Title: Die Karikatur im Weltkriege
Author: Ernst Schulz-Besser
Release date: June 10, 2016 [eBook #52299]
Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
Credits: Produced by Peter Becker, Harry Lamé and the Online
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Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende dieses Textes.
Mit Genehmigung des Polizeiamtes der Stadt Leipzig
Abteilung für Presse-Angelegenheiten
Die
Karikatur im Weltkriege
von
Ernst Schulz-Besser
Mit 115 Abbildungen
Verlag von E. A Seemann / Leipzig
Druck von Ernst Hedrich Nachf., G. m. b. H., Leipzig
Abb. 1. Johan Braakensiek: Hoheit dürfen nicht ohne Gefolge reisen!
Holländische Karikatur, unmittelbar nach Ausbruch des Krieges erschienen.
Wenn irgend etwas, so spiegelt die Karikatur die Empfindungen der verschiedenen Völker, ihre Zuneigungen oder Abneigungen, die ganze Stufenleiter ihrer Gefühle wider. Es ist eine alte Wahrheit, daß die Kultur oder oft besser gesagt — die Unkultur nirgends packender zum Ausdruck kommt als im Spottbilde. An der Hand der Karikaturen können wir nicht nur die Stimmung in den feindlichen Ländern verfolgen, sondern auch die schwankenden Anschauungen in „Neutralien“ kennen lernen, wo Freunde und Feinde der Zentralmächte vereinigt leben. So kommt es, daß sich auch in der Karikatur das Drama „Weltkrieg“ abspielt, das alle ohne Ausnahme in Mitleidenschaft gezogen hat und jedes Land zu irgendeiner Rolle zwingt. Denn immer geringer werden die bloßen Zuschauer. Die bedeutenderen Zeichner aller Völker greifen tätig in die gewaltigste Bewegung ein, die je eine Zeit erfüllt hat.
Schon der letzte große Krieg, den das Deutsche Reich schlagen mußte, der von 1870/71, hatte eine Fülle von Karikaturen im Gefolge. Namentlich das besiegte Frankreich stellte eine große Masse von Spottbildern her, die sich mehr durch Schamlosigkeit und Roheit, als durch künstlerische Werte auszeichneten. Der damals schon 60 Jahre alte Honoré Daumier war mit immer noch recht beachtenswerten Leistungen vertreten. Es ergibt sich eine schier unübersehbare Menge von vielen Zehntausenden von Karikaturen über Personen und Dinge des deutsch-französischen Krieges. Zwar vermögen uns — mit wenigen Ausnahmen — diese satirischen Kleinkünste (auch die deutschen) ästhetisch ebensowenig zu befriedigen wie die deutschen Schlachtengemälde des siebziger Krieges, doch als geschichtliche und kulturgeschichtliche Dokumente sind sie uns wert, als Erinnerung an eine große Zeit. Heute hat es der Künstler der Gegenwart, der mit ins Feld hinauszieht, um Studien zu machen, bedeutend schwerer als seine Kollegen von 1870. Erstens haben sich unsere Kunstanschauungen gewandelt und zwar gründlich, dann aber sieht sich jetzt der Zeichner bei der modernen Gefechtsweise vor eine ungleich schwierigere Aufgabe gestellt als seine Vorgänger von damals, wenn er dem Erleben sinnlichen Ausdruck geben will.
Eine sehr umfangreiche Sammlung von Karikaturen aus der Zeit des siebziger Krieges besitzt die Berliner Königliche Bibliothek, die auch diesmal neben anderen Instituten und zahlreichen Privaten die Veröffentlichungen über den Weltkrieg eifrig sammelt. Durchaus nicht alles, was erscheint, ist literarisch und künstlerisch bedeutsam, aber echte Sammler heben diese Dinge auf, auch das Kleinste und Unscheinbarste, als vergängliche Zeugnisse einer ungeheuer großen Zeit, mit der ein neuer Abschnitt der Weltgeschichte beginnt.
Abb. 2. Nicholas Haz: Die Armee der Zivilisation.
(The Fatherland, New York.)
Wie verhältnismäßig leicht hatten es die Sammlungen und Sammler der siebziger Jahre — trotz der Fülle des Erschienenen — gegen die unserer Tage! Zwar in Frankreich ist unter dem Druck der gewaltigen Ereignisse der Born der Satire zunächst nur langsam geflossen, die Künstler des Humors und Witzes hatten das Lachen verlernt, oder es war zur Grimasse geworden. Aber die andern Länder, vor allem Deutschland, wetzten diese Scharte überreichlich aus. Gerade weil es niemand, auch den öffentlichen Sammlungen nicht, gelingen wird, eine auch nur annähernde Vollständigkeit zu erreichen, bietet sich dem einzelnen hier ein fruchtbares Feld. Aber es heißt, rasch zugreifen. Schon sind manche Einblattdrucke und Gelegenheitszeitungen außerordentlich selten.
Abb. 3. Japanische Karikatur aus Tokio. (Stellungskrieg Winter 1914.)
