Kanu der Marshall-Insulaner.

Kanu der Marshall-Insulaner im Wasser.

Der Text der Uebereinkunft wurde noch einmal sorgsam durchgenommen und diese dann gegenseitig in zwei Exemplaren unterzeichnet. Darauf traten wir auf das Deck, um dem nunmehr für die Landesflagge der Ralick-Inseln zu feiernden Salut beizuwohnen, von welchem Lebon den ersten, Letabalin den zweiten Schuß vor ihren versammelten Unterthanen abfeuerten. Der Salut wurde von Land aus Schuß für Schuß erwidert. Die Eingeborenen verließen mit anrückender Dunkelheit in ihren Kanus scharenweise das Schiff, die deutschen Herren und Lebon blieben am Abend noch bei mir zu Tisch und der geschäftliche Theil meiner Anwesenheit in Jaluit hatte seinen Abschluß gefunden.

Am 1. December verließ ich Jaluit wieder. Die am Lande und auf den Kauffahrteischiffen wehenden Flaggen senkten sich langsam zum Gruß, die am Strande in Festkleidern versammelte Bevölkerung stimmte unter Tücherschwenken ein mehrfaches Hurrah an, während die den Flaggengruß und die Hurrahs erwidernde imposante „Ariadne“ sich unter den Klängen eines flotten Marsches langsam drehte, dann schnell von der ruhigen Lagune in die schmale Einfahrt und von dieser in die bewegte See steuerte, um bald unter neuen Eindrücken den schönen sonnigen letzten Nachmittag bei unsern gastfreien Landsleuten in Jaluit vorläufig wieder zu vergessen.

Im Hafen von Jaluit.

Im Hafen von Jaluit.

Ich hatte ursprünglich die Absicht, von Jaluit aus direct nach Neu-Britannien zu segeln; veränderte Verhältnisse bringen aber auch andere Dispositionen. Die durch die abgeschlossene Uebereinkunft mit den Ralick-Inseln angeknüpften Verbindungen machten es mir zur Pflicht, auch noch Ebon anzulaufen, weil diese Insel bislang immer der Königssitz gewesen war und von den Eingeborenen, wie auch von den amerikanischen Missionaren auch noch jetzt vielfach als die Hauptinsel betrachtet wird. Dies und noch einige andere Rücksichten ließen es mir nicht nur zweckmäßig, sondern auch nothwendig erscheinen, mit den dortigen Häuptlingen eine Aussprache zu halten.

Ebon ist Hauptsitz der in diesem Theil des Stillen Oceans thätigen amerikanischen Missionsgesellschaft. Diese Missionare säen hier vornehmlich nur Unfrieden, um ihre eigene Macht zu verstärken, suchen das Ansehen der Häuptlinge zu erschüttern und verlangen nur Gehorsam für sich. Auch sollen sie daran arbeiten, diese Inseln zu einer Republik zu machen, um sie dann ganz in ihre Hände zu bekommen und demnächst dem Protectorat der Vereinigten Staaten zu unterstellen. Sollte dieser Versuch glücken, dann wäre all die bisher auf diese Insel verwendete deutsche Arbeit verloren. An der Hand unserer Uebereinkunft mußte ich demnach versuchen, diesen Bestrebungen ein Ziel zu setzen. In Uebereinstimmung mit dem Vorstehenden war mir auch mitgetheilt worden, daß die Häuptlinge Ebons danach strebten, sich von der Oberhoheit Lebon's und Letabalin's loszumachen. Schließlich schuldeten einige Häuptlinge den Deutschen größere Summen, können bezahlen, wollen aber nicht, auch hat ein dortiger Häuptling einen deutschen Agenten zweimal mit dem Tode bedroht. Das alles klingt nun so, als ob man viel Zeit zur Erledigung gebrauche, hier in der Südsee werden derartige Sachen aber auf so einfache Weise erledigt, daß ich von vornherein nur wenige Stunden für diese Geschäfte ansetzte und von einem Verankern des Schiffes absah. Allerdings gehört zu derartigem kurzen Verfahren, daß man die richtigen Leute zur Hand hat; ich hatte deshalb von Jaluit aus Letabalin, welcher als der größte Grundbesitzer auf Ebon und Sohn des frühern hier residirt habenden Königs der angesehenste Häuptling dieser Insel ist, mit einigen Dienern mitgenommen; ferner begleitete mich von Jaluit aus ein in deutschen Diensten stehender Engländer als Dolmetscher, welcher, schon lange auf diesen Inseln wohnhaft, als der beste Sprachkenner gilt und die Häuptlinge sämmtlich von Person kennt.

Am 2. December vormittags 11 Uhr drehte ich das Schiff vor der Einfahrt zur Lagune von Ebon bei und fuhr mit dem Consul und Letabalin an Land; zwei armirte Boote folgten uns. Auf dem Wege dahin passirte uns ein nach dem Schiffe fahrender Missionar, welcher sich uns nicht anschloß, sondern seinen Weg fortsetzte, wahrscheinlich in dem Wahn, daß wir ohne ihn als Uebersetzer doch nichts anfangen könnten. An Land gekommen, lagerten wir uns in dem Schatten der Bäume, die Bootsmannschaften bei ihren zusammengestellten Gewehren, um die Ankunft der Häuptlinge, nach welchen der Dolmetscher geschickt hatte, abzuwarten. Die Leute waren auffallend schnell zusammengerufen, denn nach einer halben Stunde schon wurde gemeldet, daß sie vollzählig versammelt seien; es waren 15-20 meistentheils junge Männer in Hosen und bunten Hemden, welche dicht bei uns stehend uns sowol, wie ihren in feinem schwarzen Anzug steckenden Stammesgenossen Letabalin scheu und mit unsteten Blicken musterten. Daß es etwas geben würde, konnte ihnen umsoweniger zweifelhaft erscheinen, als inzwischen auch der mehrfach mit dem Tode bedrohte deutsche Agent angekommen war und der alte Mann denjenigen, welcher ihn bedroht hatte, nicht aus den Augen ließ. Die Häuptlinge mußten sich nun vor uns aufstellen; ihnen gegenüber traten, uns in die Mitte nehmend, die Bootsmannschaften mit Gewehr bei Fuß und aufgepflanztem Bajonett an. Zunächst wurde bekannt gegeben, daß jeder Mord an einem Deutschen dem Thäter den Kopf kosten, wie jeder Mordversuch und darauf hinzielende Drohung streng bestraft würde. Als dann der betreffende Häuptling vortreten mußte, riefen mehrere aus der Versammlung, daß sie nicht kämpfen wollten, was in der wortarmen Sprache gleichbedeutend mit Unterwerfung ist. Demnächst wurde den Schuldnern nach Aufruf ihrer Namen aufgegeben, baldigst ihre Schulden zu bezahlen. Den Schluß unserer Ansprache bildete die Mittheilung von der in Jaluit abgeschlossenen Uebereinkunft; dieselbe wurde im Beisein des inzwischen auch hinzugekommenen amerikanischen Missionars vorgelesen und mit dem Bedeuten erklärt, daß die Leute von Ebon nunmehr ebenfalls nach derselben zu handeln hätten. Die Mannschaften präsentirten das Gewehr; der Missionar wußte, nach seinem Gesicht zu urtheilen, nicht, ob er wache oder träume; die Eingeborenen, vorläufig unfähig all das zu begreifen, was ihnen in der kurzen Zeit mitgetheilt worden war, sahen sich gegenseitig dumm an, und wir gingen für kurze Zeit nach dem in der Nähe befindlichen Hause des deutschen Agenten, wo sich auch der Missionar, welchem wir eine langentbehrte Post mitgebracht hatten, gute Miene zum bösen Spiel machend, einstellte. Nachdem ich noch einige hundert Kokosnüsse für meine Mannschaft gekauft hatte, verließen wir wieder den Strand von Ebon unter den freundlichen Grimassen seiner Bewohner, welche auf alle erdenkliche Weise versuchten, ihrer Freundschaft für uns Ausdruck zu geben. Wir hatten natürlich die von Jaluit aus mitgenommenen Personen in Ebon zurückgelassen und kehrten so früh zum Schiffe zurück, daß die „Ariadne“ um 1½ Uhr schon ihren Curs nach dem Westen weiter verfolgen konnte.

