„No one can be stout with more charm than a German“

Abb. 20. George Morrow: „Niemand trägt seine Dicke mit mehr Grazie als ein Deutscher“.

Aus „In Gentlest Germany“, der Parodie auf Sven Hedin’s Buch.

Abb. 21. E. Nunes: Wie Frankreich seine Kirchen schützt.

(Meggendorfer Blätter. München.)

Wesentlich harmloser sind die Karikaturen, mit denen sich die Engländer selber verspotten; diese Selbstironisierung hat wenigstens etwas Versöhnendes an sich. Harrisons „Badestuhl“ (Abb. 19) ist ein Scherz auf die Zeppelinfurcht, Townsends Szene im Barbierladen ein solcher auf die Angst vor den überall eingedrungenen Deutschen (Abb. 15). Besonders die Spionenfurcht trieb in London derartige Blüten, daß auch englische Zeitungen darüber zu spotten begannen. „Evening Standard“ veröffentlichte folgenden Dialog: „Was machen Sie hier? Sie wollen doch sicherlich spionieren!“ fragt ein Schutzmann ein verdächtiges Individuum. — „Nein, ich wollte nur einbrechen!“ — „Dann entschuldigen Sie bitte!“ — — Und nachdem man in England erkannte, daß der Krieg doch kein „Gänsemarsch mit Militärmusik“ ist, wie man anfangs dachte, spotteten sogar die „Times“ über die Erfolge der Verbündeten. Auch George Morrows Geschichte von dem Kubisten ist gut, der seine bis dato unverkäuflichen Bilder „Tulpenstilleben“, „Damenporträt“ und „Frühlingssang“ nun als „Zerstörung von Löwen“, „Ruinen der Reimser Kathedrale“ und „Die Hunnen“ spielend absetzt. Viel des Interessanten enthält der „Punch-Almanack“ auf 1915. In Anlehnung an die jedem englischen Kinde geläufigen „Mother Goose’s Nursery Rhymes“ mit ihrem ganz eigenartigen Rhythmus, der das Einprägen dieser Verse so spielend leicht macht, werden die politischen Ereignisse vorgeführt. Da ist eine Serie „When William comes to London“. Dann erhalten die englischen Parlamentarier, die nicht bedingungslos für den Krieg stimmten, besondere Auszeichnungen: Ramsay das Eiserne Kreuz, Hardie als Keir von Hardie den Nobelpreis (erstaunt blickt auf diesem Bilde der kaiserliche Dackel die ihm ganz ungewohnte zerknüllte Hose des Arbeiterführers an). Hardie hatte seinen Landsleuten vorgeworfen, sie hätten eine Lügenfabrik errichtet, von der auf Bestellung deutsche Greueltaten geliefert würden. Auch das politische Alphabet fehlt nicht (Abb. 16, 17, 18); R eine Verspottung der Russen, die nicht in Frankreich landen konnten. Und eine Nachdichtung auf das berühmte „Mary had a little lamb“ ist da, nur heißt sie „Willie had a little Wolff“ (das offizielle Telegraphenbureau). Dieser „Punch-Almanack“ hält sich von allem ausgesprochen Rohen frei; er wird als ein amüsantes zeitgeschichtliches Dokument (das natürlich von Engländern und für Engländer verfaßt ist) auch in späteren Zeiten oft genannt werden.

Einen Geschäftszweig hat der Krieg in England sicher beeinträchtigt: das ist der Verlagsbuchhandel. Die Tatsache, daß der sonst wöchentlich erscheinende „Bookseller“ nur noch monatlich herauskommt und das monatliche „Book Monthly“ in eine Vierteljahrsschrift verwandelt wurde, ist ein deutlicher Beweis für das Gesagte, das übrigens von den Blättern selber zugegeben wird, die die Geschäftstätigkeit im englischen Buchhandel als wesentlich eingeschränkt bezeichnen.

Unter den neuen Veröffentlichungen in England nehmen die satirischen, mit Karikaturen illustrierten Schriften über den Krieg eine hervorragende Stelle ein. Die Bändchen sind sehr verschiedenartig, sie reichen vom gemeinsten, blödesten Machwerk bis zur witzigen Parodie. Zu den ersteren gehören neben einem scheußlichen Karikaturenwerk von Dyson, von dem es auch eine Luxusausgabe für mehrere Pfund gibt, gemeine Pamphlete gegen den Kaiser. Diesen Erzeugnissen liegen immer bekannte Vorbilder zugrunde. Die größte Verbreitung fand eine Nachahmung des Struwwelpeter „Swollen Headed William“, von der drei starke Auflagen in Zeit von einer Woche verkauft wurden (jetzt vergriffen). Auch hier also die Anlehnung an ein berühmtes Original. (Abb. 24.)