„Auf dem europäischen Kriegsschauplatze ist jetzt nicht viel Tätigkeit zu bemerken, kein Wunder: beide Teile sind eingefroren. Sie scheinen der aufgehenden Sonne (Japan) zum Auftauen zu benötigen.“
Ein trefflicher Maßstab für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes ist seine Fachpresse; ihr Fortbestehen während der Kriegszeit kennzeichnet am besten die Widerstandskraft eines Reiches. In Frankreich haben viele wissenschaftliche Zeitschriften ihr Erscheinen im Sommer 1914 eingestellt und fehlen zum Teil noch heute. Die großen Tageszeitungen kommen auch jetzt noch in sehr verringertem Umfange heraus, während in England und in Deutschland fast die gesamte Presse ohne Unterbrechungen und Kürzungen erscheint und außerdem eine große Reihe neuer fortlaufender Veröffentlichungen entstanden ist. Auch das ist ein Zeichen deutscher Kraft und Überlegenheit. Ja, es ist der Fülle des Guten bei uns etwas reichlich viel geworden! Schon im November 1914 klagten die Buchhändler darüber, daß jeder Verleger sich verpflichtet fühle, eine Kriegsgeschichte herauszugeben, und daß es ihnen unmöglich sei, allen Wünschen um Verwendung für diesen reichen Segen nachkommen zu können. Waren doch schon in den ersten Wochen mehrere Dutzend Kriegs-Chroniken in Lieferungen angezeigt worden!
Selbst in den ernstesten Zeiten ist Witz und Satire nicht zu bannen; auch während dieses fürchterlichen Völkerringens lassen sich heitere Augenblicksbilder nicht ausschalten. Und schließlich, halten wir uns doch immer vor Augen: wirklicher Humor ist nur bei sittlich reifen und wahrhaft ernsten Menschen zu finden. Es wäre ja auch schlimm bestellt, wenn den vielen Millionen, deren Nerven jetzt aufs äußerste in Anspruch genommen werden, der Sinn für den Scherz verloren ginge! Die Karikatur ist eben eine Großmacht. Ein gut gezeichnetes Blatt prägt sich dem Gedächtnis weit stärker ein als der schönste Leitartikel, und manche Blätter können sogar erzieherisch wirken! Aber der Humor leistet noch mehr: er hilft den Kampf gewinnen. „Ich habe hier draußen die Erfahrung gemacht“, schreibt der Tübinger Nationalökonom Professor Robert Wilbrandt als Ortskommandant von La Roche bei Longwy an den „Kladderadatsch“, „wie wohltuend der Humor aus der Heimat uns ist, gerade jetzt in diesem einzigen Kampf, wo er jubelnd erklingt, wo er so ganz andere Objekte und so viel Grund hat zum Lachen. Für mich und meinen Zug habe ich durch Bestellung gesorgt; das zirkuliert dann noch weiter. Aber was bedeutet das gegenüber dem Bedürfnis; an der Front ist es gewiß noch viel stärker als hier beim friedlichen Landsturm. Eine nationale Mission ist zu erfüllen. Der Humor schlägt Schlachten. Im feuchten Schützenloch hilft er mit. Witzblätter an die Front! Das ist meine Bitte an Herausgeber, Stifter, Vereine, Liebesgabenspender. Möge Ihr Blatt diese Bitte beherzigen, unterstützen und verbreiten!“
Dem „Kladderadatsch“, der in den annähernd siebenzig Jahren seines Bestehens immer und fast ausschließlich die politische Satire pflegte und über einen ausgezeichneten Stab von Mitarbeitern, vor allem auch unter seinen Zeichnern, verfügt, war es nicht schwer, der begeisterten Erhebung der Deutschen Ausdruck in Wort und Bild zu verleihen. Von Gustav Brandt, dem Schüler der Düsseldorfer und Berliner Akademie, rührt seit Jahrzehnten das künstlerisch Feinste und Wichtigste her, das der „Kladderadatsch“ gebracht hat. Weltbekannt sind seine Porträts berühmter Zeitgenossen, denen er jetzt unter anderm das Bildnis des eigentlichen Urhebers des ganzen Krieges hinzugefügt hat (Abb. 4). „Wie dem Kothurnschritt der alten Tragödie das leichte Satyrspiel folgte, so hat der Ernst der Geschichte, so hat der Ernst des Lebens immer den Humor und den Witz zur Seite gehabt, denn nur durch diese Begleitschaft wird der Ernst des Lebens uns erträglich gemacht. Es ist dies die idealere Seite unserer Witzblätter, wenn sie ihre Aufgabe richtig verstehen,“ schrieb er beim Erscheinen der ersten Kriegsnummer. Aber auch die andern deutschen Witzblätter, und selbst solche, die vorwiegend die gesellschaftliche Satire behandeln, nahmen rasch eine Neuordnung vor. Die Themen, die noch im Juli 1914 die Hauptsache bildeten, versanken vor größeren Aufgaben. Die Klänge des Two-Steps übertönte das Summen der 42er Brummer, und der Tango ging in den masurischen Sümpfen mit unter.
Selbst deutsche Witzblätter, die sich sonst von der Politik vollständig fernhielten, haben sich den veränderten Verhältnissen fügen müssen und bringen nun auch Kriegswitze und Kriegskarikaturen. In den „Meggendorfer Blättern“ finden sich recht hübsche Illustrationen von tüchtigen Zeichnern. In den „Fliegenden Blättern“ ist ebenfalls der sonst den Schwiegermüttern, zerstreuten Professoren, Dackeln und stehengebliebenen Regenschirmen geweihte Raum teilweise mit netten, stubenreinen Witzen, die sich in irgendeiner Weise mit dem Weltkrieg beschäftigen, angefüllt.
Abb. 4. Gustav Brandt: „Eduard VIII.“ von England, der Mann ohne Gewissen.
Karikatur auf den unmittelbaren Urheber des Krieges, den englischen Minister des Auswärtigen Edward Grey. (Kladderadatsch.)
