Deutsche Kokospalmen-Plantage

Deutsche Kokospalmen-Plantage Vailele bei Apia.

Soll nun aber nur das auf den Samoa-Inseln liegende in deutschen Händen befindliche Land voll ertragsfähig gemacht werden, dann müssen allein dahin 30000 Arbeiter herangezogen werden, und als Arbeiterquellen können nur die Kingsmill-, Marshall-, Salomons-Inseln und Neu-Hebriden in Betracht kommen. Es hält zur Zeit nicht schwer, die jetzt erforderlichen Arbeiter zu engagiren und wird dies auch fernerhin leicht durchzuführen sein, sofern die genannten Inselgruppen unabhängig bleiben. Und daß dies erreicht werde, dazu will ich zunächst meinen Einfluß geltend machen, weil keine Zeit zu verlieren ist. Denn die Fidji-Inseln verlangen schon so große Arbeitermassen, daß die Colonialregierung versucht, Kulis von Indien einzuführen, und einen Theil der Unkosten trägt, um die Pflanzer zu unterstützen. Diese sind indeß mit dieser Maßnahme nicht ganz zufrieden, weil wegen des langen Seewegs die Arbeiterzufuhr nicht genügend gesichert erscheint und drängen nach Annectirung zunächst der Neu-Hebriden und Salomons-Inseln. Hiermit würde aber jede fremde Arbeiterausfuhr dort ausgeschlossen sein, weil England den Eingeborenen seiner Colonien nur die Auswanderung nach den eigenen Colonien gestattet.

Doch nun zurück nach Funafuti.

Grundriß der Insel Funafuti.

Grundriß der Insel Funafuti

Die nebenstehende Skizze gibt den Grundriß der Insel. Die doppelt punktirte Linie ist das Korallenriff, welches in beinahe viereckiger Form die Lagune einschließt; die zwischen den punktirten Linien liegenden schwarzen Körper sind die Inseln, welche über dem Meeresspiegel liegen und mit Bäumen und Strauchwerk bestanden sind; da wo die punktirte Linie unterbrochen ist, soll sehr tiefes Wasser sein, ist aber in Wirklichkeit nicht vorhanden. Die mit Pfeilspitzen versehene ausgezogene Linie ist der Weg des Schiffes in die Lagune und wieder aus derselben heraus, der eingezeichnete kleine Anker gibt den Ankerplatz des Schiffes. Der große Durchmesser der Lagune beträgt acht Seemeilen oder zwei deutsche Meilen, der kleine 4½ Seemeilen; die Länge der großen Insel beträgt fünf Seemeilen, die Breite ¼ Meile oder ungefähr 500 m. Die Tiefe des Wassers in der Lagune ist mit Ausnahme einiger in ihr liegenden Korallenbänke fast durchweg über 30 m; bequemen Ankergrund findet man nur ganz in der Nähe des Landes.

Unser Aufenthalt in Funafuti war nur auf zwei bis drei Tage veranschlagt. Denn wenn ich auch mit der Absicht hingegangen war, mit dem sogenannten König zur Sicherung des deutschen Handels und der deutschen Interessen eine Uebereinkunft abzuschließen, so wollte ich, um mein Reiseprogramm einzuhalten, bei der Unbedeutendheit des Platzes als Arbeiterquelle doch lieber meine Absicht aufgeben, wenn es uns nicht gelingen sollte, in der festgesetzten Zeit zu einem befriedigenden Resultat zu kommen. Dies geschah aber und so konnten wir Funafuti schon am 13. mittags wieder verlassen. Bei meiner Ankunft hatte zwar der Zauber, mit welchem diese Oasen des Weltmeeres den Fremdling umstricken, auch mich gefangen genommen und den Wunsch in mir rege werden lassen, den Aufenthalt auf eine längere Zeit auszudehnen, doch die Pflicht, welche mich nach andern Plätzen rief, ließ dies nicht zu und ich hatte es schließlich auch nicht zu bereuen. Ein zweitägiger Aufenthalt genügte vollkommen, mich in die Prosa des Lebens zurückzuversetzen.

Am Morgen nach unserer Ankunft fuhren wir gleich nach Sonnenaufgang wieder an Land, um an dem schönen Strande ein Bad zu nehmen und danach in der Morgenfrische einen Spaziergang zu machen. Noch weit ab vom Lande, als mein Boot in etwa 8 m tiefes Wasser kam, verwandelt die Flut ihre tiefblaue Farbe in ein helles Grün, das Wasser wird zu Krystall und gestattet dem Auge bis zu dem offen daliegenden Meeresgrunde vorzudringen, wo auf dem grün angehauchten Sande die fleißigen Maurer des Meeres ihre wunderlich und schön geformten Gebilde unregelmäßig angebaut haben. Kleine zarte Korallenstauden mit unzähligen Aesten wechseln ab mit riesigen Korallenblöcken, welche ihr Haupt schon bis nahe an die Wasseroberfläche erhoben haben und das Boot zum Ausweichen zwingen, wenn es nicht an den scharfen Zacken des mächtigen unterseeischen Thurmes schweren Schaden nehmen will. Zwischen und auf den Korallen liegen Muscheln, unter welchen namentlich eine Art sich dem Auge entgegendrängt. In weit klaffender unscheinbarer Hülle von der Größe eines Tellers spreizt sich das im reinsten Indigo schimmernde Thier und läßt seine schöne blendende Farbe nach oben strahlen, wie der Pfau sein Rad der Sonne entgegenbreitet. Auf dem Sande liegen blutegelartige Thiere von 20 cm Länge und 5 cm Dicke, welche einen bedeutenden Handelsartikel nach China bilden. Diese von den Chinesen als große Leckerbissen geschätzten Mollusken werden in getrocknetem Zustande verschifft und später als gallertartige Suppe gegessen; im Handel führen sie die Bezeichnung biche-le-mare oder Trepang, der zoologische Name ist Holothuria. Viel gibt es hier auf dem Meeresboden zu sehen, so viel, daß man es in kurzer Zeit nicht zergliedern kann, wie dazu ja auch überhaupt ein vieljähriges Studium gehören dürfte. Heute bin ich froh, kein Naturforscher zu sein, weil ich dadurch der Nothwendigkeit enthoben bin, meine Sinne wissenschaftlichen Beobachtungen zu widmen und daher, in schnellem Lauf über diese eigenartige Welt hinsegelnd, mein Auge mit Entzücken über die kleinen Wunderwerke hingleiten lassen kann, wie über ein schönes Bild.

Die Gig läuft hoch auf den weichen Sandstrand und ein Sprung bringt uns auf das Trockene. Das kleine Dorf ist schon voller Leben, da die Eingeborenen mit den Vögeln aufstehen. Unser Weg führt uns an einer dicht am Strande liegenden Hütte vorbei, welche uns dadurch auffällt, daß die Seitenwände nicht mit Matten behängt sind. Ein Blick in das Innere zeigt uns eine kleine beschriebene Tafel, an welche wir herantreten, da der Consul die Landessprache spricht und schreibt. Sie enthält die Angaben über die Bevölkerungszahl der Insel, welche 156 Seelen beträgt; doch gewiß ein stattliches unabhängiges Königreich. Die Insel war allerdings früher sehr viel stärker bevölkert und vermag auch die zehnfache Zahl gut zu ernähren, sie hat aber den größten Theil ihrer Bewohner Mitte der sechziger Jahre durch einen Schurkenstreich peruanischer Sklavenjäger verloren.

Ein peruanisches Schiff ankerte derzeit in der Lagune von Funafuti und führte sich als Missionsschiff ein. (Die Missionsgesellschaften unterhalten hier eigene Schiffe, um die Verbindung zwischen den von ihnen besetzten Inseln aufrecht zu erhalten und neue Plätze ihrem Wirken zu eröffnen.) Die Funafutier hatten schon von den Missionaren auf den andern Inseln gehört und hegten den Wunsch, auch so etwas Besonderes zu besitzen. Der im Talar mit der Bibel in der Hand an Land kommende Scheinmissionar wurde daher gut aufgenommen und fand es leicht, die Leute zu veranlassen, am nächsten Tage mit Frauen und Kindern an Bord zu kommen, um dort die neue Lehre zu vernehmen. Als das Schiff mit Menschen gefüllt war, wurden sie in das Zwischendeck geführt, wo der Mann im Talar ihrer wartete, sie aber schnell verließ, sobald alle im Raum versammelt waren. Dann wurden plötzlich alle Luken geschlossen, das Schiff ging unter Segel und die schwer getäuschten harmlosen Insulaner blieben für immer verschollen. Das Gerücht sagt, daß nur wenige von ihnen Peru erreicht haben und diese dort auch schnell hingestorben sein sollen, weil die weichlichen Polynesier, wie die Schwalben an ungebundene Freiheit gewöhnt, kein Sklavenleben ertragen können.

Dicht neben der vorhergenannten, als öffentliches Berathungshaus benutzten Hütte, steht die Kirche mit der Wohnung des Missionars, eines als Lehrer ausgebildeten Eingeborenen. Die Kirche sieht ebenso aus, wie alle Kirchen auf diesen Inseln: eine lange breite Hütte mit hohem Dach nach dem Modell der Hütten der Eingeborenen und nur mit dem Unterschied, daß sie sehr viel größer ist und feste, aus Korallenblöcken aufgebaute Seitenwände mit kleinen viereckigen, durch Holzläden verschließbare Fenster hat; außerdem ist sie noch abweichend von den Hütten mit einem weißen Kalkanstrich versehen, wodurch sie weithin sichtbar wird und den Schiffen als Wegweiser zum Ankerplatz dient. Der Missionar oder richtiger Missionslehrer ist nicht anwesend, sondern nach einer im Norden gelegenen Insel gereist, um eine Anklage gegen einen Collegen zu untersuchen, welchem vorgeworfen wird, sich neben seiner Frau noch einen kleinen Harem eingerichtet zu haben.