Abb. 22. Albert Hahn: Der Baustil des 20. Jahrhunderts.

Karikatur auf den Mißbrauch der Reimser Kathedrale. (De Notenkraker.)

The Allies’ Alphabet von Fay und Morrow ist eines jener, besonders in England zahlreichen Alphabet-Bücher, wie wir sie ähnlich, beispielsweise in den Busch’schen Bilderbogen, besitzen, die ja auch zahlreich parodiert wurden („der Affe sehr possierlich ist“). Die, auch durch Verwendung von viel Rot, stark blutrünstigen Bilder bewegen sich teilweise im Stile der gehässigen Karikaturen des Holländers Raemaekers und der französischen Boulevardpostkarten. Erheiternd wirkt es heute, wenn wir ein Bild sehen, auf dem ein riesenhafter Russe die Deutschen von der Erde vertreibt:

R stands for Russia: she’s proving her worth
By telling the Germans to get off the earth
(R steht für Rußland, es zeigt seinen Wert
Durch Befehl an die Deutschen, zu verlassen die Erd’)

Oder, wenn wir einen Omnibus mit der Aufschrift „To Berlin“ voller jubelnder Tommies erblicken:

O is an omnibus, full out and in:
It carries you free, and it’s labelled ‚Berlin‘
(O ist ein Omnibus, voll draußen und drin,
Die Fahrt, die ist frei, das Ziel heißt „Berlin“.)

Bisweilen sollen die Verse auch Wortspiele bringen:

P is the part little Willie would play:
He thinks it’s a Bona-part. What do you say?
(P ist der Part, den klein Willie erkor;
Er glaubt, ’s ist ein Bona-part. Wie kommt es euch vor?)

Wicked Willie von Margaret A. Rawlins mit Illustrationen von Gwen Forwood und Florence Holmes geht nicht nur unter der Marke einer Jugendschrift, sondern ist wirklich ein Buch für Kinder und hält sich daher auch von allem fern, was für Kinderaugen nicht bestimmt ist. Der Verfasserin schwebte das 1871 erschienene „Dame Europa’s School“ vor, an das sie sich nach dem Grundsatze Imitation is the sincerest flattery anlehnt; auch die „Dame Europa“ war eine Geschichte des deutsch-französischen Krieges für englische Kinder (das sehr selten gewordene Buch ist übrigens jetzt nach 44 Jahren neu aufgelegt worden). Der Wicked Willie soll den Weltkrieg (selbstverständlich vom englischen Standpunkte aus) den Kleinen verständlich machen; die Nationen treten hier als Kinder (Wicked Willie, Poor Joseph, Fezzie [Türkei], Little Albert, Little Helvetia usw.) handelnd auf. „Einst war“, so beginnt der hübsch gedruckte Quartband, „Tante Europas Schule nicht größer als andere Schulen auch; die meisten Kinder waren unwissende, gutmütige kleine Dinger, sie standen herum, die Finger im Munde, und gehorchten den Anordnungen der wenigen, die größer und klüger waren. Natürlich konnten sie, wie das bei Kindern nun mal so ist, nicht immer friedlich miteinander spielen ..., aber erst, als die Schule immer ausgedehnter und bedeutender wurde, da begann der große Streit, der jetzt noch anhält ...“ — Für Erwachsene bestimmt sind trotz des Titels die Nursery Rhymes for Fighting Times von Elphinstone Thorpe, illustriert von Stevens. An der Hand altberühmter englischer Reime, wie sie Mütter und Erzieherinnen den Kindern vorsagen, werden hier die politischen Ereignisse satirisch behandelt:

Old Kaiser Hubbard attacked a French cupboard,
To collar a Paris bone:
At Mons and Cambrai, British troops barred the way,
And so the poor dog had none.
(Kaiser Hubbard, alt und krank
Stürmt einen welschen Speiseschrank,
Einen Pariser Knochen zu erhaschen.
Bei Mons und Cambrai
Hindern ihn Briten, o weh,
Und so kann der arme Dackel nicht naschen.)

Deutschland ist hier wieder als „Dachshund“ dargestellt. — Ähnliche Absichten verfolgt The Crown Prince’s First Lesson Book or Nursery Rhymes for the Times von George H. Powell mit Randleisten in kräftiger Holzschnittmanier von Scott Calder.

Abb. 23. Johan Braakensiek: Der Totenkopf-Schmetterling.

(De Amsterdammer, Amsterdam.)

