Tschitschikow war seinerseits gleichfalls sehr froh, daß er eine Zeitlang bei einem so ruhigen und friedlichen Herrn wohnen durfte. Das Zigeunerleben hatte er gründlich satt bekommen. Sich einmal einen Monat lang ordentlich ausruhen, den Anblick des herrlichen Gutes, den Duft der Felder und des beginnenden Frühlings so recht von Herzen genießen zu können, das war sogar mit Rücksicht auf die Hämorrhoiden von großem Nutzen und Vorteil.
Man hätte nicht leicht einen schöneren Winkel zu seiner Erholung finden können. Der Frühling, dessen Sieg durch starke Fröste aufgehalten worden war, entfaltete sich plötzlich in seiner ganzen Pracht, und überall sproßte junges Leben. Wälder und Wiesen schimmerten bläulich, aus dem frischen Smaragd des ersten Grünes leuchtete hell das Gelb der Kuhblume hervor, und die rötlich-violette Anemone neigte sanft ihr zartes Köpfchen. Schwärme von Mücken und Scharen von Insekten zeigten sich über den Sümpfen, verfolgt von der langbeinigen Wasserspinne, und von allen Seiten flüchteten die Vögel in das trockene, schützende Schilfrohr. Hier strömte alles zusammen, um einander zu sehen und sich näher kennen zu lernen. Plötzlich bevölkerte sich die Erde, die Wälder erwachten, in den Wiesen wurde es lebendig und laut. In den Dörfern schlang sich der Reigen. Wieviel Raum gab es hier, um sich im Freien zu ergehen. Wie hell leuchtete das Grün! Wie frisch war die Luft! Wieviel Vogelsang in den Gärten! Paradiesisches Jauchzen und Jubeln des Alls! Das Dorf tönte und sang, wie bei einem Hochzeitsfest!
Tschitschikow ging viel spazieren. Zu Wanderungen und Spaziergängen bot sich die reichste Gelegenheit. Bald erging er sich auf dem flachen Hochplateau, wo sich die Aussicht auf die unten liegenden Täler, mit den großen Seen auftat, welche die über die Ufer getretenen Flüsse zurückgelassen hatten, und aus denen ganze Inseln von dunklen noch unbelaubten Wäldern hervorragten; oder er schritt mitten durch das Dickicht dunkler Wälder, und finsterer Gründe, wo die Bäume mit Vogelnestern geschmückt, dicht beisammen standen und die Raben krächzend durcheinander flogen, und gleich einer Wolke den Himmel verfinsterten. Über trockeneres Erdreich konnte man bis zum Landungsplatz wandern, wo die ersten Barken, mit Erbsen, Gerste und Weizen beladen in die See stachen, und wo sich das Wasser mit ohrenbetäubendem Getöse auf das Mühlrad stürzte, das sich langsam in Bewegung zu setzen begann. Oder er ging hin, um sich die ersten Frühjahrsarbeiten anzusehen, und zu beobachten, wie sich ein Stück frisch gepflügtes Ackerland mitten durch das Grün der Felder zog und der Sämann mit der Hand auf das Sieb trommelnd, welches ihm auf der Brust hing, gleichmäßig den Samen ausstreute, ohne auch nur ein Körnchen auf der einen oder andern Seite zu verschütten.
Tschitschikow besuchte jedes Fleckchen. Er unterhielt sich und besprach alles mit dem Verwalter, mit den Bauern und dem Müller. Er erkundigte sich nach allem, nach dem Wo und Wie und fragte wie es mit dem Haushalt stehe, wieviel Getreide verkauft werde, was im Frühjahr und Herbst für Korn gemahlen wird, wie jeder Bauer heißt, wer mit diesem und jenem verwandt ist, wo er seine Kuh gekauft hat, womit er sein Schwein füttert, mit einem Wort er vergaß nichts. Er ließ sich auch sagen, wieviel Bauern gestorben wären, und erfuhr, daß es nur wenige seien. Als kluger Mann erkannte er sofort, daß es nicht allzu glänzend um Andrei Iwanowitsch’ Haushalt stand. Überall entdeckte er Unterlassungssünden, Nachlässigkeit, Diebstahl, auch die Trunksucht war recht verbreitet, und er dachte sich: „Was der Tentennikow doch für ein Rindvieh ist! So ein Gut! und es so zu vernachlässigen! Man könnte sicherlich ein Einkommen von fünfzigtausend Rubeln daraus herauswirtschaften!“
Mehr als einmal kam ihm bei diesen Spaziergängen der Gedanke, selbst einmal — d. h. natürlich nicht jetzt, sondern später, wenn die Hauptsache erledigt sein, und er Geld in Händen haben würde — selbst einmal so ein friedlicher Besitzer eines ähnlichen Gutes zu werden. Und sofort tauchte natürlich das Bild eines jungen, frischen Weibchens mit weißem Gesicht, aus dem Kaufmannsstande oder sonst einem reichen Kreise vor ihm auf. Ja, er träumte sogar davon, daß sie musikalisch sei. Er stellte sich auch die junge Generation seiner Nachkommen vor, deren Bestimmung es war, die Familie Tschitschikow zu verewigen: einen munteren Jungen und eine schöne Tochter, oder sogar zwei Jungen und zwei, ja selbst drei Mädel, damit alle wissen sollten, daß er wirklich gelebt, existiert, und nicht etwa bloß wie ein Gespenst oder Schatten über die Erde gewandelt wäre — und damit er sich vor dem Vaterlande nicht zu schämen brauchte. Dann kam ihm wohl der Gedanke, daß es nicht übel wäre, wenn er auch im Rang ein wenig aufrückte: Staatsrat zum Beispiel. Das war immerhin ein recht anständiger und achtbarer Titel! Was kommt einem nicht alles in den Sinn, wenn man spazieren geht: so mancherlei, was den Menschen aus dieser langweiligen, traurigen Gegenwart entführt, ihn neckt, reizt, seine Einbildungskraft bewegt und ihr selbst dann noch schmeichelt, wenn er überzeugt ist, daß es nie eintreffen wird.
Auch Tschitschikows Bedienten gefiel es recht gut auf dem Lande. Sie gewöhnten sich schnell an das neue Leben. Petruschka schloß bald Freundschaft mit dem Hausdiener Grigorij, obwohl beide zuerst sehr wichtig taten und sich furchtbar aufbliesen. Petruschka suchte Grigorij Sand in die Augen zu streuen und mit seiner Erfahrenheit und Weltkenntnis zu imponieren; Grigorij aber übertrumpfte ihn sofort mit Petersburg, wo Petruschka noch nicht gewesen war. Er machte zwar noch einen Versuch zu opponieren und wollte die ganze Entfernung der Gegenden geltend machen, die er besucht hatte, aber Grigorij nannte ihm einen solchen Ort, den man nicht einmal auf der Karte hätte finden können, und er sprach von mehr als dreißigtausend Werst, sodaß der Diener Pawel Iwanowitschs ganz verdutzt sitzen blieb, den Mund weit aufriß und von allen Knechten und Mägden ausgelacht wurde. Trotzdem nahm die Sache den allerschönsten Ausgang; beide Diener schlossen eine enge Freundschaft. Am Ende des Dorfes Lyssyer Pimen war eine Schenke, die einem gewissen Akulka gehörte, den man den Bauernvater nannte. Hier in diesem Lokal konnte man sie zu allen Tageszeiten sehen. Dort wurde die Freundschaft besiegelt, damit wurden sie zu „Stammgästen“ der Kneipe wie man sich im Volke auszudrücken liebt.
Für Seliphan gab es andre Anziehungspunkte. Jeden Abend wurden im Dorfe Lieder gesungen; die Dorfjugend versammelte sich, um den beginnenden Frühling durch Gesänge und Tänze zu feiern; es schlang sich der Reigen und löste sich wieder. Die schlanken rosigen Mädchen, von einem Liebreiz, wie man ihn heute in den größeren Dörfern kaum noch findet, machten einen gewaltigen Eindruck auf ihn, sodaß er stundenlang dastehen und sie angaffen konnte. Es war schwer zu sagen, welche von ihnen die Schönste war; sie hatten alle schneeweiße Busen und Hälse, große runde und verschleierte Augen, den Gang eines Pfaus und einen Zopf der bis an den Gürtel reichte. Wenn er sie bei ihren weißen Händen faßte, und sich mit ihnen langsam im Reigen vorwärtsbewegte oder zusammen mit den andern Burschen gleich einer Mauer gegen sie vorrückte, wenn die Mädchen laut lachend auf sie zukamen und sangen: „Wo ist der Bräutigam, Bojaren?“ und wenn dann die Gegend ringsum allmählich in Nacht versank und weit hinter dem Flusse das treue Echo der Melodie melancholisch zurücktönte, dann wußte er kaum, wie ihm geschah. Und noch lange nachher: am Morgen und in der Dämmerung, ob er schlief oder wachte — immer wieder kam es ihm so vor, als halte er ein Paar weiße Hände in seinen Händen und bewege sich langsam mit ihnen im Reigen.
Auch Tschitschikows Pferde fühlten sich in ihrer neuen Wohnung sehr wohl. Das Deichselpferd, der Assessor, und selbst der Schecke fanden den Aufenthalt bei Tentennikow gar nicht langweilig, den Hafer vortrefflich und die Lage der Ställe außerordentlich bequem. Ein jedes hatte seinen Stand, der zwar von dem des andern durch einen Verschlag abgeteilt war, über den man jedoch leicht hinweggucken konnte. Daher konnte man auch die andern Pferde sehen, und wenn es einem unter ihnen, selbst dem das in der äußersten Ecke stand, einfiel loszuwiehern, war es den andern leicht möglich, dem Kameraden in der gleichen Weise zu antworten.