Einige Schritte bringen uns zu den Hütten der Eingeborenen, welche ohne Plan verstreut unter den Kokosnußbäumen liegen. Es ist auffällig, hier so schlechte und schmutzige Wohnungen zu finden, da die Eingeborenen reiner samoanischer Rasse sind und die Samoaner doch großen Werth auf ihre Wohnungen und die Körperpflege legen. Die Hütten sind eigentlich nur zusammengetragene Reiser, welche von Schmutz starren. Der Fußboden besteht nur aus Erdstaub, welcher Menschen und Sachen mit einer Schmutzkruste überzieht; saubere Steine und Matten sind nicht vorhanden. Die Menschen sind fast durchweg mit einer ekelerregenden Hautkrankheit behaftet, der Körper scheint mit kleinen Schuppen bedeckt, die Haut hat sich überall gelöst und macht die Körperoberfläche rauh, die kleinen Ritzen sind mit Schmutz angefüllt. Ob die Hautkrankheit von der allgemeinen Unsauberkeit herkommt oder andern Ursachen zuzuschreiben ist, ist wol noch nicht aufgeklärt. Die Männer sind im Durchschnitt mehr bekleidet wie die Samoaner, die Weiber tragen meistens den Blätterschurz, welcher von den Hüften bis zu den halben Oberschenkeln reicht. So führen diese Menschen in thierischer Trägheit ein klägliches Leben, ohne die großen Hülfsquellen auszunutzen, welche die Natur in den Kokosnußbäumen ihnen gegeben hat. Diese doch immerhin kleine Insel liefert jetzt jährlich 50 Tonnen Copra (getrockneter Kokosnußkern) und nimmt dafür 10000 Mark ein. 2-300 Tonnen Nußkerne lassen die Leute verfaulen, weil sie zu träge sind, die abgefallenen Nüsse aufzusammeln, und lassen somit jährlich ein Kapital von 40-60000 Mark verkommen. Bei sachgemäßer Bearbeitung könnte diese Insel nach Ansicht des sachverständigen Consuls jährlich sogar 5-600 Tonnen Copra produciren und dafür nach dem jetzigen Preise 100-120000 Mark erlösen. Diese Menschen haben aber keine Bedürfnisse und sind deshalb vielleicht gerade glücklich.

Von dem Dorf und seinen Bewohnern haben wir genug gesehen; die Aussicht auf ein schönes Bad lockt uns mehr, und bald haben wir eine passende Stelle gefunden, wo wir uns in der krystallklaren Flut erfrischen und wenigstens für kurze Zeit den lästigen Angriffen der unzähligen Fliegen entgehen. Die schnell steigende Sonne mahnt uns indeß an den beabsichtigten Spaziergang, und nach kurzer Zeit stehen wir vor dem Kokosnußwald ohne jedoch eindringen zu können. Der schöne Rasen, welchen man aus der Ferne um den Fuß der Palmenstämme zu sehen wähnt, ist ein dichtes mannshohes Gebüsch aus einer Art Eisenholz, welches zwar den Kanakers[B] ein Durchkommen gestattet, dem Europäer aber den Weg doch zu mühsam macht. Wir gehen daher an dem Waldessaum entlang dem Dorfe wieder zu und finden dann auch bald einen der vielen Pfade, welche quer durch die Insel nach dem entgegengesetzten Ufer führen. Nach wenigen Schritten ist die Lagune mit ihren sandigen Ufern unsern Blicken entschwunden und wir sind auf einem Wege, wo wir doch mehr Leben finden, als wir erwartet hatten. In einer Lichtung stoßen wir auf eine schmutzige Pfütze, welche auf der ganzen Insel das einzige süße Wasser enthält. Ein altes Weib sitzt in dem Wasser, auf einem andern Pfade kommt, nach ihrem Anzug zu urtheilen, eine vornehmere Dame mit mehrern Dienerinnen, um ebenfalls ihr Morgenbad zu nehmen. Demnach scheint bei diesem schmutzigen Stamme die Vorliebe der sonst reinlichen Polynesier für das Baden doch noch nicht erloschen zu sein, sofern es sich um ein Bad in süßem Wasser handelt. In einer zweiten Lichtung finden wir von fernen Inseln hergebrachte gute Erde in regelmäßige Beete eingetheilt, um in derselben Bananen zu ziehen. Weiterhin treten wir aus dem Walde und kommen an einen mit dem Meere in Verbindung stehenden kleinen Salzwassersee, an dessen Ufern Strandschnepfen in ungestörter Ruhe Würmer suchen. Noch einmal treten wir in den Wald und sind nach wenigen Schritten an dem jenseitigen Ufer angelangt. Hohe Brandung überspült hier den felsigen Fuß der Insel und hält einen breiten Gürtel frei von allem vegetabilischen Leben. An dem Saum der auflaufenden Wogen ist das Ufer eine feste Steinmasse, weiter oben hin ein wüstes Durcheinander von Korallensteingeröll, welches das Gehen sehr erschwert. Das unruhige und gewaltthätige Treiben der Brandung, das graue, zackige, rauhe Steinufer, große Steinblöcke mit dem Geröll zerbröckelter Steine, das Brausen des kräftigen Windes und die düstere Färbung der weiter abliegenden, eine feste Wand bildenden grauen Palmenstämme, deren Kronen sich in eintönigem Rauschen nach der ruhigern Seite neigen, geben zusammen der Insel auf dieser Seite einen wesentlich andern Charakter, als man ihn beim Einlaufen in die Lagune gefunden hat.

Die auffallende Höhe des obersten Kammes der Insel über Wasser (etwa 3 m) und der Umstand, daß der ganze über Wasser liegende Theil aus einem fest zusammengefügten Korallengebilde besteht, verleitet uns zu oberflächlichen Untersuchungen über die wahrscheinliche Entstehungsart dieser Insel. Es ist ausgeschlossen, daß die Korallen selbst so hoch gebaut haben, weil sie bekanntlich an der Wasseroberfläche absterben; ebenso ist es ausgeschlossen, daß angeschwemmte fremde Körper diesen hohen Rücken gebildet haben, denn das Land ist eine geschlossene Korallensteinmasse, auf welcher nur lose Steine liegen und wo jede Erdschicht fehlt; diese Korallenbank kann also nur durch wachsendes Land über Wasser gehoben worden sein, die Insel muß daher ihr Dasein vulkanischen Einflüssen verdanken. Beim Suchen von Muscheln und kleinem Gethier finden wir an der Wassergrenze eine dicke Schicht von angeschwemmtem Bimsstein. Schon mehrere Tage vorher hatte das Schiff auf hoher See große Bimssteinfelder durchschnitten, welche jedenfalls von den zu Anfang dieses Jahres in Neu-Britannien stattgehabten starken Kraterausbrüchen herrühren und durch die Meeresströmungen bis hierher geführt worden sind. Dieser Bimsstein wird in wenig Jahren verwittert guten Boden abgeben, und so zeigte uns ein Zufall, wie wahrscheinlich die Koralleninseln die Erdschicht erhalten haben, welche den Menschen die Anpflanzung der für ihr Leben nothwendigen Früchte möglich gemacht hat.

Derselbe Weg, welchen wir gekommen, führt uns in kurzer Zeit von der eben beschriebenen herbstlichen Scenerie nach dem innern Ufer zurück, wo die heiße Sonne über der schönen ruhigen Lagune steht, von deren blendender Wasserfläche die schwarze kriegstüchtige „Ariadne“ sich scharf abhebt. Die Kokospalmen entfalten ungehindert ihr duftiges, von dem Winde unberührtes Laub in dem Sonnenschein, die Eingeborenen sitzen träge vor und in ihren Hütten, zwischen welchen Schweine und Hühner ebenso munter umherlaufen, wie die kleinen nackten braunen Kanakerkinder ihre rohen selbstverfertigten Drachen auf dem weißen Sande des Strandes in der leichten Brise steigen lassen und durch schnellen Lauf dem Winde nachhelfen. Einige Schmetterlinge schweben über den dürftigen Blumen, welche zwischen den Gräsern stehen, und ungezählte Massen von Fliegen peinigen Menschen und Thiere.

Wir fuhren an Bord zurück, nahmen unser Frühstück ein und segelten dann in der Gig quer durch die Lagune nach einer sieben Seemeilen entfernten kleinen Insel, um dort nach Schildkröten zu suchen. Unsere Absicht erreichten wir indessen nicht. Die kleine Insel war von einem so weitauslaufenden Riffe umgeben, daß wir viel Zeit gebraucht hätten um durchzuwaten, Mittag war auch schon nahe und der Rückweg weit. Wir traten daher gleich die Rückfahrt wieder an und kehrten eben zeitig genug an Bord zurück, um noch etwas zu essen und dann den an Bord bestellten König mit seinen Räthen zu empfangen. Der König trug heute die Hose, welche gestern der eine der Lootsen, und das Hemd, welches der andere anhatte. Nachdem der Besuch das Schiff besichtigt hatte, wurden die Herrschaften in die Kajüte geführt, bekamen je eine Cigarre und ein Glas Aepfelwein, und es wurde ihnen dann erklärt, daß die zeitweise gegen Deutsche und deutsche Schiffe vorgekommenen Unordnungen sich nicht mehr ereignen dürften. Das beste Mittel, solchen Unannehmlichkeiten auf friedlichem Wege vorzubeugen, sei der Abschluß einer Uebereinkunft, welche die gegenseitigen Rechte und Pflichten scharf begrenze. Darauf las der Consul ihnen die vorher fertiggemachte Uebereinkunft in ihrer eigenen Sprache vor, die Sache wurde berathen und nach einer Stunde waren die beiden in Deutsch und Samoanisch ausgefertigten Originale von dem König von Funafuti und seinen Räthen, sowie von mir unterzeichnet und abgeschlossen. Das Wesentliche der Uebereinkunft besteht darin, daß die Deutschen vollständige Handelsfreiheit haben, Land kaufen und miethen können; daß gescheiterten deutschen Schiffen jeder Beistand geleistet und Leben wie Eigenthum gewährleistet wird; daß Deserteure von deutschen Schiffen auszuliefern sind; daß Gesetze, welche Fremde berühren, nur dann für Deutsche Geltung haben, wenn sie vorher mit dem deutschen Consulat vereinbart sind; Anordnung, wie Streitigkeiten zwischen Eingeborenen und Deutschen zu schlichten sind; sowie schließlich die Verpflichtung, daß die Deutschen auf Funafuti stets dieselben Vorrechte genießen sollen, welche später etwa andern Nationen gewährt werden sollten.

Abends nach dem Essen gingen wir noch einmal an Land, um dem König Lebewohl zu sagen. Während wir zum Boot zurückkehrten, wurde an Land die Trommel geschlagen als Zeichen, daß nunmehr (7 Uhr abends) alle Eingeborenen ihre Hütten aufzusuchen hätten. In diesen wurde es hell, um das in der Mitte angezündete Feuer saß die Familie und beschloß das Tageswerk durch Absingen einiger geistlicher Lieder. Wir kehrten an Bord zurück und schlossen auch mit Funafuti ab.