So sind wir denn jetzt auf dem Wege nach Neu-Britannien und zu den Menschenfressern, wo ich in etwa sechs Tagen einzutreffen hoffe.

Matte der Marshall-Insulaner.

Matte der Marshall-Insulaner.
(Das Material ist von Pandanus-Blättern gewonnen.)

13.
Im Bismarck-Archipel.[D]

22. December 1878.

Nicht drei Wochen liegen zwischen heute und dem vorstehenden Bericht über meinen Besuch der Marshall-Inseln und was hat sich in diese kurze Spanne Zeit nicht zusammengedrängt? Wenn ich diese letzten Wochen an meinem Geiste vorüberziehen lasse, dann scheint es mir kaum faßlich, daß diese Zeit so vielerlei in sich bergen kann, theilweise selbst heraufbeschworene Ereignisse, welche den Fernerstehenden kaum berühren, für den verantwortlichen Commandanten eines Kriegsschiffes aber doch von Bedeutung sind.

Die Fahrt von den Marshall-Inseln bis zum südlichsten Cap von Neu-Irland ist charakteristisch durch Windstillen und sonniges heißes Wetter, sodaß trotz des mir gebliebenen nur geringen Kohlenvorraths und trotz der herrschenden Hitze häufig die Maschinenkraft des Schiffes herangezogen werden mußte, um das Reiseprogramm einhalten zu können. Das wenig befahrene Fahrwasser scheint zwar frei von Untiefen zu sein, der Schein allein kann aber natürlich die Sorgen eines Commandanten nicht bannen, welche gewissermaßen ihre Berechtigung finden, als die ersten in Sicht kommenden, zur Salomons-Gruppe gehörigen kleinen Inseln sich als in der Karte falsch liegend erweisen.

Am 9. December wird die in Sicht befindliche Insel Bougainville (die nördlichste der Salomons-Gruppe) auf 28 Seemeilen Distanz, auf geringere Entfernung die östlich von Neu-Irland liegende kleine Insel Sir Charles Hardy passirt; am 10. December morgens gegen 8 Uhr kommt die Südküste der Insel Neu-Irland mit dem südlichsten Cap St.-George in Sicht. Soll das Schiff noch vor Dunkelwerden den nächsten Bestimmungsort erreichen, dann muß die Fahrgeschwindigkeit wesentlich erhöht werden; ein Ueberschlag des noch vorhandenen Kohlenvorraths ergibt, daß derselbe bei einer Geschwindigkeit von 9 Knoten noch für 15 Stunden ausreicht, es wird daher zu den beiden im Betrieb befindlichen Kesseln ein dritter hinzugenommen, um diese Geschwindigkeit aufnehmen zu können.

Das hohe, dichtbewaldete Gebirgsland tritt bald aus dem leichten Nebelschleier, von welchem es umgeben ist, hervor; die tiefer liegenden Gebirgsrücken und Thalsenkungen heben sich plastisch von dem Hauptlande ab; neues, theilweise wild zerrissenes Land mit malerischen Vorsprüngen und tiefen Einbuchtungen, sowie kleine vor dem Hauptlande liegende wunderlich geformte Inseln steigen langsam über den Horizont, um das dem schnell vorwärts strebenden Schiffe näher rückende Panorama zu einem Bilde zu vervollständigen, welches in Bezug auf Farbeneffecte und reichen Wechsel der Scenerie den Anspruch auf große und seltene Schönheit erheben darf.

Die auf die Süd- und die Westküste Neu-Irlands Bezug habende Karte kann als gut und ziemlich genau angenommen werden; die dort verzeichneten Wassertiefen gestatten dicht unter dem Lande vorbeizulaufen, der Curs wird daher so gesetzt, daß „Ariadne“, das Cap auf eine halbe Seemeile Entfernung passirend, um 11 Uhr vormittags in den St.-George-Kanal, die zwischen Neu-Irland und Neu-Britannien liegende Wasserstraße, einsteuert und uns damit den ersten Blick auf das letztgenannte Inselland, welches nebelgrau gefärbt noch in weiter Ferne liegt, eröffnet. Die jetzt vor uns liegende Westküste Neu-Irlands bietet dem Auge ebenso viel Schönheiten, wie die eben verlassene andere Seite es that, und da die Richtung der Uferlinie für längere Zeit mit der Cursrichtung des Schiffes übereinstimmt, so liegt es auf der Hand, daß das Schiff dicht unter dem Lande gehalten wird, um unserer Neugierde Befriedigung und unsern Augen einen wohlthuenden Ruhepunkt zu verschaffen, denn die von uns nun befahrene große Wasserstraße ist zur Zeit geradezu fürchterlich. Ueber uns steht eine schillernde Dunstmasse, wie sie sehr heißer Luft eigen ist, welche dem wolkenlosen Himmelsgewölbe eine ebensolche graublaue Färbung gibt, wie die unter Windstille liegende wellenlose, ganz spiegelglatte Flut sie nach oben ausstrahlt. Die Luft blendet, das Wasser blendet; das Auge findet nach vorn und nach links überall dieselbe Farbe, denselben grellen Schein, überall gleich grobe Zurückweisung bei einer Temperatur von 29° C. im Schatten. Da ist nun die zu unserer Rechten liegende, in saftigem Grün prangende hohe Bergwand mit ihren reichen Naturschönheiten eine wahre Erquickung für den Beobachter, welcher vielleicht, während seine Augen hier auf einem von der Natur überreich beschenkten und von den passionirtesten Menschenfressern bewohnten Lande ruhen, in Wirklichkeit mit seinen Gedanken in der fernen Heimat weilt auf traurigen Sanddünen, die durch die Erinnerung an die Kindheit und die dort zurückgelassenen lieben Menschen doch von süßem Zauber umweht werden. Solche Träumereien passen vortrefflich zu der herrschenden Stille, zu dem unter der heißen Mittagssonne liegenden scheinbar schlafenden Lande, wo weder menschliches Leben, noch solches in der Natur sich regt, wo nicht einmal die Steine des Strandes von dem sie berührenden Wasser umspielt werden.