Mit einem Wort, alles fühlte sich bei Tentennikow bald wie zu Hause. Was jedoch die Angelegenheit anbetraf, wegen der Pawel Iwanowitsch das weite Rußland bereiste, nämlich die toten Seelen, so war er in dieser Beziehung äußerst vorsichtig und taktvoll geworden, selbst dann wenn er es mit kompletten Narren zu tun hatte. Tentennikow aber las doch immerhin Bücher, philosophierte, suchte sich über die Ursachen und Gründe aller Erscheinungen klar zu werden — über ihr Warum und Weshalb .... „Nein, vielleicht ist es besser, ich fange vom andern Ende an!“ So dachte Tschitschikow. Er plauderte oft mit den Knechten und Mägden, und so erfuhr er unter anderem einmal, daß der Herr früher häufig zu einem seiner Nachbarn — einem General zu Gaste fuhr, daß der General eine Tochter habe, daß der Herr für das Fräulein — und auch das Fräulein für den Herrn eine gewisse ... daß sie sich aber plötzlich entzweit und von da ab für immer gemieden hätten. Er selbst hatte auch schon bemerkt, daß Andrei Iwanowitsch beständig mit Bleistift und Feder allerhand Köpfe zeichnete, die einander alle sehr ähnlich sahen.
Eines Tages nach dem Mittagessen, als er wieder einmal nach seiner Gewohnheit die silberne Tabaksdose mit dem Zeigefinger um ihre Achse drehte, sagte er zu Tentennikow: „Sie haben alles was das Herz begehrt, Andrei Iwanowitsch; nur eins fehlt Ihnen noch.“
„Das wäre?“ fragte jener, indem er eine krause Rauchwolke in die Luft blies.
„Eine Lebensgefährtin,“ versetzte Tschitschikow. Andrei Iwanowitsch entgegnete nichts, und damit war das Gespräch für dies Mal zu Ende.
Tschitschikow ließ sich jedoch nicht einschüchtern, suchte sich einen andern Zeitpunkt aus — diesmal war es vor dem Abendbrot — und sagte plötzlich mitten in der Unterhaltung: „Wirklich, Andrei Iwanowitsch, Sie sollten heiraten!“
Aber Tentennikow entgegnete auch nicht ein Wort, gerad als ob ihm dieses Thema unangenehm sei.
Allein Tschitschikow ließ sich nicht abschrecken. Das dritte Mal wählte er wieder eine andre Zeit und zwar nach dem Abendbrod, und sprach folgendermaßen: „Nein wirklich, von welcher Seite ich mir Ihre Lebensverhältnisse auch ansehe, ich komme immer wieder zur Überzeugung, daß Sie heiraten müssen. Sie verfallen noch in Hypochondrie.“
Sei es daß Tschitschikows Worte diesmal besonders überzeugend waren, oder daß Andrei Iwanowitsch heute besonders zur Aufrichtigkeit und Offenherzigkeit geneigt war, er stieß einen Seufzer aus und sagte, indem er wieder eine Rauchwolke aufsteigen ließ: „Bei allen Dingen muß man Glück haben, man muß als Sonntagskind geboren werden, Pawel Iwanowitsch.“ Und er erzählte ihm alles, genau so wie es sich ereignet hatte: die ganze Geschichte seiner Bekanntschaft mit dem General und ihre Entzweiung.
Als Tschitschikow die bekannte Affäre Wort für Wort kennen gelernt hatte, und hörte, daß wegen des einen kleinen Wörtchens „du“ eine so große Geschichte entstanden war, blieb er ganz verdutzt sitzen. Mehrere Minuten lang sah er Tentennikow prüfend in die Augen, ohne entscheiden zu können, ob er ein kompletter Narr oder bloß ein bißchen dumm sei.
„Andrei Iwanowitsch! ich bitte Sie!“ sprach er endlich, indem er jenen bei beiden Händen nahm: „Was ist denn das für eine Beleidigung? Was finden Sie denn in dem Wörtchen „du“ Beleidigendes?“
„Das Wort selbst enthält natürlich keine Beleidigung,“ entgegnete Tentennikow: „die Beleidigung lag in dem Sinn, in dem Ausdruck, mit dem dieses Wort gesprochen wurde. ‚Du!‘ — das soll heißen: ‚wisse, daß du ein minderwertiges Subjekt bist; ich verkehre nur darum mit dir, weil ich keinen besseren habe als dich; jetzt dagegen, wo die Fürstin Jusjakin gekommen ist, bitte ich dich, dich daran zu erinnern, wo dein eigentlicher Platz ist und dich an die Türe zu stellen.‘ Das hat es zu bedeuten!“ Bei diesen Worten funkelten die Augen unseres sanften und milden Andrei Iwanowitsch; in seiner Stimme zitterte die Erregung eines aufs tiefste beleidigten Gefühls nach.
„Nun und wenn es sogar etwas Ähnliches zu bedeuten hätte? — Was ist denn dabei?“ sagte Tschitschikow.
„Wie? Sie verlangen von mir, daß ich ihn nach diesem Benehmen noch weiter besuche?“
„Ja, was ist denn das für ein Benehmen? Das kann man doch nicht einmal ein Benehmen nennen,“ sagte Tschitschikow kaltblütig.
„Wieso kein ‚Benehmen‘,“ fragte Tentennikow erstaunt.
„Das ist überhaupt kein Benehmen, Andrei Iwanowitsch. Das ist bloß so eine Gewohnheit dieser Herren Generäle: sie duzen alle Leute. Und schließlich, warum sollte man das einem so verdienten und geachteten Mann nicht einmal gestatten?“
„Das ist ganz was andres,“ versetzte Tentennikow, „wäre er nur ein alter Herr oder ein armer Kerl, und nicht so eitel, stolz und empfindlich, wäre er kein General, dann würde ich es ihm sehr gern erlauben, mich du zu nennen, und es sogar mit Respekt aufnehmen.“
„Tatsächlich, er ist ein Narr!“ dachte Tschitschikow. „Einem zerlumpten Kerl würde er es gestatten, einem General dagegen nicht!“ Und nach dieser Erwägung fuhr er laut fort: „Gut, meinetwegen, zugegeben, daß er Sie beleidigt hat, aber Sie haben sich doch revanchiert: er hat Sie beleidigt, und Sie haben ihm die Beleidigung zurückgegeben. Aber wie kann man sich wegen einer solchen Bagatelle entzweien und eine Sache so im Stiche lassen, die einem persönlich am Herzen liegt? Nein, da muß ich schon um Entschuldigung bitten, das ist doch ... Wenn Sie sich einmal ein Ziel gesteckt haben, dann müssen Sie auch drauf los gehen, komme was da will. Wer achtet denn darauf, daß die Menschen einen anspeien. Alle Menschen bespeien einander. Heute finden Sie keinen Menschen auf der ganzen Welt, der nicht um sich schlägt und einen nicht anspuckt.“
Tentennikow war über diese Worte aufs höchste betroffen, er saß ganz verblüfft da und dachte nur: „Ein zu seltsamer Mensch, dieser Tschitschikow!“
„Ist das ein wunderlicher Kauz! dieser Tentennikow!“ dachte Tschitschikow, und er fuhr laut fort: „Andrei Iwanowitsch, lassen Sie mich zu Ihnen sprechen, wie zu einem Bruder. Sie sind noch so unerfahren. Erlauben Sie mir, daß ich die Sache ins Reine bringe. Ich will zu Seiner Exzellenz hinfahren und ihm erklären, daß die Sache Ihrerseits auf einem Mißverständnis beruht, und auf Ihre Jugend und Ihre geringe Welt- und Menschenkenntnis zurückzuführen ist.“
„Ich habe nicht die Absicht, vor ihm zu kriechen!“ sagte Tentennikow gekränkt „und kann auch Sie nicht dazu zu ermächtigen!“
„Zum Kriechen bin ich nicht fähig,“ versetzte Tschitschikow gleichfalls gekränkt. „Ich bin nur ein Mensch. Ich kann mich irren und fehlen, aber kriechen — niemals! Entschuldigen Sie Andrei Iwanowitsch; ich meine es zu gut mit Ihnen, als daß sie ein Recht hätten, meinen Worten einen so beleidigenden Sinn unterzulegen.“
„Verzeihen Sie, Pawel Iwanowitsch, ich bin schuld!“ sagte Tentennikow gerührt und ergriff Tschitschikow dankbar bei beiden Händen. „Ich wollte Sie wirklich nicht beleidigen. Ihre gütige Teilnahme ist mir sehr wertvoll. Das schwöre ich Ihnen. Aber geben wir dies Gespräch auf, wir wollen nie wieder über diese Sache reden!“
„Dann fahre ich eben, ohne einen besonderen Anlaß, zum General“, sprach Tschitschikow.
„Wozu?“ fragte Tentennikow, indem er Tschitschikow verwundert ansah.
„Ich will ihm meine Aufwartung machen!“ versetzte Tschitschikow.
„Was für ein seltsamer Mensch ist doch dieser Tschitschikow!“ dachte Tentennikow.
„Was für ein seltsamer Mensch ist doch dieser Tentennikow!“ dachte Tschitschikow.
„Ich fahre morgen gegen zehn Uhr früh zu ihm, Andrei Iwanowitsch. Ich glaube je eher man einem solchen Herrn seinen Achtungsbesuch macht, um so besser. Leider ist bloß meine Kutsche noch nicht in der rechten Verfassung, ich möchte Sie daher nur um die Erlaubnis bitten, Ihren Wagen zu benutzen. Ich möchte schon morgen so gegen zehn Uhr zu ihm hinfahren!“
„Aber natürlich. Welch eine Bitte! Sie haben nur zu befehlen. Nehmen Sie jeden Wagen, welchen Sie wollen: es steht alles zu Ihrer Verfügung!“
Nach dieser Unterhaltung verabschiedeten sie sich und begaben sich ein jeder auf sein Zimmer, um schlafen zu gehen und nicht ohne beiderseits über die Eigenheiten des andern nachzudenken.