Am nächsten Tage, am 13. nachmittags 2 Uhr, lichteten wir den Anker, dampften durch die Lagune und verließen dieselbe durch die nördliche Einfahrt, unsern Curs nach Vaitupu, einer andern Insel der Ellice-Gruppe, nehmend. Bei dieser Gelegenheit hatte ich übrigens noch eine starke Nervenerschütterung zu ertragen. Als wir zur Durchfahrt, welche nach Angabe der Lootsen 15 m Wassertiefe haben sollte, und dort in die hochgehende See kamen, wurden plötzlich nur 8 m Tiefe gemeldet und bei dieser Wassertiefe lag ein Durchstoßen des Schiffes nahe. Ein Zurückgehen war nicht mehr möglich; das Herz stand mir momentan still, dann aber gab ich der langsam gehenden Maschine den Befehl, mit Volldampf vorwärts zu gehen, weil dies die einzige Möglichkeit war, das Schiff vor dem tiefen Einstampfen zu bewahren. Es mag sein, daß keine Gefahr für das Schiff vorlag, hätte es aber in diesem hohen Seegang auf das Korallengestein aufgestoßen, dann wäre es wahrscheinlich verloren gewesen, und mit dieser Gefahr mußte ich in dem Moment rechnen. Was solche Augenblicke bedeuten, kann nur derjenige ermessen, welcher die Verantwortung für ein Schiff und so viel Menschenleben zu tragen gehabt hat. Wenige Minuten, während welcher die anstürmenden Wellen über den Bug des mit voller Dampfkraft arbeitenden Schiffes hinwegbrachen, brachten uns in freies Wasser, die Feuer in der Maschine wurden gelöscht und das Schiff setzte die Reise unter Segel fort.

Am nächsten Tage, am 14. nachmittags 3 Uhr, drehte ich dicht unter der Insel Vaitupu bei dem Hauptdorfe bei und fuhr an Land, um dem König meinen Besuch zu machen und dort ebenfalls den Abschluß einer Uebereinkunft vorzubereiten, da bei der Kürze der uns zur Verfügung stehenden Zeit der wirkliche Abschluß nicht erfolgen konnte, denn ich wollte vor Anbruch der Dunkelheit schon wieder auf dem Wege nach einer andern Insel sein. Das Landen war beschwerlich, weil das Riff der Insel hier nicht steil abfällt, sondern sich nur wenige Fuß unter Wasser weit hinaus erstreckt und so eine große Bank bildet, auf welcher die Wellen überbrechen und als Brandung nach dem Ufer zulaufen. Da keine andere Landungsstelle vorhanden ist, so mußten wir hier durch, ob wir nun naß wurden oder nicht. Es ging besser als ich dachte; die Brandung schäumte an beiden Seiten des langen Bootes vorbei und bedachte uns nur ab und zu mit einem kleinen Spritzer, sodaß wir trocken so weit an das Ufer herankamen, um auf dem Rücken eines Matrosen an Land reiten zu können. Der erste Gruß an Land wurde mir von einem kleinen reizenden, 4-5 Jahre alten Kanakermädchen zutheil. Als ich von dem Rücken des Matrosen herabsprang, stand das Kind in einem saubern Waschkleidchen neben mir, streckte mir seine kleine Hand entgegen und ließ aus seinen schönen großen Augen ein so herzliches Willkommen entgegenleuchten, daß mir ordentlich warm ums Herz wurde. Ein Schatten fiel allerdings gleich auf das Kind, denn die Umstehenden erzählten sofort, daß es das Kind des verklagten Missionslehrers sei, von dem ich vorher erzählt habe, und sich nur zufällig hier aufhalte. Natürlich verstand das kleine barfüßige Mädchen davon nichts, kümmerte sich auch nicht weiter um die andern, sondern sah, meine Hand festhaltend, nur mich an. Ich behielt das kleine süße Ding während meines Aufenthalts am Lande bei mir und schenkte ihr nachher einen blanken halben Dollar, um ihn als Andenken um den Hals zu tragen, da Geldstücke in dieser Weise als Schmuck verwendet werden.

Eine große Menschenmenge stand am Ufer, um uns ankommen zu sehen, darunter ein samoanischer Missionslehrer und ein Deutscher, Agent der Handels- und Plantagengesellschaft in Apia. Diese beiden waren unsere Leute, mit welchen wir zunächst zu verhandeln hatten, und von ihnen hörten wir auch gleich, daß große Aufregung auf der Insel herrsche, weil eine starke Partei den jetzigen König in den nächsten Tagen stürzen wolle. Auch klagte der Deutsche, welcher mit einer Vaitupu-Eingeborenen verheirathet ist, daß ihm verwehrt würde auf einem Grundstück seiner Frau ein Haus zu bauen, weil diese durch ihre Heirath mit einem Fremden alle Ansprüche auf das Land verloren habe. Ferner wurde mir ein Brief eines deutschen Schiffskapitäns übergeben, worin derselbe darüber Beschwerde führt, daß die Eingeborenen die Desertionen von Schiffsmannschaften begünstigen und er dadurch bei seinem letzten Aufenthalte hierselbst wieder einen Mann seiner Besatzung verloren habe. Die am Ufer befindliche Menschenmenge war in sichtlicher Aufregung und schien sehr besorgt zu werden, als sie aus dem in Samoanisch geführten Gespräch hörte, wovon die Rede war. Wir waren nun orientirt und ich sah von neuem ein, wie nöthig es ist, zwischen diesen außer der Welt liegenden Inseln Ordnung zu schaffen, und wie die in Funafuti abgeschlossene Uebereinkunft den Interessen der auf diesen Inseln lebenden Deutschen entspricht. Ich kann dieses Lob ohne Anmaßung aussprechen, weil jene Uebereinkunft nicht von mir entworfen ist, sondern von einem Herrn, welchen ich hier ja nicht weiter zu nennen brauche, und ich nur meinen Namen darunter zu setzen hatte. Wir gingen demnächst zu dem Hause des in der Nähe wohnenden Königs, um ihm unsern Besuch zu machen, wodurch allein nach Ansicht des Missionslehrers sein Ansehen schon so weit gekräftigt wurde, daß die Umsturzpartei alle Chancen verlor. Der König empfing uns, umgeben von seinen Räthen, in seinem Hause, das Volk gruppirte sich um die offene Hütte, die Frauen besetzten die zunächst gelegenen Hütten und mein kleines Mädchen kauerte sich neben mich. Es wurde nun von uns zunächst erwähnt, daß wir zwar von den beabsichtigten Unruhen gehört hätten, dieselben aber jetzt gegenstandslos geworden seien, weil ich hierdurch den König als solchen anerkenne. Das Resultat einer kurzen Berathung der Eingeborenen war, daß die anwesenden Führer der Umsturzpartei erklärten, von jeder Gewaltthätigkeit absehen zu wollen, weil nach meiner Anerkennung des Königs ihr Plan aussichtslos geworden sei. Demnächst wurde dem Deutschen das Besitzrecht des seiner Frau gehörigen Landes zugesichert und ferner feierlich versprochen, alles aufzubieten, um in der Folge Desertionen von den Schiffen zu steuern. Hiernach erklärte der König, daß er am nächsten Tage alle Häuptlinge zu einer Berathung zusammenrufen wolle und daß dann von ihnen eine Uebereinkunft unterschrieben werden würde, sobald ihnen dieselbe von mir zugegangen sei.

Da es Zeit wurde an Bord zurückzukehren, zumal ich auch dem König erlaubt hatte, noch das Schiff für kurze Zeit zu besuchen, so machten wir uns auf den Weg und besichtigten dabei noch das Dorf. Die Insel Vaitupu ist, wenngleich von Korallen aufgebaut, keine Laguneninsel, sondern wie Tongatabu eine über Wasser gehobene, fest zusammenhängende Korallenbank und bietet so eine größere Grundfläche, mithin den Bewohnern mehr Raum. Diesem Umstande ist es wol zuzuschreiben, daß das Dorf einen städtischeren Eindruck macht und man hier, abweichend von der sonst üblichen Anlage derartiger Dörfer, breite Straßen findet, an welchen die geräumigen und saubern Hütten in regelmäßigen Abständen aufgebaut sind. Die Frauen sind fast alle mit langen Gewändern bekleidet, die Männer tragen europäische Kleidung oder doch Hüfttücher aus europäischen Stoffen und das Ganze macht den Eindruck einer gewissen Wohlhabenheit. Tätowirte Leute sieht man nur ganz vereinzelt, hier ist aber wie auf all den nördlicher gelegenen Inseln und auch schon in Funafuti die Sitte vorhanden, die Ohrläppchen zu durchbohren und dann das untere Fleisch so lange nach unten zu ziehen, bis der Lappen als großer Ring bis fast auf die Schulter herabhängt, wenn er nicht vorher schon gerissen ist und dann nur aus zwei Zipfeln besteht. Diese Verunzierung des Ohres hat sich jedenfalls aus der noch nicht fernliegenden Zeit erhalten, wo die Leute noch nackt gingen und kein Mittel hatten, kleine Gegenstände auf bequeme Art bei sich zu führen. Sie richteten daher das Ohr als Tasche ein, indem der lange Ohrlappenring zu einer 8 geschlungen die Pfeife oder sonst einen kleinen Gegenstand aufnahm und der Eigenthümer seine Hände frei behielt. Daß diese Sitte, welche wol bald verschwinden wird, jetzt noch so allgemein besteht, kann nicht verwundern, wenn man bedenkt, daß diese Eingeborenen vor zwölf Jahren den Gebrauch von Kleidern irgendwelcher Art noch nicht kannten.

Die Bevölkerung von Vaitupu beträgt zur Zeit 490 Seelen, eine große Zahl für eine der Ellice-Inseln, weshalb sie auch die wichtigste für den Handel in der Gruppe ist. Die Bewohner stammen von den Samoanern ab, sprechen deren Sprache und gleichen ihnen in Körperbildung und Hautfarbe, haben aber vielfach andere Sitten angenommen, welche sich äußerlich auch darin zeigen, daß die Männer das Haar kurz, die Frauen es lang tragen und beide Geschlechter das Färben des Haares vermeiden. Die bei Funafuti erwähnte Hautkrankheit kommt, wenn auch nur vereinzelt, hier ebenfalls vor.