Und dabei sind die besten Scherze die ungewollten. Man denkt da an jene alte Frau, die auf die Frage, wie es ihrem Sohn ginge, glückselig antwortete: „Ja, zuerst hat er es sehr schwer gehabt, da hatte er wenig Ruhe, aber jetzt kann er in einemfort schlafen.“ Sie hatte die Worte „in einem Fort“ mißverstanden. — Als das (falsche) Gerücht am Anfang des Krieges verbreitet war, die Franzosen hätten durch Spione im Elsaß die Brunnen durch Cholerabazillen vergiften lassen, erzählte es ein biederer Sachse seinem Freunde auf der elektrischen Bahn. Er sprach aber immer nur von „Cholera-Pillen“, die die Franzosen ins Wasser geworfen hätten (da war es natürlich kein Wunder, daß die Abführung so rasch erfolgte!).
Außerordentlich groß war der Absatz, den die führenden deutschen Witzblätter fanden. Der „Kladderadatsch“ mußte einzelne Nummern siebenmal neu drucken lassen, „Lustige Blätter“, „Ulk“, „Jugend“ und „Der wahre Jakob“ konnten ihre Gesamtauflagen wesentlich erhöhen. Solche Zeitschriften wirken aufklärend im Auslande, denn der vom Feinde irregeführte Neutrale wird sich sagen, wer so zu lachen vermag, der kann nicht, wie man mir einreden will, geschlagen am Boden liegen. Auch der neu entstandene „Brummer“ hatte großen Erfolg. Und die verwöhntere Ansprüche befriedigenden Nummern der „Kriegszeit“ aus dem Verlage von Paul Cassirer in Berlin, in denen Führer der deutschen Griffelkunst wie Max Liebermann und August Gaul dem Geiste der Zeit künstlerischen Ausdruck gaben, fanden weit über den Kreis der eigentlichen Graphiksammler hinaus zahlreiche Freunde. Ganz erstaunlich aber war der Umsatz in Postkarten; ein einziger Berliner Verlag verkaufte von Ansichtskarten mit Karikaturen in einer Woche dreiviertel Millionen!
Abb. 5. Ricardo Marin: Der Geist Hamlets.
„Sein oder Nichtsein ist die Frage“.
(Nuevo Mundo, Madrid.)
Der Weltkrieg hat mit vielem Morschen und Kranken aufgeräumt und reinigend gewirkt, er hat aber auch einen massenweisen Auftrieb von allerhand Schund zur Folge gehabt, der stets von neuem zeigt, wie gering das Verständnis für ein so gewaltiges Ereignis noch immer in manchen Köpfen ist. Was allein auf kunstgewerblichem Gebiete, wenn man den Ausdruck kunstgewerblich für diese Machwerke überhaupt anwenden kann, an Greueln geschaffen worden ist, spottet jeder Beschreibung. Es genügt hier, flüchtig an die 42 cm-Mörser-Schirmständer, an schwarz-weiß-rote Kinderbälle mit der Aufschrift „Ich kenne keine Parteien mehr“, an die Krawatten mit „Gott strafe England“, an die Granatsplitter als Vorstecknadeln und die Hindenburg-Schnupftücher zu erinnern (die ja auch in das Gebiet der Karikatur fallen, wenn auch in das der unfreiwilligen), um sich all diesen Unrat ins Gedächtnis zu rufen. Das Kgl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart vereinigt in seiner Sammlung der Geschmacksverirrungen die Erzeugnisse jenes After-Kunstgewerbes, das, auf den Ungeschmack der Menge rechnend, den Patriotismus durch Massenerzeugung allerlei kriegsaktueller Attrappen und Surrogatscherze ausbeutet. Leider haben ja auch, wie die letzte Leipziger Messe zeigte, selbst altehrwürdige und unabhängige Porzellanmanufakturen sich von der Mode hinreißen lassen und dem Geschmack der breiten Masse Rechnung getragen. Hier zeigt sich, daß der Krieg das ästhetische Gefühl oft sehr ungünstig beeinflußt. Auch vor den Millionen von Kriegsgedichten packt weite Kreise allmählich ein wachsender Überdruß. Man hat es schließlich satt, noch weiter akademischen Stilübungen offizieller und inoffizieller Dichter zu lauschen. Reime wie Rote Hosen und Franzosen, Serben und Sterben, Brummer und Kummer, Japs und Klaps sind in Mißkredit gekommen, sodaß man sie kaum noch beachtet. Selbst der Reim French auf Mensch, für den es bisher keinen gab, (schon Grabbe sagt: „Warum sind Mensch und Jungfrau ungereimte Worte?“), hat allmählich an Wert verloren (die Dichter müßten eigentlich French für sein Erscheinen auf den Knien danken). Auch Joffre und Koffer ist nachgerade abgeschmackt geworden und es ist noch ein Glück für den französischen General, daß er nicht Jaffre heißt. Und was von den poetischen Gaben gesagt wird, trifft auch auf die Karikaturen zu. Das Kriegsbild, und nicht zum wenigsten die Kriegskarikatur, beherrscht die Stunde, aber es ist beileibe nicht immer ein angenehmes Herrschertum.
Abb. 6. P. van der Heem: Italiens Lage. Die Versuchung des heiligen Antonius.
(De Nieuwe Amsterdammer, Amsterdam.)
