwächet mich = es dürstet mich); W.-B. des Konst. Hans 255, 256, 258, 259 (schwäche[n] = trinken, z’ Schwächet steken = zu trinken geben, Dow’re schwäche = Tabak rauchen; es schwächert mi = es durstet mich); Schöll 271 (schwächen = trinken, Schwächer = Durst); Pfulld. J.-W.-B. 337, 339, 343, 345 (schwächen = trinken, saufen, aussaufen, verschwächen = versaufen [verdr.: erlaufen], Schwäche od. Schwächer = Rausch, Schwächerei = Trunkenheit); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 67, 68, 76 (schwächen, ausschwächen, Schwäche = Trunk; Schwächem = Durst); Schwäb. Händlerspr. 487 (schwächen, in Pfedelb. [208, 209, 212-14]: ausschwächen, ferner Schwäche = Trank, Schwächem = Durst, Schwächere = Wirtshaus, schwecherisch = durstig, Schwächbruder = Saufbruder, in Lütz. [215] Schwächer = Rausch). Vgl. noch Metzer Jenisch 216, 217 (schwäche = trinken, beschwächt = betrunken). Zur (nicht sicheren, aber vermutl. auf das Hebr. zurückzuführenden) Etymologie s. ausführl. Groß’ Archiv, Bd. 43, S. 42 ff. (unter „Schwächer“); vgl. auch Weber-Günther, S. 169 (unter „Schwäche“). —

Das zweite (in der Zus. Schwächerlemamere enthaltene) Wort, Mamere = Mutter, findet sich auch noch in der Verbindg. Patres (d. h. Vater) und Mamere = Eltern (s. d. betr. d. Zigeunerspr., die ebenfalls kein eigenes Wort für „Eltern“ hat [vgl. auch „Vorbemerkung“, S. 17, Anm. 44]) sowie in den folgenden Zus.: a) am Anfang stehend: Mamereglied, das drei Bedeutgn. hat, nämlich α) Oheim (als „Mutterbruder“), β) Tante (als „Mutterschwester“), γ) Neffe (v. mütterl. Seite her; vgl. zu α u. β betr. die Überstimmg. mit d. Zigeun. Näh. unter „Oheim“ u. „Tante“), weiter Mameregroenikel = Mutterschwein; b) ans Ende ges.: Grandichemamere = Großmutter, Kittmamere = Hausmutter, Schoflemamere (eigtl. „schlechte Mutter“) = Stiefmutter. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 96 (Mamaire = Mutter), Schöll 271 (Mammere); Pfulld. J.-W.-B. 342 (Mamere); Schwäb. Händlerspr. 484 (wie Schöll). Zur Etymologie: Nach Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1432 ist das (auch sonst noch im Rotw. vorkommende) Wort — wie übrigens auch schon Schöll 271 vermutet hat — wohl ohne Bedenken herzuleiten vom französ. „mamère“. Eine Heranziehung der Zigeunersprache ist daher nicht nötig, wie denn z. B. auch die Sulzer Zigeunerliste v. 1787 (251) ausdrückl. das rotw. Mammere dem gleichb. zigeun. Mamma (vgl. Finck, S. 71: máma) gegenübergestellt hat.

[174] Auch die Zigeunerspr. hat denselben Ausdruck (momĕlin) für Licht (Fackel, Kerze) u. Ampel (Lampe, Leuchter); s. Liebich, S. 147, 174, 196, 214, 218 u. 219. Im übrigen s. über Schei(n). Näh. schon oben unter „alltäglich“.

[175] S. unter „absingen“ u. „Adler“.