Zwischen dem Dorfe und der Landungsstelle liegt ein großer freier Platz, in dessen Mitte sich eine große mit Korallensteinen ausgemauerte Grube befindet, welche zum Auffangen des Regenwassers dient und die Stelle eines öffentlichen Marktbrunnens versieht, wenn überhaupt dieser Himmelsstrich durch Regen beglückt wird. Dies kommt nicht allzu häufig vor und die Cisterne war auch jetzt leer und trocken. Auf demselben Platze befinden sich auch die Kirche und die Wohnung des Missionslehrers, in welch letztere wir nach erhaltener Aufforderung eintreten mußten, wollten wir nicht unhöflich sein. Ein Besuch von solchen Persönlichkeiten, wie sie der Commandant eines Schiffes und der Consul vorstellen, gilt hier sehr viel und es ist daher begreiflich, daß die Leute sich nach solcher Auszeichnung drängen. Für den nur wenige Minuten währenden Besuch wurde ich übrigens dadurch belohnt, daß die Frau des Lehrers mir der Landessitte entsprechend zwei schöne Matten und einige Fächer schenkte, welche ich natürlich annehmen mußte. Beim Besteigen meines Bootes fand ich auch noch weitere Geschenke von dem König vor, nämlich ein lebendes Schwein und ein halbes Hundert frischer Kokosnüsse. Beim Passiren der Brandung hatten wir wieder ebenso viel Glück wie auf dem Hinwege und waren nach weitern 15 Minuten, ohne naß geworden zu sein, wieder auf unserm Schiff, wo ich den kurz nach uns eintreffenden König bewirthete. Mit Dunkelwerden schickte ich ihn nebst Gefolge wieder an Land und trat dann die Weiterreise durch dieses unbehagliche Inselgebiet an.

Jetzt (16. November) haben wir zwar die Ellice-Inseln hinter uns, und vor uns bis zu der Gruppe der Kingsmill-Inseln 150 Seemeilen freies Fahrwasser, es ist aber sehr die Frage, ob dieses freie Wasser nicht noch schlimmer ist wie die Inselpassagen, da zwischen den Inseln doch schon viel gefahren wurde und daher die Untiefen bekannt sind, während die Karten in diesen noch wenig durchforschten Meeren hier außerhalb der Inselgruppen nur große blanke Stellen aufweisen. Unser nächstes Ziel ist Tapituwea (in der Karte Taputeouea oder Drummond-Insel genannt), wo ich wegen der dort herrschenden anarchischen Zustände mich zwar auf keinerlei Verhandlungen werde einlassen können, aber doch dadurch Gutes stiften kann, daß dieser wilden und zu Gewaltthätigkeiten stets aufgelegten Bevölkerung das Vorhandensein deutscher Kriegsschiffe vor Augen geführt wird und dadurch die hier anlaufenden deutschen Schiffe Schutz für Leben und Eigenthum erhalten.

20. November 1878.

Am 17. traten wir in die Gruppe der niedrigen Kingsmill- oder Gilbert-Inseln ein, von welchen ich drei anlaufen will und zwar Tapituwea, demnächst Apamama und Taritari.

Ich hatte gehofft, gestern Morgen schon mit Tagesanbruch Tapituwea zu sehen und gegen 8 Uhr dort zu Anker zu sein, hier schlagen aber alle Berechnungen fehl. Die Karten sind vielfach falsch und die Strömungen zwischen diesen Inseln so stark und unberechenbar, daß man sich während der Nacht nicht zu nahe an die Stelle heranwagen darf, wo das Land liegen soll, weil man sonst durch Auflaufen auf die weitausgedehnten Riffe leicht sehr viel früher als man erwartet unangenehme Bekanntschaft mit diesen Inseln, welche gestrandete Schiffe von ihren Riffen nicht mehr freigeben, machen kann. Anstatt uns Tapituwea zu zeigen, brachte die aufsteigende Sonne nur steifen Wind mit dickem Wetter. Erst gegen 10 Uhr sichteten wir das Land — so weit hatte der Strom das Schiff versetzt — und kurz vor 12 Uhr ankerten wir vor Uturoa, der Hauptstadt der Insel. Da hier weiter nichts zu thun war, als die Flagge zu zeigen, hatte ich den Besuch nur auf wenige Stunden angesetzt.

Tapituwea ist von langgestreckter Form ohne Lagune, ziemlich groß und sehr stark bevölkert. Wenn der Rücken des bewohnbaren Landes auch nur schmal ist, so beträgt die Länge desselben doch 30 Seemeilen, und dieser lange schmale Landstreifen ernährt nach zuverlässiger Schätzung über 6000 Menschen. Allerdings werden die Nahrungsmittel, welche hauptsächlich in Kokosnüssen bestehen, häufig und namentlich bei anhaltender Dürre so knapp, daß die Leute dann zum Theil versuchen müssen, auf andere Inseln zu gelangen, um nicht zu verhungern. Dies ist dann die günstige Zeit für die Anwerbung von Arbeitern für die Plantagen auf den Samoa-Inseln, weil sich zu dieser Zeit ganze Familien, ja ganze Verwandtschaften und namentlich solche, welche auf den deutschen Plantagen in Samoa schon waren, zum Schiffe drängen, um sich gegen leichte Arbeit satt essen zu können und noch geringen Lohn obendrein zu erhalten. Auch nur aus diesem Grunde hat die Insel Bedeutung für die deutschen Interessen, weil sie als Handelsobject nicht in Betracht kommt, da sie alles, was sie producirt, zur Ernährung der eigenen starken Bevölkerung gebraucht. Trotzdem nun die Eingeborenen von Tapituwea die anlaufenden Schiffe eigentlich immer als die Erretter aus bitterer Noth ansehen müssen, zeigen sie sich doch häufig so feindlich, daß die Fremden stets bereit sein müssen, für ihr Leben einzustehen. Diese Eingeborenen sind ganz wilde Gesellen, welche keinerlei Oberhaupt anerkennen und im ausgeprägtesten Communismus leben. Alles Eigenthum auf der Insel ist Gemeingut, jeder Streit wird von den Betheiligten sofort mit der Waffe ausgefochten, und daß solche Kämpfe häufig vorkommen, zeigen die vielen Narben auf den nackten Körpern dieser Leute. Dieselben werden ihren Ursprung zwar größtentheils den häufigen Trinkgelagen zu verdanken haben, bei welchen die ihrer Sinne nicht mehr mächtigen Männer wol mit ihren Haifischzahnwaffen wüst um sich schlagen und jeden verwunden, der in den Bereich der gefährlichen Waffe kommt. Anders kann ich es mir nicht erklären, daß so viele Weiber und kleine Kinder die Spuren solcher Wunden auf ihren Körpern tragen; ja, ich habe bei einem kleinen Kinde, das noch getragen wurde, eine solche Narbe von 10 cm Länge und 3 cm Breite über den Rücken und die Seite hinlaufen gesehen. Ich denke mir, daß die Weiber häufig versuchen, ihre tobenden Männer von dem Gelage wegzuholen, und daß dabei dann zuweilen sie selbst, wie die von ihnen auf der Hüfte getragenen kleinen Kinder Wunden erhalten, welche ihnen nicht zugedacht waren. Das Getränk bereiten diese Leute sich selbst aus dem Saft der Kokospalme, ebenso wie die Marquesaner es thun. Da nun die Eingeborenen ebenso leicht wie gegen sich selbst zu Gewaltthätigkeiten gegen Fremde neigen, sah ich mich veranlaßt, diese Insel anzulaufen, weil häufig deutsche Schiffe hierher kommen, um Arbeiter nach Ablauf ihres Contracts von Samoa zurückzubringen und neue anzuwerben. Bei solchen Gelegenheiten soll es immer bunt hergehen, weil dann stets solche Massen von Eingeborenen zum Schiffe kommen, daß sie leicht die kleine Mannschaft überwältigen und ermorden könnten, um sich des Schiffes zu bemächtigen. Es ist daher bei solchen Gelegenheiten geboten, nicht zu viel auf einmal auf das Schiff zu lassen, und dies wird dadurch erreicht, daß die Mannschaft des Schiffes die Kanus mit geladenen Feuerwaffen in respectvoller Entfernung hält. Das Weggehen von ihrer heimatlichen Scholle wird diesen Menschen leicht, weil sie nichts besitzen. Wie sie gehen und stehen, kommen ganze Familien, Mann, Frau und Kinder, und häufig noch Aeltern und Verwandte auf das Schiff, um den Contract durch ihr Handzeichen zu vollziehen und dann auf mehrere Jahre in die Fremde zu gehen. Der Contract lautet gewöhnlich auf drei Jahre; Männer, Frauen und größere Kinder erhalten gleichen Lohn, Kinder unter sieben Jahren die Hälfte, und alle freie Rückfahrt nach Ablauf der contractlichen Zeit.

Waffen.

Waffen.

a Speer aus Kokospalmenholz.    b Speer mit Haifischzähnen. (Die Spitze besteht aus Schwanzgräten der Stachelroche; dieselben brechen leicht ab und dringen wegen ihrer Widerhaken wie Aehren immer tiefer ins Fleisch, werden deshalb von den Eingeborenen für sicher tödtend gehalten.)    c Dolch mit Schwanzgräten der Stachelroche.    d Messer mit Haifischzähnen.    e Speer mit Haifischzähnen.

(a-c aus Apamama; d, e aus Tapituwea.)

Gleich nach dem Ankern fuhr ich mit dem Consul an Land, um die kurze Zeit möglichst auszunutzen; ein Boot mit beurlaubten Offizieren folgte. Die weit vom Ufer abliegenden großen Korallenbänke, auf welchen die hochgehende See bricht, zwingen zu großer Vorsicht, weil ein Aufstoßen auf einen der vielen Korallenblöcke gleichbedeutend mit dem Verlust des Bootes ist, da dieses sofort zertrümmert werden würde. Hat man diese Bänke aber erst passirt, dann findet man wieder tiefes und von den Riffen geschütztes, ruhiges Wasser bis zum Strande hin. Obgleich unter den Bäumen Hütte neben Hütte liegt und am Morgen in noch weiter Ferne ungezählte Rauchsäulen uns gesagt hatten, daß all diese Hütten bewohnt sein müssen, zeigen sich bei unserer Annäherung doch nur wenig Leute, welche zum Strande herunter kommen, sobald wir landen. Die Hütten sind fast sämmtlich leer. Die uns begleitende Schar wächst zwar im Laufe der Zeit bis zu etwa 40 Personen an, doch wo sind die andern? Entweder rotten sie sich zu einem Angriff, resp. zur Gegenwehr zusammen oder sie haben nur die Flucht ergriffen. Ich glaube das letztere, denn ein Kriegsschiff ist für diese Wilden, welche häufig ein böses Gewissen haben, ein sehr unbehagliches Ding.

