In der Jade, 30. September 1879 abends.
So sind wir denn am Ziel, in der Heimat. In wenigen Stunden werden wir wieder vor Wilhelmshaven liegen, das wir vor 697 Tagen, am 3. November 1877 verlassen haben. Die Reise von Port-Said bis hierher war ein Gemisch von Windstillen und uns ungünstigen Stürmen; Malta, Gibraltar und Plymouth haben wir noch angelaufen, aber nur zur Einnahme von Kohlen, sodaß unser Aufenthalt sich immer nur auf wenige Stunden, 19, 24 und 10, beschränkte.
Meine Reiseberichte sind zu Ende und ich will nur noch die Angabe hinzufügen, daß wir uns während der Reise 401 Tag auf See und 296 im Hafen befunden haben, daß die von uns zurückgelegte Seemeilenzahl 52860 und die Zahl der angelaufenen Häfen 72 beträgt; den Aequator haben wir sechsmal passirt.
Anhang.
Nachdem Frankreich im Jahre 1842 das Protectorat über Tahiti übernommen und von den Marquesas-Inseln Besitz ergriffen hatte, versuchte es ein Gleiches mit den Gesellschafts-Inseln. Als aber die Eingeborenen von Huheine unter der Führung eines Europäers die gelandeten französischen Truppen in offenem Kampfe besiegten und wieder von der Insel trieben, trat England für die Unabhängigkeit der Gesellschafts-Inseln ein, wodurch ein Vertrag zu Stande kam, nach welchem England wie Frankreich beiderseits auf eine Besitzergreifung dieser Inseln verzichteten und sich gegenseitig deren Unabhängigkeit garantirten.
Bis zum Jahre 1854, in welchem Frankreich Neu-Caledonien besetzte, waren dann keine weitern Veränderungen in den Besitzverhältnissen der Südseeinseln eingetreten und es muß eigentlich auffallen, daß nunmehr, nach dieser neuen französischen Erwerbung in nächster Nähe Australiens, die Engländer noch immer keine Anstalten trafen, sich den Besitz der noch übrigen unabhängigen Inseln zu sichern. Sie wußten aber wohl, was sie thaten. Sie besaßen schon ein so ausgedehntes Colonialgebiet, hatten in Neu-Seeland so kostspielige Erfahrungen gemacht, daß sie füglich darauf verzichten konnten, Land zu erwerben, welches ihnen keinen Nutzen bringen, sondern nur übermäßige Kosten verursachen konnte, wie ja auch die französischen Erwerbungen in der Südsee als warnendes Beispiel dienen mußten. Der Besitz fremden Landes mit einer großen einheimischen Bevölkerung, welche noch nicht durch längern Verkehr mit bereits ansässigen Europäern gezähmt worden war, konnte damals nur mit einer verhältnißmäßig großen Truppenmacht aufrecht erhalten werden, welche mehr Geld kostete, als der Besitz einbrachte; die Eingeborenen waren aber zu jener Zeit noch nicht so erleuchtet, um eine europäische Macht um die Schutzherrschaft bitten zu können.
Da brachte das Jahr 1872 eine große Wandlung. Die allein von deutschen Kaufleuten, in erster Reihe von den Brüdern Hennings, dem Handel erschlossenen Fidji-Inseln hatten lange Zeit unter innern Unruhen so sehr gelitten, daß der König Cakobau des Regierens müde geworden war und, soweit mir bekannt, das Deutsche Reich um die Schutzherrschaft anging, welche von diesem aber abgelehnt wurde. Darauf wandte sich Cakobau an die englische Regierung, welche sich nicht lange bitten ließ, die 21000 qkm große, reiche Inselgruppe ohne irgendein Entgelt zu übernehmen, nachdem sie erkannt hatte, daß die Pionnierarbeit der deutschen Kaufleute es ihr möglich machte, das Land ohne große Kosten zu verwalten. Dies geschah im Jahre 1874.
Inzwischen hatten die deutschen Interessen auf den Samoa- und Tonga-Inseln eine solche Ausdehnung gewonnen, daß das Reich ihnen seinen Schutz nicht länger vorenthalten konnte und nun regelmäßig Schiffe nach der Südsee schickte, ohne dabei indeß an Colonialerwerb zu denken. Das Einzige, was ins Auge gefaßt wurde, war, durch Verträge die Tonga- und Samoa-Inseln vor fremder Annectirung zu sichern. Ein solcher Vertrag mit Tonga kam im Jahre 1876 zu Stande, während damals die deutschen Bevollmächtigten die ihnen feindlichen Strömungen auf den Samoa-Inseln, welche vornehmlich auf amerikanischen Einfluß zurückzuführen waren, noch nicht zu überwinden vermochten. Zu den deutschen Interessen auf den genannten Inseln waren übrigens neuerdings auch noch die auf den Ellice-, Kingsmill-, Marshall-Inseln, sowie in Neu-Britannien hinzugetreten. Dies war der Stand der Dinge, als ich 1878 mit der „Ariadne“ nach Samoa kam.
Zu jener Zeit traten allerdings auch schon Bestrebungen von seiten Frankreichs und der australischen Colonien in die Erscheinung, welche weitere Veränderungen in den Besitzverhältnissen in der Südsee in Aussicht stellten oder doch vermuthen ließen. Auch die Samoaner, oder doch ein Theil derselben, hatten sich um das amerikanische Protectorat bemüht und es schien, als ob die Amerikaner gewillt seien, hier wie auch auf den Marshall-Inseln ähnliche Verhältnisse zu erstreben wie auf den Sandwich-Inseln, welche eigentlich als amerikanische Colonie betrachtet werden können.
Es waren somit alle seefahrenden Mächte, welche nur ein entferntes Interesse an der Südsee hatten, auf dem Plan und in nicht zu ferner Zeit mußte die Entscheidung fallen, wem die Inseln gehören sollten, nachdem man mit Erstaunen erkannt hatte, was die deutschen Kaufleute aus den von ihnen bearbeiteten Inseln gemacht hatten, und da man wol annahm, dasselbe leisten zu können.