Der jetzige Krieg ist etwas so Gewaltiges, die militärischen Leistungen auf deutscher Seite sind so über jedes Lob erhaben, daß sie in der Dichtkunst ebensowenig wie in der bildenden Kunst jemals völlig verarbeitet werden können. Was er uns bisher gebracht hat, ist weder eine neue, noch eine besonders eigenartige Kunst. Eher darf man behaupten, daß er durch viele Tausende von flachen und minderwertigen Dingen kunstvernichtend gewirkt hat. Was von den „Mundbarbaren“ gilt, trifft zu einem großen Teile auch auf die „Barbaren des Griffels“ zu. Da sind beispielsweise die sehr unerfreulichen Schützengrabenwitze und -Illustrationen. Wollte man den Zeichnern glauben, so lebte es sich dort wie in einer Laubenkolonie. Unwahrhaftigkeit ist es, was so viele Bilder unverdaulich macht. Vielfach stört auch die allzu häufige Wiederholung des gleichen Vorwurfs, das ständige Wiedererscheinen der gleichen Typen, wie bei dem als Porträtmaler sonst geschätzten Ernst Heilemann. Hin und wieder gelingt ihm aber auch ein originelles Blatt, wie die internationale Völkerschau unserer Gefangenen, die in größerem Formate und mit der Unterschrift „Quelques champions de la civilisation, de la liberté et du progrès“ in Belgien angeschlagen wird, damit die Belgier ihre verbündeten Kulturträger: Neger, Hottentotten, Menschenfresser und andere Gentlemen stets vor Augen haben. Diese farbige Zeichnung ist auch als Postkarte mit französischem Texte vom deutschen Großen Hauptquartier im Westen verschickt worden. Aber auch dieses Thema ist in witzigerer Art in einer Karikatur behandelt worden, die „The Fatherland“ brachte, jenes in englischer Sprache in Nordamerika von Deutsch-Amerikanern herausgegebene Blatt, das die deutschen Interessen in den Vereinigten Staaten durch Aufklärung der englisch denkenden Amerikaner fördern hilft (Abb. 2). Auch die Figuren von Heinrich Zille sehen immer gleich aus. Diese französischen Weiber und Kinder scheinen ganz frisch aus Berlin O importiert zu sein, mit dem einzigen Unterschied, daß die ersteren nicht, wie sonst bei Zille, den man den „Meister der schwangeren Frauen“ nennen könnte, fortgesetzt in anderen Umständen herumlaufen (womit er wohl diskret den Geburtenrückgang in Frankreich andeuten will.)
Abb. 7. A. Johnson: Maßregeln gegen die Deutschen in England.
Koburger im Konzentrationslager. (Kladderadatsch.)
Wir schlagen vor, die noch in Deutschland befindlichen
Japaner in den Zoologischen Gärten aufzubewahren.
Auf den Protest beleidigter Schimpansen kann keine Rücksicht genommen werden!
Abb. 8. Olaf Gulbransson: Da gehören sie hin!
(Simplicissimus.)
Glücklicherweise gibt es aber auch in Deutschland Karikaturisten, die sich mit den allerbesten anderer Länder messen können. An erster Stelle steht wieder mit Leistungen, die auch künstlerisch voll befriedigen, der „Simplicissimus“, und hier besonders der Skandinavier Olaf Gulbransson, der ja seit langen Jahren ganz zu uns Deutschen gehört. Neben seinem engeren Kollegen Th. Th. Heine und neben G. Brandt und A. Johnson vom „Kladderadatsch“ marschiert er an der Spitze der zeitgenössischen deutschen Karikaturenzeichner. Wollte man ihm gerecht werden, so müßte man schlechtweg seine sämtlichen Arbeiten im „Simplicissimus“ nennen, denn gelungen sind sie alle. Wie glänzend weiß er seine Helden zu charakterisieren, ohne durch gewaltsame Verzerrung Grotesken zu schaffen! In seiner Hand ist die Karikatur nicht nur im etymologischen Sinne des Wortes „Übertreibung“, hier wird sie zu einer großartigen politischen Satire. Man betrachte seine beiden Zeichnungen gegen die Japaner (Abb. 8 u. 9). Ist hier nicht restlos die Stimmung wiedergegeben, die alle Kreise unseres Landes gegen das Volk erfaßte, das Kiautschou raubte? Auch andere Zeichner haben (es war ja sehr billig) die Japse als Affen dargestellt, in allen Zeichnungen traten sie als Vierhänder auf, aber niemandem ist das mit solch raffinierter Beschränkung in den künstlerischen Mitteln gelungen wie Gulbransson. Durch den Nachsatz „Auf den Protest beleidigter Schimpansen kann keine Rücksicht genommen werden!“ erhält das Bild erst die richtige Wucht: also noch unter die Affen werden die Japaner gestellt! Wie köstlich ist der beleidigte Schimpanse! Der Künstler drückt damit denselben Gedanken aus, den die „Jugend“ in die Worte kleidete: „Die Japaner haben den Augenblick, da Deutschland mit vier Staaten zugleich Krieg führt, dazu benutzt, ihm Kiautschou zu stehlen. Damit sind sie vom Niveau anständiger Makaken auf die Stufe von Engländern herabgesunken!“ Aber nicht bloß als Quadrumanen zeigt uns Gulbransson die Japaner; er ist auch der einzige, der noch eine andere Lösung fand, dem Haß gegen den englischen Helfershelfer bildlichen Ausdruck zu geben: in der Zeichnung „Die Wacht in Kiautschou“, wo die Mongolen den wie ein einsamer Fels stehenden deutschen Ritter als unzählige Wellenköpfe umbranden, um schließlich, allein durch ihre Masse, über ihn zu triumphieren. Reine Freude gewährt auch seine „Alpenwacht“ in der Italiennummer, wo auf gelbem Hintergrunde sich der deutsche Reichsaar und der österreichische Doppeladler mit kraftvollem Schwarz massig und gewaltig abheben, während in der Ferne das Diminutivum eines Italieners erscheint, nur aus einem großen Maule bestehend: „Und der will uns etwas anhaben, der ist ja nur auf Singvögel eingeschossen.“ Mit einfachen Mitteln ist hier eine große Wirkung erreicht. Dieses Blatt ist durch die flächige Behandlung auch dekorativ sehr wirkungsvoll. Ausgezeichnet sind ferner die Beiträge von Ragnvald Blix im „Simplicissimus“. Neben dem Schweden Gulbransson ist dieser Norweger eine der größten Begabungen, die in Deutschland arbeiten. Seine reiche Phantasie weiß die Persönlichkeiten, die er sich vornimmt, außerordentlich witzig zu charakterisieren. Hier braucht nur an seine famose Karikatur „An der Ostfront“ erinnert zu werden: „Ganghofer ist da — der Sturm kann beginnen.“ Nur wenige wissen, daß Blix noch vor einigen Jahren viel für französische Zeitungen, unter anderen auch für „Le Rire“ und „Le Journal“ gezeichnet hat. Er wurde bekannt durch eine Serie Karikaturen auf klassische Gemälde, die zuerst als Sammlung „Le voile tombe“ 1908 herauskam und auch deutsch im gleichen Jahre unter dem Titel „Nach alten Meistern“ erschien.