Wir steigen an Land und die mit scharfer Munition versehenen Boote werden in tiefem Wasser verankert, damit während unserer Abwesenheit zwischen den Bootsmannschaften und den Eingeborenen kein Streit entstehen kann. Wir selbst (sieben Personen) sind mit Säbel und geladenem Revolver bewaffnet. Die uns am Strande empfangenden Menschen sind nur Männer und Jungen, alle vollständig nackt, da man den aus Glasperlen und Muschelstücken bestehenden Halsschmuck wol nicht als Kleidungsstück gelten lassen kann; etwas weiter ab und in nächster Nähe ihrer Hütten stehen einige Weiber. Diese tragen nur einen schmalen, etwa 20 cm breiten Gürtel aus Blättern oder Gräsern, welcher in besonders charakteristischer Weise umgebunden wird. Männer und Weiber sind schöne Menschen von dunkelbrauner Hautfarbe, und die Männer zeichnen sich namentlich vor denjenigen Polynesiern, welche ich gesehen habe, dadurch aus, daß ihr Gesichtstypus nicht so gleichartig ist, sondern daß man mehr charakteristische Köpfe mit vorzugsweise schmalen Nasen sieht. Diese Gesichter sind allerdings nicht so ansprechend, wie die geistig durchgebildetern der Polynesier, denn in den Zügen dieser Mikronesier kann man deutlich lesen, wie die Leidenschaften des Urmenschen hier noch ungezügelt arbeiten und dadurch dem oft wirklich schönen Gesichtsschnitt das abgeht, was die Züge des veredelten Menschen wirklich schön macht. Die Körperformen sind fast durchgehends tadellos, die Männer groß und schlank, die Weiber mittelgroß mit zierlichen eleganten Formen. Die glänzend schwarzen, schlichten Haare werden von beiden Geschlechtern gleich getragen; vorn auf der halben Stirn kurz abgeschnitten, an den Seiten und hinten bis auf die Schulter herabhängend; das Haar wird nicht gefärbt, sondern nur mit Kokosnußöl eingerieben.

Die Kokosnuß ist hier überhaupt alles, wie sie es ja auch auf allen niedrigen Inseln der Südsee ist. Die junge grüne Nuß gibt mit ihrer Milch das einzige Getränk, da Wasser fehlt; der weiche Kern der halbreifen und der harte Kern der alten Nuß gibt die Nahrung; das aus dem Kern gepreßte Oel wird als Hautsalbe, Haaröl und als Leuchtstoff benutzt, da die primitiven Lampen auch mit diesem Oel gespeist werden; die innere harte Schale der alten Nuß gibt Trink- und sonstige Gefäße, wie z. B. die Becken für die Lampen; die äußere Faserschale gibt den Stoff zur Anfertigung von Bindfaden, aus welchem wieder Kriegsrüstungen und vielerlei andere Gegenstände geflochten werden, so auch den Docht für die Lampe. Vorzugsweise findet der so gewonnene Bindfaden bei Herstellung der nachfolgenden Gegenstände Verwendung. Die einzelnen Pfähle und Dachsparren des Hüttengerüstes werden zusammengebunden und auf dieselbe Art wird auch das Laubdach auf dem Gerüst befestigt. Die schönen, scharfen und sehr tiefgehenden Kanus, mit welchen die Eingeborenen große Reisen über See machen, können, weil hier die dazu erforderlichen dickstämmigen Bäume fehlen, nicht aus großen Stücken zusammengesetzt werden, sondern müssen nach unserer Art aus schmalen Planken über Spanten gebaut werden, und da den Leuten Nägel fehlen, müssen sie die einzelnen Planken mühsam mit Bindfaden aneinander nähen. Die Takelagen der großen Segelkanus sind ebenfalls aus diesem Bindfaden gefertigt, und derselbe wird auch als Angelschnur benutzt. Das schwere harte Holz des Stammes der Kokospalme gibt Brennholz, das Material für die Kriegsspeere und theilweise auch für die Hauptpfähle der Hütten. Die Blätter werden zu Körben, Dächern und Matten zusammengeflochten. Der dem jungen Stamm entquellende Saft, wenn die Blattkeime oben abgeschnitten worden sind, gibt Branntwein, doch stirbt ein so mishandeltes Bäumchen dann ab.

Dies zeigt in kurzen Umrissen, daß ohne die Kokospalme auf diesen Inseln das Leben für Menschen nahezu unmöglich wäre. Wie dieses Leben, welches sich neben Fischen und Schalthieren nur auf die Kokosnuß stützt, für die Menschen sich gestaltet, mag jeder sich selbst ausmalen.

Ich lasse durch den von Apia mitgebrachten Dolmetscher unsere Absicht kundgeben, das Dorf zu besehen, worauf der ganze Trupp sich in Bewegung setzt, um uns zu führen und zu begleiten. Die Leute betragen sich anständig, wie das einem so großen Kriegsschiffe gegenüber nicht anders zu erwarten ist, sind sehr gefällig im Wegräumen von in den Wegen liegenden Hindernissen und im Durchbrechen einiger Zäune, um uns bei der großen Hitze unnöthige Umwege zu ersparen. Bei alledem sieht man aber doch an ihren schnellen und jähen Bewegungen, an der Art zu sprechen, zu lachen und zu beobachten, daß viel Tigernaturell in ihrem Blute liegt und es wol nicht gerathen ist, wehrlos in ihre Hände zu fallen.

Der schmale, wohlgehaltene Pfad führt von Ansiedelung zu Ansiedelung, denn von einem Dorf oder einer Stadt kann man nicht sprechen, da das ganze Land an der Leeseite der Insel mit Hütten, bezw. Ansiedelungen, übersäet ist. Der die Insel der Länge nach durchschneidende Pfad liegt etwa in der Mitte des schmalen Landstreifens; an der Luvseite des Pfades stehen nur Kokosnußbäume, während die Niederlassungen sämmtlich an der Leeseite liegen. Ich spreche hier von Ansiedelungen, weil immer innerhalb eines aus Aesten und Reisern hergestellten Zaunes mehrere Hütten liegen, welche jedenfalls zusammengehören. Ich habe mich leider nicht danach erkundigt, ob solch eine Hüttengruppe eine bestimmte Gemeinschaft bildet oder innerhalb der Grenzen eines jeden Zaunes eine zusammengehörige Familie wohnt; nach der geringen Zahl der jeweiligen Hütten möchte ich das letztere annehmen. Auffallend ist die Sauberkeit und Ordnung, welche hier herrscht und leicht zu der Annahme verleiten kann, daß in diesem Theil der Erde die Menschen um so reinlicher werden, je tiefer sie stehen, denn es ist z. B. kein Zweifel, daß die Leute auf Funafuti schon seit 10-12 Jahren einen ununterbrochenen Verkehr mit Europäern unterhalten, während diese nur sehr selten hierher kommen und dann auch immer auf ihren Schiffen bleiben.

Zunächst am Strande stehen die zur Aufnahme der Kanus bestimmten Hütten, welche ebenso sorgfältig gebaut und sauber gehalten sind wie die Wohnungen der Menschen und nur darin von den Wohnhäusern abweichen, daß die Stirnwände offen sind, um die Fahrzeuge leicht ein- und ausbringen zu können. Jedes Kanu, ob groß oder klein, hat sein eigenes Haus. Weiter zurück unter Bäumen, welche hier allerdings gelichtet stehen, liegen die vorher genannten Ansiedelungen. Die Hütten selbst, wenngleich vielfach von verschiedener Größe, sind in ihrer Bauart ganz gleich. Auf kurzen, zwei Fuß hohen Pfählen oder blendend weißen Korallensteinen liegen die Hauptbalken und Träger für die Dachsparren, welche ihre obere Stütze auf einem durch die Mittellinie der Hütte laufenden Kammbalken finden, der auf 10-15 Fuß hohen Pfählen ruht; auf die Sparren ist so viel Laub geschichtet, bis das Dach sicher gegen Regen geworden ist. Die Hütte ist an allen vier Seiten geschlossen, und das Dach reicht so weit über den eigentlichen Wohnraum hinaus, daß schräg einfallender Regen bis zu diesem nicht vordringen kann, wodurch die Seitenwände überflüssig werden und auch fehlen. Das Eintreten in die Hütte wird durch diese Bauart allerdings etwas unbequem, weil man sich fast auf den Bauch legen muß, um zwischen Unterrand des Daches und dem Fußboden hindurchzukommen. Der Grundriß der Hütte ist ein längliches Viereck, bei welchem die Länge etwa doppelt so groß ist wie die Breite, das Dach fällt nach allen vier Seiten schräg ab. Der zwischen den einzelnen Hütten einer Ansiedelung liegende Raum ist sorgfältig mit kleinen weißen Korallensteinen bestreut, zwischen welchen kein Gras, kein Unkraut zu finden ist, sodaß diese Stellen den Eindruck sorgfältig gepflegter Straßen und Plätze machen und dadurch den saubern Eindruck der Wohnungen noch mehr heben. Die Hütten sind zur Zeit fast alle leer, nur hin und wieder sitzt in einer derselben ein alter Mann oder eine Frau mit einem kleinen Kinde.