Und doch: war es nicht merkwürdig: als am andern Tage der Wagen vorfuhr und Tschitschikow mit der Gewandtheit eines Militärs, in einem neuen Frack, weißer Weste und weißer Halsbinde hineinsprang und davonfuhr, um dem General seine Aufwartung zu machen: — da geriet Tentennikow in eine solche Aufregung, wie er sie noch nie zuvor erlebt hatte. All seine eingerosteten und schlummernden Gedanken kamen in Unruhe und Bewegung. Eine nervöse Raserei bemächtigte sich plötzlich mit aller Gewalt dieses schläfrigen und in Bequemlichkeit und Müßiggang versunkenen Träumers.
Bald setzte er sich auf das Sofa, bald trat er ans Fenster, bald nahm er ein Buch zur Hand, bald wieder versuchte er es, über etwas nachzudenken. Verlorene Liebesmüh! Er konnte keinen Gedanken fassen. Oder er versuchte es, an gar nichts zu denken. Vergebliches Bemühen! Armselige Bruchstücke eines Gedankens, allerhand Gedankenendchen und -fragmente drängten sich in sein Hirn und bestürmten seinen Schädel. „Ein merkwürdiger Zustand!“ sagte er und setzte sich ans Fenster, um auf den Weg hinauszublicken, der den dunklen Eichenwald durchschnitt, und an dessen Ende eine Staubwolke sichtbar war, welche der davonrollende Wagen aufgewirbelt hatte. Doch verlassen wir Tentennikow und folgen wir Tschitschikow.
In einer knappen halben Stunde trugen die braven Rosse Tschitschikow über die etwa zehn Werst lange Strecke hinweg — erst ging es durch den Eichwald, dann durch das Kornfeld, das zwischen langen Streifen frisch gepflügten Ackerlandes lag und im ersten Grün des Frühlings prangte, dann wieder den Rand des Gebirgs entlang, wo sich in einem fort herrliche Fernblicke auftaten — und endlich durch eine breite Lindenallee, deren Laub sich eben zu entfalten begann, bis zu dem Gute des Generals. Die Lindenallee ging bald in eine Allee schlanker Pappeln über, die unten in geflochtene Körbe eingefaßt waren, und führte zuletzt auf ein gußeisernes Torgitter, hinter dem man den prächtigen, mit reichem krausem Schnitzwerk verzierten Giebel des Herrenhauses erblickte, der von acht Säulen mit Korinthischen Kapitälen getragen wurde. Überall roch es nach Ölfarbe, die allem einen neuen Anstrich gab, und keinem Ding Zeit ließ, alt zu werden. Der Hof war so glatt und sauber, daß man über Parkett zu wandeln glaubte. Als der Wagen vor dem Hause Halt machte, sprang Tschitschikow respektvoll heraus und betrat die Treppe. Er ließ sich gleich beim General anmelden, und wurde direkt in dessen Arbeitszimmer geführt. Die majestätische Gestalt des Generals machte einen tiefen Eindruck auf unseren Helden. Er hatte einen zugeknöpften Sammetschlafrock von himbeerroter Farbe an, sein Blick war offen, sein Gesicht männlich, er trug einen großen Schnurrbart und einen stattlichen graumelierten Backenbart und Haare, die im Nacken ganz kurz geschnitten waren; sein Hals war breit und dick oder „dreistöckig“, wie man bei uns zu sagen pflegt, d. h., er wies drei Längsfalten und eine Querfalte auf: mit einem Wort, es war einer von jenen prächtigen Generalstypen, an denen das Jahr 1812 so reich war. General Betrischtschew war, wie wir alle, mit einem ganzen Haufen von Vorzügen und Mängeln gesegnet. Diese wie jene waren jedoch, wie das bei uns Russen oft zu geschehen pflegt, recht bunt durcheinandergewürfelt: Großmut und Aufopferungsfähigkeit, in entscheidenden Momenten auch Tapferkeit, Verstand und bei alledem eine genügende Dosis Eitelkeit, Ehrgeiz, Eigensinn und kleinliche Empfindlichkeit, ohne die der Russe nun einmal nicht auskommen kann, wenn er nichts zu tun hat und nichts ihn zum Handeln bestimmt. Er hatte eine starke Abneigung gegen alle die, welche ihm den Rang abgelaufen hatten und äußerte sich in sarkastischer Weise über sie. Am meisten aber hatte einer seiner früheren Kollegen von ihm zu leiden, denn der General war fest davon überzeugt, daß er in bezug auf Verstand und Fähigkeiten hoch über jenem stand, und doch hatte ihn der andere überholt und war bereits Generalgouverneur zweier Provinzen. Unglücklicherweise befand sich auch noch eins von den Gütern des Generals in einer dieser Provinzen, sodaß dieser gewissermaßen von seinem Kollegen abhängig war. Der General rächte sich reichlich; er sprach bei jeder Gelegenheit von seinem Nebenbuhler, kritisierte eine jede seiner Verordnungen und erklärte jede seiner Maßnahmen und Handlungen für den Gipfelpunkt des Unverstandes und der Torheit. Alles an ihm hatte einen gewissen merkwürdigen Anstrich, vor allem auch seine Bildung. Er war nämlich ein großer Freund und Vorkämpfer der Aufklärung; auch wollte er immer mehr und alles besser wissen, als andre Leute und daher hatte er die Menschen nicht gern, die etwas wußten, was ihm unbekannt war. Mit einem Wort, er liebte es durch seinen Verstand zu glänzen. Einen großen Teil seiner Erziehung hatte er im Auslande genossen, trotzdem aber wollte er den russischen Aristokraten spielen. Bei einem Charakter, der soviel Härten und soviel starke hervorstechende Gegensätze aufwies, war es nur natürlich, daß er im Dienst beständig mit Unannehmlichkeiten zu kämpfen hatte, was ihn schließlich auch veranlaßte, seinen Abschied zu nehmen. Die Schuld, daß es so gekommen war, schob er auf eine gewisse feindliche Partei, denn er hatte nicht den Mut, sich selbst für etwas verantwortlich zu machen. Auch nach seinem Abschied behielt er seine vornehme und majestätische Haltung. Ob er nun einen Frack, einen Gehrock oder einen Schlafrock anhatte — er blieb sich immer gleich. Von seiner Stimme bis zur letzten Geste und Bewegung war alles an ihm gebieterisch und majestätisch, und flößte jedem unter ihm Stehenden wenn auch nicht Achtung, so doch wenigstens Furcht oder Scheu ein.
Tschitschikow fühlte beides: Ehrfurcht und Scheu. Er neigte den Kopf ehrerbietig zur Seite, streckte die Hände aus, wie wenn sie ein Tablett mit Teetassen ergreifen wollten, verbeugte sich mit bewundernswürdiger Gewandtheit fast bis zur Erde und sagte: „Ich habe es für meine Pflicht gehalten, Exzellenz meine Aufwartung zu machen. Die hohe Achtung vor den Tugenden der Männer, die das Vaterland auf den Schlachtfeldern verteidigten, veranlaßte mich, mich Eurer Exzellenz persönlich vorzustellen.“
Dem General schien diese Introduktion nicht zu mißfallen. Er machte eine sehr gnädige Kopfbewegung und sagte: „Ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen. Bitte nehmen Sie Platz! Wo haben Sie gedient?“
„Das Feld meiner Tätigkeit,“ sprach Tschitschikow, indem er sich im Lehnstuhl niederließ — aber nicht in der Mitte, sondern ein wenig seitwärts auf der Kante — und mit der Hand die Stuhllehne festhielt, „das Feld meiner Tätigkeit begann im Kameralhof, Exzellenz, um seinen weiteren Verlauf an verschiedenen Stellen zu nehmen; ich habe im Hofgericht, in einer Baukommission und im Zollamt gedient. Mein Leben läßt sich mit einem Schiff inmitten stürmischer Wogen vergleichen, Exzellenz. Ich kann wohl sagen, ich bin mit Geduld aufgesäugt und großgepäppelt, ich selbst bin sozusagen die personifizierte Geduld. Wieviel ich allein von meinen Feinden zu erdulden hatte, das vermag weder ein Wort noch der Pinsel eines Künstlers zu schildern. Erst jetzt an meinem Lebensabend suche ich mir einen Winkel, wo ich den Rest meiner Tage verbringen kann. Einstweilen habe ich mich bei einem der nächsten Nachbarn Eurer Exzellenz niedergelassen ...“
„Bei wem, wenn ich fragen darf?“
Der General runzelte die Stirn.
„Er bereut es schwer, Exzellenz, daß er Eurer Exzellenz nicht die schuldige Achtung erwiesen hat.“
„Achtung! Wovor?“
„Vor den Verdiensten Eurer Exzellenz,“ sagte Tschitschikow. „Er kann bloß das rechte Wort nicht finden ... Er sagt: ‚Wenn ich Seiner Exzellenz nur irgendwie ... denn ich weiß doch die Männer zu schätzen, die das Vaterland gerettet haben,‘ sagt er.“
„Ja, was will er denn? ... Ich bin ihm doch garnicht böse!“ versetzte der General, der schon weit milder gestimmt war. „Ich habe ihn herzlich lieb gewonnen und bin überzeugt, daß er mit der Zeit noch ein sehr nützlicher Mensch werden kann.“
„Sehr richtig bemerkt, Exzellenz,“ fiel Tschitschikow ein. „Ein sehr nützlicher Mensch; er ist so sprachgewandt und schreibt auch sehr schön.“
„Aber ich glaube er schreibt allerhand Dummheiten. Ich glaube er macht Verse oder so etwas.“
„Oh nein, Exzellenz, durchaus keine Dummheiten. Er schreibt an einem sehr ernsten und bedeutenden Werke. Er schreibt .... eine Geschichte, Exzellenz ....“
„Eine Geschichte? ... Was für eine Geschichte?“
„Eine Geschichte“ ... hier hielt Tschitschikow ein wenig inne, war es nun, weil ein General vor ihm saß, oder wollte er der Sache bloß eine größere Bedeutung beilegen, genug er fügte hinzu: „eine Geschichte der Generäle, Exzellenz!“
„Wie? der Generäle? Welcher Generäle?“
„Der Generäle im allgemeinen, Exzellenz, überhaupt aller Generäle ... das heißt, ich wollte eigentlich sagen, der vaterländischen Generäle.“
Tschitschikow fühlte, daß er sich gar zu weit verrannt hatte, und war daher sehr verlegen. Er hätte vor Ärger ausspucken mögen und sagte zu sich selbst: Herrgott, was rede ich da für einen Blödsinn.