[176] Auch die Zigeunersprache kennt (wie schon in der „Vorbemerkung“, S. 17 erwähnt) diese Umschreibung (eigtl. „großer Herr“ für „Amtmann“ u. dergl. (s. Liebich, S. 127 u. 174: bāro rai; vgl. auch Jühling, S. 225 [= „Bezirksamtmann“]), desgl. für die Bedeutgn. „Richter“, „Herrscher“ u. „Oberherr“ (s. d. Vork. im W.-B.), während für die weiteren Bedeutgn. „Fürst“ u. „Landesherr“ bes. Benennungen bestehen. Über grandich Sins = König (fem. grandich Sinse) — wobei grandich als Superlativ zu betrachten — s. d. Näh. noch unter „Bischof“; vgl. auch schon „Vorbemerkung“, S. 17, Anm. 42. Zusammensetzgn. mit Sins (od. Sens) = Herr (Edelmann, Gebieter [vgl. fem. Sinse od. Sense = Herrin (Dame, Edeldame) u. d. Dimin. Sinsle = Junker]) sind: a) im Anfang: Sinsekitt = Herrenhaus, Herrschaftshaus u. Sinseschrende = Herrenzimmer, während in Sinsemoss = Herrin (Dame, Edeldame) und Sinsemodel = Fräulein doch wohl eher das fem. Sinse steckt; b) am Ende (beliebt bes. als Berufsbezeichngn.): Begersins = Arzt (Doktor), Wundarzt (u. dazu schofler Begersins = Quacksalber, vgl. auch oben S. 98, Anm. 157), Bich-, Kies-, Lobesins = Bankier (Bichsins auch = Münzmeister), Fehtesins = Quartierherr (fem. -sinse = Quartierfrau), Sturmkittsins = Ratsherr, Dupfsins = Wundarzt, Näpflingsins = Zahnarzt. Zu vgl. (aus d. verw. Quellenkr.): W.-B. des Konst. Hans 254, 259 (Sinz = Herr, Sinst = der regierende Herr); Schöll 272 (Sens = Herr); Pfulld. J.-W.-B. 338, 340, 341 (Sens = Herr, Obersens = Beamter, Senserei = Herrschaft, Kanzlei); Schwäb. Händlerspr. 482 (Sens = Herr, in U. [213] = Amtsrichter [in Pfedelb. (208) dafür: Seetzer] u. Senserei = Amtsgericht). Über weitere Belege im Rotw. seit d. 15. Jahrh. (woraus hier bes. erwähnt sei, daß grandiger Sims für „Amtmann“ od. „Edelmann“ schon bei A. Hempel 1687 [168] vorkommt) sowie über die nicht sichere) Etymologie s. ausführl. Groß’ Archiv, Bd. 38, S. 269ff (unter („Sens“).

[177] Bu(t)z bedeutet bes. auch noch Büttel, Polizeidiener, Polizist. Eine Verbindung damit ist grandicher Bu(t)z = Polizeiwachtmeister und (als nochmal. Steigerung) grandich Bu(t)z = Polizeidirektor (s. dazu das Näh. noch unter „Bischof“). Zusammensetzgn. damit sind: a) am Anfang: Bu(t)zekeiluf od. -kib = Polizeihund; b) am Ende: Dofes-, Kittle- oder Lekbu(t)z = Gefangenwärter. Eine Ableitung ist: Bu(t)zerei = Polizei (dazu weiter die Zus. Bu[t]zereikitt = Polizeiamt). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Pfulld. J.-W.-B. 338 (Butz = „Bettelvogt“); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 63, 73 (Buz = Polizei, verdeckter Buz = Geheimpolizist): Schwäb. Händlerspr. 485 (Butz od. Betz [in Pfedelb. (212): auch Buz] = Polizist; vgl. in Lütz. [215]: Grünlingsbutz = Waldhüter). Vgl. auch Pfälz. Händlerspr. 437 u. Metzer Jenisch 216 (Buts bzw. Butz = Polizist). Zur Etymologie des (rein deutschen) Wortes sowie über seine sonstigen Belege im Rotw. (in der Form Putz schon seit d. Mitte des 18. Jahrh.) s. ausführl. Groß’ Archiv, Bd. 42, S. 10ff u. zu vgl. dazu etwa noch Fischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1571 (unter „Butz“, Nr. 3, b).

