Landschaft auf Tongatabu.
In Neiafo war wenig zu sehen, da neben dem umfangreichen mit großer Raumverschwendung erbauten hölzernen Wohnhaus des Gouverneurs die Hütten der Eingeborenen und die kleinen Häuser der wenigen hier lebenden Europäer um so mehr verschwinden, als alle diese Wohnungen sehr verstreut an dem Abhang eines Berges unter Kokospalmen, Brotfrucht- und Orangenbäumen versteckt liegen und man nicht den Eindruck gewinnt, eine Stadt oder ein zusammengehöriges Dorf zu betreten. Doch macht dafür jedes einzelne Wohnhaus an sich einen sehr behaglichen und bei der herrschenden Hitze auch einladenden Eindruck, da die Häuser sowol, wie deren nächste Umgebung angenehm beschattet sind.
Den Gouverneur traf ich am Morgen nach unserer Ankunft, bei Gelegenheit meines ihm gemachten Besuches, vor seinem Hause sitzend als tonganischen Häuptling an, d. h. nur im Lava-lava mit dem Fliegenwedel in der Hand. Ob er dadurch unangenehm berührt wurde, weiß ich nicht, jedenfalls hat er es sich dann nicht merken lassen, da er ebenso unbefangen liebenswürdig wie immer war, mir sein Haus zeigte und sich dann erst umkleidete, um mich in die nächste Umgebung zu fahren und mir dort seine Kaffee-, Baumwoll- und Kokosnußpflanzungen zu zeigen. In seiner Nationaltracht habe ich ihn später allerdings nicht mehr zu sehen bekommen.
Das Haus, nur ein Geschoß zu ebener Erde, scheint vorzugsweise mit Rücksicht auf Repräsentationszwecke erbaut zu sein, da es neben andern Wohnräumen einen besonders großen Speisesaal mit daran stoßendem Anrichtezimmer und dahinter liegender geräumiger Küche hat, auch große Vorräthe an Tischwäsche, Porzellan, Glas und sonstigem Tischzubehör vorhanden sind.
Haus in Vavau.
Die Dienerschaft des innern Hauses wird durch jüngere Häuptlingstöchter, welche sich regelmäßig ablösen, und die Küche durch ältere weibliche Personen gebildet. Im Stall sind natürlich Männer.
Ein großes Mittagessen, welches der prinzliche Gouverneur uns gab, unterschied sich von den uns gewohnten nur durch die Bedienung. Denn da wir auf Stühlen an einem mit weißem Damast gedeckten Tisch saßen, wo wir neben Tellern, Gläsern, Messern und Gabeln auch europäische Tafelaufsätze fanden, mit Speisen und Getränken bewirthet wurden, wie der Europäer sie in den Tropen genießt, die eigentliche Bedienung mit uns gewohnter Sauberkeit und Ordnung erfolgte, so blieben nur die bedienenden Personen als etwas Absonderliches übrig, und zwar als etwas so reizend Absonderliches, daß diese uns mehr wie das Mahl fesselten. Neben zierlichen jungen Mädchen, welche unter Aufsicht einer ältern braunen Dame mit großer Sicherheit und Ruhe die Speisen anboten, Teller, Messer und Gabel wechselten, standen hinter uns noch die vornehmern Häuptlingstöchter in ihrem schönsten Staat mit Blumen und Laub geschmückt, um uns Kühlung zuzufächeln und mit ihren Fächern auch die Fliegen und Mosquitos fern zu halten. Während des Essens hatte allerdings mein Gegenüber den besten Platz, weil das schönste der jungen Mädchen nur um meine Person beschäftigt war und daher hinter mir stand, wohin ich nur ab und zu einen verstohlenen Blick werfen konnte. Nach dem Essen änderte sich dies allerdings, da wir uns nun auf dem Fußboden als Gruppe auf Matten niederließen und die Mädchen zu unsern Füßen zwischen uns Platz nahmen, um ihres Amtes walten zu können. Mir schien es kaum möglich, daß die armen Geschöpfe überhaupt noch im Stande waren ihre Arme zu bewegen, aber trotz aller Bitten sich zu schonen, fuhren sie unverdrossen mit dem freundlichsten Gesicht in ihrer anstrengenden Arbeit fort, wofür ich meinem Mädchen wenigstens am nächsten Tage ein schönes Stück Sammt zu einem neuen Leibchen schenkte, worüber sie außerordentlich erfreut war. Sehr bedauert haben wir, daß wir diese Gruppe nicht in einem Bild fixiren konnten, denn wenn auch nicht gerade wir des Anschauens so werth sind, so waren es doch die zierlichen Tonganerinnen in ihren knappen, nur etwas bis über die Knie reichenden leichten Kleidchen aus bunter Seide und buntem Sammt, mit ihren Blumen und Laubgewinden und den frischen, heitern und hübschen Gesichtern. Die Frauen hier in Vavau erinnern in ihrer Gestalt mehr an die Samoanerin als an die große starkknochige Tonganerin, und vor beiden haben sie noch den Vorzug schönerer Gesichtszüge.
Tonganerin.
Während wir so behaglich hingestreckt lagen und bei einer Tasse Kaffee eine gute Cigarre rauchten, an denen es in diesem gastfreien Hause auch nicht fehlte, traten eine größere Zahl Männer in den Raum, um Kawa zu bereiten, welche hier, abweichend von dem Samoabrauch, durch Männer zubereitet wird, nachdem sie die Wurzel zwischen Steinen zerrieben haben. Dann folgten einige gut einstudirte Gesangsvorträge, in denen die Tonganer einen weitverbreiteten Ruf haben, welche mich aber nicht besonders ansprachen. Tänze sind hier durch die Missionare verboten und werden daher nur im geheimen geübt, dann aber, wie es wol nicht gut anders sein kann, als verbotene Frucht mit den dazugehörigen Ausschreitungen.
Zur Hebung der Moral haben die Missionare hier die schärfsten Bestimmungen durchgesetzt und dadurch die wunderlichsten Auswüchse im Volksleben hervorgebracht. So haben sie, um die sittlichen Zustände zu heben, verboten, daß die hier ansässigen Weißen ihren Hausstand durch eingeborene Frauenzimmer besorgen lassen. Da die Weißen nun keine Männer zur Bedienung erhalten können, so verfielen sie auf das Mittel der Adoption, gegen welchen althergebrachten Brauch die Missionare trotz ihrer sonstigen Macht bisjetzt noch nichts haben ausrichten können. Die Weißen adoptiren also ein junges Mädchen als Tante, Schwester, Tochter oder gar als Mutter, müssen dieselbe dann aber ganz in ihr Haus nehmen. Während nun früher die weibliche Bedienung nur am Tage den Hausstand ihres Herrn versorgte, muß sie jetzt ganz mit ihm zusammenleben, und es belustigte mich sehr, bei einem jungen Deutschen eine blutjunge Tonganerin als seine gesetzliche Tante vorzufinden.
Nicht ganz in Uebereinstimmung mit dieser Verordnung dürfte sich allerdings die weibliche Bedienung des Prinzen Gu befinden, dies hat jedoch zur Zeit keine große Gefahr, da der Prinz, wie man zu sagen pflegt, bis über die Ohren verliebt ist, und zwar in eine ihm an Geburt und Körpergröße ebenbürtige Dame, aber dennoch vorläufig ohne Hoffnung auf eine baldige Verbindung. Der Prinz zeigte mir mit allen äußern Zeichen eines unglücklich Liebenden die Photographie seiner Erwählten und erzählte mir dabei, daß der König bisher seine Einwilligung zu dieser Verbindung versagt habe, weil die Verwandtschaft (wenn ich nicht irre Geschwisterkinder) eine zu nahe sei. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch, daß die Tonganer von altersher Ehen unter Blutsverwandten nicht billigen.
Eine merkwürdige Mittheilung wurde mir hier noch gemacht, welche ich anfänglich nicht glauben konnte, aber doch glauben mußte, als der Gouverneur mir die Richtigkeit bestätigte. Die von den Missionaren eingeführten Strafen sind hier, ebenso wie auf den Gesellschafts-Inseln, Geldstrafen, von welchen der Angeber einen Theil als Angeberlohn erhält. Die besonders in Betracht kommenden Vergehen sind Uebertretung der Sonntagsheiligung, Diebstahl und unsittlicher Lebenswandel. Wird nun jemand eines solchen Vergehens angeklagt, dann ist die Beibringung von Zeugen nicht erforderlich, in den meisten Fällen auch nicht möglich, weil die Denuncianten oft aus Rachsucht oder Geldgier eine falsche Anklage erheben sollen, in diesen Fällen also schon das Vorhandensein von Zeugen ausgeschlossen ist. Hier sind nun die Angaben des Angeschuldigten und des Anklägers nicht gleichwerthig, sondern der Angeschuldigte erhält, sofern er nicht Zeugen für seine Schuldlosigkeit beibringen kann, wenn er nicht gleich gesteht, ohne Ansehung des Geschlechts 25 Hiebe und wenn er dann noch nicht gesteht, weitere 10 Hiebe. Darauf wird er entlassen und zum nächsten Tage bestellt, um dann derselben Mishandlung unterworfen zu werden, wenn er nicht vorzieht, die Geldstrafe auf alle Fälle zu zahlen und sich dadurch schuldig zu bekennen. Ein Zeichen der Unschuld gibt es übrigens, und zwar wenn bei der mishandelten Person während der Folter eine Blasenentleerung stattfindet. Der Angeber geht in allen Fällen straflos aus, jedenfalls um diesen Leuten das unsaubere Handwerk nicht zu verleiden. Wie mir versichert wurde, soll diese Art der Justiz auf den Einfluß der Missionare zurückzuführen sein, was mir indeß nicht bewiesen werden konnte. Aber soviel weiß ich, daß die Mission in Tonga, welche einen so bedeutenden Einfluß hat, dieser unwürdigen Rechtspflege in Vavau ein Ende machen könnte, wenn sie wollte und — wenn sie durch ihre Station in Vavau von diesen Zuständen überhaupt Kenntniß erhalten hat.