Endlich nach einem langen Marsche, welcher uns auch an Gruben mit besserer feuchter Erde vorbeiführte, in welcher Taro (eine Erdfrucht) wächst, kommen wir zu einer sehr großen, ganz besonders sauber und schön gehaltenen Hütte. Der große freie Platz, auf welchem sie steht, ist ebenfalls mit kleinen weißen Steinen bestreut. Die Hütte selbst erhebt sich auf einer etwa zwei Fuß hohen, aufgeschütteten Plattform. Sie stellt das Hauptberathungshaus der ganzen Insel vor und beherbergt in ihrer Mitte das Allerheiligste. Trotzdem dieses Gebäude eine Länge von etwa 40 m, eine Breite von 16 m hat und der Mittelkamm des Daches 13-16 m über dem Fußboden liegt, sind die Seitenpfähle, welche das Dach tragen, doch nicht höher als bei den gewöhnlichen kleinen Hütten, weshalb das Dach ebenfalls fast bis zum Fußboden reicht und man auch nur hineinkriechen kann. Wir werden aufgefordert einzutreten, und man konnte in den Gesichtern unserer wilden Freunde, denen sich hier noch einige Dutzend Eingeborene beiderlei Geschlechts zugesellt hatten, lesen, wie stolz sie auf dieses Staatsgebäude sind und wie sie auf den Ausbruch unserer Verwunderung über dieses Bauwerk warten. Natürlich treten wir ein, sowol aus Neugierde als auch um wenigstens eine kurze Rast in einem schattigen Raume zu halten. Das Haus ist wirklich sehenswerth und man muß staunen, in welch sinnreicher Weise diese Naturmenschen das riesige Dach nahezu freitragend aufgerichtet haben, denn in der Mittellinie stehen nur drei in die Erde gerammte schwache Dachträger. Mit derselben Akuratesse, wie bei uns freitragende Dächer (welche nicht auf Säulen ruhen, sondern durch seitwärts geneigte Träger ihren Stützpunkt in den Seitenwänden erhalten) durch studirte Baumeister construirt werden, haben diese Eingeborenen ihre Dächer angeordnet. Von den Seitenwänden nach den gegenüberliegenden Dachsparren laufende Balken, welche in ihrer ganzen Länge mit schwarzen Figuren sorgsam und geschmackvoll verziert sind, tragen das schön geflochtene dicke Laubdach. Von den in der Mittellinie stehenden drei Dachträgern trägt der mittelste den Götzen, oder richtiger gesagt das Allerheiligste. Es ist dies eine aus Holzstäben gefertigte Pyramide von 5-6 Fuß Höhe und 3-4 Fuß unterm Durchmesser, deren horizontal laufende Verbindungsstäbe 1½-2 Fuß auseinander liegen. Die Bedeutung dieses merkwürdigen Götzenbildes muß in der Form und Zusammensetzung liegen, da der Schmuck, welchen es trägt, nur aus Opfergaben besteht, und zwar nur aus Hühner- und Hahnenfedern, unter welchen schwarze Hahnenfedern die besonders bevorzugten zu sein scheinen. Soviel ich herausbekommen konnte, werden diese Spenden nur von solchen gegeben, welche längere Zeit von der Heimatsinsel entfernt waren und glücklich zu derselben zurückgekehrt sind. Wir setzen uns auf die hier sauber ausgebreiteten Matten, unsere Freunde sich an dem andern Ende der Hütte uns gegenüber; wir betrachten die innere Einrichtung, die Eingeborenen uns. Nach kurzer Rast lassen wir unsern Wirthen sagen, daß wir dieses Berathungshaus außerordentlich schön fänden, und machen uns dann, befriedigt von dem Gesehenen, wieder auf den Rückweg. Unsere braunen Freunde wollen uns zwar noch immer weiter führen, doch sind wir schon so weit von unsern Booten entfernt, daß mir die Sache nicht ganz geheuer scheint und ich daher ein weiteres Vordringen nicht zugebe, sondern unsere Herren veranlasse, mit mir zurückzukehren.

Bei den Booten wieder angelangt und damit im Bereich unsers Geldes, sprach ich noch den Wunsch aus, einige Waffen zu erwerben, worauf bald einige mit Haifischzähnen versehene alte Speere zur Stelle gebracht wurden. Da nichts Besseres zur Zeit zu haben war, so entschloß ich mich diese wenig schönen Waffen dennoch für einige Stücke Taback einzutauschen, weil sie immerhin doch besser wie nichts sind. Da die Eingeborenen von den Weißen bisjetzt nur Taback beziehen und noch alles andere verschmähen, so versieht dieser hier die Stelle des Geldes. Ein Stück von etwa 15 cm Länge und 1½ cm Dicke bildet die Einheitsmünze, nach welcher gerechnet wird. Ich bezahlte für beide Speere zusammen acht solcher Stangen Taback und für einen Halsschmuck, wie die Männer ihn tragen, eine Stange.

Bei den Booten entwickelte sich übrigens jetzt ein regeres Leben, denn sobald dieselben zum Strande kamen, um uns aufzunehmen, liefen die eingeborenen Männer ihnen in das Wasser entgegen und hingen sich wie Kletten an dieselben an, wahrscheinlich hoffend, irgendetwas erhaschen zu können. Zwischen den mit braunem nackten Fleisch dicht behangenen Booten trieb ein drolliger Kerl sein wunderbares Spiel. Bis an die Hüften im Wasser stehend tanzte er dort herum als ob sonst niemand in seiner Nähe wäre. Mit den Beinen machte er das Wasser hoch aufspritzen, mit den Armen gesticulirte er wild in der Luft, den Kopf aber, und in diesem die räthselhaften Augen, hielt er unbeweglich, während die Gesichtsmuskeln das Gesicht in die merkwürdigsten Verzerrungen versetzten. Die Augen waren das Merkwürdigste an dem Manne. Die Lider hatten sich so weit geöffnet, daß die Augenhöhlen in der Größe eines Zweimarkstücks rund erschienen; die Hornhaut des Augapfels schien durchsichtig zu sein, ohne einen Hintergrund sehen zu lassen, und in diesen scheinbar durchsichtigen Kreisen schwebten die dunkeln Augensterne, in deren Mitte wieder die Pupillen einen Blick in eine unergründliche Tiefe gestatteten. Es machte den Eindruck, als ob der Kopf nur eine Ebene, d. h. das Gesicht nur eine Maske sei und man durch die offenen Augenhöhlen und Pupillen die hinterliegende farblose Luft sähe. Der dicht neben mir befindliche Mann war so mit seinem Tanz beschäftigt, daß er den sonst so begehrten Taback, welchen ich ihm als Belohnung hinhielt, gar nicht sah. Erst von andern gestoßen und aufmerksam gemacht, kam er zu mir, nahm mit angenehm freundlichem und ganz natürlichem Gesicht meine Gabe in Empfang, sprang aber dann wie eine Tigerkatze aus dem Wasser nach dem Lande zu, weil andere ihm den Taback wieder rauben wollten. Wir waren fertig mit dem Lande. Um die Eingeborenen auf gute Art loszuwerden, warfen wir einige Hände voll Taback auf das Land, worauf die meisten sich dorthin stürzten und in einem wüsten Knäuel um den Besitz sich balgten; die Zurückgebliebenen, welche bei den Booten mehr zu erhalten hofften, wurden weggewiesen und, als sie nicht gingen, mit den Füßen weggestoßen, worauf wir dann den Rückweg durch die hohe Brandung über das unbehagliche Riff antraten. Eine große Zahl vom Schiffe kommender Kanus der großen Sorte (wol 20-30) sagte uns, daß wir schon gesehen und die Eingeborenen daher schon weggeschickt waren. Um 3 Uhr nachmittags waren wir wieder an Bord und sahen dort noch, wie in der Nähe unsers Schiffes ein großes werthvolles Kanu kenterte, aber niemand den Versuch machte, dieses Fahrzeug zu retten, nachdem dessen Insassen von einem andern Kanu aufgenommen worden waren. Wahrscheinlich würden sie bei einem solchen Bergungsversuch infolge des starken Stromes so weit weggetrieben worden sein, daß sie die heimatliche Insel vielleicht überhaupt nicht mehr erreicht hätten, und gaben deshalb das verunglückte Fahrzeug gleich auf. Dies erinnert mich daran, daß vor Jahresfrist ein Boot eines deutschen Schiffes mit sechs Personen hier abends von Land absetzte, aber das Schiff nicht erreichte und Boot wie Insassen seitdem verschollen sind. Jedenfalls hat der starke Strom das Boot in die offene See getrieben.

Eine Viertelstunde nach unserer Rückkehr zum Schiffe waren wir wieder unter Segel und auf dem Wege nach Apamama. Hinter uns senken die Kokospalmen sich allmählich unter den Horizont, vor uns steigen die Laubkronen einer andern Insel auf und rufen uns eine ernste Warnung zu, denn das so frühe Insichtkommen sagt uns, daß diese Insel in der Karte um etwa 20 Seemeilen falsch niedergelegt ist. Die Nacht verhüllt auch dieses Bild wieder, und die „Ariadne“ ist in dieser unsichern Gegend bei steifem Winde wieder allein.

Den Entschluß, nach Apamama zu gehen, hatte ich bei meinem letzten Aufenthalt in Sydney gefaßt. Dortige Zeitungen hatten die Nachricht gebracht, daß der König von Apamama einen auf seiner Insel lebenden Deutschen habe ermorden lassen, und da diese Insel in meinem Stationsbereich liegt, so fiel mir von selbst die Aufgabe zu, die Sache zu untersuchen bezw. zu ahnden. Es war eine eigene Sache, denn da nach dem Gerücht der König der Hauptschuldige war, so konnte ich nicht von ihm die Bestrafung der Schuldigen fordern, sondern mußte mich an seine Person halten, wenn das Gerücht sich bewahrheiten sollte. Hier liegt nun die Schwierigkeit, daß einem Schiffscommandanten selbstverständlich keine Strafbefugnisse über Leben und Tod zustehen, wenngleich er unter Umständen aus solcher Veranlassung einen Kampf aufnehmen muß, bei welchem vielleicht Hunderte von Menschen ihr Leben lassen müssen. Ich hatte mich schließlich für den Fall, daß die australische Zeitung wahr gesprochen haben sollte und mir auf Apamama kein bewaffneter Widerstand entgegengesetzt würde, entschlossen, den König zu fangen und ihn später in Neu-Irland, von wo aus er den Rückweg keinenfalls finden konnte, an Land zu setzen.