[178] S. auch unter „Weinbeere“ u. „Weintraube“. Zus. mit dem Worte sind (außer Jahre- od. Krachersäftling, das in gleicher Weise für Brombeere, Erdbeere, Heidelbeere u. Himbeere gebräuchl. ist) noch das ähnl. Staubertsäftling = Mehlbeere (so daß Säftling also bes. auch die „Beere“ bedeutet [vgl. Wittichs Bemerkg. im Text], obwohl es dafür [ohne Zus.] im W.-B. — vielleicht bloß versehentlich — nicht aufgeführt ist) sowie (am Anf. stehend) Säftlingsore = Weinberg (s. dazu betr. Sore Näh. unter „Brücke“). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 100 (Saftling = Trauben); Pfulld. J.-W.-B. 343 (Säftling = Rebe); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 75 (Säftling = Traube); Schwäb. Händlerspr. 487 (ebenso; vgl. im Pfedelb. [214]: Säftlingjole = Wein). Der Etymologie nach gehört das Wort natürlich zu unserem gemeinspr. Saft; vgl. Günther, Rotwelsch, S. 61.

[179] a) Mit Jahre = Wald (Forst, Gehölz, auch bes. Fichtenwald) sind (außer Jahresäftling) noch folgende Zus. gebildet worden: Jahrekrächerle = Haselnuß, Jahrestöber (d. h. „Waldbaum“ = Tanne; Jahreschure (d. h. etwa „Waldding“) = Hirsch u. Jahrestierer (d. h. „Waldhuhn“) = Rebhuhn (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeun.). Als Verbindg. erscheint Jahre bosten (eigtl. nur „[in den] Wald gehen“ [vgl. oben S. 40, Anm. 137]) für das Zeitw. „jagen“. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): W.-B. des Konst. Hans 254 (Jahre = Wald); Schöll 271 (Jaare); Pfulld. J.-W.-B. 346 (Jahre; vgl. [339, 341]: Jahrhegel = Förster, Jäger); Schwäb. Händlerspr. 488 (Jâre). Über weitere rotw. Belege sowie die Etymologie (vom hebr. jaa’r = „Wald“) s. d. Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 38, S. 251, Anm. 2; vgl. auch Bd. 42, S. 7 (unter „Jahrhegel“) sowie noch Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 79 (unter „Jare“).

b) Mit Kracher (das in denselben Bedeutgn. wie Jahre gebraucht wird) sind im wes. auch die gleichen Zusammensetzgn. gebildet worden, so außer Krachersäftling noch Kracherkrächerle (= Haselnuß), Kracherstöber (= Tanne) u. Kracherschure (= Hirsch); dagegen ist neben Jahrestierer (= Rebhuhn) allerdings nur Krachergachne als Synon. angeführt. Auch Kracher bosten hat den gleichen Sinn wie Jahre bosten. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Pfulld. J.-W.-B. 340, 346 (Krach = Holz, Wald); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 77 (Kracher = Wald sowie die geogr. Bezeichg. Schwarzkracher = Schwarzwald); Schwäb. Händlerspr. 488 (Kracher = Wald). Über weitere rotw. Belege sowie zur Etymologie (von unserem gemeinspr. Zeitw. krachen) s. d. Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 46, S. 11 (u. Anm. 1) u. 12; vgl. auch Weber-Günther, S. 181 (unter „Krachet“) u. Fischer Schwäb. W.-B. IV, Sp. 662 (unter „Krachert“).

[180] Mit blible(n) = beten, auch predigen sind ferner noch zusammengesetzt: nach- u. vorblible(n) = nach- u. vorbeten, sodann (mit dem Stamme blibel- [des Zeitworts]) die Substantive Blibelulma = fromme Leute, auch „Stundenleute“, d. h. Methodisten, Blibelkaffer, -moss, -kitt = „Stundenmann, -frau, -haus“ (in gleichem Sinne) und Blibelschlang (eigtl. „Betkette“) = Rosenkranz (s. d. betr. Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr.). Ableitungen sind: das Subst. Bliblerei = Gebet u. das Adj. bliblich = gläubig, heilig (dazu die Verbdg. bliblicher Schuberle = heiliger Geist). In dem verw. Quellenkreise hat das Wort nur die schwäb. Händlerspr. (in Lütz. [214]: b’lipple[n] = beten). Zur Etymologie bietet einigen Aufschluß das veraltete schwäb. Blippenplapper, eine „spöttische Ablautbildung“ für „Plapperer“ (nach Fischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1206).