Zu gestern war, ebenso wie früher auf andern Inseln, die Bevölkerung zum Besuch des Schiffes eingeladen. Hierbei machte es sich eine ziemlich große Zahl reichgeputzter Frauen, welche ohne Begleitung ihrer männlichen Verwandten auf das Schiff kamen, unter der Führung einer ältern wohlbeleibten Dame in meiner Kajüte bequem. Die ältere Dame, welche neben ihrer reichen Kleidung noch viel werthvollen Schmuck an sich trug, hatte einen jüngern Eingeborenen bei sich, der wol als Dolmetscher mitgenommen war und mir in Englisch seine Herrin als eine der vornehmsten Häuptlingsfrauen, von welcher ich auch schon gehört hatte, vorstellte. Die braune Dame war außerordentlich gesprächig, erkundigte sich nach allem Möglichen, nahm in einem Lehnsessel Platz und beförderte nach einiger Zeit alle Eindringlinge ihres Stammes, welche nicht zu ihrer nähern Umgebung gehörten, in energischer Weise zur Thür hinaus, richtete dann mit den entsprechenden Gesten und dem freundlichsten Gesicht einige Worte an mich, welche ich dahin deuten mußte, daß sie die Thüren geschlossen haben wolle. Dies traf auch zu, denn ehe der Dolmetscher zu Worte kommen konnte, wurde er beauftragt dies auszuführen unter Zuhülfenahme einiger Armbewegungen, welche nur besagen konnten: „Der Herr hat das Schließen der Thüren erlaubt, mach' sie daher zu!“ Nach diesen Vorbereitungen setzte sie sich noch einmal bequem in dem Sessel zurecht, ordnete ihre Kleider etwas, gab den mit ihr gekommenen Mädchen, von welchen ich einige schon vom Hause des Gouverneurs her kannte, Anweisung, etwas zurückzutreten, sodaß der Platz vor ihr frei war, faßte dann dem Mann, welcher sich inzwischen vor ihr auf die Erde gesetzt hatte, zärtlich in die Haare und sagte etwas zu ihm, worauf derselbe anfing in halb hockender Stellung einen Tanz zu Füßen seiner Gebieterin aufzuführen, welcher an diejenigen der Gesellschafts-Inseln erinnerte. Während mich der Tanz nicht ansprach, waren die versammelten Damen, welche hier ohne Gefahr die verbotene Frucht genießen konnten, ganz entzückt davon, und die dicke Angeberin des jedenfalls vorher geplanten Vergnügens war so außer sich vor Freude, daß sie den Mann ab und zu unterbrechen mußte, indem sie ihn mit der einen Hand an den Haaren faßte, sich schüttelnd vor Lachen in den Stuhl zurückwarf, mit der andern Hand auf den Tänzer wies und mit nach hinten übergebogenem Kopfe — ich stand ihr zur Seite — mir etwas zurief, was nur bedeuten konnte: „Ist er nicht köstlich, himmlisch?“ Die Freude der Dame war so urwüchsig und ansteckend, daß ich aus vollem Herzen mitlachen mußte. Nach Beendigung der Vorstellung wurde der Mann zur Thür hinausgeschoben und nun wurde die Gesellschaft erst recht ausgelassen, die dicke Tante nahm ihre sehr hübsche und zierliche Nichte an der Hand und legte sie mir mit einer energischen Bewegung in den Arm. Da war ich nun umringt von einer ausgelassenen fröhlichen Mädchenschar und in meinem Arm lag ein schönes junges Menschenkind, welches mit zurückgebogenem Kopf und halbgeöffneten Lippen mich so glückselig über das hier Erlebte ansah, daß ich ordentlich an mich halten mußte, ihr nicht die frischen Lippen mit einem Kuß zu schließen. Ich schob sie der Tante aber wieder sanft zu und erhielt dann von ihr als Andenken einen schön geschnitzten Kamm, welchen sie aus ihrem Haar nahm.
Zu heute Vormittag 8 Uhr war unsere Abreise festgesetzt und Gouverneur Gu wollte mich ein Stück Weges begleiten, um mir eine an der Wasserstraße liegende Höhle oder Felsengrotte, welche einen weiten Ruf hat, zu zeigen.
Als ich heute Morgen die Augen aufschlug, wußte ich anfangs nicht ob ich träume oder wache; ein starker, eigenartiger, mir übrigens angenehmer Duft, wie ihn die hier und in Samoa von den Eingeborenen getragenen Kränze ausströmen, erfüllte meine Kajüte und vor meinem Bett standen vier geschmückte Mädchen mit Blumen im Haar und Blumen- und Laubketten um Hals und Hüften, unter denen sich auch meine beiden Freundinnen befanden, sowol die, welche beim Gouverneur um mich war, wie die Nichte der dicken Häuptlingsdame, welche am gestrigen Nachmittag das Schiff besucht hatte. Jede trug einen kleinen Korb mit Früchten in der Hand, Bananen, Ananas, Limonen und Orangen, sie zeigten mir die Körbchen, stellten sie dann auf den Tisch und legten ihre Kränze dazu. Als sie zu meinem Bett zurückgekehrt waren, schüttelte ich einer jeden die Hand, in der Erwartung, daß sie nun gehen würden und mich aufstehen ließen. Nach kurzer Zwiesprache gingen sie wol, aber nur drei von ihnen, denn eine blieb bei mir zurück; auch diese ging, aber erst nachdem eine andere hereingekommen war, und als die vierte nicht mehr weichen wollte und meine Zeichen nur dahin verstand, die Verbindungsthür nach der Vorkajüte zu schließen, machte ich kurzen Prozeß und stieg in mein Bad, worauf sie sich dann allerdings lachend entfernte. Aber nur für kurze Zeit. Denn kaum war ich wieder einigermaßen bekleidet, so waren sie alle vier auch wieder da, setzten sich um mich und leisteten mir sowol hier, wie nachher in der Vorkajüte bei meinem Frühstück Gesellschaft.
Um 8 Uhr kam der Gouverneur mit seinem Boot an Bord und war keineswegs erstaunt, die vier Töchter seines Landes hier vorzufinden, sondern hatte zweifellos von dem frühen Besuch Kenntniß gehabt, wie ich aus seiner Andeutung, daß die gesandten Früchte wol bis Apia reichen würden, entnehmen mußte. Er sagte auch, daß die Mädchen mit meiner Erlaubniß die Fahrt nach der Grotte mitmachen und mit ihm dann zurückkehren würden. Nach einer Stunde waren wir an dem Platz angelangt und fuhren in meinem Boot nach einem in der Felswand sich zeigenden kleinen Höhleneingang. Der Gouverneur, welcher eigentlich neben mir sitzen sollte, fand in dem hintern Ende des schmalen Bootes, wo ich des Steuers wegen bleiben mußte, keinen genügenden Raum für seinen mächtigen Körper und mußte daher weiter vorn sitzen, dadurch bekam ich zwei der Mädchen als Nachbarinnen. Bald hatten wir den 4 m breiten Eingang erreicht und mußten uns dort bücken, um nicht mit den Köpfen an die Felsdecke zu stoßen. Noch einige Augenblicke und wir befanden uns in einer wahrhaften Märchenwelt.
Scheinbar im blauen Aether schwebend sind wir in einem Raum, von dem wir nicht wissen, ob er groß ist oder klein. In der Mitte ruht mein weißes Boot und dieses wie die darin befindlichen weißgekleideten Männer und die in buntfarbige leichte Stoffe gehüllten braunen Frauen sind von dem wunderbarsten blauen Farbenhauch umflossen. Zu den Seiten, über uns, im Spiegelbild neben uns und unter uns wölbt sich in blauen Fernen das Gestein, von welchem phantastische Tropfsteingebilde in den Raum hineinragen. Wir wissen nicht was Wasser ist und was Luft, der ganze Raum erglänzt gleichmäßig in der wunderbaren tiefblauen Farbe des tropischen Meeres, denn da keine directen Lichtstrahlen in ihn fallen, so hat die ruhige glatte Wasserfläche keinen Spiegelglanz, sondern verschmilzt unmerklich mit dem Blau der über ihr stehenden Luft. Kein Wort fällt von unsern Lippen. Wir alle staunen andachtsvoll die uns umgebende Pracht an, auch die Leute an den Rudern sitzen lässig da, ohne sich zu rühren. Als ich mich nach meinen Nachbarinnen umsah, merkte ich erst, daß sie sich dicht an mich angeschmiegt hatten und mit strahlenden Augen und stummen Lippen fragten, ob ich dies auch so schön fände wie sie. Ja, es ist wunderbar schön in diesem heiligen Raum, wo man die ganze Welt in Liebe umfassen möchte. Erst das mit den Offizieren uns nachgefolgte Boot brachte wieder Leben, da die Herren nach der ersten Ueberraschung, welcher auch sie ihren Tribut zahlen mußten, im Verein mit mir die Grotte ausmaßen.
Wir fanden die folgenden Zahlen: Länge 14 m, Breite 11 m, Höhe der Wölbung über der Wasserfläche 8 m, Wassertiefe zwischen 10 und 16 m.
Die hauptsächliche Lichtquelle, jedenfalls die, welche der Grotte ihren Zauber verleiht, fanden wir an dem dem schmalen Eingang entgegengesetzten Ende in dem engen obern Durchbruch einer seitlichen schmalen und tiefen Felsspalte.
Nicht weit von dieser Grotte entfernt soll eine noch schönere sein, deren Eingang aber unter der Wasseroberfläche liegt, sodaß man nur tauchend in dieselbe gelangen kann. Also nichts für unsereinen.
Heute Vormittag 11 Uhr hatte ich von Prinz Gu, welcher in seinem Boot nach Neiafo zurückkehrte, Abschied genommen und begab mich dann an die Besichtigung der mir zurückgelassenen Laubkränze. Es ist schade, daß sich dieselben nicht aufheben lassen, denn sie sind wirklich ganz außerordentlich geschmackvoll zusammengestellt, sowol in den Farben, wie in den Formen der dazu verwendeten Blumen, Blätter, Gräser, Früchte und Beeren. Vom tiefsten bis zum hellsten Grün, Roth, Braun, Gelb und Blau; breite und schmale, schlichte und gezackte, weiche und dornige Formen; man möchte glauben, daß von jeder vorkommenden Pflanze in Blüte, Blatt oder Frucht ein Theilchen in dem armdicken und 1½ m im Umfang messenden Gewinde enthalten ist.