Samoa war inzwischen durch den samoanisch-amerikanischen Vertrag auch schon nicht mehr frei; aber die Ellice-, Kingsmill-, Marshall-Inseln, der jetzige Bismarck-Archipel, Neu-Guinea mit Ausnahme des holländischen Theils, die Salomons- und Sta.-Cruz-Inseln, die Neu-Hebriden, sowie viele einzeln verstreut liegende Inseln, auf denen sämmtlich, mit Ausnahme von Neu-Guinea, den Salomons-, Sta.-Cruz-Inseln und Neu-Hebriden, eigentlich nur deutsche Interessen in Betracht kamen, waren noch frei. Daß die „Ariadne“, soweit es in ihren Kräften lag und die sonstigen Umstände es gestatteten, in aller Stille ihr Möglichstes that, die deutschen Interessen gegen fremde Vergewaltigung zu sichern, ist früher auseinandergesetzt worden, immerhin sei hier aber kurz wiederholt, welche Inseln bezw. Gruppen gesichert wurden. Es waren dies: Funafuti, Vaitupu, die Marshall-Inseln, der jetzige Bismarck-Archipel, sowie Samoa; ferner wurden, als eine Folge der von der „Ariadne“ gemachten Vorarbeiten, im Frühjahr 1879 durch die Fregatte „Bismarck“ Verträge mit den Königinnen von Huheine, Bora-Bora und Roratonga abgeschlossen.
Für diese Sicherungsmaßregeln war es die höchste Zeit gewesen, denn die Begehrlichkeit nach den Südseeinseln wurde in der darauf folgenden Zeit so groß, namentlich die australischen und neuseeländischen Colonien drängten mit solchem Ungestüm nach weitern Annectirungen in der Südsee, daß die Diplomatie sich der Sache annehmen und am grünen Tisch theilen mußte. Hierbei nun kam es Deutschland zu statten, daß es im Austausch auch etwas bieten und unter Verzichtleistung auf einzelne Rechtstitel neue erwerben konnte, denn es darf wol als zweifellos angenommen werden, daß es zu Gunsten Frankreichs auf seine Ansprüche an die Gesellschafts-Inseln und zu Gunsten Englands auf die an Roratonga und die Ellice-Inseln verzichtete.
So konnte Frankreich, nachdem es bereits im Jahre 1880 Tahiti mit der Paumotu-Gruppe zur Colonie gemacht hatte, im December 1885 die Gesellschafts-Inseln annectiren, während Deutschland und England sich in den Rest des freien Südseegebietes theilten. Sind auch die Neu-Hebriden zur Zeit noch unabhängig, so hat Deutschland an dieser Gruppe doch kein Interesse mehr, weil dieselbe nach dem Theilungsplan in der Interessensphäre Englands liegt. Wahrscheinlich allerdings ist, daß die Franzosen jene Inseln erhalten werden, weil diese jetzt mit derjenigen Anmaßung zur See auftreten, wie es früher die Engländer gethan haben, womit sie diesen entschieden imponiren.
Und wer trägt nun eigentlich die Schuld, daß diese schon seit langer Zeit vorhergesehene Theilung, welche im großen und ganzen zum Nachtheil Deutschlands ausgefallen ist, so früh zu Stande kam? Unbeabsichtigt der muthige und thatkräftige deutsche Kaufmann, welcher sich zwischen den noch wilden Eingeborenen niederließ, der Welt zeigte, was für Reichthümer diese Inseln in ihrem Schoß bergen und dadurch die Augen der Neider dorthin lenkte, während er es doch am wenigsten verdient hat, daß er eines großen Theils der Früchte seiner Saat verlustig gegangen ist. Lange Zeit hat er im stillen arbeiten und ernten können, aber schließlich zwangen äußere Umstände ihn, aus seiner Verborgenheit herauszutreten, und zu seinem Schaden mußte dies schon zu einer Zeit geschehen, wo das deutsche Volk noch nicht bereit war, dem Vorschlage seiner Regierung, mit ihr nach der Südsee zu gehen, zuzustimmen.
Hätte das Deutsche Reich fünf oder auch nur drei Jahre früher energisch zugegriffen, zu einer Zeit, wo in Australien und Neu-Seeland die Leidenschaften für weitern Colonialerwerb noch nicht so entzündet waren, dann hätten wir heute wahrscheinlich den doppelten Landbesitz in der Südsee.
Nachdem ich ein Jahr in der Südsee zugebracht und den größten Theil der südlich des Aequators gelegenen Inselgruppen gesehen hatte, konnte ich dasjenige zusammenstellen, was ich aus eigener Beobachtung oder aus competentem Munde über die Bevölkerungen der verschiedenen Inselgruppen erfahren habe und was ich meinen ersten Südsee-Briefen nicht einfügen konnte, weil mir damals diese Erfahrungen eben noch fehlten. Zweifellos würde aber manches in diesen verständlicher gewesen sein, wenn ich schon dem Besuch der Marquesas-Inseln dasjenige hätte vorausschicken können, was ich hier in gedrängter Form niederlegen will. Daß ich dies überhaupt thue, ist einzig den nachstehend angegebenen Gründen zuzuschreiben.
Auf der Heimreise wurden mir beim Anlaufen der verschiedenen Häfen so wunderliche Fragen über die in der Südsee vermuthete Menschenfresserei vorgelegt; es werden nach den verschiedentlich ausgesprochenen Urtheilen die dortigen Menschenstämme auf einer so niedrigen Stufe stehend angenommen, sie sollen in Bezug auf Rohheit und Wildheit dem Raubthier so nahe stehen, daß ich mich fragen mußte, welchen Ursachen eine solche Verkennung einer großen Völkerfamilie zuzuschreiben sei. Allerdings mußte ich mir nach einigem Nachdenken sagen, daß ich früher die Südsee-Insulaner ebenso beurtheilt hatte, weil eben alle Welt sie so beurtheilt; deswegen aber halte ich es gerade für meine Pflicht, mein Theil dazu beizutragen dieses Urtheil berichtigen zu helfen, damit wenigstens diejenigen Leser, welche meinen Reiseberichten gefolgt sind, nochmals besonders darauf hingewiesen werden und jener Inselbevölkerung Gerechtigkeit widerfahren lassen können.