„Entschuldigen Sie, ich verstehe noch nicht ganz ... wie ist denn das? Soll es die Geschichte einer bestimmten Epoche, oder sollen es einzelne Biographieen werden. Und dann: handelt es sich um sämtliche Generäle die existiert, oder nur um die, die am Feldzug des Jahres 1812 teilgenommen haben?“
„Seht richtig, Exzellenz, nur um die letzteren!“ Und er dachte sich: „Schlagt mich tot, ich verstehe kein Wort!“
„Ja, warum kommt er denn dann nicht zu mir! Ich könnte ihm äußerst interessantes Material geben!“
„Er hat nicht den Mut, Exzellenz!“
„Was für ein Unsinn! Wegen irgend eines dummen Wortes, das unter uns gefallen ist ... Ich bin doch gar nicht so ein Mensch. Ich will meinetwegen selbst zu ihm hinfahren.“
„Das würde er nie zugeben, er wird selbst kommen,“ sagte Tschitschikow, er hatte sich schon ganz wieder erholt und dachte sich dabei: „Hm! die Generäle kommen mir aber gerade zupaß; und dabei hat meine Zunge doch ganz frech darauflos geschwätzt!“
In dem Arbeitszimmer des Generals hörte man ein Geräusch. Die Nußholztür eines geschnitzten Schrankes öffnete sich von selbst. Auf der Rückseite der Tür erschien das lebende Bild eines Mädchens, welches die Türklinke in der Hand hielt. Wenn auf dem dunkelen Hintergrunde des Zimmers plötzlich ein hell von Lampen erleuchtetes Lichtbild erschienen wäre, es hätte durch sein plötzliches Erscheinen keinen so gewaltigen Eindruck hervorbringen können, wie diese liebliche Gestalt. Sie war offenbar hereingekommen, um etwas zu sagen, aber als sie einen unbekannten Menschen im Zimmer sah —. Mit ihr zugleich schien ein Sonnenstrahl in die Stube gedrungen zu sein, und das ganze finstere Gemach des Generals schien zu leuchten und zu lächeln. Tschitschikow konnte sich im ersten Moment keine Rechenschaft ablegen, was für ein Wesen eigentlich vor ihm stand. Es war schwer zu sagen, in welchem Lande sie geboren war, denn man hätte nicht so leicht ein so reines und vornehmes Profil finden können, es sei denn auf antiken Kameen. Schlank und leicht wie ein Pfeil schien ihre edle Gestalt alles zu überragen. Aber das war nur eine schöne Täuschung. Sie war keineswegs sehr groß. Dieser Schein rührte bloß von der wunderbaren Harmonie her, in der all ihre Glieder standen. Das Kleid, das sie anhatte, schmiegte sich ihrer Gestalt so wohltuend an, daß man hätte glauben können, die berühmtesten Schneiderinnen wären zusammengekommen, um zu beratschlagen, was ihr am besten stehen möchte. Aber auch das war nur eine Täuschung. Sie dachte nicht lange über ihre Toilette nach, alles ergab sich wie von selbst: an zwei, drei Stellen hatte die Nadel ein kaum zugeschnittenes Stück des einfarbigen Stoffes berührt und dieses hatte sich selbst in edlen Falten um ihren Leib gelegt; hätte man dieses Gewand samt ihrer Trägerin im Bilde festgehalten, so hätten alle modischen Damen und Fräuleins ausgesehen, wie bunte Kühe oder irgend eine Schöne vom Trödelmarkt. Und hätte man sie mit diesen Falten und in diesem sie umhüllenden Gewande in Marmor gehauen, so hätte man dieses Bildnis das Werk eines genialen Künstlers genannt. Nur einen Mangel hatte sie: sie war fast zu zart und schmächtig.
„Darf ich Ihnen mein Nesthäkchen vorstellen!“ sagte der General, indem er sich an Tschitschikow wandte. „Übrigens verzeihen Sie, ich kenne Ihren Vor- und Vaternamen noch nicht ...“
„Muß man denn den Vor- und Vaternamen eines Mannes kennen, der sich noch durch keinerlei Vorzüge und Tugenden ausgezeichnet hat,“ entgegnete Tschitschikow, während er seinen Kopf bescheiden auf die Seite neigte.
„Immerhin ... So etwas muß man doch wissen!“
„Pawel, Iwanowitsch, Exzellenz!“ sagte Tschitschikow, indem er sich beinahe mit der Gewandtheit eines Militärs verbeugte und mit der Elastizität eines Gummiballs zurücksprang.
„Ulinka!“ fuhr der General fort. „Pawel Iwanowitsch hat mir soeben eine äußerst interessante Neuigkeit mitgeteilt. Unser Nachbar Tentennikow ist gar kein so dummer Mensch, wie wir angenommen haben. Er arbeitet an einem großen Werk: an einer Geschichte der Generäle des Jahres 1812.“
„Ja, wer hat denn gesagt, daß er dumm ist,“ sagte sie schnell. „Das konnte doch höchstens dieser Wischnepokromow glauben, dem du so vertraust, Papa, und der bloß ein hohler und gemeiner Mensch ist.“
„Warum denn gemein? Er ist etwas oberflächlich, das ist wahr!“ sagte der General.
„Er ist auch etwas gemein und etwas schlecht und nicht nur oberflächlich. Wer seine Brüder so behandelt, und seine eigene Schwester aus dem Hause jagen konnte, das ist ein abscheulicher, häßlicher Mensch.“
„Aber das erzählt man doch bloß von ihm.“
„Solche Dinge erzählt man nicht umsonst. Ich kann dich nicht verstehen, Papa. Du hast ein selten gutes Herz und doch kannst du mit einem Menschen verkehren, der tief unter dir steht und von dem du weißt, daß er schlecht ist.“
„Sehen Sie,“ sagte der General lächelnd zu Tschitschikow. „So liegen wir uns stets in den Haaren!“ Dann wandte er sich wieder zu Ulinka und fuhr fort: „Liebes Herzchen! Ich kann ihn doch nicht davonjagen!“ sagte der General.
„Warum denn davonjagen? Aber man braucht ihn doch nicht mit soviel Achtung zu behandeln und ihn gleich in sein Herz zu schließen!“(7)
Hier hielt es Tschitschikow für seine Pflicht, gleichfalls ein Wörtchen zu sagen.
„Jedes Wesen verlangt nach Liebe,“ sprach Tschitschikow. „Was soll man machen? Auch das Tier liebt, daß man es streichelt, es steckt seine Schnauze aus dem Stall heraus, als ob es sagen wollte: komm, streichele mich.“
Der General fing an zu lachen. „Ganz recht: so ist es. Es steckt seine Schnauze hervor und bittet: da streichele mich! Ha, ha, ha! Nicht bloß die Schnauze, der ganze Mensch steckt tief im Dreck, und doch verlangt er, daß man ihm sozusagen Teilnahme erweise .... Ha, ha, ha!“ Der General schüttelte sich vor Lachen. Seine Schultern, welche einstmals dicke Achselklappen getragen hatten, bebten, als ob sie auch heute noch mit dicken Achselklappen geschmückt wären.
Auch Tschitschikow lachte kurz auf, stimmte jedoch sein Gelächter aus Achtung vor dem General mehr auf den Buchstaben e ab: he, he, he, he, he, he! Auch er schüttelte sich vor Lachen, nur bewegten sich seine Schultern nicht, denn sie trugen keine dicke Achselklappen.
„So ein Kerl beschwindelt und bestiehlt erst den Staat und verlangt dann noch, daß man ihn dafür belohnen soll! Wer wird sich denn mühen und abquälen, ohne Ansporn und Aussicht auf eine Belohnung!“ sagte er. „Ha, ha, ha, ha!“
Ein schmerzliches Gefühl verdüsterte das edle, liebliche Gesicht des Mädchens: „Papa! Ich verstehe nicht, wie du bloß lachen kannst! Mich stimmen solche Schlechtigkeiten und solche gemeine Handlungen bloß traurig. Wenn ich sehe, wie irgend ein Mensch ganz öffentlich und vor allen Leuten einen Betrug verübt, und ihn nicht die Strafe der allgemeinen Verachtung trifft, so weiß ich kaum noch, was in mir vorgeht, dann werde ich selbst böse und schlecht; ich denke und denke und ....“ Sie war nahe daran, in Tränen auszubrechen.
„Bitte, sei uns nur nicht böse,“ sagte der General. „Wir sind doch ganz unschuldig an der Sache. Nicht wahr?“ fuhr er fort, indem er sich an Tschitschikow wandte. „So, nun gib mir einen Kuß und geh auf dein Zimmer, ich muß mich gleich umkleiden, denn es ist bald Zeit zum Mittagessen.“
„Du ißt doch bei mir?“ sagte der General und warf Tschitschikow einen Blick zu.
„Wenn Eure Exzellenz bloß ...“
„Bitte ohne Umstände. Es wird wohl noch für dich reichen. Gott sei Dank! Wir haben heute Kohlsuppe.“
Tschitschikow streckte seine beiden Hände aus und ließ den Kopf ehrfurchtsvoll herabsinken, sodaß er alle Gegenstände im Zimmer einen Augenblick aus den Augen verlor und nur noch die Spitzen seiner Schuhe sehen konnte. Nachdem er eine Weile in dieser respektvollen Stellung verharrt war, und hierauf den Kopf wieder erhob, sah er Ulinka schon nicht mehr. Sie war verschwunden. An ihrer Stelle stand ein Riese von einem Kammerdiener mit einem buschigen Schnauzbart und wohlgepflegtem Backenbart, der, eine silberne Schüssel und ein Waschbecken in den Händen hielt.