Am 21. März abends ging ich in Saluafata zu Anker, weil ich vor Dunkelwerden Apia nicht mehr erreichen konnte, brachte aber das Schiff gleich am nächsten Morgen hierher, um den Geburtstag unsers Allergnädigsten Kaisers und Kriegsherrn hier feiern und im Schmuck der Flaggen und Wimpel den Bewohnern durch den ehernen Mund unserer Kanonen die hohe Bedeutung des Tages kundgeben zu können.
Hier fand ich so ziemlich den alten Stand der Dinge vor. Die Taimua und Faipule besitzen noch die Regierungsgewalt und berathschlagen weiter über eine Königswahl, während Malietoa ruhig unter ihnen sitzt. Die einzige Neuerung ist, daß der Amerikaner Bartlett nun doch noch eine Anstellung bei der Regierung gefunden hat, wenn auch nur vorläufig auf zwei Monate als Lehrer der Rechte.
Am 28. März ging ich mit dem Schiff zu einem längern Aufenthalt nach Saluafata, um dort die Schießübungen mit den Kanonen und Gewehren abzuhalten, sonstige Exercitien vorzunehmen, welche uns nach den anstrengenden Reisen, bei denen die militärische Ausbildung etwas zurückstehen mußte, sehr noththaten, und um freundschaftliche Beziehungen mit den Bewohnern unserer neuen Kohlenstation anzuknüpfen, was uns über Erwarten gut gelang.
Saluafata hat mir mancherlei geboten und etwas, was bei dem Interesse, welches ich diesen Naturmenschen entgegenbringe, für mich von besonderm Werth ist: einen Einblick in ihr häusliches Leben. Hierbei kam mir wesentlich der Umstand zu Hülfe, daß dem Halbweißen, welcher mir wiederholt als Lootse gedient und auch die Reise nach Neu-Britannien mitgemacht hatte, von der Handels- und Plantagen-Gesellschaft neuerdings die Handelsstation von Saluafata überwiesen worden war und derselbe mir dadurch gegen ein Geschenk, welches ich ihm später machte, als Dolmetscher zur Verfügung stand. Dies erleichterte mir naturgemäß sehr den Verkehr mit den Eingeborenen, welcher bald ein so freundschaftlicher geworden war, daß die Leute mir volles Vertrauen zeigten und sich so gaben wie sie sind. Dies blieb aber nicht nur auf meine Person beschränkt, sondern schon nach kurzer Zeit war das ganze Schiff, und zwar ohne die Vermittelung eines Dolmetschers, in ein inniges Freundschaftsverhältniß mit dem Lande gekommen, und die Eingeborenen zeigten geradezu rührende Beweise ihrer Liebe zu den neugewonnenen Freunden, wobei das Merkwürdige zu Tage trat, daß jeder Matrose seinen bestimmten Samoaner als Freund hatte und im gegenseitigen Verkehr dann immer diese beiden zusammenhielten. Mein Verkehr beschränkte sich, wie dies nicht anders sein konnte, auf die am Orte ansässigen Häuptlingsfamilien und fand eigentlich nur am Lande statt, während die Besatzung regelmäßig zur Mittagsfreizeit ihre samoanischen Freunde an Bord empfing und den Gegenbesuch am Lande an ihren Urlaubstagen machte. Die Samoaner kamen dann mit ihren vollbeladenen Kanus an Bord und trugen ihren Freunden Früchte und andere Nahrungsmittel, Korallen, Muscheln, zierliche Kanumodelle, Speere, Tapastücke, Keulen und zuweilen auch alte ganz seltene Stücke zu, wogegen unsere Leute ihr Essen mit ihnen theilten. In der ersten Zeit, als ich den Zweck noch nicht kannte, versuchte ich verschiedene male, wenn ich die Samoaner mit den Sachen ankommen sah, etwas davon zu erwerben, wurde aber stets mit dem Bemerken abgewiesen, daß die Sachen für den Freund bestimmt seien. Als ich einmal den Versucher machen wollte und einen ganz übermäßig hohen Preis bot, half es mir auch nichts, der Mann blieb standhaft, so schwer es ihm auch zu werden schien. Wie weit die freundschaftlichen Gesinnungen unserer braunen Freunde gingen, werden am besten meine Erlebnisse zeigen. Ehe ich auf diese aber eingehe, will ich noch eine kleine Skizze von Saluafata entwerfen, weil dadurch das Nachfolgende wol leichter verständlich wird.
Der Hafen wird durch eine halbkreisförmige Einbuchtung der Küste gebildet und durch Korallenriffe gegen die See geschützt. Schmale Korallenriffe liegen auch noch in dem Hafen vor dem Strande, wodurch die vor diesem befindliche Wasserfläche stets ruhig ist und den Anwohnern einen um so bequemern Fischgrund bietet, als bei Ebbe die geringe Wassertiefe das Fischen ohne Kanu gestattet. Auch Boote, wenn sie durch die vorhandenen schmalen Einfahrten hinter die Riffe gekommen sind, können von hier aus hinter die Küstenriffe gelangen und in behaglicher Fahrt weite Strecken zurücklegen und unbehindert von dem draußen stehenden Seegang die nächsten Städte, Apia, Lufi-lufi und Falifa erreichen. An den Strand schließt sich ein schmaler Streifen ebenes Land an und dahinter umschließen mäßig hohe Berge die Bucht, sodaß das Auge überall angenehme Ruhepunkte findet. Der Strand ist schöner weißer Korallensand, dahinter stehen Kokospalmen, Brotfrucht- und Orangenbäume, unter welchen die Hütten, Taro- und Yampflanzungen liegen. An der Ostseite der Bucht liegt die Stadt Saluafata mit freiem Blick über das Meer; südlich davon, der nach uns benannten Ariadne-Huk gegenüber, die kleine, hohe, dichtbelaubte Albatros-Insel, nach unserm Kanonenboot so benannt. An der Südseite liegt noch ein Dorf, welches ebenfalls dem Häuptling von Saluafata gehört. Hinter der Stadt befindet sich ein großes Süßwasserbecken, welches einen angenehmen Badeplatz gewährt und eine große Wohlthat für unsere Besatzung wurde; auch beschattete, in das Innere führende Fußwege sind für Liebhaber vorhanden. Ueber die Lage des Berathungs- und Festplatzes habe ich das Erforderliche bereits bei meinem ersten Besuch der Samoa-Inseln und zwar gelegentlich der Beschlagnahme von Saluafata angegeben.
Küstenbild zwischen Apia und Falifa.
Als erstes Zeichen, daß das Eis gebrochen war und die auf mich wegen der frühern gewaltthätigen Wegnahme ihres Hafens verfaßten Spottlieder[F] hier keinen hohen Werth mehr hatten, diente eine mir von Loau, dem zweitangesehensten Häuptling, im Namen Sangapolutele's übermittelte Einladung, am nächsten Nachmittag auf dem Festplatz einige Geschenke entgegennehmen zu wollen. Ich fand mich mit einigen Offizieren pünktlich am Lande ein und bedauerte nachher lebhaft, nicht vorher eine Ahnung von der mir zugedachten Ueberraschung gehabt zu haben, weil ich sonst die entbehrlichen Mannschaften mitgebracht hätte, um auch diesen den Anblick des großartigen Talolo, welches uns geboten wurde, zukommen zu lassen.
Bei meinem Landen wurde ich von dem in eine alte feine Matte gehüllten Sangapolutele am Strande empfangen und zu dem Faletele geleitet, wo seine Frau, die beiden Töchter, sein kleiner Sohn und noch einige Häuptlingsdamen anwesend waren. Um den Platz herum stand viel Volk, aber nur Frauen und Kinder, Geschenke waren nicht zu sehen.
Nachdem wir uns mit Hülfe des Dolmetschers in dem kühlen Hause einige Zeit unterhalten und an frischer Kokosmilch erquickt hatten, wurde ich durch ein fernes Getöse aufmerksam, dasselbe schwoll mehr an und von Süden her, zur Seite der alten Gräber, brachen aus einem Waldweg ganz wunderliche, springende, tanzende und heulende Gestalten hervor, welche mir als des Häuptlings Narren, auch Buschmänner genannt, bezeichnet wurden. Die Kerle, man gestatte mir bei dieser Gelegenheit den Ausdruck, konnten einem gruseln machen. Theilweise sind sie ganz schwarz bemalt mit thalergroßen weißen und rothen Flecken über den ganzen Körper, theilweise sind sie unbemalt, aber alle haben weiße Nasen, Ohren und Augenhöhlen und sind nur mit einer handgroßen Blätterschürze bekleidet. Hinter diesen erscheint Loau, welcher mit eleganten weiten Sprüngen und in geradezu wundervoller Körperhaltung in Zickzacklinien auf den Platz fliegt, dann folgen die andern Häuptlinge und die ganze männliche Bevölkerung, welche auf die reichste Weise und vorzugsweise mit Laub geschmückt, Geschenke tragend aus dem Wald hervortreten und sich an der einen Seite des Platzes aufstellen.
Loau steht auf der dem Volk gegenüberliegenden Seite des Platzes auf einem großen Stein; dicht bei uns ein alter Mann mit den aus einem großen Stab und Fliegenwedel bestehenden Attributen des Redners, sein Gesicht Loau zugekehrt.
Die uns umgebenden einzelnen Personen und Gruppen bieten dem Auge eine solche Fülle des Neuen, Ungewohnten, solchen Farbenreichthum, so viel Leben, Urwüchsigkeit und Ordnung, daß ich fast geblendet von dem Schauspiel nur schauen und staunen, staunen und schauen kann. Die Samoa-Sitte, welche jeder Ueberstürzung abhold ist und bei feierlichen Handlungen gewisse Pausen und würdevolle Langsamkeit erfordert, ließ mir genügende Zeit, das Bild zu erfassen, ehe die Anrede erfolgte.