Bei Beantwortung der Frage, wie jenes ungünstige Urtheil sich erhalten konnte, glaube ich den Umstand in den Vordergrund stellen zu müssen, daß das große Publikum häufig alle Inselbewohner der Südsee — Polynesier, Mikronesier und Melanesier (Papuaneger) — zusammenwirft und alle Menschenfresser nennt, weil die Melanesier es sind. Zu verwundern ist dies aber nicht, denn wo sollte das Publikum die Mittel finden, sich über die dortigen Zustände genau zu unterrichten? Die frühern Reisenden haben sich bei Beschreibung jener Menschenstämme vielfach versündigt und die neuern Berichte stammten zur Zeit meiner Beobachtungen in der Mehrzahl von Missionaren, von Herren, welche meines Erachtens in der aufgeworfenen Frage nicht ganz competent sind. Sie haben zweifellos verdienstvolle Werke geschrieben, die manche wissenschaftliche Frage eingehend und erschöpfend behandeln und uns die erste werthvolle Kunde aus jenem Welttheile gebracht haben; Werke, die aber ihre Beredsamkeit verlieren, sobald sie das alltägliche Leben besprechen und uns ein Bild der Vergnügungen und der Sitten jener Naturmenschen bringen sollen. Und aus einer wahrheitsgetreuen Schilderung der Sitten und Gebräuche, der Vergnügungen und Leidenschaften, läßt sich doch nur ein richtiges Bild über den Charakter eines Volkes zusammenstellen. Jene Werke bringen allerdings vieles über Sitten und Gebräuche, aber nicht das, was zu einer richtigen Beurtheilung unumgänglich nothwendig ist. Gebräuche und Leidenschaften jener Naturmenschen stehen eben dem paradiesischen Urzustande so nahe, würden mit ihrer dortigen natürlichen Reinheit in unsere civilisirten Verhältnisse verpflanzt theilweise so anstößig werden, daß der Missionar darüber hinweggehen zu müssen glaubt, wenn er nicht etwa schon alles Gefühl für die reinen Naturtriebe verloren hat und aus diesem Grunde manches verurtheilt, was als ein Beweis von Sittlichkeit und Unschuld hingestellt werden muß. Allerdings bleibt hier noch die Frage zu erörtern, ob der Missionar, welcher sein Amt nicht zeitweise abstreifen kann, je Gelegenheit findet, jene Menschen so kennen zu lernen, wie sie in Wirklichkeit sind, und diese Frage glaube ich verneinen zu müssen. Die Missionare verurtheilen die harmlosesten Vergnügungen jener Leute mit einer solchen Härte, haben so schwere Geldstrafen für die nach unsern Begriffen unschuldigsten Sachen, und überhaupt ein so strenges puritanisches Regiment eingeführt, daß der Eingeborene vor ihnen stets ein Heuchler sein muß, weil er ohne seine gewohnten Zerstreuungen nicht leben kann. Denn diese Leute, welche weder geistige noch körperliche Arbeit kennen, müssen, solange sie noch nicht die Wohlthaten eines arbeitsamen Lebens empfinden, die Langeweile, den größten Feind aller Moral und Sittlichkeit, durch ihre kleinen Feste vertreiben. Der Missionar sieht daher leicht den Eingeborenen, wie er ihn sehen möchte und ist mithin nach meiner Ansicht nicht in der Lage, uns ein getreues Bild von dem Leben und Wirken jener interessanten Naturmenschen geben zu können; sein Bericht bespricht nicht diese Welt, ist nicht von dem glühenden Hauch des Lebens durchweht und wirkt daher leicht ermüdend, wie er in Wahrheit der Wirklichkeit auch nur unvollkommen entspricht. Leider muß ich hier aber auch noch einfügen, daß viele der in der Südsee wirkenden Missionare meiner Ansicht nach ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind und den dortigen harmlosen Heiden nicht die Wohlthaten des Christenthums zuwenden.
An den Hauptplätzen, so auf Tongatabu, in Apia und auf den Duke of York-Inseln findet man allerdings Männer von hoher Bildung, welche in reiferm Alter stehend ihre Aufgabe in würdiger und wohlwollender Weise auffassen; vielfach sind aber nur untergeordnete Persönlichkeiten vorhanden, die, vielleicht mit dem wahren Geiste des Christenthums unbekannt, ihre Erfolge nur nach der Zahl der Kirchgänger und der Höhe ihrer eigenen tyrannischen Macht berechnen. Ihre Heerde ist eine stumpfe Menge, welche die von dem Hirten anbefohlenen äußern Gebräuche streng befolgt, daneben aber sich heimlicher Laster hingibt, da der Hirt ihr alle die altgewohnten, größtentheils harmlosen Vergnügungen unter dem Vorwand, daß dieselben heidnisch seien, genommen hat, anstatt allmählich nur das zu beseitigen, was etwa mit dem Christenthum nicht in Einklang gebracht werden kann.
Ich möchte daher behaupten, daß jene Naturmenschen für das Christenthum noch nicht reif sind, wenigstens nicht, solange sie nicht gleichzeitig unter die Obhut einer erleuchteten christlichen Regierung treten, welche die Härten der orthodoxen Kirche mildert. Hierbei darf auch eine wichtige Frage nicht übersehen werden, nämlich die, daß das Christenthum, wie es gelehrt worden ist, ohne etwas Besseres dafür zu geben, die glücklichen politischen und socialen Verhältnisse, welche früher auf den meisten der von Polynesiern bewohnten Inseln bestanden haben, zerrüttet hat. Es scheint fast, als ob die Missionare nicht gewußt hätten, daß das Zerstören leichter als das Wiederaufbauen ist. Die Polynesier hielten früher die Häuptlingsfamilien für unsterblich, für Halbgötter, während der gemeine Mann mit seinem Tode vollständig abschloß. Hieraus entsprang die hohe Achtung und der unbedingte Gehorsam, welche den Häuptlingen und ihren Familien gezollt wurden. Die Häuptlinge gebrauchten ihre Gewalt nur soweit, daß sie sich von ihren Unterthanen ernähren ließen, und konnten sie nicht mißbrauchen, da sie nicht mehr fordern konnten, als was zu ihrer Sättigung nothwendig war. Denn eigentliches Besitzthum war nicht vorhanden und Geld nicht bekannt. Die Lasten der Unterthanen waren daher außerordentlich geringe, sie lebten glücklich und zufrieden, und der Fall, daß ein Häuptling im Jähzorn einen seiner Unterthanen erschlug, soll selten vorgekommen sein. Doch all das hat sich mit dem Einzug der Missionare geändert. Die Unsterblichkeit der Seele machte den gemeinen Mann dem Häuptling gleich und der Missionar trat als der Vertreter Gottes an die Stelle der Häuptlinge. Solange er nun das Regiment mit Klugheit und Milde führte, war alles gut; war er aber der Fülle der ihm gewordenen Macht nicht gewachsen, so wurde er ein Despot, der seine harmlose Heerde tyrannisch knechtete. Verließ dann der Missionar die Insel wieder, dann gab es, auch wenn er sein wirklich Bestes gethan hatte, Unruhen, weil jede Autorität vernichtet war, die Häuptlinge naturgemäß dieselbe aber wieder beanspruchten, sie auch erzwangen, aber in der Regel nur durch fortgesetzte Kriege sich erhalten konnten.