Blanche-Bai, Mutter und Südtochter.

Blanche-Bai, Mutter und Südtochter.

Um 1 Uhr ist das Schiff nicht mehr weit von demjenigen Cap entfernt, von welchem aus der Curs nach der Mitte der Straße gerichtet werden muß, und wir glauben schon diese Küste wieder verlassen zu müssen, ohne etwas von ihren Bewohnern gesehen zu haben. Da treten in der letzten, dicht vor jenem Cap liegenden kleinen Bucht aus dem Gebüsch am Strande einige Hütten hervor und zwei Kanus setzen vom Lande ab, um dem Schiff entgegenzufahren. Die „Ariadne“ geht näher heran, passirt kurze Zeit darauf die beiden Fahrzeuge, deren nackte Insassen durch lautes Geschrei und Vorzeigung eines Stücks Papier (wahrscheinlich die Bescheinigung eines früher hier gewesenen Schiffes, daß die Leute den Ankerplatz zu zeigen wissen) das Schiff zum Stoppen zu bewegen suchen. Dicht am Lande wird die Maschine für kurze Zeit zum Stillstand gebracht, um die wenigen am Strande befindlichen Menschen durch das Fernrohr zu mustern, und dann geht es weiter nach Duke of York. Da die Leute hier demselben Menschenschlag wie auf dieser Insel und Neu-Britannien angehören, so sehe ich vorläufig von ihrer Beschreibung noch ab, nur sei erwähnt, daß die Weiber hier nicht, wie sonst berichtet wird, ganz nackt gehen, sondern einen handgroßen Laubbüschel als Schürze tragen.

Im Laufe des Nachmittags treten in erst schwachen, dann schärfern Umrissen die schön geformten Vulkane, welche, dicht bei den Duke of York-Inseln liegend, die zu Neu-Britannien gehörige Blanche-Bai im Norden begrenzen, aus dem Dunst hervor. Sichtbar sind nur die Mutter und eine Tochter. Die zweite Tochter, welche mit ihren kräftigen Ausbrüchen im Februar 1878 die ganze Umgegend in Unruhe versetzte und lange Zeit in Unruhe hielt, eine neue Insel über das Wasser hob und stellenweise durch Hebung des Meeresbodens die Wassertiefen verringerte, welche mit dem von ihr ausgespieenen Bimsstein den St.-George-Kanal mit einer mehrere Fuß dicken Schicht bedeckte, zu deren Beseitigung Wochen und Monate gehörten, bis die Meeresströmungen diese Massen vertheilt und weit weggeführt hatten, wie wir ja auch bei den Ellice-Inseln sahen — diese interessante zweite Tochter ist wegen ihrer geringen Höhe und versteckten Lage noch nicht zu sehen. In der Mitte der Straße steigen Laubkronen über den Horizont, welche das baldige Insichtkommen der nur 100 m hohen York-Inseln anmelden.

Hier ist nun vielleicht der Platz, wo zum spätern bessern Verständniß einige allgemein gehaltene Bemerkungen über die Inselgruppe angebracht sind.

Duke of York-Inseln

Duke of York-Inseln

Soweit bekannt, ist ein englischer Seefahrer Carteret (1767) der Entdecker, welcher die Gruppe für nur eine Insel ansah und ihr den Namen Duke of York-Island beilegte, ein Name, welcher sich zwar bisjetzt erhalten hat, in der Folge aber jedenfalls wieder der Vergessenheit anheimfallen wird, da die Eingeborenen eigene Bezeichnungen haben, welche naturgemäß wieder in ihr Recht eintreten müssen. Die nächste Nachricht stammt von einem Engländer Hunter vom Jahre 1791, welcher eine kleine Bucht vermessen und nach sich benannt hat, auch eine längere Beschreibung der Insel gab. Auffallend ist, daß dieser Mann, welcher längere Zeit in Port-Hunter gelegen haben muß, sich keine eingehendere Kenntniß von dem trefflichen Makada-Hafen, von welchem er nur durch einen etwa 200 Schritt breiten Landstreifen getrennt war, verschafft hat, da er eine Karte von der Insel gibt, in welcher er die Ufer dieses letztern Hafens genau bestimmt haben will, die aber ganz unrichtig sind. Hiernach läßt sich denn auch der Werth seiner übrigen Angaben ermessen. Hier verweise ich nun auf die umstehende Uebersichtskarte, welche nach den Aufnahmen von deutschen Schiffskapitänen aus den letzten Jahren entworfen ein ziemlich richtiges Bild gibt, unter der aber auch zur Vergleichung eine Darstellung des St.-George-Kanals nach der neuesten englischen Admiralitätskarte beigefügt ist, welche die Inselgruppe noch als eine Insel und wahrscheinlich in den von Hunter mitgetheilten Umrissen wiedergibt. Ein oberflächlicher Blick auf diese beiden Karten ist eine Erzählung für sich, welche berichtet, wie selten fremde Schiffe hierhergekommen und wie oberflächlich deren Besuch gewesen sein muß, wie abgeschlossen die Eingeborenen von fremdem Wesen geblieben sind. Neu-Irland und Neu-Britannien wurden besucht und theilweise vermessen, Duke of York aber nicht.

Auch unsere „Gazelle“, welche vor wenigen Jahren zur Rechten und zur Linken sich um die Vermessung der Küsten Neu-Irlands und Neu-Britanniens so verdient gemacht hat, mied das inmitten der Straße liegende Kleinod, welches mit zwei vorzüglichen Häfen den Schlüssel zur Straße bildet und der gegebene Platz für die Residenz dieses großen Inselreichs ist, wenn die großen Nachbarinseln im Laufe der Zeiten einmal zu einem einzigen Reiche verschmolzen werden sollten. (Die beiden Häfen waren von Engländern vor wenigen Jahren Fergusson-Harbour und Port-Wesley getauft worden, ich habe ihnen indeß ihre richtigen Namen wieder zurückgegeben; wodurch ich das Recht dazu erhielt, wird der weitere Verlauf meiner Darstellung ergeben.)