Der vor uns liegende, mit blendendem Korallensand bestreute viereckige Platz wird an drei Seiten von Waldlehnen, an der vierten von dem Faletele, in welchem wir uns befanden, begrenzt. Aus dem grünen Rahmen der uns gegenüberliegenden Waldlehne tritt das Haus Sangapolutele's heraus; aus dem zu unserer Linken der Häuptling Loau in der stolzen Haltung einer Minerva; aus dem zur Rechten die andern Häuptlinge und das geschmückte Volk, welches sich um die beiden dort liegenden alten ehrwürdigen Grabstätten gruppirt hat. Ueber dem Platz steht die heiße Sonne an dem wolkenlosen Himmel.
Loau's Kopf ist mit einem hohen Haarhelm bedeckt, dessen blonde Haarwellen roßschweifartig nach unten fallen und ihn in Verbindung mit mancherlei Zierath zu einem schönen Schmuckstück machen. Ein vorn in der Mitte angebrachter beweglicher kleiner runder Spiegel wirft das aufgenommene Sonnenlicht in weiten Strahlen zurück. Ein Band mit zwei Reihen kleiner Muscheln, deren Schmelz mit dem der Perlen wetteifert, ziert Loau's Stirn, ein gleiches seinen linken Oberarm. Eine Kette von Schweinszähnen und feinen Gräsern umschließt den Hals; eine feine, hell-braungelbe Matte mit darüber liegendem Gürtel aus langen, schmalen, schwarzrothen Blättern (etwa 20 cm lang, 5 cm breit) die Hüften; feine Grasringe umfassen die Knöchel. Es ist eine edle Gestalt, welche in dem eigenartigen bunten und doch vornehm wirkenden Schmuck gehobenen Hauptes herausfordernd dort steht, mit der rechten Hand den auf den Boden gestützten Speer wie einen Heroldsstab hält und die Linke leicht am Körper herunterhängen läßt.
Samoanischer Häuptling mit Familie.
Aehnlich sind die übrigen Häuptlinge gekleidet, doch haben sie an Stelle des Helms rothe Blumen im Haar und an Stelle der Muschelbänder um Stirn und Oberarm ein schmales rothes Blatt, oder ein rothes Band mit einem Aufputz aus eigenem Haar. Das Volk hat grüne Kränze aus frischem Laub um Kopf und Hals, rothe Blumen im Haar, Lava-lavas von frischen Blättern. Der bei mir stehende Redner ist schlicht gekleidet und gehört eigentlich nicht zu dem Talolo, sondern hat nur die Aufgabe, die an uns gerichtete Ansprache zu erwidern.
Nachdem Loau eine Weile gewartet hat, wir aus dem Hause hinausgetreten sind und lautlose Stille eingetreten ist, ruft er seine Ansprache mit lauter Stimme in kurzen Sätzen zu uns herüber, welche einzeln gleich durch den Redner beantwortet werden. Die Ansprache dauert nicht lange, sie enthält nur die Begrüßung der Fremdlinge und die Bitte um Annahme der Geschenke, wofür der Redner in meinem Namen dankt. Darauf werden die Geschenke gebracht und bei uns niedergelegt; das Volk tritt wieder zurück und Loau führt einen Kriegstanz auf, welcher in hohen, gewagten, kraftvollen Sprüngen besteht und mich an die Solotänze unserer Ballettänzer erinnert. Nach ihm führen die andern Häuptlinge noch einen gemeinsamen Tanz auf, dann begeben wir uns wieder in die Hütte und das Volk zerstreut sich zum Theil, zum Theil bleibt es aus der Ferne Zuschauer, während wir Kawa trinken. Denn wir nehmen mit sämmtlichen Häuptlingen im Kreise Platz und die Mädchen beginnen mit der Kawabereitung. Vor diesem Getränk fürchte ich mich übrigens nicht mehr, ich habe es vielmehr durch die Gewöhnung so schätzen gelernt, daß ich mich auf den Genuß freue und ohne Abscheu der Bereitung zusehen kann. Bei dieser Gelegenheit lernte ich zum ersten mal das Ceremoniell kennen, welches der Samoaner bei solch festlichem Kawatrunk beobachtet. Sobald die Schale gefüllt ist, klatscht die von mir als „Redner“ bezeichnete Person, welche wol auch die Stelle eines Ceremonienmeisters versieht, in die Hände, um Ruhe zu fordern, steht auf, ruft den Namen derjenigen Person auf, welcher nach der Rangordnung der Trunk zukommt, und setzt sich dann wieder, um dasselbe jedesmal zu wiederholen, bis der letzte Anwesende seinen Trunk erhalten hat. Bei den Vornehmern wird immer nur eine Schale zur Zeit gereicht, nachher aber werden gleichzeitig zwei und drei Schalen ausgetragen. Mit welchem Anstand die Mädchen die Schalen anbieten, habe ich früher schon erzählt.
Meine Beziehungen zu den Häuptlingen waren bald so vertraute geworden, daß wir uns abends in dem außerhalb der Stadt auf einer kleinen Anhöhe liegenden Hause des Halbweißen trafen, wo ich die Leute mit Taback und Getränken bewirthete und von ihnen mancherlei erfuhr, was mich interessirte. Die erste derartige Zusammenkunft war aus politischen Rücksichten erfolgt, weil ich mich mit diesen Dingen mehr befassen mußte und noch befassen muß, als mir lieb ist, denn als ich vor vier Wochen hier ankam, hatte unser Consul die Samoa-Inseln für mehrere Wochen verlassen, und so war es, da es hier im Lande fortwährend gährt, meine Pflicht mich über die Vorgänge auf dem Laufenden zu erhalten, um nicht einem etwaigen Aufstande unvorbereitet gegenüberzustehen. Es kam mir hierbei zu statten, daß der hiesige District zu den Malietoas hält und wir, wenn wir auch den jüngern Malietoa keineswegs als eine wünschenswerthe Persönlichkeit betrachten können, doch den ältern, welcher zur Zeit der Erwählte seiner Partei ist, als den einzig möglichen König ansehen. So gestalteten sich diese abendlichen Zusammenkünfte gewissermaßen zu einem politischen Stelldichein, wo die am Abend von außerhalb eintreffenden Boten zuerst vorsprachen und die neuesten Nachrichten hinbrachten. Hier erfuhr ich denn auch, was ich allerdings nicht verbürgen kann, mir aber glaubwürdig erscheint, daß der in Apia residirende französische Bischof vor einigen Monaten nach Europa gereist ist, um die französische Regierung zur Erwerbung alles auf den Inseln verkäuflichen Landes zu bewegen, weil nur dadurch dem stetig wachsenden deutschen Einfluß wirksam begegnet werden könne; daß ferner die französischen Priester von den vier vornehmlich in Betracht kommenden Candidaten der Tupua-Partei einen unterstützen und für diesen auch den pp. Bartlett gewonnen haben, wofür dieser von ihnen in das Amt, welches er jetzt innehat, gebracht wurde. Bartlett soll denn auch, wenn er äußerlich auch nur als Lehrer der Rechte angestellt ist, thatsächlich die Regierung leiten, und unter anderm hat er, wol um seine Befähigung für dieses Amt darzuthun, den erstaunten Bewohnern von Apia das überraschende Schauspiel geboten, unter seiner Leitung die Herren von der Taimua und Faipule die Straßen Apias ausbessern zu lassen, von welcher Arbeit sich nur wenige Mitglieder ausgeschlossen haben sollen. Unter solchen Verhältnissen war mein Verbleiben in Saluafata von größerm Nutzen, als wenn ich die Zeit in Apia zugebracht hätte, denn hier würde ich von diesen Dingen wahrscheinlich nichts erfahren haben. Im übrigen war ich auch nahe genug, um in die Ereignisse eingreifen zu können, wenn es erforderlich geworden wäre.
Diese abendlichen Zusammenkünfte waren mir bald zum Bedürfniß geworden, sodaß ich fast täglich, wenn ich keine andere Abhaltung hatte, abends nach 8 Uhr an Land fuhr und bis gegen 10 Uhr dort blieb. Neben den Nachrichten, welche ich dort empfing, waren diese Abende für mich auch insofern lehrreich, als ich dort einiges von dem häuslichen Leben der Samoaner kennen lernte, da naturgemäß auch sociale Fragen, Familienverhältnisse und dergleichen mehr zur Besprechung kamen. Gewöhnlich fand ich schon Besuch vor, welcher mit der Familie des Halbweißen in der Mitte des Wohnraumes auf Matten unter der Hängelampe saß; dann kam weiterer Zuzug, Häuptlinge mit ihren Frauen und Töchtern erschienen. Die Männer bildeten eine Gruppe, die Frauen die zweite und die jungen Mädchen die dritte. Ich setzte mich gewöhnlich so zur Seite hin, daß ich den ganzen Raum übersehen und mich an dem behaglichen Zusammensein der Leute erfreuen konnte. Der Halbweiße, seine Frau (Samoanerin) oder eine junge ebenfalls zum Hausstand gehörige Samoanerin, welche beide auch etwas englisch sprechen, nahm an meiner Seite Platz, um mir das, was ich wissen wollte, verdolmetschen zu können. Die Männer besprachen dies und jenes und schlugen mit der flachen Hand klatschend auf ihren Körper, wenn ein Mosquito sie stach, was oft genug vorkam. Die Frauen unterhielten sich nach ihrem Geschmack und die Mädchen vergnügten sich mit Spielen. Einige spielten Karten und legten Gewinn und Verlust mit Streichhölzern an, andere machten Fingerverrenkungen, schlugen mit den flachen Händen gegeneinander, versuchten mit den Fingern und Händen Schattenbilder zu formen, machten Figuren aus Bindfaden durch Abheben von den Fingern und trieben auch ein Spiel, welches mich sehr überraschte, da es unser in das Samoanische übertragene Zwirnessen ist, welches zuweilen bei Pfänderspielen geübt wird. Wie bei uns das Zwirnessen in einem Kuß endigt, so mußte dieses Spiel sein Ende im Nasenreiben finden, welches hier noch die Stelle unsers Kusses vertritt. Die eine Person legt ein feines Stäbchen wagerecht so zwischen Oberlippe und Nase, daß ein längeres Ende nach einer Seite vorsteht. Die andere muß nun, ohne die Hände zu gebrauchen, mit Oberlippe und Nase das Stäbchen fassen und es der erstern zu entreißen suchen, oder es aber bei diesem Versuch so weit nach der andern Seite durchschieben, daß sie es schließlich nicht mehr fassen kann, ohne mit ihrer Nasenspitze die des Gegners zu reiben. Da sitzen nun beide mit untergeschlagenen Beinen und aufgestützten Händen einander gegenüber und wackeln mit den Köpfen hin und her, wobei die Besitzerin des Stäbchens durch ein gebrummtes Hm! die andere zum Angriff reizt. Diese hmt wieder und Hm! Hm! geht es, bis schließlich die Zuschauer durch den komischen Anblick der ernsten kämpfenden Gesichter in Lachen ausbrechen, womit das Spiel gewöhnlich sein Ende findet, da die Kämpfenden mitlachen müssen und dann das Stäbchen nicht mehr festhalten können. Die Theilhaber des Spiels sollen eigentlich wol verschiedenen Geschlechts sein, denn die eine oder andere forderte mich gelegentlich auch zum Kampf heraus, welchen ich aber, da mir die erforderliche Gelenkigkeit in Nase und Oberlippe fehlen, gewöhnlich damit endigte, daß ich meine Nasenspitze in die meiner Gegnerin einbohrte, wenn nicht vorher mein Schnurrbart sie zum Niesen gebracht hatte. Der Verkehr der Leute unter sich war auch sonst ein sehr netter, die Unterhaltung spielte oft von einer Gruppe zur andern hinüber, Fragen wurden stets freundlich beantwortet, und beim Aufbruch fanden sich die Familien zusammen und gingen gemeinsam nach Hause, nachdem vorher durch freundlichen Gruß und Händedruck voneinander Abschied genommen war.