Abb. 9. Olaf Gulbransson: Deutsche Wacht in Kiautschou.
(Simplicissimus.)
Abb. 10. Die Zentralmächte und Rußland.
Russische Karikatur aus d. Nowoje Wremja, St. Petersburg.
Abb. 11. Die unparteiischen Kriegskorrespondenten.
Björn Björnson empfängt seine Instruktionen vom Reichskanzler Bethmann Hollweg, Franz von Jessen von General Joffre.
(Klods-Hans, Kopenhagen.)
Bei der riesigen Fülle ist es schwer, den Weizen von der Spreu zu sondern. Den Karikaturen des feindlichen Auslandes gegenüber muß dabei mit großer Weitherzigkeit begegnet werden. Zeitgeschichtliche Dokumente von bleibendem Wert sind auch scharfe und bissige Karikaturen des Feindes, sofern sie nur geistreich sind; sie haben tausendmal mehr Wert, als ein fader und süßlicher Kitsch, wenn er sich auch noch so hurrapatriotisch gebärdet. Gerade wir Deutsche als Sieger dürfen im Gefühl unserer überlegenen Kraft nicht zu empfindlich sein und müssen Humor genug besitzen, auch in der schärfsten Karikatur des Auslandes gegen uns den witzigen Gedanken und die künstlerische Qualität sehen zu können! Wenn irgendwo, so soll hier der Satz gelten: „Tout comprendre c’est tout pardonner.“ Es wäre ein ganz falsch verstandener Patriotismus, alle antideutschen Karikaturen des Auslandes in Bausch und Bogen zu verurteilen. Bringen doch sogar die Franzosen, denen man gewiß keine übermäßige Objektivität nachrühmen kann, in ihren Witzblättern regelmäßig Reproduktionen deutscher Scherzbilder, die in schärfster Weise französische Zustände geißeln. In einer der Nummern von „Le Rire“ vom Herbst 1915 erschien Gulbranssons englischer Löwe, den seine Verbündeten um Hilfe anrufen: „Was wollt ihr, das ich alles leisten soll! Habe ich nicht Dünkirchen und Calais besetzt?“ (Diese deutsche Satire in einem französischen Blatte! Das läßt doch tief blicken!) Und auch die Engländer haben gezeigt, daß sie Sinn für Humor besitzen, als sie Lissauers „Haßgesang gegen England“ (vor dessen internationaler Berühmtheit dem Autor jetzt selber graust) in einer, übrigens meisterhaften englischen Übersetzung für gemischten Chor vertont öffentlich im Royal College of Music zum Vortrag brachten; man denke: Engländer den Haßgesang gegen das eigene Land! Der Dirigent Sir Walter Parratt, der die Aufführung leitete, lobte in den Zeitungen den Enthusiasmus, mit dem der Chor die Komposition vortrug und bedauerte nur, daß er Lissauer kein Telegramm über den großen Erfolg senden konnte. Der Haßgesang kommt ja bei uns in Deutschland allmählich aus der Mode. Kurz nach seiner Entstehung wurde er als Lied eines bayrischen Soldaten im bayrischen Heere verbreitet (darauf bezieht sich Abb. 12 aus dem „Punch“); jetzt warnt das bayrische Unterrichtsministerium vor der Pflege des Hasses in den Schulen und wünscht die Ausmerzung des Haßgesanges aus den Lesebüchern, in denen er Aufnahme gefunden hat. Ein gerechter Krieg bedarf keinerlei Anstachelung durch Haßgesänge!
Abb. 12. Geo. Morrow: Der Haßgesang.
(Punch, London, Dezember 1914.)
(„Faust“, 1.)
Abb. 13. Rudolf Herrmann: Englands Wahlspruch.
(Die Muskete, Wien.)
Abb. 14. F. H. Townsend: Bravo, Belgien!
(Punch, London.)
Abb. 15. F. H. Townsend: Beim Barbier.
Englische Karikatur auf die Angst vor den Deutschen. „Rasieren, mein Herr?“ — „Ja — — das heisst: nein! Lieber doch Haarschneiden!“ (Punch, London.)