[181] S. abbetteln.

[182] S. abbiegen.

[183] Über Funk = Feuer s. abbrennen. Das Zeitw. pflanzen (Grundbedeutg.: machen [daher: aufpflanzen = aufmachen (Spr.)], verfertigen) versieht in Verbindg. mit anderen Wörtern die Rolle eines Aushilfsbegriffs in vielen Fällen, wo im Jenischen keine besonderen Bezeichnungen vorhanden sind (vgl. darüber schon die „Einleitg.“ S. 24 sowie m. „Vorbemerkg.“, S. 16, Anm. 40), so z. B. in den Redensarten grandiche pflanzen (d. h. eigtl. „den Großen machen“ oder „spielen“) = hoffärtig (aufgeblasen, stolz, übermütig) sein (dagegen: grandicher pflanzen [eigtl. „größer machen“] = verlängern), Blatt (blatt) pflanzen = im Freien übernachten (s. d. Näh. unter „übernachten“), Strauberts pflanzen (eigtl. „Haare machen“) = kämmen, Bomme od. Keif pflanzen (eigtl. „Schulden machen“) = leihen, Käfferle pflanzen = Onanie treiben (s. zur Erklärung Näh. unter diesem Ausdr.), schofle Falle (-la) pflanzen (eigtl. „böse Sachen machen“) = „huren“ (s. Näh. unter „böse“); mit auspflanzen ist endlich (als Gegensatz zu dem obigen den Funk anpflanzen) gebildet: d(en) Funk auspflanzen = löschen (auslöschen), wonach dann wohl auch das einfache auspflanzen die Bedeutg. von „ausblasen“ erhalten hat. Besonderer Beliebtheit erfreut sich aber (ganz wie im Rotwelsch) die Ableitung Pflanzer, fem. -erin (= „Verfertiger[in]“) in Zusammensetzgn. mit Substantiven als Bezeichnungen für die verschiedensten Berufsarten, insbes. die Gewerbe, so: Klass- od. Schnellepflanzer = Büchsenmacher, Schures- od. Stiepenpflanzer = Bürstenbinder, Griflengtrittlingpflanzer = Handschuhmacher, Nollespflanzer = Häfner, Töpfer, auch Kesselflicker, Oberman(n)pflanzer = Hutmacher (Kappen-, Mützenmacher) od. Kürschner, Straubertsschurepflanzer = Kammacher, Schottel (od. Schottle-) pflanzer = Korbmacher, Rädlengpflanzer = Kutschenbauer, Wagner, Bochdampflanzer = Leineweber, Tuchmacher, Scheinpflanzer = Lichtzieher, Scharflingpflanzer = Messerschmied, Kies- od. Lobepflanzer = Münzarbeiter (auch wohl Bichpflanzer, argum.: Bichpflanzerskitt = Münzwerkstätte u. zu vgl. nobis dufter Bichpflanzer = Falschmünzer [worüber Näh. auch schon oben S. 105, Anm. 172]), Hitzlingpflanzer = Ofensetzer, Kritzlerpflanzer = Papiermacher, Dächles- od. Pflotscherpflanzer (fem.: -erin) = Schirmflicker(in), Glitschinpflanzer = Schlosser, Trittlingpflanzer = Schuhmacher (Schuster), Sprauspflanzer = Stockmacher, Streiflingpflanzer = Strumpfwirker, Gengle- od. Luberpflanzer = Uhrmacher, Lattepflanzer = Waffenschmied, Schrendepflanzer = Zimmermann. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 98 (Nuschepflanzer = Schuhmacher); Pfulld. J.-W.-B. 337-339, 342-344 (pflanzen = machen, toxpflanzt = abgerichtet, krank od. dildi pflanzen = einstecken; Fleppapflanzer = Büchermacher, Tschuripflanzer = Messerschmied, Girchen- od. Nuschenpflanzer = Schuhmacher, Zinkenpflanzer = Petschaftfälscher); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 75 (Pflanzer [ohne Zus.] = Schuhmacher); Schwäb. Händlerspr. 483, 486, 487 (Schottelpflanzer = Korbmacher, Stichlingpflanzer = Schneider, Trittlingpflanzer = Schuster, Gänglingpflanzer [in Pfedelb. (213): Gluckerspflanzer] = Uhrmacher; ferner ebenfalls noch in Pfedelb. [208, 210-213]: Krach [od. Hallas] pflanzen = lärmen, Bummen pflanzen = Schulden machen, Plamppflanzer = Bierbrauer, Schuberlespflanzer = „Geistererlöser“ [Tätigkeit des kathol. Pfarrers], aber auch = Teufel, Obermannpflanzer = Hutmacher, Zainepflanzer = Korbmacher, Dickköpfpflanzer = Nagelschmied, Staudenpflanzerin = Näherin, Kluftenpflanzer = Schneider; endl. noch in U. [213]: Mulumpflanzer = Arzt). Zur Etymologie s. d. Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 46, S. 12ff. (wo auch die meisten der oben angeführten Zus. erklärt sind).