Bei diesen Besuchen erfuhr ich auch einiges über die samoanische Art der Kriegführung, was der Wiedergabe werth ist.
Der Krieg erstreckt sich gewöhnlich nicht auf Angriff und Vertheidigung der Städte, sondern beide Parteien ziehen in den Wald, bauen sich aus gefällten Bäumen Festungen oder besser Verhaue, in welchen sich die Krieger mit Frauen und Kindern sammeln. Am Tage ist Ruhe, weil die vorgeschobenen Posten jeden Ueberfall rechtzeitig melden können und die Taktik nur auf dem geschickt auszuführenden Ueberfall beruht, welcher am häufigsten wol durch Verrath ermöglicht wird. Sobald aber die Dunkelheit eintritt, ziehen die Vorposten sich zurück und beide Parteien unterhalten nun während der ganzen Nacht ein heftiges Feuer in den Wald hinein, um sich gegenseitig vor dem gefürchteten Ueberfall zu sichern. Am Morgen tritt wieder Ruhe ein und so geht es fort, bis einer Partei der stets unblutige Ueberfall gelingt oder aber beide Parteien durch Mangel an Munition zu einem Vergleich gezwungen werden. Und daß in der Regel wol beide Theile gleichzeitig mit ihrer Munition fertig werden, dürfte aus einem mir verbürgten Beispiel aus dem letzten Krieg hervorgehen. Als die eine Partei eines Tages mit dem dämmernden Morgen ihre letzte Patrone verschossen hatte, schickte ein Häuptling seine Frau mit noch einigen Weibern zu ihrem Bruder, welcher die Gegenpartei befehligte, um von diesem sich Munition zu erbitten, weil sie die ihrige verschossen hätten. Anstatt die Unterhändlerin als Geisel zu behalten und nun den Ueberfall zu wagen, sah der Bruder das Gerechte des Verlangens seiner Schwester ein, ließ die ganze Munition herbeibringen und theilte ehrlich mit ihr. Die Weiber zogen dann mit ihrer werthvollen Last wieder ab und der Krieg konnte am Abend seinen Fortgang nehmen.
Diese harmlose Art der Kriegführung findet ihre natürliche Erklärung wol in den Verwandtschaften und daher in der Anwesenheit der Frauen und Kinder, denn bei einem ernsten Zusammenstoß wären diese allen Gefahren mit ausgesetzt, und der Samoaner scheut sich bei der verhältnismäßig hohen Bildungsstufe, welche er einnimmt, verwandtes Blut zu vergießen. Das Hauptvergnügen bei diesen Bruderkriegen ist demnach jedenfalls nur das mit großem Geräusch erfolgende Aufbauen der Festungen und das Schießen während der Nacht. Damit ist aber nicht gesagt, daß der Samoaner keinen Muth hat, denn er hat in Kämpfen mit Fremden bewiesen, daß er solchen besitzt.
Ebenso wie des Abends, war es mir auch während der Mittagszeit zur Gewohnheit geworden, ein bis zwei Stunden am Lande zuzubringen. Als eines Tages die Hitze in meiner Kajüte so unerträglich war, daß ich versuchte am Lande auf einem Spaziergang durch den Wald mir Erfrischung zu schaffen, fand ich im Vorbeigehen den Aufenthalt in dem Faletele so angenehm, daß ich es vorzog dort zu bleiben und in dem luftigen Hause, auf den kühlen kleinen Steinen liegend, dem Rauch meiner Cigarre zuzuschauen, dem Rauschen des in den Baumwipfeln spielenden Windes zu lauschen und an die bevorstehende Heimfahrt zu denken, während gleichzeitig meine Sinne von See-, Strand- und Waldesduft, den von frischem und getrocknetem Laub, Blumen und Harzen ausströmenden Gerüchen, welche in ihrer Vermischung charakteristisch für Samoa sind und einen wunderbaren Reiz auf die Geruchsnerven ausüben, so umstrickt wurden, daß ich bald in tiefen Schlaf verfiel. Als ich wieder erwachte, saß Toëtele neben mir, welche wol jede Störung von mir ferngehalten hatte. Die Ruhe, die schöne Lage der Hütte und vor allem die so sehr viel erträglichere Temperatur, als wie die auf dem Schiffe, ließ mich von nun an täglich mit einem Buch oder Papier und Bleistift dahin gehen, um die Zeit von 12-2 Uhr dort zu verbringen. Doch fürderhin wurde ich stets von Toëtele, in Erfüllung ihrer Pflichten, schon erwartet und fand für mich ausgebreitete Matten vor. Zuweilen kam auch Sangapolutele, mit oder ohne Frau, hin. Als eines Tages an Stelle von Toëtele, welche wol eine Reise unternommen hatte, Lolle mich empfing, änderte sich das Bild in etwas. Nachdem die kleine, trotz ihrer nur 17 Lebensjahre äußerst energische Person eine Weile zugesehen hatte, wie ich versuchte, das Kratzen der als Kopfkissen untergeschobenen zusammengerollten Matte durch das Zwischenlegen meines Taschentuchs zu mildern, und mich mit den Händen der Angriffe der Fliegen und Mosquitos erwehrte, runzelte sie die Stirn, kam zu mir heran, nahm mir die zusammengerollte Matte weg und setzte ihre Person dafür hin, indem sie ihr Kleidchen zurückschob und meinen Kopf auf ihr kühles Knie legte. Dann nahm sie ihren Fächer zur Hand, verscheuchte das Geschmeiß und hielt geduldig ein bis zwei Stunden in dieser Stellung aus. Meine Bemühungen, mich von ihr freizumachen, scheiterten an dem eisernen Willen dieses sonst liebenswürdigen Mädchens und für die Folge blieb mir nichts übrig, als mich diesem ihrem Willen zu fügen, oder aber auf den Besuch des Faletele zu verzichten. Als das kleinere Uebel wählte ich das erstere und ließ mir das etwas absonderliche Kopfkissen gefallen, was ich schließlich thun durfte, weil die Hütte stets rund herum offen war und jeder Vorbeigehende sehen konnte, was darin vorging.
Noch einen dritten regelmäßigen Besuch, bei welchem mich gewöhnlich einige unserer Herren begleiteten, stattete ich dem Lande ab, und zwar nachmittags zwischen 4 und 5 Uhr, um an einem köstlichen Platz, welcher auf halbem Wege zwischen Saluafata und Lufi-lufi liegt, ein erfrischendes Bad zu nehmen. Die Fahrt war an sich schon stets ein neuer Genuß, ebenso war es der Aufenthalt an dem Platze, wo man stundenlang hätte sitzen können, sodaß ich eigentlich nicht recht wußte, ob das Bad oder aber das Drum und Dran eine größere Anziehungskraft ausübe. Die Fahrt dahin geht dicht unter der belaubten Küste innerhalb der Riffe unter Segel, und da um diese Stunde stets ein frischer Wind weht und die Sonne in unserm Rücken steht, so athmet man ordentlich auf, wenn man das heiße Schiff verlassen hat und erst in dem Boot sitzt. Lange dauert die Fahrt allerdings nicht, da der Platz nur etwa zwei Seemeilen von Saluafata entfernt an der Küste liegt, wo aus einer Höhle ein unterirdischer Fluß heraustritt, sich zu einem Becken von vielleicht 10 m Breite und 15 m Länge erweitert und dann durch eine schmale Rinne in das Meer fließt. Das Wasser ist so durchsichtig klar, daß, obgleich die Tiefe nahezu 2 m beträgt, der feine Sand des Grundes dicht unter der Oberfläche zu liegen scheint, und so kühl, daß man nicht lange darin bleiben kann. Das Wasserbecken, welches nach der See zu offen ist, wird hinten von dem schwarzen Höhlenschlund mit der darüber liegenden hohen Bergwand und zu beiden Seiten von niedrigen Hügeln begrenzt, welche mit Kokospalmen bestanden sind, unter deren Schatten Sangapolutele für uns eine leichte Hütte zum Aus- und Ankleiden hatte errichten lassen. Zur Vervollständigung des Reizes steht auch zu der von uns zum Besuch gewählten Zeit die Sonne schon so weit hinter den Bergen, daß der ganze Platz beschattet ist. Während des Schwimmens trat oft die Versuchung an uns heran, in die Höhle, an deren Rand die Wassertiefe noch gleich groß war, vorzudringen; die Samoaner hatten uns mit ihren Erzählungen von den dort hausenden großen Aalen aber so scheu gemacht, daß wir am Eingang der Höhle stets kitzlich in den Beinen wurden und wieder umkehrten.