Die Duke of York-Gruppe ist schon jetzt der Centralpunkt des Handels, welcher sich in den letzten Jahren hier entwickelt hat. Derselbe befindet sich in den Händen zweier deutscher Häuser, diese sind die Handels- und Plantagengesellschaft auf Samoa, vormals J. C. Godeffroy, und die Brüder Hernsheim, welche mit großer Energie und Ausdauer Verbindungen mit diesem gefürchteten Menschenschlage anknüpften, sich durch immer wiederkehrende Brandlegungen und Ermordung eines Handelsagenten nicht abschrecken ließen, sondern ausdauerten und jetzt, soweit eine richtige Beurtheilung möglich ist, endgültig gesiegt haben, allerdings schließlich mit Hülfe der Kriegsmarine, deren Unterstützung ihnen vorher gefehlt hatte. Die deutschen Kaufleute haben auch hier, wie schon an manch anderm Platze, den Missionaren den Weg geebnet und diesen das Eindringen überhaupt erst möglich gemacht. Nicht die Missionare sind in diesen Gegenden die Mauerbrecher, wie sie mit ihren pomphaften Veröffentlichungen das Publikum glauben machen, sondern der Handel ist es, welcher zur Fernhaltung der Concurrenz in aller Stille arbeiten muß. Ehe die Verhältnisse auf dieser Gruppe, wie auf der großen Nachbarinsel Neu-Britannien, den jetzigen verhältnißmäßig geordneten Stand erreichen konnten, ist allerdings manches Blut geflossen. Die hiesigen Handelsagenten sind keine schmächtigen Jünglinge, welche den ganzen Tag hinter dem Schreibtisch sitzen, sondern wetterfeste und verwegene Männer, die, zum größten Theil aus dem Seemannsstande hervorgegangen, besser mit dem Revolver und dem Messer, als wie mit der Feder umzugehen wissen — Leute, die selten im Hause sind und auf beschwerlicher Reise von einem Platz zum andern, von einer Insel zur andern den größten Theil des Jahres in kleinen Fahrzeugen und offenen Booten zubringen — Leute, die ihre persönliche Sicherheit in der eigenen Hand halten und daher, wenn es gilt, nicht nur ihr Leben zu vertheidigen haben, sondern zur Sicherung ihrer Stellung auch unter Umständen zum Angriff übergehen müssen, da keine Behörde zur Stelle ist, welche ihnen Schutz gewähren könnte; sie müssen leben wie der Volksstamm, auf dessen Grund und Boden sie sich befinden, d. h. jeder hat für sich selbst zu sorgen und darf nie ohne Waffe sein; wer sich nicht selbst schützen kann, wird von dem andern vernichtet. Einige Beispiele aus dem hiesigen Leben werden das Vorstehende am besten illustriren.

An der Nordküste Neu-Britanniens erschießt vor zwei Jahren ein Engländer, Agent eines deutschen Hauses, den Hund eines Eingeborenen, wofür die Eingeborenen ihm sein Haus anstecken und dann ihn selbst erschlagen. Der Kapitän eines in der Nähe befindlichen zu demselben Hause gehörigen deutschen Kauffahrteischiffes verbindet sich darauf mit einem an derselben Küste seßhaften ihm befreundeten Stamme und unternimmt gegen die Mörder einen Kriegszug, welcher mit der Besiegung derselben endet, nachdem auf beiden Seiten mehrere Eingeborene gefallen waren. Der Schiffskapitän konnte allerdings seinen Sieg nicht zu einer exemplarischen Bestrafung der Mörder ausnutzen, da seine Macht dafür zu gering war, sondern mußte sich mit dem ihm gebotenen Strafgelde von einigen hundert Faden (je 6 Fuß) Muschelgeld und der Genugthuung begnügen, daß der seitdem an derselben Stelle wieder eingesetzte neue Agent unbehelligt gelassen wird. Aus diesem Kriegszuge stammen auch die mir von demselben Kapitän gemachten, später noch anzuführenden Angaben über die Zubereitung von Menschenfleisch, da die Gefallenen nicht begraben, sondern gegessen wurden.

Ein zweiter Fall. Ende vorigen Jahres schloß der Steuermann eines im Meokohafen liegenden deutschen Schiffes mit einem Häuptling der kleinen Insel Meoko ein Kaufgeschäft ab und entrichtete den Kaufpreis im voraus. Als er dann das Kaufobject fordert, wird ihm dasselbe vorenthalten und hieraus entspinnt sich ein Streit, welcher in einen allgemeinen ernsten Conflict ausartet. Die Eingeborenen machen von ihren Waffen Gebrauch, die Europäer (darunter ein deutscher Naturforscher mit Frau) begaben sich alle auf das Schiff, die Eingeborenen machen einen Angriff auf dasselbe, werden blutig zurückgewiesen, an Land verfolgt und dort besiegt. Der Kriegszustand währte mehrere Tage, während welcher vielfach unterhandelt wurde, ohne zu einem Resultat kommen zu können. Der Kapitän hatte diese Zeit auch dazu benutzt, um den in Port-Hunter residirenden englischen Missionar, welcher über eine große Zahl Männer (samoanische und fidjianische Missionslehrer) verfügt, um Beistand zu bitten, wurde indeß mit der Antwort zurückgewiesen, daß die Waffen des Missionars nur geistige seien. Denselben Standpunkt nahm auch die in Sydney befindliche oberste Missionsbehörde der Wesleyaner ein und äußerte sich nach Empfang der Berichte von der Station in Port-Hunter in einer keineswegs anerkennenden Weise über die deutschen Barbaren. Hätte der englische Missionar in Port-Hunter allerdings damals geahnt, welche Schritte er wenige Wochen später ergreifen und wie er den zurückgewiesenen deutschen Kapitän nun selbst um Beistand anrufen würde, dann hätte er jedenfalls anders gehandelt und anders berichtet; hätte die Missionsgesellschaft in Sydney geahnt, welche Berichte ihr wenige Wochen später von ihrer Station in Port-Hunter in Aussicht standen, dann hätte sie gewiß klug geschwiegen. Eigene Schicksalsfügung war es, daß gerade derselbe, von den englischen Missionaren so hart angegriffene deutsche Kapitän während meiner Anwesenheit in Sydney dahin die erste Nachricht von dem Kriegszug des englischen Missionars Brown gegen die Eingeborenen von Neu-Britannien bringen mußte, und zwar die eigenen Berichte des genannten Missionars, nach welchen über 150 Eingeborene gefallen waren, während in dem Scharmützel des deutschen Schiffes nur 5 oder 6 Eingeborene das Leben verloren hatten. Nun war natürlich die Noth groß, denn da die Missionare die Handlungsweise des deutschen Kapitäns so hart verdammt hatten, konnten sie ihren Bruder nicht in Schutz nehmen, sondern mußten über ihn in derselbe Weise abfällig urtheilen, was sie denn auch mit solchem Erfolg gethan haben, daß der Gouverneur von Fidji die Sache in die Hand nehmen mußte, und nach allgemeiner Ansicht in Levuka wird der Missionar Brown mit mindestens fünf Jahren Gefängniß bestraft werden. Eigene Schicksalsfügung ist es wiederum, daß der Commandant eines deutschen Kriegsschiffes trotz der allgemein gegen Brown sprechenden öffentlichen Meinung der Erste ist, welcher diesem braven Manne die rettende Hand reicht, denn ich hoffe sicher, daß die von mir zu seinem Schutz ergriffenen Maßnahmen ihn vor der drohenden Schande bewahren werden.