Da auch leider die Sittenlosigkeit auf den Inseln der Südsee vorläufig noch mit dem Vorschreiten des Christenthums wächst und die Inseln, welche am längsten unter dem Einfluß der Missionare stehen, d. h. diejenigen, welche sich diesem Einfluß wirklich unterworfen haben, die verderbtesten sind, so glaube ich kein Unrecht zu begehen, wenn ich die Menschenfresser in Neu-Britannien in moralisch-sittlicher Beziehung höher stelle als die Tahitier. Wenn auch die Verderbtheit nicht indirect dem Einflusse der neuen Lehre oder ihrer Priester, sondern dem Verkehr mit den Europäern überhaupt zuzuschreiben sein sollte, da diese sich in neuerer Zeit vielfach auf den von Missionaren beherrschten Inseln angesiedelt haben, so bleibt doch auch unter dieser Annahme dann noch immer die Thatsache bestehen, daß ein 20jähriges ungestörtes Wirken der Missionare nicht im Stande war, die Eingeborenen davor zu schützen, daß sie wenige Jahre nach der Ansiedelung einiger Europäer auf einen bedauernswerthen Stand der Entsittlichung gesunken waren. Es läßt sich jedenfalls nicht wegleugnen, daß die Polynesier, welche bisjetzt nur allein als den Missionaren unterworfen betrachtet werden können, als Christen schlechtere Menschen sind, als sie zur Zeit ihres Heidenthums waren. Und sollten sie wirklich früher schon moralisch so niedrig gestanden haben wie jetzt, dann bleibt immer doch der Rückschritt bestehen, daß sie jetzt als Christen mit Bewußtsein sündigen, während sie früher nur erlaubte Freiheiten genossen. Wie schädlich die übereilte Bekehrung in jenen Gegenden gewirkt hat, dürfte vielleicht mein Bericht über Vavau am besten ergeben, da dort gezeigt ist, wie wenig diese Naturmenschen den Geist des Christenthums zu begreifen vermögen oder wie wenig sie diesen Geist begreifen wollen. —
Die Menschen, welche jenes ausgedehnte Inselreich des Stillen Oceans bewohnen, zerfallen in drei Hauptgruppen: in Polynesier, Mikronesier und Melanesier, sowie in verschiedene Abarten, welche wol durch Kreuzung entstanden sind. Für das Auge desjenigen Beobachters, welcher nicht als Gelehrter untersucht, sind die Polynesier die der kaukasischen Rasse Nächststehenden, während die Melanesier den schönern Stämmen der afrikanischen Neger nahe kommen. Die Polynesier bewohnen den Inselstrich, welcher sich von Neu-Seeland über Tonga, Samoa, die Cook-, Gesellschafts- und Marquesas-Inseln bis zu den nördlich des Aequators gelegenen Sandwich-Inseln erstreckt. Die Mikronesier bewohnen vorzugsweise die nördlich des Aequators gelegenen Inselgruppen zwischen den Sandwich-Inseln und den Philippinen; die Melanesier Australien, Neu-Guinea oder Papua, die Salomons-Inseln, Neu-Caledonien und die Neu-Hebriden. Die zwischen diesen Gruppen gelegenen Inseln werden von Mischlingen bewohnt, und hier verdienen die Fidji-Inseln wegen ihrer großen Ausdehnung und des zur Zeit noch dort herrschenden Kannibalismus besondere Erwähnung. Die Eingeborenen Fidjis sind keine reinen Polynesier, für welche sie oft gehalten werden, sondern eine Mischrasse aus eingewanderten Tonganern und dem eigentlichen melanesischen Volksstamm, welch letzterer vor Zeiten von den kriegstüchtigen und unternehmenden Tonganern unterjocht wurde. Hierin findet sich auch die Erklärung, daß im Innern der Fidji-Inseln noch heutzutage Kannibalen gefunden werden, während die reinen Polynesier diesem abscheulichen Geschmack nie gehuldigt haben. Denn wenn Polynesier auch an einigen Plätzen Menschenfleisch gegessen haben, so geschah dies doch nur in Form von Opferfesten, bei welchen Kriegsgefangene das Opfer stellen mußten. Wie mir versichert wurde, sollen derartige Opfer auch nur auf den Marquesas-Inseln und auf Roratonga vorgekommen sein; jedenfalls haben die Tahitier, die Samoaner und die Bewohner der Gesellschafts-Inseln, soweit ihre Traditionen reichen, sich von diesem Laster frei gehalten, während zu einer Zeit in Tonga von den von den Fidji-Inseln zurückgekehrten Eroberern auch der Genuß von Menschenfleisch eingeführt gewesen sein soll, ohne sich indeß lange halten zu können. Die Fidji-Inseln werden daher wol auch die Quelle sein, von welcher aus alle Südsee-Insulaner zu Menschenfressern gestempelt worden sind. Die Versuchung, die Eingeborenen Fidjis für reine Polynesier zu halten, liegt allerdings nahe, da die Bewohner der Küstenstriche dieser Inseln in ihrer äußern Erscheinung dem edelsten Typus der Südsee-Insulaner außerordentlich nahe kommen, ihm vielleicht auch vollständig ebenbürtig sind.