4 THE STORY OF THE INKY BOYS.

As he had often done before,
For happy centuries and more,
The wealthy English colonist
(That stranger to the Maily Fist),
Beneath whose skilful, kindly sway
Our vast dominions smile each day,
One summer morning sallied out
To see his lands and walk about.
And as the sun was hot, good fellow,
He took with him his green umbrella.
Then William, little noisy wag,
Ran out and jeered and waved his flag;
And Bethmann-Hollweg, smug and trim,
Bringing his treaty shears with him;
Bernhardi, too, snatched up his toys
And joined the other envious boys;
For all disliked the English race,
And loathed this fellow's prosperous face.
“We also want to feel the sun”;
They said, “come, show us how it's done!
We want a place within it, too;
We're more deserving far than you—
We want your place! Yah Yah! Boo Boo”!

Abb. 24. Eine Seite (stark verkleinert) aus „The swollen-headed William“, der englischen politischen Struwwelpeter-Parodie.

Auf Sven Hedins berühmtes Buch „Ein Volk in Waffen“ ist ähnlich ausgestattet wie die deutsche Volksausgabe eine Parodie erschienen: In Gentlest Germany by Hun Svedend. Translated from the Svengalese by E. V. Lucas with 45 illustrations a. 1 map by George Morrow. Bei dem „Svengalesischen“ hat der Verfasser wohl auch an die bekannte Figur des Svengali aus „Trilby“ gedacht. Die kleinen Schwächen des Hedinschen Originals (sie kommen dem großen Werte des Werkes gegenüber ja gar nicht in Betracht) sind geschickt ausgenutzt. Die Anlage des Buches ist ganz neuartig: der Text der Satire hält sich meist wörtlich an das Vorbild, und der Verfasser Lucas wirft nur ein paar Brocken (die er natürlich Hedin in den Mund legt) dazwischen, um den Originaltext ins Lächerliche zu ziehen. Vielleicht wird es am besten durch ein Stück aus dem Text gezeigt, das hier folgt; die in gewöhnlicher Schrift gedruckten Sätze entsprechen wörtlich dem Texte Sven Hedins (in der billigen Ausgabe Seite 32), die gesperrt gedruckten Stellen sind Zusätze von Lucas:

(Hedin schildert, wie einfach die Speisenfolge im Hauptquartier des Kaisers ist und dann die Unterhaltung bei Tisch): „Der Kaiser sprach fast die ganze Zeit mit mir, nannte mich stets ‚mein lieber Hun Svedend‘, er knüpfte an meinen letzten Vortrag in Berlin an, dem er beigewohnt hatte: Tibet, wo ich so unruhige Zeiten erlebte, werde wohl bald das einzige Land auf der Erde sein, das Ruhe habe; das mache ihn stolz und glücklich. Mich freute besonders zu hören, mit welcher Achtung und Sympathie der Kaiser sich über Frankreich aussprach. Er beklagte die Notwendigkeit, die ihn gegen seinen Wunsch gezwungen habe, sein Heer gegen die Franzosen zu führen. Er hoffte, daß die Zeit kommen werde, da Deutsche und Franzosen gute Nachbarschaft halten können, wie Löwe und Lamm, wenn das Lamm bequem eingebettet im Magen des Löwen liegt. Wenn die Franzosen eine Ahnung von der wirklichen Denkweise des Kaisers hätten, würden sie ihn ganz anders beurteilen als jetzt. Warum sie diese Ahnung nicht haben, könne Er nicht begreifen. Sicherlich wären sie doch nicht so kindisch, um sich durch die feindlichen Bewegungen Seiner Heere beeinflussen zu lassen.

Die Engländer sind wütend auf Hedin, weil er der Freund eines Landes geworden ist, gegen welches England kämpft. England, das ihn (Hedin) zum Ehrendoktor von Cambridge und Oxford gemacht hat! „In Gentlest Germany“ soll die Rache dafür sein.

Abb. 25. „Bethmann Hollweg, nervously tearing his menu card into little bits.“ (Bethmann Hollweg zerreißt die Tischkarte in kleine Fetzen.) Anspielung auf die Bezeichnung des belgischen Unabhängigkeits-Vertrags als eines Fetzens Papier. Aus der Parodie „In Gentlest Germany“ by Hun Svedend, ill. von Geo. Morrow.

In Holland sind eine große Reihe tüchtiger Karikaturisten an der Arbeit, den Krieg im Bilde festzuhalten. Für den „Amsterdammer“ zeichnet seit 1887 der 1858 geborene Johan Braakensiek wöchentlich etwa zwei Satiren über aktuelle politische Ereignisse, in nicht gerade übermäßig witziger, oft eher hausbackener Art. Im Bestreben, nirgends anzustoßen, bleibt er meist sehr korrekt. Das Beste, was er geschaffen hat, ist der Totenkopf-Schmetterling (Abb. 23) mit der Unterschrift „Geht fort, wir wollen gegen Unbewaffnete nicht kämpfen“. Von ihm rührt auch die in Abb. 1 wiedergegebene Lithographie her, die kurz nach Ausbruch des Krieges erschien; der Tod redet den ermordeten Erzherzog an: „Königliche Hoheit, ich habe geglaubt, eine Fürstlichkeit wie Sie darf nicht ohne Gefolge reisen“ (nämlich nicht ohne Gefolge ins Jenseits, daher im Hintergrunde die Schemen der Gefallenen). Nur einmal hat Braakensiek sein Phlegma verloren, das war nach dem Untergang der Lusitania, auf den später noch besonders eingegangen werden soll.