Dieser letzte und bedeutendste blutige Conflict fand im Februar 1878 statt. Die Entwickelung der Sache war die folgende.

Die englische Mission ward damals gebildet von dem Missionar Mr. Brown und etwa 80 Samoanern und Fidji-Leuten, welche, in den Missionsschulen als Lehrer ausgebildet, vorzugsweise dazu bestimmt sind, die vorbereitende Arbeit des Missionars zu übernehmen, d. h. die Heiden mit dem Inhalt der Bibel bekannt zu machen und später dann den Schulunterricht der Kinder zu überwachen. Ohne diese Leute würde in diesen Gegenden überhaupt nichts zu machen sein, da die Entsendungs- und Unterhaltungskosten für europäische Geistliche ungeheuere Summen verschlingen würden, wenn solche Persönlichkeiten überhaupt in genügender Zahl gefunden würden, während die polynesischen sogenannten Missionslehrer wie die Eingeborenen leben, mit einer kleinen Hütte und derjenigen Nahrung zufrieden sind, welche sie sich selbst von den Bäumen oder aus dem Wasser holen. Von diesen Missionslehrern, deren größter Theil sich bei Mr. Brown aufhält und gewissermaßen dessen Leibgarde bildet, war ein Theil in verschiedenen Plätzen der Duke of York-Gruppe untergebracht, vier derselben waren nach Neu-Britannien geschickt, um dort die ersten Bekehrungsversuche zu machen. Ob nun die Leute mit den Eingeborenen Neu-Britanniens in Streit gerathen sind, oder ob die letztern den Anblick so vortrefflichen Wildes nicht länger ertragen und schließlich ihre Gier nach dem begehrten Menschenfleisch nicht mehr zügeln konnten, ist wol nicht aufgeklärt. Thatsache ist, daß eines Tages die Nachricht von der erfolgten Verspeisung der vier Missionslehrer durch neubritannische Eingeborene auf Duke of York anlangte.

Hier will ich gleich einschalten, daß nach allen mir zugegangenen Nachrichten die Menschenfresser in diesem Theil der Erde sich aus weißem Menschenfleisch nichts machen, sondern nur braunes Fleisch gern essen. Sie sagen, daß das Fleisch der Weißen zu salzig sei, und dies legt die Vermuthung nahe, daß die großen Quantitäten Salz, welche wir fortwährend verzehren, sich dem Blut und Fleisch so sehr mittheilen, daß wir gewissermaßen lebendig gepökelt sind. Da nun die Wilden das Salz gar nicht kennen, so erscheint es erklärlich, daß sie ihre süßen braunen Brüder den salzigen weißen Fremdlingen vorziehen.

Die Nachricht von dem traurigen und schmählichen Ende der vier Polynesier versetzte naturgemäß die ganze Fremdencolonie in die größte Aufregung; die braunen Mitglieder riefen nach Rache und verlangten harte Züchtigung der entmenschten Mörder; die Weißen mußten sich sagen, daß diesem blutigen Vorspiel in kürzester Zeit eine allgemeine Niedermetzelung folgen würde, wenn nicht der Schandthat eine gehörige Züchtigung auf dem Fuße folge, welche mit ihren Schrecken den ganzen Volksstamm in die größte Furcht vor den Fremden versetze. Es herrschte daher nur die eine Ansicht, daß alle Fremden einen Kriegszug gegen die Menschenfresser unternehmen mußten, und an Mr. Brown wurde die Forderung gestellt, die Führung zu übernehmen. Der Geistliche glaubte mit Rücksicht auf seinen Stand von einem derartigen Beginnen abrathen und die Führerschaft ablehnen zu müssen, ob aus Ueberzeugung, oder nur um sich zu der Führerschaft zwingen zu lassen, ist allerdings eine offene Frage. Jedenfalls stimmte dieser Herr in einer Unterhaltung mit mir darin überein, daß diese Wilden nur durch blutige Rache zu züchtigen und in dem erforderlichen Respect zu erhalten seien, und daß unzureichende Maßregeln, wie Tödtung einiger Wenigen, wie dies so vielfach für das Richtige gehalten wird, eher schade wie nütze. Ergreift man erst die Waffen, dann müssen bei dem ersten Zusammenstoß so viele wie möglich fallen, da nur dadurch der klare Beweis der wirklichen Stärke und Macht nachhaltig bewiesen wird. Auch muß man hier mit in Betracht ziehen, wie wenig bei diesen Leuten ein Menschenleben gilt und daß nur die Masse der Opfer einen tiefern Eindruck macht. Bei der Auseinandersetzung, welche ich mit Herrn Brown über diesen Fall hatte, gab er mir nun folgende Rechtfertigung über sein damaliges Verhalten und will ich ihn selbst sprechen lassen:

„Als von mir die Führung des Unternehmens gefordert wurde, war ich in einer verzweifelten Lage. Meine innerste Ueberzeugung sagte mir, daß unser aller Leben nur noch auf wenige Tage zu veranschlagen war, wenn der geplante Rachezug unterblieb; mein geistlicher Stand zwang mich, nicht nur die Führung abzulehnen, sondern auch mit meinem ganzen Einfluß gegen das Unternehmen aufzutreten. Doch ich mußte mir sagen, daß an die hiesigen Verhältnisse ein besonderer Maßstab anzulegen sei, und so gab ich zunächst meinen Widerstand gegen das Unternehmen selbst auf. Bei Erwägung der Frage, inwieweit ich mich persönlich betheiligen solle, traten nun Momente auf, welche mir keine Wahl ließen. Es war zweifellos, daß ich der einzige Mann war, welcher von allen Betheiligten Gehorsam erwarten, daher auch der einzige war, welcher die nothwendige Ordnung aufrecht erhalten konnte. Ferner war als sicher anzunehmen, daß sämmtliche Betheiligte den Charakter von Würgengeln annehmen und kein Ende im Morden und Brennen finden würden, und daß sie dadurch den Nutzen des ersten Erfolgs wieder aufs Spiel setzen und das ganze Volk zum Aufstand bringen und uns allen sichern Untergang bereiten würden. Auch durfte ich nicht außer Betracht lassen, daß mein Zurückbleiben mir als persönliche Feigheit vorgeworfen würde, womit der Verlust meiner eigenen Position und der der ganzen Mission verbunden war. So entschloß ich mich denn mit schwerem Herzen das mir angetragene Amt zu übernehmen, aber nur um die Leidenschaften der kaum zu bändigenden Truppe zu zügeln und unnöthigem Blutvergießen vorzubeugen. Wenn nachher auch für die vier Missionslehrer etwa 150 Neubritannier ihr Leben haben lassen müssen, so bleibt mir doch die Genugthuung, daß ich schließlich dem Blutvergießen Einhalt thun konnte und damit ermöglichte, daß neben der Sicherheit, welche wir für unser Leben und Gut erkämpft haben, wir auch jetzt mit unsern damaligen Feinden in bester Freundschaft leben.“

Wie aus dem Vorstehenden schon erhellt, wurde der geplante Zug nach Neu-Britannien unternommen und zwar mit etwa 80 Mann unter der Führung von Mr. Brown, während ungefähr 20 Männer in Duke of York zurückblieben, um die dort zurückgelassenen Frauen und Kinder zu beschützen. In Neu-Britannien angelangt, wurde sofort der Kampf begonnen, die Eingeborenen wurden weit in das Innere verfolgt und vollständig besiegt, nachdem sie etwa 150 Mann verloren hatten; auch wurde ihnen die noch in ihrer Gewalt und am Leben befindliche Frau eines aufgefressenen samoanischen Missionslehrers wieder abgejagt. Für dieses arme Geschöpf wäre es auch besser gewesen, sie hätte vorher den Tod gefunden, denn die wenigen Tage hatten sie wahnsinnig gemacht.

Dies waren die drei in der letzten Zeit vorgekommenen blutigen Conflicte, welche nach Ansicht der dort lebenden Weißen zunächst Sicherheit für Leben und Eigenthum geschaffen hatten. Meine Aufgabe war es nun, die bereits errungenen Erfolge nach Möglichkeit zu sichern, den Eingeborenen die Macht eines Kriegsschiffes vor Augen zu führen und ihnen damit den Beweis zu liefern, auf welch mächtigen Schutz die Weißen unter allen Umständen rechnen können. Hierzu war es aber nöthig, daß ich mit den Menschenfressern in nähere Berührung trat, daß ich sie in ihren Niederlassungen aufsuchte, sie an Bord des Schiffes empfing, alle vorliegenden Klagesachen durch Auferlegung von Strafen erledigte und durch Feste einen engern Verkehr herbeiführte. Diesem Zwang muß ich es jetzt nachträglich dankbar zuerkennen, daß ich mehr gesehen und gehört habe, als ich vorher ahnte, und daß ich wol einen tiefern Einblick in die hiesigen Verhältnisse erhalten habe, als irgendein Seefahrer vor mir. Es kam mir allerdings zu statten, daß ich mir Herrn Brown verpflichtet hatte, sowie daß mir zwei deutsche Herren zur Seite standen, welche durch jahrelangen Aufenthalt hierselbst mit den Verhältnissen ebenso vertraut sind wie Herr Brown. Ohne diese drei Herren würde ich wol sehr wenig erfahren und dieses interessante Land mit seinen Leuten nicht kennen gelernt haben, und wie nothwendig der directe Verkehr mit diesen Eingeborenen ist, wird vielleicht das folgende Beispiel ergeben.

Die „Gazelle“ war drei Jahre vor mir in Matupi (Neu-Britannien), hat dort einige Tage gelegen und den Hafen vermessen. Das Eine, was die Leute von ihr wußten, war, daß sie sich der Anwesenheit eines großen Schiffes mit vielen Leuten entsannen, welches auch furchtbare Thiere an Bord hatte, auf denen einzelne Leute ab und zu an Land kamen. An diesen furchtbaren Thieren wurde von uns die „Gazelle“ erkannt, da sie von Timor einige kleine Ponies mitgebracht hatte, welche zuweilen ausgeschifft und dann auch zum Reiten benutzt wurden. Die Nationalität der „Gazelle“ kannten sie ebenso wenig, wie das Erscheinen dieses Schiffes sie davon abhielt, einige Zeit später in nächster Nähe eine deutsche Niederlassung niederzubrennen. Die „Ariadne“ war nur einen Nachmittag in Matupi, wird aber sobald nicht vergessen werden, da das Schiff vorher angemeldet war, sein Name wie seine Nationalität bekannt ist und die sämmtlichen Einwohner von Matupi vor den Offizieren und Mannschaften des Schiffes einen Tanz aufführten, zu welchem schon vorher die Vorbereitungen getroffen waren; auch kam das Schiff direct von dem vorhergenannten, nur wenige Seemeilen entfernten Platze, wo die Eingeborenen wegen jener Brandlegung mit Erfolg zur Verantwortung gezogen worden waren und ein nach dortigen Verhältnissen hohes Strafgeld hatten erlegen müssen, welch letzteres von der „Ariadne“ in Matupi in dem Hause eines deutschen Agenten deponirt wurde.