Sangapolutele hatte sich, um uns zu feiern, nicht mit dem uns gegebenen Talolo allein begnügt, sondern gab uns auch noch ein großes Essen. Die Einladung hierzu erfolgte mehrere Tage vorher, weil die Vorbereitungen viel Zeit in Anspruch nahmen und die verschiedenen Gerichte erst durch die Bevölkerung beschafft werden mußten. Sobald wir zugesagt hatten, war ganz Saluafata in der größten Aufregung und Geschäftigkeit. Die vornehmen Frauen gingen in den Wald, um Laub für die Ausschmückung des Faletele, für die Guirlanden und Kränze zu holen. Die Männer gingen mit Frauen und Kindern auf Jagd und Fischfang, holten Früchte und Gemüse, und suchten aus Wald, Feld und Meer alles, was überhaupt genießbar war, für dieses Fest zusammen. Tagelang wurde allenthalben nur gearbeitet und gekocht, sodaß die allgemeine Emsigkeit unsere Erwartungen mit jedem Tage wachsen ließ. Endlich war der Tag da, an dessen Vormittag wir noch gebeten wurden, in möglichst leichter Kleidung zu kommen, weil von den jungen Mädchen unsere Theilnahme an einigen Spielen erwartet würde. Nachmittags 2 Uhr betraten wir das Land, wo Sangapolutele und die andern Häuptlinge mit ihren Familien uns am Strande erwarteten und begrüßten. Sie trugen heute sämmtlich andere Kleidung als bei sonstigen festlichen Gelegenheiten. Die Männer hatten Muscheln oder einen frischen Laubkranz um die Stirn, rothe Blumen im Haar und über den Ohren, und als Lava-lava ein weitbauschiges schleppendes Kleid aus Tapa, welches ihnen eine würdevolle Erscheinung gab und ihnen gut stand. Die Frauen trugen feine Matten als Lava-lava mit um die Hüften geschlungenen Laubgewinden, Blumen im Haar, dicke wohlriechende Kränze, wie ich sie bei Tonga beschrieben habe, und andere kleine um Hals und Schultern.
Als wir den Festplatz betraten, fanden wir ihn umstellt mit der ganzen Bevölkerung und waren überrascht, die große Veränderung zu sehen, welche über Nacht mit dem Faletele vor sich gegangen war. Alle seitlichen Dachstützen und das Mittelgerüst waren zu Blumen- und Laubpfeilern geworden, von dem Dachrand hingen in gefälligen Bogen Laubgewinde herunter und in gleicher Weise war der innere Dachraum geschmückt. Im innern Raum umschlossen hohe Blumenterrassen den Fuß des Mittelgerüsts. Der Fußboden war mit Matten belegt und in drei concentrische Theile getheilt. Der äußere, ein an die Dachträger sich anschließender 1 m breiter Ring diente als Sitz für die Gäste, der nächste gleich breite Streifen gab den Tisch für die Speisen ab, und in dem innern Raum befanden sich Männer mit Messern zum Vorlegen der Speisen, sowie verschiedene kleine Pyramiden aus grünen Kokosnüssen, bei welchen auch je ein Mann mit einem Messer stand, um die Kokosmilch ganz frisch als Getränk anzubieten, wenn sie verlangt werden sollte. Die Speisen waren nicht nur appetitlich angerichtet, sondern erfreuten auch das Auge. Große, frische, saftiggrüne Bananenblätter bildeten die Unterlage, auf welcher sich die Genüsse der heißen Zone aufbauten: ganze Schweine, große und kleine Fische, Hummern, Tauben, Hühner, kleine Krebse, Muscheln, Taro, Yam, Brotfrucht, Gemüse aus Palmenkeimen, jungem Kokosnußkern und was sonst die Leute noch zusammengekocht hatten. Jede Speise lag auf einem grünen Blatt, die breiigen waren in grüne Blätter eingebunden, und zwischen diesen grünen Blättern, weißen Schweinen, Tauben und Hühnern, bläulichen und grauen Fischen, rothen Hummern und Krebsen und schillernden Muscheln leuchteten die goldenen Orangen hervor, gaben die gelben Bananen und schneeigen gekeimten Kokosnüsse, welche mit ihrem sehr feinen Geschmack als besondere Leckerbissen gelten, sowie die zwischengestreuten bunten Blumen dem ganzen Arrangement einen geschmackvollen Abschluß.
Wir nahmen mit den Häuptlingen, die Rücken der Außenseite zugekehrt, in bunter Reihe Platz. Die Frauen durften der Samoasitte gemäß an dem Mahl nicht theilnehmen, stellten sich aber hinter uns auf, um uns Kühlung zuzufächeln. Das Volk nahm um das Haus herum Aufstellung und sah zu. Soweit war alles gut, aber nun beim Essen kam die Schwierigkeit fremder Sitte, denn wenn auch Sangapolutele ganz gut mit Messer und Gabel umzugehen weiß, was er verschiedentlich an meinem Tisch bewiesen hatte, so mußten wir hier doch auf diese nützlichen Gegenstände verzichten, weil der alte Herr uns gerade ein echt samoanisches Mahl hatte vorsetzen wollen und dabei die Finger die Stelle der Gabeln und die Zähne die der Messer versehen müssen. Bei dem Kokosmilchtrinken ging dies wol, auch bei den Hummern und Krebsen, als uns aber der Schinken eines ausgewachsenen Schweines vorgelegt wurde, da war unsere Wissenschaft zu Ende. Wir stellten uns zunächst so dumm an, daß innen und außen allgemeine Heiterkeit entstand. Die energische Lolle aber, und auch Loautele, welche hinter mir standen, konnten dies nicht mehr länger mitansehen und setzten sich ganz gegen die Festordnung zu beiden Seiten neben mich hin und fingen an mich zu füttern, was solchen Anklang fand, daß gleich darauf jeder von uns solch eine Kinderfrau hatte; die andern Herren aber waren besser daran als ich, denn sie hatten nur eine und ich zwei, deren ich mich kaum erwehren konnte. Loautele schälte mir ein Stück Fisch heraus und steckte es mir zierlich in den Mund, Lolle gab mir ein Stück Schweinebraten, Loautele bot mir einen Hummerschwanz und legte den Rest, welchen ich nicht mehr nehmen wollte, weg, Lolle bot mir eine halbe Taube, betrachtete sich den Rest, fand, daß ich davon noch mehr essen könnte, und schob ihn mir wieder in den Mund, Loautele gab mir eine Banane und Lolle schmierte mir gleichzeitig mit dem ernstesten Gesicht einen Finger voll Gemüsebrei in den Mund. Was ich da alles zusammengegessen habe, in welcher Zusammenstellung und in welchen Mengen, das mögen die Götter wissen, ich weiß es nicht. Schließlich aber setzte ich doch meinen Willen durch, nur das zu essen, was ich wollte, worauf Lolle kopfschüttelnd gehorchte.
Als etwas ganz Besonderes wurden mir von einem Manne während des Mahls auf einem Blatt auch vier milchweiße lebende Raupen von der Größe und Dicke eines kleinen Fingers angeboten, welche in hohlen Bäumen gefunden werden und sehr selten sein sollen. Als ich mich schüttelnd gegen den Genuß verwahrte, aß der Mann mir auf Befehl Sangapolutele's eine vor. Trotzdem sein Gesicht nur Entzücken verrieth, als er das sich windende Thier mit den Fingern zum Mund führte und so herzhaft hineinbiß, daß der Saft herumspritzte, konnte ich mich doch nicht zur Nachahmung verstehen, und da unsere Herren sämmtlich ablehnten, so verblieben sie den Häuptlingen.
Die einzelnen Gerichte waren, wenn auch für unsern Geschmack vielfach das Salz fehlte, durchweg schmackhaft zubereitet, nur für unsere Gaumen etwas zu fett.
Nach uns setzten sich die Häuptlingsdamen zu Tisch, und nach diesen kam das Volk an die Reihe, unter dessen Händen die Speisen schnell verschwanden.