„Du erlaubst wohl, daß ich mich in deiner Gegenwart umkleide!“
„Sie dürfen sich nicht bloß in meiner Gegenwart umkleiden, vielmehr steht es Ihnen frei, in meiner Gegenwart alles zu tun, was Ihnen beliebt, Exzellenz.“
Der General zog die eine Hand aus dem Schlafrock und streifte sich die Hemdärmel an den athletischen Armen in die Höhe. Hierauf begann er sich zu waschen, wobei er um sich spritzte und prustete wie eine Ente. Das Seifenwasser stob nur so durch das Zimmer.
„Ja, ja, sie wollen alle einen Ansporn und eine Belohnung haben,“ sagte er indem er sich seinen dicken Hals rings herum sorgfältig abtrocknete ... „Streichele ihn, streichele ihn nur. Ohne Belohnung hört er nun einmal nicht auf zu stehlen!“
Tschitschikow befand sich in selten guter Laune. Eine Art Begeisterung war plötzlich über ihn gekommen. „Der General ist ein lustiger und gutmütiger alter Herr! Man könnte es am Ende versuchen!“ dachte er und als er sah, daß der Kammerdiener mit dem Waschbecken hinausgegangen war, rief er aus: „Exzellenz! Sie sind so gütig und aufmerksam gegen jedermann! Ich habe eine große Bitte an Sie zu richten.“
„Was für eine Bitte?“ — Tschitschikow sah sich vorsichtig um.
„Ich habe einen Onkel, einen alten sehr gebrechlichen Herrn. Er hat dreihundert Seelen und zweitausend ... und ich bin sein einziger Erbe. Er kann sein Gut nicht mehr allein verwalten, weil er schon zu alt und zu schwach dazu ist, mir aber will er es auch nicht überlassen. Er gibt einen höchst seltsamen Grund dafür an: ‚Ich kenne meinen Neffen nicht,‘ sagt er, ‚vielleicht ist er ein Verschwender und Tunichtgut. Er soll mir erst beweisen, daß er ein zuverlässiger Mensch ist, und sich selbst erst einmal dreihundert Seelen erwerben, dann will ich ihm meine dreihundert dazugeben.‘“
„Erlauben Sie mal! Ist der Mann denn ganz närrisch?“ fragte der General.
„Das wäre noch nicht das Schlimmste, wenn er bloß ein Narr wäre. Das wäre sein eigener Schade. Aber versetzen Sie sich auch in meine Lage, Exzellenz ... Denken Sie, er hat eine Schließerin die bei ihm wohnt, und diese Schließerin hat Kinder. Da muß man sich doch in acht nehmen, daß er ihr nicht noch sein ganzes Vermögen vermacht.“
„Der alte Narr hat seinen Verstand verloren, das ist das Ganze,“ sagte der General. „Ich sehe nur keine Möglichkeit, wie ich Ihnen hier helfen könnte!“ fuhr er fort, indem er Tschitschikow erstaunt ansah.
„Ich habe eine Idee, Exzellenz. Wenn Sie mir alle toten Seelen, die Sie besitzen, überlassen wollten, Exzellenz, ich meine auf Grund eines Kaufvertrages, ganz so als ob sie noch am Leben wären, dann könnte ich dem Alten diesen Vertrag zeigen, und er müßte mir die Erbschaft aushändigen.“
Jetzt aber lachte der General so laut auf, wie wohl noch nie ein Mensch gelacht hat: So lang er war, sank er in den Lehnstuhl, warf den Kopf über die Rücklehne und wäre beinahe erstickt. Das ganze Haus kam in Bewegung. Der Kammerdiener erschien in der Türe, und die Tochter kam ganz erschrocken herbeigelaufen.
„Papa, was ist geschehen?“ rief sie entsetzt und sah ihn bestürzt an. Aber der General vermochte lange Zeit hindurch keinen Laut von sich zu geben. „Sei ruhig, es ist nichts, liebes Kind. Ha, ha, ha. Geh nur auf dein Zimmer. Wir kommen gleich zum Mittagessen. Beunruhige dich nicht. Ha, ha, ha.“
Und nachdem der General ein paarmal nach Luft geschnappt hatte, fing er mit erneuter Kraft an zu lachen; laut hallte es durch das ganze Haus, vom Vorzimmer bis zur letzten Stube.
Tschitschikow wurde ein wenig unruhig.
„Der arme Onkel! Wie der zum Narren gehalten werden soll! Ha, ha, ha. Wie der dasitzen wird, wenn er statt der lebenden Bauern lauter tote kriegt. Ha, ha!“
„Es geht schon wieder los!“ dachte Tschitschikow. „Ist der kitzlich! Er wird noch platzen!“
„Ha, ha, ha!“ fuhr der General fort. „So ein Esel! Wie einem nur so etwas einfallen kann: Geh, erwirb dir mal erst selbst dreihundert Seelen, dann sollst du noch weitere dreihundert dazu haben! Er ist wahrhaftig ein Esel!“
„Ganz recht, Exzellenz, er ist wirklich ein Esel!“
„Na, aber dein Scherz ist auch nicht ohne! Den Alten mit toten Bauern abzuspeisen! Ha, ha, ha! Bei Gott, ich würde viel drum geben, könnte ich nur dabei sein, wenn du ihm den Kaufvertrag überreichst! Was ist er eigentlich für ein Mensch? Wie sieht er aus? Ist er sehr alt?“
„Gegen achtzig Jahre!“
„Und ist er noch rüstig? Kann er noch gut gehen? Er muß doch noch recht kräftig sein, wenn er mit der Schließerin zusammenlebt?“
„Keine Spur! Exzellenz. Er ist so hilflos wie ein Kind!“
„So ein Narr! Nicht wahr? Er ist doch ein Narr!“
„Sehr richtig, Exzellenz! Ein vollkommener Narr!“
„Und fährt er noch spazieren? Macht er Besuche? Ist er noch gut auf den Beinen?“
„Ja, aber es wird ihm doch schon recht schwer.“
„So ein Narr! Aber er ist doch noch ganz rüstig? Wie? Hat er noch Zähne?“
„Nur noch zwei, Eure Exzellenz!“
„So ein Esel! Sei mir nicht böse, Verehrtester. — Er ist zwar dein Onkel, aber ist doch ein Esel.“
„Freilich ist er ein Esel, Exzellenz. Trotzdem er mein Verwandter ist und es mir schwer wird, es einzugestehen, daß Sie recht haben, aber was soll ich machen?“
Der gute Tschitschikow schwindelte. Es wurde ihm durchaus nicht schwer, dies einzugestehen, um so weniger, als er schwerlich je solch einen Onkel besessen hatte.
„Eure Exzellenz wollen also die Freundlichkeit haben ...“
„Dir die toten Seelen abzukaufen? Für diesen großartigen Gedanken sollst du sie mitsamt dem Grund und Boden und ihrer jetzigen Wohnung haben. Du darfst dir meinetwegen den ganzen Friedhof mitnehmen. Ha, ha, ha, ha. Nein dieser Alte! Wird dem ein Streich gespielt! Ha, ha, ha, ha.“
Und das Gelächter des Generals hallte aufs neue durch alle Zimmer.[1]
Wenn der Oberst Koschkarjow wirklich verrückt ist, so wäre das garnicht übel, sagte Tschitschikow, als er sich wieder unter offenem Himmel auf freiem Felde befand. Alle menschlichen Behausungen lagen weit hinter ihm; und er sah jetzt nichts mehr als das freie Himmelsgewölbe und zwei kleine Wolken in der Ferne.
„Hast du dich auch ordentlich nach dem Wege zum Obersten Koschkarjow erkundigt, Seliphan?“
„Sie wissen doch, Pawel Iwanowitsch, ich hatte soviel mit dem Wagen zu tun, und da fand ich keine Zeit dazu. Aber Petruschka hat den Kutscher nach dem Wege gefragt.“
„So ein Esel! Ich habe dir doch gesagt, daß du dich nicht auf Petruschka verlassen sollst; Petruschka ist sicher wieder besoffen.“
„Das ist doch keine große Weisheit,“ sagte Petruschka, indem er sich ein wenig auf seinem Sitze umdrehte und nach Tschitschikow hinschielte. „Wir müssen bloß den Berg hinabfahren, und dann geht’s längs der Wiese weiter, das ist das Ganze!“
„Und du hast wohl nichts außer Fusel in den Mund genommen! Das ist das Ganze! Du bist mir der Rechte! Von dir kann man wohl auch sagen: der Kerl setzt Europa durch seine Schönheit in Erstaunen.“ Nach diesen Worten strich sich Tschitschikow über sein Kinn und dachte: „Es ist doch ein großer Unterschied zwischen einem gebildeten Mann der besseren Stände und so einer groben Lakaienphysiognomie.“
Unterdessen rollte der Wagen schon den Berg hinab. Und wiederum sah man nichts als Wiesen und weite mit Espen-Waldungen bepflanzte Flächen.
Leicht federnd glitt das bequeme Gefährt vorsichtig die kaum merkliche Neigung des Berghanges hinab; dann ging es weiter an Wiesen, Feldern und Windmühlen vorbei; donnernd rollte der Wagen über die Brücken und tanzte mit Schwanken über das weiche, holprige Erdreich. Doch auch nicht ein Hügel, noch eine einzige Unebenheit der Straße beunruhigten die weichen Partieen unseres Reisenden auch nur im geringsten. Das war die reinste Wonne und keine Equipage.