Nach dieser Abschweifung will ich jetzt zu unsern eigenen Erlebnissen zurückkehren und auf die S. 383 enthaltene Kartenskizze der Duke of York-Inseln hinweisen. Schon im Laufe des Nachmittags wurde festgestellt, daß das Schiff nicht mehr vor Eintritt der Dunkelheit das Reiseziel, den Hafen von Makada (spr. Makadá), erreichen konnte; es wurde daher beschlossen, für die Nacht den im Süden liegenden Hafen von Meoko anzulaufen und dadurch das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. Wie vorher erwähnt, war dieser Hafen vor kurzem der Schauplatz eines blutigen Conflicts zwischen Deutschen und Eingeborenen gewesen, es war daher auf alle Fälle nothwendig diesen Platz zu besuchen; dann war hier der Centralpunkt eines der beiden hier vertretenen deutschen Kaufmannshäuser und nur von hier aus konnte ich mich mit einem deutschen Schiffskapitän, dessen Gegenwart für die volle Ausnutzung der Anwesenheit des Kriegsschiffes durchaus nothwendig war, in Verbindung setzen. Schließlich hätte ein Verbleiben des Schiffes außerhalb des Hafens während der Nacht mich gezwungen, die Nacht schlaflos zuzubringen, und es würde mir dann am nächsten Tage die nothwendige Frische für die in Aussicht stehenden Dienstgeschäfte gefehlt haben. So war es nicht schwer, den Entschluß zu fassen, die Nacht in einem sichern Hafen vor dem Anker zu verbringen. Kurz vor Sonnenuntergang stand das Schiff vor der Südküste der York-Inseln, welche sich auch von hier aus dem Beobachter noch als eine zusammenhängende Ländermasse zeigt. Für den Kenner dieses Landes heben sich allerdings die im Süden liegenden schmalen und langgestreckten niedrigen Inseln, welche unter sich wieder durch Korallenriffe verbunden sind, scharf von der Hauptinsel Amakada (spr. Amakáda) ab, der Neuling glaubt aber hier an der Südküste nur allmählich abfallendes Land zu sehen, während die Ostküste der Hauptinsel senkrecht und steil aus dem Wasser aufsteigt.

Das vor uns liegende Bild ist, trotzdem ihm wirkliche Effecte fehlen, dennoch schön. Die ein niedriges Hochplateau bildende Inselgruppe, welche die Höhe von 100 m nicht übersteigt, macht, wie dies auch von frühern Reisenden behauptet wird, unwillkürlich den Eindruck eines schönen Gartens, trotzdem sie auf ihrem Rücken nur undurchdringlichen Urwald trägt. Die zu unserer Rechten liegende steil aufsteigende Ostküste ist von der niedrig stehenden Sonne schon in tiefe Schatten gelegt, zu unserer Linken glänzt die Flut noch in dem prächtigsten Blau und sendet ihre kleinen von der leichten Brise aufgewühlten Wellen gegen die Ufer der Inseln, um dort auf den Korallenriffen zu überstürzen, als blendend weiße Brandung nach der andern Seite hinüberzulaufen und dort Ruhe zu finden. Innerhalb der Riffe segelt ein europäisches Boot und verschwindet bald in dem Landeinschnitt zwischen Meoko und Utuan (spr. Utuán), wie wir vermuthen um uns durch die eigentliche Hafeneinfahrt zur Leistung von Lootsendiensten entgegenzukommen, da dies der kürzeste Weg ist.

Der schmale Strand der niedrigen Insel Meoko wird von dem üppigen Laub dichter Büsche und hochstämmiger mächtiger Bäume überschattet, Baumäste und Schlingpflanzen neigen sich bis zum Wasserspiegel und bilden über dem Strande einen natürlichen Laubengang. Hier und da zeigt sich eine Höhle oder eine kleine malerische Schlucht, welche Kanus beherbergen und damit anzeigen, daß die Insel bewohnt ist, wenngleich Menschen noch nicht zu sehen sind; dieselben sind jedenfalls schon in ihren nach der andern Seite zu gelegenen Hütten.

Wir stehen dicht vor der Einfahrt; links liegt die niedrige Insel Meoko, rechts die kleine hohe, steil abfallende Felseninsel Muarlin vor dem Festlande, wie man hier wol die große Insel Amakada nennen kann. Bei der vorgerückten Tageszeit scheint es mir nicht räthlich, auf die Ankunft des Lootsen zu warten, auch haben wir eine anscheinend gute, erst im vorigen Jahre von einem deutschen Schiffskapitän aufgenommene Karte in Händen, welche ein tiefes klares Fahrwasser gerade in die Mitte der Einfahrt legt. Ich neige mich allerdings dahin, das Schiff dicht an die hohe Insel Muarlin zu steuern, weil das Wasser an felsigem Ufer in der Regel tiefer ist, lasse mich aber von meinem Berather bewegen, die Karte als richtig anzusehen und die Mitte des Fahrwassers zu halten, gebe indeß dem Schiffe doch die geringst mögliche Fahrt. Nur wenige Minuten und von beiden Seiten des Schiffes melden die Matrosen am Loth nur 4½ m Wasser. Das Schiff geht 5½ m tief und hat noch Vorwärtsbewegung, kann den Grund also noch nicht berührt haben, ein Blick auf die frisch ausgeworfene Lothleine zeigt, daß die Lothgänger die richtige Tiefe angegeben haben, wir befinden uns mitten zwischen den Korallen. Was thun? „Zaudern“ ist ein Wort im Sprachschatze der Seeleute, welches, wenn auch nicht immer, doch häufig gleichbedeutend mit „Unfall“ und durch Zwang wie Gewöhnung dem Seemann abhanden gekommen ist, der Entschluß ist daher schnell gefaßt. Das Schiff muß weiter gehen, entweder um sich wie bis hierher zwischen den Untiefen durchzuschlängeln oder vorn mit dem Steven auf dem Meeresgrund einen Stützpunkt zu finden und dann schnell hinten durch einen Anker festgelegt zu werden, damit die Strömung es nicht seitwärts auf die Korallen wirft und dadurch das spätere Abbringen wesentlich erschwert wird. Ist das Schiff dann so erst fixirt, dann kann man es wenigstens mit Hülfe von Ankern denselben Weg wieder zurückholen, den es gekommen ist. Das Glück bleibt uns aber auch hier wie bisher hold, das Wasser wird tiefer, die unheimlich dicht unter der Wasseroberfläche uns anstarrenden Korallen verschwinden und wir können in tiefem Wasser nahe an Muarlin heranlaufen, dort einen scharfen Bogen schlagen und nach weitern wenigen Minuten vor der deutschen Factorei in dem Augenblick ankern, wo das vorhergenannte Boot auch dort eintrifft.