Der Wochenschrift „De Amsterdammer“ ist in dem „Nieuwe Amsterdammer“, der Anfang 1915 gegründet wurde, eine schwer ins Gewicht fallende Mitbewerberin erwachsen. Das neue Blatt hat es verstanden, sich einen der allerbedeutendsten Karikaturisten Hollands, Piet van der Hem, als dauernden Mitarbeiter zu sichern. Die Reihe der großen farbigen Blätter, die er für die genannte Zeitschrift geliefert hat, gehören zum Besten und Stimmungsvollsten des ganzen Krieges, so zum Beispiel die „Versuchung des heiligen Antonius“ (Abb. 6), dann das Blatt, das nach dem Untergang der Lusitania entstand und in das Redaktionsbureau einer deutschen Zeitung versetzt (Abb. 66), vor allem aber auch ein Blatt „De nieuwe Dood“ (Abb. 73). Viele dieser Zeichnungen sind von tiefem sittlichen Ernst erfüllt.

Abb. 26. „Mr. (or Herr) Bernard Shaw“.

Aus „In Gentlest Germany“ ill. von George Morrow.

Für das Wochenblatt „De Notenkraker“, einer Beilage der bekannten sozialdemokratischen Zeitung „Het Volk“, arbeitet der an die deutschen Simplicissimuszeichner erinnernde Albert Hahn; in knapper Form und ohne viel Beiwerk gibt er seinen Gedanken bildlichen Ausdruck. Ihm erscheint der Krieg nicht als das Werk eines einzelnen, er sieht die Dinge von einer höheren Warte. In Abb. 22 polemisiert er gegen die Verwendung der Reimser Kathedrale als militärischen Stützpunkt durch die Franzosen. Die gleiche Absicht leitet E. Nunes in den „Meggendorfer Blättern“ (Abbildung 21).

Abb. 27. Jordaan: Der Suezkanal.

Deutschland zur Türkei: „Packe ihn an der Gurgel!“

(De Notenkraker, Amsterdam.)

Für den „Notenkraker“ zeichnet auch Jordaan; die Karikatur „Der Suezkanal“ (Abb. 27) ist sein Werk. Der deutschfeindliche „De Telegraaf“ bringt Beiträge von Louis Raemaekers. Es sind ihm eine ganze Reihe ergreifender Darstellungen des Kriegselends gelungen; viele sind ganz objektiv gehalten, ohne einzelne Völker treffen zu wollen. Aber das Schicksal Belgiens, des stammverwandten Landes, hat ihm den Griffel in die Hand gedrückt, um seinem Haß gegen die „Eroberer“ Luft zu machen. Wenn sein Temperament mit ihm durchgeht, dann werden für ihn die Deutschen zu „Barbaren“, dann zeigt er belgische Bürger, die den deutschen Truppen vorausmarschieren müssen, um im feindlichen Kugelregen zusammenzubrechen, dann führt man Krieg mit den toten Meistern der Kunst van Eyck, Massys und Rubens, die auf einem Scheiterhaufen stehen, vor dem deutsche Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett Wacht halten. Eine Reihe seiner Darstellungen des Kriegselends und seiner Spottbilder hat er im Verlage „Elsevier“ auch als Alben herausgegeben.

Auf einzelne Werke der hier genannten holländischen Zeichner wird an andern Stellen noch näher eingegangen werden.

Abb. 28. Türkische Karikatur: „Zur Schlachtbank“.

Die Verbündeten müssen England Vorspanndienste leisten.

(Hodja, Konstantinopel.)

Unter den Blättern unserer Verbündeten steht die „Muskete“ an der Spitze, eine ähnliche Stellung in Österreich einnehmend wie in Deutschland der „Simplicissimus“, sie zählt eine ganze Reihe tüchtiger Illustratoren zu ihren ständigen Mitarbeitern. Zu ihnen gehört beispielsweise Rudolf Herrmann. Das Thema, das er in der Abb. 13 trefflich behandelt, die Vorspanndienste, die die Verbündeten England leisten müssen, kommt auch in einer Zeichnung unseres anderen Bundesgenossen, wenn auch primitiver, zum Ausdruck, in der türkischen Karikatur, die wir hier wiedergeben (Abb. 28).