Eine der unerfreulichsten Erscheinungen waren die sogenannten Ulkkarten. Auf die französischen Gemeinheiten wird weiter unten eingegangen werden, aber auch bei uns ist mancherlei Böses auf diesem Gebiete verbrochen worden. Man hätte glauben dürfen, solche Ausbrüche als längst überwunden betrachten zu können. Das waren keine Satiren auf die Feinde, das waren vielmehr Karikaturen auf den Patriotismus selber! Traurig genug, daß sich augenscheinlich doch genügend Abnehmer für diese auf die niedrigsten Instinkte spekulierenden Machwerke sogenannter „Auch-Verleger“ fanden, die Unsinn mit Witz und Phrasendrescherei mit Patriotismus verwechselten. Natürlich fanden sie auch den Weg ins Ausland und wurden hier als Witz der deutschen „Barbaren“ beschrieben und — abgebildet; so im „Matin“ vom 8. Oktober 1914 mit folgender Anmerkung: Les Allemands n’ont pas beaucoup d’esprit naturel, chacun sait cela; mais ils s’efforcent d’en avoir. En temps ordinaire ils n’y réussissent guère; en ce moment, ils n’y réussissent pas. Leurs seuls traits originaux sont des traits de cruauté. Ils ont fait néanmoins, depuis deux mois, et même avant la déclaration de guerre, des débauches de plaisanteries. Leurs cartes postales du mois de juin dernier sont ruisselantes de gaieté — d’une gaieté insolente, comme il convient, et lourde, et grossière. Nous nous en sommes fait envoyer une collection et nous allons en montrer quelques-unes aux lecteurs français, chaque fois que nous aurons un peu de place pour étaler ces caractéristiques laideurs. Diese Auslassungen sind in ihrer Verallgemeinerung natürlich unzutreffend; aber das Recht auf eine scharfe Kritik solcher unwürdigen Hurrastimmung darf man dem französischen Blatte nicht absprechen. Glücklicherweise wandten sich Ministerien, Generalkommandos und auch Künstlerverbände in Rundschreiben und Erlassen gegen diesen Unfug, auch die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ machte dagegen mobil. Das Leipziger Polizeiamt traf schon im Dezember 1914 die vernünftige Anordnung, daß dem Verbote anheimfallen werden „Darstellungen auf Postkarten oder Bilderbogen, die auf eine unwürdige Verkleinerung oder Verunglimpfung unserer anerkannt tapferen Feinde, deren Herrscher und Heerführer hinausliefen“. — Wie traurig muß es aber im Hirn jener Menschen aussehen, die solche unsinnige Karten auch noch an die Kämpfer in die Front sandten. Unsere Truppen, die sich täglich mit den zähen und doch auch für ihr Vaterland kämpfenden Engländern und Franzosen herumschlagen müssen, haben denn auch glücklicherweise diese Art Kunst nicht zu würdigen gewußt. Erst vom Schlachtfeld selber mußte die Mahnung zur Einkehr kommen. Besser als jede Erörterung spricht der Brief eines Kompagnieführers, der der „Kölnischen Zeitung“ zur Verfügung gestellt wurde: „Ich habe bei der Verteilung der Postsachen an die Mannschaften verschiedentlich beobachtet, wie sich darunter Karten befanden, die die besiegten Franzosen, Engländer und Russen in geschmackloser Weise verhöhnten. Der Eindruck ist ein höchst bemerkenswerter. Fast keiner freute sich über die Karten, im Gegenteil drückte jeder Mann sein Mißfallen darüber aus. Ich habe einen Mann gesehen, dem die Tränen in die Augen traten. Wir sehen das unsägliche Elend des Schlachtfeldes. Wir freuen uns zwar auch über die Siege, aber unsere Freude ist gedämpft durch die Erinnerung an die traurigen Bilder, die wir fast täglich vor Augen haben. Und unsere Gegner haben es wahrlich zum weitaus größten Teile nicht verdient, daß man sie so verspottet. Hätten sie sich nicht so tapfer geschlagen, so hätten wir nicht solche Verluste zu verzeichnen. Ist daher schon an und für sich eine solche Karte meines Erachtens äußerst geschmacklos, so wirkt sie hier im Felde angesichts unserer Toten und Verwundeten geradezu widerwärtig. Die paßt ins Feld wie ein Clown auf ein Leichenbegängnis.“ Glücklicherweise lehnte also die große Mehrheit diese zwar nicht witzigen, dafür aber um so alberneren Produkte energisch ab. Man kann diese „Zeichner“ am besten mit jenen patriotischen Maulhelden vergleichen, die in jedem einen Vaterlandsverräter sehen, der nicht alle Engländer und Franzosen für ausgemachte Schurken erklärt. Aber nicht nur in den Karten, auch in manchen Witzblättern fand sich derartige Afterkunst. Oder zeugt es wirklich von so fabelhaftem Geiste, nach der Schlacht von Tannenberg immer und immer wieder den Russen zu zeichnen, wie er im Sumpfe „ersauft“ und mit der Wodkaflasche um Hilfe ruft? (Den „Künstlern“ sollte eigentlich bekannt sein, daß auch im russischen Heere streng auf Abstinenz gehalten wird.) Hindenburgs überwältigend großartige Leistung verliert auch dann kein Jota von ihrer Bedeutung, wenn man sich über den Erstickungstod von Hunderttausenden nicht lustig macht. — Viel berechtigter waren die Witze und Bilder über russische Unwissenheit und Bestechlichkeit. Solche hat uns in klassischer Form bereits Victor Hehn in seinem Buche „De moribus Ruthenorum“ überliefert, wie die Geschichte von dem ehrlichen Verwalter, der über das Verhältnis des männlichen Geschlechts zum weiblichen in seinem Bezirk berichten sollte und der erwiderte, das Verhältnis sei ein ganz angenehmes. Oder die Erzählung von dem Major, der an der Wolga über die Anzahl der Singvögel in dem ihm untergebenen Bezirk berichten sollte, und meldete, es seien deren 7500. Dies wunderte die Kontrollstelle; man befragte ihn, wie er auf die Zahl gekommen sei. Er antwortete treuherzig: „Ich dachte, kommt ein Revisor, so sage ich, die fehlenden sind in die benachbarten Kreise geflogen oder die darüber befindlichen sind aus dem Nachbarkreis herangeflogen.“ Oder die von dem Polizeihauptmann, dem Instrumente geschickt wurden, um danach über alle atmosphärischen Erscheinungen Beobachtungen anzustellen. Er beriet sich mit seinem Schreiber, was das bedeute. Sie kamen überein, es handle sich wohl um Fremdenpolizei. Die Instrumente wurden sorgfältig im Waffendepot des Bezirks niedergelegt. Nach längerer Zeit wurde angefragt, warum keine Berichte von ihm einliefen. Er antwortete, die Instrumente seien angelangt und wohl aufgehoben, die Erscheinungen seien ausgeblieben und von Atmosphäre habe er seit Jahren nichts bemerkt. —
Abb. 16-18. Aus George Morrow: „An Alphabet of the War“.