Die andern Mischlinge werde ich bei Besprechung der Frage über den wahrscheinlichen Ursprung dieser Insulaner berücksichtigen. Diese Frage ist von der wissenschaftlichen Welt so eingehend erörtert worden, daß ich nicht wagen darf, etwas Neues bringen zu wollen, und doch muß ich mich mit ihr beschäftigen, weil kein denkender Mensch jenen sechsten zerrissenen Welttheil besuchen wird, ohne sich unwillkürlich mit dieser interessanten Frage zu beschäftigen und den Versuch zu machen, zu ergründen, welche der verschiedenen Hypothesen den meisten Anspruch auf Wahrscheinlichkeit hat.
Soviel mir bekannt, sind drei Ansichten über die wahrscheinliche Herkunft der großen Inselbevölkerung vorhanden. Die erste geht von der Annahme aus, daß früher inmitten des Stillen Oceans ein großer Continent lag, welcher von drei Menschenrassen bewohnt wurde; im Süden und Osten von den Polynesiern, im Westen von den Melanesiern und im Norden von den Mikronesiern. Bei einer großen Katastrophe versank dieser Continent und nur die höchsten Berggipfel blieben als Inseln zurück, welche räumlich außerordentlich weit voneinander geschieden, doch durch ihre Menschen, Thiere und Flora im innigsten Zusammenhang standen und stehen. Die gleiche Sprache und die gleichen Sitten der polynesischen Eingeborenen, wie die gleiche Sprache der Mikronesier und der von beiden abstammenden Mischlinge, welche die später wiedererstandenen Koralleninseln bevölkerten, sprechen so beredt für diese Annahme, die zahllosen Koralleninseln zeigen so deutlich die ausgedehnte Gebirgswelt, welche unter der Meeresoberfläche liegt; die vielen noch thätigen unterseeischen Vulkane, welche häufige Veränderungen in dem unterseeischen Lande verursachen, lassen so wenig Zweifel, daß dort auch jetzt noch gewaltige Kräfte in Thätigkeit sind, daß man diese Hypothese wol als eine berechtigte anerkennen kann.
Die zweite Ansicht läßt die sämmtlichen Bewohner der Südseeinseln vom Westen kommen, nennt sie Abkömmlinge der Malayen, welche schon in altersgrauer Zeit im Besitz seetüchtiger Fahrzeuge waren und denen man so viel Unternehmungsgeist zuspricht, daß man ihnen die Fähigkeit zur Erwerbung so fernliegenden Insellandes glaubt zuerkennen zu müssen. Diese Ansicht erschien mir, wie wol auch schon vielen, beim Vergleich der verschiedenen Menschenstämme so absurd, daß ich mir gar nicht die Mühe nahm, weiter darüber nachzudenken. Zwar fand ich in Neu-Britannien manche Anklänge an die samoanische Sprache, doch wurden diese damit erklärt, daß erst in allerneuester Zeit einige samoanische Worte Aufnahme in den beschränkten Sprachschatz der Menschenfresser gefunden hätten. Als ich aber in Batavia mehrere Worte fand, welche in Java und Samoa dieselbe Bedeutung haben, da wurde mir doch klar, wie vorschnell der Reisende in seinem Urtheil und wie gefährlich es ist, sich eine eigene Ansicht über so tiefgehende Fragen auf Grund oberflächlicher Beobachtungen bilden zu wollen. Damals dachte ich noch nicht daran, dieses hier niederschreiben zu wollen, und habe mir daher die erwähnten Worte ebensowenig gemerkt, als ich versuchte, mich eingehender zu unterrichten. Ein Wort wenigstens ist aber in meinem Gedächtniß haften geblieben, mit welchem ich die vorstehende Behauptung belegen kann. Das Wort „susu“ bedeutet im Javanischen „Milch“, im Samoanischen hat es die Doppelbedeutung von „Milch“ und „Frauenbrust“.
Die dritte Hypothese läßt Neu-Caledonien, die Salomons-, Fidji-Inseln und Neu-Hebriden von Australien und Neu-Guinea aus, die polynesischen Inseln von Samoa aus bevölkern. Wo die Mikronesier herkommen sollen, ist mir nicht gegenwärtig. Nimmt man die Karte zur Hand und mißt die außerordentlich großen Entfernungen aus, welche einzelne Inselgruppen voneinander trennen, dann wird man allerdings geneigt, diese Hypothese für unhaltbar zu erklären, da es unmöglich erscheint, daß Menschen ohne Seekarten und Compaß, ohne Mittel den Ort des Schiffes zu bestimmen, mit so zerbrechlichen kleinen Fahrzeugen, über welche die Eingeborenen nur verfügten, eine Seereise in das Ungewisse wagen und auf eine Entfernung von 2000 Seemeilen mit Erfolg durchführen konnten. Doch nähert sich die Unmöglichkeit der Möglichkeit, wenn man die wol unumstößlich feststehende Thatsache erwägt, daß das große Neu-Seeland von dem kleinen Roratonga aus bevölkert worden ist und wenn man dabei berücksichtigt, daß die Entfernung zwischen Neu-Seeland und den Cook-Inseln etwa 1800 Seemeilen beträgt. War dies möglich, dann kann man eine Bevölkerung der Sandwich-Inseln von den Gesellschafts- oder Marquesas-Inseln aus gerade auch nicht mehr für unmöglich halten. Zwar kann hier entgegnet werden, daß eine Reise von Roratonga nach Neu-Seeland möglich sei, weil die Leute in der guten Jahreszeit mit Hülfe des Südostpassats ohne Schwierigkeit dahin gelangen konnten, während auf dem Wege nach den Sandwich-Inseln die Aequator-Calmen durchschnitten werden müssen. Doch der Weg nach Neu-Seeland wird auch nicht allein auf den Schwingen des Passatwindes gemacht, dort gibt es auch Windstillen und vorherrschenden Westwind, welcher häufig zu schwerem Sturm anwächst, und ich glaube, daß die Wind- und Wetterverhältnisse von den Marquesas-Inseln nach den Sandwich-Inseln für offene Boote thatsächlich günstigere sind, als die von Roratonga nach Neu-Seeland.