[184] S. abbiegen.

[185] Mit schniffen = anpacken, erfassen, nehmen, holen (Spr.), bes. aber = stehlen (entwenden, rauben, berauben) sind noch zusammengesetzt: aus-, heraus- u. wegschniffen = aus-, heraus-, wegstehlen. Ableitungen: die Subst. Schniffer = Dieb, Gauner, Räuber (dazu die Zus. Schnifferulma = Diebesbande) u. Schnifferei = Diebstahl sowie das Adj. schniffich = diebisch. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Pfulld. J.-W.-B. 337, 339, 345 (schniffen = ausplündern, stehlen, als Subst. Schniffen = Diebstahl); Schwäb. Händlerspr. 486, 487 (schniffen = stehlen [ausplündern (s. Pfedelb. [208])], Schniffer = Strolch). Übrigens sind die Vokabeln schniffen, Schniffer (Nebenf. schnipfen [auch schnüffen] u. Schnipfer) u. Schnifferei schon dem Rotwelsch des 17. u. 18. Jahrh. bekannt gewesen (vgl. z. B. A. Hempel 1687 [168: schniffen = „mausen“, Schnifferey = „Mauserei“, ein grandiger Schniffer = „ein rechter Erzdieb“, Hornickel-, Trabertschniffer = Kuh-, Pferdedieb]; Waldh. Lex. 1726 [187-189, 190: alles im wes. ebenso, außerdem noch für Pferdedieb auch Zußgenschniffer u. Schniffer auch = „einer, der das Geld aus der Ficke (Tasche) ziehet“]; Münchner Deskription 1727 [192: schniffen u. das Schniffen oder Rauben]; Basl. Glossar 1733 [202: schnüffen = stehlen]; Hildburgh. W.-B. 1753 ff. [288, 231: geschnipft = gestohlen, Schnipffer = „Spitzbub“]; Körners Zus. zur Rotw. Gramm. v. 1755 [241: schniffen od. schnipfen = stehlen]). Zur Etymologie s. Landau im Schweiz. Archiv für Volksk., Bd. IV, S. 240 vbd. mit Grimm, D. W.-B. IX, Sp. 1333 (unter „schnipfen“, Nr. 3). Danach bedeutet schnipfen od. schniffen mundartlich (so z. B. im Schwäbischen [vgl. Schmid, Schwäb. W.-B., S. 474]) soviel wie „mit einer schnellen Bewegung etwas wegschnappen, entwenden, listig stehlen“; es ist hauptsächl. auf die oberdeutschen Mundarten beschränkt geblieben; vgl. u. a. noch Schmeller, Bayer. W.-B. II, Sp. 578 u. Hügel, Wien. Dial.-Lex., S. 143.

[186] Mit butschen ist zusammengesetzt ausbutschen = ausfragen, ausforschen, forschen. Es ist sonst m. Wiss. in den Geheimsprachen nicht bekannt. Der Etymologie nach stammt es aus der Zigeunersprache her (s. „Einltg.“, S. 29). Vgl. Näh. bei Pott II, S. 375 (unter „Pchuczav“), Liebich, S. 154 u. 198 (putschawa = ich frage, forsche), Miklosich, Denkschriften, Bd. 27, S. 41 (unter „phuč“: bei d. deutsch. Zig.: pučava = ich frage, pučjum = Frage usw.), Jühling, S. 225 (putsch = frage [Imperat.], Putschaben = die Frage, das Fragen), Finck, S. 81 (p’utš-, p’utšew- [p’utšej-, p’utšed-] = „fragen, forschen“).