Nachdem das Faletele ausgeräumt war und das Volk sich zerstreut hatte, begannen die Spiele vor Sangapolutele's Haus, wohin sich die Aeltern der mitwirkenden Mädchen als Zuschauer zurückgezogen hatten. Diese Spiele, für die urwüchsigen Veranstalterinnen berechnet, überschritten schließlich doch etwas unsere Kräfte. Merkwürdigerweise betheiligten sich außer uns keine Männer an denselben, und es ist mir zweifelhaft geblieben, ob dies gegen die samoanische Sitte verstößt, oder ob man bei der beschränkten Zahl der jungen Mädchen, welche ihrer Geburt nach hier zugelassen werden konnten, uns dieselben allein überlassen wollte, oder aber ob die Häuptlingssöhne, die man in den Städten auffälligerweise nur selten sieht und die nur bei Gelegenheit von Festlichkeiten auf der Bildfläche erscheinen, mit den Fremdlingen nichts zu thun haben wollten. Das erstere ist wol das Wahrscheinlichere, da bei den Tänzen in der Regel auch die Geschlechter unter sich bleiben. Ob die Spiele selbst, welche an die unserer Landpartien erinnern, samoanischen Ursprungs oder von den Weißen eingeführt sind, habe ich nicht erfahren; ist das letztere der Fall, dann sind sie jedenfalls durch Einfügung samoanischen Humors nationalisirt worden. Neben Kraft- und Ringproben wurde auch eine Schlange gebildet. Toëtele als das vornehmste der anwesenden Mädchen stellte sich auf, ich mußte hinter sie treten und sie umfassen; hinter mir kam wieder eine Samoanerin, dann wieder einer von uns und so fort in bunter Reihe, bis der Schwanz von einigen Mädchen gebildet wurde, da dieselben in der Mehrzahl waren. Wie ich mich an meinem Vordermann bei ihrer nur dürftigen Kleidung festhalten sollte, war mir nicht recht klar, denn hielt ich mich an dem Lava-lava fest, so mußte dies bei der ersten heftigern Bewegung in meinen Händen bleiben; ich legte meine Hände daher um den Leib vor ihren Magen. Hiermit war sie aber nicht einverstanden, löste vielmehr meine Hände wieder und legte sie unter ihre Brüste, dieselben einmal fest dagegen drückend, als Zeichen, daß sie dort bleiben sollen. Dann ging es in Schlangenwindungen hin und her, bis ein samoanischer, nach europäischen Begriffen sehr derber Scherz das Spiel schloß. Es wurde eine große Stange herbeigebracht, die Mädchen erfaßten das eine Ende, wir das andere, und nun sollte festgestellt werden, auf welcher Seite die größte Kraft sei. Dieses Spiel endete mit einem europäischen Scherz, denn als wir eine Weile hin- und hergezogen hatten, machte aus dem Hintergrunde ein Witzbold von uns den Vorschlag, die Stange plötzlich loszulassen. Auf das leisegesprochene „Los“ entsprachen wir diesem Vorschlag, unsere Gegenpartei fiel hinten über und wir hielten uns verschämt die Augen zu. Der Scherz, von dem ich anfänglich annahm, daß er doch zu derb ausgefallen sei, fand übrigens Anklang, unsere Gegnerinnen lachten, waren schnell wieder auf den Füßen, brachten ihre Kleidung in Ordnung und forderten Fortsetzung. Was die Mädchen planten, sprachen ihre blitzenden Augen aus, wir blieben daher auf unserer Hut. Von beiden Seiten wurde wieder kräftig gezogen, unsere Gegnerinnen ließen los, wir gleichzeitig aber auch, und sie standen mit seitwärts weggestreckten Händen verblüfft und sprachlos da, während wir sie auslachten. Sie kamen aber schnell wieder zu sich, lachten mit, schoben die Stange zur Seite und schlugen ein Spiel vor, welches wol unserm Räuber und Gendarm entspricht. Sie wollten die Räuber sein und wir sollten sie fangen. Von diesem Spiele schloß ich mich aber aus und setzte mich als Zuschauer mit zu Sangapolutele hin. Schnell waren die bar- und leichtfüßigen Räuber in dem Walde verschwunden, die Unserigen folgten. Der Fang gelang aber erst bei der Rückkehr und zwar auch nur theilweise, da er nicht leicht war. Denn da die eingeölten aalglatten Körper nicht zu fassen waren, blieb kein anderer Angriffspunkt als das Haar übrig.
Als Erwiderung hatten die Offiziere und ich die Häuptlingsfamilien zu einem europäischen Essen auf das Schiff eingeladen, zu welchem indeß nur die Frauen und Töchter erschienen, weil die Männer auch auf fremdem Boden an ihrer Sitte, nicht mit den Frauen zusammen zu speisen, festhielten. Hier mußten die Damen nun auf Stühlen sitzen und mit Messer und Gabel hantiren. Mit dem Sitzen ging es, mit Messer und Gabel aber durchaus nicht, sodaß wir unsern Gästen anheimgeben mußten, ihre Finger zu Hülfe zu nehmen, nachdem sie die Suppe mit dem Löffel gegessen hatten, was ihnen auch genug Mühe gemacht hatte. Nun ging es besser, aber geschmeckt hat es ihnen trotzdem wol nicht, da Naturmenschen sich doch schwerer in fremde Kost hineinfinden können, als die Europäer dies thun.
Das in Saluafata vorgefundene samoanische Leben, welches schon so erheblich von demjenigen in Apia abweicht, ließ in mir den Wunsch rege werden, auch noch einige der weiter im Innern liegenden Städte zu besuchen. Der Halbweiße sagte mir seine Begleitung als Dolmetscher zu und Sangapolutele versprach mir einen Führer nebst einigen Gepäckträgern. Als Führer meldete sich der bescheidene Loau mit noch einem kleinern Häuptling, und diese waren an dem festgesetzten Tage mit noch zwei Gepäckträgern bereit, als ich morgens 6 Uhr mit meinem Gigsteurer (nennen wir ihn Lange), welchem ich diesen Ausflug zukommen lassen wollte und der gleichzeitig auch das ziemlich umfangreiche Gepäck mit beaufsichtigen sollte, an Land kam. Von unsern Herren wollte sich mir keiner anschließen, weil die Erinnerung an die Fußtour in Tahiti ihnen noch zu frisch im Gedächtniß war.
Die kleine Reise war von den Samoanern und dem Dolmetscher auf drei Tage veranschlagt worden, wobei der letztere sagte, daß er den beschwerlichen Marsch überhaupt nur mit mir wage, weil er meine Leistungsfähigkeit im Gehen bei einem Aufstieg auf den Berg Apia, bei welchem er mein Führer gewesen war, kennen gelernt hätte. Uebrigens war bei meiner Ankunft der Herr Dolmetscher noch nicht anwesend und ließ auch ziemlich lange auf sich warten. Endlich gegen 6½ Uhr kam die zu seinem Hausstand gehörige junge Samoanerin, um mir zu sagen, daß er nicht kommen könne, weil er Fieber habe, und daher sie schicke, um als Dolmetscher mitzugehen. Das Fieber schätzte ich indeß auf Katzenjammer und machte mich auf den Weg, ihn selbst zu holen. Wie ich vermuthet hatte so war es; Bill (der Vorname des Mannes, womit ich ihn fernerhin bezeichnen will) mußte heraus aus dem Bett und trotz alles Sträubens mit, und als Sa (der Name der jungen Samoanerin) nun sehr traurig wurde, daß sie zurückbleiben müsse, nahm ich sie auch noch mit, da es bei der großen Zahl meines Gefolges nun auf eine Person mehr oder weniger nicht mehr ankam. Uebrigens machte Sa sich nachher vielfach nützlich. Neben meiner Person bestand die Reisegesellschaft also aus Lange, Loau, Bill, dem andern Häuptling, Sa, zwei samoanischen Gepäckträgern und Bill's Diener, einem Eingeborenen von den Neu-Hebriden, zusammen also aus neun Personen.
Das Gepäck setzte sich zusammen aus meinem Koffer mit reichlicher Wäsche, einem Kopfkissen, Mosquitonetz, Handtüchern u. s. w.; einem kleinen Koffer mit Lange's Sachen; einem Ballen Stoffe und einer kleinen Kiste Wachholder-Branntwein, als Gegengeschenke für die mir zu erweisende Gastfreundschaft.
Um 7 Uhr waren wir marschbereit. Der Weg führte zunächst hinter Sangapolutele's Haus in den Wald und in ein enges Thal, auf so schmalem Pfade, daß der auf dem Laub liegende Thau meine leichte Kleidung schon nach den ersten Schritten durchnäßt hatte. Gegen 9 Uhr, nach fortwährendem Steigen, traten wir aus dem Wald auf eine kleine Ebene und in ein dort liegendes Dorf, wo wir in dem Faletele eine kurze Rast machten und von den herzugekommenen Bewohnern mit frischer Kokosmilch bewirthet wurden. Mit den Menschen kamen auch zwei Katzen, ein Hund, einige Ferkel und Hühner mit, welche in dem Faletele ebenfalls ganz zu Hause zu sein schienen und mit dem jungen, opalfarbenen, gallertartigen Fleisch, welches sich in den grünen Nüssen an dem innern Rand der Schale befindet und die erste Entwickelungsstufe des Kerns aus der Milch bildet, gefüttert werden. So ist die Kokosnuß also nicht nur ein Universalnahrungsmittel für die Menschen, sondern auch für das verschiedenartigste Gethier, und mein Erstaunen war wol ein berechtigtes, daß Katzen und Hunde diese Speise nicht nur überhaupt, sondern gern nahmen. Was doch die Gewöhnung nicht alles thut! Zufällig sah ich hier auch, wie nützlich sich die Hühner, außer ihrem Beruf Eier zu legen und als Braten zu dienen, machen, denn als eine große Spinne sich zeigte, war sie auch sofort von einem herzugeflogenen Huhn verzehrt. Die Katzen halten die Wohnungen von Ratten frei, die Hunde werden wol hauptsächlich groß gezogen, um später gegessen zu werden. Die saubern kleinen Ferkel sind vielfach die Lieblinge der Frauen und werden von diesen an die Brust genommen, allerdings nicht aus Liebe, sondern als Schutzmittel gegen zu großen Kindersegen, und während dieser Zeit werden sie wie ein Schoshündchen verhätschelt, trennen sich weder Tag noch Nacht von ihrer Herrin.