So segelte ich in ernster Stimmung auf Apamama zu und ließ dort am 20. November in der Einfahrt zur Lagune den Anker fallen. Ein als Lootse dienender, vom König uns entgegengeschickter eingeborener Missionslehrer erzählte gleich, daß das über die Ermordung des Deutschen in Umlauf befindliche Gerücht falsch sei; doch erzählte er auch, daß der betreffende Deutsche zur Zeit nicht anwesend sei, sondern sich vorübergehend auf einer andern Insel aufhalte. Dies letztere war nun allerdings verdächtig und mußte auch die Erinnerung, daß der noch lebende frühere König und Vater des jetzigen vor sechs Jahren die ganze Mannschaft eines gestrandeten englischen Schiffes hatte ermorden lassen, diesen Verdacht nur bestärken. Der König von Apamama hat sich bisher dem Eindringen der Europäer so entschieden widersetzt und ist ein so despotischer und absoluter Herrscher, daß man ihm solchen Mord schon zutrauen kann. Schnelles Handeln war jedenfalls nothwendig, und ich mußte daher auch suchen, möglichst rasch die Wahrheit zu erfahren, welche mir nur die acht Seemeilen von unserm Ankerplatz entfernt wohnende Frau des Deutschen (eine Samoanerin) geben konnte. Ich richtete mich daher so ein, daß ich um 4 Uhr nach meinem Mittagessen abfahren konnte, hoffte dann vor Dunkelwerden dort einzutreffen und machte die weitern Dispositionen von den daselbst zu empfangenden Nachrichten abhängig. War unser Landsmann wirklich ermordet, dann wollte ich noch während der Nacht an Bord zurückkehren, um mit dem ersten Tagesgrauen den geplanten Kriegszug zu unternehmen; beruhte die ganze Sache auf Erfindung, dann wollte ich während der Nacht in dem Hause des Deutschen bleiben und gleich am nächsten Morgen dem noch sechs Seemeilen weiter entfernt wohnenden König meinen Besuch machen. Ich hatte für die Fahrt auf die Dampfpinnasse als Schlepper gerechnet, sie hatte indeß nicht genügende Dampfkraft, um uns gegen den Strom zu schleppen, und ich mußte daher, als wir nach See hinaustrieben, die Gig vor das Dampfboot spannen und uns mit dem kräftigen Ruderschlag meiner sechs Gigsgäste zum Schiff zurückbringen. Ich versuchte nun, die Reise mit der Gig allein unter Segel zu machen, doch blieben uns bei Sonnenuntergang noch sechs Seemeilen aufzukreuzen, wozu ich vier Stunden rechnen mußte. Mondschein hatten wir nicht, das Land war nicht zu sehen und daher die Fahrt ein solches Wagniß, daß ich dieselbe trotz Widerstrebens für heute aufgeben mußte und an Bord zurückkehrte.

Am 21. morgens gleich nach dem Frühstück machten wir uns wieder auf die Reise und konnte die Dampfpinnasse, da der Strom zur Zeit schwach war, die Gig heute schleppen. Offiziere und Mannschaften waren bewaffnet, mit Proviant, Wasser, wollenen Decken und Kleidern so versehen, daß wir mehrere Tage in den Booten aushalten konnten. So fuhren wir, durch Sonnensegel gegen die Sonne geschützt, in die schöne Lagune und in den lachenden Morgen hinein. Es war eine köstliche Fahrt. Die Boote durchfurchen einen großen, nur leicht gekräuselten See, dessen je nach der Tiefe abwechselnd azurblaues und smaragdgrünes Wasser von solcher Klarheit und Durchsichtigkeit ist, daß das Auge, solange die Wassertiefe nicht 10-14 m übersteigt, bis zum Meeresgrunde dringen und dort alles klar erkennen kann. Das große Wasserbecken ist von einem niedrigen schmalen Landstreifen umrahmt, der allerdings größtentheils unter unserm Horizonte liegt und sich nur durch den weiten Kranz von Palmen, welche für uns direct aus dem Wasser aufsteigend die Lagune begrenzen, markirt. An denjenigen Stellen, wo die Palmen gelichtet stehen, sieht man zwischen ihnen den Gischt der von außen an das Korallenland anprallenden Brandung, und dieser sagt deutlich, daß der frische Passat, welcher unsere Schläfen umfächelt, die Temperatur zu einer sehr angenehmen macht und die geschützte Lagune nicht aufwühlen kann, mit den unendlichen Wassermassen des Großen Oceans nach seinem Belieben spielt. Wie vortrefflich schmeckt unter solchen Verhältnissen die Cigarre, namentlich wenn sie gut ist und man vorher lange nichts Ordentliches mehr zu rauchen gehabt hat. Mit heiterm und ernstem Geplauder verkürzten wir uns die Zeit und erreichten endlich um 11 Uhr vormittags in bester Laune unser nächstes Ziel, das Haus des Deutschen. Nach der langen Fahrt war es eine wahre Wohlthat, die Beine wieder rühren zu können. Mit einem Sprung waren wir aus dem Boot und nach wenigen Schritten in dem Hause, einem Mittelding zwischen europäischem Schuppen und Eingeborenenhaus, wo die liebenswürdige Wirthin uns mit sichtlicher Freude empfing. Unsere Wirthin ist, wie vorher schon bemerkt, eine Samoanerin und damit ist ja eigentlich schon gesagt, daß sie ein liebenswürdiges Geschöpf sein muß. In dem Hause ist es kühl und vor allen Dingen tadellos sauber, der Boden ist mit reinen Matten belegt, Bänke und Tische sind mit ebensolchen Matten oder mit Decken aus Tapa bedeckt; bequeme Lehnstühle gestatten uns, unsere Glieder nach Herzenslust auszustrecken und so kann ja nun das Verhör beginnen. Es bewahrheitet sich, daß der Mann noch am Leben ist, überhaupt niemand versucht hat, ihm ein Leid zuzufügen, und daß er wie seine Frau mit dem König und allen Eingeborenen in guter Freundschaft leben. Der Consul und ich sehen uns einen Augenblick an, lachen dann hell auf über das klägliche Ende unsers Kriegszuges, ich schnalle Säbel und Revolver ab, vertausche meinen Waffenrock mit einer weißen Jacke und lasse durch meine Bootsgäste unsern Proviant heraufbringen, da wir gar keinen bessern Frühstücksplatz, als ihn dieses kühle Haus uns bietet, finden können. Wir laden unsere Wirthin ein, an unserm Frühstück theilzunehmen, erhalten aber eine abschlägige Antwort, weil die echte Samoanerin immer erst nach den Häuptlingen speist, wenn sie auch wie diese hier eine Königstochter ist. Wir lassen es uns gut schmecken, sehen nachher zu, wie unsere Wirthin und mein Dolmetscher das, was wir übriggelassen, verzehren, und berathen dann, was nunmehr am besten zu thun ist. Unsere Wirthin theilt uns mit, daß der König sich auf einem in der Nähe zu Anker liegenden englischen Schooner befinde und eine seiner Töchter gerade in dem nächsten Dorfe anwesend sei, um die dortigen Frauen und Mädchen tanzen zu lassen und sich über ihre erlangte Fertigkeit zu informiren. Dem Vorschlage unserer Wirthin, den König ebenfalls nach dem Dorfe kommen zu lassen und dann gleichzeitig einen großen Tanz zu sehen, stimmen wir zu, sind aber gezwungen unsern Entschluß zu ändern, als wir nach einer halben Stunde sehen, daß der von uns zum König geschickte Bote eben erst anfängt, sein Kanu zur Fahrt zurecht zu machen. Um unsere Zeit möglichst auszunutzen, machen wir uns daher selbst auf die Reise, denn da kein Krieg hier zu machen war, wollte ich noch an demselben Abend mit dem Schiffe die Weiterreise antreten. Nachdem ich verschiedene Geschenke, Matten und bunte Korallen, von unserer Samoanerin angenommen und diese ihr Haus versorgt hatte, bestiegen wir alle meine Gig, die Dampfpinnasse spannte sich vor, und weiter ging es nach dem einige Seemeilen von uns abliegenden Schooner, bei welchem noch des Königs Kanu lag, wie wir mit dem Fernrohr erkennen konnten.

Die Fahrt selbst würde in ein Märchen hineinpassen. Gleich einem Schwan, der von einem Kobold geführt die Fremdlinge auf seinem gefiederten Rücken über den Zaubersee trägt, bringt uns die von der schwarzen, dampfspeienden Pinnasse geschleppte, leicht über das Wasser weggleitende weiße Gig zu dem Beherrscher dieses Feenlandes hin. Der unter der Mittagssonne liegende spiegelglatte See wird zur Linken von dem Horizont begrenzt, zur Rechten von einem Gürtel blendend weißen Sandes umrahmt. An diesen weißen Rahmen schließt sich nach oben eine grüne Matte an, über welcher ein Wald schlanker, graziöser Palmen steht, der in seinem Schatten die Hütten der Eingeborenen birgt. Um uns herum sucht die Natur ihre prachtvollsten Farbeneffecte zur Geltung zu bringen. Der Himmel strahlt im schönsten, reinsten Blau, welches dadurch noch brillanter hervortritt, daß hin und wieder kleine festgeballte Wölkchen wie Himmelskörper am Firmament stehen und mit ihrem reinen Weiß der Himmelsfarbe erst ihren richtigen Ton geben. Die Verbindung zwischen Himmelszelt und der Lagune würde, da diese in der Ferne genau die Farbe des Himmels hat, unkenntlich sein, wenn nicht der Horizont sich durch einen feinen dunklern Streifen markirte. Da, wo wir das Wasser durchfurchen (wir halten uns auf geringeren Wassertiefen), hat der See bereits andere Schattirungen angenommen und wetteifert hier mit den schönsten Farben des Saphir und näher dem Lande mit denen des Smaragd. Diese schönen matten Farben werden dann plötzlich von dem weißen Sandgürtel unterbrochen, auf dessen anderer Seite alle Nüancen zwischen Grau und Grün zu finden sind. Die Mittagssonne hat alles Leben in die Hütten und in die Schatten der Bäume getrieben, wir wähnen das einzig Lebende zu sein — da plötzlich beginnen die Nixen ihr Spiel. Die Boote durchschneiden die Zufluchtsstätte junger Fischbrut und die fingerlangen jungen Fische springen heerdenweise aus dem Wasser, um sich vor dem vermeintlichen Feind, welchen sie in den Booten wittern, zu retten. Zu beiden Seiten von uns schnellen fortwährend in hohen Bogensätzen diese silberschillernden Thierchen in großen Heerden bis zu vier Fuß hoch aus dem Wasser hervor und geben das Bild eines auf- und abwogenden Aehrenfeldes. Und kann eine Nixe wol einen schönern Acker haben, wie solche farbenreiche krystallklare Furchen mit solchen silbernen Garben? Der Zauber schwindet, die Wirklichkeit tritt in ihr Recht — wir sind bei dem Schiffe angelangt. Ich lege an und schicke unsere Samoanerin hinauf, um den König zu rufen. Gleich darauf wälzt sich eine unförmliche Masse in schwarzem europäischen Anzuge mit Lackstiefeln und grauem Cylinderhut das Fallreep hinunter. Zunächst sehe ich von unten aus über mir an zwei kurzen Beinen nur ein ganz ungeheueres Gesäß, welches den ganzen übrigen Menschen verdeckt und für dessen enorme Fleischmassen mir kein Raum in der Gig zu sein scheint. Doch der dicke Herr findet wirklich Platz in dem Boote, setzt sich neben mich, zeigt ein sehr verängstigtes Gesicht und wartet schweigend, bis auch unsere Samoanerin bei uns ist und ihn als König von Apamama vorstellt. Der Mann ist noch jung, Anfang der Zwanziger, hat kluge Augen, eine etwas gebogene fleischige Nase und herunterhängende Unterlippe. Er hat kaum Mittelgröße, aber einen mächtigen Umfang; Hände und Füße sind klein, das Haar trägt er nach europäischem Schnitt; sein Anzug ist gut und sauber.