Ich will indeß auf die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten nicht weiter eingehen; trifft die erste Hypothese nicht zu, dann hat diese letztere wol die größere Wahrscheinlichkeit für sich. Thatsache ist, daß auf den von Polynesiern bewohnten Inseln die gleiche Sprache mit Abweichungen, wie sie auch die verschiedenen romanischen oder germanischen Sprachen aufweisen, gesprochen wird, sowie daß die Mikronesier und die von ihnen abstammenden Mischlinge eine besondere Sprache haben, welche auf den von mir besuchten Inselgruppen Mikronesiens nur so geringe Abweichungen hat, daß ein bei mir an Bord befindlicher Marshall-Insulaner der Radack-Kette auf den Inseln der Kingsmill-Gruppe sowie der Ralick-Kette als Dolmetscher fungiren konnte.
Die Vertreter der Annahme, daß Polynesien von Samoa aus bevölkert worden ist, stützen sich meines Wissens darauf, daß die Samoaner den reinsten Typus der polynesischen Rasse vertreten, mithin bei ihnen die Wiege des ganzen Volksstammes zu suchen sei, weil erfahrungsmäßig die Auswanderer im fremden Lande, bei anderer Nahrung, infolge abweichender Lebensweise und neuer Sitten sich äußerlich soweit verändern, daß die spätern Geschlechter einen ganz neuen Volksstamm zu bilden scheinen. Dies wird in der Südsee schlagend auf den Ellice-Inseln bewiesen, wo die von den bergigen Samoa-Inseln gekommenen Einwanderer auf den niedrigen Koralleninseln unter Beibehaltung ihrer Sprache eine wesentliche Veränderung erfuhren und mit der Aufgabe der feinen Sitte des Mutterlandes auch auffallend an ihrer körperlichen Schönheit verloren haben.
Andererseits haben wieder die weiter nach dem Norden gewanderten Samoaner bei der stattgehabten Kreuzung mit den vom Norden gekommenen Mikronesiern einen Menschenschlag geschaffen, welcher in Bezug auf körperliche Schönheit fast noch höher wie derjenige der Samoaner steht und sich durch saubere Hütten, strenge Sitten, große Förmlichkeit in dem gegenseitigen Verkehr und persönlichen Muth sowol vor den im Norden seßhaften Mikronesiern, wie vor den im Süden die Ellice-Inseln bewohnenden Samoanern auszeichnet.
Ob auf solche Aeußerlichkeiten die Herkunft einer großen Völkerfamilie basirt und daraufhin der Stamm der Samoaner für das Stammvolk erklärt werden kann, werden übrigens die Gelehrten zu entscheiden haben. Ich wollte nur das, was ich in Erfahrung gebracht habe, in möglichst bündiger Form hier niederlegen und die liebenswürdigen Polynesier bei meinen Freunden davor schützen, daß sie für Wilde und Menschenfresser gehalten werden.
Soweit die Traditionen der Eingeborenen reichen, welche die Engländer auf mehr als 1000 Jahre zurückrechnen, war von einem größern vulkanischen Ausbruch und damit zusammenhängenden Veränderungen des Landes auf Neu-Seeland nichts bekannt. Die Traditionen besagen vielmehr, daß die ersten Einwanderer das Geysir-Gebiet in genau derselben Gestalt vorgefunden hatten, wie es bislang war. Namentlich der Berg Tarawera hat nie ein Zeichen vulkanischer Thätigkeit gegeben, sodaß der am Fuße des Berges lebende Stamm der Maoris schon seit funfzehn Generationen gerade den Gipfel desselben als Begräbnißstätte für seine Stammesgenossen benutzte, weil in altersgrauer Zeit ein großer Häuptling dort bestattet worden ist. Um so interessanter bleibt es, daß der gelehrte österreichische Geologe Dr. von Hochstetter schon im Jahre 1859 infolge seiner Untersuchungen die Vermuthung aussprach, daß der Tarawera-Berg in seinem Innern durch heiße Dämpfe verzehrt sei und in nicht zu ferner Zeit voraussichtlich einstürzen würde. Eine Untersuchung des Berggipfels wurde ihm von den Maoris nicht erlaubt, weil sie eine Entweihung ihrer Grabstätten befürchteten. Ist nun die Vorhersagung von Hochstetter's auch nicht buchstäblich eingetroffen, so zeigt die Thatsache doch, daß er den für ganz ungefährlich gehaltenen Berg richtig beurtheilt hatte.
Nach der übereinstimmenden Aussage aller Augenzeugen, und deren waren viele, hat sich die Katastrophe, welcher allerdings zwei Warnungen vorhergegangen waren, die aber erst nach derselben als solche erkannt wurden, ganz unerwartet in der nachfolgend angegebenen Weise entwickelt. Die vorhergegangenen merkwürdigen Anzeichen von Störungen im Erdinnern hatten darin bestanden, daß im Jahre 1884 plötzlich das bisher kalte Wasser des Roto-kakahi sich bis zur Siedehitze erwärmte, dann während eines Tages ein starker Abfluß aus dem See durch das Wairoa-Thal nach dem Tarawera-See erfolgte und danach die Temperatur des Seewassers wieder auf die normale sank. Das zweite Zeichen erfolgte wenige Wochen vor dem Ausbruch, indem die heißen Quellen bei Ohinemutu plötzlich sehr bedeutend an Wärme verloren.
In der Nacht vom 9. zum 10. Juni 1886, 12 Uhr 40 Minuten morgens wurde in Wairoa der erste Erdstoß verspürt, welchem in kurzen Zwischenräumen immer stärkere folgten, begleitet von rollendem Getöse und orkanähnlichem Wind. Um 2 Uhr erfolgte der erste Ausbruch, nachdem vorher eine riesige schwarze Wolke, die von der Stadt Taheke bis zum Päroaberg, mithin über eine Strecke von 35-40 km gereicht haben soll, sich über dem Lande gelagert hatte, in welcher nie gesehene elektrische Entladungen stattfanden. Für das Auge fand der Ausbruch des Tarawera-Berges aus drei großen Kratern, welche später als acht kleinere erkannt wurden, statt und die nach oben geworfenen Feuergarben wurden auf 300 m Höhe geschätzt. Die an sich zunächst großartige Erscheinung wurde für die Bewohner von Wairoa bald zu einer furchtbaren, als wenige Minuten später glühende Aschenmassen, große Steine und ein wahrer Schlammregen, von dem wehenden Orkan über die Landschaft gejagt, niederfielen und alles Erreichbare vernichteten. Die Europäer konnten sich unter der Führung eines mit großer Geistesgegenwart begabten und kaltblütigen Mannes zum größten Theil retten, weil die örtlichen Verhältnisse ihrer Ansiedelung die Flucht begünstigten. Nur sechs von ihnen und 95 Eingeborene wurden als vermißt angemeldet.