[187] S. abbiegen.

[188] Das Adj. dof (weit seltener: duft [das in der modern. Gaun.- u. Kundensprache überwiegt]) mit der Grundbedtg. „gut“ (dazu Komparat.: döfer = besser) wird in überaus weitem Sinne gebraucht, wie folgende Übersicht der verschiedenen einzelnen Begriffe (bei denen das [gleichzeitige od. alleinige] Vorkommen der Form duft in Klammern angemerkt ist) dartut. Es bedeutet nämlich noch: anständig, anwendbar (auch duft), artig, aufrichtig, beliebt, bequem, bieder, brav, brauchbar (nur duft; s. d. Verbdgn. unter dies. Worte), dienstfertig, dienstwillig, echt, edel, ehrbar, ehrenhaft, ehrenwert, ehrlich, fein, folgsam, freundlich, friedfertig, frisch (Spr.); geeignet, zufällig, gefühlvoll, geheilt, gemütlich, gemütvoll, genesen, geschmeidig, gesund, getreu, gerecht, geziemend, gnädig, günstig (auch duft), gütig, gutmütig, heil, heilsam, herzlich, hochherzig, höflich, hold (auch duft), hübsch (auch duft), keusch, kostbar, leutselig, lieb, liebenswürdig, lieblich (auch duft), liebreich (auch duft), nobel (auch duft), nützlich, prächtig, sanft, sauber, schamhaft, schön, sittsam, tauglich (auch duft), treu, tüchtig (auch duft), tugendhaft, unschuldig, verschämt, vortrefflich, vorzüglich, wahrhaft, wohlwollend, willig, züchtig; dazu weiter die Verneinung nobis dof (eigtl. „nicht gut“) = garstig, nichtswürdig, treulos, unecht, unkeusch, unnütz, unrichtig, untauglich, untreu, unzüchtig, wertlos. Sowohl dof wie nobis dof sind dann auch zu Hauptwörtern erhoben worden, und zwar ersteres für „Glück“ od. „Pracht“, letzteres für „Trübsal“ oder (flektiert: nobis Dofs) für „Übel“ (vgl. „Vorbemerkg.“, S. 15, Anm. 38). Die Umschreibung dof diberen od. schmusen (d. h. „gut reden“, [von jmd.]), bedeutet „(jmd.) loben“. Ferner sind dof u. nobis dof in Verbindg. mit Substantiven zur Umschreibung zahlreicher Begriffe verwendet worden, für die es im Jenischen an besonderen (selbständigen) Bezeichnungen fehlt (vgl. dazu „Vorbemkg.“, S. 17, 18, Anm. 47 u. S. 19, Anm. 48). So: a) Verbindgn. mit dof: dofer Schmunk (d. h. etwa „gutes Fett, Schmalz“) = Butter, dofer Kies (d. h. „schöner Stein“) = Diamant, Edelstein, dofer Schwimmerling (d. h. „schöner Fisch“) = Forelle, dofer Benges od. Benk (d. h. etwa „lieber Bursche“) = Geliebter, Liebhaber u. dofe Model (d. h. „liebes Mädchen“) = Geliebte, Liebhaberin (wogegen bei dofer Benk, Freier od. Fiesel im Sinne von „Junker“ nach Wittich dofer als Komparativ aufgefaßt werden soll, so daß die Umschreibung soviel wie „besserer Jüngling“ od. „besserer junger Mann“ bedeute), dofer Rädling (d. h. „schöner Wagen“) = Kutsche, dofer Lanenger (d. h. etwa „schöner [feiner] Soldat“) = Offizier, dofe Kitt (d. h. „schönes Haus“) = Schloß. Durch die Zusammenziehung in ein Wort sind noch enger verbunden worden: Dofefläderling (d. h. „schöner Vogel“) = Pfau (s. dazu schon oben S. 18, Anm. 47) u. Dofelehm (d. h. „gutes [feines] Brot“) = Weißbrot (Gegens. Schoflelehm [d. h. „schlechtes Brot“] = Schwarzbrot); b) Verbdgn. mit nobis (-es) dof od. duft: nobes dofer Glitschin (d. h. „kein guter Schlüssel“) = Dietrich (s. d. betr. Analogie in d. Zigeunerspr., vgl. auch schon „Vorbemerkung“, S. 18), nobis dufter Bich-, Kies- od. Lobepflanzer = Falschmünzer (s. dazu schon oben S. 105, Anm. 172) u. nobis dofs Jahne = Mißjahr (s. dazu schon oben S. 104, Anm. 170). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 93 (tof = gut); W.-B. des Konst. Hans 256, 259 (dof = gut); Schöll 271 (tov = gut); Pfulld. J.-W.-B. 338, 340, 344 (tofe = gut, töfer = besser, dov = schön, Tofe = Biedermann); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 70 (duft [dov] = gut); Schwäb. Händlerspr. 481, 484 (dof [in Pfedelb. (212): dov] = gut, schön; in Pfedelb. [209]: auch döver = besser). Vgl. auch Pfälz. Händlerspr. 437 (dôf od. tôf = gut. Zur Etymologie (vom hebr. Tôb[h] [tōf] = „gut“) s. Groß’ Archiv, Bd. 50, S. 156; vgl. auch Weber-Günther, S. 155, Seiler, Lehnwort IV, S. 490, u. Fischer, Schwäb. W.-B. II, Sp. 246 (unter „tof“) u. 445 (unter „duft“).