Die Schnelligkeit, mit welcher der Mann in das Boot gekommen war, sagt deutlich, wie sehr er trotz seines guten Gewissens uns fürchtet; ich mache die Sache daher kurz und lasse ihm sagen, daß ich mit der Absicht hergekommen sei, ihn wegen der Ermordung eines Deutschen zur Rechenschaft zu ziehen, mich aber freue zu hören, daß die betreffende Nachricht falsch gewesen sei und ich ihn daher jetzt nur aufsuche, um ihm meinen Besuch zu machen. Die ihm gewordene Mittheilung veränderte schnell seinen Gesichtsausdruck, die Angst schwand und machte lachender Heiterkeit Platz, indem er mir gleichzeitig in gebrochenem Englisch sagte, daß ich ein gutes Kriegsschiff sei, weil ich nach meinen Landsleuten sähe. Danach ließ er mir durch den Dolmetscher mittheilen, daß der Urheber jenes Gerüchts ein wegen Unfug von der Insel gewiesener Samoaner sei, und ließ mich noch bitten, denselben einzufangen und ihm zu überliefern, damit er ihn todtschlagen lassen könne. Wir fuhren nun in meinem Boote zur nächsten Stadt, damit der König mich in einem seiner Häuser empfangen könne. Sein großes Segelkanu, welches in der Takelage als besonderes Abzeichen dieselben schwarzen Hahnenfedern wie das Allerheiligste in Tapituwea trägt, folgte uns. Nach kurzer Zeit waren wir an unserm nächsten Ziel angelangt und wurden dort von dem in ein langes Frauengewand gekleideten Vater[C] des Königs empfangen. Dieser führte uns in eine große Hütte, wo wir uns auf Matten lagerten. Die Bauart der Häuser hier ist dieselbe wie in Tapituwea, doch liegen dieselben nicht einzeln verstreut, sondern sind in Reihen und Viertel regelmäßig aufgebaut, sodaß zwischen den Häuserreihen sich gerade und gutgehaltene Straßen hinziehen. Man sieht gleich, daß hier Ordnung herrscht, daß nur Ein Wille regiert, welcher die Bewohner zur Ordnung zwingt. Die Hütten sehen durchweg ebenso ordentlich und sauber aus wie die Menschen. Wunderbar wirkt der Contrast zwischen der nicht weit abliegenden Insel Tapituwea und dieser Insel, dort die schrankenloseste Anarchie, hier Gesetz und Ordnung. Die Frauen, oder doch wenigstens die Mädchen scheinen von den Männern getrennt zu wohnen, denn als meine Bootsgäste nach einem bestimmten Stadtviertel hingingen, wurde ich gebeten, sie von dort wegzurufen, weil jenes Viertel die Wohnung der Frauen sei.

Die Männer tragen als Kleidung eine um den Körper geschlungene steife Matte, welche von dem Magen bis zu den Knien reicht und über den Hüften mit einer umgelegten Schnur zusammengehalten wird. Die Frauen tragen denselben schmalen Gürtel von schwarzem Gras, wie ihre Schwestern in Tapituwea. Die Hautfarbe ist ein schönes Braun, zwar sehr viel dunkler als das der Samoaner, als Farbe aber schöner, auch sieht die Haut dieser Menschen weicher und sammetartiger aus als diejenige der hellergefärbten Polynesier. Das glänzend schwarze, schlichte Kopfhaar wird auch, ebenso wie in Tapituwea, von beiden Geschlechtern gleich lang getragen, nach altdeutscher Art vorn an der Stirn kurz abgeschnitten und an den Seiten wie hinten bis zur Schulter herabhängend, doch haben die Männer hier das Haar vielfach noch in der Mitte gescheitelt. Schmuck wird nur von den Männern in der Form von Halsketten getragen. Tätowirt sind vorzugsweise die Frauen und zwar merkwürdigerweise ausschließlich auf dem Rücken. Dieser ist von dem Hals bis zu den Hüften mit einem Muster versehen, welches demjenigen einer mit Holznadeln gestrickten blauen Jacke täuschend ähnelt; das Muster schneidet an beiden Seiten in einer geraden Linie von der Achselhöhle bis zum Hüftknochen ab, sodaß genau der halbe Oberkörper auf seiner Rückseite tätowirt ist und auf seiner Vorderseite die natürliche Hautfarbe zeigt. Außer dieser Malerei haben die Frauen noch auf beiden Armen einen ½ cm breiten blauen Strich eingeätzt, welcher genau in der Mitte auf dem halben Oberarm und zwar an der Außenseite beginnt, sich nach innen über das innere Ellenbogengelenk hinzieht und auf der Innenseite in der Mitte des halben Unterarms abschneidet. Dieser Strich ist beim Tanzen von großem Effect und hebt die graziösen Bewegungen des Armes besonders hervor, weil er hierbei fortwährend seine Zeichnung verändert und dadurch die Stellung des Armes schärfer hervortreten läßt. Ich glaube, daß ein solcher Armstrich bei unsern Damen modern werden würde, wenn sie den Reiz, welcher in ihm liegt, kennen würden. Zur Vervollständigung des Vorstehenden sei noch bemerkt, daß die vornehmen Frauen eine sehr viel hellergefärbte Haut als das niedere Volk haben, weil sie zur Erhaltung der als schöner geschätzten hellen Hautfarbe sich nie den Sonnenstrahlen aussetzen und am Tage eigentlich immer im Hause bleiben.

In dem Hause des Königs fanden wir noch seine aus einem alten Thonpfeifenstummel rauchende Mutter und seine Schwester. Die letztere hatte eine auffallende Aehnlichkeit mit dem König und war, wenn auch nicht ganz so stark wie er, doch eine gehörig schwere Person, deren Fleischmassen wol nur deshalb nicht so auffielen, weil sie eben so ziemlich unbekleidet war. Bei dieser Gelegenheit, wie auch nachher bei dem großen Tanz, lernte ich kennen, mit welcher Geschicklichkeit die Weiber mit dem dünnen, fast durchsichtigen Grasgürtel stets decent bedeckt bleiben. Beim Gehen schweben die Gräser so schnell hin und her, daß sie undurchsichtig bleiben, beim Hinsetzen werden mit großer Geschicklichkeit die Grashalme von den Seiten weg gleichmäßig nach hinten und vorn gestreift, sodaß die mit gekreuzten Beinen sitzenden Frauen eigentlich nackter wie vorher, aber dennoch schicklich verhüllt sind.

Während wir in der schattigen kühlen Hütte lagen, rauchten und die Königsfamilie mit Aepfelwein tractirten, entfernte sich der König auf kurze Zeit, um Befehle für einen Tanz zu geben und sich schön zu machen, denn bald kam er schmunzelnd in einem ganz neuen feinen grauen Tuchanzug wieder. Um uns herum wurde es in den Hütten lebendig, die Vorbereitungen für den Tanz nahmen ihren Anfang. Nach einer Stunde wurden wir nach einem andern Theil der Stadt in das dort liegende große Berathungshaus geführt. Dasselbe hat ungefähr dieselben Dimensionen und dieselbe Einrichtung wie das auf Tapituwea, nur daß hier an den Seiten unter dem Dach mehrere Todtenschädel in gleichmäßigen Abständen aufgestellt sind; dieselben sollen von erschlagenen Feinden herrühren, doch vermuthe ich, daß es die Schädel der vor sechs Jahren erschlagenen Schiffsmannschaft sind. In und bei dem Hause ist die ganze Bevölkerung des Platzes anwesend: die Tänzer und Tänzerinnen in dem Hause, die Zuschauer außerhalb desselben. Die tanzenden Männer stehen auf der einen schmalen Seite des Hauses, das Gesicht dem Allerheiligsten zugekehrt, die tanzenden Frauen ihnen gegenüber auf der andern Seite, sodaß sie sich gegenseitig ansehen. Beide Parteien sind in der Front je 16 Köpfe stark, in der Tiefe jedoch haben die Weiber neun Glieder, die Männer dagegen nur fünf. Es sind demnach bei dem Tanz etwa 140 Weiber und 80 Männer betheiligt. Der König lagert sich, mit dem Gesicht den Frauen zugekehrt, vor dem Allerheiligsten, wir nehmen mit dem Vater des Königs in der Mitte zwischen beiden Parteien an der einen Langseite des Hauses Platz. Weder der König noch wir werden bei unserm Eintreffen begrüßt, die Tänzer stehen in bequemer Haltung auf ihren Plätzen, verhalten sich ruhig und betrachten nur neugierig uns Fremdlinge. Ehe der Tanz beginnt verstreichen einige Minuten, welche uns gestatten, die vor uns stehenden Menschenreihen in Ruhe oberflächlich zu mustern. Die Männer unter sich, wie die Weiber sind ganz uniform bekleidet; die Männer tragen reine hellgelbe Matten, wie vorher schon beschrieben, die Weiber haben um den Hals und über ihrem schwarzen Grasgürtel einen grünen Blätterschmuck angelegt, welcher ihnen gut steht. Dieser Schmuck ist in der Weise aus dem Blatt der Kokospalme gewonnen, daß das Blatt in der Mitte seiner Rippe der Länge nach getheilt wird und je ein halbes Blatt als Gürtel oder als Halsband dient, indem die langen schmalen Blätter strahlenförmig herabhängen. In beiden Lagern sind die ältern Mitglieder in den ersten Reihen, die jungen und hübschen stehen hinten, wol weil sie noch nicht sicher genug sind, und ganz hinten stehen die Kinder, für welche eine derartige Aufführung gleichzeitig eine Unterrichtsstunde ist.