Weidenbüsche, dünne Erlen und Silberpappeln flogen rasch an ihnen vorbei und streiften die beiden auf dem Bocke sitzenden Leibeigenen Seliphan und Petruschka beständig mit ihren Zweigen. Dem letzteren rissen sie sogar mehrmals die Mütze vom Kopf. Der gestrenge Lakai sprang in einem fort vom Bock herab, schalt auf die dummen Bäume und auf den, der sie gepflanzt hatte, aber er konnte sich trotzdem nicht entschließen, seine Mütze anzubinden, oder sie mit der Hand festzuhalten, denn er hoffte, dies sei das letzte Mal gewesen und es werde ihm nun nicht wieder passieren. Bald gesellten sich noch Birken und hie und da eine Tanne zu den Bäumen. Die Wurzeln waren dicht mit Gras bedeckt, auf dem blaue Schwertlilien und gelbe Waldtulpen wuchsen. Der Wald wurde immer dunkeler und drohte die Reisenden in undurchdringliche Nacht einzuhüllen. Da blitzte plötzlich von allen Seiten zwischen Ästen und Baumstämmen ein heller Lichtschimmer, gleich einem leuchtenden Spiegelreflexe auf. Die Bäume traten auseinander, die glänzende Fläche wurde immer größer ... vor ihnen lag ein See — ein mächtiger Wasserspiegel von etwa vier Werst in die Breite. Auf dem gegenüberliegenden Ufer tauchten mehrere kleine Blockhütten auf. Dies war das Dorf. Aus den Fluten drangen laute Schreie und Rufe hervor. Etwa zwanzig Mann bis an den Gürtel, bis zu den Schultern oder bis zum Halse im Wasser stehend, waren damit beschäftigt, ein Netz ans Ufer zu ziehen. Dabei war ihnen ein Unfall passiert. Zugleich mit den Fischen war ihnen ein wohlbeleibter Mann ins Netz geraten, der ungefähr ebenso breit als lang war, und aussah wie eine Wassermelone oder wie ein Faß. Seine Lage war eine verzweifelte und er schrie aus voller Kehle: „Dionys, du Klotz! gib es doch dem Kosma! Kosma nimm doch dem Dionys das Tauende aus der Hand. Stoß doch nicht so, du großer Thomas, komm stell dich hierher, wo der kleine Thomas steht. Teufel! Ich sag’s euch, ihr werdet noch das Netz zerreißen.“ Offenbar fürchtete sich die Wassermelone nicht für ihre Person: ertrinken konnte sie nicht, dazu war sie zu dick, sie mochte die tollsten Purzelbäume schlagen, um unterzutauchen, das Wasser trug sie immer wieder empor; ja es hätten sich ihr ruhig noch zwei Personen auf den Rücken setzen können, sie hätte sie dennoch über Wasser gehalten wie eine eigensinnige Schweinsblase und höchstens ein wenig gestöhnt und mit der Nase Blasen ausgepustet. Aber der Mann hatte große Angst, das Netz könne reißen und die Fische könnten entschlüpfen, und daher mußten ihn mehrere Menschen zugleich mit dem Netz an Stricken ans Ufer ziehen.
„Das ist wohl der Gutsherr, der Oberst Koschkarjow,“ sagte Seliphan.
„Warum?“
„Sehen Sie doch bloß, was er für einen Körper hat. Der ist viel weißer als bei den andern, und auch sein Umfang ist beträchtlich, wie sich’s für einen vornehmen Herrn schickt.“
Unterdessen hatte man den im Netz gefangenen Gutsherrn schon bedeutend näher ans Ufer herangezogen. Als er wieder Boden unter seinen Füßen fühlte, richtete er sich auf, und bemerkte in demselben Augenblick die den Fahrdamm herabrollende Equipage nebst ihrem Insassen Tschitschikow.
„Haben Sie schon zu Mittag gegessen?“ rief der Herr ihm entgegen, indem er mit den gefangenen Fischen in der Hand ans Ufer trat. Er steckte noch ganz im Netze drin, etwa wie zur Sommerzeit ein Damenhändchen in einem durchbrochenen Handschuh, hielt die eine Hand wie einen Schirm über die Augen, um sich gegen die Sonne zu schützen und die andre etwas tiefer unten, ungefähr in der Stellung der Mediceischen Venus, die eben dem Bade entsteigt.
„Nein,“ versetzte Tschitschikow, nahm die Mütze ab und grüßte verbindlichst aus der Kutsche.
„Nun dann danken Sie ihrem Schöpfer!“
„Wieso?“ fragte Tschitschikow neugierig, die Mütze über dem Kopfe haltend.
„Sie werden gleich sehen! He, kleiner Thomas! Laß das Netz los, und nimm den Stör aus dem Behälter heraus. Kosma, du Klotz, geh, hilf ihm!“
Die zwei Fischer zogen den Kopf eines Ungeheuers aus dem Behälter hervor — „Seht mal, was für ein Fürst! Der hat sich aus dem Flusse hierher verirrt!“ rief der kugelrunde Herr. „Fahren Sie nur in den Hof hinein! Kutscher nimm den unterm Weg durch den Gemüsegarten! Lauf doch großer Thomas, du Holzklotz, mach das Gartentor auf! Er wird Sie begleiten, ich komme gleich nach ...“
Der langbeinige und barfüßige große Thomas lief, ganz so wie er war, im bloßen Hemde vor dem Wagen her durch das ganze Dorf. Vor jeder Hütte hingen allerhand Fischereigerätschaften, Netze, Reusen usw.; alle Bauern waren Fischer; dann öffnete Thomas das Gitter des Gartens, und der Wagen fuhr zwischen Gemüsebeeten hindurch nach einem offenen Platz in der Nähe der Dorfkirche. Etwas weiter hinter der Kirche sah man die Dächer der Gutsgebäude.
„Dieser Koschkarjow ist etwas spleenig!“ dachte Tschitschikow.
„So, da bin ich!“ erscholl eine Stimme von der Seite! Tschitschikow sah sich um. Der Gutsherr fuhr in einem grasgrünen Nankingrock, gelben Beinkleidern und ohne Halsbinde wie ein Kupido neben ihm her. Er saß seitwärts in der Droschke und nahm den ganzen Sitz ein. Tschitschikow wollte ihm etwas sagen, aber der Dicke war bereits wieder verschwunden. Gleich darauf erschien sein Wagen wieder an der Stelle, wo das Netz mit den Fischen herausgezogen worden war, und wieder hörte man die Stimmen rufen: ‚Großer Thomas, kleiner Thomas! Kosma und Denys!‘ Als aber Tschitschikow bei dem Portale des Herrenhauses vorfuhr, sah er den dicken Gutsbesitzer zu seinem größten Erstaunen schon auf der Treppe stehen, wo er den Ankömmling in Empfang nahm und freundschaftlichst in seine Arme schloß. Wie er so schnell hierhergeflogen war — dies blieb ein Rätsel. Man küßte sich dreimal kreuzweise nach alter russischer Sitte: der Gutsherr war ein Mann alten Schlages.
„Ich habe Ihnen Grüße von Seiner Exzellenz zu überbringen,“ sagte Tschitschikow.
„Von welcher Exzellenz?“
„Von Ihrem Verwandten, dem General Alexander Dimitriewitsch.“
„Wer ist dieser Alexander Dimitriewitsch?“
„General Betrischtschew,“ versetzte Tschitschikow ein wenig betroffen.
„Ich kenne ihn nicht,“ entgegnete jener erstaunt.
Tschitschikows Verwunderung wurde mit jedem Augenblick größer.
„Ja, wie denn nur ...? Ich habe doch hoffentlich das Vergnügen, mit dem Herrn Oberst Koschkarjow zu sprechen?“
„Nein hoffen Sie lieber nicht! Sie befinden sich nicht bei ihm, sondern bei mir. Peter Petrowitsch Petuch! Petuch![2] Peter Petrowitsch!“ versetzte der Hausherr.
Tschitschikow war starr vor Staunen. „Nicht möglich?“ sagte er, indem er sich an Seliphan und Petruschka wandte, die gleichfalls mit offenem Munde dastanden, und die Augen weit aufsperrten. Der eine saß auf dem Bock, der andere stand an der Wagentüre. „Was habt ihr bloß gemacht, ihr Esel? Ich hab euch doch gesagt, ihr sollt zum Obersten Koschkarjow fahren ... Das ist doch Peter Petrowitsch Petuch ...“
„Das habt ihr fein gemacht, Jungens! Geht in die Küche, laßt euch ein Glas Schnaps geben ...“ rief Peter Petrowitsch Petuch. „Spannt die Pferde aus und geht gleich ins Speisezimmer!“
„Ich schäme mich wirklich! So ein Irrtum! So plötzlich! ...“ stammelte Tschitschikow.
„Durchaus kein Irrtum. Warten Sie mal erst ab, wie Ihnen das Mittagessen schmecken wird und dann sagen Sie, ob es ein Irrtum war. Ich bitte schön,“ sagte Petuch, indem er Tschitschikow am Arme nahm und ihn ins Innere des Hauses führte. Hier kamen ihnen zwei Jünglinge in Sommeranzügen entgegen; beide so dünn wie ein Paar Weidenruten und wohl eine Arschin[3] länger als ihr Vater.
„Meine Söhne! Sie besuchen das Gymnasium und sind nur während der Ferien hier ... Nikolascha bleib hier und unterhalte den Gast; und du, Alexascha, komm mit mir.“ Mit diesen Worten verschwand der Hausherr.
Tschitschikow blieb mit Nikolascha zurück und versuchte eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen. Nikolascha schien sich zu einem lieblichen Früchtchen entwickeln zu wollen. Er erzählte Tschitschikow sofort, es habe gar keinen Zweck, ein Provinzgymnasium zu besuchen, er und sein Bruder haben die Absicht, nach Petersburg zu fahren, weil es sich ja doch nicht lohne, in der Provinz zu leben ...