Abb. 29. Jack Walker: Wenn ich nur den anderen Stiefel auch anbekäme!

(Daily Graphic, London.)

Winter 1914-15.

The Rock of Germany

Abb. 30. Robert Carter: Deutschlands Felsen.

Hindenburg, an dem die russischen Wogen (die Wellenköpfe sind durch Bärenköpfe dargestellt) abprallen.

Amerikanische Zeichnung aus dem „Evening Sun“, New York.

Es waren ganz bestimmte Personen und ganz besondere Objekte, denen sich die Stifte und Pinsel der Karikaturenzeichner in erster Linie zuwandten: Menschen und Dinge, die rasch — und mit vollem Recht — eine unbegrenzte Volkstümlichkeit erwarben. Daß eine so prächtige und erfolgreiche Persönlichkeit wie Hindenburg, die für uns das neue deutsche Heldentum verkörpert, an die allererste Stelle rückte, war bei seinen großartigen Leistungen nur natürlich. Ein äußeres Zeichen wahrer Volkstümlichkeit zeigt sich in den Anekdoten, mit denen berühmte Männer, wie etwa Bismarck, umgeben werden. Das Volk webt um alles, was es liebt, einen förmlichen Sagenkreis. So war es auch bei dem großen Befreier des deutschen Ostens, der plötzlich wie ein Riese, bis dahin den meisten völlig unbekannt, vor uns stand. Gicht, Rheuma und alle möglichen Krankheiten sollten ihn plagen. Er wußte diese Dinge mit Humor in den zahlreichen Gesprächen mit Berichterstattern dankend von sich abzulehnen. Viel fester aber noch setzte sich die Mär, daß Hindenburg Sommer für Sommer in Ostpreußen zugebracht hätte, sich vom Garnisonkommando in Königsberg alljährlich eine Kanone entliehen und sie regelmäßig durch alle masurischen Seen und Sümpfe gezogen hätte, um diese auf ihre Tiefe zu prüfen! Man sollte es nicht für möglich halten, daß unter den vielen Tausenden von poetischen Erzeugnissen, mit denen der Generalfeldmarschall angesungen wurde (und die er dank seiner guten Gesundheit trefflich überstand), sich auch das Werk eines angesehenen Dichters befindet, die „Ballade von den masurischen Seen“ des Österreichers Franz Karl Ginzkey, die diese Geschichten allen Ernstes als Tatsachen behandelt und die damit in das Gebiet des unfreiwilligen Humors rückt. Aus dem in der Form gelungenen Gedicht, das namentlich auch das Gurgeln der Sümpfe lautmalend trefflich wiedergibt, diene folgender Abschnitt als Probe:

Es lebt keine Unke, kein Frosch, kein Lurch,
Die er nicht kennte durch und durch (!!)
Er kennt jeden Steg, jeden Busch und Verhack,
Er kennt jede Lack wie den eigenen Sack (!!)
Wie breit sie nach West, wie tief sie nach Ost,
Er kennt sie, als hätt’ er sie selber gekost’t. (!!)
Und immer hört er das Gurgeln dumpf:
Der Sumpf ist Trumpf, der Sumpf ist Trumpf.
Er schluckt die Russen mit Rumpf und Stumpf.

Man versuche nur, sich das einmal vorzustellen: die Prüfung aller der einzelnen Reptilien und Amphibien durch Hindenburg! Denn es „lebt keine Unke, kein Frosch, kein Lurch, die er nicht kennte durch und durch“. Der Dichter hat das Recht, sich der Hyperbel als einer poetischen Form zu bedienen, aber das hier geht denn doch zu weit! Was hat schließlich der anatomische Bau dieser harmlosen Tiere mit dem Verlaufe der Schlacht von Tannenberg zu schaffen? — Eine Reihe wirklich guter Scherze knüpft sich an den Namen Hindenburg. So zum Beispiel: „Weshalb hat der Zar Petersburg in Petrograd umgetauft?“ Antwort: „Weil er hinten (Hinden)burg nicht leiden kann.“ — Hindenburg ist Ehrendoktor aller vier Fakultäten. „Welchen davon hat er am meisten verdient?“ „Den Dr. med.; denn niemand hat in Ostpreußen so großartige und gelungene — Operationen ausgeführt wie er.“ Von dem Generalfeldmarschall erwartet man nach dem Burgfrieden einen Hindenburgfrieden, der Deutschland für alle Zeiten gegen neue Überfälle sichert. Und wie populär er auch gerade bei der Jugend ist, die nach Eintreffen seiner Siegesnachrichten schulfrei erhält, zeigt die Äußerung eines unvorbereiteten Quartaners vor der Lateinstunde: „Wenn Hindenburg heute keinen Sieg meldet, bin ich verloren!“ — Der Generalfeldmarschall wird immer im Scherzbilde und Scherzworte fortleben, ein Zeichen wahrer Volkstümlichkeit, die er in so hohem Maße nur noch mit Bismarck und Zeppelin gemeinsam hat. — Hier muß auch der Biertischstrategen gedacht werden. Niemand hat sie so köstlich karikiert wie Johnson im „Kladderadatsch“ in Anlehnung an Defreggers bekanntes Bild „Der Salontiroler“ (Abb. 31). Ein nettes Scherzgedicht von Hans Flux in der „Schwäbischen Tagwacht“ richtet sich gegen diese Besserwisser:

Zu Cannstatt ob dem Stammtisch
Hängt Hindenburg im Bild,
Es blickt der Schlachtenmeister
So freundlich und so mild.
Worüber mag sich freuen
Grad hier der große Mann?
Weil er von diesem Stammtisch
Noch recht viel lernen kann.

Abb. 31. A. Johnson: Der Salonstratege.

(Kladderadatsch, Berlin.)

The Piper Von Hindenburg

Abb. 32. Robert Carter: Der Bärenfänger Hindenburg.

Amerikanische Karikatur aus dem „Evening Sun“, New York.

Abb. 33. Shonk: Hindenburg aus Schwertern, Kanonen und Truppen zusammengesetzt.

(Daily Times, Portsmouth.)

Einem Hindenburg gegenüber verstummten auch deutschfeindliche Blätter des Auslandes mit ihren Anklagen, er wird auch in der amerikanischen Presse als „the man of the hour“ gefeiert (Abb. 30, 32, 33). Unter dem Eindrucke der großen deutschen Erfolge können auch die Zeichner, die sonst Deutschland nicht gerade freundlich gesinnt sind, nicht anders; sie bringen zwischendurch germanophile Blätter. Auf Abb. 34 ruft der englische Löwe Polen an: „Nicht die Preußen, die Reußen will ich sprechen“. Mackensen: „Das tut mir leid, die sind gerade abgezogen.“

Abb. 34. Karikatur auf den russischen Rückzug.

England: „Not Prussia, Russia!“
v. Mackensen: „Russia has just stepped out!“

(Robert Carter in „Evening Sun“, New York.)

Einen Hindenburg macht eben niemand nach, obgleich eine Anzeige im „Breslauer Generalanzeiger“ lautet: „Hindenburg sowie sämtliche deutsche Heerführer liefert zu günstigsten Bedingungen Verlag Carl Tinius, Leipzig-Neustadt. Vertreter an allen Plätzen gesucht. Muster franko bei vorheriger Einsendung von einer Mark.“ — Man muß sich wirklich wundern, daß von der französischen, englischen und russischen Regierung nicht schon Bestellungen eingelaufen sind.

Was Hindenburg unter den Lebenden, ist der 42-Zentimeter-Mörser unter den leblosen Dingen. Oder soll man hier nicht auch lieber von einem Lebewesen sprechen? Das Volk hat diese volkstümlichste Waffe rasch personifiziert: männlich als „Großen Brummer“, weiblich als „Fleißige Berta“ oder auch „Dicke Berta“ zu Ehren der Besitzerin der Kruppwerke, die hier das Attribut der Dicke unverschuldet mit in den Kauf nehmen muß. Auch um die „Dicke Berta“ hat sich ein Sagenkreis gesponnen, erstens wegen ihrer rasch erworbenen Popularität, zweitens weil niemand etwas Näheres über sie erfuhr. Ging man doch so weit, ihre Existenz überhaupt leugnen zu wollen! Es ist eine der herrlichsten Erscheinungen in diesem Kriege, daß die wenigen Menschen, die um den 42-Zentimeter-Mörser wußten, das Geheimnis so wunderbar gehütet haben! Als nach Kriegsausbruch bekannt wurde, die Deutschen besäßen ein Riesengeschütz, aus dem wenige Schüsse genügten, die stärkste Festung zu Fall zu bringen (Lüttich hatte es ja gleich bewiesen), da ging ein Staunen durch die ganze Welt, gemischt mit geheimem Grauen. Der Mörser 42 aber wurde, wie später auch U 9, das Symbol deutscher Tüchtigkeit, das Wahrzeichen der militärischen Energie Deutschlands. Die Überlegenheit dieses Riesenmörsers erkannten auch die Neutralen restlos an. Es bildete sich Legende über Legende über den großen Brummer; die Hauptsache war, daß das Geschütz, wie ein Militärschriftsteller bemerkte, einige Armeen wert ist. Die Bezeichnung „Fleißige Berta“ sollte wohl den Gegensatz zur „Faulen Grete“ bringen, ein Name, der zuerst für Geschütze auftauchte, mit denen die Hohenzollernfürsten die aufsässigen Quitzows bekämpften.