Am nächsten Morgen war die Ansiedelung Wairoa verschwunden und das Land mit einer 1½ m hohen Schlamm-, Stein- und Aschenschicht bedeckt; der schöne Tikitapu-Wald war von dem Sturm, den einschlagenden Blitzen und dem Aschen- und Schlammregen vernichtet; der Roto-kakahi hatte 3 m weniger Wasser als vorher; der Roto-mahana war wasserleer und das schlammige Bett des frühern Sees war bedeckt mit größern und kleinern Kratern, Geysirs und Fumarolen; die berühmten Terrassen waren nicht mehr und nichts ließ erkennen, wo sie dereinst gestanden hatten. So haben dieselben Naturkräfte, welche im Laufe von Jahrtausenden jene Wunderwerke geschaffen hatten, sie in einer einzigen Nacht auch wieder zerstört. Unsere Abbildungen dieser Terrassen nehmen demnach gegenwärtig ein gewisses historisches Interesse in Anspruch.
Einen ungefähren Begriff von der elementaren Gewalt des Ausbruchs mag die Thatsache geben, daß in Auckland, mehr als 200 km von dem Schauplatz entfernt, am Morgen des 10. Juni gegen 3 Uhr die Menschen durch laute Kanonenschläge, ja ganze Artilleriesalven aus dem Schlafe geweckt wurden und dann auch den fernen Feuerschein sahen, sodaß man glaubte, ein Kriegsschiff sei in der Nähe in Seenoth, bis man erst gegen 9 Uhr vormittags durch Telegramme von der wahren schrecklichen Ursache unterrichtet wurde.
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| " | 426, | " | 12 | v. o., st.: Vorzug, l.: Verzug |
| " | 481, | " | 6 | v. o., st.: halbe, l.: halber |
Achterraus, hinter dem Schiff.
Ansteuern, nahe an eine in der Nähe der Curslinie liegende Küste oder Insel heranfahren, um das Land, namentlich geographisch genau bestimmte Punkte desselben, wie Leuchtthürme, vorspringende Caps, Berggipfel, zu Gesicht zu bekommen und danach festzustellen, ob der nach den Rechnungen auf der Karte festgelegte Ort des Schiffes auch richtig ist. Oder, mit Hülfe von Lothungen und der Karte den Ort des Schiffes bestimmen. Derartige Vorsichtsmaßregeln sind namentlich bei Nacht unumgänglich nothwendig; aber auch bei Tage, wenn Regen und nebeliges Wetter eine Fernsicht nicht gestatten und wenn während der letzten Tage oder auch nur während der letzten 24 Stunden bewölkter Himmel die Vornahme astronomischer Beobachtungen unmöglich gemacht hat und man dadurch verhindert wurde, die Wirkung der Meeresströmung auf den Curs des Schiffes festzustellen.
Aufentern, auf den Strickleitern in die Takelage gehen (vom englischen to enter).
Aufkreuzen, das Schiff durch Segeln nach der einen und der andern Seite gegen die Richtung des Windes fortbewegen. Man rechnet, daß ein kreuzendes Schiff drei Seemeilen durch das Wasser zurücklegen muß, um eine Seemeile in der Windrichtung, d. h. gegen den Wind, zu gewinnen.
Ausmachen, erkennen. Das Land oder ein Schiff ist ausgemacht, sobald man zwischen Wolken oder aus nebeliger Luft heraus die richtigen Contouren des Landes oder die Formen des Schiffes sicher festgestellt hat.
Back, der vordere mit einem besondern leichten Deck versehene Theil des Schiffes.
Beidrehen, das Schiff mit kleinen Segeln so zum Winde, d. h. in einen möglichst spitzen Winkel zur Windrichtung, legen, daß es sich nur wenig von der Stelle fortbewegt, aber doch steuerfähig bleibt.
Besteck, das Resultat der Ortsbestimmung eines Schiffes durch alle vorhandenen Hülfsmittel. Da die astronomischen Berechnungen erst zur Mittagszeit, wenn die Sonne durch den Meridian des Beobachters geht, ihren Abschluß finden können, so wird diese Zeit auch für die Festlegung des Orts des Schiffes in der Karte benutzt. Daher versteht man, wenn dem Wort „Besteck“ keine nähere Bezeichnung beigefügt ist, unter diesem gewöhnlich das Mittagsbesteck.
Bramstänge, der oberste Theil des aus drei Theilen hergestellten Mastes. Der mittlere heißt „Stänge“, der unterste „Untermast“.
Dampfpinasse, ein kleines, zwischen 8 und 10 m langes Dampfboot, welches die Kriegsschiffe mit sich führen.
Dollbord, der oberste Theil der Beplankung eines Bootes, in welchem sich viereckige Ausschnitte zur Aufnahme der Ruder, oder Löcher zum Einstecken der Rudergabeln (Dollen) befinden.
Dünung, die Wellenbewegung, welche sich auch nach dem Absterben des Windes noch, als eine Folge des Beharrungsvermögens, auf dem Meere erhält.
Fallreep, der auf jeder Seite des Schiffes, gewöhnlich in der Mitte liegende Ausschnitt in der Schiffswand, durch welchen man das Schiff von außen betritt oder von innen verläßt.
Gaffel, dasjenige Segelholz, welches, an der Hinterseite der Untermasten befestigt, dazu dient, den obern Theil solcher Segel zu halten, welche an dem Mast selbst befestigt sind. An der hintersten Gaffel führen die in Fahrt befindlichen Schiffe gewöhnlich ihre Nationalflagge.
Geien, das Zusammenziehen der Segel durch Taue, sodaß sie dem Winde keine Fläche mehr darbieten.
Heck, der hinterste Theil des über Wasser befindlichen Schiffskörpers, im Gegensatz zu der Back.