(Punch Almanack for 1915.)
An der Geschmacklosigkeit der oben genannten Erzeugnisse ändert die Tatsache nichts, daß auch das feindliche Ausland groben Schmähungen Raum gab. In England richtete sich der Haß vornehmlich gegen den deutschen Kaiser. Der Engländer sieht nicht oder will nicht sehen, daß seine eigene Regierung die Hauptschuld an dem unsäglichen Elend trägt, das dieser Krieg im Gefolge hat. („Wenn zwei sich streiten, freut sich der Brite“); ihm gilt „The Kaiser“ als der Urheber des Krieges. Wir können uns hier auf das älteste und bedeutendste Londoner Witzblatt, den „Punch“, beschränken; seine allwöchentlichen Kartons beschäftigen sich fast durchweg mit Wilhelm II. Er ist immer der Herrscher von Gottes Gnaden, mit dem aufgesträubten Schnurrbart; so verlangt ihn das englische Publikum zu sehen, denn an diese Art der Darstellung hat es sich nun einmal gewöhnt und läßt nicht davon ab.
ENTERPRISE ON OUR EAST COAST.
The Anti-Zeppelin bath-chair.
Abb. 19. C. Harrison: Der patentierte Badestuhl.
Satire auf die Furcht der Engländer vor den Zeppelinen. (Punch, London.)
Man findet in englischen Blättern kein Wort des Abscheus gegen die Scheußlichkeiten, deren sich der farbige zoologische Garten, den England in Europa mitkämpfen läßt, schuldig macht. Wenn aber eine verirrte deutsche Kugel ein Schloß oder eine Kirche trifft, so entsteht ein furchtbares Geheul über die „Barbaren“. Dabei stand in England die Wiege der politischen Satire, von keinem Presseparagraphen oder Verbote behelligt. Hier konnten Gillray und Hogarth ungehindert ihre Hiebe gegen die Fehler des eigenen Landes austeilen: ihre Nachfolger von heute ziehen es vor, darauf zu verzichten. Raven Hill, Bernard Partridge und vor allem der bekannteste Zeichner des „Punch“, F. H. Townsend, zeigen den Kaiser als Verbreiter von Lügendepeschen an die Neutralen, als Dachshund, der vor Amerika „schön macht“, als den Verführer der Türkei. Auch gegen den Kronprinzen werden die kindlichsten Lügen vorgebracht; eine Abbildung zeigt ihn französische Schlösser ausraubend als Geldschrankknacker! (Ähnliche Darstellungen brachten die französischen Spottbilder im siebziger Kriege auf Bismarck und die preußische Landwehr.) Aber, wir wollen ehrlich sein: sind nicht auch in unsern Blättern genügend solche Entgleisungen vorgekommen? Der Zar als Mörder und Brandstifter, Frankreich als gemeine Dirne, der englische König als ihr Zuhälter waren gar keine so seltenen Erscheinungen! Und auch da hatte die „Norddeutsche Allgemeine“ recht, wenn sie schrieb: „Dergleichen entspricht nicht der Würde der deutschen Nation. Wir müssen eine Ehre darein setzen, dem Gegner nicht nur auf dem Schlachtfeld überlegen zu sein, sondern auch in der Art, wie wir den Krieg mit geistigen Waffen führen. Den Feind, mit dem wir auf dem Felde der Ehre die Klinge kreuzen, durch niedrige Schmähbilder und Schimpfreden anzugreifen, ist nicht vornehm und setzt die Ehre der Nation herab, die sich solcher Mittel bedient. Überlassen wir das denen, die es nötig haben, den englischen Mob, die Pariser Apachen und die russischen Muschiks bei guter Laune zu erhalten. Unser deutsches Volk bedarf zur Belebung seines kriegerischen Schwunges solcher giftigen Medikamente nicht. Es trägt die Kraft, den Feind zu besiegen, in sich selbst. Darum fort mit diesen Schmähbildern und Karten aus unseren Witzblättern und Schaufenstern!“
Es war der bekannte Bibliograph der zeitgenössischen Karikatur, der deutschfreundlich gesinnte Grand-Carteret, der bereits vor zehn Jahren den heutigen Krieg und die politische Konstellation der dabei beteiligten Völker genau vorausgesehen hat. In seinem Buche über Eduard VII. „L’Oncle de l’Europe“ (deutsch bei A. Hofmann & Co. in Berlin) schreibt der geistvolle Franzose in einem Kapitel „Das Persönliche in der Karikatur, Onkel und Neffe“ die folgenden prophetischen Worte nieder, auf die jetzt zuerst die „Frankfurter Zeitung“ wieder aufmerksam machte und die gleichzeitig auch die wahren Gründe des Krieges treffen:
„Zeigt sich Wilhelm II. in diesem Ringen als der Vorkämpfer der immer größer werdenden Expansionskraft Deutschlands auf dem Gebiete der Industrie und des Handels, die gebieterisch für ihre reichen Erzeugnisse neue Absatzgebiete auf dem Weltmarkt fordern, so sehen wir im Gegensatz hierzu Eduard als den Verteidiger uralter Privilegien der englischen Nation, die bisher als größte Handelsmacht der Welt unbestritten die Hegemonie über den Erdkreis besaß und sich nun plötzlich einem Rivalen gegenübersieht, dessen Emporkommen sie nie und nimmermehr glaubte fürchten zu brauchen. Und dieser Kampf zwischen den beiden großen Mächten wird die Welt einst zu der Frage drängen: „Wird Europa englisch oder deutsch sein?“ Selbstverständlich handelt es sich dabei nicht um territoriale Eroberungen von deutscher oder englischer Seite, sondern um das moralische und tatsächliche Übergewicht, das sich durch seinen Einfluß, seine Sprache, seinen Handel, seine starke Lebenskraft äußert und das mehr oder weniger die anderen Nationen vielleicht einmal dazu zwingen wird, in gewissem Sinne Tributstaaten der einen oder anderen dieser Mächte zu werden, deren Ausdehnung schon so bedeutend ist und immer größer wird! Also: Eduard oder Wilhelm! Der Onkel oder der Neffe! Der erste stützt sich auf Frankreich, der andere hat in Österreich seinen treuesten Verbündeten gefunden. Und wer weiß, ob sich nicht dereinst im entscheidenden Moment die asiatischen Völker in die europäischen Angelegenheiten mischen werden, die Völker, die man gestern noch verächtlich Barbaren nannte, weil sie keine Christen sind? Wenn sich der Onkel in diesem Spiel — soll man ihn nun den guten oder bösen Onkel nennen? — gezwungen sähe, die japanischen Trümpfe auszuspielen, so würde sein Neffe sicher bei seinen getreuen Alliierten, den Türken, Hilfe finden. Die Karikatur mit ihrem oft prophetischen Blick hat sich dieses Problems bemächtigt und wird zu seiner Lösung beitragen, denn die Karikatur in ihren politischen Darbietungen spricht die Sprache der Völker, in ihr widerspiegeln sich die Anschauungen und Meinungen der Volksmassen, und diese sind es doch schließlich, die das Schicksal der Nationen entscheiden.“
So schrieb vor Jahren Grand-Carteret, und jetzt ist die Saat, die Eduard VII. gesät hat, aufgegangen.
In den englischen Kartons gegen Wilhelm II. steckt kein wirklicher Humor, kein attisches Salz. Der sehr fruchtbare Zeichner Townsend muß den im Frühjahr 1914 im Alter von 94 Jahren verstorbenen John Tenniel ersetzen, der ein halbes Jahrhundert lang für den „Punch“ etwa dreitausend Blätter geschaffen hat und dessen Zeichnung Dropping the Pilot (Bismarck verläßt das Reichsschiff, nachdem er es durch alle Fährnisse gesteuert hat) auch in Deutschland wohlbekannt ist. Dabei mag daran erinnert werden, daß die Engländer auch in den deutschen Einigungskriegen von 1864-1871 stets auf Seiten unserer Gegner gestanden haben. In der „Fine Art Society“ waren im Herbst 1914 solche Zeichnungen im Original ausgestellt. Die Spottblätter des „Punch“ gegen Wilhelm I. reden eine deutliche Sprache. Der „Punch“ hat jetzt eine Serie davon unter dem Titel „Punch and the Prussian Bully“ veröffentlicht als Kampfmittel gegen den „preußischen Militarismus“ (Bully bedeutet hier soviel wie Eisenfresser). Schon damals wurde der Deutsche als täppischer Bauer dargestellt mit Schirmmütze, Pfeife im Mund, Brille auf der roten Nase und Holzpantoffeln oder schweren Stiefeln. Und die Kenntnis der Engländer von deutschem Wesen scheint sich seither nicht beträchtlich erweitert zu haben: auch jetzt gelten dieselben Dinge noch als Attribute, um den „Teutonen“ zu charakterisieren; nur die Knackwurst ist hinzugetreten. Typisch für diese Art der Darstellung ist das im August 1914 erschienene Blatt von Townsend „Bravo, Belgium!“, das in England rasch volkstümlich wurde (Abb. 14). — Die unvermeidliche Wurst erscheint neben den Maßkrügen auf jedem Bilde, wo Deutsche vereinigt sind, wie zum Beispiel in einer Zeichnung „Bei Bethmann“ mit Karikaturen auf den Kaiser, den Kronprinzen, den Reichskanzler und die bekanntesten Generale; auch da liegt die Wurst auf dem Flügel, auf dem der Thronfolger den „Tag“ spielt (nicht die Scherlsche Zeitung, sondern den angeblichen Trinkspruch deutscher Seeleute gegen England „The Day“!)