Abb. 35. Joh. Braakensiek: Der Zauberer Mars.

(De Amsterdammer, Amsterdam.)

In Form eines Märchens hat Hans Natonek die Wirkung des „Großen Brummers“ besungen:

„In den letzten Julitagen war es, da klang es wie fernes Trompetengeschmetter durch die Luft. Und näher kam der Ton, immer näher, schwoll ungeheuer an, es war das Rasseln von tausend Kanonenrädern, der Tritt von Millionen und das Säbelklirren einer Welt, die zum Kampf aufzog. Die schlummernden Riesen erwachten. Im Dunkel der Nacht, von undurchdringlichem Geheimnis umhüllt, wurden sie verladen. Plötzlich — niemand wußte wie — standen sie vor einer mächtigen Feste mit Panzertürmen und Mauern aus Stahl und Beton. Lüttich. Wie Tiere, die man aus langer Gefangenschaft entlassen hat, nach Beute gierig, spähten die ungeheuren Schlünde in die Ferne. Dann brüllten sie auf, daß der Luftraum zusammenzukrachen schien, ein Feuerball, wie ein Komet mit blutrotem Schweif, sauste durch die Luft, die Panzertürme barsten, und die Mauern aus Stahl und Beton waren überhaupt nicht mehr da... Was sind die blutigen Kometen, die in sagenhaften Zeiten den Krieg verkündeten, gegen die brennenden Gase des Geschosses, das die Luft durchsaust! Die 42-Zentimeter-Granate war der Kriegskomet des Jahres 1914! Nun staunt die Welt. Die Sage spinnt geheimnisvolle Fama um den Riesenmörser, von dem man weiß, daß er da ist, unbestimmt ahnt, was er zu wirken vermag, um den es aber noch immer so märchenhaft dunkel ist, wie zuvor, als man noch gar nicht wußte, daß es so etwas in Wirklichkeit gibt.“

Abb. 36. Nirsoli: Der Gleichmacher.

Italienische Karikatur auf den deutschen 42 cm-Mörser.

(Il Numero, Rom.)

Abb. 37. M. Froehlich: Als Verlobte empfehlen sich der Onkel aus Friedrichshafen und die Tante aus Essen.

(Staats-Zeitung, New York.)

Abb. 38. George van Raemdonck: Die fleißige Berta.

(De Amsterdammer, Amsterdam.)

Der „Große Brummer“ oder „Dicke Berta“ hielten nun auch bald ihren Einzug in die Witzblätter; jeder Künstler stellte sie in seiner Art dar, und es ist reizvoll, eine Reihe solcher Darbietungen miteinander zu vergleichen. Das Material würde ausreichend sein für eine Monographie „Der große Brummer in der Karikatur“. M. Claus zeichnete ihn als fleißige, strickende korpulente Dame unter Innehaltung der Geschoßform (Abb. 44); Walter Trier als Nachtmahr des Zaren, auf dessen Bett er mit offenem Schlunde hockt, während gleichzeitig Zeppeline den Betthimmel umkreisen (ein Blatt, das besser ist als die meist recht rohen und humorlosen Zeichnungen dieses Künstlers); Peter Pfeffer stellte ihn einem Franzosen, der das Maul aufreißt, gegenüber („Na, nun wollen wir doch mal sehen, wer das letzte Wort behält!“); Gustav Brandt läßt ihn selbst den unverletzlichen indischen Fakir zerschmettern (Abb. 39); Thomas Theodor Heine zeigt das englische Gegenstück „Lord Kitcheners neuen Faktor“ (Abb. 40); W. A. Wellner zeichnet die „Dicke Berta“ im Wochenbett bei einem „Freudentag im Hause Krupp“, es hat gerade wieder ein Kind von ihr das Licht der Welt erblickt. Ein neu gegründetes Witzblatt, der „Brummer“, ein Ableger der „Lustigen Blätter“, führt seinen Namen nach dem Geschütz. Die Volkstümlichkeit des Riesenmörsers spiegelt sich auch in dem scherzhaften Briefe eines Frankfurter Konfektionärs aus dem Felde an die „Frankfurter Zeitung“ wider:

„Modelle zeigen diesmal wir Deutsche den Franzosen, und zwar hat ein bekanntes Haus in Essen zahlreiche piècen mit 42 Zentimeter Taillenweite herausgebracht, die, wo sie auch erscheinen, Staunen des Fachmanns und Verwunderung des Laien erregen. Die tonangebende Farbe für diese Saison ist feldgrau, sie hat die Versuche französischen Ursprungs, Rot und Blau zur Geltung zu bringen, überall siegreich aus dem Felde geschlagen. Die französischen Cutaways scheinen auch nicht die Sympathie ihrer Träger gefunden zu haben, denn sie wurden zahlreich vorzeitig abgelegt, da sie beim Laufen sehr hinderlich sind. Großen Vorrat haben wir in points. Es gibt zwei Sorten: points tirés à la main und à la machine. Letztere sind allerdings bei unseren Kunden sehr unbeliebt, da sie nolens volens sehr große Quantitäten in kürzester Zeit abnehmen müssen. Der Absatz von diesen Artikeln ist sehr hoch, da große englische Häuser extra auf den Kontinent gekommen sind, um noch davon abbekommen zu können. Der französische Markt scheint auch noch große Quantitäten davon aufnehmen zu wollen; wir sind aber genügend vorgesehen, um ihn vollständig zu befriedigen.“

Dem Fakir bei Altenglands Truppe
Ist jeder Kugelregen Schnuppe.

Auch gegen Waffen, welche länglich,
Ist er immun und unempfänglich!

 

Und selbst wenn die Granate platzt,
Der Fakir vor Vergnügen schmatzt.

Erst bei dem 42-Brummer
Hört man ein schmerzliches Gewummer!

Bei diesem Mörser, großkalibrig,
Bleibt selbst vom Fakir nichts mehr übrig!

Abb. 39. Gust. Brandt: Der unverletzbare Fakir.

(Kladderadatsch, Berlin.)

Abb. 40. Th. Th. Heine: Lord Kitcheners „furchtbarer neuer Faktor“.

(Simplicissimus, München.)

Abb. 41. P. de Jong: Der Unwiderstehliche.

(Antwerpen veroverd door den onweerstaanbare.)

Holländ. Karikatur.

Auch die Zeichner des Auslandes zeigten den Riesenmörser im Bilde. Zwar nicht die feindlichen Länder, obgleich deren Truppen besondere Bezeichnungen dafür haben: die Franzosen nennen die schweren deutschen Geschütze marmite, die Engländer Jack Johnson. Aber Holland und Amerika brachten recht geschickte Darstellungen. Johan Braakensiek schuf für „De Amsterdammer“ ein Blatt „Goochelaar Papa Mars“, der Kriegsgott als Zauberer mit den Mörsern (Abb. 35); der Holländer P. de Jong zeigt den Brummer eindrucksvoll als den Unwiderstehlichen, der die Jungfrau Antwerpen bezwungen hat und mit eisernen Klammern am Boden festhält (Abb. 41); ihr Schild mit der Aufschrift „Bundesgenossen“ ist zerbrochen, und alle anderen Geschütze erscheinen gegenüber dem Riesen wie Spielzeug. Eine ganz originelle Auffassung der „Fleißigen Berta“ bringt der Flame George van Raemdonck (Abb. 38), hier kommt neben dem Humor auch das Tragische zum Ausdruck: der Unterkörper hat die Form eines Grabhügels, drapiert mit Totenschädeln, Knochen und Schwertern, die Haare und der üppige Busen der Dame zeigen die Attribute des Todes, und selbst der Stiel des Lorgnons ist ein Totenknochen. Sidney Greene, der fruchtbare Karikaturist des New Yorker „Evening Telegram“ zeigt in seiner Verwandlungsfolge „From Pilsner to Powder“ (Abb. 43) die Entwicklung vom Frieden zum Kriege: aus dem harmlosen Pilsner und der Zigarre wird allmählich der 42-Zentimeter-Mörser und sein Geschoß. „A 42 centimeter Mistake“ betitelt sich die Zeichnung von Robert Carter, die zur Weihnachtszeit in dem New Yorker „Evening Sun“ erschien (Abb. 42). In Amerika kommt der Weihnachtsmann durch die Essen in die Häuser, um die zu diesem Zwecke hingehängten leeren Strümpfe der Kinder mit Gaben zu füllen; die hohen Rohre des Mörsers 42 hält er für Schornsteine. (Man darf dem alten Herrn den Irrtum nicht übelnehmen.) Sehr nett ist dann die Zeichnung von A. M. Froehlich in der „New Yorker Staats-Zeitung“: „den geehrten Verbündeten empfehlen sich als Verlobte der Onkel aus Friedrichshafen und die Tante aus Essen“ (Abb. 37). Die Idee, die diesem Scherzbilde der größten deutschen Tageszeitung Amerikas zugrunde liegt, ist recht gut: die „Dicke Berta“ und der „Zeppelin“ verloben sich, um zusammen zu wirken: die Verbindung der beiden möge die Geburt eines größeren Deutschlands in die Wege leiten!