[189] Ki(e)bes (-bis), eigtl. = Haupt, Kopf, Schädel, auch bes. Hinterkopf, ferner noch = Stirn u. Hals findet sich in der Verbindg. grandicher Ki(e)bes = Dickkopf od. Starrkopf (s. dazu schon oben S. 100, Anm. 165), in der längeren Umschreibung nobis Strauberts auf’m Ki(e)bes (d. h. eigtl. „keine Haare auf dem Kopfe“) = Kahlkopf sowie in den folgenden Zus.: a) am Anfang: in Ki(e)besschlang = Halskette, Ki(e)besstrauberts = Haupthaare, Kopfhaare; b) am Ende: in Straubertski(e)bes = Lockenkopf, Vorderki(e)bes = Vorderkopf sowie (in übertrag. Sinne) in Nille- od. Ni(e)seki(e)bes = Tollkopf u. Toberichki(e)bes = Pfeifenkopf. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 95 (Kiebes = Kopf); W.-B. des Konst. Hans 254 (Kibes); Schöll 272 (ebenso; vgl. kibesen = enthaupten); Pfulld. J.-W.-B. 341 (desgl.); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 72 (Gîbes); Schwäb. Händlerspr. 483 (Kibes od. -bis; vgl. dazu in Pfedelb. [210]: Kahlkibes = Kahlkopf). Vgl. auch Pfälz. Händlerspr. 438 (Kiwes = Kopf) u. Metzer Jenisch 216 (Kibes [Kibes] = Kopf). Im Pleißlen der Killertaler 435 ist Kîvis = Verständnis. — Über die sonstigen verschiedenen Formen im Rotwelsch s. Groß’ Archiv, Bd. 56, S. 55 u. Anm. 1. Zur (nicht sicheren) Etymologie vgl. Pott II, S. 16, Günther, Rotwelsch, S. 36 u. Anm. 1 u. bes. jetzt noch Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 360/61 („wenn nicht etwa zu zigeun. chīw = „Deckel“ [s. Finck, S. 68: xīw] ... nur zu Kabas, rotw. = Kopf [s. schon Lib. Vagat. (54)] zu stellen“, wozu mhd. kabez, aus lat. caput [Haupt], heranzuziehen, vielleicht mit ablaut. Form Kibes, Kabes wie piff, paff).