„Ich verstehe schon,“ dachte Tschitschikow, „euch locken die Boulevards und Cafés ...“ Dann aber fragte er ihn laut: „Sagen Sie, wie steht es mit dem Gute Ihres Vaters?“
„Ich habe Hypotheken darauf!“ fiel hier der Vater selbst ein, der plötzlich wieder im Salon auftauchte: „Mehrere Hypotheken.“
„Schlimm, sehr schlimm!“ dachte Tschitschikow: „Bald wird es kein Gut mehr geben, auf dem keine Hypotheken lasten. Man muß sich beeilen ...“ „Sie hätten sich doch etwas Zeit lassen sollen mit den Hypotheken,“ sagte er mit teilnehmender Miene.
„O nein. Das macht nichts!“ versetzte Petuch. „Man sagt, es sei sogar vorteilhaft. Heutzutage nimmt alles Hypotheken auf, man will doch nicht hinter den andern zurückbleiben? Und dann, ich habe mein ganzes Leben lang hier gelebt; nun will ich es einmal mit Moskau versuchen. Meine Söhne reden mir auch immer zu, sie wollen durchaus eine großstädtische Bildung haben.“
„So ein Narr!“ dachte Tschitschikow: „er wird alles durchbringen und auch seine Söhne zu Verschwendern erziehen. Und dabei hat er ein so schönes Gut. Wo man hinschaut, spricht alles von Wohlstand. Die Bauern haben es gut, und auch der Herr leidet keinen Mangel. Wenn sie aber erst ihre Bildung aus den Restaurants und Theatern beziehen, dann wird alles zum Teufel gehen. Er sollte lieber ruhig auf dem Lande bleiben, der Windbeutel.“
„Ich weiß, was Sie jetzt denken!“ sagte Petuch.
„Wie?“ sagte Tschitschikow etwas verlegen.
„Sie denken: ‚Dieser Petuch ist doch ein Narr: erst lädt er einen zum Mittagessen ein, und läßt einen warten. Das Essen ist immer noch nicht aufgetragen.‘ Es kommt, es kommt schon, Verehrtester. Passen Sie auf, ein geschorenes Mädel kann sich nicht schneller den Zopf flechten, als das Essen auf dem Tisch stehen wird.“
„Himmel! Da kommt Platon Michailowitsch angeritten!“ sagte Alexascha, der am Fenster stand und hinausblickte.
„Er reitet auf seinem Fuchs!“ fiel Nikolascha ein, indem er sich aus dem Fenster beugte.
„Wo? Wo?“ schrie Petuch und lief gleichfalls ans Fenster.
„Wer ist das, Platon Michailowitsch?“ fragte Tschitschikow Alexascha.
„Unser Nachbar, Platon Michailowitsch Platonow, ein vortrefflicher Mensch, ein ganz ausgezeichneter Mensch,“ antwortete der Hausherr selbst.
In diesem Augenblick trat Platonow ins Zimmer. Er war ein schöner schlanker Mann mit hellblondem lockigem Haar. Ein Ungetüm von einem Hunde namens Jarb folgte ihm, laut mit dem Halsband klirrend, auf dem Fuße.
„Haben Sie schon gegessen?“
„Ja danke!“
„Sie kommen wohl, um sich über mich lustig zu machen. Was soll ich mit Ihnen anfangen, wenn Sie schon gespeist haben?“
Der Gast lächelte und sagte: „Ich kann Sie beruhigen, ich habe so gut wie garnichts gegessen: ich hatte keinen Appetit.“
„Wenn Sie nur gesehen hätten, was wir heute für einen Fang gemacht haben! Was für ein Stör uns ins Netz gegangen ist! Und was für Karauschen und Karpfen dazu!“
„Man ärgert sich beinahe, wenn man Sie sprechen hört. Warum sind Sie immer so guter Laune?“
„Warum sollte ich denn Trübsal blasen? Ich bitte Sie!“ sagte der Hausherr.
„Wie? Warum? — Weil es traurig und langweilig auf der Welt ist.“
„Sie essen nicht genug, das ist alles. Suchen Sie sich einmal ordentlich satt zu essen. Das ist auch so eine moderne Erfindung dieser Trübsinn und diese Melancholie. Früher war man nie melancholisch.“
„Niemals! Ich weiß auch gar nicht, wo ich die Zeit dazu hernehmen soll. Am Morgen — da schläft man, kaum hat man die Augen aufgemacht, so steht schon der Koch vor einem, und man muß das Menu für das Mittagessen zusammenstellen, dann trinkt man Tee, fertigt den Verwalter ab, geht fischen und eh man sich’s versieht, ist es schon Zeit zum Mittagessen. Nach dem Mittagessen kommt man kaum dazu ein Schläfchen zu tun, denn schon wieder ist der Koch da, und man muß das Abendbrot bestellen, nach dem Abendbrot kommt wieder der Koch, und man muß wieder ans Mittagessen für morgen denken. Wo hat man da Zeit zum Trübsinn?“
Während beide sich unterhielten, betrachtete Tschitschikow den neuen Ankömmling, der ihn durch seine außergewöhnliche Schönheit, seine schlanke, wohlgebaute Gestalt, die Frische einer noch unverbrauchten Jugendkraft und die jungfräuliche Reinheit seines von keinem Pickel verunzierten Teints in Erstaunen setzte. Weder Leidenschaft noch Schmerz, noch selbst etwas, was auch nur eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Gemütsbewegung oder Unruhe hatte, hatten je sein jugendlich reines Antlitz berührt oder eine Falte in die ruhige Fläche eingegraben, aber freilich hätten sie sie auch nicht beleben können. Sein Gesicht behielt stets etwas Schläfriges, trotz des ironischen Lächelns, das es bisweilen erheiterte.
„Auch ich kann, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, nicht recht verstehen, wie man mit einem solchen Gesicht, wie das Ihrige traurig sein kann!“ sagte Tschitschikow. „Wenn man natürlich an Geldmangel leidet, oder Feinde hat, ... es gibt ja immer Menschen, die einem nachstellen und sogar nach dem Leben trachten ...“
„Glauben Sie mir,“ unterbrach ihn der schöne Gast, „glauben Sie mir, daß ich mich der Abwechselung halber mitunter sogar nach irgend einer kleinen Aufregung sehne? Wenn mich doch jemand ein bißchen ärgern wollte, oder etwas derartiges — aber nicht einmal das passiert einem. Das Leben ist bloß langweilig — das ist alles.“
„Dann haben Sie wohl nicht genug Land oder vielleicht zu wenig Bauern.“
„Durchaus nicht. Mein Bruder und ich haben zusammen etwa zehntausend Acker und über tausend Seelen.“
„Merkwürdig. Dann kann ich es nicht verstehen. Aber vielleicht hatten Sie unter Mißernten und Epidemieen zu leiden? Haben Sie vielleicht viele Bauern verloren?“
„Im Gegenteil, alles befindet sich in der schönsten Verfassung, mein Bruder ist ein vorzüglicher Landwirt.“
„Und bei alledem sind Sie traurig und verstimmt! Das verstehe ich nicht,“ sprach Tschitschikow achselzuckend.
„Passen Sie auf, den Trübsinn wollen wir gleich verjagen,“ sagte der Hauswirt, „Alexascha, lauf mal rasch nach der Küche und sag dem Koch, er soll uns die Fischpastetchen hereinbringen. Wo ist nur der Faulpelz Emeljan! Der hält wohl wieder Maulaffen feil. Und dieser Dieb, der Antoschka? Warum tragen sie die kalte Platte nicht auf?“
Jetzt aber öffnete sich die Türe. Der Faulpelz Emeljan und der Dieb Antoschka erschienen mit einer Serviette unter dem Arm, deckten den Tisch, und stellten einen Untersatz mit sechs Karaffen voll Likören von verschiedener Farbe darauf. Um diese gruppierte sich bald eine ganze Kette von Tellern, mit allerhand appetitreizenden Speisen. Die Diener bewegten sich flink hin und her und trugen immer neue zugedeckte Schüsseln herein, in denen man die Butter lustig schmoren hörte. Der Faulpelz Emeljan und der Dieb Antoschka machten ihre Sache ganz vortrefflich. Sie hatten ihre Spitznamen gewissermaßen bloß zum Ansporn und zur Ermunterung erhalten. Der Hausherr war durchaus kein Freund vom Schimpfen, dazu war er viel zu gutmütig; aber ein Russe kann halt ohne ein gepfeffertes Wort nicht auskommen. Er braucht es ebenso wie sein Gläschen Schnaps zur Beförderung der Verdauung. Was ist zu machen! Das ist nun einmal seine Natur, daß er die reizlose Kost nicht leiden mag!
Auf die kalte Platte folgte das eigentliche Mittagessen. Hier verwandelte sich unser gutmütiger Hausherr in einen wahren Tyrannen. Kaum bemerkte er, daß einer der Gäste nur noch ein Stück auf dem Teller hatte, so legte er ihm sofort ein zweites auf, indem er hinzufügte: „In der Welt paart sich alles, Mensch, Tier und Vogel!“ Hatte einer zwei Stück auf seinem Teller, so legte er ihm noch ein drittes auf, indem er bemerkte: „Das ist doch keine Zahl: zwei! Aller guten Dinge sind drei.“ Hatte der Gast drei Stücke gegessen, so rief er schon: „Haben Sie etwa schon einen dreirädrigen Wagen oder eine dreieckige Hütte gesehen?“ Auch auf die Zahl vier, auf die fünf usw. hatte er ein Sprichwort bereit. Tschitschikow hatte sicherlich schon seine zwölf Stücke verschlungen und dachte: „Na, jetzt wird dem Hausherrn doch wohl nichts mehr einfallen!“ Aber er irrte sich: ohne ein Wort zu sagen, legte ihm dieser den ganzen Rückenteil eines am Spieß gebratenen Kalbes samt den Nieren auf den Teller. Und was für eines Kalbes!