Unser Ankerplatz mit seiner Umgebung ist ein kleines Stück Paradies. Rund eingeschlossen von hohem und dicht belaubtem Lande ist der schöne sichere Hafen mit seinem wunderbar klaren Wasser, welches die Täuschung hervorruft, als ob der Meeresboden handbreit unter dem Wasserspiegel läge. Die Ufer des Landes werden stellenweise durch vorspringendes Felsengestein und zurücktretende Meeresbuchten unterbrochen; hier schiebt sich das Land dichter an uns heran, dort gestattet eine lange Wasserstraße nach dem westlichen Ausgang eine größere Fernsicht. Auf dem Lande stehen nicht nur Kokosnußbäume, sondern endlich auch einmal wieder Laubhölzer, darunter mächtige Baumriesen mit bis zu 2 m dicken Stämmen und diesen entsprechenden, nach unsern heimischen Begriffen proportionalen Laubkronen. Die großen Blätter der Bananenstauden, die saft- und kraftstrotzenden Sträucher, Schlingpflanzen, Gräser und Blumen, die Vögel, summenden und zirpenden Insekten geben uns die Erinnerung zurück, daß es auf der Erde auch noch etwas anderes gibt, als nur Kokospalmen und immer wieder Kokospalmen. Die Wasseroberfläche im Hafen ist spiegelglatt; draußen rauscht leise die schwache Brandung, als ob sie mit der untergehenden Sonne, welche tiefer sinkend das vor uns liegende Bild in die Schatten der Nacht legt, auch schlafen gehen wolle. Wohnungen der Eingeborenen sind nicht zu sehen, aber einzelne Vertreter dieser Rasse zeigen sich in ihrer classischen Nationaltracht, welche nur im Färben der Kopf- und Körperhaare besteht, mit Speeren und Keulen bewaffnet am Strande. Dicht vor uns, nur etwa 100 Schritte ab, führt vom Strande ein sauber gehaltener und mit kleinen Steinen bestreuter gerader Weg zu der deutschen Factorei, einem kleinen Holzbau mit daran stoßendem steinernen Waarenhaus, das Ganze von einer steinernen Mauer umwehrt. Der deutsche Agent kam an Bord, um sich vorzustellen und uns die wenig angenehme Nachricht zu bringen, daß der in Diensten der Handels- und Plantagengesellschaft stehende deutsche Schiffskapitän Levison, den wir zur Ausführung unserer Pläne als Kenner der Landessprache und aller einschlagenden Verhältnisse nicht entbehren konnten, mit seinem Schiff in einem 30 Seemeilen entfernten Hafen läge und vorläufig nicht herzukommen beabsichtige. Da andererseits ich ihn jetzt nicht aufsuchen konnte, weil ganz bestimmte Aufträge mich nach Makada führten, wo ich einige Eingeborene wegen Niederbrennung einer deutschen Station zur Verantwortung ziehen sollte, so sprach ich den Entschluß aus, gleich am nächsten Morgen nach Makada weiter zu gehen und die dortigen Geschäfte zuerst zu erledigen. Bei der Besprechung, auf welche Weise Levison am besten herzurufen sei, warf sich ein ebenfalls in deutschen Diensten stehender 60 Jahre alter Engländer ins Mittel und erbot sich, obgleich er eben erst mit seinem Boot von dem in Rede stehenden Hafen gekommen war, sofort wieder abzufahren, mit seinen beiden Leuten (Eingeborenen) bei dem stillen Wetter die 30 Seemeilen während der Nacht abzurudern und den Kapitän am nächsten Vormittag mit frischen, von dessen Schiff genommenen Leuten zu uns nach Makada zu bringen. Meinen Einwand, daß er dies bei seinem Alter, nachdem er bereits den ganzen Tag der heißen Tropensonne ohne Sonnensegel und Schirm ausgesetzt gewesen sei, wol nicht aushalten würde, wies er lächelnd von der Hand, und so ließ ich ihn ziehen in der Ueberzeugung, daß er die Aufgabe nicht lösen könne; aber er hat sie gelöst. Dieser Mann gab mir auch wieder den Beweis, welchen ich nicht nur an verschiedenen Beispielen hier in der Südsee, sondern auch an mir selbst wiederholt gefunden habe, daß auch der Europäer außerordentlich widerstandsfähig gegen das Klima ist, sofern er nur immer mäßig lebt.

Obgleich es inzwischen dunkel geworden war und es vermuthlich an Land auch nichts zu sehen gab, konnte ich dem Drang dahin doch nicht widerstehen. Die Eingeborenen hatten es mir angethan, längst vergangene Zeiten machten sich geltend und Anklänge an die Empfindungen, welche ich als Kind beim Lesen der Indianer- und Wildengeschichten hatte, brachen aus meinem Erinnerungsschatz hervor, als ich bei unserer Ankunft diese chokoladenbraunen urwüchsigen Gestalten mit ihren phantastischen Waffen am Strande sah. Ich fuhr daher noch für kurze Zeit an Land, um mir wirkliche und leibhaftige Wilde und Menschenfresser aus nächster Nähe zu betrachten, bei welcher Gelegenheit ich mir auch gleich durch Vermittelung des deutschen Agenten einige Waffen direct aus den Händen der Wilden eintauschte. Sehr verwundert war ich, nachher das Gewicht einer erworbenen Streitaxt federleicht zu finden und zu erkennen, daß nicht nur der Stiel, sondern auch die Axt selbst aus dem leichtesten Holz verfertigt war. Später erst lernte ich die Bedeutung dieser Täuschung erkennen.

Am folgenden Morgen fuhr ich mit Tagesanbruch an Land, um die Situation des Hafens und des daran stoßenden Terrains in Ruhe zu besichtigen und auf seinen Werth zu prüfen. Herr Weber, welcher sich bisher gewissermaßen als unfehlbar erwiesen hatte, war mit dem Vorschlage hervorgetreten, kurzer Hand die hier liegenden wichtigsten Häfen auf die eine oder andere Weise für das Reich zu erwerben, weil ich nur dadurch meine Absicht, die deutschen Interessen dauernd zu sichern, erreichen könne. Ich hatte im Laufe der letzten Monate ja viel und reiflich über diese Sache nachgedacht, mich aber noch nicht schlüssig gemacht; jetzt auf diesem einsamen Spaziergang wollte ich zu einem Ende kommen. Bei meiner Anwesenheit in Sydney, wie auch später in Levuka, hatte ich sowol aus dem energischen Drängen aller Zeitungen, wie aus Gesprächen mit maßgebenden und einflußreichen Personen ersehen, daß die Annectirung Neu-Guineas durch England nur eine Frage der Zeit sein könne, und daß muthmaßlich der Tag der Einverleibung sehr nahe liege. Weht aber erst die Flagge Großbritanniens auf diesem Erdtheil, dann breitet sie sich wie unter dem Einfluß des Windes auch über die großen Nachbarinseln Neu-Britannien und Neu-Irland aus, um mit diesen werthvollen Ländermassen gleichzeitig die Herrschaft über den St.-George-Kanal zu erhalten, welcher meines Erachtens dermaleinst die Straße für den Dampferverkehr zwischen Australien und China werden wird. Und dieser Möglichkeit mußte ich auf alle Fälle zuvorzukommen suchen, damit das Deutsche Reich bei der nahe bevorstehenden Theilung der Südsee unter die europäischen Staaten auch ein Wort mitzureden hätte.