[190] Bauser = Angst (Beängstigung), Entsetzen, Erschrecken, Furcht, Schreck ist vielleicht — ebenso wie das Adj. bauserich = ängstlich, furchtsam, auch als Subst. (für „das Grauen“) gebraucht (vgl. dazu bauserich sein = befürchten, [sich] beunruhigen sowie die Verneinung nobis bauserich = furchtlos) erst eine Ableitung von dem Zeitw. bausen = fürchten. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 92 (bausen = fürchten); W.-B. des Konst. Hans 257 (ebenso, auch: es baust ihm = er fürchtet sich, ferner noch: Bauser = Angst); Schöll 271, 273 (bausen = fürchten, Bauser = Angst); Pfulld. J.-W.-B. 337, 343, 344 (Bauser = Angst, Schauer, bauserich = ängstlich, scheu); Schwäb. Händlerspr. 479 (Baußer u. Baußam [in Pfedelb. (208): Bausam] = Angst). Die Etymologie ist unsicher, denn die Hypothesen A.-L.’s (523: Ableitg. vom deutsch. Zeitw. bauschen [pauschen], mhd. bûschen, biuschen, = „schwellen machen“ bzw. spätmhd. u. älternhd. bûsen, bausen = „aufschwellen“; s. Näh. bei Weigand, W.-B. I, Sp. 171) erscheinen doch wohl zu gewagt. Fischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 733 gibt keine Erklärung. Nach gefl. Mitteilgn. von Dr. A. Landau (Wien) soll vor etwa 50 Jahren Boitsi haben = „Furcht haben“ in der galizisch-jüdischen Schülersprache gebräuchlich gewesen sein, das wahrscheinlich auf das kleinruss. bojati sja = „sich fürchten“, poln. bać sie (3 Pers. Sing. Praes.: boi sie) zurückgeht, doch wagt L. keinen unmittelbaren Zusammenhang dieser Ausdrücke mit dem rotw. bausen anzunehmen.

[191] S. abbiegen.

[192] S. abkaufen.

[193] Das Zeitw. kluften scheint in Wittichs Jenisch nur im Zus. üblich zu sein, wie (außer ankluften [wozu nobis ankluftet, d. h. „nicht angekleidet“, „unbekleidet“ = nackt] noch): auskluften = ausziehen, entkleiden (daher auskluftet ebenfalls = nackt) u. verkluften = verkleiden. Es gehört zu den Subst. Kluft = Kleid (Anzug, Gewand, Tracht), womit auch einige Zusammensetzgn. (so: Kafferskluft = Manneskleid, Lanengerkluft = „Montur“, Begerkluft = Sterbekleid) sowie die Verbdg. unterkünftige Kluft = Unterkleid gebildet sind. Eine weitere Ableitg. (von Kluft, bzw. kluften) ist dann Klufterei = Kleidung, Bekleidung (Anzug, Gewand), womit ebenfalls wieder zwei Zus. vorhanden sind, näml. Mossklufterei = Frauenkleid u. Kafferklufterei = Männerkleider. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 95 (eine ganze Klufterei = „Kleidung von Kopf bis Fuß“); W.-B. des Konst. Hans 253 (Klufterey = die Kleider); Pfulld. J.-W.-B. 341 (Klufterei = Kleid, vgl. [337] Klufting usmalochen od. abketschen = auskleiden); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 66, 71 (Kluft od. Klufterei = Kleid, ankluften = anziehen); Schwab. Händlerspr. 483 Kluft = Kleid, u. dazu noch in Pfedelb. [208, 212]: Kluftenpflanzer = Schneider u. ankluften = anziehen); vgl. auch Pleißlen der Killertaler 435 (Kliftle = Kleid, Anzug) sowie noch Metzer Jenisch 216 (Klăft = Rock). Über die sonstigen Belege u. Formen im Rotw. sowie die Etymologie (vom hebr. chălîfôt = „Kleider, insbes. Feier- od. Ehrenkleider“) s. Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 38, S. 273/74 (unter „Kluftier“) u. d. Anm. verbd. mit Bd. 46, S. 10, Anm. 1. Vgl. auch noch Seiler, Lehnwort IV, S. 491 u. Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 508 (unter „Kluft“ II) vbd. mit Sp. 435 (unter „Klaffot“).