Heranscheeren, ein Schiff aus seiner bisherigen Cursrichtung heraus vorübergehend an einen bestimmten Platz oder Gegenstand bringen. (Von dem englischen to sheer übernommen.)
Hineinholen in einen Hafen, in eine kleine Bucht, ein Dock u. s. w. bedeutet, mit großer Vorsicht, wenn nöthig mit Hülfe von Tauen, ein Schiff an eine bestimmte Stelle leiten.
Jolle, ein kleines, etwa 5 m langes, aber verhältnißmäßig breites und tiefes Arbeitsboot, welches gewöhnlich von 4 bis 6 Matrosen gerudert wird.
Kette durchholen, das allmähliche Anspannen der Ankerkette, wenn infolge von Strömung oder Wind das Schiff in Bewegung kommt, bis die Kette straff gespannt ist.
Knoten ist die Bezeichnung für die Geschwindigkeit eines Schiffes in einem gegebenen Augenblick, und die durch das Schiff in einer Stunde zurückgelegte Seemeilenzahl entspricht dieser Knotenzahl, wenn die Fahrt des Schiffes eine gleichmäßige war. In diesem Falle legt dann das Schiff in einer Stunde ebenso viele Seemeilen zurück, als bei dem Fahrtmessen (Loggen) in dem Zeitraum von 14 Sekunden Knotenlängen von der Meßleine ausgelaufen waren. So wird man von einem Segelschiff, bei welchem die Geschwindigkeit fast nie eine ganz gleichmäßige ist, weil die Stärke des Windes sich häufig ändert und auch die häufige Aenderung der Windrichtung von Einfluß auf die Schiffsgeschwindigkeit ist, nie sagen können, daß es x Seemeilen läuft, sondern nur: es hat beim letzten Loggen x Knoten gemacht. Aber auch die Geschwindigkeit der Dampfschiffe ist Störungen durch Wind und Seegang, durch kleine Unregelmäßigkeiten in dem Gang der Maschine unterworfen, sodaß auch bei diesen die Bezeichnung der Geschwindigkeit durch Knoten die richtigere ist, zumal man bei dieser Bezeichnung stets weiß, daß die Angabe sich immer nur auf die in einer Stunde zurückgelegte Strecke oder, wenn es sich um die höchste Leistungsfähigkeit eines Schiffes handelt, auf diejenige Seemeilenzahl bezieht, welche das Schiff in einer Stunde zurücklegen kann. Aber auch in dem Falle, daß sich derartige Störungen nicht geltend machen, kann man doch nicht mit Sicherheit die Geschwindigkeit eines Schiffes durch ein bestimmtes Längenmaß ausdrücken, weil man hierbei nicht die Meeresströmungen mit in Ansatz bringen kann, denn ein Schiff kann sehr wohl in einer Stunde 16 Seemeilen durch das Wasser, dabei aber bei dem Vorhandensein von z. B. 2 Knoten Gegenstrom nur 14 Seemeilen über den Grund gemacht haben; die Bezeichnung durch Knoten wird also auch hier immer die richtigere sein.
Kutter, 7 bis 9 m lange Boote, welche von 10 bis 12 Matrosen gerudert werden und die laufende Verbindung zwischen den zu Anker liegenden Schiffen und dem Lande unterhalten, auch als Offiziersboote benutzt werden. Bei einer Ausschiffung des Landungscorps nehmen die Kutter die Vorhut auf und landen demgemäß auch als die ersten Boote. Auf See dienen sie als Rettungsboote.
Lee, vom Schiffe aus gerechnet diejenige Seite, nach welcher der Wind hinweht.
Leichterprähme, offene Fahrzeuge, um die Lasten eines Schiffes an Land zu bringen oder umgekehrt. Sie erleichtern das Schiff.
Lothgänger, Matrosen, welche das Handloth bedienen. Zu diesem Dienst sind besonders gewandte und zuverlässige Leute erforderlich.
Luv, vom Schiffe aus gerechnet diejenige Seite, von welcher der Wind herkommt.
Marssegel, die mittelsten und wichtigsten Segel eines jeden Mastes. Die untersten Segel werden „Untersegel“ genannt, darüber stehen die „Marssegel“, über diesen die „Bram-“ und darüber die „Oberbramsegel“.
Presenning oder auch Persenning, ein besonders starkes, zuweilen auch getheertes oder geöltes Stück Segeltuch, das ebensowohl als Unterlage, wie auch zum Bedecken solcher Gegenstände oder Schiffstheile, welche geschont werden sollen, benutzt wird.
Reefen, Verkleinern der Segel durch Einbinden eines Theiles derselben.
Reling oder Schanzkleidung, der obere, über dem Oberdeck des Schiffes liegende und als Brustwehr dienende Theil der Schiffswand.
Schlingern, die seitlichen Bewegungen eines von den Wellen bewegten Schiffes.
Spanten, die rechtwinkelig zum Kiel stehenden Haupthölzer eines Schiffes oder Bootes, auf welcher die wagerecht liegenden Planken befestigt werden.
Stänge, s. Bramstänge.
Steven, die vorn und hinten den Kiel nach oben verlängernden Hölzer oder Eisenschienen. Daher Vor- und Hinter-Steven.
Sturmsegel, besonders starke und für den Zweck geformte kleinere Segel.
Untermast, s. Bramstänge.
Vorbramsaling, das Stück Holz, welches den Fuß der Bramstänge (s. Bramstänge) mit der Stänge verbindet. Dasselbe hat seitliche Arme, um einigen Tauen den erforderlichen Halt zu geben, und diese Arme dienen dem Ausguckposten als Sitz.
Wanten (abgeleitet von Wand, Wände), die große Zahl starker Taue, welche den Untermasten seitliche Stütze geben und die Hauptlast des Segeldruckes zu tragen haben. Die einzelnen Taue sind unter sich durch Quertaue, welche als Strickleitern dienen, verbunden, sodaß das Ganze als eine durchbrochene Wand erscheint, welche auf einem großen Kriegsschiff an jedem Mast und an jeder Seite eine Fläche von bis zu 60 qm einnimmt.
Zum Winde legen, s. Beidrehen.
Zurrung, feste und straffe Verbindung eines losen Gegenstandes durch Tauwerk mit einem festen Theil des Schiffes.