Der Weg bis zur nächsten Stadt zieht sich durch den Wald, durch Schluchten und an steilen Abhängen vorbei, und führt schließlich an dem Ufer eines Flusses zu einer Lichtung, wo die Stadt liegt. Der Wald ist todt, da außer kleinen Insekten nichts Lebendes an den Wanderer herantritt, denn die schönen, grünbefiederten Tauben werden in neuerer Zeit von den jagdlustigen Eingeborenen so sehr verfolgt, daß sie bereits zu einer Seltenheit geworden sind, und die schönen kleinen Vögel sind, um in Europa die Damenhüte zu schmücken, auch nahezu ausgerottet, was aber nicht den Eingeborenen, sondern den Weißen zur Last zu legen ist. Nur ab und zu sieht man an einem Baumast, mit dem Kopf nach unten gekehrt, einen schlafenden, über 40 cm langen fliegenden Hund hängen. Und doch wirkt der Wald belebend durch die reiche Pflanzenwelt, welche zwischen den hochstämmigen Bäumen den Boden bedeckt, durch die hohen Baumfarrn und Bambusbüsche, durch die Schlingpflanzen, welche sich von Laubkrone zu Laubkrone winden, durch vereinzelte Kokospalmen und Orangenbäume, welche mit ihren Früchten dem Wanderer Labung bieten. Auch wildes Zuckerrohr findet man an lichten Stellen, im Walde aber auch Bäume, deren herzförmige Blätter von der Größe einer Hand bei der Berührung große schmerzhafte Blasen auf der Haut erzeugen und wegen dieser Eigenschaft sehr gefürchtet sind. Als ich mir gelegentlich solch ein schönes sammtartiges Blatt brechen wollte, wurde ich von einem Samoaner schnell zurückgerissen. Nach etwa einstündigem Gehen traten wir aus dem Wald auf eine kleine vorspringende Lichtung, welche wie eine Kanzel auf steiler Klippe liegt, an deren Fuß man ein Wasser rauschen hört, das man aber nur als schmalen Streifen sehen kann, wenn man sich weit über den Rand des Abhangs vorbeugt. Auf der andern Seite steigt eine nahezu gleich steile Wand auf, welche dicht belaubt die auf unserer Seite an Höhe weit überragt, und beide Wände bilden an dieser Stelle einen Hohlweg in Zickzackform, auf dessen Sohle der Bergfluß sich zwischen den engen Felsmauern durchzwängt. Unser Standort bildet den einen vorspringenden Winkel, und thalwärts zu unserer Linken, vielleicht hundert Schritte von uns entfernt, springt von der andern Seite ein gleich scharfer Winkel hervor, um welchen der Fluß dann rechts wieder abbiegt. Hier an der Stelle, wo wir stehen, soll nach Angabe der Samoaner die über 15 m hohe Klippe so steil abfallen, daß man den Sprung in den tiefen Fluß wagen kann. Loau erklärt sich auch zu dem Sprung bereit, vertauscht sein Lava-lava mit einem Palmenblatt und geht an den Rand; er springt aber nicht, sondern tritt wieder zurück, sieht noch einmal hinunter und erklärt, den Muth verloren zu haben. Nun soll das kleine Geschöpf Sa springen; sie geht auch muthig vor, sagt dann aber mit so kläglichem Gesicht: „Au weh weh, ka féhfe“ (etwa: „Ach Gott, ich habe solche Angst“), daß ihr der Sprung erlassen bleibt und der andere Häuptling vortritt, hinter dem Klippenrand verschwindet und durch seinen dumpfen Fall in das Wasser, dessen Schall nach einigen Augenblicken athemloser Spannung nach oben dringt, uns sagt, daß er im Fluß angekommen ist. Da unser Weg durch einen engen abschüssigen Hohlweg auch zum Flusse führt, so eilen wir hinunter, und dort, am Fuße eines zur Zeit trockenen Wasserfallbettes, umgeben von hohen Felswänden und dichtem Laub, vor uns das von geisterhaftem Zauber umwehte wilde Bergwasser, erwarten wir unsern Freund, welcher bereits angeschwommen kommt und unversehrt das Ufer wieder betritt. Zu solchem Sprung gehört Muth.
Kurz vor 12 Uhr waren wir in der Stadt, wurden von dem Häuptling und seiner Familie empfangen, erfrischten uns an Kokosmilch, und dann empfand ich zunächst das Bedürfniß, mich trocken und rein zu kleiden, weil ich bis 3 Uhr hier rasten wollte. Ich nahm mir aus meinem Koffer frische Wäsche und Kleider und ging mit Lange zu dem nahegelegenen Fluß, um dort ein Bad zu nehmen, meine Segeltuchschuhe selbst zu waschen, da unsere Träger sich bereits zu ihren Bekannten verflüchtigt hatten, und mich im Anschluß daran wieder in einen anständigen Menschen umzuwandeln, denn mein weißer Anzug sah von dem Marsch durch den feuchten Wald auf schlüpfrigem lehmigen Boden höchst bedenklich aus. Hier möchte ich erwähnen, daß nach meiner Erfahrung die einzig richtige Kleidung in den Tropen leichte Baumwollstoffe sind, und nichts der Gesundheit nachtheiliger ist und erschlaffender wirkt als wollene Unterkleider. Unter gewissen Verhältnissen ist man allerdings gezwungen, um die Stärkwäsche in ansehnlichem Zustand zu erhalten, ein wollenes Unterkleid, welches den Schweiß aufsaugt, anzulegen, dann aber bleibt der Körper dauernd feucht, was naturgemäß nachtheilig auf die Haut wirken muß. Geht man aber nicht in Damengesellschaft, sondern in den Wald und über Land, dann sollte man sich von Wolle freihalten. Naß wird die Wäsche ja, sie trocknet aber auch wieder schnell in der heißen Sonne, und kleidet man sich dann an jedem Ruhepunkt frisch, so merkt man bald das Behagen, welches der Körper empfindet. Dazu gehört allerdings die Mitnahme größerer Vorräthe und der zum Tragen erforderlichen Leute. Nur dieser Praxis schreibe ich es zu, daß ich, trotzdem ich unter der Hitze mehr leide wie vielleicht irgendein anderer von unserm Schiff, die anstrengendsten Märsche ohne Ermüdung zurückgelegt habe und sogar den Eingeborenen, welche mir den Beinamen „mit den eisernen Beinen“ gegeben, im Marschiren überlegen war.
Der Fluß ist hier ziemlich breit und tief, weil gerade an dieser Stelle wieder eins der den samoanischen Flüssen eigenthümlichen Felsenbecken liegt, von welchem das Wasser als schöner Fall in ein tiefer liegendes hinabstürzt. An dem andern Ufer steigt eine steile Bergwand empor, in welcher eine große tunnelartige Oeffnung den Eingang zu einer Höhle bildet. Als ich zunächst meine Schuhe waschen wollte, um sie während des Bades wieder trocknen zu lassen, nahm Lange mir diese Arbeit ab und diesem wiederum Sa, welche inzwischen auch herangekommen war. Sie beschränkte sich aber nicht nur auf meine Schuhe, sondern nahm auch Wäsche und Kleider vor, welche sie dann zum Trocknen ausbreitete. Dies war mir sehr angenehm, weil ich nun diese Sachen später zu dem Weitermarsch wieder anlegen und meinen Vorrath schonen konnte. Kaum war die Samoanerin mit ihrer Arbeit fertig, so nahm sie mit einem schnellen Griff ihr Lava-lava ab und sprang ins Wasser, um zwischen uns herumschwimmend ebenfalls ihr Bad zu nehmen, achtete aber darauf, vor uns wieder an Land zu kommen und zur Stadt zurückzukehren, ehe wir das Wasser verließen.
Im Faletele mußte ich nun zunächst einen Kawatrunk nehmen und dann durchschritt ich mit Loau und Bill den Fluß an einer seichten Stelle, um die Höhle zu besichtigen. Dieselbe ist ein tunnelartig natürlich gewölbter Gang von etwa 300 m Länge, 5 m Breite und 2½ m Höhe und ist an beiden Endpunkten offen. Eine kleine Wasserlache war das einzige Wasser in der Höhle, welche sonst den Schwalben als Brutstätte dient, denn an den Wänden befindet sich Nest neben Nest und der Boden ist mit einer starken Guanoschicht bedeckt.
Gegen 1 Uhr nahmen wir ein sehr reichhaltiges Essen ein (Schwein, Huhn, Tauben, Süßwasserkrebse und einige Gemüse), ruhten dann etwas, um 2½ Uhr nahm ich noch einmal ein Bad, danach wurden die Geschenke vertheilt und um 3 Uhr befanden wir uns wieder auf dem Weitermarsch. Nach einer Stunde passirten wir die dritte Stadt, wo ich aber zum Leidwesen der Bewohner und meiner Begleitung keine Rast machte, sondern durchging, um vor Einbruch der Nacht noch den nächsten Platz zu erreichen, wo wir auch kurz nach 5 Uhr eintrafen. Auch hier nahm ich als erste Erfrischung wieder ein Bad, wobei ich mir einige auf dem hohen Ufer stehende Zuschauer gefallen lassen mußte, da die Stadt dicht am Wasser liegt und der Fluß hier von so steilen Abhängen umschlossen wird, daß man nur an einer Stelle bequem zum Ufer kommen kann. Die ganze Umgebung ist so romantisch, daß es mir ordentlich unbehaglich wurde, nachdem die Sonne hinter die Berge gegangen war und die Eingeborenen sich wieder zurückgezogen hatten. Rund umschlossen von nackten Felsen oder belaubten Höhen nahm das tiefe Wasser schwarze Färbung an, keine Menschenseele zu sehen, kein Thier zu hören — da kam mir wieder das Ammenmärchen von den Aalen in den Sinn, und richtig, da packt mich einer am Fuß, sodaß mir ganz heiß wird und ich erst wieder zur Ruhe komme, als Sa's lachendes Gesicht neben mir auftaucht, welche sich den hinterlistigen Scherz gemacht hatte, mir heimlich nachzugehen. Sie schwamm nun aber so schnell an Land, daß ich sie nicht mehr erreichen konnte, um sie für den schlechten Spaß etwas zu zausen. Mir war das Baden durch den Schreck verleidet und so machte ich auch, daß ich an Land kam, zumal mein Magen sich meldete.
Nach einem kräftigen Essen mußte ich erst der Abendandacht beiwohnen, zu welcher die Bewohner durch Trommelschlag herbeigerufen wurden. Ein Mann las ein längeres Gebet vor, dann zerstreuten sich die Einwohner wieder; wir tranken Kawa, einige Mädchen führten einen mittelmäßigen Tanz auf, und dann begaben wir uns zur Ruhe, nachdem die Häuptlinge dem von mir mitgebrachten Getränk doch etwas zu viel zugesprochen und sich still zurückgezogen hatten. Das Faletele war nur für mich und Lange bestimmt, die übrigen von uns waren anderweit untergebracht. Endlich war ich einmal allein und konnte mich nun ohne Aufsehen nach einem stillen Platz zurückziehen. Doch ich hatte eine schlechte Wahl getroffen, denn gleich darauf raschelt es im Gras und neben mir befindet sich eine Samoanerin, welche mir dazu noch einen guten Abend wünscht. Obgleich ich nun schon ziemlich vertraut mit dem samoanischen Leben war, hatte ich mich in diese Natürlichkeit doch noch nicht hineingefunden und wollte entsetzt fliehen, ließ mich aber doch durch den Gedanken, eine lächerliche Figur abzugeben, davon abhalten. Meine Nachbarin verschwand indeß ebenso schnell wieder wie sie gekommen war.