„Es hat zwei Jahre lang nichts wie Milch bekommen,“ sagte der Hausherr. „Ich hab’s gepflegt wie mein eigenes Kind.“
„Ich kann nicht mehr!“ stöhnte Tschitschikow.
„Kosten Sie mal erst, und dann sagen Sie: ich kann nicht mehr!“
„Es geht nicht mehr rein! Ich hab’ keinen Platz mehr im Magen.“
„In der Kirche war auch kein Platz mehr, da kam der Polizeimeister und sieh da, es fand sich doch noch ein Plätzchen. Dabei war ein solches Gedränge, daß kein Apfel zu Boden fallen konnte. Kosten Sie nur: dieses Stückchen — das ist auch ein Polizeimeister.“
Tschitschikow kostete, und in der Tat — das Stück hatte große Ähnlichkeit mit dem Polizeimeister, es fand sich richtig noch ein Platz, und doch schien sein Magen schon bis oben voll zu sein.
„So ein Mensch darf nicht nach Petersburg oder Moskau fahren. Bei seiner Freigiebigkeit hat er in drei Jahren keinen Heller mehr!“ Er wußte noch nicht, daß man heute darin schon viel weiter ist: auch ohne allzu gastfrei zu sein, kann man dort sein Vermögen in drei Jahren — was sage ich in drei Jahren! — in drei Monaten durchbringen.
Unterdessen füllte der Hausherr die Gläser unentwegt nach; was die Gäste stehen ließen, das durften Alexascha und Nikolascha austrinken, die ein Glas nach dem andern hinter die Binde gossen; man konnte schon hier sehen, welches Gebiet menschlichen Wissens sie bei ihrer Ankunft in der Hauptstadt besonders pflegen würden. Die Gäste wußten kaum, wie ihnen geschah; sie schleppten sich nur mit Mühe auf den Balkon hinaus, um hier sogleich in einem Lehnstuhl zu sinken. Der Hausherr aber hatte kaum in dem seinen Platz genommen, als er sofort zurücksank und einschlief. Sein wohlbeleibtes Ich verwandelte sich in einen großen Blasebalg und ließ dem offenen Mund und den Nasenlöchern solche Töne entströmen, wie sie selbst unseren modernen Komponisten selten einzufallen pflegen: hier mischten sich Trommelwirbel mit Flötenklängen und kurzen abgebrochenen Lauten, die am meisten Ähnlichkeit mit Hundegebell hatten.
„Hören Sie, wie der pfeift?“ sagte Platonow.
Tschitschikow mußte lachen.
„Freilich; wenn man so ein Mittagessen hinter sich hat, woher soll da die Langeweile kommen? Da übermannt einen der Schlaf — nicht wahr? Ja. Sie entschuldigen doch, aber ich kann wirklich nicht verstehen, wie man schlechter Laune sein kann: dagegen gibt es doch so viele Mittel.“
„Und die wären?“
„Was kann ein junger Mann nicht alles anfangen? Tanzen, musizieren ... irgend ein Instrument spielen ... oder ... warum sollte er zum Beispiel nicht heiraten?“
„Wen nur?“
„Als ob es in der Umgegend keine hübschen reichen Mädchen gäbe!“
„Es gibt keine!“
„Nun, dann sieht man sich eben wo anders um. Man macht eine Reise“ ... Plötzlich fiel Tschitschikow eine großartige Idee ein. „Da haben Sie das beste Mittel gegen Trübsinn und Langeweile!“ sagte er, indem er Platonow in die Augen blickte.
„Was für eins?“
„Reisen.“
„Wohin soll man denn reisen?“
„Wenn Sie Zeit haben, dann kommen Sie doch mit mir,“ sagte Tschitschikow und dachte sich, während er Platonow betrachtete: „Das wäre fein. Er könnte die Hälfte der Ausgaben tragen, und die Wagenreparatur könnte er eigentlich allein übernehmen.“
„Und wohin fahren Sie?“
„Augenblicklich reise ich nicht so sehr in eigenen Angelegenheiten als im Interesse eines andern. General Betrischtschew ein naher Freund von mir, und ich darf wohl sagen mein Wohltäter hat mich gebeten, einige von seinen Verwandten zu besuchen ... Das mit den Verwandten ist natürlich sehr wichtig, aber eigentlich reise ich doch auch sozusagen zu meinem eigenen Vergnügen: denn die Welt kennen lernen, sich in den großen Strudel und Wirbel des Menschenvolks zu stürzen — man mag sagen was man will, das ist gewissermaßen ein lebendes Buch und auch eine Art Wissenschaft.“ Und während er dies sagte, dachte er sich: „Wirklich, es wäre fein. Er könnte sogar die ganzen Kosten tragen, am Ende könnten wir auch seine Pferde benutzen, unterdessen würden sich die meinigen auf seinem Gute ausruhen und ordentlich pflegen.“
„Warum sollte ich nicht eine kleine Reise wagen?“ dachte unterdessen Platonow. — „Zu Hause habe ich ohnedies nichts zu tun, für die Wirtschaft sorgt mein Bruder auch ohne mich; sie würde also nicht im mindesten unter meiner Abwesenheit leiden. Warum sollte ich also nicht mitreisen?“ — „Wären Sie unter Umständen bereit, etwa zwei Tage bei meinem Bruder zu Gaste zu bleiben?“ sagte er laut. „Sonst läßt mich mein Bruder nicht fort.“
„Aber mit dem größten Vergnügen. Meinetwegen sogar drei Tage.“
„Nun denn, also abgemacht. Wir fahren!“ sagte Platonow lebhaft.
Tschitschikow schlug ein. „Bravo. Wir fahren!“
„Wohin? Wohin?“ rief der Hausherr, der eben aus dem Schlafe erwacht war, und sie erstaunt anstarrte. — „Nein, liebe Herren, ich habe die Räder von Ihrem Wagen abnehmen lassen und Ihren Hengst haben wir fortgejagt, Platon Michailowitsch, der ist fünfzehn Werst weit von hier. Nein, heute müssen Sie schon die Nacht bei mir bleiben, morgen essen wir etwas früher zu Mittag, und dann mögt Ihr meinetwegen reisen.“
Was sollte man da machen? Man mußte sich schon zum Bleiben entschließen. Dafür wurden sie durch einen wundervollen Frühlingsabend schadlos gehalten. Der Hausherr gab ein Fest auf dem Flusse. Zwölf Ruderer mit vierundzwanzig Rudern führten sie unter frohen Gesängen über den spiegelglatten Rücken des Sees. Aus dem See gelangten sie in den Fluß, der sich in unabsehbare Ferne vor ihnen ausdehnte und überall von flachen Ufern begrenzt war. Sie mußten immerfort über Taue hinwegfahren, die quer durch den Fluß gezogen, und an denen Netze befestigt waren. Auch nicht eine Welle kräuselte die glatte Wasserfläche; ganz still und lautlos glitten die herrlichen Landschaftsbilder an ihnen vorüber, und dunkele Gehölze und Haine entzückten ihren Blick durch die mannigfache Anordnung und Gruppierung ihrer Bäume. In gleichmäßigem Takt legten sich die Bootsknechte in die Ruder; sie erhoben sie alle vierundzwanzig plötzlich wie ein Mann in die Höhe — und wie von selbst, einem leichten Vogel gleich, glitt der Kahn über den unbeweglichen Wasserspiegel dahin. Ein junger Bursche, ein starker breitschultriger Kerl, der dritte Mann vom Steuer, machte den Vorsänger und stimmte mit seiner reinen hellen Stimme, die aus einer Nachtigallenkehle zu kommen schien, ein Lied an, dann fielen fünf andre ein, sechs weitere lösten sie ab, und laut schwoll an und ergoß sich der Gesang: unendlich und grenzenlos, wie Rußland selbst. Sogar Petuch ließ sich manchmal fortreißen und unterstützte den Chor, wenn es ihm an Kraft fehlte, mit einem Ton, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Hühnergegacker hatte; ja sogar Tschitschikow hatte an diesem Abend das lebhafte Gefühl, daß er ein Russe sei. Nur Platonow dachte: „Was ist eigentlich schönes an diesem melancholischen Lied? Es stimmt einen nur noch trauriger, als man schon ist.“
Es fing schon an zu dämmern, als man zurückkehrte. Es wurde finster; die Ruder schlugen jetzt das Wasser, in dem sich der Himmel schon nicht mehr spiegelte. Als man am Ufer landete, war es bereits völlig dunkel. Überall waren Holzstöße angezündet, die Fischer kochten auf Dreifüßen eine Suppe aus lebendigen noch zappelnden Bärschen. Alles war schon zu Hause. Das Vieh und das Geflügel war schon lange in den Ställen, der Staub, den sie aufwirbelten, hatte sich gelegt, die Hirten standen an den Toren und warteten auf die Milchtöpfe und auf eine Einladung zur Fischsuppe. Das leise Gesumme der menschlichen Stimmen klang durch die Nacht, und fernes Hundegebell hallte aus einem Nachbardorf herüber. Der Mond ging eben auf und begann die dunkele Umgegend in sein Licht zu hüllen; bald lag alles hell erleuchtet da. Welch herrliches Bild! Aber es gab niemand, der sich daran erfreuen konnte. Statt sich auf ein paar feurige Hengste zu schwingen und im tollen Galopp um die Wette durch die Nacht zu jagen, saßen Nikolascha und Alexascha stumm da und dachten an Moskau, an die Café’s und Theater, von denen ihnen ein Kadett, der aus der Hauptstadt zu Besuch gekommen war, soviel vorerzählt hatte; ihr Vater dachte daran, wie er seine Gäste recht schön abfüttern könnte, und Platonow gähnte. Am lebhaftesten war noch Tschitschikow: „nein wirklich, ich muß mir auch einmal ein Gut kaufen!“ Und er sah sich schon im Geiste an der Seite eines strammen Weibchens, umringt von einer ganzen Schaar kleiner Tschitschikows.